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Full text of "Neue Bibelstudien"

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600004426U 




NEUE BIBELSTÜDIEN 



VON 



HERMANN GUSTAV HOELEMANN, 

DOCTOR DER THEOLOOIS UND PHILOSOPHIE, 
AO. PROFESSOR DER THEOLOOIS AN DER UNIVERSITAET LEIPZIG. 




LEIPZIG, 

VERLAG VON EBKST BREDT. 
1866. 



/^/. e . //^- 



!\ 



VORREDE. 

Die unsern früheren ;;BibeIstutfen'' (Abtlreil. I. 1859, Abth. 
IL 1860) hier folgenden „Neuen Bibelstudien" stehen durch- 
aus auf den dort in Wort und That ausgesprochenen Moti^ 
ven und Principien. 

Erzeugnisse freier selbstständiger Forschung gehen sie 
ihre eigenen^ von der grossen Heerstrasse zuweilen selbst 
durchkreuzton Wege, sowie auch ihre Ergebnisse weniger 
den angestrebten Zielen der augenblicklich herrschenden 
Schule zuneigen, als vielmehr den unsterblichen Chören der 
Ku'che und der Hebten Wolke ihrer Zeugen (Hebr. 12, 1) 
zustimmen, mit denen Nichts von alter und neuer Philoso- 
phie und Häresis an Grösse und Beständigkeit sich messen 
kann. Dennoch lag eine Bestätigung für die Richtigkeit der 
verfolgten Bahnen auch darin, dass die probehaltigen Funde 
der immer gebührend mitberücksichtigten neueren historisch- 
linguistischen Arbeiten nicht in Disharmonie dazu stehen, 
ebensowie dann unsere Resultate auch wieder diese bestärken. 

Ihn tragend wie auch von ihm wieder getragen durch- 
waltet auch diesen neuen Aufbau der Glaube an die abso- 
lute und durchgängige Wahrheit der heil. Schrift, den uns 
langjährige stille und amtliche Studien ebenso gefestigt und 
erhärtet haben, als gleichzeitige Lebenserfahrungen unter 
noch so widersprechenden Erscheinungen den Glauben an 
eine absolute und speciellste göttliche Vorsehung. In dem 
einen wie in dem andern Falle ist nur bedingter Glaube 
vielmehr Willkür, Schwankung und Hinfälligkeit. Glaube 
aber ist immer zugleich Liebe, ohne die es kein inneres 
achtes Interesse an der Wahrheit, dann aber auch keine 
wahre Befähigung für ihre Gewinnung und Behauptung giebt, 

ebensowenig als Poesie ohne Hingabe und Begeisterung. 

a* 



IV Vorrede. 

Dem unerschütterÜGhen Glauben an die Identität von 
Schrift und Offenbarung steht, ausser nackter Leugnung, 
gegenüber die nur wenig verschämtere, vielmehr wieder laut 
und immer lauter werdende Annahme von Offenbarung in 
der Schrift, wodurch die geweihten Hallen der letzteren zu 
einem Laboratorium der Chemie, ja zu einem wüsten Meeting 
gemacht, die Bestimmung deaften, was Gottes Wort ist, ebenso 
unprotestantisch wie acatholis^ch an Majoritäten überlassen, 
das Göttliche menschlichem Geschmack und Gericht, zuletzt 
aber dem Gutdünken jeglicher Subjectivität unterworfen wird. 
Wollte man übrigens im Ernst die spruchfähigen Gottes- 
gelehrten aller Zeiten von Anfang an hören und immerhin 
zählen, sie würden auch wirklich die Majorität auf Seiten 
der Wahrheit des Glaubens darstellen. 

Wie gering er aber auch hienieden geachtet seyn möge, 
dennoch gedenken wir an den getreuen Ritterdienst einer rück- 
und vorbehaltlosen Vertheidigung der Schriftmajestät und der 
mit ihr angegriffenen Krone unseres ewigen Herrn und Kö- 
nigs auch forthin, so Gott dazu Gnade giebt, Zeit, Kjraft, 
Ehre, Glück und Leben zu setzen. 

Es war eine vielleicht wohlwollende Stimme aus Heidel- 
berg , die mit Anerkennung von Liebe, Sorgfalt und Scharf- 
sinn, jedoch ohne sich der Resultate solcher Prämissen zu 
erfreuen, uns Muth und Freiheit empfahl. Wer aber, so 
er auch die ganze Welt gewönne, könnte „Muth" haben zu 
streiten wider Gott (Act. 5, 39) und sein „siebenmal durch- 
läutertem Silber" gleiches (Ps. 12, 7), geschweige erst jetzt 
von Menschen zu läuterndes, vielmehr längst tausend- und 
abertausendmal erprobtes und über alle titanische Anläufe 
je und je obsiegendes heiliges Wort? Und wo ist „Frei- 
heit" ohne, ja wider den Sohn, der da „recht frei macht" 
(Joh. 8, 36. Gal. 5, 1) , frei auch von jüdisch-cabbalistischem 
Buchstaben- Servilismus wie von hellenischem Geistes-Liberti- 
nismus? Mit seinem hohen Apostel „können wir nichts wider 
die Wahrheit, sondern für die Wahrheit'^ (2 Cor. 13, 8). Diese 
aber giebt uns dann auch „Muth und Freiheit" zu der so 



Vorrede. Y 

dringenden und doch so wenig Tertretenen grade entgegen- 
gesetzten Anfgabe; au ;;frei-iui4biger''' Critik über die ebenso 
unberufene als den Weinberg des Herrn zerwühlende Schrift- 
critik, der wir nach zwei Seiten mit der polarisch - einheit- 
lichen Loosung widerstehen: Iläaa yqcc(/^ &e6nv$vaTog 
(2 Tim. 3, 16) und /ir^ in ig o yiyQanrai (1 Cor. 4, 6). 

Wohl erfordert die reine und klare Durchführung dieses 
Grundsatzes einen Adlerblick und geübte Sinne fUr das Grosse 
und das Kleinste ; vor allem auch Vertrautheit mit den Hö- 
hen und Tiefen dieses heiligen Gebirgslandes. Wir fUhlen 
uns sehr fern von diesem Ideal eines gleichmässigen Um-^ 
Auf- und Einblicks; wie ihn annähernd ^ doch nicht unge- 
trübt; etwa ein Joh. Albb. Bengel hatte. Wäi*e es aber 
auch nur die Beobachtung mit der LoupO; die jener Recen- 
sent dem Verfasser nachsagte ; es wäre doch schon etwas, 
zumal das grade die Devise der heutigen Naturwissenschaft 
ist, die mit der Bibelwissenschaft; neben andern Analogieeu; 
auch darin solidarische Gemeinschaft hat, dass beide es mit 
immer tieferer Erkenntniss von etwas Gegebenem und Ge- 
setztem; eines schöpferischen faü accompli, zu thun haben; 
das nicht erst durch Critik zu erschaffen und herzustellen ist 
Und ist es nicht auch in der That die beste Apologie; eben 
durch das Microscop; also auch im Allerkleinsten, vollkom- 
men erfunden zu werden? ;;Möge man an dieser Einzelheit 
erkennen — schloss ohnlängst schön und wahr eine Beweis- 
führung der Evang. KZ. (1866 N. 42 Sp. 499) — wie die 
Anstösse an dem Worte GotteS; unserer einzigen Leuchte auf 
dem dunkeln WegO; den wir jetzt geführt werden, überall 
nur auf der Oberfläche liegen; wie sie bei microscopischer 
Beobachtung sofort schwinden; wie das Buch der Worte 
Gottes mit dem Buche der Werke das gemein hat; dasS; je 
schärfer die Beobachtung ist, um so mehr die Harmonie und 
Planmässigkeit hervortritt, während rein menschliche Werke 
bei geschärfter Untersuchung die ünvollkommenheit offen- 
baren, die hinter der Vortrefflichkeit verborgen ist." 

Warum ist das noch nicht überall anerkannt? Warum 



VI Vorrede. 

erhebt sich dawider eine so tief- wie kühn vorgehende und 
zerrüttende Zweifelsucht in Hörsälen und" Literatur der Theo- 
logie, und von da aus mehr und mehr auch schon mitten 
im Volksleben? Den tiefsten diesseitigen Grund dieses schwe- 
ren Unheils sehen wir nicht in den Aexten und Sicheln der 
Straüss, Renan und Schenkel, gegen welche noch zu zeu- 
gen weder ein Bedürfniss noch eine That der Stärke und 
Tapferkeit ist, die übrigens auch gar nicht mehr im Ernst 
auf. Theologie ausgehen und Anspruch machen dürfen. Jenes 
erstickende, wuchernde, landüberziehende Kraut oder Unkraut 
erwächst vielmehr den üppig ausgestreuten Samenkörnern 
einer sogenannten „neueren" oder „modernen Theo- 
logie", — ein Name der Prätension wie der Lossagung 
von der wahren d. i. öcumenisch-stetigen und durch alle Jahr- 
hunderte organisch-einheitlichen Theologie, da wir dem eigent- 
lichen Wesen derselben sogar erst in dem Maasse näher und 
näher treten, als wir in die Zeiten der grossen Thaten Got- 
tes selbst, also in die Vergangenheit zurückgehen. Denn nur 
etwa die jüngsten wirklichen Triebe dieser uralten und im- 
mergrünen Theologie die „neuere Theologie" zu nennen, wäre i 
in der That ebenso falsch, als die äussersten Zweige eines 
Baumes den neueren Baum zu heissen. Doch es will auch 
diese neuere Theologie etwas h part seyn, und. ein ganz 
neues und solidarisches System bilden mit übrigens sehr 
dehnbaren Maschen, weshalb von ihr auch nur principiell, j 
nicht von allen ihren Erscheinungsformen und Modificationen i 
höheren und niederen Grades und Ranges hier die Rede seyn ! 
kann. Und doch ist weder sie selbst, noch auch sogar ihr 
Name wirklich etwas Neues, so dass sie nach beiden Hin- 
sichten nur einen neuen Beleg des alten Wortes bildet: „es 
ist gar nichts Neues unter der Sonne" (Pred. Sal. 1, 9). Denn 
schon Semler hat diesen Namen für seine Theologie ge- 
, braucht, somit ist er mit dem Verwelken derselben sogar 
längst verbraucht. Damals war eben der Rationalismus vulgaris 
die neue Theologie. Oder will etwa unsere „neuere Theologie" 
Rationalismus redivivus seyn? Das will sie schlechterdings 



Vorrede. VII 

nicht; aber sie ist cb, und hat ob durch die Wahl ihrcB Na- 
mens, wie einst Caij^as unwissentlich weissagte (Joh. 11; 51); 
wider Willen auch selbst ausgesprochen. £s ist ein Irrthuni; 
dem Rationalismus ein Princip beizulegen; hätte er daS; er 
könnte nicht mit der Zeit wechseln, erstorben scheinen und 
dennoch; wenn auch immer nur mit gespenstigem Schein- 
leben; wiedererscheinen. Das Wesen des Bationalismus ist 
vielmehr ein blosser Reflex und Schemen, eine temporäre 
Anschauungsweise, eine subjective Auffassung (ratio) ^ und 
zwar auf theologischem Gebiet diejenige des göttlichen Wor- 
tes; wie sie nicht aus diesem selbst und reiu; sondern aus 
der jedesmaligen Bildung des Zeitalters resultirt; nicht anders 
als die ;;Mode^^ in Kleidung, Architectur; Literatur und an- 
dern conventioneilen Lebenssphären. Die sich da nothwendig 
von Zeit zu Zeit häutende „moderne" Theologie ist demnach 
nur Theologia aaecult und damit auch aaecvlaris^ solch eine 
weltliche und zeitliche Theologie aber ein sich selbst auf- 
hebender Begriflf, so wahr Gott und Welt; Zeit und Ewig- 
keit die äussersten aller Gegensätze bilden. Einzelne zufal- 
lige Entlehnungen aus dem Ewigen und Göttlichen ihres 
Objects, die sie niemals sich wahrhaft assimiliren kann, 
alteriren ihren subjectiven, zeitlichen und irdischen Character 
nimmermehr, weshalb sie auch des nur consequenteren Mate- 
rialismus trotz aller Anstrengungen und Prorteste sich nicht 
erwehren kann. '0 äv hx rtjg yijg ix rijg yijg hari^ xal kx 
riig yijg la?^^ Joh. 3, 31. Ist aber das Reich des Herrn 
selbst nicht von dieser Welt (Joh. 18, 36); wie dürfte es die 
Wissenschaft dieses Reiches seyn? Je mehr die Theologie, 
welche ausschliesslich tCus dem hochgeborenen Worte Gottes 
ihren Ursprung und Zufluss, wie ihr Maas und Ziel hat; in 
die Exegese dieses Wortes, in ihre Dogmatik und Ethik 
von Wehwissenschaften und Zeitmeinungen aufnimmt; um 
so mehr versetzt sie sich mit heterogenen Elementen, da- 
durch aber in eine ungesunde und verhängnissvolle Gährung, 
Und doch strömt ihr göttlicher Lebensquell so reich und voll, 
dass sie ihn nimmer ausschöpft; jene fremden Wasser aber 



vm Vorrede. 

werden ihn nie verstärken ^ sie können ihn nur schwächen 
und entadeln. Am wenigsten dürfen neue Jahrhunderte etwas 
Neues von und in der Theologie fordern; ihr Heil, und mit 
ihm das jedes neuen Jahrhunderts, liegt nun einmal und fiir 
immer in der gesegneten biblischen Urzeit selbst, von wo auch 
die Reformation keinen Fortschritt, wohin sie nur einfache 
Rückkehr wollte. Denn die älteste Lehre ist auch die lau- 
terste und frischeste, und die neueste Theologie kann sie 
nie verbessern. Jene ewige Crystallquelle mit Zeitgeist ver- 
setzen, muss ja vielmehr eine „trunkene" Theologie erzeu- 
gen. Wir können uns keine neue Erde, geschweige einen 
neuen Himmel erschaffen; und auch die Theologie kann 
nichts weiter, als die von dort Oben enthüllte Lichtwelt mit 
immer schärfer geschliffenen Telescopen erforschen, womit 
ihr an dem alten und ewigen Hinunelszelt wohl auch neue Ge- 
stirne aufgehen und die Milchstrasse in Myriaden Sterne sich 
erschliesst, seine Tiefen aber auch dann immer noch gleich 
unermesslich und unerforschlich sich ausdehnen werden in 
das Unendliche. Durch gläubiges gründliches Studium muss 
sie daran sich begnügen, zu in- und extensiv immer wach- 
sender Einheit und Durchdrungenheit mit dem ewigen Evan- 
gelium hinanzustreben: das ist ihr Leben, ihr Wachsthum 
und ihr Segen. 

Jene neuere Theologie ist also nichts weiter als neuer 
Rationalismus, das Product religiöser und geschichtlicher 
Stagnation, wissenschaftlicher Ueppigkeit und armseliger Eitel- 
keit ; und ihre Berechtigung gründet sie selbst nicht auf das 
ewige Recht der göttlichen Offenbarung, des heiligen Schrift- 
wortes, dem sie vielmehr critisch gegenübersteht, sondern, 
wie seiner Zeit der alte Rationalismus auch, auf die all- 
gemeine Bildungsstufe ihrer Zeit, zumal auf die von der wech- 
selnden Zeit geschaukelte Naturwissenschaft und deren Basis 
die Geologie, wie auf die nicht weniger hin und her gau- 
kelnde Seelenkunde, wonach sie also mehr Eosmo- und 
Psychologie als Theologie ist. Mit der Berufung und Stützung 
hierauf ist sie aber auch schon gerichtet. Alles ausser Gott 



Vorrede. IX 

Bestellende hat nur auf seinen Grundlagen Bestand; zeit- 
liche Grundlagen mögen nicht Ewiges tragen. Was die 
Zeit geboren hat; erstirbt mit ihr, und was von Erde ge- 
nommen ist; soll wieder zu Erde werden. Oder bildet etwa 
die gesammte Cultur unserer Zeit eine Ausnahme von 
diesem tragischen Weltgesetz? Ist sie so hocherhaben und 
absolut;' dass man ihr das urfeste und uralte Gotteswort und 
sein urgültiges Verständniss unterzuordnen, und aus dem Re- 
flex dieses Verhältnisses eine „neue Theologie" hervorgehen 
zu lassen befugt und berufen wäre? Unterlassen Mrir ein 
näheres Eingehen auf die gepriesenen Vorzüge und Tugen- 
den dieser Zeit und ihrer Bildung: bricht nicht all ihr 
Stolz und Buhm schon unter der einen > mit grossem Bei- 
fall auch zur Theorie erhobenen; Thatsache zusammen; dass 
,;Macht vor Recht geht"; — eine Zurückwerfung um Jahr- 
hunderte; ja eine Hinwegnahme jeder Basis gesitteten Le- 
bens! Sagen wir vielmehr umkehrend: statt dass sich Got- 
tes Wort irgend einer Zeitcultur unterstellen müsste, ist es 
vielmehr ihr stetes Gericht und ewiges Ideal; wonach alle 
wahrhafte Bildung in allen ihren Verzweigungen sich ge- 
stalten soll. Was darüber ist; das ist vom Uebel; vielleicht 
noch mehr als was darunter ist. Dieses von Gott selbst 
unsern Augen vorgehaltene und mitten unter uns hineinge- 
stellte Ideal der Bildung des Menschen zum ;;Menschen Got- 
tes" (1 Tim 6; 11. 2 T. 3; 17) behütet durch seine fest und 
fein gezogenen Normen ebenso vor Barbarei und Bestialität 
wie vor dem Raffinement einer Uebercultur, die schon wie- 
der nach jener hin rotirt. Mü8B;te doch; wenn die Theo- 
logie sich der Zeitbildung zu accommodiren hätte; mit Verwil- 
derung der Zeit auch die Theologie verwildern, und über- 
haupt der Mentor als sein eignes Gesetz die Lust und Laune 
seines Zöglings studiren und befolgen! Selbst der Welt, 
mit der man so buhlt; erscheint das als ,;Verkehrte Welt."' 
Und hier gilt es Ueberweltliches , das von der Welt aus ge- 
regelt. Göttliches; das von Menschenwitz gegängelt wer- 
den soll! 



X Vorrede. 

Ein Sciav von Raum und Zeit, der Spanne seiner Zeit, 
ist denn auch dieser feinere und vornehmere Neu-Rationalis- 
mus doch nur Fleisch, und awar Fleisch vom Fleisch des 
alten Vulgär - Rationalismus , wenn auch weniger Gebein von 
seinem Gebein. Blendete dieser mit „Vernunft und Aufklä- 
rung'^ — erstere ein wächserner ZeitbegrifF, letztere nun 
schon längst verrufen — , so ist das Schlag- und Stichwort 
des Neu-Rationalismus „Wissenschaft", — doch nicht in er- 
ster Linie, wie man, da der Brunnquell aller Theologie 
Schriftexegese ist, glauben sollte, die Sprach- und Geschichts- 
wissenschaft, denn grade bei der ohnstreitig gestiegenen Lin- 
guistik und im Licht der neu aufgegrabenen historischen Mo- 
numente kommt nicht eben viel Anderes zu Tage als die 
sogar oft dadurch noch mehr bekräftigte alte Theologie. 
Die Bann- und Zauberworte modemer Theologie sind viel- 
mehr „Critik und Speculation." Diese beiden vereint wis- 
sen jene alte Theologie grade so herzurichten, wie zur Zeit 
des Vulgär- Rationalismus der Pädagog Dinter den alten 
Catechismus für die Schule durch seinen „Erklärenden und 
ergänzenden Auszug aus dem Dresdner Catechismus."* 
Den „Auszug" aus der alten Theologie, wie auch schon ein 
Stück der „Erklärung", übernimmt jetzt die Critik, indem 
sie den Canon unter Censur stellt und das ihr Unverständ- 
liche und Missfilllige streicht, die Unächtheit ganzer Bücher, 
nicht ohne damit zugleich moralische Schatten auf die Lau- 
terkeit ihrer Verfasser zu werfen, decretirt, und als höhere 
Critik auch noch in dem heiligen Ueberreste — Enantiopha- 
nieen aufspürend und deren immer etwas tiefer liegende Lösung 
gar nicht mögend, vielmehr als „Harmonistik" missachtend — 
kurzer Hand reformirt und secirt, wohl auch aus den also 



* Characteristisch war da schon „Einleitung" §.1: „In mir 
selbst ist ein Gesetz, das mir sagt, dies sollst du, jenes sollst du 
nicht" — sodann „Erstes Hauptstück" §.36: „Vernunft und Bibel 
gebieten uns gewisse Gesinnungen gegen Gott, gewisse Pflichten ge- 
gen Andere, und weise Sorgfalt für unsere eigne Vervollkommnung 
und Wohlfahrt" u. s. w. — 



Vorrede. XI 

zergliederten Evangelien einen ganz neuen Leib; ein Urevan- 
geliuni; herzustellen unternimmt ^ ohne jedoch ihm wieder 
Leben einhauchen oder, wegen gegenseitigen Widerspruchs 
(nicht der Evangelien, sondern nun ihrer modernen Diaskeu- 
asten); auch nur die äussere Construetion wirklich zu Stande 
bringen zu können. Was nach diesen Resectionen und Re- 
fectionen noch übrig bleibt von biblischer Substanz, das un- 
terliegt hierauf noch der weiter ;,erklärenden und ergänzen- 
den'' Plastik der Spoculation, welcher sich, zumal nach 
jenen ent schränkenden Prämissen, nun ein unbegrenztes Feld 
vor allem in der Dogmatik öffnet Mit solchen Mitteln kann 
das „starre'' Objective schon „flüssig" und geniessbar ge- 
macht werden für und durch Subjeclivität, diesen alten Frei- 
brief des Rationalismus und Fanatismus, welche, obschon 
ein feindliches Brüderpaar, doch ihre Verwandtschaft darin 
beurkunden , dass sie beiderseits des objectiven Wunders und 
der normativen Prophetie der Schrift, dieses gepaarten Le- 
bensnervs aller positiven Offenbarung, sich gern entledigen 
und leicht entschlagen: wie denn eben Wunder und Weis- 
sagungen auch fUr die moderne Theologie, nach ihrer Zwitter- 
stellung zwischen dem lebendigen Gott und Baal d/ i. zwischen 
Theismus und Pantheismus, keine specifischen, übernatürlichen 
und göttlichen, sondern nur „organisch vermittelt", d. h. im 
Diesseit wurzelnde Erscheinungen und menschlich ressortirende 
Vorgänge sind. Denn die „neuere Theologie" hat ja noth- 
wendig auch einen neueren Gott, damit aber in gleicher Con- 
sequenz auch eine neuere Moral und eine neuere Erlösung, 
ja ganz folgerecht auch überhaupt eine neuere Religion, die 
eben nach ihren subjectiven Fundamenten wesentlich nichts 
anderes seyn kann als die uralte Naturreligion mit ihren 
vorläufig noch geistigen Götzenbildern. Das Verfahren dieser 
modernen Theologie bei ihrem Vorgehen selbst ist übrigens 
fest und glatt, fortäer in re, suavüer in modo, * 

* Die Humanität dieser humanistischen Theologie freilich auch 
zuweilen in etwas caustisch- humoristischer und kaum unbewusst 
carikirender Weise. Wir gedenken da z. B. der Urbanität, Beschei- 



XII Vorrede. 

Und doch fuhrt wenigstens die sogen, „gläubige neuere 
Theologie" (wie diese denn überhaupt ein ziemlich disparates 
Conglomerat nuancirt-negativerßtandpuncte bildet, S. vi) auch 
ein sehr positives Moment im Munde, wodurch sie über den alten 
rohen ßationalismus vulgaris mit seiner Nacktheit unendlich 
erhaben scheint. Sie nennt wirklich, ja sie betont Christum. 
Doch wissen wir aus Dessen eignem Munde^ dass sich grade 
an Seinen Namen auch der grösste und verderblichste Miss- 
brauch und Betrug heften würde. „Dann so jemand euch 
sagte: „„siehe da ist Christus, oder da!"" glaubet es nicht! 
Denn es werden aufstehn After-Christi und After-Propheten 
und werden geben grosse Zeichen und Wunder, so dass sie 
irreführten, wo möglich, auch die Auserwählten." (Matth. 24, 
23 f.) Je t z t ist es aber keine Creatur Gottes, sondern ein Ge- 
mächt der Menschenkinder, ein subjectives Idol, welches auf 
den Thron des Sohnes Gottes, mit dessen Menschheit sie aus- 
schliesslich „Ernst machen" wollen, vor unsern Augen erhoben 
wird, indem man statt des Christus, welcher (historisch) „ge- 
worden ist zur Weisheit uns von Gott und zur Gerechtigkeit 
und zur Heiligung und zur Erlösung" (1 Cor. 1,30), und dessen 
Züge allein in den verschmähten Evangelien uns treu erhal- 
ten sind, speculativ d. h. aus „dem Dichten des mensch- 
lichen Herzens, das böse ist von Jugend auf" (Gen. 8, 21), auch 
einen neueren „Christus" hervorgehen lässt, und den Christus 
für uns angeblich zu einem Christus in uns, richtiger aber 



denheit und Toleranz, womit einer ihrer Wortführer letzthin die Ver- 
treter der „alten Theologie" characterisiren und beiläufig etwas discre- 
ditiren wollte. „Es sind gleichsam die Ureinwohner eines Landstriches, 
der mit der Zeit einem civilisirten Reiche einverleibt wurde, neben 
dessen gesitteten und gebildeten Bürgern sie ein banausisches 
Daseyn und eine verwilderte Rede führen, auf die Niemand 
mehr achtet." (H. Holtzmann in Schenkels „allg. kirchl. Zeitschr." 
1866, I. S. 42.) Man beachte wohl, wie diese moderne Theologie, 
zugleich auch mit einem moralischen Selbstzeugniss , hier nicht 
nur sich als die allein berechtigte Herrin, sondern auch die Kluft, 
welche sie von der „alten" stetigen Theologie! scheidet und trennt, 
als eine ezclusiv - absolute selbst darstellt. Dasselbe, und fast noch 
stärker, von einer anderen Stimme nachher S. xv f. 



Vorredo. XUI 

auB uns macht. Von dem so „vermenschlichten*^ Christus- 
bilde aus will man sodann weiter das Bekenntniss der Apo- 
stel reformiren; und im Gegensatz zu diesen seinen Botschaf- 
tern (2 Cor. 5, 20), von denen Christus Selbst feierlich ver- 
sichert hat: „wer euch höret, der höret Mich, und wer euch 
verwirft, der verwirft Mich, wer aber Mich verwirft, |der ver- 
wirft Den, der Mich gesandt hat^^ (Luc. 10, 16), trotz alledem 
und im Namen Christi Selbst ein neues Bekenntniss formu- 
liren, welches aber ebenfalls schon im voraus wieder aus- 
drücklich verworfen ist als das einer durch solche gegen- 
sätzliche Ausschliesslichkeit häretischen „Christus- Partei^' 
(1 Cor. 1, 12 f.). Man wendet eben den Heiligen nur vor, um 
die nach dem Schriftganzen ausgestattete Lehre zu entwer« 
then und bis zur Identität mit der eignen dogmatischen Ver- 
kommenheit und Verschrobenheit zu verstümmeln, Ihn zu 
trennen von der Einheit mit seinen erwählten Zeugen, an 
die man ja dann auch nicht mehr gebunden ist, und — des 
Menschen Sohn wird verrathen mit einem Kuss. (S. 281.) 

Der Werth dieser sinneverwirrenden neuen Form des Un- 
glaubens in wissenschaftlichem Gewände ergiebt sich denn 
auch bereits mehr und mehr daraus, dass die Resultate der 
modernen Theologie meist nur Auflösung im Leichengepränge 
und ein Verduften in Fragen darstellen, wie sie auch 
schon äusserlich nach und nach alles eben nur in das Sta- 
dium der Frage zu rücken weiss, so dass wir in der theolo- 
gischen Literatur des Tages überall Fragen begegnen: bald 
ist es die Evangelienfrage, weiter die synoptische, die johan- 
neische Frage, die petrinische Frage, Fragen ohne Ende, aber 
ohne Antwort und höchstens mit einander widersprechenden 
Antworten ohne Genüge. Wie kann es aber auch anders kom- 
men, wenn man den Grund seines Lebens und den Zusammen- 
hang mit dessen Genesis verleugnet oder doch mindestens eben 
auch in Frage stellt, und so den Boden unter sich aufgiebt und 
damit auch vrirklich verliert, — ein Verkommen inmitten der 
Fülle. .Denn bald wird man von der christologischen Frage 
weiter „fortschreiten" zur Gottesfrage und zur Seelenfrage, 



XIV Vorrede. 

•und auf dieser abschüssigen Bahn beim Atheismus und Ma- 
terialismus anlangen. — Näher angesehen, bekennt man übri- 
gens diese schwebende Halbheit sogar auch selbst durch das 
fernere insinuantePrädicamentals „Vermittlungstheologie^, die 
nach dem Gesetz der Schwere wohl Etliche zu sich herun- 
terziehen mag, wie Beispiele zeigen, aber noch Niemand zu 
wirkhchem wahren Glauben d. h. über sie selbst hat hinauf- 
heben können. 

Oder hofft man von diesem Neu -Rationalismus etwa 
schmackhaftere und gesündere Früchte für das Volk und sein 
Leben zu ernten als vom alten Vulgär-Rationalismus, dessen 
Herlinge die Väter gegessen haben, davon uns noch die Zähne 
stumpf sind? (Jer. 31, 29.) Muss man bei solcher Mesalliance 
der Gottesgelahrtheit mit Menscbenkünsten nicht vielmehr daran 
denken, wovon nachher unser III. Artikel (S. 112 ff.) handelt, 
als „die Gottessöhne sahen die Menschentöchter, dass 
schön sie waren, und nahmen sich Weiber aus allen, welche 
sie erkoren"? Die Frucht aber dieser Greuel -Ehen sind 
jene greulichen „Hünen" gewesen, von denen nur eine Sund- 
fluth die Erde wieder rein waschen konnte! Wenigstens 
droht uns von jener menschenverbuhlten modernen Theologie, 
noch ausser dem Bankrott an unserem geistUchen Besitz, auch 
eine habituelle Verderbung des Geistes und Herzens, eine 
schillernde und entsittlichende Doppelsichtigkeit des Auges 
für Erkenntniss der Wahrheit überhaupt und ihr Thun. Möge 
,nur, und wir hoffen es, das noch naturwüchsige Volk dieses» 
ungreifbare und doch Blut und Leben aussaugende Gespenst 
von sich stossen und sich fem halten! 

Schlichte, arglose Leser werden erstaunt nach Beweisen 
fragen für die Treue dieser Umrisse einer unser ganzes Zeit- 
alter mehr und mehr umziehenden und umspinnenden Er- 
scheinung. Einen urkundlichen Beleg ihrer Dogmatik und 
Ethik zugleich aus einem der eignen Organe dieser neuen 
Theologie — eine Illustration von 2 Tim. 2, 17 6 koyog ab- 
TMP (og ydyyQaiva vofifjv ^|£^ — finden sie unten S. 234, und 
hätte sich da ein Einzelner im Eifer der Bethätigung viel- 



Vorrede. XV 

leicht etwas zu weit vorgewagt; um so endgültiger ist die 
ausdrückliche Selbstcharacteristik in dem andern ihrer Haupt- 
Organe, „Theologische Studien und Critiken" 1866. I. S. 102 
— 125, unter der Ueberschrift: »Die Principien der 
modernen Theologie," von H. Weiss.* 



♦ Seit ScuLKiKBMAcuBR datircud (S. 102. 120), nenne sie eich yai 
^fo^i^V Wissen Schaft. „Die Wissenschaft fordert nun aber gemäss 
ihrem Principe, dem reinen Selbstbewusstseyn, dass ihr 
Object als die Wahrheit in Uebcrcinstimmung mit den Grundge- 
setzen des menschlichen Geistes erkannt und dargestellt 
werde^^ (S. 110). „Der zum Bewusstseyn seiner selbst gekommene 
Menschengeist wolle auch in der an ihn ergangenen Off enbarung sein 
eignes Wesen wiedererkennen, weil dieselbe sonst für ihn keine 
Wahrheit hatte** (S. 122). [Ist das etwas anderes als der ins Gewand 
der Zeit gekleidete; alte Adam des Kationalismus? Oder wo ist da 
eine Faser vom Evangelium V] — „Es würde überhaupt für das moderne 
Bewusstseyn eine eigentlich wissenschaftliche Beschäftigung mit 
der h. Schriit gar nicht mehr geben, wenn die alte Theologie 
und ihrer Vorstellung von derselben Recht hatte" [also, wie oben 
S. XII, mit dieser ein Krieg auf Leben und Tod !] — wobei der mensch- 
liche Geist „sich schlechthin nur passiv auffassend und höchstens 
rein formal selbstthätig zu der h. Schrift zu verhalten hatte" (S. 112) 
[sonach das Verhältniss der „alten Theologie" zur h. Schrift nur grade 
80 wie das der Naturwissenschaft zur Natur, was die neuere Theolo- 
gie unwissenschaftlich findet, s. ob. S. v]. Die moderne Theologie 
fordert vielmehr eine „c r i t i s c h e Auffassung der Offenbarungsurkun- 
den", und danach auch noch eine zweite, „dogmatischeCritik 
der urkundlich gesicherten Thatsachen und Lehren" — mit Ab- 
streifung der blossen Erscheinungsformen (S. 114), wozu sie „ebenso 
berechtigt als nothwendig veranlasst ist, um sie [die geoffenbarte Wahr* 
heit] in derjenigen Form darzustellen, welche in Uebereinstimmung 
mit den erkannten [?] Grundgesetzen des menschlichen Geistes und 
mit den anderweitig gewonnenen sicheren [?] Besultaten der Wis- 
senschaft allein dem gegenwärtigen [!] Bewusstseyn entspricht** 
(S. 117). [Ist nicht das alles der haare Rationalismus vulg., nur einfach 
und wörtlich in die Phrasen der Gegenwart übersetzt V Oder was bleibt 
da noch übrig von wirklicher d. h. eben übermenschlicher Offenba- 
rung?] Irrthumsfrei ist auch hier [wie unten S. 234] selbst nicht der 
Herr Jesus Christus. Für ihn „waren z. B. die Dämonischen wirkliche 
Besessene, während wir sie für Geisteskranke erkennen" [S. 117 — 
sind die „Besessenen" etwa Gesunde?],— das waren „Schranken seines 
Wissens", an die wir nicht mehr gebunden sind, „weil sie für den 
Herrn mit seiner Erhöhung wegfielen" (S. 118). [Was aber weiss diese 
neuere Theologie von einer „Erhöhung des Herrn", da ihr seine Him- 



XVI Vorrede. 

Nach solchen authentischen Selbsterklärungen über ihr 
eignes innerstes Wesen aber und nach solchen in natura dar- 
gebotenen Früchten ist diese moderne Theologie eben nichts 
anderes als der alte Vulgär-Rationalismus in modernem Aufputz, 
ein Compromiss zwischen Gott und Welt, Natur und Gnade; ihr 
ganzer Standpunct ihrem Object nicht homogen^ vielmehr voraus- 
setzungsvoll und darum unwissenschaftlich ; ihre Vergeistigung 
spiritualistischer Zeitgeist; ihre Freiheit unter dem Banne des 
Naturalismus: daher ihr Verhältniss zur übernatürlichen Of- 
fenbarung Verständnisslosigkeit für dieselbe; deshalb Leug< 
nung ihrer Wirklichkeit und Möglichkeit ; ihre Flüssigmachung 
des Dogma Auflösung und Verduftung , und selbst auch ihre 
dem Glauben substituirte Ethik nicht wesentlich verschieden 
von natürlicher und philosophischer Moral, nur minder wahrhaft 
und selbst an dem Herrn Jesus verleumderisch den Jesuitismus 
verherrlichend (s. unt. S. 234) ; darum auch ihr Pathos taube 
Blüthe und entkernte Hülse, wenn nicht Mutterkorn; ihre 
ganze organische Construction aber Desorganisation der Schrift 
und Kirche, und als System überhaupt Irrthum von der Wur- 
zel aus und verderblich bis zur Spitze. — Oix kcriv cevrf] 
7} cocpia ävcD&ev xarBg^Ofiivti j äXK iTilyetog, yjvxi^xr^y Saifio- 
vuiSrjg. (Jac. 3, 15.) 

Es war uns keine Freude, dieses offene Zeugniss wider 
eine weitverbreitete theologische Richtung hier abzulegen; wir 
thun es, nicht sowohl in persönlicher Abwehr als eingedenk 



melfahrt „eine kaum genug beglaubigte Thatsache ist" (S. 118), ebenso- 
wie es auch „keine persönliche Präexistenz desselben" gegeben hat 
(S. 119)? „Manches dagegen, was den ganzen Bereich diesseitiger 
menschlicher Erfahrung und Anschauung übersteigt, was aber doch 
noch zum Inhalt der in der Schrift mitgetheilten Offenbarung und 
des allgemeinen christlichen Glaubens gehört," — erklärt diese moderne 
Qottesgelahrtheit gar nicht mehr in den Kreis ihrer streng wissen- 
schaftlichen Aussagen ziehen, sondern nur anhangsweise behan- 
deln zu können" (S. 125). Damit ist nun freilich das ganze ver- 
messene Princip in seiner Anwendung auf die Theologie der Offen- 
barung wieder verworfen, der Philosophenmantel thatsächlich als der 
christlichen Theologie inadäquat und für sie incompetent anerkannt, 
und — der moderne Faust seinem Mephistophcles verfallen. 



Vorrede. XVn 

der ernsten^ schweren und heiligen Verpflichtung evangelisch- 
theologischer Doctoren, mit der Pein eines friedsamen Her- 
zens über diese Nothwendigkeit und dem tiefen brennenden 
Schmerze, in diesem fruchtlosen; feindseligen Kampfe und 
Locken wider die Wahrheit so viele schöne und edle Kräfte 
sich aufreiben zu sehen. 

Dieser modernen Theologie gegenüber bekennen wir 
uns schlicht und einfach zu der Offenbarung; nicht als einer 
Bublimirten Natur ; sondern als specifischer und directer 
Stimme und Gabe vom Himmel; und ;;Schämen uns des 
Evangeliums nicht, denn eine Kraft Gottes ist es zur 
Seligkeit uns und allen die daran glauben^' (Rom. 1; 16). Diese 
in die sichtbare Welt hinein erschaffene unsichtbare Gnaden- 
chöpfung unter die erstere ordnen ; heisst das Licht unter 
den Scheffel stellen. Denn siC; die Offenbarung; ist norma 
normansj kann nicht normata seyn. Wohl zeichnet uns auch 
die erste Schöpfung ;;Gottes unsichtbares Wesen" (Rom. 1, 20) 
in deutsamen Hieroglyphen; aber die Offenbarung redet weiter 
davon in deutlichen Worten; welche die moderne Theologie 
wieder zu Hieroglyphen, ja noch, unter die Parabeln der 
Natur insofern herabsetzt; als sich diese nicht erst ex- und 
intensiv in einen critischen Schmelztiegel werfen lässt; son- 
dern aus sich heraus, wie sie eben ist; verstanden seyn will. 
Und eben wie in der Naturforschung erkennen wir auch in 
der Theologie spec. als Bibelforschung keinen Fortschritt 
durch Ab- und Hinzuthun (Deut. 4, 1 f. 13; 1. Apocal. 22; 18 f.), 
sondern nur durch immer tieferes Ergründen und Verbin- 
den. * Ihr aus der Welt und Weltwissenschaft; der sie viel- 
mehr ein Salz seyn soll; Gesetz und Kraft erholen wollen, 
ist ein Attentat auf die Theologie, würde sie mit uneben- 
bürtigen und fremden Potezen amalgamireu; ihre eigentliche 
Macht und Wirkung brechen; und die Königin der Wissen- 
schaftien zur Lehnsträgerin und Vasallin machen. Ihre Mi- 
nister; welche dahin transigireu; sind Traditoreu; um so feiger; 

* Nur „Wachsthum, geheimes Wachsthum , das ist Fortbildung 
der kirchlichen Lehre." Ev. KZ. 1866. N. 64. Sp. 764. Vergl. ob. S. vni. 

b 



xvin Vorrede. 

als nirgends eine zwingende physische Gewalt vor ihnen 
steht. Den Pegasus ins Joch spannen ^ den geflügelten an 
die Scholle und die Furche fesseln^ würden sie niedrig und 
gemein, hässlich und lächerlich heissen; und doch begehen 
sie eine viel schändlichere That , einen Verrath an Gott und 
Menschheit zugleich, da sie mit Vernichtung der specifischen 
Würde und Majestät des Evangeliums auch seine weltdurch- 
säuemde Wirkung neutralisiren. 

Und so denn festhaltend an der alten und zugleich 
christlich übersetzten y^incinrüpta ßdeanudaque v€rüa^^*y ha- 
ben wir auch in diesen Studien manches^ was sich in wissen- 
schaftlicher Maske ; aber ohne hochzeitliches Kleid einge- 
schlichen hat^ wieder hinausthun müssen aus dem Heiligen 
oder ihm doch eine nur dienende und tragende Caryatidenstel- 
lung an demselben angewiesen ^ anderes dagegen von den 
;,Landstrassen und Zäunen^' hereingerufen (Matth. 22, 12; 
Luc. 14, 23), haben es für wissenschaftlich erachtet, nach 
Bienenart auch in entlegnere Triften keinen Ausflug zu scheuen, 
wenn sie einigen Ertrag an würzigem Honig oder doch an 
Wachs zu neuen Zellen verhiessen. Beides fanden wir auch 
jetzt, wie schon früher, oft in der Einsamkeit der Vorzeit, 
unter den stillen Arbeiten der Väter, wo so viele Schätze 
frommen * treuen Fleisses und feinen soliden Sinnes aufgespei- 
chert liegen und wo auch selbst der Schliff der Formel, die- 
ser Stolz der Gegenwart, sich schon findet. In den Gruben 
und Halden der alten Exegese lagert fiir die gesteigerte 
neuere Scheidekunst noch gar viel unerhobenes edles Erz, 
Der Versuch zu Erfüllung der Aufgabe, so immer zugleich 
die Brücke mit der Vergangenheit und die wissenschaftliche 
Continuität zu unterhalten, wird freilich oft den unerquicklich- 
sten Theil der Forschung selbst wiederspiegeln und dies 
vielleicht auch für die Lecture wiederholen, wenn das auch 
nur die Genossen solcher metallurgischen Einfahrten und 
Hüttenarbeiten recht würdigen können. Dennoch wünschen 



* Ho rat. Odd. 1; 



Vorrede. XIX 

wir diese schickliche Rttckeicht auf die Vorgänger , wekhe 
auch der WissenBohaft erst Stetigkeit, Vollkommenheit und 
Bescheidenheit verleiht, jedenfalls aber zur Controle und 
Folie des Neuen und Empfohlenen wie zur vollen Beherr- 
schung der gesaxnmten Lage der Sachen gereicht, gewiss 
alle auch uns selbst von unsern Nachkommen. Qehört doch 
auch überhaupt zum wahren und vollen bewussten Leben 
der Gegenwart immer zugleich ihr Zusammenhang mit der 
Vergangenheit ; und nimmt das hingleitende Schifflein dadurch 
etwas Ballast in sich auf, so wird dessen Schwerkraft zum 
Dank es vielleicht um so länger über den verschlingenden 
Wogen unserer eignen leicht- und raschlebigen Zeit erhalten. 
Sehen wir das doch auch an unsern Vorgängern. Denn 
grade die Art und Weise dieser unserer Mitbetheiligung am 
Verständniss der heil. Schrift ist keine exceptionelle und 
isolirte. Diese Bibelstudien schliessen sich an die noch 
immer unvergessenen Obaervationea und Exercüationea Sacraa, 
an die Miaeelhnea und Opuacida Sacra der Heinsius, We- 
BEMFELS, V. MOSHEIM, LaMPE, MICHAELIS, ZOBN, MABCK, 
DETLIliG, MORUS, SCHOTT, EjBIL, KnAPP, QbIESBACH U. A., 

denen zwischeneintretend neuerlich wieder die schätzbaren 
Biblischen Abhandlungen von Sommeb (Bd. I. 1840) gefolgt 
sind. Zu diesen mannigfachen Sammelwerken identischer 
Verfasser''^ in deiT stillen Räumen der Bibliotheken stellen 
wir bescheiden unsere frtlheren wie diese Neuen Bibelstu- 
dien. Lebt Wahrheit und Glaube in ihnen, so werden sie 
mit jenen auch fortleben, so gewiss als auch selbst die 
Schriften, die Wort und Glauben halten, den Tod nicht 
sehen, sondern, ob sie auch stürben, aus dem Staube wieder 
auferstehen (vergL Joh. 8, 51 u. a.), wie, der grössten Heroen 
zu geschweigen, unter vielen Zeugen eben wieder auch der 



* Ohne diese innere Einheit der Autorschaft waren einat die 
CoUectionen der Crüici Sacri, später die wiederholten Syllogen theo- 
logischer CommentcUiones^ neuerlich die Biblischen Studien von Geist- 
lichen des Königreichs Sachsen (1842 — 46), sowie die, s. Z. gänzlich 
sistirten, Zeitschriften für exegetische Theologie. 

b« 



XX Vorrede. 

ehrwürdige JoH. Albr. Bekgel bestätigt, welcher das zeit- 
weilige Vergessenwerden wie das nunmehrige. Wiederaufleben 
seiner Werke voraussagte. 

Der hindurchgehende Zug innerer Theilnahme und das 
Verwachsenseyn der Person des Verfassers mit seinem Buche 
wird diesem hoffentlich keinen Vorwurf zuziehen, und sollte 
bei theologischen Arbeiten als selbstverständlich gelten. 
Probleme der Mathematik und Physik mögen in der Kühle 
des objectiven Indifferentismus vielleicht gedeihen; persön- 
liche Hingenommenheit ist aber schon das süsse Vorrecht 
aller kumcmioraf um wie viel mehr der droina. Pectua est 
quod theologos fdcit; ohne Herz keine Theologie, wie Theo- 
logie ein haintua ist Muss sich denn nicht die seligmachende 
Gotteskraft des Evangeliums zuerst an dem professionellen 
Umgänge mit demselben erweisen? Wo dem nicht so wäre, 
da sänke ja der edelste Beruf hinab zur Categorie der 
Miethlinge und Tagelöhner. Ja mehr noch : ein Theolog ohne 
stetige warme persönliche Mitempfindung an seinem heiligen 
Objecto gliche eben auch einem Dichter mit stumpfem Herzen 
und einem Musiker ohne musicalisches Qehör. Der beste 
thatsächliche Beweis fiir diese Wahrheit sind wiederum die 
herzigen Arbeiten unserer Alten. 

Wohl sind es nur einzelne Artikel, die wir hier bieten, 
und ihre Gegenstände mannigfaltig genug und absichtlich 
wechselnd; doch Ein Geist durchweht sie, und ist es anders 
der wahre biblische Geist, dann wird dieser auch schon aus 
den einzelnen Capiteln, zumal aber aus ihrer Gesammtheit 
heraus den Leser wieder anwehen. Der Ordnung des Canon 
folgt auch dieser neue Band, erst Alt-, dann Neutestament- 
liches, hierauf das Gemeinsame. In keinem der Artikel, die 
billigerweise nicht grade die allerleichtesten der aufstossen- 
den Stoffe zum Vorwurf haben, wird man nur schon Ge- 
sagtes finden, sondern, neben historischen Ueberblicken, auch 
neue Qesichtspuncte und, wo nicht diese, doch neugesicherte 
Resultate. Einzelnes betrifft das Thor und die Vorwerke 
unserer festen Burg, Anderes ihre Innenwerke, theils in lin- 



Voirede. XXI 

guistisch - exegetischen Erörterungen, theils in Verfolgong 
tieferer Beziehungen. Dabei sind es AuBblicke nach allen 
Seiten und Zeiten, von der Schöpfung und dem Paradies, 
der nachparadiesischen und vorsündfluthUchen Zeit an, den 
Typen auch der Endseit^ und so weiter, — fast ein PkUo in 
nuce, als de opfficio mündig de adtcrificiü AMia ei Caini, de 
gigaafutämaj de victimia — nur nicht auch in allegorischer 
Dissolution, sondern in historischer und bez. prophetischer 
Evolution. 

Wie aber die Wissenschaft überall auf Thatsachen 
gründet, aus Samen und Boden hinaufdrängt in Sonne und 
Luft, so geht sie auch wieder aus in Frucht und That. 
Zwar nicht unter dem Scepter der Praxis, steht sie doch, 
bewusst oder unbewusst, unter dem Gesetz des Anwend- 
baren. Am Handgreiflichsten geschieht das freilich in den 
Naturwissenschaften, deren Ergebnisse tief in das irdische 
Leben , jetzt zumal durch neue Bewegungs- und Lichtkräfte, 
ein- und zurückgreifen ; es geschieht dasselbe lehr- und folgen- 
reich auch in gründlichen Bechts-, Qeschichts- oder philo- 
sophischen Studien: und die allerhöchsten Geistesarbeiten 
sind ebenfalls nicht taube Blüthen. Zunächst mittelst der 
practischen Theologie, welche Säfte und Kräfte aus der 
theoretischen ziehen muss, durchdriogen sie unbemerkt das 
tiefste Leben. Auch die gegenwärtigen Studien sollen, und 
wir hoffen es, nicht bloss durch ihre nächsten Objecto und 
deren Verschlingung mit der ganzen Schrift die Leuchten 
alles christlichen Innen- und Aussenlebens, Glauben und Be- 
kenntniss, nähren und stärken : vielleicht dass sie auch manche 
Controverse der theologischen Praxis, wie namentlich Art. VII 
einige brennende kirchenregimentliche Fragen, mit zum Aus- 
trag bringen helfen, wogegen der Schlussartikel (IX) den 
Beichthum und die so im Argen liegende Würdigung irdi- 
scher Güter in das volle biblische Licht setzt, eine christ- 
liche Plutologie, die wir, da sie grade Gelehrte persönlich 
weniger angehen möchte als Ungelehrte, ebendarum auch 
in gemeinfasslicherer, obwohl inamerhin möglichst straffer. 



Xxn Vorrede. 

Form und auBSchliesslicher mit dem ja doch allein maassgeben- 
den und bewegenden Schriftworte selbst in seiner heiligen 
Authenticität; dieses überdem zur Auszeichnung immer auch 
in besonderer typographischer Hervorhebung, dargelegt haben. 
Endlich sind es, allerdings zunächst im Unterschied von 
unsem älteren Bibelstudien, dennoch zugleich auch in noch 
anderem Sinne „Neue Bibelstudien", die wir hier veröffent- 
lichen; zwei dieser neun Artikel (ein alt- und ein neu- 
testamentlicher) wenigstens in ganz neuer Ausgabe. Beide 
waren zuerst nur persönliche Gelegenheitsschriften: Art I, 
im Anschluss eines offenen Sendschreibens an Domh. Prof. 
Dr. Kahnis * 1862 erschienen, kündigte sich zugleich (S. vi) 

* War ein Wiederabdruck dieses persönlichen Zeugnisses 
selbst unangezeigt, so hätten die darin S. vni — xii aufgeführten 
Proben von der vermeinten „Zuverlässigkeit" der critischen Angriffe 
Bleeks auf die mosaische Authentie des Pentateuchs wohl davon aas- 
genommen scheinen können, da die Herausgeber der betr. Vorlesun- 
gen Bleeks inzwischen auch deren 2. Auflage mit jenen Makeln 
unbekümmert wieder in die Welt haben ausgehen lassen; doch viel- 
leicht da SS auch schon gegenwärtige Zurückweisung genügt. Dage- 
gen mögen zu Ergänzung der obigen Bemerkungen über die falsche 
Scbriftcritik der modernen Theologie überhaupt hier nachstehend 
einige allgemeinere Sätze aus dem Sendschreiben wiederholt werden. 

(S. vn.) — Wie schon bei allem Grossen und Herrlichen, ist es zu- 
mal bei dem göttlichen Wort dessen ureigenste, erste und durchgän- 
gige Forderung an seine Forscher, ihm zu Füssen sitzend andächtig 
zu lauschen und das Herz aufzuthun, worauf die heilige Wahrheit 
uns die thauigsten, duftigsten und süssesten Kelche ihrer Geheimnisse 
entgegenneigen und erschliessen wird; wohingegen ein richterliches 
(„critfsches") Gegenübersitzen ihrem wirklichen und wahren Verr 
Ständnisse abstumpfende und verkümmernde Hindernisse au&ichtet, 
wenn sie dann nicht überhaupt sich ganz verschliesst Wie Gott 
selbst, also ist auch sein Wort durch und durch Majestät und Liebe; 
die Liebe aber, die „sich der Wahrheit mitfreuet" (1 Cor. 13, 6), 
lässt sich inquisitorisch nie gewinnen. Werben wir dagegen in Glaube 
und Liebe um die göttliche Wahrheft, so wird die Erfüllung dieser 
süssen Pflicht zu dem ohnehin ganz unberufenen Bichten weder Zeit 
noch Lust übrig lassen. 

(S. XII ff.) — Wohl giebt es eine biblische Critik, wie sie auch 
von der Kirche aller, zumal der ältesten Zeiten mit wachsender 
Sicherheit, ausstosseud und bestätigend, geübt worden ist Es leuchtet 
aber ein, dass, je näher den heiligen Ursprüngen selbst und je reicher 



ausdrlickliob als Vorläufer dieser weiteren Bibelstadien an, 
so dass wir damit jetzt nur auch ein dort gegebenes Wort 
einlösen ; Art. VI^ eine im Auftrage Leipziger Theologen zur 
goldnen Jubelfeier der academ. Habilitation dea inzwischen 
heimgegangenen Prof. Dr. Frikdb. Wilh. Likdmer im J. 1858 
verfasste Beglückwünschungsschrift| hat durch ihren tiefein- 
greifenden Gegenstand eine derartige Aufnahme gefunden 
(s. unt S. 280), dass die jetzige Erweiterung auch schon ihres 
LeserkreiBes in mehr als einer Hinsicht gefordert, zudem 
auch selbst nur immer noch zeitgemässer erschien. Beide 



dfiB Maass der Fülle des Geistes, um so grösser auch die ättsserliche 
und innerliche Competenz dasu war. — Und welchen der modernen 
Bibel-Cauones soll die Kirche, welche längst entschieden hat und 
entschieden bleibt, annehmen? Wenn nicht den von Blibk, etwa 
den Baubs, oder irgend eines seiner Diadochen ? — So lange diese t,cri* 
tische Partei^* gegenüber steht der „gläubigen Bichtung^S ^o- 
bei nur etwa das Gebiet der Varianten (sogen. Textcritik) Beiden ein 
neutrales bleibt, und Erstere nur eine aggressive Critik anerkennt, 
nur den als wahr und wahren Critiker canonisirt, welcher den Canon 
mehr oder weniger bemükelt und bemängelt, kann Letstere intellectuell 
wie moralisch, kann auch £rstere nie einen Compromiss eingehen. — 
Zu einer „Versöhnung" in der Wahrheit bedürfte es einer Wiedergeburt 
schon des Begriffs von biblischer Critik, einer solideren Grundlage, 
als blosses „laodicenisches** Belieben (Apoc. 3, 14 ff.). Wie ich das 
meine, will ich nicht verschweigen. Die Authentie, Autorität und 
Integrität der heil. Schrift, welche auch schon menschlicherseits wie 
kein anderes Document von der höchstdenkbarsten allersorgfaltigsten 
äusseren Hut getragen (Curmmic, £xam. Concil. Trid. P. I. ed. 
Frcf. 1615 p. Sösqq.) und innerlieh solidarisch durchwoben und 
verbunden ist, wie sie andererseits auch erfahrungsmässig durch 
Zeugniss des Geistes am Geiste sich fort und fort erwiesen (Act 
5, 32) und in allen Angriffen aus jenseitigem oder dem eignen inneren 
Lager immer wieder obgelegen hat, muss dem Forscher nachgerade 
ein gleiches Axiom seyn und werden als die Natur, deren erfolgreiches 
Studium ebenfalls nicht mit Zweifeln daran beginnt noch endet, dass 
sie durch und durch zweckentsprechend und organisch sey. Mit dem- 
selben principiellen Credo und gleicher Hingebung hat man das auch 
in Psalm 19 an die Natur so wunderlieblich angeschlossne geoffenbarte 
Wort Gottes zu behandeln. Dieses selbstverleugnende unbedingte 
Vertrauen in dasselbe wird nie beschämt werden, sowie noch immer 
jedes wahre und beharrliche Naturstudium mit einer Theodicee en- 
dete. — 



TTIV VofTBde. 

Artikel aber sind kein blosser Wiederabdruck^ sondern schon 
durch die (namentlich auch fiir Art. I bedeutenden) litera- 
rischen; bez. critischen Zwischenverhandlungen gebotene und 
auch sonstige WeiterföhrungeU; also ^^vermehrte und verbes- 
serte^' neue Auflagen, so dass nur wenige Seiten ganz un- 
verändert geblieben sind, wie auch schon die Vermehrung 
um be;s. 15 und 21 Seiten (V4 und '/4) des Umfangs darthut. 
Erschienen die früheren Bibelstudien angesichts einer 
ans der Feme drohenden Störung des Friedens (1859 — 60); 
so fiel der Druck dieser Neuen Bibelstudien, wovon sich da und 
dort wohl auch noch Spuren zeigen, mitten in die Unruhen und 
Schrecken der blutigen Entzweiung und Zerreissung Deutsch- 
lands, deren Wehen und Nachwehen das schöne, maassvolle 
Land der Reformation und Literatur, den eigenartigen, elastisch 
festen Stamm der Sachsen, ein Bienenvolk an Fleiss und 
Frucht, Ordnung und Sauberkeit, monarchischem Sinn und 
ritterlichem Stachel (ohne den es hinsiechen würde), zuerst 
und immer noch fortdauernd hart betroffen haben. Wie 
Gottes gnädig schlagende und heilende Hand dieses Marty- 
rium deutscher Treue und läuternder Prüfong des Glaubens 
für uns auch immer wenden wird: möchten unter dem 
schweren und dunkeln Elreuze wir nur auch das süsse Licht 
jenes seligen Kreuzes empfunden und erkannt haben, wel- 
ches Grund und Träger alles Heils der Seelen und Völker 
ist, und dasselbe forthin in bösen und guten Tagen wir 
alle, gehorchend oder gebietend, um so wärmer und inniger, 
fest und wandellos umschlingen! — Psalm 126. 



D. Holemann. 



INHALT. 



Seite 

I. Die Einheit der beiden Schöpfungsberichte Gen. I— II . 1 

II. Diesseit des Paradieses 75 

1. Die anorgAnischen Erzeugnisse am ersten Paradies- 
flussc. Gen. II, 11 f. 75 

2. Der Erstgeborene und seine Physiognomie. Gen. IV, 
1-7 83 

III. Die vorsündfluthlichen Hünen. Gen. VI, 1 fF. 112 

IV. Jacobs Sterbeseufzer. Gen. XLIX, 18 160 

V. Das grosse Bekenntniss 1 Tim. III, 16 173 

VI. Die Stellung St. Pauli zu der Frage um die Zeit der 

Wiederkunft Christi 232 

VII. Die biblische Handauflegung 282 

VIII. Spuk und Gespenster nach der Schrift 343 

IX. Das Wort Gottes über die Reichen dieser Welt .... 365 



I. 

DIE EINHEIT 

DER 

BEIDEN SCHÖPFÜNGSBERICIITE 

GENESIS I-n. 

Wie einst vor der Halle des Tempels die beiden Säulen 
V?; und T?a — „Festigung" und „Stärke" — (1 Kön. 7, 21), 
80 stehn und ragen am Eingange der heil. Schrift die beiden 
wunderbaren Schöpfungsberichte. Alles Darauffolgende tra- 
gend sind sie Grundpfeiler und Wahrzeichen zugleich. Got- 
tes Machtverhältniss zur Welt, als der Basis des Menschen, 
in Bericht I und hierauf in II sein Gnadenverhältniss zum 
Menschen, ehe dieser durch seinen Fall selbst mit unter den 
Begriflp der Welt versank, woraus ihn eben auch nur wieder 
die Gnade emporheben kann, Beides zusammen characterisirt 
im Voraus die ganze kommende Welt- und Heilsgeschichte. 
Grade in dieser innerlich nothwendigen, am wenigsten aus 
einer „Zweiheit ihrerVerfasser" erklärlichen, tiefsinnigen Zwei- 
heit der Schöpfungsgeschichte schauen wir noch die höhere 
Einheit in der Schöpfung vor ihrer Entzweiung durch die 
Störung der Einheit des Menschen mit Gott. 

Ebendarum sind diese beiden Scliöpfungsberichte aber 
auch im Besondern Wahrzeichen insofern, als an ihrem Ver- 
hältniss zu einander die Behauptung organischer und ursprüng- 
licher Einheit des Pentateuchs wie die entgegengesetzte eines 
Mosaiks ihre erste und entscheidende WafFenprobe zu be- 
stehen hat. Für beide Anschauungen gilt es hier Seyn oder 
Nichtseyn. 

Der ersteren wird die ganz andere Ordnung und auch 
veränderte Art des Schöpfungsverlaufs wie des Ausdrucks ent- 
gegengehalten. Wäre dieser Vorwurf begründet, so würde 
er freilich die Seite, welche ihn erhob, zurückfallend selbst 
nicht wenig verwunden, indem die anscheinenden Umkehrungen 

HOELEMANN, Neue DibeUtudien. 1 



2 Einheit der beiden Schöpfungsberichte. 

de» II. Berichts sogar zu Widersprüchen mit sich selbst würden 
und diese „jehovistische" Erzählung einen so gedankenlo- 
sen Urheber hätte, wie man in Stücken gleichen Ursprungs 
ihn später nicht wiederfände. Dennoch liegt dem positiven 
Heerlager in diesem bisher noch unausgetragenen Streite, den 
Vertretern der Einheit, wie die ernstere so auch die schwe- 
rere und eben hier unzweifelhaft ihre schwerste Leistung ob. 

Fassen wir die Sphinx, das Räthsel jenes gegenseitigen 
Verhältnisses näher ins Auge, also zunächst den Ersten 
(Genes. 1, 1—2, 4), danach den Zweiten Bericht (2, 4 — 25), 
und hierauf ihre scheinbaren Dissonanzen, welche die Har- 
monie überall nicht ausschliessen. 

C. 1 bis 2, 4 ist die Weltschöpfung in geordneten, suc- 
cessiven, rhythmisch aufsteigenden Tagewerken, wobei die 
Continuität mit immer neuen Impulsen aufwogt, verlaufen. — 
Nachdem Gott die „Materie'' als den für „Himmel und Erde" 
schon prädisponirten „Muttergrund" erscliaffen (1, 1), wobei 
Er als die übernatürliche Causalität aller Natürlichkeit dieser 
sogleich in den ersten Worten (y^fi^n dni ö'^Jjton n« ö-^nbN N1^), 
zu Abweisung der ndv&BOL wie der a&eoi^ iv rm xoafiq) (Eph. 
2, 12), scharf gegenübergestellt wird, strebt die allenthalben 
planmässige Erzählung bereits mit V. 2 ihrem Endziele sicht- 
lich darin entgegen, dass sie mit '^iNtn einsetzend (darum 
auch selbst nicht y^NJi "^tim) nur einen tellurischen oder 
chthonischen Unterbau als den, wenn auch siderisch beein- 
flussten (V. 14 ff.) , eigentlichen Schauplatz der nachfol- 
genden Geschichten einzuführen sich anschickt. * — Ueber 
wüster, finsterer Tiefe, einem flüssigen Durcheinander, mit 
vorwiegendem oder ausschliesslichem (in diesem Falle che- 
misch agirenden) Wasser, webet stetig der Geist Gottes (V. 2), 
ebenfalls ein kräftiges Urzeugniss, dass der Geist das die 
Materie auch Organisirende ist.** Durch das Wort Gottes 
blitzt dann zuerst das Elementarlicht auf, *** womit die all- 



* Vergl. Hesiod. Theogon. 116 f.: *1/to« fiiv nqüinata Xdos 
yivBX , avraQ ineua FaV ev^vaiB^vos, ndvrtov Udos dotpalh atsL 

** Vergl. Anaxagoras b. Diog. L. IL init. auf das Xdoe ein 
Nov^ Biatcoofiwv, (J. G. ßosBNMüLLEB, antiquiss. tellur, bist, a Mose 
Gen. I. descripta 1776 p. 22.) 

*** Ist aber Leuchten physicalisch überhaupt nur Oscilliren des 



Einheit der beiden Schöpfungsberichte. 3 

mäUg und consequent fortentwickolndo Difforenzir^ng 
des Universums * in zeitlicher Succession von Licht und 
Finsterniss anhebt: „ein Erster Tag^' (V. 3— 5). — Hierauf 
örtliche Scheidung der Wassermassen, durch eine honzon- 
tale (dynamische) Scheidewand,** in ein diesseitiges, ab- 
wärts sinkendes, schwereres, und ein jenseitiges, aufwärts 
steigendes, ätherisches Fluidum, wodurch sich dort eine tel- 
lurische, hier eine siderische Region (s. u. V. 14) constituirt 
und abgrenzt:*** „ein Zweiter Tag'' (V. 6—8). — Nun 
auf tellurischer Seite wiederum Scheidung von Wasser 
und Land zur anorganischen Grundlage organischen Le- 
bens; und zwar auf dem allmälig abtrocknenden Festlande 
zuerst Ergrünen in Species (yti) samentragender Vegetation 
(Kräuter und Bäume): „ein Dritter Tag*' (V. 9—13). 



betr. Gegenstandes, so ist das erste Schöpferwort folgerecht die erste 
Erregungr und Bewegung der Schöpfungsmasse. 

* Eine wahrhaft schöpferische Scheidekunst, in jenem marki- 
renden b'^'IStl (V. 4. 6. 7. 14. 18) immer wieder angezeigt, wovon auch 
selbst vid. Metam. 1, 32 sq.: Sie vhi dispositam^ quisquis fuit iüe 
Deorum, Congeriem secuH sectamque in membra redegit — . Vgl. S. 5 V'^« 
*♦ Von ypT stampfen, strecken, dehnen, spannen (wie Blech Ex. 
39, 3. Num. 17, 3 f. Jer. 10,9., Wolken Hiob87,18), nie nur festigen, iclt 
yp^l etw. Ausgespanntes, ein (kesselartig getriebenes) Gewölbe, dies 
aber, zumal es V. 6 f. als b^n^72 wirkt und dieses Verb, hier überall 
(V. 4. 14. 18) immateriell steht, auch nur dynamisch und optisch. 
(S. schon J. Qr, RosKNM. 1. 1. p. 54 sq.) Uobr. vergl. ebenfalls üvid, 
welcher überh. merkwürdige Beruh rungspunctc zeigt, 1.1.26 sq.: Ignea 
eonvexi via et sinepontiere codi Emicuit — 67 sqq.: Haec super impO" 
8uä liquidum et gravitate carentem Aethera nee quicquam terrenae fae* 
da habentem, Vix ea limitibus dissepserat omnia certis — . 

*** Vergl. 2 Petr. 3, 5 oxt ov^nvol ^anv ixnaÄat nai yrj i^ vSnio^ 
nai Si vdaioe ovfewtuioa %(f tov übov Ao/q;, WO das schliessliche Prä- 
dicat auf Himmel und Erde geht, dabei i« substantiell, Std formell 
zu fassen. Bezöge es sich nur auf das nähere yvj 80 dürfte ix her- 
aus seyn. — Dagegen das „obere Wasser" einfach als Wolken zu neh- 
men (zul. KüRTZ, Hibel u. Astron. 5. A. 1865 S. 388. 439 ff. 446), hat 
nicht nur deren qualitative Identität mit dem tellurischen Wasser gegen 
sich, während das Ober- und Unterhalb der „ Veste" vielmehr einen spe- 
cifischen und bleibenden „Unterschied" (b'^lintt V. 6 f.) bildet, sondern 
auch schon die relat. Geringfügigkeit der Wolkenbildung, um durch 
sie ein ganzes Schöpf ungstageweik auszufüllen. 

1* 



4 Einheit der beiden Schöpfungsberichte. 

Auf der so erreichten ersten Hälfte der Schöpfungsstaffel, 
dem ersten Triemeron, ist vor dem nächsten Schritte schein- 
bar ein momentaner Ruhepunct in der Erdentwicklung, da für 
sie nun vielmehr das Bedürfiiiss der Einwirkung von Obenher 
gekommen ist. Dort nämlich, wohin sich (V. 7) das ätherische 
Fluidum zurückzog, und parallel den aus tellurischem Wasser 
coagulirenden und auftretenden Festländern^ gehen nun Licht- 
körper auf (Sonne, Mond und Sterne),* deren etwaiger Selbst- 
zweck für die Tendenz der Erzählung ganz auf sich beruhen 
bleibt, die aber £ur das auf der so vorbereiteten, grünenden 
Erde ermöglichte höhere organische und erst wirkliche, näm- 
lich das animalische Leben die Bestimmung haben, je 
nach ihrem Hervor- und Zurücktreten zu „scheiden" zwischen 
-Tag und Nacht und je nach ihrem Standpuncte zu bilden 
örtliche (nn«) und zeitliche Merkzeichen (D'^'i^iTa), namentlich 
Tage und Jahre, also gleichsam das Zifferblatt der Welten- 
uhr; ausserdem aber, zumal Sonne und Mond, Helligkeit zu 
ergiessen über die Erde: „ein Vierter Tag'^ (V. 14 — 19). 

Auf solcher unten geschaffenen Basis, unter solchen Ein- 
flüssen von oben ersteht nun animalisch Lebendiges (rr^n ttSBi), 
und zwar zuerst diejenige Stufe, wie sie fiir die noch fort- 
dauernd im Abtrocknen begriffene Erde möglich ist, nämlich 
schwimmende und fliegende Wesen, als Wasser- und 
Luftthiere, in grossen und kleinen Species:** beiderseits sich 



* So auch die Theorie von Laplack (Herschel) , vergl. neuerlich 
Ebrard, Delitzsch, Nägelsbach, Keerl. Hiervon übr. auch schon 
vid. Met. 1, 69 sqq.: Vix ea Umitibua disaepaerat omnia certis, Quum. 
quae pressa diu nuusa IcUuere sitb üla, Sidera coeperunt totö effervescere 
coelo. 

** Unter den Schwimmern von den Walen (D'^bnil?! D"^i''3n^l) 
bis hinab zu den kleinsten Arten; andererseits t\'2'D tf\^ b!D „allerlei 
Flügel-Gevögel", eben im Gegensatz der Schwimmer (V. 21). Der noch 
reichere Ausdruck tl^D b^ ^IBifc b^ ISlS'^üb S)l!?tl b'D vom Einzüge in 
die Arche 7, 14 verursacht der Exegese viel Mühe. Ersteres tp^T^ bD 
als das Genus zu nehmen, vielleicht weil IMS'^ub folgt, und ^IBSt bD 
C|3S bs als zwei Species davon, verhindert schon die Bedeutung von 
C]3Df was niemals irgend ein Geflügeltes (ale8\ sondern nur Flügel (ala) 
ist ; ebensowenig kann t)15> allein etwa von grossen Vögeln stehen. Die 
Schwierigkeit löst sich einfach damit, dass 1'\t^ bD dem folg. £]2:3 bD 
nicht coordinirt, sondern letzteres Genitiv des ersteren ist, also 3 Status 



Einheit der beiden Schöpfungsberiobte. 5 

verwandt durch sohwebende Bewegung in leichteren Elementen, 
durch eben dazu geeigneten, darum auch analogen Körperbau 
mit Flossen und Flügeln, sowie durch die Fortpflanzung mit- 
telst des Eies, dieses eigentlichen Mittelstadiums zwischen Ve- 
getabiliensamen und lebendigen Geburten: „ein Fünfter 
Tag« (V. 20—23). 

Nach inzwischen weiter vollendeter Abtrocknung des 
festen Landes kommt zu der Flora nun auch dessen Fauna, 
nämlich, und zwar als Erdproducte (y^HTi Kitin V. 24), die 
Species der Landthicre, grosse und kleine, zahme und wilde 
(V. 24 —25) ; und danach diie Spitze und Krone der Erd- 
schöpfung, als solche auch selbst in der Form der Erzählung 
hervorgehoben durch einen besonderen göttlichen Rathschluss, 
durch ein göttliches Vorbild *** und hohe Bestimmung: der 
Mensch, und zwar ein Paar, eben nach Gottes Bilde er- 
schaffen zur Herrschaft über die ganze Erde (V. 24-31): 
„der Sechste Tag*^ (V. 31). 

Diese 3 höheren und späteren Schöpfungstage bilden zu- 

coDfltr. aufeinander folgen. Nun aber bildet vielmehr IIBifc h'D ein Ge- 
nus (wie'mB:a:Deut.4,17. 14,11. P8.104,17; vgl.Ezeßh.39,4 u. bes. 17), 
und steht nur ganz so wie Ezech. 17, 23 t\:^ bD llDSt Vd n-'nnn ISD«"!, 
f^allerlei Geflügel von allerlei Fittich", dieser als Characteristicnm nach 
Grösse, Stärke und Bau. Darauf führt auch schon die Accentuation an 
letzterer St. (*11Bat mit Munach) wie auch selbst Gen. 7, 14 {llt^ m. 
Merka). So ist nun der ganze fragliche Zusatz 'D 'D '^ '^ nur coordi- 
nirte Epexegese des vorangehenden specificirenden Genus i\')9'n bs 
ina^ttb. — Beiläufig haben wir es besonders jetzt als eine providentielle 
That zu erkennen, dass die ursprüngliche Existenz der Species (l*^^, 
was von V. 11 an die Stelle des sonstigen b'^^irt S. 3 einnimmt,) gleich 
in der ersten Urkunde mit gebucht ist, ein Zaun wider die modernen 
Theorieen der Tutlb, Darwin u. A., die sonst den Menschen wohl zum 
Sohne des Affen oder des Frosches machten, wo nicht alle organische 
Formen, Animalien und Vegetabilien, von einigen oder auch einem Pro- 
totyp ableiteten (so dass der Mensch ohn^ Brudermord und Canniba- 
lismus weder Thier noch Pflanze geniessen dürfte), während dieselben 
Naturforscher vielleicht die Abstammung des Menschengeschlechts 
von einem Paar verwerflich finden. <t>äoHorTei elvai oofol ifKogav^ri' 
aav, Rom. 1, 22. 

* Auch hiervon wieder, und auch zugleich als von der Krone 
der Schöpfung, beinahe wörtlich Ovid. Met. 1, 76 sqq. 83: Finxit 
in effigiem moderantum cuncta Deorum, 



XX Vorrede. 

ehrwürdige JoH. Albr. Bekgel bestätigt, welcher das zeit- 
weilige Vergessenwerden wie das nunmehrige. Wiederaufleben 
seiner Werke voraussagte. 

Der hindurchgehende Zug innerer Theilnahme und das 
Verwachsenseyn der Person des Verfassers mit seinem Buche 
wird diesem hoffentlich keinen Vorwurf zuziehen, und sollte 
bei theologischen Arbeiten als selbstverständlich gelten. 
Probleme der Mathematik und Physik mögen in der Kühle 
des objectiven Indifferentismus vielleicht gedeihen; persön- 
liche Hingenommenheit ist aber schon das süsse Vorrecht 
aller humaniora, um wie viel mehr der divina. Pectus est 
quod theologos facä; ohne Herz keine Theologie, wie Theo- 
logie ein habifus ist. Muss sich denn nicht die seligmachende 
Gotteski^aft des Evangeliums zuerst an dem professionellen 
Umgange mit demselben erweisen? Wo dem nicht so wäre, 
da sänke ja der edelste Beruf hinab zur Categorie der 
Miethlinge und Tagelöhner. Ja mehr noch : ein Theolog ohne 
stetige warme persönliche Mitempfindung an seinem heiligen 
Objecto gliche eben auch einem Dichter mit stumpfem Herzen 
und einem Musiker ohne musicalisches Gehör. Der beste 
thatsächlichc Beweis für diese Wahrheit sind wiederum die 
herzigen Arbeiten unserer Alten. 

Wohl sind es nur einzelne Artikel, die wir hier bieten, 
und ihre Gegenstände mannigfaltig genug und absichtlich 
wechselnd; doch Ein Geist durchweht sie, und ist es anders 
der wahre biblische Geist, dann wird dieser auch schon aus 
den einzelnen Capiteln, zumal aber aus ihrer Gesammtheit 
heraus den Leser wieder anwehen. Der Ordnung des Canon 
folgt auch dieser neue Band, erst Alt-, dann Neutestament- 
liches, hierauf das Gemeinsame. In keinem der Artikel, die 
billigerweise nicht grade die allerleichtesten der aufstossen- 
den Stoffe zum Vorwurf haben, wird man nur schon Ge- 
sagtes finden, sondern, neben historischen Ueberbli(d:en, auch 
neue Gesichtspuncte und, wo nicht diese, doch neugesicherte 
Resultate. Einzelnes betrifft das Thor und die Vorwerke 
unserer festen Burg, Anderes ihre Innenwerke, theils in lin- 



Vorrede. 



XXI 



guistisch - exegetischen Erörterungen ; theils in Verfolgung 
tieferer Beziehungen. Dabei sind es Ausblicke nach allen 
Seiten und Zeiten^ von der Schöpfung und dem ParadieSi 
der nachparadiesischen und vorsündflutiilichen Zeit an, den 
Typen auch der Endseit^ und so weiter, — fast ein Fhäo m 
fitfce, als de op^cio mündig de sacnficüa AbeUa ei Caini, de 
g^^aniibue, de mctimia — nur nicht auch in allegorischer 
Dissolution, sondern in historischer und bez. prophetischer 
Evolution. 

Wie aber die Wissenschaft überall auf Thatsachen 
gründet, aus Samen und Boden hinaufdrängt in Sonne und 
Luft, so geht sie auch wieder aus in Frucht und That. 
Zwar nicht unter dem Scepter der Praxis, steht sie doch, 
bewusst oder unbewusst, unter dem Gesetz des Anwend- 
baren. Am Handgreiflichsten geschieht das freilich in den 
Naturwissenschaften, deren Ergebnisse tief in das irdische 
Leben , jetzt zumal durch neue Bewegungs- und Lichtkräfte, 
ein- und zurückgreifen ; es geschieht dasselbe lehr- und folgen- 
reich auch in gründlichen Rechts-, Qeschichts- oder philo- 
sophischen Studien: und die allerhöchsten Geistesarbeiten 
sind ebenfalls nicht taube Blüthen. Zunächst mittelst der 
practischen Theologie, welche Säfte und Kräfte aus der 
theoretischen ziehen muss, durchdringen sie unbemerkt da» 
tiefste Leben. Auch die gegenwärtigen Studien sollen, und 
wir hoffen es, nicht bloss durch ihre nächsten Objecto und 
deren Verschlingung mit der ganzen Schrift die Leuchten 
alles christiichen Innen- und Aussenlebens, Glauben und Be- 
kenntniss, nähren und stärken : vielleicht dass sie auch manche 
Controverse der theologischen Praxis, wie namentlich Art. VII 
einige brennende kirchenregimentliche Fragen, mit zum Aus- 
trag bringen helfen, wogegen der Schlussartikel (IX) den 
Reichthum und die so im Argen liegende Würdigung irdi- 
scher Güter in das volle biblische Licht setzt, eine christ- 
liche Plutoiogie, die wir, da sie grade Gelehrte persönlich 
weniger angehen möchte als Ungelehrte, ebendarum auch 
in gemeinfasslicherer, obwohl immerbin möglichst strafier. 



g Einheit der beiden Schöpfongsberichte. 

hinein geschaffen (V. 6 f.), und danach erst 2) ein Paradies 
iiir ihn von Gott angepflanzt und 3) der Mensch in dasselbe 
versetzt (V. 8); darauf erst 4) wachsen Bäume darin (V. 9) und 
5) gehen aus seiner BewäpSserung Ströme hinaus (V. 10 — 14). 
Hierauf 6) abermaKge Versetzung des Menschen in den Garten, 
und zwar 7) mit der Bestimmung, ihn zu pflegen und^ mBin 
weiss nicht wovor, zu hüten (V. 15), und mit der Beschrän- 
kung, vom Wissensbaume nicht essen zu sollen (V. 16 f.). 
Dem nunmehrigen Gottesgedanken an ein dem Menschen 
nöthiges homogenes Wesen (V. 18) folgt 8) Bildung von Land- 
thieren und Geflügel (ohne Erwähnung der andern Anima- 
lien) und ihre Namengebung (V. 19 f.), und erst hierauf 9) Bau 
eines Weibes aus einer Bippe des Mannes (V. 21 — 24), bis 
schliesslich V. 25 überleitet zu Cap. 3. 

Diese vielfachen Unzukömmlichkeiten wären zugleich 
Widersprüche — nicht allein mit dem I. Schöpfungsberichte, 
wiefern zumal der Mensch hier zuletzt erschaffen wird, dort 
dagegen zuerst, namentlich vor den Vegetabilien (2, 5. 8 f.) 
und den Thieren (2, 19) erscheint;* sondern auch Wider- 
sprüche und Wirrsale in sich selbst, wiefern eben der neu- 
erschaffene Mensch sich zuerst auf öder, nasser Erde (ohne 
alle Nahrung, auch nicht der Lunge) befindet und erst nach- 
gehends in ein ihm zuträgliches, schönes und fruchtbares Gar- 
tengehege (p) gesetzt, ja dieses (wie etwa wenn eine Mutter 
fiir ihr Neugebornes Wiege und Pfuhl vorzubereiten versäumt 
hätte) nun erst dazu angepflanzt wird, Bäume sogar erst nach 
der Hineinversetzung des Menschen darin wachsen und wäs- 
sernde Ströme entstehen. Darauf Von neuem und sogar noch 
umständlicher (i^rna'^n — np'^i V. 15) Niederlassung des Menschen 
im Paradies , um es zu bauen und zu „bewachen", während 
doch die Entstehung anderer Geschöpfe, nämlich der Thiere, 
die es verwüsten konnten, erst später und auch so erfolgt, 
dass sie hinwiederum zwischen den göttlichen Gedanken an 
die Schöpfung des Weibes und seine Ausführung mitten hin- 



* Vergl. Kaiinis, luth. Dogmat. 1, 240 f., wo die Ausgleichung 
durch die Theorie einer vegetabilisch - animalischen Nachschöpfung 
am 6. Tage als Inhalt des II. Berichts mit Kecht abgelehnt wird. 
S. auch unt. Kebrl. 



Einheit der beiden Schöpfuo gebe richte. 9 

eingeschoben wird. Mindestens stünde zwischen dem Manne 
und dem Weibe die Schöpfung der Flora und Fauna. Es 
leuchtet eini fUr sich genommen ist Bericht II wider sich 
selbst ♦ 

Damit also^ dass ^^die Widersprüche beider Schöpfungs- 
„berichte ihre Erklärung allein in dem Grunde, der ihre 
„Zweiheit erkläre, nämlich in der Zweiheit ihrer Verfasser 
„fänden," ♦♦ ist diese Sache nicht erledigt, der Knoten nur 
entzwei gehauen. Die Verwirrung innerhalb des II. Be- 
richtes bliebe, und eben dadurch für immer ungelöst 
Sie stellt uns vielmehr die Alternative: entweder ist sie eine 
Imbezillität, unwürdig nicht allein der glatten, fliessenden 
Darstellung in Cap. I, sondern auch der ferneren sogenann- 
ten „ jehovistischen" Schriftstücke mit ihrem „fein und sinnig 
reflectirenden Geiste" (Knobel), — eine Annahme bankbrüchi- 
ger Verzweiflung; oder das rechte Ende dieses Knäuels ist 
anderswo aufzusuchen und die frühere Alternative (S. 7) da- 
hin zu entscheiden, dass in dem II. Berichte nicht nur keine 
neu aus- oder auch wiederholende, sondern überhaupt keine 
stricte, geschlossne und selbstständige Erzählung vorliegt. 

Wie etwa ein Park nur von einer bestimmten Stelle aus 
den Stern seiner Durchsichten, eine Stadt nur an dem Knotcn- 
puncte ihre Fächergestalt, Kunstwerke nach einem einzigen 



* Wohl selten ist eine apagogische Dcduction von innerlich 
anders stehender Critik so missverstanden und entstellt worden, als die 
gegenwärtige. Wir selbst — bemerkt z. B. Dietzscu, Jabrbb. f. deutsche 
Theologie 1863 VIII, 188 — 191 (vgl. F. W. Schultz, d. Schöpfungs- 
geschichte 1865 S. 349) — müssten ja zugeben, dass 2, 15 nur Wieder- 
aufDabme von V. 8 sey. Dieses, übrigens nur eine aus vielen heraus- 
gegriffene Instanz, behaupten wir vielmehr und damit von II nur 
ebendasselbe als von dem ganzen Verhältniss zwischen I und II als 
einer grossartigen Wiederaufnahme. Eben weil die logisch zu fassen- 
den Gegner Wiederaufnahmen innerhalb des II. Berichts „zugeben" 
und damit das Princip strict-cbronologischer Aufeinanderfolge für II 
aufgeben müssen, dürfen sie sich, ohne principlos zu werden, gegen 
die Aufstellung eines neuen (des pragmatischen) Princips in II und 
ebendamit auch gegen die höhere und weitere Folgerung für das 
Verhältniss von II zu I nicht sträuben. (S. namentl. Kbebl, unt. S. 20.) 

** Kahnis, Dogmat. I, 241. 



10 Einheit der beiden Schdpfdngsberiehte. 

Orte hin ihre sich ausserdem zersplitternde Harmonie offen- 
baren, oder wie Dome nur die in einer gewissen Richtung 
gesprochenen Worte zusammenhalten und vernehmlich ma- 
chen, anderswo dagegen ferne, zerstreute Töne zur deutlichen 
Rede zusammenlaufen: nicht anders ist es mit dem Bau des 
Zweiten^ Schöpfungsberichtes. Das ausschliessliche 86g fiot^ 
nov atüy poini de. vue und „Ohr des Dionjsius'^ zu dessen 
Verstandniss bildet der voraufgehende Erste. In dem Yer- 
haltniss zu diesem, in der materiellen und formellen Vor- 
aussetzung von I liegt der Schüssel zu ungezwungener Auf- 
lösung aller inneren Inconvenienzen und Widersprüche von H. 
Darum k a n n 11 nicht wieder dasselbe Erzählungsprincip von I, 
das der zeitlichen Succession, haben; wird es ihm dennoch 
aufgedrungen, so erhalten wir eben jene verzerrten Bilder. 
Erst durch das Medium des I. Cap., somit eben durch die 
Abhängigkeit von diesem empfangt Bericht II klares und 
alles zurechtstellendes Licht. Erst damit wird die Historio- 
graphie in II zur rechten Historie; die Verwirrung und 
Sinnlosigkeit wandelt sich um in Klarheit und tiefe Sinnig- 
keit — 

Zeitliche und sachliche Succession mit ausgesprochener 
Chronologie vom Ersten bis zum Siebenten Tage durchwaltet 
den Ersten Bericht Im Zweiten sind nicht mehr llgya xcu 
TiltkotUy nur ^yaj mit einer einzigen scheinbaren und ohne 
Hinzunahme von I nur schwebenden Zeitangabe gleich zu 
Anfang (V. 4). Demnach herrscht in H auch kein solch real- 
temporales Erzählungsprincip wie in I, vielmehr das der as- 
similirenden oder crystallisirenden Qruppirung. Dort an- 
einanderreihend aufsteigende Analyse, hier Von gegebenem 
Mittelpuncte aus handelnde Synthese. Dort begleiten wir 
Gottes Schöpfungswerk, d. h. den mit solcher Wirkung spre- 
chenden Gott-Schöpfer, Schritt für Schritt von „Anfang" 
(rr^o^nn) bis zum „VoUbrachtseyn" (ib^-^i, bD-^i 2, 1 f); hier 
sehen wir alles von einem bleibenden Stand- und Ruhe- 
puncte aus vor sich gehn, und dieses Centrum ist nun die 
menschliche Creatur, bei der wir, sogleich in mediam rem 
geführt, von Anfang bis Ende stehn bleiben, nur beobach- 
tend, wie und woraus sie entsteht, wo sie ist, was sie thut, 
entbehrt und empfangt. Um den Menschen her, womit das 



Einheit der beiden Seböpfungsberichte. H 

Sechstagewerk in I geschlossen hatte, gruppirt sich, als um 
das nunmehr einzige Interesse, in II Alles. * Eins nach dem 
andern tritt an ihn heran und in Verhältniss zu ihm; eins 
erinnert dabei nur an das andere, auch wenn dieses schon 
vor ihm existirt hatte: eben die Beziehung zum Menschen 
nöthigt, es in Erinnerung zu bringen und auch in der eben 
durch ihn bedingten Ordnung. Der Mensch hält hier Alles 
zusammen. Kimm ihn hinweg und die ganze Schöpfung in 
II fällt auseinander. Der Microcosmus der Menschheit** füllt 
dieses U. Bild aber nur auf dem Hintergrunde und in leben- 
diger Umrahmung des Macrocosmus von I. — In diesem 
Lichte schwindet das Abrupte und Verkehrte, um planvoll 
Geordnetes und überraschende Harmonie hervortreten zu las- 
sen, nicht nur in sich und nach Cap. I hin, sondern auch mit 
der in gleicher Methode und Richtung gehenden ganzen Folge 
des Buches. 

Einleuchtend und zwingend wird diesen allgemeinen 
Standpunct der Beurtheilung von dem Verhältniss der beiden 
Schöpfungsberichte nun auch die nähere und concreto Be- 
trachtung des wirklichen und wahren Zusammenhanges des II. 
mit sich selbst wie mit dem I. als den allein richtigen erweisen. 

Hierzu müssen wir uns vor allem über den eigentlichen 
Wendepunct, jene anscheinend verschwimmende und verflies- 
sende Nebelregion des Ausgangs von Bericht I und des Ein- 
gangs von Bericht H, also über die Scheideraark des streitig 
gewordenen Grenzgebietes klar werden. Wir fragen denn: 
wo schliesst Bericht I, und wo beginnt II? 

Da V. 3 entschieden zur I. und V. 5 entschieden zur 
n. Erzählung gehört, so kann über die Zugehörigkeit zu der 
einen oder andern nur V. 4 streitig seyn, ohne dass er dabei 
nothwendig, nach gewöhnlicher Annahme, in seiner Totalität 
zu I (bes. d. Ergänzungshypothese; v. Ewald, Delitzsch 
132 ff.) oder H (Urkunden- und Fragmentenhypothese; Baum- 
GAKTEN, KuRTZ, V. HoFMANN Schriftbew. I, 206, Keil, Henq- 



* fpvoioloyßiv — Bagt schon Joseph. AA. 1, 2 — Matvo^s fiatä 
T^»' ißSonTiv iiQlaxo nsQl t^c tov av&gcanov xaraaxsvijt, 

♦♦ Homo ^ytotma üniverai epüome^ *|1Üp öb^, fiM^onoofios^'* Jo, 
GisBARD, Gomm. sup. Genes. 1693 p. 80. 



12 Einheit der beiden Schöpf ungsberichte. - 

STENBERG, Eb. Schrader Stud. z. Grit. u. Erkl. d. bibl. IJr- 
gesch. 1863 S. 36 f., Schultz ; A.; Masor. mit vorausgeh. 
'c als Pethuche) gehören müsste^ oder wohl gar syncreti- 
stisch zu I und II als Unter- und Ueberschrift oder als lieber- 
gang gleichmässig gehören könnte (K. F. ßiNCK, üb. d. Ein- 
heit der mos. Schöpfungsberichte 1822 S. 18; vergl. Knobel). 
Vielmehr kommt der Vers hierbei auch je nach seinen beiden 
Hälften in Frage. 

Er beginnt: dN'nania y^^m ü'^ttiört mibnn nb«, „Das 
sind die Entstehungen des Himmels und der Erde, 
als sie erschaffen wurden." Der letztere Zusatz bfinana 
ist nichts weniger als müssig : durch die ausschliessliche Be- 
deutung der Wurzel «*13 als ur- oder erschaffen, welche 
durch den alliterirend absoluten Zusatz von «^n n-^iöfi^^a 
im Eingange 1; 1 noch ausdrücklich bestätigt wird, will er 
von mibin die Auffassung als einer spontaneen Entstehung 
oder blossen Entwicklung ausschliessen, mithin eine wirk- 
liche „Erschaffungsgeschichte von Himmel und Erde" marki- 
ren, ebenso wie durch seine ganze Form (D«^:3tis) diese 
Schöpfungsgeschichte auf die wirkliche Schöpfungszeit (das 
Höxa- und Heptaemeron) einschränken (S. 15) und damit von 
aller . nachherigen Greschichte und Entwicklung sogar aus- 
drücklich abgesehen wissen. 

Die Frage ist nur, ob diese erste Hälfte des 4. V. auf 
das so eben Erzählte (Bericht I), oder auf das weiter von 
der Schöpfung Mitzutheilende (Bericht II) gehe, d. k ob es 
Nachschrift oder Ueberschrift (Epilog oder Prolog) seyn solle. 
Alles weist auf Ersteres, auf Abschluss des vernommenen 
I.Berichts. Wir dürfen, wir müssen die Worte so fassen. 

Die Möglichkeit dieser Beziehung liegt darin, dass 
Si Vn, hier maassgebend, an sich, wie das Demonstrativum auch 
in andern Sprachen, ebenso vor- als rückblickend seyn kann : 
zurückblickend z. B. eben in unserem Buche selbst 35, 26 
ipi^"! ^^'n rtbN als correspondirende Summirung, wozu der 
Eingang V. 22 (ohne nb«) gewesen »nttjy D"^:«) np^'' "^ili rtr^v, 
ferner 10, 20 önriD^wb Dn "^sn Sib« und V. 31 taiö -^^ri tib« 
'lÄT dnnD'25?ab, beides wiederum in Correspondenz bez. zu V. 6 
und 22; ja noch weiter zurückgreifend V.32 HD ^^^ ntiDtJ» nb« 
Dmbnnb (also tib« auch selbst mit mnbnn, in Abwechslung 



Einheit der beiden Schopfungsberichte. 13 

mit dem verwandten nnn&ü^;) als Schluss eines Abschnitts, 
welcher V. 1 entsprechend anfing mit na ''3^ mbnn nbNi; 
ebenso wie 36, 19 abschliesst mit dir^enb« SibNi lü^ "«i:: nb« 
Din« Kin nach dem symmetrischen Beginn V. 1 n*ibin rtbNi 
ÖTIK t^i'n niö5^. * Gleiche Correspondenz von Ein- und Ausgang 
findet nun auch bei dem I. Schöpfungsberichte statt, welcher 
anhob mit y^n^n n«"» D'^»«n n« ü'^nb« «na rr^ttSfi^^nä und 
nun mit taK^iürrn y*nNm D'^TattDn rmbin nb«, gleich als 
mit einem Quod ei^at demonstrandum^ abschliesst, wo bedeut- 
sam nicht nur das Verb. N*in, sondern auch yn^m d'^»U)n in 
gleicher Folge und gleich articulirt wiederkehrt,' während 
schon im nächstfolgenden Versgliede (4 b) alles ganz anders 
ist. Dass nun aber nicht auch zu Anfang *^y\ riTibin Hb« 
(was Ilgen, Pott, Schumann, Knobel, Schrader wirklich 
von 1, 1 durch den „Jehovisten" erst nach ?, 4 a versetzt 
glauben), sondern hierfür rr^iöö^^^a steht, kann nur mecha- 
nische Anschauung tadelnswerth finden oder der Beziehung 
von 4a zu I entgegenstellen wollen, da grade die aus- 
nahmsweise gewählte Ür-Eingangsfofm ungleich vielsagender 
und grossartiger, überhaupt eben so einzig an ihrer Stelle 
ist** Dass übrigens rib«, zugleich die weiterhin übliche 



* Demnach unrichtig, wie auch unsicher, Pott, De antiq. do- 
cum. Gen. II. et III. in SyUoge comtnentt, tkeoL /, 270: „Voc. ribfi^ 
quoties hoc nexu deprekenditur non tarn ad ea quae praecedtint quam 
ad ea quae sequuntur re/erri tolet,^^ Vielmehr bestätigt sich an jenen 
Beispielen und sonst mannigfach (Nura. 3, 1—3; vgl. Gen. 11, 27. 25, 
12. 13. 19. 36, 40. Ruth 4, 18) die für uns. St. wichtige Beobachtung 
(Faoius b. Mariorat, Genesis c. cath. ezpos. eccl. 1562 p. 15 sq.): 
yyDicwnt Hebraeiy in quocunque loco dicitvr ilbi^, dirimit praeceden" 
tia a seqq., ztbi vero dicüur Tht^\ conjungit seqq. praecedentibue. Est igitur 
Th^ hie non ad seqq.j sed ad praecedd, referendum — epilogus enim 
est praedictorum.^^ 

** Eben durch diese aussereinzige Beschaffenheit hat unser firster 
Abschnitt nicht- bloss ein Hecht, sondern auch die Nöthigung, das 
in der Genesis überhaupt Sectionen bildende (s. unt.) und ein paarmal 
(6, 9. 11, 10. 37, 2) auch als Ueberschrift genealogischer Abschnitte 
vorkommende xmbin Slb«, was von 'n rtbKI zu unterscheiden 
(s. vorh.) und auch überall in anderer Bedeutung, als hier 
uneigentlich von Himmel und Erde, nämlich von wirklicher mensch- 
licher Generationsfolge und ihren Geschicken steht, um es 
bei dieser obschon durchaus anders angelegten Ersten Section nicht ganz 



14 Einheit der beiden Schopfangsberichte. 

Correspondenz schon jetzt herstellend^ auch ohne ein voraus- 
gehendes nbfit(i) im Abschluss stehn könne, bezeugte uns 
vorhin schon 35, 22—26. 



entbehren zu müesen, analog dem sonstigen Srtbfc< (10, 31. 32. 35, 26. 
3ß, 19) nachzubringen, nachdem es am Eingange in ungleich entspre- 
chenderer Form schon thatsächlich gestanden hatte. Ausserdem weist, 
nach Ilgbn, Delitzch (133) auch noch auf den Schein eines Gesammt- 
titeis hin, den rmbin SlbN an der St. 1, 1 gehabt hätte. 

Danach erscheint m^bin selbst überhaupt entweder eigentlich, d. i. 
persönlich, oder uneigentlich, nur personificirend, d.i. sach- 
lich. Im ersteren, persönlichen Falle ist es Abstammung, Ab- 
stammungsreihe, real- ideale Entwicklung von jemand, sammt der 
accidentalen Geschichte, synecdochisch zugleich das Werden des 
Stammvaters selbst und seine eignen Geschicke miteingeschlos- 
sen, s. 25, 19 riN T^bin DniäK Dn^:aK p pnas*^ mbin nbNi 

pnSfc*^, vgl. 5, i.; Nura. 1, 20. Im andern, sachlichen Falle steht 
es hier 2, 4., wo menschliche Personen noch nicht existirten, von Him- 
mel und Erde. So weit muss das auch die uns entgegenstehende Ver- 
tretung der Auffassung von m^b*in rtb« als einer Ueberschrift 
des Folgenden anerkennen, mag man nun nibbln selbst transitiv 
(als „Hervorbringungen", Dbl. 133; Schultz 351) oder intransitiv (als 
yEvvr,fiaTat wie Aq. 5, 1) oder mehr schwebend nehmen (als „weitere 
Entwicklung", Baumo. Pent. I, 33 f., oder Geschichte des Himmels und 
der Erde nach ihrer Erschaffung, Kbil BB.Mos. I, 38 ff., vgl. v. Hof- 
MANM Schriftbew. I, 206). Lassen wir immerhin die activeBed. der Form 
rmbin als die erste gelten, obwohl z. B. das analoge 5U3in (Wohner 
V. yO'^) sofort intrans. ist und auch selbst das von Dsl. u. Schultz ange- 
fUhi-te rilK^in (allerdings zunächst wohl Ausleitungen, Ausmühdun- 
gen) von Gesen. wie von Fürst primär als „exitus, Ausgänge" erklärt 
wird. Aber auch in dem Falle ursprünglich transitiver Bedeutung 
von rmbin ist das Verhältniss nur analog dem des sinnverwandten 
griech. tokos, yot^og {yovi^) und tpifatSf welche gleicherweise die 
transitive Bedeutung mit der intransitiven verbinden, mag nun, wie 
in dem ersten Falle, die erstere oder, wie in den übrigen, die 
andere vorausgehen, und zwar dies nicht ohne inneren Zusammen- 
hang mit den gleichen Verbal • Absprüngen von der transit. Bed. zur 
intransitiven eben bei yayova (neben dem medio-passiven yeyevtifiai) 
gleichwie bei itpvv imdnäfVMa von dem in Präs., Fut und Aor. 1 trans- 
itiven fvo). Daher denn auch schon die griech. Wiedergabe unserer 
St. von A q. und S y m m. als ysve'aaie und von LXX als {ßißkos) ysve- 
oBcag (vgl. 5, 1) bestimmt intransitiv lautet, und zwar letzteres ganz 
so wie der Eingang des N. T. (Matth. 1, 1) als ßißloe ysväaBws U^oov 
X^iatov , viov Javt8, vlov 'Aß^adfi sc. t. A.» wo Jesus Chr. eben nicht 
Factor, sondern Subject und sogar allerausserster Spross der yivtots 



Einheit der beiden Sohöpfongtberichte. 15 

Aber nicht allein befugt sind wir zu dieser abschliossen- 
den Fassung des 'n tibM an uns. St, sondern auch ge- 
nöthigt, da es sich hierzu materiell wie formell ebenso 



ist (V. 16 ; vgl. 18> Und wie konnte man hinwiederum dieseB ßiflXog y^vi" 
090 € wohl genauer in das Hebräische surückUbersetzen als eben durch 
mnbin ^©O (Gen. 5,1)? Ja wie möchte das ganze Buch der „Genesis*' 
im Hebr. sachlich überhaupt besser bezeichnet werden können als eben 
mit ni'lbin 1DDV Sind doch solche Metastasen der Action in das In- 
transitive nicht unerhört (Wimbr Gr. 224 f.), wie andererseits hier 
besonders naheliegend n'lbl?^, was Ezech. IG, 3. 4 ytvtois (LXX), 
Gen. 48, 6 iMyova bedeutet. Ganz analog für die Umbiegung von 
ni'lbin zur intransitiven Bedeutung ist grade für unsern Fall das 
auch sachliche noofAoyovia (xoofioyt'vata) , ursprünglich wohl auch 
Welthervorbringung und technisch doch nichts anderes als Weltent- 
stebung, wogegen dieselbe Bildung in persönlicher Zusammen- 
setzung, wie raxvoyovia (d-eoyovio), oder auch sonst dire et -organi- 
scher, wie HaQnoyovia, Hagnotoxia^ nur activ, von Erzeugung, steht 
Der Angelpunct, um den sich die Erklärungsvariante von mnbin 
bewegt, liegt iiidess nicht sowohl in der Bedeutung des Wortes an 
sich, ebensowenig als in der des obigen griechischen, oder in der 
des deutschen „Geburt" (Luth. b. Matth. a. 0.), als vielmehr in der 
mitwirkenden Potenz seiner Umgebung und Verbindung, nament- 
lich des beigefügten Genitivs, ob dieser subjectiv oder objectiv 
steht, im ersteren Falle als Zeugung oder Hervorbringung durch, im 
letzteren als Entstehung von etwas, worüber aber einzig und allein 
der topische Zusammenhang entscheiden kann. Dieser, also auch 
in unserem Falle ausschliesslich maassgebend, weist nun eine transitive 
Zeugung des Himmels und der Erde, und darin mit eingeschlos- 
sen die Beziehung von 2, 4a zu 11, entschieden ab aus folgenden 
Gründen : 

1) Der doch keinesfalls müssige Zusatz Dt^l^^^ („da sie erschaffen 
wurden") beschränkt die nnbin ganz eigentlich auf die Zeit der p as si - 
Yen Erschaffung von Himmel und Erde (ob. S.12), die in dem Moment 
ihrer eignen Entstehung doch nicht auch schon wieder erzeugen konn- 
ten. Ebenso determinirt auch die Stelle von gleicher Formation Num. 3, 1 
Wttl ITlSlK nnbm JlbKl (worauf von Nachkommen Mosis ebenfalls 
gar keine Rede ist) durch den Zusatz ^5i:3 rwn n« mh'» ^n^ ÖT^a 
''3''Ö die m^lbin ausdrücklich auf jene sinaitische Zeit, gegenüber 
einer späteren. Die unserer epilogischen Auffassung entgegengehal- 
tene ähnliche weitere Stelle 5, 1 q-^nb« «i:3 Dva Dn« mbin ^tO nt 
'•1^1 in» n«!]^ D-^nb« niTana DiN , worauf V. 2 am Schlüsse DrS 
DÄ'iäSl, ist, genauer angesehn, nicht allein nicht dawider, indem DT^3 
^"^la V. 1 grammatisch gar nicht zu DHN rTlblD ('IBO Sit) gehört, 
sondern auf das Folg. geht, dass Gott bei der ersten Erschaffung 



16 Einheit der beiden SeböpfnngBberidito. 

trefflich eignet als es zu Einführung des folgenden Ab- 
schnitts in beiderlei Hinsicht unpassend ist. Materiell: 
denn im II. Bericht ist auch von ^^Entstehungen des Him- 



des Menschen ihn in Sein Bild schuf (jetzt nicht ohne Hindeutung 
auf dessen Verlust , s. u.) ; vielmehr zeugt V. 2 durch DK'lSSl ÜT^^ 
nach D'lfc^ ÜWIÖ nN K^P'^1, indem sogleich die Erst erschaffenen D^N 
genannt wurden (s. 1, 26 f. 2, 7), grade für uns. 

2) Die Metapher von „zeugenden^' oder eigentlich „gebären ma- 
chenden" Himmel und Erde (wie das caus. Hiphil von "ib"», „gebären", 
verlangt) hätte zwar vielleicht, obwohl in zwiefacher Abschwächung, 
eine Analogie bei dem Propheten Jes. 55, 10 („Regen u. Schnee macht 
sie, die Erde, gebären", STT^bltl, zudem mit der erklärenden Parallele 
tltr^Taittl, „macht sie sprossen"), sie wäre aber in dieser unserer pro- 
saischen Erzählung schon durch ihren plötzlich auftauchenden und so- • 
fort wieder abfallenden hochpoetischen Character mehr als auffallig, wo- 
hingegen das intransitiv verstandene mibin, als Entstehung odei* Ur- 
sprung, eben schon in dem prosaisch, ja scientifisch geläufigen xoafMo- 
yovia u. dergl. ein [viel näherliegendes und einleuchtenderes Seiten- 
stuck besitzt. Dazu kommt, dass jene kühne Metapher eben für II 
nicht einmal bezeichnend ist, da sie für den Inhalt von I an sich 
mindestens ebenso zutreffend wäre, wonach also die vermeinte active 
Bedeutung von mibin für dessen Zugehörigkeit zu 11, als zu viel 
beweisend, ohne Beweiskraft ist Ja noch mehr: 

3) Es würde mibin in diesem transitiv -poetischen Sinne als 
Ueberschrift von II auch noch materiell schlechthin unpassend seyn, 
.mit dem wirklichen Inhalte des folgenden Stücks sich absolut nicht 
decken, da in demselben von „Zeugungen des Himmels und der 
Erde" nicht das Mindeste zu lesen ist, und zwar von Zeugungen des 
Himmels auch selbst nicht indirect, indem Y. 5 f. sogar der Begen 
ausgeschlossen wird, und auch nicht secundär als MIteinfluss von 
„Sonne, Mond und Sternen" (Schultz), was niclit nur der Erzählung an- 
gedichtet, sondern auch schon durch die primäre Stellung von D'^WttStl 
unzulässig wird. Aber auch Zeugaugen der Erde wären als Inhalts- 
angabe von U, etwa wegen Plastik des Menschen aus Staub vom 
Erdboden (V. 7) und der von Thieren ebendaher (V. 19) oder wegen 
Pflanzung eines Gartens (Y. 8 ff.)? durchaus inadäquat, noch vielmehr 
aber wenn diese Ueberschrift eben zur Abhebung von I dienen sollte, wo 
in dem ungleich voller und systematischer aufsteigenden Hexacraeron 
auch selbst einzelne Ausdrücke, wie 1, 11 *^y\ NIÖT '}^*TÄM NttJ^in und 
darauf Y. 12 'n:»1 «1ö^ yn«tl «iTini, an solche „Erderzeugungen« weit 
eher erinnern könnten. Eine mit den „Zeugungen des Himmels und 
der Erde" in H beabsichtigte Hervorhebung des Menschen, sofern 
er seinem besseren Theile nach vom Himmel, seinem niederen Theile 
nach von der Erde stamme (Henostenbebo, £v. RZ. 1862 Nr. 5 f.) , zu 



Einheit der beiden Schöpfungsberichte. 17 

mela^' nirgends und von denen „der Erde" ebenfalls nicht, 
sondern nur von denen der Menschen, daneben der Para- 
diesgewächse und gewisser Thierclassen die Rede. Und 
auch formell: denn Bericht 11 handelt weder von einem 
«*i:3 (ur- oder erschaflFen), vielmehr, ausser "iJfc*^ und nsn, nur 
von rmy und zwar schon in dem fraglichen (4.) V. selbst; 
noch findet sich in ihm dieselbe Structur und Aufeinander- 
folge der nächstzugehörigen stetigen Stichworte "piKm d'^WTört 
aus Ber. I (1, 1. 2, 1 wie jetzt 2, 4 a), wovon daher 2, 4 b 
alsbald um so greller absticht durch ti'^^t&i y^t^ niiDS^ und 



der er auch Bchon laut des folg. Cap. [aber nach dem alterirenden 
Sündenfalle!] wieder werden solle (Schultz), entspräche vielleicht 
modern- physiologischer Phraseologie, ninunermehr aber der Einfalt 
unserer beiden Berichte von Erschaffung des Menschen durch das 
Wort und den Anhauch wie nach dem Bilde des lebendigen Gottes, 
für welchen die heil. Schrift niemals „Himmel^* sagt. Statt solcher 
schier deistisch anlautenden Verwischungen ist es im Gegentheil offen- 
kundige Tendenz des H. wie des I. Berichts vom Anfang bis zum Ende, 
jede automatische Selbstentwicklung der Schöpfung abzuschneiden 
und vielmehr alles und jedes auf Gottes allmächtiges Wort und Schaf- 
fen zurückzuführen , daher denn , wie oben in I (S. 2 ff,), nun eben 
auch in II immer und immer wieder ausdrücklich gesagt wird : Jehovah- 
Gott machte Erde und Himmel (2, 4 b), Jehovah-Gott liess nicht reg- 
nen (V. 5), Jehovah-Gott gestaltete den Menschen aus Staub von dem 
Erdboden und hauchte in seine Nase Lebensodem (7), Jehovah-Gott 
pflanzte einen Garten und setzte dahin den Menschen (8. 15), Jevo- 
vah-Gott liess sprossen aus dem Erdboden allerlei Bäume (9), Jeho- 
vah-Gott gestaltete aus dem Erdboden alle Thiere des Feldes und 
alle Vögel des Himmels (19), Jehovah-Gott baute die Rippe, die er 
nahm aus dem Menschen, zu einem Weibe (21 f.), — was alles mit den 
vorgeblichen „Erzeugungen des Himmels und der Erde**, sey es nun 
Ueber- oder Unterschrift, im grellsten Widerspruche stünde. So wird 
die transitive Auffassung von nibbln bei II wie bei I durch den In- 
halt und Zusammenhang zur Unmöglichkeit und die intransitive als 
Entstehung oder Entstehungsgeschichte (Ursprung und Entwicklung) 
zur Nothwendigkeit, wobei übrigens „der Himmel und die Erde" hier 
allenfalls auch im ganz gleichen Sinne als zu Anfang in 1, 1 von 
der ersterschaffenen und eben in den nilbin weiterentwickelten Ur- 
masse (S. 2), also beides zusammen mit derselben Synecdoche würde 
stehen können, als in der oben angeführten genealogischen St. 25, 19 (5, 1), 
wenn sich dem nicht das eben die nibbln determinirende (S. 12.15; 
ScHRAD. 32) Dfi^l^tli, welches sich dann wohl auch ausschliesslich auf 
das engere fi^'n^ in 1, 1 zurückbezöge, entgegenstellte. 

UOELEMANN, Neue Bibelitudiou. 2 



18 Einheit der beiden Schöpfongsberichte. 

ebendamit zunächst von 4 a sich scharf abhebt. Ueberdem ge-. 
hört m*ibin rib« ausschliesslich und characteristisch nur ;,elo- 
bistischen^^ Abschnitten an (s. u.). 

Ist 2; 4 a schon hiernach keine Uebersehrififc des Folgea- 
den und vielmehr Haupt- und Generalabschluss des ganzen 
vorhergehenden und eigentlichen Schöpfungsberichts^ so würde 
dieser ohne jenen auch einen sehr fühlbaren Mangel an 
sich tragen. Zwar das Hexaemeron ist abgeschlossen (1, 31. 
2, 1); nicht aber auch das grössere Heptaemeron. Wie nun 
aber analog sogar jedes einzelne Tagewerk seine vorläufige 
kürzere Abschliessungsformel hatte, namentlich als :2^Sf '^tr^i 
'i:in ^pn '^n'^1 und zuvor als p "^rr"«!, sowie mit mü "»D D\^bN N't^t 
V. (4.) 10. 12. 18. 21. 25; und dann wieder eben das ganze 
Hexaemeron als solches V. 31 die entsprechend gesteigerte 
IKTa äiü nsm niö3> ^^J* bs n« Ci'^Jib« «^"^i, noch dazu mit- 
ÖNüsr blDi yiKm D''72iön ibs-^i (2, 1 f.): ebenso erheischt das 
hier sichtbar waltende Gesetz proportionaler Symmetrie, dass 
nun, nachdem inzwischen noch dem, ausdrücklich den 6 Schöp- 
fungstagen als Siebenter mit zugezählten, höheren und 
letzten Tage sein volles gebührendes Recht (2, 2 f.) ge- 
worden, schliesslich auch noch das ganze Heptaemeron 
als solches in einem besondern und absoluten Finale 
ausgehe, was denn eben geschieht in jenem kräftig summiren- 
den DNiana y^fi^m ü-^Ättin mnbin nb«. 

Die Gegenprobe für das hiermit total Abschliessende 
liegt überdem auch darin, dass, würde V. 4 b mtr^ mtt^y Di*>!: 
ö'^73Töi. yiN ö'^Sib« noch unmittelbar dazugezogen, nicht nur 
ein plötzlicher und durchgängiger Wechsel in der bis- 
her consequent gebrauchten Ausdrucks weise auftreten, son- 
dern auch an eine bisher überall so präcise und treffend an- 
gemessne Darstellung sich unmittelbar eine ganz heterogene 
und unleidliche Tautologie, nicht etwa nur „breite Male- 
rei" (Schultz 356), sondern eine völlig unnütze und störende 
Zuthat ohne Gleichen anheften würde; wohingegen dieselben 
Worte an die Spitze des folgenden Abschnittes gestellt 
als ein dort ebenso bedeutsames wie nothwendiges 
Stück erscheinen werden. 

Nach alle diesem kann es nichts gewisseres geben, als 
dass genau auf dem höchsten Grate von 2, 4 die Wasser- 



Einheit der beiden Schöpfungsberichte. 19 

scheide von Bericht I und II steht, wonach denn 4a mVm 
DNiana y*iN?n D'^Ätön mnbin das letzte Nachwort zu I, das dort 
ganz unstatthafte ö-^ntöi yn« D-^rtb» mrr» nro» Dva 4 b da- 
gegen den ersten Eingang zu U bildet , was auch bereits 
Drechsler, Steudel, Bertheau, Nägelsbach u. A. (s. o. 
Knob.) angenommen haben.* 

Setzt nun aber demzufolge mit diesem mn^ DWif Di*^ä 
D'^tttDi Y^» D^tib« (4 b) ein neuer Abschnitt ein, so ist das 
ein noch unvollendeter Qedanke, nur der Vordersatz eines 
solchen So gehört denn auch V. 5 rr^rr' Diu miört n*^« bDi 
'iai Y^»^ nothwendig dazu als Nachsatz, welchen eben t ein- 
fuhrt. Die Rechtfertigung dieser (von Knobel getheilten) 
Auffassung enthält schon C. 3, 5 DD-^^-'y inpD3i 15»» ^bD« Dra, 
wo Qi'^ä seq. Inf. ebenso den Vordersatz und dann i ebenso 
den Nachsatz bildet (Vgl. Exod. 32, 34 -»mpoi "^piD DT'ai, 
oder auch Gen. 40, 9 rtsm "^TDibna.) Den Einwui-f (von De- 
UTZSCH und Keil), dass an uns. St „nicht das Verbum, son- 
dern das iSomen (/iai blDi) voranstehe'', würde schon v. Ewald, 
ALB. §. 348 a beseitigen, wonach „n in jedem Zusammen- 
hange und vor jedem Worte den Sinn der Gedanken- 
folge haben kann;'' ausserdem aber ist unser Satz durch 
seine Negation so geartet, dass, wenn hier ein Nachsatz 
eintreten sollte, das i unmittelbar an ein Verbum nicht ein- 
mal gelangen konnte. Hätte doch übrigens das n auch so- 
gar wegfallen dürfen, wie V. 17 nwn m» 137373 ^bDN üv:i 
(vgl. 5, 1 f.) zeigt Der weiter hinausgeschobene Beginn des 
Nachsatzes mit V. 7 nsT'^'^i (v Ew., v. Hofm., E. Schrader) 
hat nicht nur jene nahe Analogie mit dem einfachen n (3, 5) 



* Hält Dblxtzbch (642) entgegen, „die elohistisohe Formung des 
ganzen Verses lasse keine Theilung xu'S so könnte dieses Urtheil, da 
4b sich augenfäUig nnd durchgängig von 4a unterscheidet, nur das 
Criterium sogenannter elohistiscber Formen und Farben unsicher ma- 
chen. — Namentlich wohl um auch yi^H'i D'^WöJl mit «'ns in II zu 
haben, zo^ Kubtz, auf dessen scharfsinnigen Erweisen sonst meist 
fortzubauen war, 2, 4-a mit zu II, wie umgekehrt Ramke, um Slirc^ 
D'^ilbfi^ (worüb. unt.) auch in I aufweisen zu können, 4b mit zu I. 
Allein die Absicht, auf so entgegengesetzten Wegen die Einheitlich- 
keit der beiden Schöpfungsberichte zu erweisen, schlägt durch solche 
Trübung der planmässigen Eigenthümlichkeit jodes einzelnen viel- 
mehr in den entgegengesetzten Erfolg aus. 

2* 



20 Einheit der beiden Schopfongsberichte. 

nicht für sich, sondern auch die Härte einer so langen Paren- 
these (V. 5— 6) wider sich, nicht zu gedenken, dass so der 
Widerspruch zwischen I und U gleichsam gesucht wird.* 

So beginnt denn Bericht 11 (2, 4b f.) mit der Bemerkung: 
„An dem Tage, wo Jehovah-Q-ott machte Erde und 
Himmel, da war noch gar kein Strauch des Fel- 
des auf der Erde, und gar keine Staude des Fel- 
des wuchs noch", — auf der ganzen Erde also weder 
höhere noch niedere Vegetation: geschweige denn (conclus. 
a min. ad mctf.) ein essbares Elraut, geschweige denn ein 
Baum, oder gar ein Frucht bäum. Das für den Genuss des 
Menschen Ungeeignete wird durch den jedesmaligen Zu- 
satz ?Tiiön (agreste, Feld- d. h. wilder Strauch, wilde Staude) 
scharf betont, wie dasselbe denn auch schon darum nicht 
„Culturland" seyn kann (Kejl I, 44, J. P. Lange BW. 
Gen. nach Güsset., de Dieü, Hasse b. Rosenm. und 
Seh um.), weil das parallele mtsti rr^n V. (19 gener.) 20 
dann auch Culturthiere bezeichnen, also mit seinem Gegen- 
satze (rtTsins V. 20) zusammenfallen müsste. Der Gegensatz 
von rt'T'O (Feld, vgl. 3, 18., wo der durch seinen Fall de- 
gradirte Mensch eigentlich M^iiört stD3> gemessen und die- 
ses sich ihm erst durch die Bearbeitung im Schweiss sei- 
nes Angesichts in Brodt verwandeln soll V. 19, und Num. 
22, 4 „wie der Stier leckt Sriiön p^-^ n»'0 U^g* vielmehr in 
dem sich hiermit, als einer doppelten Folie, bereits anbah- 
nenden folg. pyn )> (einem eingehegten Garten in Eden), ** 



* Die alte Erklärung (LXX, Vulg., Lüth., Fao., Ft. Mabtyr Comm., 
Pblabg. in Genes., Clebic, auch L. Schmid), das beidmalige bD als 
Accus., von nnU)9 V. 4 abhängig, und dabei Diu als D1t31 (LXX 
n^o, Vulg. arUequam^ priiisquam) zu fassen, hat diese sprachl. Schwie- 
rigkeit ebenso wie die Unaugemessenheit des Gedankens, zumal an 
dieser St., gegen sich. Unhebräisch auch Richebs (Schöpfungsgesch. 188) 
D*1t3 bD „noch nicht alles." 

** Darum ist SHttStl rr^n nicht ohne weiteres s. v. a. 'J^lfi^tl H^tl 
(yi» irr^n) l, 24. 25. 30 (womit die Unvereinbarkeit von I mit II hat 
verstärkt werden sollen), und vielmehr eben auch nur Gegensatz der 
Gartenthiere. Das Wild ist draussen; doch lässt es Gott V. 19 f. 
mit vor den Menschen kommen. Für Keebl, „d. Einheit der bibl. Ur- 
geschichte" mit namentlicher Beziehung auf unsere vorliegende Schrift, 
dabei aber auch den oben S. 9 gerügten MiBsverständnissen (Basel 



I 



£inheit der beiden Scböpfungsberichte. 21 

den Jehovah-Gott selbst fUr den Menschen anpflanzt mit 
ansehnlichen und köstliche Frucht tragenden Bäumen 
(V. 8 f.). Wir sehen demnach schon in jener^ keinesfalls 
müssig anhebenden, Negation des II. Berichts^ welche übrig, 
in nnan irrn 1, 2 ihren positiven Pendant findet, einen An- 
satz zu dem Centrum dieser Pericope; dem Menschen. 

. Die nächste Ursache ("»s) jenes baaren Vegetationsman- 
gels ist ein doppelter: 1) (von oben) „Jehovah-Gott liesB 
nicht regnen auf die Erde", 2) (von unten) „Menschen 
existirten nicht (l^K dl«) zu bauen den Erdboden". ♦ Weist 
dies letztere auf die aus Cultur zu erzielende, eben zu 
Menschennahrung geeignete, feinere Vegetation in einem Edel- 
undKunstgarten, wie eben imPradiese, hin, so schliesst Mangel 
an Segen auch sogar die wilde (des n^^) aus. Jenes l*^K bne< 
aber ist sogar auch schon ein directer Fingerzeig , wohin — 
ebenso wie auch I sogleich in 1, 2 (y"i«Jn) seine Richtung 
nahm — nun dieser II. Bericht strebe, nämlich zum Men- 
schen, als seinem eigentlichen Object, um dessen willen 
allein Jehovah-Gott hier schöpferisch handelt.** 



), ist Sl*ltt5il (sammt tn9a*lÄ?1) identisch mit Eden, „ein mittle- 
res Gebiet zwischen dem Paradies und der £rde im Allgemeinen** 
(yi«), „das Weichbild jenes, von welchem noch Strahlen auf dieses 
fallen" (S. 58 f.). Dageg. tniö als „noch höherer Natur als Siwn«" 
ßlCHEBS S. 182. 

* Beiläufig ruht wohl mit hierauf Mich. 5, 6 rri^T^ nN)3 büSS 

ö^iN «^inb bn-i-i «bn lö-i^b mp*^ »b ^id« s^3> -^bs^ D-^n-^niiD. 

** Diese einfache Lösung des Bedenkens, dass hier die Vegeta- 
tion ja doch vom Daseyn des Menschen abhängig gemacht werd(^ (ge- 
gen I und granum salia), findet auch in dem entsprechenden Verb. 
tlTSät*^ Bestätigung, da „sprossen" durch Begen, nicht aber durch Men- 
Bchenhand bedingt seyn kann, deren SlW'IIStl nK 111^ vielmehr auf 
„Erdarbeit", spec. „Furchen" (Pübst, HWB. II, 102) hinauskommt. Nicht 
einmal das Pflanzen kann jetzt dazu gerechnet werden, da dies, neben 
Erschaffung des Menschen V. 7, Gott selbst vollzieht (V..8 ^ü^l, vgl. 
HttStiT V. 9). Dem Menschen bleibt hierauf nur ein *lä3> des schon 
angepflanzten „Gartens" überlassen (V. 15); das SlTanNtl n« ^33^ 
hingegen wird erst infolge des Sündenfalles, als schwere Strafe, mit 
der Vertreibung aus dem Paradiese, in derselben continenten Erzäh- 
lung 3, 17 ff. sein Theil. Da nun jener Zweifel kaum annehmen wird, 
dass die Vegetation der Erde bis dahin ganz ausgeblieben sey, so 
lässt ihm diese Instanzenkette nur die Selbstauflösung übrig. 



22 Einheit der beiden Schöpfangsberichte. 

Statt der Niederschläge (des Regens) zur Erde, wohin 
noch aller Zug fehlte, gab es vielmehr aus der Erde fort und 
fort aufsteigenden Dampf (Y^iü^ri *\n nby*» nNi), der eben da- 
durch zugleich die ganze Erdbodenfläche iiässte (bs n« nplöt^^ 
üTaiNn •15B), dies jedoch nicht etwa als ein Surrogat des be- 
fruchtenden Regens oder als Thau (Onkel., Kimchi, 
LüTH., Pt. Martyr, Müscül., Moldenh., Richbrs, wie zu- 
meist, s. Critt. SS. Frcf. VH, 634 sq.), weil ja eben dabei auch 
nicht einmal ein Strauch oder eine Staude des Feldes wuchs. 

Hier fragen wir unwillkürlich, in welchem Stadium der 
Weltschöpfung wir nach diesen zusammengehörigen und, 
neben jener teleologischen Anlage, durch ihre prägnante Aus- 
wahl jedenfalls characteristisch gemeinten Indicien — nega- 
tiv der Abwesenheit aller Vegetation und positiv ununter- 
brochenen Ausdampfens der" Erde — uns befinden? Ohne 
weiteren Anhalt wäre das freilich immerhin so wenig präci- 
sirt, dass wir eine auch nur annähernde Orientirung in der 
Zeit daran nicht hätten, weder in der Richtung nach rück- 
wärts (dem äussersten Terminiis a quo, dem „Anfange'^ zu), 
noch in der nach vorn, wo das nächste Datum die Bildung 
des Menschen ist, die ohne eine lange Reihe von Zwischen- 
stadien von dorther undenkbar wäre, — wir sähen uns wie 
in das iJiSi inn 1, 2 zurückgeworfen. Jene zur Orientirung 
bestimmten und doch allein nicht dazu ausreichenden Anzei- 
chen verweisen uns zwingend auf eine dabei vorausgesetzte 
noch anderweite Orientirungsstaffel, der wir die gegen- 
wärtigen Data nur noch einzuordnen haben, um das gesuchte 
Sog iioi nov aviS wirklich zu haben, welche mithin bekannt 
und an sich so klar und sicher seyn muss, dass die vorlie- 
genden sparsamen Hinweise zu jenem Zwecke ausreichen kön- 
nen. Diese vorausgesetzte Orientirungsscala ist begreiflicher- 
weise nicht irgend eine ältere oder neuere menschliche 
Schöpfungstheorie, welche etwa mit jenen beiden Anzeichen 
des Ausdampfens der noch pflanzenlosen Erde zufallig irgend- 
wo zusammenträfe: nein, sie ist positiv und mit nothwendi- 
ger Logik schon vor diesem II. Schöpfungsberichte gegeben 
in dem — unmittelbar vorausgegangenen exact - chronologi- 
schen I. Schöpfungsberichte, womit also beide Berichte schon 
organisch ineinander greifen. 



Einheit der beiden Schöpfnngtberichte. 23 

Wo aber stehen wir nun nach jenen Indicien des II. Be- 
richts; wenn sie von der Chronologie des I. beleuchtet wer- 
den? Das erste dieser Anzeichen war gänzlicher Vegetations- 
mangel. Vegetation aber trat im I. Bericht am dritten Tage 
auf (1, 11 f.), an welchem zuvor die Scheidung von Land 
und Meer erfolgt war, sowie am vorangehenden zweiten Tage 
(V. 6 — 8) die Scheidung des obem und untern Wassers durch 
eine Wölbung (S. 3), „Himmel" genannt (D'^tttt elementar). 
Und hier ist es, wo unser 11. Bericht 2, 4 b mit voller ma- 
thematischen Sicherheit sofort einsetzt in den Worten DVä 
0150101 Y^v^ ü'^'rh» mn'^ mioy. Da ist zuvörderst nicht mehr 
von einem. M^n, dem Ersterschaffen, wie es einem unabhängig 
anhebenden Schöpfungsberichte ziemen würde und im I. auch 
wirklich, namentlich zu Anfang und zu Ende geschehen ist, 
sondern vielmehr im Gegensatze davon nur von einem 11^9 
(vgl 1, 7) die Rede ; und ferner lesen wir da zum erstenmal 
nicht mehr das geläufige ynfi^ni D'^7au)M (in dieser Ordnung 
und beides mit Artikel), was den Himmel imd die Erde Jedes- 
mal zusammennimmt und damit als Weltuniversum 
bezeichnet. Dagegen legt ü'^wiöi yn» in umgekehrter Ord- 
nung und ohne Artikel Beides vielmehr auseinander, wie 
auch die St, wo das gleiche wiederkehrt, Ps. 148, 13 
(D-^TSTDi p« by mrt, Vgl. Jer. 10, 12 in:ianm ... nnDS p« rnöy 
ü'>7s^ 'nt^i) bezeugt. Und grade so will es unsere St., Bei- 
des auseinander gelegt, und zwar y*it^ voran, d'^ttttS zuletzt. 
Entspricht das nicht eben der Notiz in Cap. I bei der Schei- 
dung von unterem und oberem Wasser, dass die Beides 
auseinander haltende Scheidewand (b-'iM — Sf^p^i) „Him- 
mel'^ (D*«73iD artikellos) genannt (1, 8) und zwar gleichfalls 
zuletzt dahin markirt worden?* Unter vielen Versuchen 



* Wäre es nm äussere Uniformität beider Berichte zu thon ge- 
wesen, da doch II, bei innerer ZusammeDgehörigkeit mit I, vielmehr 
auch in der Färbung seinen tief begründeten besondern Cbaracter 
behaupten soll (s. ant), dann könnte und würde es 2, 4 b heissen 
'iai b'^lätl dT^a (welches Verbum eben I principiell durchsieht, 8. 3); 
doch wäre dies eben ein nur mechanischer Anschluss und eine ten- 
denzwidrige Fusion, wie ähnlich 1, 1 das sonst geläufige rmbin rtbÄ 
*^y) verschmäht und gegen das hier nm so viel würdigere n*^1Z)K^^ 
'lAI fet^l (S. 11 f.) vertauscht ward. — Der Sache nahekommend, doch 



24 Einheit der beiden Schöpfangsberichte. 

haben wir nirgends eine triftige Erklärung des in diesem Y. 
so bald veränderten Ausdrucks d'^Taüi y*iN gefunden.* Die 
hier gegebene wird stichhaltig seyn und zugleich über die 
besondere Tendenz des II. Berichts und dennoch polarische 
Zusammengehörigkeit mit dem I. ein überraschendes Licht 
ergiessen. 

Sonach versetzt uns D'^93i23i y^Ä ü'^ti^N rtitT> r\wy d'T'a 
zurück an das Ende des zweitem Schöpfungstages, wo 
eben Erde und Himmel auseinander traten, und damit im 
eigentlichen Sinne „gemacht ward Erde und Himmel'', 
— eine Periode, welche höchstens bis auf die Schwelle 
des dritten Tages reicht, weil an diesem die Erde, nach 
Absonderung des Wassers, grünen Anflug erhielt (1, 11 f.), 
der nach markirter Aussage unseres Nachsatzes (2, 5) zu 
jener Zeit des Werdens von Erde und Himmel „noch 
nichf da war.** Diese Zeitangabe wird zu einer wirk- 



verfrüht und mit unglücklicher Conjectur DN'lSilä statt Dfc^'ni^lil, er- 
klärt Pott (1. 1. 272 sq.) 2, 4a: Historia ooeli et terrae, ex quo (e rucU 
massa) irwicem segregata sunt, 

* Seltsam verkehrend Drechsleb, Einh. u. Aechth. d. Genesis S. 78 
pNSn D-'WTörj „als besondere Glieder", dageg. D'')3TÖ1 y^Ä „als Gan- 
zes." Ebensowenig der Stellung und Coordination der Worte als dem 
Inhalte von U entsprechend J. P. Lange BW. Gen. 59. 62., „der theo- 
cratische Himmel werde von der Erde aus vollendet." Critischer 
sieht y. Hofm. (1, 281) in dieser Ordnung der beiden Worte „eine Her- 
stellung des Ortes, von wo der Regen kommen, und des Ortes, wo die 
Pflanzenwelt wachsen und der Mensch arbeiten wird." Allein wozu 
die entgegengetzte Ordnung, und eine Bemerkung, welche nur 
das Gegentheil von dem allen einleiten sollte, dass kein Begen, kein 
Wachsthum, kein Mensch da war? — Oder die Erde voran als 
Schauplatz des Folg. (Baumo., Del., Keil) ? Aber gilt das nicht auch 
von I (1,2 S. 2)? — Bei HENGSTENBBRa a. 0. ist kein Versuch zu Er- 
klärung dieses sprachlich-rhetorischen Phänomens und der von Schultz 
( Schöpfungsg. 357), „weil jetzt (in H) die Erde den Himmel an Be- 
deutung überrage," zerfallt schon dadurch, dass Ders. zuvor (S. 351, ob. 
S. 16) die umgekehrte Ordnung in 2, 4 a ebenso verstand. 

*• Darum Nichts vom „Standpuncte im sechsten Tagewerke 
unmittelbar vor der Schöpfung des Menschen" (Drechsler, d. Einh. 
S.78; vergl. Ranke, I, 164 f., Keerl, d. Mensch cet. 726 ff., d. Einh., 
vgl. 0. S.8U.29), oder gar erst vom siebente/i Tage, sofern 1, 26 nur 
proleptisch von der Schöpfung des Menschen berichte (Richkrs 184 ff. 



Einheit der beiden Schöpfdngsberichte. 25 

liehen und selbst mathematischen Zeitbestimmung erst durch 
Bericht I; ohne ihn, der somit ihre unabweisliche Voraus- 
setzung bildet, schwebte jene Zeitangabe (auch wenn man 
öT^a nicht grade als „Tag^' urgirt) mit allem ihren Anhange, 
ein wahres Luftschloss, in bodenloser ewiger Leere. 

Reicht dieselbe Voraussetzung von Bericht I für II doch 
selbst auch bis in die Motivirung von 2, 5 a mit -^id in b. 
Denn allein das Fehlen des Regens und der Menschenhand 
erklärt das Fehlen der Vegetation nicht hinreichend, sofern 
Regen und Cultur nur Unterstützung, nicht aber Begründung 
der Existenz einer Pflanzenwelt sind. Die eigentliche Er- 
schaffung bleibt dabei also immer noch vorausgesetzt, 
die wir eben auch nur in C. 1 finden (Ranke, Unterss. 1; 164 f., 
Baumgarten, Comm. z. Pent. I, 34). Zur Zeit aber existir- 
ten nicht einmal „Samen und Keime",* .die ja selbst nur 
erst Frucht und Erzeugniss einer mithin schon vorhande- 
nen Vegetation seyn könnten, ebenso wie der erste Mensch 
aus gleichem Grunde nicht zuerst Embryo gewesen ist.** 

Dass aber nun nach dieser bedeutenden, Tangente von 
n mit I auf der Schöpfungsstaffel von Cap. 1 in Cap. 2 nicht 
Schritt fiir Schritt weiter fortgegangen, sondern namentlich 
über die dortige Vegetabilien- und auch Animalienentstehung 
hinaus ein Sprung gethan wird bis zum Menschen durch 
iiTan^n "jTa ^BiJ^ dnNii riN ö-^nb« msr^ laf^'^i 2, 7 : das hat be- 
greiflicherweise nicht ein plötzliches Verwerfen der vorher 
so klar adoptirten L Schöpfungsreihe zum Gnmde, sondern 
ist, grade wie zuvor die Wahl des Ortes zum ersten Ein- 
setzen, wieder nur die Folge eines mit dem der I. Erzählung 
nothwendig nicht coincidirenden Princips in dem (sonst ja 
überflüssigen) 11. Berichte, und eine Wirkung jener freien Be- 



191 f.)- — ^B,geg. die Pflanzung des Paradieses am dritt^en Schöpfiings- 
tage schon Efhbem., Beda A., s. K. Amueh d. Streitfrage üb. d. Lage des 
Paradieses 1855 S. 17, auch Cobn. a Lap., Ad. Osiand., Jo. Mabck. 
bist, paradisi. Amst. 1705 p. 240 sq., v. Hofm. I, 281. 

* Wie schon hebr. Ausleger, R. Salomo b. Marlor. Genes, 
p. 16. 

** Vergl. über den Streit, ob früher das Huhn oder das Ei ge- 
wesen (da dieses doch eines Früheren bedürfe), Plutarch, Sympos. 



26 Einheit der beiden Schöpfongsberichte. 

wegUDg, wie sie nur erst durch dieVoraussetzung des 
stricten I. Berichts dem bewusst supplirenden 11. er- 
möglicht ist. Hier in 11 ist das Princip eben der Mensch 
selbst; als Centrum der Schöpfung; welchen die II. Erzäh- 
lung mit einer Raschheit erreicht; die mit Hinzunahme 
von Cap. 1 dennoch vorbereitend genug ist; ohne diese 
hingegen nicht nur der I. Erzählung, sondern auch allem 
Verstände Hohn spräche. Um so in mediam rem, wie hier 
geschieht, versetzen zu können, bedarf es ja in der That 
namhafter Voraussetzungen, die hier nur in I liegen kön- 
nen. Mit nur zwei anbahnenden Schritten ist unsere H. Er- 
zählung bis zur Höhe der Menschenbildung von Staub aus dem 
Erdboden gelangt; nämlich durch Erwähnung 1) vorheriger 
Nichtexistenz von Menschen (')'^K dn« V. 5 b), und 2) der Exi- 
stenz getränkten Erdbodens (V. 6); hieraus den Menschen zu 
formiren, wie es V. 7 wirklich geschieht : ;;Und es gestal- 
tefe Jehovah-Gott den Menschen" cet 

Hatte 1, 26 f. generell nur üi« rnö^i und ü'^SibN Ä^ra'^n 
mfi^n DA (in Gottes Bild), so gilt es jetzt noch die ergän- 
zende neue Angabe, aus welchem der 1, 1 (durch fc^iri) erst- 
erschaflFenen Stoffe Jehovah-Gott den Menschen plastisch 
bildete oder gestaltete, gleichsam modellirte (iä*^, Vulg. /br- 
mavä, LXX ÜjtXaoev, vgl. 1 Tim. 2, 13 *ASa^ TtQcSrog inKda&fj, 
-- eins von den unserer ausmalenden H. Erzählung ebendarum 
nothwendigen specielleren und gleichsam farbigeren Verben, 
wie nachher V. 8 yt:3 vom Garten, V. 22 iiii vom Weibe). 
Der Artikel bei D'iKln fuhrt ims zwar zunächst das Urindi- 
viduum, als zugleich das ganze Geschlecht in sich begreifend; 
vor, ohne indess auch hier ein Zurückdenken an die in Cap. 1 
schon generell berichtete Menschenschöpfung auszuschliessen. 

Jener Stoff; woraus so der Mensch gestaltet ward, ist 
*iö5>; Staub; der zwar nach seinen letzten Bestandtheilen und 
Residuen in ;;trockner; zerriebener^' Gestalt (Fürst), nicht 
aber auch eben jetzt so zu denken ist, da diese für das pla- 
stische ^ifc"^ am allerungeeignetsten und p^N dafür weit be- 
zeichnender wäre: vielmehr besagt die ausdrücklich hinzu- 
gefügte Fundgrube dieses ^öy, nämlich tiTa^Nn ']?3, dass 
dieser Staub dem gleich zuvor als getränkt bezeichneten 
Erdboden (ebenfalls SiWiK; humu3, nicht yi«) entnommen 



Einheit der beiden SchSpfungsberichte. 27 

war, * wie denn auch in der That der Monschenleib, gleich der 
Erde selbst, noch mehr feuchte als feste Bestandtheile besitzt. 
Daher LXX /ofv (d. i. eig. Quss) ano rijs yVQ und Paulus 
1 Cor. 15, 47 6 ngmag äv&Qwnog ix yijg xol^^og] Vu 1 g. „de limo 
terrciey^^ LuTH. „aus einem Erdenkloss." — üebrigens hat diese 
Angabe des leiblichen Grundstoffes vom Menschen in 11 aller- 
dings auch schon seineWiederauflösung in diesen äussersten Be- 
standtheile die Folge seines Falles (C. 2 — 3); im Auge (3; 19 
aittn ^cy b«i tin« ^ey -»d nnpb ns»» -^s nwiNn b« ^aiiö -ly), 
wie er denn, so in ^ey gründend (Hieb 4, 19), auch im Tode 
in ^cy (Ps. 22, 16. 30) und unserer Grundstelle harmonisch 
in ^& nTan« (Dan. 12, 2) gebettet wird. Schön verbindet 
jene plastische Bildung („als ausThon'O ^^ dieser Wieder- 
auflösung in ^cy („Staub") Hieb 10, 9 (vgl. 33, 6) nwns 

, Der unmittelbare Zusatz von der Belebung dieser Körper- 
masse durch göttliches Einhauchen von Lebensodem (vtt^^ niD*^i 
D'^^n tvy^^) V. 7 b stellt das gerade Gegenbild des leiblichen 
Todes in Aushauchung der Seele und dann wieder statuen- 
artiger Erstarrung des Körpers dar,*** würde übrigens an 

* ,,Deus farmavlt prtmi hominis corpus ex pulvere vel solo (quia 
^cy sigmficat pulverem tenuem ac minutum, Gen, 13, 16) vel aqua per- 
mixto, ttt ex vaporis terram irrigantis descriptione et ex voce »V2'li^ 
coUigi posse videtur^^^ Jo. Gerhard, Commentar. sup. Gen. p. 42. Eben- 
so, mit Fag., Vatbal. (Marlor. Gen. p. 17), Abr. Calov. Comment. 
in Gen. 1672 p. 252 : „7to occasionem sumit agendi — tum de forma- 
tione hominis e luto terrae , cujtts pulvis hlando vapore etiam fuit per- 
fundendus, guum inde homo formandus erat}^ Auch Ad. Obiamd. „6 pul- 
vere terrae irroronto}*' 

** Einen Rückblick auf den 6. Tag in I erkennt hier auch Luthbr, 
um nun anzugeben, ^^unde cultor terrae venerit^^ (Enarr.), wogeg. Kurtz 
(Bib. u. Astr. 6. A. 106) , welchem C. 2 ein besonderer Unterbau für 
die Geschichte vom Sündenfall ist, durch Erwähnung der Formation des 
Menschen als eines Gebildes aas Staub und Asche [?] sowohl die Straf- 
barkeit und Thorheit der Selbstüberhebung gesteigert [Hiob 4, 18 f.] 
als die Rückkehr zur Erde erkl&rt findet; s. ob. 

*** So ist diese anfängliche Pygmalions- Statue des neugeschaffenen 
Menschen (vgl. unt.) eine Weissagung und ein Pfand der einstigen 
Auferstehung von den Todten, wie denn wohl auch mit Rücksicht auf 
uns. St. (vgl. 1 Cor. 15, 38. 41. 44 ff. 47 ff.) der Apostel 2 Cor. 5, 1 f. 
lehrt: otdafisv yä^ Sr$, iäv rj iniysios tifAWv oixia rov ox^povs Kara- 
Iv&y, oinoSofi^v ix ^sov (vgl. T1D*^1) Sxopksv axsi^onoifjrov (vgl. 



28 Einheit der beiden Schöpfongsberichte. 

sich allenfalls auch schon an dem bald hervortretenden zeit- 
los gruppirenden Character dieses Abschnittes Theil nehmen 
und danach als Simultaneum der EörperbUdung (mit Greg. 
Nyss. und Joh. Dam. geg. Chrysost. und August, h* 
Gebr. p. 43, auch mit Keil I^ 45) gefasst werden können, 
wenn nicht theils V. 8 u. 15 dies widerriethen, theiis zu dem 
T>&«ä nö'^i schon d^'BK vorhanden seyn mussten, * da die An- 
nahme einer Prägnanz, nämlich r&Nä vom Erfolge des göttl. 
n&*^i, von dem Ein- und Ausathmen des Menschen durch die 
Nase, den sonstigen Gebrauch von 's nsa (Ez. 37, 9 vgl. 22, 
20. Jes. 54, 16. Hagg. 1, 9) gegen sich hat. In jedem Falle 
ist aber jenes d'>''n n)atö5 vt^^ nö"^i zugleich eine Llustration 
der Schöpfung des Menschen „in Gottes Bild" Cap. I, weil 
es eben rrtttöS von Gott gehaucht ist, die er dem Men- 
schen nicht bloss belebend, sondern auch beseelend und be- 
geistend einhaucht (s.Deyling, obss. ss. ed. 2. 11, 3 p.42): vgl 
Hieb 33, 4 •^i'^nn ■»lu? n73tö5 •'inttS!? b« m^, 27, 3 •^nwiDs nny bD 
•'öNS rtib» mii "^s; 32, 8 ö5*^sn -»i« n»ö5i lönsKS K'^n mi, 
u. Spr. 20, 27 ön« nwioi mn*^ 13. ** Und eben aus der Ver- 
schmelzung göttlicher d'^'^n n73U35 mit dem irdischen Leibe 
„ward der Mensch zu rr^n lö&i'' (V. 7b). *** 

Dieser so wahrhaft singulär zubereitete, vater- und mut- 
terlose, Erste Mensch bedurfte vor allem eines ihn hegenden 
und pflegenden, bergenden, nährenden und entwickelnden con- 
formen oder homogenen Wohnplatzes. Wenn dies nun- 
mehr (V. 8) also erzählt wird: „Und es pflanzte Jeho- 
vah-Gott einen Garten in Eden gen Morgen und 
setzte dahin den Menschen, den er bildete'', — 



^St'^'^l} — rd oiKijr^^iev ^fttSv ro i| ov^avov (im G-egensatz unseres 

* Omnia demque membra Antefuere, ut opinor, earum quam forei 
usus. Lucret. R. N. 4, 839 sq. 

** Das neutestamentliche ärstpvarjae xai Xfyei nvroU' Xnßers 
TtPBv/ia ayiov (Joh. 20, 22) ist das geistliche Gegenbild der Schö- 
pfung des Menschenlebens. — Vgl. 1 Cor. 15, 45 ff. 

*** „Zwischen den Vorstellungen der Emanation einerseits und 
der puren Creatürlichkeit andererseits — sagt J. P. Lange, Gen. 72 
— liegt der Begriff der freien Lebensmittheilung in dem Mysterium 
der Belebung: Leben aus Leben, Licht vom Licht, Geist vom Geist.'^ 



Einheit der beiden Schöpfungsbericbte. 29 

80 kann man dem Erzähler kaum ohne selbst in diesen Ver- 
dacht zu kommen den Blödsinn aufbürden, er lasse erst jet^t 
die Wiege für den bereits zur Welt gekommenen Menschen 
zimmern.* Nicht die That ist das Nachträgliche ; sondern 
die Form der Erzählung ist es; wie das die Form und der 
Character dieses ganzen 11. Abschnittes ist, was sich phy- 
siologisch an seinen einzelnen Qliedem nur wiederholt. Die 
Relation, nachdem sie das Nöthigste zur Constituirung sei- 
nes Wesens ; auch schon hierin Bericht I vervollständigend, 
vorausgeschickt hat, nimmt den so gewordenen geist-leib- 
Heben Menschen gleichsam in ihren Arm und Schooss und 
greift selbst nach seinen nunmehrigen Bedürfnissen, rechtß 
und links, wie sie in Wirklichkeit schon um ihn her daliegen. 
Die hebr. Sprache, welche das Plusquamperf. (die Ver- 
balform für eine hinter der eigentlich in Rede stehenden 
noch zurückliegende Vergangenheit, gleichs. das Imperf. des 
Perf.,) nicht, oder richtiger keine „äussere Unterscheidung da- 
für^< hat, pflegt dasselbe durch das Perfect zu ersetzen (v. Ew., 
ALB. §. 135 a), welches übrigens auch in der Uebersetzung 
allenthalben wohl beibehalten, bez. durch Imper^jriederge- 
geben werden kann (wie eben V. 8 -ilif^ 1^6<). ^^^handelt 
es sich aber bei uns nicht um abgethane Handlungen, son- 



* Und auch die Vorstellung, dass der Mensch zuerst in dem 
himmlischen Paradies gestaltet und erst später in das etwa inzwischen 
hergestellte himmlisch-irdische Paradies gebracht worden sey (L. Schmid, 
£rkl. S. 90 f. 114 ff.), hebt diese logische Schwierigkeit nicht nur nicht, 
sondern mehrt dieselbe noch gegen den Text, indem z. B. hiemach der 
Mensch doch aus „Erdenstaub'* gebildet worden ist, mithin in jenem 
Falle entweder dieser Stoff oder das Gebild in den Himmel hinauf- 
genommen sejn müsste. (S. u. S.31.) Macht dagegen Kbebl (£inh. S. 63) 
Gottes Allmacht geltend, welche „zwei verschiedene Werke zu glei- 
cher Zeit schaffen könne": so trifft dieser Pfeil schon wenn wir 
an die wundervolle Schöpfungssuccession des Sechstagewerks denken 
und da eben nach K. auch in II „ein genauer chronologischer, sach- 
lich wie zeitlich wohlgeordneter Fortschritt waltet** (S. 43 vgl. 61. 66. 
69. 80. u. a.) — über sein Ziel hinaus. Urgirt übr. Derselbe für seine 
Ansicht, dass II ganz in den 6. Schöpfungstag (s. ob. S. 24) und zwar 
nach Erschaffung der „Thiere der Erde** falle, jetzt auch &^p7a, so- 
fern der Begriff „Osten** oder „Morgen** ja „das Daseyn der Sonne 
voraussetze**, so lässt er ausser Acht, dass dies nur ein Ausdruck des 
Concipienten ist. 



30 Einheit der beiden Schöpfongsberiehte. 

dern um lebendig allmälige Einführung des um den neu- 
geschaffnen Menschen her allerdings real schon Vorhandenen^ 
der Umstände im eigentlichen Sinne; was indess so nur im 
hebr. Aorist (Imperf. mit i conv.) geschehen konnte.* 'Da 
scheinen freilich die Acte einzeln nach einander vor sich zu 
gehen, während sie in der That doch nur in einzelnen Bil- 
dern geschildert werden, deren eigentliche Aufeinanderfolge 
oder vielmehr Aufeinanderbeziehung eine höhere logische, ** 
nämlich von ihrer Stellung zu dem maassgebenden Centrum 
der Erzählung y hier von ihrer individuellen Gruppirung um 
den Menschen her abhängig, noch deutlicher aber und exact- 
gewiss erst durch ihre Dependenz von dem rein chrono- 
logischen Spalier des I. Berichtes ist, welchem zufolge alle 
Vegetation schon am dritten Schöpfungstage, die Erschaf- 
fung des Menschen aber am Schlüsse des sechsten erfolgte, 
so dass denn auch der Garten die Priorität vor dem Men- 
schen hat. 

Die Folge der Erzählung ist also, wenn man nicht ein 
bodenloses, wüstes Durcheinander (S. 7 f.) vorziehen will, 
in n pi^^ma tisch zu gewinnen, ohne grammatisch - per- 
spectiv!^^ Rangordnung, mit nur formeller, aber vom rech- 
ten Standpuncte aus ganz logischer (nach Ranke I, 165 so- 
gar „absoluter") Coordination-; es ist eben Gedanken-, nicht 
Zeitfolge (KüRTz), noch kürzer Ideeenassociation. Die- 
selbe Amphibolie von Zeit- oder Gedankenans'chluss , wie 
das hebr. n consec. (welches „ebenso bei der Zeitfolge als bei 
der blossen Sinn- oder Gedankenfolge" steht, v. Ew. §. 342 a), 
haben gleicherweise griech. vvv (vvvy vi vgl. rolvvvj auch 
ovv der Wiederaufnahme, WmER Gr. 394), lat nunc, jam 
(selbst igitur)j deutsch „nun'^, welches ebenso zeitlich ganz 
Entlegenes pragmatisch verknüpft; also hier „nun (aber) bil- 



* Daher auch LXX meist wieder im Aor., selbst V. 8 (15) ov 
InXaaev, wofür Vulg. im Plusquamperf. V. 5 (pliterat, mit Ldth.), 8 
(plantaverat — guem formaverat, Luth. gemacht hatte, vgl. 19 /orma- 
tu — animaTitibtis , Luth. als — gemacht hatte), 22 (extulerat, wo 
Luth. nur „nahm.") 

** Wie auch das Perf. „bloss kraft des Zusammenhangs oder 
der wechselseitigen Beziehung des Sinnes der beiden Tha- 
ten" plusquamperfectisch gemeint ist (v. Ew. a. 0.}. 



Einheit der beiden Sohdpfangsberichte. 31 

dete — nun (aber) pflanzte J.- Q." cet. ♦ — Auch ICnobel 
hat richtig erkannt, der Verf. dieses Cap. gebe kein voll- 
ständiges Schöpfungsgeraälde, und betrachte als den Mit- 
telpunct der Erdbesetzung den Menschen; unrichtig ist 
nur, da BS er auch zeigen wolle, in welcher Reihe diese 
Schöpfungen erfolgten ( — also wirklich erst der Mensch, 
hierauf Gewächse, dann Thiere, dann das Weib?). 

Die Nöthigung zu jener anderen Würdigung dieses IL Be- 
richts liegt schon in dem gewiss auch intellectuell gültigen 
Axiom yyquüibet praeaumüur bonus (mente)^ donec probetur 
contrartum*^, überdem apagogisch auch in dem Weiteren, 
wonach bei Aufdrängung und consequenter Festhaltung des 
Princips zeitlicher Succession der Mensch nicht allein anders- 
wo formirt und dann erst in den später gepflanzten Garten ver- 
setzt wäre (S. 29 ; KW., Fag., Calov., s.u.), sondern auch 
erst hiernach Gott Bäume hätte wachsen lassen (nTS^*^*! V. 9), 
worauf der da weilende Mensch V. 15 nochmals dahin ver- 
setzt würde, — noch anderer (S. 7 f. ausgeführter) Instanzen 
ad absurdum zu geschweigen. 

Das Bedürfniss eines adäquaten Aufenthalts für den kind- 
lich-neuen Menschen war es also, was auf die Erzählung 
von der Pflanzung eines (etwa von weitem Alpenzuge „ein- 
gezäunten") Gartens für ihn iiihrte (V 8.). Das Pflanzen Jeho- 
vah-Gottes Selbst giebt diesem Garten eine besondere Auszeich- 
nung auch in der Beschaffenheit und macht ihn zu einer direct 
göttlich - väterlichen Anpflanzung, einem „Gottes- Garten" (13, 
10. Jes. 51, 3 m?T^ pD — p^D, vgl. Num. 24, 6 von Aloen 
mST' 5^ü3 d'>bti«D, Ps. 104,16 von Cedern des Libanon tiitr« ''Sty 
^'üS nttJN liaab "^n«). Dieser Edelgarten lag in einem Wonne- 



* Solche logisch nachbringende oder auch vorgreifende Im- 
perff. m. V. eonv. b. z. B. Deut. 31, 8 f., wo, falh ariD-'l (V. 9 a) eine 
stricte Zeitfolge enthielte , zwischen den Anreden V. 2 ff. und der 
Uebergabe der Thorah V. 9 b die ganze Niederschrift derselben inne- 
Uegen würde (vgl. V. 24 f. ; Schultz , Deut. 91 f. 641) ; andererseits 
Gen. 24, 29 (yT^T«, worauf erst Ende V. 80 zurückkommt) oder 27, 23 
ins^Sfl mit darauf wieder zurückschreitendem *1»«'<1 V. 24. Vgl. 
Deut. 34, 9— nach Mosis Tode— *^y\ ntt57a ^730 "^D, Jon. 1, (5) 10; 
2 Kön. 20, 12. Einen andern „evidenten Beleg" für solche einfache 
Weise altsemitischer Geschichtschreibung s. 1 Kön. 7, 13 b. Keil/ 
BB. Mos. I, 52 (vgl. Num. 32,39 ff. Rieht. 2, 6); s. auch Ranke, I, 165 f. 



32 Einheit der beiden Schöpfiingsberichte. 

lande *(p5>), und dieses wieder in Osten (önp7a*), der Re- 
gion des Lichtes und Lebens, zugleich, wie aus dem nur 
allmäligen Abtrocknen der Erde zu schliesseu; wohl in einem 
Hochlande, als welches bekanntlich das armenische gilt, auch 
wieder nach der Sündfluth das Landungsgebiet.** 

„Dahin setzte Jehovah-Gott den Menschen, 
den er bildete", d. h. nicht von einem unwirthlicheren 
andern Orte versetzte er ihn dahin, was der Weisheit des 
Verfassers, um nicht zu sagen Gottes Selbst, allzustark wi- 
derspräche (wogegen auch Schultz Schöpfungsgesch. 349), 
sondern — dort war der Ort, wo Gott dem Menschen, „den 
er bildete" (1i£'^ s. ob. S. 30, übrig, allenfalls auch simultan 
zu denken), seinen Sitz, Wohnsitz, oder Standort gab (DU) DTöii, 
vgl. Hieb 20, 4 ynN '^'b^ ö*i« d"»tt5, was möglicherweise ebenso 
wie ob. zu V. 7 '^5'^nn '^n«) n»iöi H. 33, 4 auf uns. St. ruhen 
kann). Weiteres hierüber unt zu V. 15. 

Auch der nächstfolg. 9. V., wonach Jeh.-Gott in diesem 
Garten „sprossen liess aus dem Erdboden allerlei 
Bäume lieblich zu Ansehn und gut zu Speise^^ — 
kann nun wiederum nicht eine besondere neue und spätere 
Wirksamkeit in dem Garten meinen: — was wäre die vor- 
herige „Pflanzung eines Gartens" für den Menschen ohne 
Bäume gewesen, da wir ihn im Paradies ausschliesslich von 
Baumfrucht lebend finden? So bietet auch dieser V. viel- 
mehr eine nur relatorische Entfaltung, authentische Erklä- 
rung und den eigentlichen Lihalt jenes „göttlichen Pflanzens", 
wiederum also keine zeitliche Folge, sondern nur eine Ex- 
plication des Vorigen. 



* Dessen, bei dieser Ortsbeschreibung unzulässige, zeit- 
liche Auffassung — and d^x^/g (Aq.), 4x n^corrfe (Symm.), iv nqca^ 
tote (T h e o d 1.), a principio ( V u 1 g.) , T a r g. , vgl. 4 Esr. 3, 6 — frei- 
lich über die Schwierigkeit des zeitlichen Verständnisses von ^£33 
hinausheben würde. Vgl. auch K. Ammer, üb. d. Lage des Parad. S. 16 ff. 
** üeberschwenglich und mystisch transcendent von diesem Pa- 
radiesgarten , als einer in der Weltschöpfung nicht mitinbegriflfenen 
ausserordentlichen Schöpfung, z. Th. auch mit ausser- und überirdi- 
scher Lage, schon Basil. or. de parad. und A. b. Jo. Margk. bist, 
parad. p. 238. 243 sqq. , neuerlich bes. Schmü (s. ob. S. 29) , Richers 
(222, wo auch 5>Ü5 als „der Erde gleichs. einheften, einstecken") und 
Keerl s. u. • 



Einheit der beidea Schöpfungsberichtc. 33 

Mitten unter diesen y;allerlei herrlichen Bäumen'^ treten^ 
auch durch den Art. anschaulich gemacht; zwei besonders 
hervor: ;,der Baum desLebens'S d.h. ewiges Leben spen- 
dend (3, 22); und der ;;des Wissens um Gut und Böse/^ 
d. h. was ein gutes und ein böses Gewissen sey lehrend, wie 
es erfahrungsmässig erst durch letzteres zum Bewusstseyn 
kommt und wobei diese unbefangene Erwähnung eines sub- 
jectiv Bösen (y^) die bereits vorhandene Existenz eines ob-* 
jectiv Bösen in der Welt voraussetzt und ahnen lässt.* 

Zur stetigen Ernährung aller dieser Bäume und zum 
frischen fröhlichen Gedeihn und Grünen des ganzen Gartens 
ging eine Ur- Wasserströmung (*in3 **) von Eden aus (inner- 
halb dessen er lag, wie V. 8 pya la) in den Garten hinein, 
diesen zu tränken, und zertheilte sich von hier ab (Q^DXa, d. h. 
abwärts vom Austritt aus dem Garten, nicht, gegen die 
Wortfolge, vom Eintritt in den Garten, wie Eöster s. u.) 
in vier Hauptströme (D^W»^, von V. 13 an wieder je als 
nrr5 bezeichnet: V. 10 — 14). Und auch diese Ersterwähnung 
von Flüssen, die in I (1, 10. 21) nicht vorkommen, zeugt 
hier in II von Weiterbildung des I. Berichts ; aber die Flüsse 
sind auch in der That später als die dort (1, 10) erwähn- 
ten D"»»*^. 

Folgt hierauf V. 15 : „Und es nahm Jehovah-Gott 



* Eine auch objectiv oder substantiell schädliche Natur dieses 
Baumes, ein „Urgift der Natur", im Gegensatze der „Urarznei" 
im Baume des Lebens, erkennt (gegen das ausdrückliche ^1t3 n^l 
y^i) mit Baumq., Dkl. AA., Kübtz (B. u. A. 169). 

** "nns als eixaavoSf Urwasser (11.21, 196 f.), b. Hom. stets nota» 
uoi genannt, in der Nähe der elysischen Wohnsitze (Od. 4, 561 ü\ u. 
Hesio d.) b. Köster, £rl. d. h. Sehr, aus d. Classikern S. 163; Grot. 
j^tnagna aquarum copia\^^ Jon. 2, 4 sogar von wirkl. Meeresströmung 
(•^aMO*^ 'ntlDI D'«»'' aaba nbiat», wo "ins ebenso mit MO wie dies 
nachher von zwei Strömen): und so auch an uns. St. Quellenströmung, 
wohl aber kaum den Garten durchschneidend und so zur andern Hälfte 
für den Menschen verschliessend , darum höchstens nach der einen 
Grenze hin gehend (vgl. Biugöl-Dagh, „Berg der 1000 Quellen^S &af 
den moschischen Gebirgen, d. Ursprung des Araxes). — So auch 
einst wieder im Paradies des Neuen Jerusalem (Apoc. 22, 1) ttota- 
fios v$nioi goi^ff lafin^oe d)^ xQvaxnXkoq, woneben 21, 6 bedeutsam 
fl nTjy^ TOI* vSftToe lijs So"7g. S. unt. Art. II. 

UOELEMA.NN, Nouü BiboUtudion. 3 



34 Einheit der beiden Schöpfdngsberichte. 

den Menschen und stellte ihn (irtns-»!) in den Gar- 
ten Edens, ihn zu bauen und zu hü ten^^, so würde 
Festhaltung stetiger Zeitfolge (Cleric. homtnem poatea Jek. 
Deas auTosit cet. S. 36) zu der weiteren Absurdität fuhren, 
dass der vorhin (V. 8) schon innerhalb des Paradieses befind- 
liche Mensch jetzt hineinversetzt, also inzwischen noth wen- 
dig daraus wieder entfernt worden sey , — eine Vertreibung 
►aus dem Paradiese ohne Sündenfall, und dass man über- 
dem auch nicht wüsste, wovor er den Garten, den er wohl 
zu edler Würze seines seligen Lebens „bauen" sollte,* auch 
zu „hüten" gehabt hätte (n*i7att3bi **). Denn das Nächst- 
liegende, was von Beschädigung des Gartens abzuhalten ge- 
wesen, Thiere, wilde Thiere, sie wären eben nach diesem 
Princip der Zeitsuccession noch gar nicht erschaffen gewesen 
(sie werden als solche erst V. 19 erwähnt mit ^at'^i), hätten 
auch sogar proleptisch in einem selbstständigen Schö- 
pfungsberichte ohne Verwirrung des Lesers nicht diesem zu 
denken überlassen werden können, so dass nun eben auch 
hier nichts anderes übrig bleibt als stetige Voraus- 
setzung des L Berichts, wo (1, 25 f.) von y^N irr^n u. 
y^Nn n-^n neben rtTana und ustt'n vor der Schöpfung des 
Menschen die Rede war. — Demzufolge ist der Inhalt von 
2, 15 denkbar nur der einer Wiederaufnahme oder eines 
Zurückgehens auf V. 8, wie es nach der längeren (durch 6 
Verse, 9 — 14, hindurchgehenden) episodischen Excursion über 
den Inhalt, Fluss und Ausfluss des Paradieses erfordert wird, 
des Sinnes: eben in diesen also beschaffenen und beschrie- 



* Nohdt (Deua homtnem) otiosum, occupatum tarnen jiccundo et 
suamssimo exerciiioy cujtismoäi est agrictdtura, non ista labariosa, aed 
gucdi se oblectant et principes et nobiles viri (P. Martyr , Comm. ed. 2. 
fol. 10 b). Denn Cultura hortorum — liheralis armrd eosercäium est^ 
sagt Calov. Comm. 281, und zwar dies als physische Erkenntniss und 
mystische Theologie eintragend. 

** Die Auffassung des ITaiD als behaupten, im Gegensatze des 
spätem Verlustes, würde theils dem positiv dahin abzielenden Probir- 
stein V. 17 vorgreifen, theils und noch mehr ausser logischer Coordi- 
nation. zu dem doch coor.dinirten *li3^ stehen. Doch findet auch Kürtz 
(B. u. A. S. 107) hier eine warnende Hindeutung auf das Vorhanden- 
seyn eines feindlichen, zerstörenden Princips, — nach S. 453 gradezu 
der Schlange. 



Einheit der beiden Schöpfungsberichte. 35 

benen Garten setzte Gott den Menschen, wobei statt des 
obigen d*»«) (S. 32) nur das synonyme wiH steht. Ist diesem 
aber ausserdem noch np'^i („u. er nahm'') vorangestellt, so ist 
das nur jener überhaupt orientalisch-hebräische, diesem Cap. 
auch sonst nicht fremde Zug graphischer Umständlichkeit, 
indem es sich hier doch nicht anders verhalten kann als 
z. B. V. 22, wonach Gott das Weib, das er zuvor aus einer 
Rippe Adams, also doch gewiss nicht an einem von diesem' 
entfernten Orte „gebaut" hatte, zu Adam „brachte" 
(riKS'^i). Ebenso jenes anschaulich periphrastische npb z. B. 
11,31 (Tharah) u. 12, 5 (Abram) nahm — und sie zogen 
aus nach — (vgl. Deut. 4, 20); 16, 3 „Sarai nahm Hagar 
und gab sie Abram zum Weibe", wie auch 30, 9; ferner: 
einen nehmen und vorstellen (Num. 27, 22 vgl. V. 18); neh- 
men und züchtigen (Deut. 22, 18), nehmen und scheeren 
(2 Sam. 10, 4. 1 Chr. 19, 4) ; nehmen und beschneiden (Gen. 
17, 23 *) ; nehmen und zum König machen (2 Chr. 36, 1. 1 Kön. 
11, 37. 2 K. 14, 21; vgl. Deut. 1, 15); nehmen und nieder- 
ßitzen lassen (Ruth 4, 2); nehmen und graviren (Exod. 
28, 9}; endlich, da wir es hier zunächst und (s. oben S. 27) 
eigentlich noch mit einer Statue zu thun haben. Gen. 28, 18 
„Jacob nahm den Stein, den er gestellt zu seinen Häupten, 
und stellte ihn als Säule" (beidemal D'^U), vgl. 1 Sam. 7, 12. 
19, 13; Hagg. 2,23., wozu Köhler wie Hitzig, das „neh- 
men" diene nur dazu, die folg. Handlung einzuleiten; Ezech. 



* Ganz so wie im N. T. Act. 16, 3 (Laßtov negterauet), Ist ja 
doch dieses umständliche Xaßmv der griechischen Sprache überhaupt 
und dem N. T. insbesondere an Eahlreichen Stellen gleich geläufig, 
s. WiN.Gramm. 535 u. das. Matth. 13, 31 ov (xoxxov oivaTr.) Xnßiov avdQio- 
Ttos k'aneiQBv» Ebenso V. 33 »?V {^vfirjv) Xaßovaa yvprj ivixQvipBv m,t,1,\ 
17, 27; Marc. 9, 36 kaßtov naiSiov k'oTtjaev avtb iv fidaw nvridv, 
vgl. unser 'a mnm . . np •»■); 12,3.8; Joh.13,4; Act. 9,.25 und, aus- 
ser d. Parall., noch vielfach anderwärts. In derselben Weise periphra- 
stisch brauchen die Griechen auch das Partie, k'xtov , wie Matth. 26, 7. 
Marc. 14,3 ^x^vartf vgl. Luc. 7,37 xouioaaa a. Joh. 12, 3 wiederum knßovort. 
Ueberdem findet sich jenes htßtov auch ebenso wie unser np"^! auf- 
gelöst, z. B.^ Joh. 19, 1 rore ovv iXaßev 6 Udäioe top 'Irjoovv xal 
ifiaoTiytaoev (ganz wie oben Deut. 22, 18) ; 21, 13 i'^x^xai ^lr,oov9 xal 
htfißdvsi TOP af^ov xal diStuotv avroU; und auch j^o^v Luc. 11, 5 
Tte iS viitov ^Sfi< (piXov xnl noqsvoerai n^os aviov x*t.I. 

8* 



36 Einheit der beiden S chopfangsberichte. 

4, 1 ; 37, 16). Zu der Vorstellung von dem neugestalteten 
Menschen, als zuerst statuenartig daliegend und dann gleich- 
sam auf die Füsse gestellt, passt trefflich besonders eben 
auch das Verb. TT'Sn,- wenn wir z. B. vergleichen Jes. 46, 7 
von einer Bildsäule n7a3>'ii T^nnn '^nn'^i'^i, zumal die leibliche 
Erscheinung des Protoplasten stets im Vordergrunde bleibt, 
wie V. 8 bezeugt -lÄ*^ I^K ö*i«rT n« diö dttJ-^n (und V.7 nsf^'^i 
gegenüber n£)''i). Das alles sind wohl Belege und Beweise 
genug, um den malerisch umständlichen, aber durchaus keine 
solche Ortsveränderung bedingenden Gebrauch des npb an- 
zuerkennen/^ * 

An den so ins Leben gerufenen Menschen ergeht V. 16 
ein Wort, ein Gebot seines Schöpfers, Jehovah-Gottes : „von 
allen Bäumen des Gartens solle er getrost essen (bsfi^n bDfi^), 
durchaus nicht aber von dem des Wissens um Gut und Böse, 
denn an dem Tage, wo er davon ässe, würde er des Todes 
sterben." Ist beim ersten Theile dieses Gotteswortes, der 



* KW. (Tebt. c. Marc. 2, 10 ;A.) u. ßabb. (b. Gbrh. 53 sqq.), Fao., 
C. A Lap., Calov. (281 : ita extra eccledam nascimur nee nüi a Deo 
ipso in ecclesiam trans/erimur), Del. 151 („V. 15 ; da erfasste Jeh.-Eloh. 
den Menschen und Hess ihn nieder im Garten Eden," vgl. Kich. 206) — 
nach Vulg. tulit ergo — et posuit cet. (ob. S. 29. 32), nehmen wirk- 
lich an, der neugeschaffene Mensch sey erst aus einer anderen, bez. un- 
wirthlichen Gegend erhoben (nach Keebl aus Eden in das Paradies, die 
Oß'enbarungsstätte Gottes versetzt) worden. Dort etwa, „de luto meliore " 
geformt? Hätte nicht vielmehr der Paradiesboden auch hierzu das Aller- 
beste gewährt? Und wäre in jenem Falle die Vertreibung aus dem 
Paradiese nach dem Falle nicht eigentlich nur restitutio in integrum 
gewesen ? (So auch Clebic. : „forte extra Paradisum creati fuerunt 
hommesj quo eos postea reduxit Detts\ S. 34.) Die jener Annahme 
scheinbar günstige St. 3, 23 „und es entliess ihn (den Menschen) Jeho- 
vah-Gott aus dem Garten Edens, zu bauen denErdboden von wo 
er genommen worden'* (DlÜ» npb ^löK oÄ^Ktl) wird in dieser 
mechanischen Hinsicht wieder paralysirt durch V. 19 „im Schweiss dei- 
nes Angesichts sollst du essen Brodt, bis zu deiner Rückkehr zum 
Erdboden, denn von ihm bist du genommen (mpb, welcher als- 
dann ja eben auch jener plastische seyn müsste), denn Staub bist 
du und zu Staub sollst du zurückkehren.** Die umgekehrte Vorstellung 
von L. ScHMiD, dass der Mensch erst aus dem himmlischen in das 
himmlisch -irdische Paradies versetzt worden sey (ob. S. 29), würde 
diese Vertreibung daraus sogar zu einer unmotivirten zweimaligen 
Degradation mach-r^n. 



Einheit der beiden Schöpf ungs berichte. 37 

Belehiiung mit unumschränktem Niessbrauch der Güter dca 
öartens (bDNn bD« pn y]> bD»), hier in Bericht 11 die Iden- 
tität mit 1, 29 in I •»^d la ^«5« y^rt bD n» — DDb Tina nsn 
'i3i 'j^3> — im Ganzen und Einzelnen unverkennbar ; so bringt 
die zweite Hälfte, das Verbot, eine in das öcumenische Ge- 
mälde von I noch nicht gehörige kleine Einschränkung, da 
sie als solche zunächst nur fUr die concrete Specialgeschichte 
der Paradieszeit und ausserdem für die Heilsgeschichte Be- 
deutung hatte. Die Drohung absoluten Todes (ni)an ni)3) 
drückt nicht nur' die Gewissheit; sondern auch Intensität und 
Totalität (an Leib und Seele, und auf ewig), also den völ- 
ligen Tod (6 &dv(XTogy gleichs. la mort aana phrase) aus, und 
verwirklichte sich auch in der That schon mit dem Tage 
des verbotenen Essens, indem sich der da unwiderruflich ge- 
legte Todeskeim sofort allseitig in Wirksamkeit setzte, gleich- 
wie auch das reale Gegenbild volle Wahrheit hat: „wer 
mein Wort höret und glaubet dem, der mich gesandt 
hat, ^;f c^ C^fiv alcinov xai — fieraßißrjxev ix rov ß-ava- 
Tov Blgrtiv ^wtJi/*' (Joh. 5, 24 — imContrast von ^cSffa ri&vt]' 
xtv 1 Tim. 5, 6). — Also der Wissensbaum ein Todesbaum 
und dadurch der Gegensatz des „Lebensbaumes," vgl. 3, 22 
Db3>b -^m b^Ki D-'-^nn. yyi2 Da npbi. 

Alle Bedürfnisse des Menschen deckte die ihm ausserdem 
zu unbeschränktem Gebrauch überlassene Fülle des Edel- 
gartens : nur ein einziges nicht, das der Gesellschaft, mensch- 
licher Gesellschaft. Auch diesem abzuhelfen hören wir 2, 18 — 
ebenso wie vor Erschaffung des Menschen im I. Bericht 1, 26 
— ein göttliches Selbstgespräch : „Nicht frommt es, dass 
der Mensch sey allein! Ich will ihm machen eine 
Hülfe (nty „Beistand", abstract, weil noch ohne die con- 
crete Erscheinung *) wie sein Gegenüber" (nn^SD d. i. 
SeineBgleichen, V. 23 erklärt als „Gebein von meinen Gebei- 
nen und Fleisch von meinem Fleisch"). 

Dass vor Erschaffung des Weib es hier ein Selbstgespräch 
Gottes stattfindet, nicht aber auch vor Bildung des zuvor er- 



* Vulg. adjutorium gimüe sibi; dagcg. V. 20 bei der concreten 
Gestaltung- ck//tt<or simiUs ejus. LXX u. Luth. beidemal (ßoti&ovy Ge. 
hülfin) concret. 



38 Einheit der beiden Schopfiingsbericbte. 

BchafFenen ManneS; wie es im L Bericht zunächst bei diesem 
und auch mit demselben Verbum geschieht, das zeugt wieder 
von der mehr oder weniger offenen stetenBezugnahme 
des II. Ber. auf den I., als ihn conform ergänzend und eben- 
so auch direct voraussetzend. Der in I gebrauchte Plural 
M^y^ entspricht dort eben nur dem zu erschaffenden Maju% 
(s. Calv. b. Marlor. Gen. 22), was LXX, Aq. und Vulg. 
durch Pluralisirung auch des jetzigen ntt)5>« vom Weibe über- 
sehen. Aber auch selbst jener Plural des I. Berichts 1, 16 
(i5m)3n3 I3)abita dn« rw$^) kehrt im Verfolg des IL bei dem 
späteren Selbstgespräch Qottes im Paradies und genau da 
wieder, wo ebenfalls von jenem inzwischen zu Hoffart und 
Unglauben verführten Mqjus die Rede ist, 3, 22 sr^ti Dn«rt 
•i^WTa irtN5. * Wie fein ist auch diese Correlation ! .Ebenda- 
hin gehört selbst auch das vorausgehende mr: «b in jenem 
andern göttlichen Selbstgespräch, was, als ein noch zu er- 
gänzender Mangel, erst aus dem wiederhohen mr: "»D «'T'I 
(1, 4. 10. 12. 18. 21. 25) und n«» mü (V. 31) in I sein rechtes 
volles Licht erhält. Endlich wie dort der Mann nach dem Bilde 
und Gleichniss Gottes geschaffen war (lamT^n^ I5ttb^:i 1, 26 f.), 
so hier auch das Weib nach einem Modell (wiederum ü), 
nämlich nach dem Conterfei oder Vorbild des Mannes {n^^D 
S. 37), sowie später auch der Mann wieder nach seinem Gleich- 
niss und Bilde (iiabitD imTa^ia 5, 3 vgl. 1) einen Sohn zeugte. 



* Nacbdem die anerschaflPene selige Gottebenbildlichkeit durch 
das hoflFärtig - ungläubige Trachten nach Grottgleichbeit im Wissen 
verfallen ist, geht auch der homogene Wohnort des Paradieses mit 
verloren. Als gnädiges Viaticum erhalten die Elenden T hier rocke, 
und indem sie nun in dieser Verkommenheit vor Gott dastehn, .spricht 
Gott eben: „Siehe, der Mensch ist geworden wie Unser einer!" — 
Götter von der traurigen Gestalt, — eine Caricatur von Gottgleich- 
heit, die eine, so nur auch in's Wort gefasste, reale Ironie zu der 
diabolischen Verheissung 3, 5 bildete. P. MARTYR(f. 17 b): In hac iro- 
nia exprimüur divina misericordia condolena de nostra calamüate: — 
haec est iüa Dei simüüudo, quam dMolus Uli promisky haec iUa est 
praeclari [praeclaraf] boni et mali sdenUa^ quam peccans appeUmt. — 
£iner prophetischen Deutung dieser Gottesworte auf die im Protevan- 
gelium (s. u.) enthaltene Menschwerdung Gottes, (oder auch) 
damit der Mensch wahrhaft und im rechten Sinne „wie Gott werden" 
könne (Kurtz B. u. A. 123), steht das Präteritum, das damals schon 
vollendete iT^^ D^Kn ^tl entgegen. 



Einheit der beiden äcböpfuugsberichte. 39 

Jene so betonte Wesenegleichheit oder Ebenbürtig- 
keit des persönlichen Beistandes (inA23 nT9) hat zur noth- 
wendigen Voraussetzung das Daseyn eines andern, 
aber eben unbefriedigenden; weil un ebenbürtigen Beistandes. 
Im strengsten Sinne ^^aliein'^ war also der Mensch nicht, aber 
einsam; der einzige Mensch. Dem Berichte nachsagen ; der 
Mensch sey jetzt auch selbst ^ohne die Thiere, also absolut 
allein (i'iäb) gewesen, heisst die Determinirung des nT9 durch 
das so markirte, in jenem Falle aber ganz unmotivirte niA^d 
überspringen. Den also hiermit schlechthin vorausgesetzten 
Contrast zu der Ebenbürtigkeit konnte vielmehr eben bloss 
die Thierwelt bilden, deren Daseyn mithin implicirt ist,* 
wie es im I. Ber. als dem Menschen vorausgehend wirklich 
(explicite) erzählt worden ist. Ja auch das so bei ^T2^ 
iiasD als vorhanden gedachte, nur eben ungenügende thieri- 
sehe ^M?y die Dienstlichkeit der Thierwelt gegen den Men- 
schen, ist in I dadurch mit berichtet (1, 28), dass sie als der 
Herrschaft des Menschen unterworfen dargestellt ist, wonach 
sich denn auch in diesem Puncto beide Erzählungen inein- 
andergreifend vervollständigen. 

So wird nunmehr in V. 19 des II. Ber. die hiernach 
factisch schon früher vollzogene Thier Schöpfung ^ bei gegen- 
wärtiger Gelegenheit, als Folie zu Erläuterung des nn^D^, 
ebenso episodisch nachgebracht als vorhin die Pflanzung des 
Gartens nach Erschaffung des Menschen. Statt dessen hier 
(V. 19) finden wollen, Gott habe bei dem Versuche, den Ge- 
danken des 18. V. zu realisiren, d. h. einen „ebenbürtigen" 
zweiten Menschen zu formircn, zuerst nur unbefriedigende 
Thiergestalten hervorgebracht, — es wäre ebenso lästerlich 
als, nach dem sofortigen Gelingen des Ersten Menschen, wi- 
dersinnig. ** Viel einfacher erklärt die centi'ipetale und 

* Um wie viel höher stünde ja sonst Ovid (MetHm. 1, 76 sqq.): 
„SancUus his animal mentüque capacius altae Deerai adkiw et quod 
dominari in caetera passet: Natus hämo est.'' 

** Dem hilft auch das problematische Pbilosophem nur zum 
Theil ab, die Thiere seyen „von einer Absicht oder Idee aus geschaf- 
fen, die durch sie nicht vollständig verwirklicht worden", indem sich 
auf unteren Stufen der Natur „göttliche Absichten oder Ideeen an- 
deuteten , die erst auf den höheren zur vollen Verwirklichung ge- 



40 Einheit der beiden SchÖpfangsberichte. 

episodische Natur unseres Abschnittes dies alles dahin : Unter 
den ebenfalls aus Erde gebildeten Thieren der Erde 
und der Luft (V. 19 f.) fand der Mensch, grade je genauer 
er sie kennen lernte, jene seine ersehnte Wesensebenbürtig- 
keit nicht, und je länger je weniger. Denn Subject zu «b 
Nit?a V. 20 bleibt einfach das vorherige ülNSi (Nlp'^i), und 
der Zusatz ölNb drückt eben nur das menschlichHo- 
mogene energisch aus. Der Mensch, ohne Zweifel der 
interessirteste und dadurch auch competenteste Beurtheiler 
(es gilt eine Gefühlssache, ein avfiTta&eiv^ Hebr. 4, 15), "wie 
es in höherem Grade etwa ein Bräutigam wieder ist, — „lur 
einen Menschen fand er nicht einen ihm entsprechen- 
den Beistand," — also eben nicht Seinesgleichen.* Diese 



langten" (Schultz 362 f.j, — und um so weniger als ja dann grade 
das Unvollkommene, dafem man das Plusquamperfectische in 1i^'»T 
V. 19 uragjehen will, das später Geschaffene wäre. Uebr. vgl. dageg. 
schon 1, 21. 25. 31. 

* „Adam ipsi Adae, vel homo ipsi homini non invenü^*" — 
(Fagiüs); ^^Hebraismus elegans: de se loquüur tertia persona, pro: at 
sibi non invenit auxüium simile sibi^^ (Vatabl. b. Marlor. Gren. 23). 
Doch ist hierbei der feine Wechsel in d*lNtl und D^Nb (worauf, durch 
die Stellung hervorgehoben, auch das Suff, in Tl^5!D geht, beides im 
Sinne von ad hominem) übersehen, indem so die menschliche Person 
übergeht in die menschliche Wesenheit (vgl. homo sum, humani nihü 
a me alienum puto). Daher schief Moldenhaw. und J. P. Lange 
(Gen. 69): „für Adam — nicht für den Menschen, weil es sich hier 
zunächst um die Versorgung des individuellen Menschen, Adam, 
handle." Wo noch alles zugleich generell, Adam auch noch die Mensch- 
heit ist, da giebt es für den Moment objectiv, geschweige denn sub- 
jectiv, noch gar keinen Gegensatz von Individuum und Geschlecht, und 
vielmehr nur den von Mensch und Nicht-Mensch. — Als Subject Gott 
aus dem vorige n V. zu entnehmen (L. Schmid 129, Kahnis, Zeugniss cet. 
S. 96), ist nicht nur das ferner liegende, sondern drängt unserem 
Verf. auch eine Thorheit auf. Und so wird schon durch Verschiedenheit 
der Subjecte der vermeinte durchgehende Parallelismus von V. 19 und 
22 durchbrochen, ebenso aber auch durch Verschiedenheit der Verba 
(li^'^T und )y^i), wonach lediglich das wiederkehrende fi^a"^! übrig 
bleibt. Das ist nun das einzige Zusammentreffende , allerdings cor- 
relat, aber mit um so mehr hervortretender Verschiedenheit des 
Erfolges. Der auf jenen hinfälligen Parallelismus der Thier- und 
der Weibesschöpfung gebaute Schluss, dass die Thiere zwischen 
der Schöpfung des Mannes und des Weibes entstanden, fällt damit 



EiBheit der beiden Schöpf ungsberichto. 41 

andere Weeenseinheit mit ihm, unter allen übrigen Creatu- 
ren im Paradiese nirgends vorhanden, masste vielmehr auch 
aus seiner eigenen Wesenheit erwachsen. Die bei dieser 
Gelegenheit erwähnte Thierwelt zeigt also nur negativ an, 
was "nÄSD ^t5> nicht sey, und bloss sofern sie der Ge- 
gensatz und eine Folie davon ist, deutet sie relativ an, 
was es sey. Dass aber die Thiere bloss zu diesem nega- 
tiven und relativen Behuf erst jetzt erschaffen worden 
seyen, wie es nach chronologischer Auffassung des 2. Cap. 
scheinen würde, kann niemand ernstlich meinen und darum 
auch niemand diese Abgeschmacktheit dem heil. Bericht- 
erstatter beimessen. Hätten die Thiere dann ja doch, nach- 
dem sie das Ihrige gethan d. h. sich als zu ihrem angeb- 
lichen Zwecke unzulänglich erwiesen oder auch als Folie 
gedient, folgerecht wieder abtreten und wegfallen müssen. 
Vielmehr waren sie wirklich und sind sie noch fortgehend 
auch ein "iiy des Menschen, ihm gar sehr dienstlich, aber 
nun und nimmer das, was ihm dort fehlte, inriSD ^i^. 

So würde 'lai rt*itt5n rr^n b3 nwn«^ yn D-^nb« mjr^ 'nat'^i 
in einer anderen Sprache allerdings etwa im Plusquamperf. 
(V u 1 g. , LuTH. ob. S. 29 f.) ausgedrückt seyn. Allein das 
Verhältniss ist eben nur ganz das früher erörterte. Das in 
Relativität Aufzufassende bat die Einkleidung eines Selbst- 
ständigen, in dessen Entstehung sich der Erzähler im Mo- 
ment wirklich zurückversetzt.* An uns. St. hat dies seine 



von selbst. Ausserdem würde in jenem Falle auch d'INb statt D'lNb 
stehen. Grleicb trüglich, ob auch frappant, ist die von Rinck, Ein- 
heit d. mos. Schöpfungsber. 8.36 f., zwischen Erwähnung der Herrschaft 
über die Thiere nach dom Rathschlusse der Menschenschöpfung und 
vor seiner Ausführung in I. 1, 26 einerseits wie der Bildung und Be- 
nennung der Thiere nach dem Rathschlusse der Weibesbildung und 
vor seiner Ausführung andererseits gezogene Special- Parallele von I 
und 11, da in I auch birr alles wirklich und chronologisch aufeinan- 
der folgt, in n dagegen eben auch hier die Bildung und Benennung 
(nicht Beherrschung, S. 43 f.) der Thiere bloss secundär und subsidiär 
einem feinen Pragmatismus dient, so dass eine reale Parallelisirung 
beider nur irreführen und verwirren könnte. 

* Pott 1. 1; p. 279 : „ üti enim auctor, übt in praecedenübus plan- 
tarum et hominis mentionem fecerat, utriueque creationem quogue etatim 
addiderat, quo magis wnnia a primordm repeteret, sie et h. l, [v. 19], 



42 Kinlieit der beiden Schöpfungsberlchte. 

höhere Berechtigung noch darin, weil so erst auch die schein- 
bare Homogeneität („Bildung aus dem Erdboden", wie vor- 
her dem Leibe nach der Mensch selbst geworden) heraus- 
tritt, woneben aber die geistige Belebung aus Anhauch Gottes 
in vielsagendem Schweigen den Thieren versagt bleibt * Dass 
übrigens diese ganze Schilderung der Thierschöpfung eben 
nur mit Bezug auf das Centrum der Erzählung, den Men- 
schen, ihm zur Folie, erfolge, beweist auch der an sich zur 
Thierschöpfung als solcher, wie auch früher zur Garten- 
pflanzung für sich allein (V. 8 f.), unpassende Name Gottes 
ü'^'nb» mri"^, wovon später.** 



uhi prima vice de animarvtibv^ sermo est , et horum creationem paiicis 
commemoratJ'^ — Wenn übrigens Schumann (Gen. p.38) die Worte V. 15 
iTn7JT25bl ^t*7Syb entw. für ein uraltes Scholion oder für eine Pro- 
lepsis erklären durfte, so würde es wohl noch vielmehr erlaubt seyn, 
die Schöpfung des Menschen für eine Prolepsis und die der Thiere 
nachgebracht zu halten, wenn erst hierbei der Bericht Sinn und Ver- 
stand erhält. 

* Hiernach ist zu beschränken, was Hengsten bebg (Ev. KZ. 1862 
Vorw.) sagt: „Es sey nur nachlässigere Darstellung, wie sie in den 
BB. Mos. so oft vorkomme, wo das Genauere bereits bekannt sey; 
daher: Gott bildete und brachte, statt: Gott brachte die Thiere, die 
er gebildet. Nur das Letztere ist der Fortschritt in der Erzäh- 
lung, das Moment, welches in den chronologischen Verlauf gehört ; das 
Erstere ist ihm dienend." Vielmehr ist jene Fassung gewählt zu 
vollständiger Analogie mit V.7 1B5> D1«n riN Ü'^rtb« mrf I^T'^'^I 
n 73 *1 N tl )12. „Chronologischen" Fortschritt giebt es in H nur un- 
eigentlich; diesen Faden hat I, zugleich mit für II. 

** Freilich sieht Keebl hier eine unter Jehovah- Gottes di- 
recterer Betheiligung und zwar ebenfalls in E d e n (gegenüber der auf 
„der Erde") und nach der des Menschen erfolgte zweite wie Pflan- 
zen- so auch Thierschöpfung (ob. S. 8. 24), — eine völlig ausserhalb der 
auch hier eingehaltenen Schöpfungssystematik stehende Vorstellung, die 
schon allein damit durchbrochen würde, dass auch nach H V. 19 f. 
J.-Gott „alle Thiere des Feldes und alle Vögel des Himmels aus dem 
Erdboden bildete", wo doch, wie man auch immer zwischen 'f^lfi^tl 
und tl*ltÖ?1 unterscheiden möge (S. 20 f. 44), doch wenigstens das 0*^)31011 
in II und I (1, 20) wohl ein und derselbe Himmel ist, das hier in 
II stehende D'^Wtön tf\y („Vögel des Himmels") aber um so weniger 
blosse Eden- oder Paradiesvögel seyn können, als dies grade der in der 
ganzen h. Schrift gewöhnliche und stehende Ausdiuck für das Geflügel 
überhaupt ist. Im N. T. vergl. z. B. Matth. 6, 26 u. a. 



Einheit der beiden Schöpf ungsberichte. 43 

Demnach besagt V. 19 allerdings: Gott hatte aus dem 
Erdboden ebenfalls alle Thiere des Feldes und alles Geflügel 
des Himmels gebildet; ;;Und liess nun (es) kommen zu 
dem Menschen, um zu sehen, was er zurufen 
würde ihm (jedem besonders, d.h. wie er's benennen würde), 
und alles was zurufen würde ihm der Mensch, 
einem lebendigen Wesen,* das sein Name. Und 
es rief der Mensch Namen allen Hausthieren und 
den Vögeln des Himmels und allem Gethier des 
Feldes.^^ Diese Namengebung, welche onomatopoetisch und 
als phonetischer Ausdruck des empfangenen Eindrucks zu 
denken ist,** bezeichnet zugleich und wesentlich eine ge- 
naue Bekanntschaft mit den Individuen, worauf 
auch der wiederholte Singular ib hinweist; vgl. Ps. 147, 4 
«^p*^ rntttt) Db^b D'':3Di5b 'nco» nsi» (d. h. das siderische Uni- 
versum ist Ihm im einzelnsten aufs genaueste bekannt), Jes. 40, 
26 K^p-^ Dtt)3 DbiDb DNaat itüixi N-^asiÄn; 43,1 '^tttt)a •^n^'np; 45, 3 
ys^'2 N^iprt ; (Ezech. 24, 2 drn ü^y nfi^ dT^n Du n« ^b äiriD 
rttn ; ) auch Job. 10, 3 ra ISva ngoßara (p<avü xar ovo/ia (vgl. 
3 Job. 15 aana^ov rovg (flXovg xar ovofia). — Das beruht vor- 
nehmlich auf dem Begriffe von Dtö (ovo/äo), wodurch eben in- 



* tr^n tt5B3 Apposition zu "ib (Gebkh. LG. §. 191, 2; NXgklbbach, 
Gramm. §. 72, 2), um hervorzuheben, dass ausser und gegenüber dem 
einzigen „Menschen" (V. 7) dies alles die einzigen „lebenden Wesen" 
um ihn her waren, und anzuzeigen, dass der „Mensch'* nur „lebendi- 
gen Wesen" einen Namcnlaut abgewann, wohingegen unbelebte Er- 
scheinungen (wie Tag und Nacht, Himmel, Erde und Meer 1, 5. 8) 
und den Menschen selbst (5, 2) Gott benannte. Darum jetzt die wie- 
derholend bedeutsame. Nebeneinanderstellung von b!DT lb fi^^p"^ Sl)a 
'iai ?T>n «D3 DnNn lb «^p*^ "ntt)«. Auch dieser Umstand bezeugt 
die durchgehende Harmonie zwischen Cap. 1 und 2. 

** Dass diese Namengebung des Menschen ureigenste Production, 
wenn schon zugleich ein zündendes Zusammentreffen der Objecte mit 
dem Subject im widertönenden Eindruck jener auf dieses sey, zeigt 
auch das offenbar göttliche riM'lb („um zu sehen"): denn die Er- 
klärung MoLDENH AWEBS : „ dass der Mensch zusähe, wie er sie 
nennen solle — was ihnen für ein Name gebühre," giebt nicht nur 
der fliessenden Darstellung eine drückende Schwerfälligkeit, sondern 
auch dem Verb. Mfi^l eine unerweisliche Bedeutung, wie denn in die- 
sem Falle auch dem Infinit, das deutende Suffix (imK'nb) nicht ge- 
fehlt haben würde. 



44 Einheit der beiden Schopfungsberichte. 

dividualisirt wird. * Aber auch das allerdings zu- 
nächst nur correlate, doch aber auch isolirte Verbum ««ip 
soll nicht allein diesen Begriff noch verstärken, vielmehr 
steht es deutlich zugleich in Beziehung zu dem «^p*^ von 
dem endlich gefundenen Weibe V. 23 (vgl. 3,20); so dass 
auch dieser Zug die vorausgehende Thierbenennung nur 
als eine Vorbereitung auf jenes epochemachende Ereigniss, 
und zwar eben in dieser objectiven Aussprache (Nip) die 
in ihr liegende vollkommne subjective Bewusstheit von der 
tiefgähnenden specifischen Differenz zwischen Hetero- und 
Homogeneität der Animalien neben dem „Menschen" und 
näher dem „Manne" (V. 23) bezeichnet. 

Als die so dem Menschen im Einzelnen (immerhin paar- 
weise) vorgeführten Thierarten finden wir a) JiT^rrn (zahme 
oder Haus-Thiere, LXX XTr^vri) ; b) D-^TSon t:ii5> (Vögel) und 
c) nniörr rr^n (Feldthiere, Wild, S. 20) : alles in der Stufen- 
folge, wo das Fernste auch zuletzt steht. Diese Gradation, 
und zwar mit Ausschluss der noch jenseit dieser letzten 
Grenze stehenden kalten, fremdenWasserthiere und Amphibien 
(speciell auch der bald so furchtbar gewordenen Schlange, C. 3) 
ebenso wie des kleinen kriechenden Gewürms (t373^ in I), ist 
auch .ein significanter Zug davon, dass selbst jene dem Menschen 
immer noch nächststehenden Geschöpfe ** in ihrer individuel- 
len Vorführung bloss zur Folie dienen sollten, indem sie dem 
nach wirklicher d.i. ebenbürtiger Gesellschaft lechzenden Men- 
schenherzen nicht genügen konnten. Also nichts weniger 
als ein nochmaliger Bericht von der eigentlichen Schöpfung 
der Thierwelt, wobei ja eben die Weglassung der Aquati- 



* Daher ja auch SniT^ Ütt5 Ausdruck des concretesten Theismus 
(gegenüber dem Pan-, Poly- und Atheismus). Dagegen ist die Na- 
mengebung wenigstens nicht zunächst ein Ausfluss der Herrschaft 
(1,26; RiMCK s. oh. S. 41, Baumg. I, 45; Obcolamp. b. Marlor. 23, was 
MuscuL. das. nach 2, 23. 3, 20 auch auf die des Mannes über das 
Weib bezieht); eher wäre dieses das Kommen der Thiere zum Men- 
schen, wozu hier indess eine unmittelbare Wirksamkeit Gottes tritt 
** Aus denen daher verschrobene Misanthropen sich etwa Hunde 
und Katzen (tlWtlä), oder Vögel (d'^731ö?1 tll5>), oder ein Eichhorn, 
einen Fuchs, Löwen (iTIlöil rr^Tl) und dergl. als Surrogate mensch- 
licher Gesellschaft wählen. 



Einheit der beiden Schöpfungsberichte. 45 

lien, Reptilien cet. die allergröbste Fahrlässigkeit, zumal 
neben dem I. Berichte, beurkunden würde;* viehnehr ein 
leuchtendes Zeugniss dafür, dass die gegenwärtige Anfuh- 
rung nur eine subsidiäre seyn und bloss dem äatze zur 
Motivirung dienen sollte in na *iiy ib Siw«, weshalb sie auch 
wieder den über alles Vorherige Licht verbreitenden Kefrain 
hat V. 20 ina33 "ify «it?a «b Dn«bi. Grade jene genaueste 
Eenntniss der überall harmonisch gepaarten allgemeinen Mit- 
geschöpfe gab dem suchenden Menschen die Gewissheit, dass 
Seinesgleichen nicht existirte. Alles hatte seinen Genossen 
(sein Gemahl): für den Menschen fand der suchende, mu- 
sternde Mensch keinen Beistand Seinesgleichen (V. 20), — 
unter Larven die einzige filhlende Brust.** — Vegetabi- 
lische Homogeneität des Aufenthalts besass er in dem gott- 
gepflanzten Garten; die animalische Umgebung aber verhielt 
sich jetzt zu ihm nur noch etwa so, wie die anfängliche 
wüste Erde draussen (V. 5) zu dem Paradiese, das auch nicht 
hatte ina». 

Und nun schildert V. 25 flf., wie Jehovah-Gott diesen ver- 
ömsamten Menschen in einen todähnlichen Schlaf (nian'nn, 
LXX ixarafTig, Aq. xaracpoga, Symm. xcigog, mit avat^ 



' * Richtig läset, nach Chhyb. b. b i a n d. 99 sq.» Obcolauf., Calv., 
MuscuL. b. Mario r. 23, Dblitzsoh (158) aus diesem Grunde die Wasser- 
thiere (von Gbrh. 60 f. unrichtig in bD V. 19 , was aber ausdrücklich 
beschränkt ist, gefunden) -vom Erzähler ungenannt bleiben, diesen deut- 
lichen Fingerzeig zum Rechten selbst aber unbeachtet, so dass er den- 
noch eben hier die Thatsache der allgemeinen Thierschöpfung sieht. 
Besser Hbnostenb. a. 0. mit der ßemerkung, V. 19 f. „gelte nach der 
Weise der BB. M., wie sie uns z. B. in einer Reihe von Stellen in 
dem Bericht über die Sündfluth entgegentrete, einer ausdrück- 
lichen Verweisung auf einen vorangehenden genauen Bericht 
über die Erschaffung der Thiere, den in C. 1 vorliegenden, gleich 
und vertrete die Stelle derselben.'* Gleicherweise ist aber auch 
darauf hinzuweisen , dass es in Bericht II für die ausserhalb des Para- 
dieses lebenden Wesen keine Hervorbringung von Nahrung, überhaupt 
gar keine öcumenische Flora giebt, — ein ferneres Zeugniss 
davon, dass dieser II. Ber. es nur mit dem Menschen und Para- 
dies zu thun haben will, dies aber eben nur unter Voraussetzung von 
I (1, 11 f. 30) möglich ist. 

•* Vgl. Rabb. b. Sim. de Muis, Varia sacra in Critt. ss. Frcf. 
VII, 397. 



46 Einheit der beiden Schöpfungsberichte. 

cdi^aia, Gerh. 58. 62*) fallen liess^ ihm eine, durch Fleisch 
wiederergänzte, Rippe entnahm (ein Kaiserschnitt ohne Glei- 
chen), diese zu einem Weibe „baute,''** und dieses zu dem 
Menschen brachte («"^ärt so wie früher V. 19 von ihrer Fo- 
lie, den Thieren), wo nun dieser, in seinem Glück zum Dich- 
ter erregt und die vorherige Namengebung (N-np V. 19 u. 23, 
S.43 f.) erst jetzt befriedigt vollendend, ausrief: „Diese das 
mal (nys^i, d. h. nach so vielen vergeblichen malen, oder auch: 
einmal) ist Gebein von meinen Gebeinen und Fleisch 
von meinem Fleisch! Dieser soll zugerufen wer- 
den Männin (SilöK, Symin. avJp/^, Vulg. vtrago), weil 
von einem Manne genommen ist Diese!'' 

Das ist jene tiefste historische Gründung der unzerreiss- 
baren Einheit beider Geschlechter zur monogamischen Ehe 
(nriN 'iiöäb), stärker als die von Aeltem und Kindern (V. 24), 



* Mit andd. Aelteren, um Adam gegen den Schmerz unempfind- 
lich zu machen und ähnl., s. b. Marlor. 23 sq. 

** n^n, nicht «15, was Urschöpfung ist (S. 12), woneben 'nX*' 
Bildung aus ersterschaffenem Stoffe, wie die des Mannes aus dem 
Erdreich (V. 7. 8). Ein weiter potenzirtes Gestalten aus schon gestal- 
tetem (bez. animalisirtem) Stoffe, hier aus dem Manne, bezeichnet nun 
eben S131, die architectonische Blüthe des Schaffens (das Weib). Hier- 
von schon Abarb. b. S. de Muis 1. L: ^yÜtitur (s, text.) verbo aediß- 
caneU, rum creandi propterea quod e mhüo mulier non fmi^ rieque for- 
mandif guoräam üliu9 forma lum fidt nova fiynma^ aed hominis forma; 
utiturj inguamy verbo aedißcandi quasi opus divinae artis muUer «Ä." 
Gewiss ein reicher Ersatz dafür, dass in derselben Erzählung sonst 
D^N^I („der Mensch") xaz iSoxvv vom Ersten Menschen , dem Manne, 
Adam, gesagt ist. Der Artikel entfällt diesem (üb. 2, 20 s. S. 40) erst 
3, 17. 21 (nachdem V. 20 auch das Weib einen Eigennamen erhalten); 
4, 25 (jjehov."), 5, 3 ff. („eich."), womit nun Ö1N; gegenüber dem 
Weibe, nom. propr. Q48du) geworden. Allein selbst jene Bezeichnung 
des Mannes als „der Mensch" thut der Würde der Frau darum nicht 
Eintrag, weil sie aus und von ihm ist, also vorher in ihm, integri- 
rend ihm zugehörig war. Sinnig b. Gerh. (58) das Hiä als „?iow tan- 
tum ad pulchrüudineni hujus aedificii denotandam, sed etiam ad insi- 
nuandum^ quod — qui sine uxore est, habetur quasi sine domo sit. Am- 
bras, de pärad.^^ Freilich steht doch viel näher das öftere Bild von 
dem menschlichen Leibe als einer Behausung, wie Joh. 2, 19 — 21 ; ob. 2 
Cor. 5, 1 ff. und schon Hiob 4, 19 Ü^lO"' 'nöys 'HTÖN 'n7an '^na; 
Weish. 9, 15 f&aQzdv ac5fia — ra yeolSes oxfjvos. 



Einheit der beiden Schöpfungsberichte. 47 

und solchergestalt auch würdig ein Typus zu soyn der ab- 
soluten Unauflöslichkeit der Einheit von der Braut-Kirche und 
ihrem Bräutigam Christus, Ephes. 5, 22 ff. 28 ff.: Ovrwg 
btfBiXovaiv ol ärSgeg äyanäv rccq irtvrwv yvvaixag (og rä 
iavTciv adfiara. ' äyanrnf ttjfp iavrov yvvaixa iavrov 
ayan^' ovSsig yaQ nots riyv iavrov öccQxa ifiiariaev, aXkä 
kxTQicpei xal ß-aXnu avri^v^ xa&fog tccu 6 XQt^tog trjv kxxXT]- 
aiceVy ort fiiXf] iCfih tov ffaifiatog avrov^ ix tijg aagxog 
ttVTOv xai kx tcSv oarioüv avrov. Wie dies klar auf 
unserem 23. V. (^lüM nttJSn ••jsaty» Oity) beruht, so wird auch 
der nächstfolg. 24. V. im nächstfolgenden der Paulus- Stelle 
(Eph. 5, 31) sogar wörtlich angezogen; vgl. auch 1. Cor. 11, 
7 ff. 12. Matth. 19, 4—6.* 

Auf jener ganz eigenthümlichen Abstammung auch des 
Weibes vom Manne und der physiologischen Einheit ihrer 
Ehe gründet aber auch die dogmatisch und sittlich so hoch- 
bedeutsame intensive Einheit der Menschheit, als die so Ein 
Urälternpaar hat, das wieder auch selbst keine Doppelschöpfung, 
sondern ursprünglich Ein Einziger Leib war (der Vater der 
Menschheit zuvor auch deren Mutter), wovon daher auch 
Act. 17, 26 knolriüBv (6 &Eog) h^ ivog [atfiarog] näv ^&vog 
av&QdnaiV xarovTt^XvhmnavTog nQoownovrijg yijg, — ** 

Das in II geschilderte, unter „ Je ho vah- Gottes" 
speciellstem Walten stehende Paradies hat den Menschen, wie 
er in I nach Gottes Bilde geschaffen und zum Herrn der 
Erde geordnet ist, auch im Einzelnen der allgemeinen Natur- 
ordnung enthoben und durchgängig in eine sittliche Sphäre 
gestellt, und zwar, gleichwie früher durch den Wissensbaum 
mitten unter den übrigen Vegetabilien, so zuletzt durch die 



* Oecolamp. (8. b. Marlor. 24) fügt noch bei: ,^quody Adam sC' 
cundo mortuo in cruce vel dormente, de latere iUiics sumi deberet quum 
cx'xret aaiiguia et aqua: certe hie symboUa Ecclesia congregata c**." 

** War nun aber das Weib so erst aus dem Manne entsprungen, 
um 80 naturwidriger war es, dass der Mann in der Uebertretung 
(Cap. 3) ihr folgte, statt dass sie ihm, er selbst aber dem heiligen 
und gnädigen Schöpfer und Gesetzgeber Jehovah-Elohim hätte folgen 
sollen. Eben hierauf beruht nun auch die apostolische Ausführung 
1 Tim. 2, 11—14 von der Stellung des Weibes und ihrer Pflicht, 
schweigend zu lernen und dem Manne still Folge zu leisten. 



48 Einheit der beiden Schöpfungsberichte. 

Ehe mitten unter den übrigen Animalien und namentlich 
gegenüber der nur 'generellen Fortpflanzungsordnung in 
1, 28. — 

Bei solcher genaueren Analyse des Zweiten Berichtes; 
zumal in seinem comparativen Verhältniss zum Ersten, ist 
es wohl zweifellos geworden, dass jener diesem nicht irgend- 
woher äusserlich angeheftet, vielmehr schon mit unausgesetzter 
Rücksicht auf denselben verfasst ist ; dass II aber auch, weit 
entfernt eine nur deckende und dann unnütze Wiederholung 
von anderer oder derselben Hand, ja auch nur eine musi- 
calische Variation des Thema in I zu bilden, vielmehr eine 
planmässige Durchsetzung, eine organische Ver- 
webung dieses Aufzugs mit Einschlag, kurz, eine 
tiefdurchdachte einheitliche Ausführung und zu- 
gleich Weiterleitung von I ist. — 

Diese aus gleichem Urgründe erwachsende Harmonie 
Beider zeigte sich schon im Allgemeinen an dem beidersei- 
tigen stetigen teleologischen Zuge, indem I sofort in 1, 1 
sein universales und in V. 2 sein näheres und eigentliches 
Vorhaben, formell aber und durchgängig die Entwicklung in 
der Zeitfolge als sein Princip darlegte, und ebenso auch H 
durch die gleiche sofortige Hinwendung in 2, 5 und 7 zu 
dem nunmehrigen Hauptobjecte, dem Menschen, wie durch 
die fortgehende Gruppirung um den Menschen her und die 
göttliche Specialpädagogie seinen anthropologisch -theologischen 
Zweck in dieser concentrirenden Form festhielt (S. 21. 30 f.). 
Beide Berichte begegneten aber und durchzogen sich mit 
diesen Strömungen auch im Einzelnen, durch die nach 
den Eingangsworten 1, 1 und 2, 4b zunächst folgende 
Negation in I mit inm iSin 1, 2 und in H mit n*^t3 b^Di 
'i^i rr^rr^ ü^t2 ni^n 2, 5 (S. 21) ; weiterhin durch einen beson- 
deren göttlichen Rathschluss vor Erschaffung des Menschen 
in I und des Weibes in II, womit sich beide Berichte, ohne 
Doublette, augenscheinlich ergänzen, dabei auch durch ein Con- 
terfei, das des Menschen (Ti:»5r)), für das zu bildende Weib in H, 
nachdem er erst auch selbst in ein. Bild und Gleichniss, das 
Gottes, erschaffen worden (S. 37 f.) ; ferner durch die üebergabe 
der gesammten Baumfrucht zum Genuss der neuerschaffenen 



Einheit der beiden Schöpfüngsberichte. 49 

Menschen (in I wie in II; S. 36)^ nur in 11 mit einer an- 
scheinend geringen und doch so bald fUr die in der heil. 
Schrift; verfolgte Heilsgeschichte hochbedeutsam gewordenen, 
somit I auch weiterführenden und Ferneres anbahnenden 
Einschränkung ; sodann durch das Verhältniss des Menschen 
zur Thierwelt.(S. 39 f), welche, nachdem in I die unbelebten 
Dinge durch Gott selbst benannt worden, in U vom Menschen 
ihre Namen empfllngt (S. 43, vgl. V. 19. bes. die frappante 
Nebeneinanderstellung n-^n «&3 önKrt ib «ip^'i). 

Neben solchen augenflüligen Tangenten, wodurch die 
beiden Berichte einander nicht nur ergänzen, sondern auch 
erhellen (wie in I das Bild Gottes im Menschen mehr formal, 
das göttliche Einhauchen von Lebensodem in U auch real, 
S. 28), finden wir auch und überhaupt in jedem Verse des 
n. Berichts Neues, das zwar im I. mit anklingt, nicht aber 
ausdrücklich dasteht. So erfuhren wir aus IE, nächst einer 
Andeutung über das Innenverhältniss des mit I allenthalben 
identischen Schöpfers zum Menschen (D'^iibM Imn*^, s. u), dass 
zur der Zeit, wo dieser 11. Bericht einsetzt, d. i. bei der 
Scheidung von Erde und Himmel; und der von Land und 
Meer (2, 4 b. 5), ein fortwährendes Aufdampfeh der noch 
vegetationsleeren Erde statt fand (V. 6); dass Gott den 
Menschen aus Erde formte * und ihm Lebensodem einhauchte 
(7); für ihn speciell einen lieblichen Garten mit schönen 
Pruchtbäumen, darunter aber zwei ganz besondere, stiftete, 
auch wo dieser Garten Gottes, mit Wasseradern fiir weit 
entfernte Gegenden, gelegen war (8— -14); welchen Beruf der 
Mensch darin haben sollte (15); und dass er von allen 
Bäumen essen durfte (wie auch I andeutet"), aber (Was nur 
in II) bei Todesstrafe nicht von dem des Wissens um Gut 
und Böse (V. 16 f., s. ob.); ferner dass der ersterschaflTene 
Mensch ein Individuum und zuerst auch ganz allein, ohne 
Seinesgleichen, war (18); dass er die ihm nahen und mehr 
oder weniger trauten thierischen Mitgeschöpfe, deren anima- 
lisch-homogene Bildung aus Erdenstoff jetzt ebenfalls deut- 



* ,jDeii3 8ua divina niente coticeptam hominis imaginem (jitxta 
iäud: faeiamus homin&m) jam admota manu affingU atque formal}^ 
Faoius b. Marior. 17. 

HOELEMANN, Neue Blbelstadien. 4 



50 Einheit der beiden Schöpfangsberichte. 

lieber steht als 1; 24.; Vergeblich nach einem Mitmenschen 
durchmusterte und durchsuchte (2, 19 f.); dass aber und wie 
Gott ihm ein durchaus ebenbürtiges Wesen aus der ur- 
eigensten Wesenheit des Menschen selbst erstehn liess (21 f.); 
wie freudig der Mensch dies anerkannte (23), und welch eine 
tief- und weitgehende Consequenz dieses Urverhältniss von 
Mann und Weib nun für immer habe (2dt). — Alles dieses^ 
neu in Sache oder Weise, und zugleich von solcher sitt- 
lichen Bedeutung, wüssten wir aus Bericht I nicht: und 
trotzdem ist's uns, nachdem wir es aus 11 kennen, nicht als 
ob dennoch das auch dort schon mit durchleuchte, oder doch 
Platz dafiir gelassen sey? Es ist eben Eins fur's Andre ge- 
schrieben, wie disparat auch und spröde Beides zu einander 
sich zu verhalten scheine. Könnte I ohne 11 allenfalls seinen 
Umrissen nach verstanden werden, so bliebe 11 ohne I ein 
dunkles Räthsel. Aber auch I ohne II verlöre viel, erschiene 
flach, kalt und fragmentarisch; es wäre ohne warme, trau- 
liche Menschengeschichte. 

Doch wir haben das noch über diese Gesammtverhält- 
nisse und zum Theil nur vorandeutenden Skizzen hinaus 
weiter und tiefer ins Einzelne hinab erörternd und erweisend 
zu verfolgen, gehen dabei von dem formalen Gebiet aus und 
dann fort zu der Substanz, des Inhalts und ihrem je eigen- 
thümlichen und adäquaten, aber in der höheren Einheit dieses 
Schriftganzen selbst schliesslich einheitlichen Character. — 

Der verschiedene Typus beider Berichte imd deren Ver- 
hältniss als einer tiefsinnigen und dennoch momentan „sprö- 
den" Vergeschwisterung oder vielmehr gegenseitig ergänzenden 
Vermählung findet sich zunächst schon im Ausdruck 
(Styl und Wort). 

Das Kürzere, mehr Vereinzelte und Geschiebartige in 
II gegenüber dem sich elastisch und rhythmisch fort- und 
abspinnenden Faden in I ist mit diesem durch den beider- 
seitigen Zweck und Inhalt grade so bedingt. Dort in 11 ist 
eben kein erstes Entspinnen, sondern nur Einsetzen mitten 
in I; ebenso eine weit grössere Enge der Zeit, wie auch 
des Ortes. Reichte I von „Anfang" (rr^^fi^lä 1, 1) bis „Schluss" 
(nblD-^i 2, 1 f.) der Schöpfung, deren letztes Werk der Mensch 
war; so geht 11 eigentlich von Mensch zu Mensch, vom 



Einheit der beiden Schöpfungsberichte. 51 

Manne bis zum Weibe. Umspannt der Raum von I Himmel 
jmd Erde; so begrenzt sich II eigentlich mit einem Qarten 
auf der Erde. Und so hier in II überall Beschränkung und 
Abhängigkeit. Dieser beiderseitige Typus und Character 
beruht auf verschiedenem Princip und Ziele. Den in I chro- 
nologisch an das Ende gesetzten Menschen hat II zum al- 
leinigen Object; das mit anheimelnden Details und Aus- 
malungen 6n minicUure umgeben wird. Er selbst^ der Mensch; 
steht da inmitteü des allen, was sich aber nach Maassgabe 
des hier waltenden Zweckes lebendig um ihn her und prag- 
matisch gruppirt. — Eine solche Verschiebung des Grund- 
satzes und Zieles in 11 gegen I bedingt nun nothwendig 
eine gleiche Modification der logisch-rhetorischen Dar- 
stellung, die ebendarum in II gleichfalls den Typus und 
Character des Abhängigen und Relativen, Nachträglichen und 
Auxiliären nicht verleugnen wird, und zwar nicht bloss in 
Rücksicht auf I, sondern consequent dann auch in sich selbst. 
Es gilt eben, und zwar auf beiden Seiten, Durchführung einer 
verschiedenen Anlage, daher in II auch überhaupt nicht mehr 
die horizontale Ausdehnung von I, sondern verticaler Auf- 
und Ausbau von dort gelegten Fundamenten, oder, wenn man 
lieber in den Tagewerken des I. Berichts gerade Parallelen 
gestockartig über einander errichtet sehen will, so handelt 
es sich (innerhalb derselben) im II. um durchgängig con- 
centrische Linien. 

Während man in neuerer Zeit dem sogenannten Jeho- 
visten „mit dem fein und sinnig reflectirenden Geiste*' gegen- 
über „dem schlichten Elohisten" (b. Knob., ob. S. 9) wieder 
gerechter worden ist, bemerkte doch auch schon Eichhorn 
(Urgeschichte, herausgegeb. v. Gabler II, 2, 14 S. vgl. 32 ff.) 
nicht ganz unrichtig, dass bei 2, 4 „die Erzählung einen 
kunstlosen Gang annehme: die einzelnen Thatsätze hätten 
nicht die Stellung, welche ihnen ein geübter, mit Methode 
erzählender Geschichtschreiber würde gegeben haben; die 
Erzählung müsse daher immer ins Vorhergehende wieder zu- 
rückkehren, wenn ein noch nicht erwähnter Umstand voraus- 
gesetzt werden solle." Weil dies aber nur dem Anschein 
nach so ist und kein Einblick in den eigentlichen Grund und 
die innere Nothwendigkeit dieser Erscheinung gethan wird, 

4* 



52 Einheit der beiden Schöpfongsberichte 

die in dem ganz eigenthümlichen Verhältniss von I zu 11 grün- 
det; so ist es unzutreffend; in 11 keine ;ßf ethode^^ zu finden.* 
Es giebt bekanntlich keine absolute Methode in concreto, 
darum mannigfache Methoden. Unser Bericht 11 nun folgt 
vielmehr einer recht ausgesprochenen; nämlich durchaus con- 
sequenten Methode; die allerdings eine andere ist als in I; 
während beide hinwiederum einer umfassenderen höheren 
unterstehen. Beide Specialmethoden sind genau je dem von 
ihnen zu tragenden Inhalte angemessen; sobald man sich nur 
in die beiderseitige Intention versenken will.* 

Im Hexameter steigt des Springquells flüssige Säule, 
Im Pentameter drauf fallt sie melodisch herab. 

Solundll; Beides vereint ;,daB Distichon;" — dieses 
aber nur die occidentalische Erscheinung des hebr. Paralle- 
lismus membrorum (s. uns. Krone des Höh. Lied. S. 37); 
wie er in Schilderung der ja zu Hymnen^ auffordernden Schö- 
pfung (vgl. Ps. 104. Hiob 38; 7) kaum fehlen konnte und hier 
nur in eigenthümlicher Synthese wirklich eintritt Auffliegend 
und schwebend ihr schmetterndes Lied singend ist die Lerche 
doch keine andere als diC; auch im Gesänge abfallend; in 
ihr heimliches Nest hinabsinkt. Dieselbe Bewegung nach 
aussen und dann wieder nach innen; die nach dem Grossen 
und Weiten sich ausspannenden Schwingen und ihr Wieder- 
zusammenfalten zur Rückkehr in die trauliche EngC; das 
Wechselverhältniss vom Allgemeinen zum Besonderen; jedes- 
mal wie in eine andere Atmosphäre versetzend; durchherrscht 
ja aber auch überhaupt die Genesis ; nach dem Geheimniss 
der Gottesnamen eben meist je als Stücke eines „Elohisten^' 
und ;;Jehovi8ten" (freu. C. 2 — 3 richtiger Elohim-Jehovisten) 
gefasst. Darum haben auch wir unsererseits grade nichts 
dagegen, von einer ;,doppelten Strömung" in diesem Grund- 
buche und selbst von einem „ergänzenden'^ Character der 
zweiten; oder; sofern die Heilsgeschichte in erster Linie 
steht; auch umgekehrt zu reden, nur dass wir jede Folgerung 
von ursprünglicher ;;Zweiheit der Verfasser"; als dem blossen 



* Vgl. KiNCK a. 0. S. 69, ,,dass jede der beiden Erzählungen so 
von der andern verschieden und so mit der andern verwandt seyn 
musste, wie verwandt und verschieden die Gegenstände beider sind.*' 



Einheit der beiden Schöpfungsberichte. 53 

Scheine, nicht dem innersten Wesen entsprechend, ablehnen 
müssen. Viehnehr sind sie organisch ebenso eins, wie die 
innere Auskleidung von Mund und Eingeweiden nur ein- 
heitliche Fortsetzung der äusseren Haut, diese selbst wieder 
ist, nur nach innen gewendet. Und ebenso ist jene höhere 
Einheit hier wie dort die Trägerin eines auch höheren Lebens. 
Wogt der Erzäblungsstoff selbst in zwei characteristisch ver- 
schiedenen Phasen, in Arsis und Thesis eines lebendigen 
Athmungsprocesses dahin, entfaltet sich die substantielle 
Lebenseinheit in durchgängiger inneren Zweiheit, so würde 
eine durchgängig einheitliche Form und Darstellungsweise 
inadäquat und unnatürlich, eine überall sich gleich bleibende 
„Methode" — vor allem hier in I imd II — eben als solche 
unvollkommen seyn. Der Tadel Eichhorns wird also bei 
tieferem Ein- uud Durchdringen einer tieferen Anerkennung 
weichen. Ist Methode überhaupt Angemessenheit und Con- 
sequenz der Behandlung, so hat 11, und zwar grade auch 
im Unterschiede von der allgemein anerkannten in I, beson- 
ders charactervoUe Methode. Sind demnach beide Berichte, 
jeder in seiner Art und zwar ebendarum, je nach Maassgabe 
seines Inhalts und Zweckes meisterhaft, so weist dies ja 
doch nicht (ebensowenig als „Götz'' und „Tasso" oder „Wal- 
lensteins Lager'' und „Wallensteins Tod'') auf verschied^ie 
Meister; vielmehr bestätigt grade solche Meisterschaft und 
zugleich höhere Einheit beider Berichte wie ihr Einklang 
mit dem weiteren Inhalte und Ziele des ganzen Buches die 
einzige und uralte Tradition über die Abkunft beider Be- 
richte von der Hand Mosis. 

Mit solchem Wahlverwandtschaftsverhältniss beider Be- 
richte im Ganzen und Grossen wird dann auch der Aus- 
druck im Einzelnen, als identisch und dennoch disparat, 
harmoniren. 

Die vorliegenden realen Berührungen können zuvörderst, 
zumal bei Identität des Verfassers, nicht ohne gegenseitige 
Berührungen auch in der Phraseologie bleiben. Daher 
in II wie in I nicht nur allgemein Mensch (D^«), Thier- 
(MTi, sittrta, d-^Äiön t\')9) und Pflanzengattungen (n«y, yy), 
sondern auch speci fisch und frappant ti*^n tt)D^ für ammon« 
1,^20. 21. 24 wie 2, 7. 19 (sogar in gleicher Apposition wie 



54 Einheit der beiden Schöpfungsberichte. 

1, 20 ob. S. 43) ; nicht weniger characteristisch die Scheidung 
von rt73rtn und y*i«n rr^n (yiK irr^n) 1, 25 (24) wie 2, 20 
die von mans und miöSi rr^n, wobei der untergeordnete 
Wechsel im Ausdruck y^tKTi und rtnttjn nur den verschiedenen 
Horizonten von I und 11 entspricht (S. 20), das Fehlen des 
kriechenden C^ewti^ms («73^) von I in IT aber ein wohlbe- 
wusstes ist (S. 44). Ebendahin und bedeutsam gehört auch 
noch das (überhaupt pentateuchische und wieder nachexilische) 
^n« als Ordinale 1; 5 ^n« üv (worauf '»5«, "^lö-^biö V. 8. 13 
cet.) und 2, 11 nriKSi (worauf V. 12f. '^WH, ^^lö-^biort cet). Zu 
diesen sprachlichen Parallelen kommt syntactisch vor 
allen das anhebende (niiö^) ürn im „jehov." C. 2,4 b, 
welches auch nach Delitzsch (224) im wieder „elohist." 
C. 5, 1 „genau so'' wiederkehrt in (K^n) DT^n; weiterhin im 
beiderseitigen göttlichen Selbstgespräch vor den Menschen- 
schöpfungen je nach einem Vorbilde (s), ausser dem Verb. 
rtiöy selbst, der Plural in I C. 1, 26 una in der unabtrenn- 
baren Folge von 11 C. 3, 22 (S. 38); innerhalb unseres 
nächsten Gebietes aber namentlich die von den Grammatikern 
(v. Ew. ALB. § 135 a, Gesen. LG. S. 762) für das Perfect 
als Substitut des Plusquamperf. und zwar mit dem Relativum 
beigebrachten Belege (vgl. ß. 29 f. 41), welche gewiss sehr 
aufildÜgerweise fast nur aus unseren beiden Berichten stammen, 
näml. aus I (nächst 1, 31) C. 2, 2 niö^ ^«N und V. 3 ^«N 
«*ni (vgl. 8, 6 nw iiön, wo V. 1 d'^nb«); aus n (b. Ges., 
ausser 2 Kön. 20, 12 und, wie wir selbst wiederum hinzu- 
fügen,) C. 2, 8 'lat'^ 'lüK, und V. 22 npb ^löN, auch in dem 
continenten C. 3, 1 tiiö^ ^löK. Wollte man hierauf erwidern, 
der „Jehovist'^ (II) habe dies dem „Elohisten" (I) abgelernt, 
nun, es wäre allerdings weder unnatürlich noch unwahr- 
scheinlich, dass ein Nacharbeiter sich auch der Sprache des 
Originals befleissigte: nur möge man danach aufhören, so 
ausschliesslich die Differenzen in der Darstellungsweise 
von I und II geltend zu machen. 

Neben jenen natürlichen und unvermeidlichen, dabei 
freien und unbefangenen Berührungen im Specialausdruck 
beider Berichte begegnet uns nämlich 'auch und muss uns 
für neue, oder speciellere und farbigere Sachen (S. 26) 
eine ihnen angemessen modificirte Lexicographie begegnen. 



Einheit der beiden Sohöpfongsberichte. 55 

Dahin gehört in 11 C. 2, 4 b D^tt«T y^H in dieser Ordnung 
und ohne Artikel, indem beides, vorher in I als 'p«!Ti D-^ttön 
zusammengefasst, jetzt im augenfälligen Contrast auseinander- 
gelegt wird (S. 23); sodann V. 5 tT'tt (Strauch, neben aiöy, 
welches 1, 11 f. 29) und '» ^ i-^tam; V. 6 n« (Nebeldampf); 
V. 7 f. 19 ^st^ von Plastik des Menschen und der Thiere 
aus Erdmasse, wogegen V. 22 nia von der potenzirten Ar- 
chitectonik des Weibes (S. 46), sowie V. 8 "ja yt35 von Qar- 
tenanlage, u. dgl. m. — 

Fassen wir nach diesem allen die beiden Schöpfungsbe- 
richte in ihren materiellen und formellen Seiten unter einen 
Gesichtspunct zusammen, so zeigt sich in beiderlei Hinsicht 
als durchgreifend unterscheidender Character des II. überall 
eben das Secundäre, Particuläre und Relative ; das gemüthlich 
Blustriji^endeund warmlUuminirende: Buntstickerei auf weissem 
Canevasgrunde, wohnlicher Ausbau einer symmetrischen Zim- 
merung; erröthendes Aufathmen eines schönen Körpers, con- 
creto Gestalten auf cosmographischem Liniennetze, lebenswarme 
Staffage auf weitem Naturhintergrunde, die ersten Scenen 
auf dem in I errichteten Welttheater; Einhegung, Cultur und 
Belebung eines Paradiesgartens inmitten grenzenloser Land- 
schaften, und vom Menschengeschlecht der erste Mensch und 
sein Weib: somit überall Neues auf gelegtem Gründe, des 
Blattes Rückseite, der Avers der Münze. Dieses alles drückt 
auf II zugleich den Stempel des Nachträglichen oder „ Er- 
gänzenden^' (Complementären), damit aber zugleich des 
Occasionellen '^y Excursiven und Episodischen. Darum statt 
der chronologischen Evolution in I nun entsprechend in 11 
pragmatische Gruppirung, hier aber wie dort, und grade auch 
in diesem nothwendig verschiedenen Typus beider, überall 
tiefe Tendenz und durchdachte Planmässigkeit. 

Dieses einheitlich ineinandergreifende Doppelleben ist 
aber nicht etwas nur der Schöpfungshistorie Eigenthümliches ; 
fände es sich bloss hier, es könnte, obschon an sich wohl 
erklärlich, immerhin aufiUllig erscheinen. Vielmehr ist es, 
hier am Eingange nur besonders stark hervortretend, im Zu- 



* 3chon Calov (ob. 8. 27): „/to occasionem sumü agendi tum de 
— tum de — ." 



56 Einheit der beiden Schopfongsberichte. 

Bammeiihaiige mit dem (S. 52) vorangedeuteten dorcfagängigen 
Character der gesammten Genesis. Neben der äusseren 
didactischen Zerfallong der grossen Stofimasse in übersicht- 
Uche und (vgl. Deut 31^ 9 ff.) gemeindliche Lectionspericopen^ 
welche zu diesem Behuf in den überhaupt mehr auf Martha- 
dienst (Genealogie, Chronologie, wie in „jehovistischen^' 
Stücken niemals) gerichteten „elohist" Abschnitten zumal 
durch jenes öftere, darum auch oben 2, 4 a zu dem „elohist.^' 
L Berichte characteristisch gehörige (S. 13. 18) , mnbin rsb« 
sachgemäss rubricirt sind, wo nöthig auch vorerst summarisch 
recapituliren, — neben diesem immer wieder hervortretenden 
rothen Faden durchwaltet die Genesis innerlich als un- 
verrückt festgehaltenes Princip und treibende Ejraft das so- 
gleich Cap. 1 in dem wiederkehrenden b*<nw angeschlagene 
Differenziren und Detailliren (S. 3), wobei natürlich 
das „Scheiden'^ immer nur auf Grund vorheriger Verbindung 
geschieht und diese wie der Stamm auf seine Verästung 
nachwirkt Dieser durchgehende Character der Genesis in 
seiner scharfen Ausprägung ist der schlagendste Beweis, wie 
von ihrem originalen Organismus überhaupt, so insbesondere 
von der gleich ursprünglichen Zugehörigkeit des ganzen 
zweiten Capitels zum ersten und wiederum zu dem Ganzen. 

Ein weiter, uferloser Ocean ist es, auf dem wir uns zu 
„Anfang'' befinden: unser Fahrzeug aber steuert allmälig dem 
Festlande» einem Busen, einer stillen Bucht entgegen, fahrt 
in die Mündung eines Stromes ein, diesen hinauf, wendet 
sich dann nach einem kleinen Arme desselben, bis wir am 
Lande der Yerheissung Anker werfen, um schliesslich auf 
einige Zeit in dem der Pharaonen Fuss zu fassen, als wo- 
mit die G^esis schliesst (D'^*iafcfi:a 50, 26). — Das Allgemeine 
der Welt und der Völker soll uns allmälig immer femer tre- 
ten, damit wir die schwächeren, aber auch um so viel hel- 
leren LebensUnien der gotterwählten Träger der, auch uns 
mitgeltenden, göttlichen Verheissungen um so ausschliesslicher 
verfolgen können.^ Und ebendarum ist das Erzählungs- 



* Wo sich diese Heilsgeschichte, als eigentlicher Zweck der Er- 
aihhiDg, welche keine Weltgeschichte seyn will, hin und wieder, znmai 



Einheit der beiden Scböpfhngsberichte. 57 

princip der GenesiS; meisterhaft feetgehalten und durchgeführt; 
stetiger Fortschritt vom Allgemeinen zum Speciel- 
leren und Individuellen, proportionale Zuspitzung auf 
der breitesten Basis. Diese erste und allgemeinste Grund- 
lage ist in Cap. 1 die Schöpfung der Welt; dabei nothwendig 
und zweckentsprechend auch öcumenische Menschenschöpfung; 
die Entstehung des in Gottes Bild gestalteten und nur noch 
der Evolution entgegengehenden (y"nKn tä i»b»i laii i'nD 1,28) 
und eben zu diesem Behuf auch sexuell differenzirten Men- 
schengeschlechts (Dbarn i»b»ä D^«si n« d-^nb« K'na'^i 
DnN fi^^a napsi ^DT in« fi^^n D'^SibK V. 27). Nicht aber das 
wirklich erstcrschafifene Individuum als solches lernen wir da 
kennen. Die uns ja noch ungleich mehr interessirende Indi- 
vidualisirung der Verhältnisse und Umstände, aus und unter 
welchen der persönliche concreto erste Mensch 
(Adam) und sein, hier gemüthlich von ihm ersehntes, 
ihm Wesens- und sogar leiblich verwandtes, daher nun auch 
nicht mehr bloss als rräp^ wie in I, sondern als „Bei- 
stand" (*ity, yvvfi SiM TOP avSQU 1 Cor. 11, 9) und als 
„Männin" (rtnpb «-^K» "^s n«« 2, 23) bezeichnetes Weib, die 
Ahnen aller Menschen, insonderheit auch des Volkes (Israel), 
welchem unsere Erzählung magnetisch gezogen entgegen- 
strebt, erschaffen wurden, — e1)en diese gemüthliche Indi- 
vidualisirung musste zufolge jener streng durchgeführ- 
ten Tendenz des ganzen Buches auf den nur generell skizzi- 
renden Ersten Schöpfungsbericht folgen, welcher ohne II 
eine fühlbare Lücke und Kluft hinter sich hätte, die mit II 
eben ausgefüllt wird. Scheint nach dem Weltpanorama von 
I jetzt in II ein Telescop angesetzt zu werden, womit unser 
Auge die dort nur in proportionaler Perspective wahrgenom- 
mene Menschenschöpfung nun auch im Detail beobachtet, so 
ist es in Wahrheit doch vielmehr so, dass wir jetzt den hohen 
Berg und üeberblick aller Welt verlassen und uns schon 
den stillen Thälern zuwenden, nach denen unser Herz sich 
sehnt Hiermit zieht der ideale Welthorizont von I sich in 



anfangs und auch weiterhin, mit der allgemeinen Geschichte der Men- 
schen berühren muss, immer kehrt sie doch alsbald wieder in sich 
selbst zurück. 



58 Einheit der beiden Schöpfungsberichte. 

n beruhigend zusammen in den wirklichen des Paradieses. 
Und damit gehen wir schon der menschlichen Heilsgeschichte 
nach, oder doch entgegen. Das noch indifferente Ei der 
Menschheit war ja freilich nicht zu umgehen. Wir finden 
es in Cap. 1, wo mit der ganzen Welt auch der Mensch 
erschaffen wird Von D'^tibÄ; dem Herrn aller Welt. Das ist 
aber nur erstes An- und Einsetzen aller Geschichte, noch 
kein Ansatz zur Heilsgeschichte. Dieser, 'als ihrem eigent- 
lichsten Endzwecke, wendet sich die Erzählung im Zweiten, 
also den Ersten in und zu höherem Sinne ergänzenden Be- 
richte zu, in Darstellung des eminenten Specialver- 
hältnisses des menschenfreundlichen persönli- 
chen ü'^rrV« rtiirj'^ zu dem persönlichen Menschen, 
worauf diese H. Erzählung sofort mit der Bemerkung V. 4, 
dass einst die Erde ohne Regen von D'^Sib« iTirt*^ und ohne 
Cultur von D^iN gewesen (S. 20), und dann weiter unausge- 
setzt hinarbeitet. Hier steht der Mensch nicht mehr zeit- 
geschichtlich nur als Schlusspunct einer grossen Reihe 
von Geschöpfen da, sondern alles wird heilsgeschichtlich 
Seinetwegen lun ihn her geschaffen (womit, als gleichen 
Motivs und Mittels, auch schon künftige Wunder gesetzt 
sind). Wie die ganze Natur nur um Seinetwillen entsteht, 
so wird namentlich auch die Schöpfung der ihm nächst- 
stehenden Thiere tendenzgemäss so gruppiH, dass sie nicht 
nur zu Nutz und Dienst des Menschen (11^), sondern haupt- 
sächlich auch zur Folie des Weibes (ihailD "iT^) und, da dieses 
dem Manne wesensgleich ist ("^^iöütd ^©m "^Taafcyw üSfcy), hiermit 
zur Folie des Menschen überhaupt gereicht. Schildert I die 
Weltschöpfung einschliesslich des Menschen, so H die Schö- 
pfung des Menschen (vom Menschen bis zum Menschenweibe) 
einschliesslich der Welt; geht in I die anhebende Cosmolo- 
gie (y^NJi riNT d-^Äiört n« ü-^ribN K^n n^^üNin V. 1) rasch in 
Geologie über ('läi nn^n 'pNm V. 2), so enthält H Anthropo- 
und Theologie. 

Schon aus diesen frappanten und durchgehenden, sich 
aber auch nicht. ausschliessenden imd vielmehr ergänzenden 
Contrasten, welche auf der Grenzscheide 2, 4 in y"i«m d-^tttön 
DK'innn und in ü'^ttWi yiN D-^nb« niJT» mtt55^ ön*^!! mit voller 
Gegenseitigkeit die Urzeit überdachend an einander gipfeln 



Einheit der beiden Seli5pfang8berichte. 59 

(S. 18 f.), * sollte man auf mehr als eine zufUlige mechanische 
Zusammenheftung sweier ganz verschiedener und heteroge- 
ner Aufsätze, vielmehr auf eine feine gegenseitige Beziehung 
schliessen. Lösen sich dann aber diese interessanten Con- 
traste in höhere Einheit aus einer auch noch weiter herrschen- 
den Tendenz auf, was bleibt dann noch zu rügen und zu 
wünschen übrig? — Statt also die Mascheni am Anfang des 
grossen heiligen Qewebes grade wegen ihres doppelt gezwirn- 
ten Fadens aufzutrennen und zu lösen ; statt zu sagen : ,,die 
beiden Schöpfungsberichte nöthigten durch ihre Differenz vom 
Einzelnen abzusehen, um sich an das Wesen zu halten,"** 
gilt es vielmehr, „das Einzelne'* recht anzusehen, womit die 
Differenz in wunderbare Harmonie aufgehn, und auch „das 
Wesen" erst klar und rein, fest und wirklich, völlig und aus- 
gestaltet, warm und lebensvoll erscheinend — unsere Eniee 
beugen wird. 

Das auf dem Qrunde von I erst in 11 auftretende eigent- 
liche heilsgeschichtliche Element hat aber seine 
Brennpuncte, nächst dem Aufenthalte im speciell gott- 
bereiteten Paradiese selbst, wesentlich in dem göttlichen Worte 
des Verbotes vom Wissensbaume zu gemessen (S. 36) und in 
der entsprechenden menschlichen Nacktheit ohne geschlecht- 
liches Schamgefühl *** d. h. in der absoluten, mit der Sünde 



* Eben dieses ZusammentrefiPen von I nnd It in der Mitte 
eines Verses, den sie also theilen, kann sogar als ein besonderer 
fernerer Beweis dafür gelten, dass sie nicht verschiedene Verfasser 
haben, welche sonach ausnahmsweise, und zwar beide grade an die- 
ser Stelle, je nur einen halben Vers construirt hätten. Solches cul- 
niinirende Zusammen- und organische Aneinanderlegen war bloss 
einem einheitlichen Urheber erlaubt und möglich. 

** ELahnis, Dogm. 1,244; Zeugn. 99. Was bliebe denn auch von 
„dem Wesen^S das heisst doch wohl von der Wahrheit in beiden 
Berichten übrig als ihr relativer Consensus? — Ist das aber nicht 
wie in der s. g. evangel. Union, in welcher nur das als Wahrheit und 
wesentlich gilt, worin beide ev. Confessionen zusammentreffen, während 
im tiefsten Grunde durch solche Ab- und Ausscheidungen ja auch 
das Uebrige, was doch überall innerlich und organisch je dazu ge- 
hört, für je beide Confessionen mitzerstört wird t 

*** Cap. 2 schliesst : „Und sie waren Beide nackt, der 
Mensch und sein Weib (worin das Geschlechtliche, ihnen selbst eben 



gO Eioheit der beiden Schapfnngsberidifte. 

so^eich Tenchwindenden, EindesiuiBchidd. Dieses selbe drei- 
fache heilsgesdiichtliche Moment zieht sich weiter und unun- 
terbrochen in das folgende 3. Cap. hinüber, wo sich mit so- 
fort gebrochenem trauten Verkehr zwischen Jehoyah und 
seinen Menschen die erste Hauptepoche der Heilsgeschichte 
d h. der Sündenfall mit den Folgen der Schambedeckung und 
Vertreibung aus dem Paradiese, aber auch die ersten Präli- 
minarien der zweiten, d. h. der einstigen Wiedererlösung, 
(im Protevangelium 3, 15) stetig und organisch anschliessen. 

Demnach wird Bericht I erst durch und mit 11 prag- 
matische Geschichte und der Genesis wie dem ganzen Pen- 
tateuch und der heil. Schrift überhaupt wahrhaft zugehörig. — 

Dieses innerliche Zusammentreten der beiden Schöpfungs- 
berichte offenbart sich endlich und augenfälligst an dem bis- 
her nur gelegentlich berührten characteristischen und zurecht- 
leitenden Gebrauche der Namen Gottes. . Während in I, 
von der öcumenischenWelterschaffiing, der Name des überwelt- 
lichen Schöpfers und Herrn aller Welt t]'»Sib« (nachAb- 
leitung und Pluralform überhaupt nur eine schauererregende 
und dunkle Macht, Gottheit, entsprechend der auch den Hei- 
den aus* den „Werken" spür- und erkennbaren atäiog Svvaftig 
xal duoTtiQy Rom. 1 , 20., was eben gleichs. b« und D'^rtb«), welcher 
als Welterhalter z. B. 45, 5 (Q-^nb« •'Snbiö rr^n^ab) u. 7 (m-^nnbi) 
wiederkehrt, ausschliesslich herrscht, ist dieser Name zwar 
im Zweiten S^höpfungsberichte natürlich auch, doch modi- 
ficirt durch den jedesmaligen Beisatz mn*^, womit der zu 
Menschen sich gnädig herablassende und als solcher eben 
mit jenem Namen ausdrücklich offenbarte Heilsgott be- 
zeichnet wird (Bibelstudien I, Art. 2 : gleichs. ^ (pvlav&Qoa- 
nla xov acDTfJQog rifuiv &eoVy Tit. 3, 4), als welcher er denn 
sogleich zu dem in Gottes Bild erschaffenen und von Ihm 
begeisteten Menschen im Paradies. ein trautes und väter- 
liches, der übrigen Schöpfung fremdes und unbekanntes (nach 
3, 8 wie später 11, 7. 18, 1 ff. 21; Ex. 19, 18 u. a. sogar ört- 



nooh indifferent, pragmatisch angedeutet ist), und schämten sich nicht 
vor einander" (l^^^arT^ Kb"), das Hithpal. weder bedeutungslos, noch 
reflexiv, sondern, wie schon Mubcul. b. Mario r. 26, Gebh. 60, reci- 
prok); — offenbar die Folie für 3,7: „Und auf thaten sich ihrer Bei- 
der Augen und sie wussten, dass — sie nackt waren.'^ 



Einheit der beiden Bchöpfnngsberichte. 61 

liches) VerhältnisB der Condescendenz eingeht. So knüpft 
D'^nbK nin*« II an I (gleichBam Theismus an Deismus , näher 
das Heilige und Allerheiligste au den Vorhof ♦) und führt da- 
mit dieses nach innen weiter fort Eben dieses d'^M^M iiin*^ 
(über dessen nur vereinzelte spätere Wiederkehr, nam. Jon. 
4, 6.; Hengstekb. Authent. d. Pent. I, 312 S.) ist das volle Sie- 
gel der organischen Zusammengehörigkeit von I und 11 — 
welch letzteres hiernach ebensowie auch nach der übrigen 
Phraseologie und nach Inhalt nicht identisch mit ersterem 
sejn will — und bereitet der Agglutinationshypothese nicht ge- 
ringe Verlegenheit ** Das aber ist ja die Probe und Macht 
der Wahrheit, ihr Correctiv und Segen, dass sie dem Irr- 
thum mächtige Anstösse, entweder umzukehren oder daran 
zu zerschellen, in den Weg legt. Grade in dem sonstigen 
Anschlüsse von II an I hat die Hypothese einer cbllectiven 
Entstehung der Genesis und des Pentateuchs von jeher ihre 
stärkste Handhabe gefunden. Allein wie sie, Flick auf Flicken 



* Gleichso ist C. 14, nachdem für und von Melchisedek bfit 
(y*IÄ1 D'^ttTD Sl3p) yi'h^ V. 18 — 20 gebraucht worden, in der anschliessen- 
den Rede Abr am s als Ausdruck seines Glaubens zur Identität V. 22 
verbunden (y^KI D"^»« H^p) )v'b9 b« mn*^. 

** Daher z. B. von Ed. Böhmsb in seiner — die vermeinten unter- 
schiedlichen Bestandtheile und Zuthaten in Letternverschiedenheit 
darlegenden — Recognition der Genesis (1860) Cap. 1—2, 3 als 
elohist. mit grösster, 2, 4 a — 3, 19(21) alsjehov. mit kleinerer, dabei 
aber von dem eben hier herrschenden Namen D'^tlbfil rttST^ das D'^Slb« 
jedesmal mit kleinster Schrift und „Gänsefüsschen^^ d. h. als beson- 
derer Zusatz des letzten Redactors gegeben werden muss. Ein an- 
nähernd richtigeres typographisches Abbild von dem Verhältniss der 
beiden Schöpf ungsberichte zu einander würde vielleicht ein solches 
seyn, wo ein Blatt mit Schrift oder Bild doppelfarbig bedruckt wird, 
so dass die nach einander zur Presse kommenden Formen beider, 
auf harmonisches Ineinandergreifen berechneter, Satzstücke sich decken, 
ergänzen und ausfüllen, beide so verbunden aber erst den vollen und 
ganzen Inhalt expressiv-anschaulich darstellen, ob auch einer der bei- 
den Schrift- und Bildstöcke für sich allein angesehn allenfalls einen, 
natürlich unier allen Umständen verkümmerten, Sinn ergäbe. Ganz 
ebenso fugen sich auch I und II in einander, weil sie von ihrem 
einigen Verfasser selbst für einander so gefugt und zugeschnitten sind. 



62 Einheit der beiden Schopfiingsberichte. 

(sogar mit verschiedenen ;,Elohisten'') setzend und damit den 
heil. Geist, welcher Ungenähtes webt, factisch bannend, das 
ewige -— und durch Verbot von zweierlei Samen, zweierlei 
Qespann und zweierlei Kleidstoff (Lev. 19, 19. Deut 22, 9flF.) 
u. a. namentlich eben auch dem Pentateuch selbst auf- 
geprägte — Gesetz ^Simplex Veri s^älum*^ fiir sich nicht 
brauchen kann, und manche von ihren Vertretern das älteste 
Hauptcriterium aufgebend Abschnitte mit ü-^nb« und völligem 
Ausschluss von mtT' fiir „jehovistisch'^ haben erklären 
so theilt sie damit nur das Schicksal gleich ernster 



* Yergl. z. B. Dklitzboh 517 f. 642 ff. — Ist ja doch bereits in dem 
mit II, was als ,Jehoy." signalisirt wird, lebendig verwachsenen und 
(neunmal) dieselbe Signatur Ü'^tl^K tlltl*^ tragenden 3. Cap. im Zwie- 
gespräch der gott- und menschenfeindlichen Schlange Y. 1 — 5 (vier- 
mal) ausschliesslich d'^ilbfit, wie sonst z. B. neben durchgängigem 
illtl*^ im Zwiegespräch eines israel. Richters mit dem moabit. Heiden- 
könig sogar ein D'^übfit ^^1 Rieht. 3, 20. Ueber andere theils sofort 
einleuchtende, theils noch fernere Probleme enthaltende Stellefi, 
welche öfter Analogieen zu dem früher auch immer emphatischen, 
späterhin näher mit dem allgemeineren ^p^*^ zusammentretenden 
bM^ttS'^ darbieten, s. u. A. v. Ewald, Compos. d. Gen. 44 ff. ; Henostbnb., 
Auth. d. Pent. I, 306 ff. — Ebenso willkürlich gilt für ,Jehov.'' bes. 
auch der Abschnitt mit dem wunderbar erfüllten Welttestamente 
Noahs 9, 25— -27. Cänaan, in welchem um des Sündenfalls nach der 
Sündfluth willen der gegen seinen Vater pietätslose Ham als in seinem 
Sohne um so tiefer getroffen wird, erhält den noch heute auf den 
sinnlich -götzendienerischen hamitischen Völkern ruhenden Fluch 
niedrigster Knechtschaft, wobei „Gott^* bedeutsam gar nicht vor- 
kommt; Segen dagegen Sem, und zwar schon in der anticipirenden 
Form des Dankes dafür (wie z. B. Job. 11, 41), somit der gewissesten 
Zuversicht gegen mtl% „den Gott Sems" ; und hinwiederum Jap h eth 
die Fürbitte der Verbreitung in die weite Welt (spec. Eu^-tiSna) 
durch d'>!lb«"(n&'^b D-^nb« nf^), eben als ein Weltvolk, das aber 
dennoch weiterhin „in Sems Hütten wohnen", somit aus weiter Welt 
in die stille Enge und Geistlichkeit Sems und so gleichs. von &*^ilbfil 
zu illil*^ (die Heiden nachZion) bleibend kommen soll. Wer möchte 
hier mit einigem Rechte von einem „elohist." oder ,Jehov." Stücke 
reden? ~ Als ,,jehov., aber entnomjien, j ehovisch-elohimisch 
überarbeitet und theilweise ergänzt" befindet Del. (S. 645) 29, 
31—30, 24., „wie 30, 24 von ^»«b an zeige." Rahel ist endlich Mutter 
geworden und sagt 30, 23 f.: „zurückgezogen (C)Dfi()hat ti'^nbi^ meine 
Schmach", worauf sie den Neugebomen Joseph (tpv) nennt zugleich 
mit dem guten Omen "nnÄ p ''b UlTf^ tlO"» (einem Vivat sequew). 



Einheit der beiden Schöpfangsberichte. 63 

anderer Fragen flir und wider (z. B. über die SelbBtstän- 
digkeit und Fortdauer der Seele , Gebundenheit und Frei- 
heit des Willens, ja selbst über Gott), die auch nur 



Der Grund dieses tiefliegenden Namenwechsels von STlSl^ und D"^?lb« 
ist wohl dieser, dass Rahel die erlangte (fcburt der Naturgabe der 
Dudaim (V. 14 ff. vgl bes. auch V. 17) verdankt, nicht aber ebenso 
das Fernere. Ebenso früher Eva nach der Geburt Seths 4, 26 
Ö'^nbK, dagegen im f. V. »IIST^. — Zuweilen lässt der erste Anblick 
wohl vielleicht den grade entgegengesetzten Gottesnamen erwarten; 
beispielsweise etwa 5, 22—24 (ebenfalls ,jehov/* genannt), wo es in 
der Beihe der guten Patriarchen statt des sonstigen '^Tl'^l mit der Wir- 
kung eines hellen Lichtstrahls durch langen Wolkenzug von He noch 
heisst: „Er wandelte bei Gott" (D-^rtbKn MK '^bSin'^1, dasHitbp. dem 
Wandeln Gottes specifisch eigen, wie schon 3, 8., und TM ihm zu 
Seiten), dieses moralische Yerhältniss aber (obschon 'b«il mit Art.) den 
Namen tllil'^ näher gelegt zu haben scheinen könnte. Den Schlüssel 
dazu giebt erst die wörtliche Wiederholung des Ausdrucks V. 24 mit 
der Folge iD-^nb« in« npb "^D la^-^KI. Also ist gleich anfangs ein 
Daheimseyn bei Gott auch schon noch während des Erdenwallens ge- 
meint, in dessen Stetigkeit Hen. sich zuletzt auch metaphysisch ohne 
Sterben und statt jenes n?3'^1; der erste Zeuge der Unsterblichkeit, 
zu Gott im Himmel (dah. zuletzt O'^Sl^K ohne Art, vgl. Ps. 49, 16; 
2 Kön. 1, 12) entrückt fand, — ein Typus von Philipp. 3, 20 f : 
ifitov ro noXixsvfia iv ov^avols vna^x^ *i ^6 ^ ^t"^^ aarrj^a 
anenSexofte^a tov mv^iov *Ii]Oovv Xi^inov^ os /aeraaxfjfiajiaai to aeS/na 
trjs Tanetvioaaate r^fiav ovfifioQfOv t4> ocJjuari rrje Boirj^ avrovj und 
(vgl. Hebr. 11, 13 ff. 13, 14. Col. 3, 3) von 1 Thess. 4, 17: ^/leTs ol 
^(ovree — a^nayijaofie&a iv vsfeXats eis aTtdvrijatp rov xv^iov 
eis aiQa, tcal ovras ndvrora avv xv^it^ iaofie&a^ Jenes selbe 
D'^nbÄrt n» "^bnnrt steht nur noch von Noah 6, 9 gegenüber dem 
Leben nüt den Menschen, denn es geht voraus T^D^Iä ST»!! d'^wn, 
und mitten darunter ward er auch allein (mit den Ihm Angehörigen) 
in der Fluth am Leben erhalten. Von Henoch aber sagt auch schon 
Joseph US (A. 1, 4) dvexci^fjoa Jtftoe rö d'eiov (d. i. eben D'^SlbKSl), 
vgl. Weish. Sal. 4, 10 f. evd^eojog Ttp &e£p yepofievog ijyantjd'tj xal 
imv fAsraSv d/*aQiafXcSp fiexeii^rit ra^ndyrj (s. ob. »^pb); und aus dem 
N. T. Hebr. 11, 5f. : niaxei ^Eviox fisraiä&ij toü fir/ iSeXv &dvarov, 
Hai ovx Tiv^ioKato (s. ob. iS^'^fi^l)» ^<ot« fiarad'Tjicev avxhv 6 ^aSs* n^b 
yoQ T^e fAara&aaacoß fiafAaQTv^rjrai evaffaajijHsvat t^/ ^at^ — niaravoai 
yaqBalTov nQogeqx^f'^^ ov Ttfd'atjf — wiederum jenes nfi^ ^b»irjrt 
tl'^^rbMn. — Die satanische Carlcatur von diesem ava^eotalv t«^ d'aißy 
womit L£K das d'^Slb^Jl nK ^brtrSl wiedergeben (Apocr. dyanäa^ai 
8. ob.), und von dem /neraii^evai (Apocr. apna^aiv) des verhältnissmässig 
jugendlichen Henoch C^i^H, Cbanokh)ist der Mythus von dem noch 



64 Eiobeit der beiden Schopfongsberichte. 

vom Standpunct des yßredo %U inidUgam^j der Ordnung von 
niarig tuu knlyvfoat^ rijg aXtj&eiccg 1 Tim. 4, 3. Job. 6, 68 
— ;;durch Glauben zum Schauen" — wirklich gelöst seyn 
wollen. Die Schein mit Seyn verwechselnde Theorie äffi 
ihren Verehrer, verwickelt ihn und bringt ihn ad absurdum. 
Solche wechselnde und wogende Nebelgestalten versinken 
indess und zerffiessen vor der wohl auch zuweilen in Wol- 
kenschleier eintauchenden, aber dem festen beharrlichen 
Blicke sich immer wieder klärenden principiellen 'Einheits- 
idee wie die Fata Morgana vor der endlich doch wieder 
strahlenden Einen und wahrhaften Sonne. 

Schon hat ja die von einem wirklichen Anatomen (Astbuc) 
ausgegangene und von einer alles Erhabene (in Staat, Kirche 
und Literatur, man denke nur an den WoLF'schen Homer) 
secirenden Zeit bald üppig ausgebildete Theorie eines mecha- 
nischen Mosaiks im Pentateuch ihre Blüthe hinter sich und 
ist, wieder abwelkend und gespalten (S. 62), bereits auf 
einen früheren Standpunct (in Hüpfeld) zurückgesunken, um 
in nicht femer Zeit alle ihre Lebensphasen vollends durch- 
laufend, ein parasitisches Gewächs, in ihr Nichts zurückzu- 
kehren. 

Burgthor und Hauptthurm dieser nun selbst verfallenden 
Zersetzungstheorie haben von Anfang an eben die ersten 
beiden Capitel des ersten Buches gebildet, von deren Zinnen 
diese moderne Veste auch zeither noch immer am kräftigsten 
vertheidigt worden ist Allein durch alle Instanzen hindurch 
hat sich uns gezeigt und erwiesen, dass zwischen diesen bei- 
den Schöpfungsberichten keinerlei, substantieller oder formeller. 



deutlich hierin hörbaren G a n y medes {ravvfiv8r,s)y dessen Hellenisirnng 
selbst PS nicht minder ist, eine schnöde Entweihung der „Weihe** I 

(^lan). Vgl. spec. Hom. II. 20, 2S2 S. avri&eog ravv/nij8rje, — Tov 
9cai dvrj(f8i\ffavT0 ff'eoi Jtt olvoxoeveiv KaXleog e^vsxa olo^ Xv ad'avtitoiai 
fiareitj (in anderer Form wiederum jenes D'^SlbWl riÄ ^brtnrt), und 
Hymn. Hom. in Ven. 203 f. ^avd^ov PawuriSsa firjjiexa JZevg "H^naa 
iov 8io xdlXoe^ Xv a&avaroia i /usrelr}, (Das ava^Ttn^siv auch 
Apollod. 3, 12 wie rapere und abripere Virg. Aen. 5, 255. Hör. 
Od. 3, 20, 16; Ov. Met. 10, 160.) — Ueb. den ebenfalls phrygischen 
(N) Annakos s. b. EImob. Vgl. Kaiser Comm. in priora Gen. capp. 
1829. p. 167—170. 



Einheit der beiden Schöpfiingsberiehte. 66 

Widersprach statt findet; ^ehnehr beide feet ineinander grei- 
fend sich erst so vervollständigen und zweckentsprechend ab- 
runden; dass im Gegentheil die Widersprüche, welche bei 
willkürlicher Auffassung der einzelnen Thatsachen in II als 
zeitlich-successiver; ohne Rücksicht auf tiefere Pragmatik, 
gefunden werden, diese 11. Erzählung zugleich in Widerstreit 
mit sich selbst bringen, damit aber ihren Verfasser, d. h. 
— man wird sich dess bescheiden — eine solche Auffassung 
des Verfassers ad absurdum führen würden. Bei der syn- 
thetisch- gruppi r enden Auffassung dagegen hat sich uns 
in II überall Neues und Harmonisches gezeigt, und dieses 
letztere grade nur bei stetiger Voraussetzung des I. 
Berichts, ohne dessen Hintergrund der II. zu einem unver- 
ständlichen Aggregat sinnloser vatiga ngoteQa würde. II 
ohne I ist daher unmöglich, noch unmöglicher als lohne IL 
Jene wohlgeordnete und befriedigende, nach der Tendenz 
des ganzen Buches auch schlechthin zu erwartende Gestalt 
aber gewinnt H, nächst der augenfälligen complementären 
Anlage und Modalität, hauptsächlich durch einen doppelten 
Wegfall, nämlich 1) temporell aller und jeder, inl durch- 
gängig so markirter, Chronologie, wonach insonderheit 
auch der Beginn 2, 4 b f. (Dvn, ob. S. 23 ff., im Gegenfalle, 
zumal mit der nur negativen Angabe V. 6, blosser Ballast 
und mehr eine Mjstification als wirkliche Zeitbestimmung) 
nur auf I zurückweisen kann, ohne dessen Chronometer da- 
gegen in der Luft schweben würde, und 2) substantiell 
durch Uebergehung aller Stofferschaffung (K^iä), was 
gleicherweise zur Voraussetzung von I nöthigt; ausserdem 
aber auch noch durch vieles andere iA Einzelnen, wie es 
oben, beispielsweise an V. 18, ausgeführt ist'*' Uebrigens 



* Wir erinnern flüchtig an die Zertheilung des Verses 2, 4 (S. 58 f.) 
dann 2, 4 b an die Consonanz von „Himmel* (d^tttD) mit der eben 
80 benannten Himmelswölbung y^pl 1, 6 ff. (S. 3. 23), welcher die 
späteren Lichtkörper sich nur anschliessen als D'^TatDil 3^'^p^^ 1, 14. 
15. 17; femer an die sofortige G-elangang zum Menschen (2, 5. 7 wie 
von I in 1, 2 zu seinem Hanptobjecte, der Erde, S.48); an die für sich 
allein unzureichenden Motive {*^'D 2, 5 S. 25), den Wegfall eines göttl. 
Selbstgesprächs vor Erschaffung des Menschen (wie 1, 26), welches 
dagegen vor der des Weibes nun nicht fehlt (2, 18 8. 88), die man- 

HOELSliANir, Nea« Bibelitudiea. ^ 5 



66 Einheit der beiden Seböpfungsberichte. 

reicht auch selbst jener unverkennbare complementär-grup- 
pirende Charactery jene Abhängigkeit und der ,;£in8chlag'^ 
in 11; zu noch stricterem Erweise, genau bloss so weit, als 

1 dazu den ;,Aufzug'' giebt Denn ganz anders gestaltet sich 
die Erzählungsweise in dem anerkannt fortlaufenden^ daher 
auch im Ausdrucke (vgl. z. ß. mtr^ Si^y ^tön tinttJSi n'Ti 
D-^rtb« 3, 1. 14 mit 2, 19. 7) völlig congruenten Abschnitte C. 

2 (V. 4 b S.) und C. 3 von da ab, wo Bericht I eingeholt 
ist und überholt wird; indem von hier an die Erzählung, zur 
Selbstständigkeit gelangt und I nicht mehr ergänzend 
sondern fortsetzend, selbstverständlich nun ebenfalls in regel- 
recht zeitlicher Succession weiter fortschreitet, ohne dass 
je wieder eine solche Verwirrung durch die locale 
Aufeinanderfolge der Imperff. entstünde, wie sie bis dahin 
ohne den Schlüssel des nur einschaltenden Characters in U 
statt finden musste. 

Ist demnach U erwiesenermaassen nach allen Beziehungen 
mit Voraussetzung von I concipirt und mit Bewusstseyn 
ohne alle Differenz eintretend in I; so ist 11 keine selbst- 
ständige „Urkunde*^ und noch weniger ein irgendwoher auf- 
gegriffenes „Fragment.^* Doch bliebe hierbei immer noch 
die Möglichkeit; dass I von einer andern; früheren Hand 



gelhafte Thier- und ausser dem Paradiese wie gar nicht vorhandene 
Pflanzenschöpfung (S. 44 f.), die Benennung des Belebten durch den 
Menschen gegen die des Leblosen durch Gott (43); an den nur in 
I liegenden Schlüssel zum Verständniss der ausserdem confusen Im- 
perff. (29 ff.) u. a. m.: S. 48 f. Vgl. bes. auch Rinck a. 0. namentl. 
S. 60. 63 mit Hinweisvftig auf die sehr merkliche, aber nicht nur aus 
jener Pragmatik erklärliche, sondern sie auch zugleich erweisende Zu- 
sammenziehung des Stoffes von 1, 1 — 10 in 2, 4 b, von 1, 11 — 12 in 
2, 5 a, von 1, 20 — 25 in 2, 19 a, während für 11 ganz Indifferentes 
aus I auch gänzlich übergangen worden. Und wer sich durch alles 
dieses noch nicht überzeugen könnte von der Correlation zwischen I 
und II, wozu C. 3 einfach gehört (S. 38.60. 70. 73), vergleiche in noch 
weiterem Kreise z. B. 1, 28—30 mit 3, 16—19, dort fröhliche Geburt 
und Fülle der Lebensmittel, hier Geburtswehen und kümmerlicher Un- 
terhalt von dem „um des sündigen Menschen willen verfluchten Erd- 
boden^*, wie auch mit Rinck (S. 35) den 3, 14 auf die Schlange geleg- 
ten „Fluch", nachdem 1, 22 „die Wasserthiere ohne Ausnahme ge- 
segnet waren.** (S. auch folg. S.) 



Einheit der beiden SchSpfungsberichte. 67 

herrühre, dem sich der VerfaBser von U, als ,; Ergänzer/' 
in Sache und Wort accommodirt hätte. Dem aber steht, 
ausser dem eigenthümlichen Edecticismus solcher mithin 
unvollkommnen Accommodation (wie in den Namen Got- 
tes und der übrigen Phraseologie; s. ob.) und ausser der 
sich unwillkürlich regenden allgemeinen Frage; warum derselbe 
solche ;;Ergänzungen'' nicht lieber gleich je an Ort und Stelle in I 
angebracht habe (vgl. Rinck a. 0. 51); dies entgegen; dasg auch 
schon I die Nachfolge von II zur Voraussetzung 
und Folie hat. Und zwar bereits nach der pyramidalen An- 
lage des ganzen Buches, wonach I allein zur Erschöpfung 
der Schöpfungsgeschichte im Geiste dieses Buches nicht aus- 
reicht Wie II ohne I ein axifpaXov wäre, so würde mit I ohne 
II das Princip des stetigen Fortschritts vom Allgemeinen 
zur gemüthlichen Individualisation (S. 57) gleich zu Anfang 
durchbrochen. Das Oecumenische, gleichsam ;,Japhethi- 
tische^' in I (S.50f.) kann noch keine abgeschlossne ;;8e- 
miti sehe'' Erzählung von der Schöpfimg seyn. Befriedigung 
und volle Sättigung für das in allem Folgenden maassgebende 
israelitische Gefühl; dessen erstes und letztes Bedürfniss 
Qemüthlichkeit ; das Verhältniss zu Gott (Beligion) ist; wie 
es die ganze dadurch eben heilige Schrift durchdringt, em- 
pfangt I erst durch die Imprägnirung mit IL Zu keiner 
canonischen Zeit hätte ein offenbarungsgläubiger Israelit eine 
80 ausschliesslich cosmopolitische Schöpfungsgeschichte wie 
I mit sofortigem Anschluss von C. 5 schreiben können und 
noch weniger bei seinem Volke Interesse und Aufnahme da- 
für gefunden.* — Doch nicht nur diese allgemeinen Gesichts- 



* Ja auch 5, 1 S. 'W D^N n^bin ^CO SIT bedarf selbst wiederum 
der Voraussetzung von II und seinem Gefolge (C. 2—4). Ohne sie 
versteht man die 5, 29 unter dem „Fluche" stehende Erde und spec. 
das 111^3^ nicht und muss diesen einzelnen V. für ein jehov. Inserat 
erklären. Ohne sie erschiene 5, 1. 3 ff. das in I überall noch generelle 
tS'lK plötzlich als nom, pr. eines Individuums, wie es doch nur durch 
C. 2—3 (ob. S. 46) allmälig vermittelt worden ist, so dass auch 
KiioBBL 5, 2 auf 3, 17 zurückverweist. Ohne sie wäre die Becapitu- 
lation des Inhalts von Cap. 1 zu Anfang des 5. Cap. überflüssig. Nur 
mit ihr dagegen erhält nach der Schöpfung Adams in Gottes Bild 
(5, 1 wie Cap. 1) die Erzeugung Seths in Adams Bild 5, 3 ihr 

5« 



Qg Ehiheit dar beiden SebOpfungeberidile. 

puncte machen die oigiiiiBche Ab- und VoraoBsicht von II 
bei der Ab&Bsimg von I onerläsaliGh, es kommen selbst im 



Belief, da enteres, waa wis eben nur ans Cap. 2—3 bekannt ist, in- 
swiachen wieder verblichen war (ob. S. 15 f.). YgL übrig, hierzu auch 
1 Cor. 15, 45 f. xa&t»s i^^oafuv riiv aindva rov xo'ixov, fo^eaoftev 
flMii T^ eiuora tov inav^nriav, — Aehnlich wie hier verhalt es sich 
auch ydt weiteren Yonchlagen an AnaUasungen , wodurch die Ur- 
aprunglichkeit einer Quelle wiederhergeateUt werden solL So findet 
Blbbk (Einleit. in d. A. T.) in der vorliegenden göttlichen Be- 
rufung Hosis eine Zusanunenarbeitung verschiedener Berichte über 
dieselbe Begebenheit und dass „ursprünglich an den Schluss von 
Exod. C. 2 sich unmittelbar der Absdinitt C. 6, 2—12 angeschlossen 
haben'' möge, wonach auch die Heimkehr des in C. 2 nach Midian 
flüchtig gewordenen und C. 6 ohne weiteres wieder in Aegyptenland 
(D^^ttfi y^fiO Y. 28) weilenden und hochangesehenen Moses mit ex- 
articulirt wäre. Freilich wird ein Körper durch Abtragen eines Armes 
oder Fusses noch nicht lebensunfihig, aber doch verstümmelt. 
Und so fehlt es bei Zusammenstellung der bloss „elohisf Stücke 
zu einem Ganzen da und dort; der Hauptsache, des ,Jdiov." Qe- 

müths- und Seelenlebens, noch gar nicht au gedenken. Ueber 

diea alles hat man schliesslich gewiaa auch noch ein g^tes Becht zu 
fingen: wo in aller Welt irgend eine Spur der Existenz auch 
nur eines solcher isolirten Urschriftstücke, wie sie hier vorgegeben 
nicht aber auch aufgewiesen werden, — und wo andererseits im gan- 
aen alttestamentL Canon ein evidenter Beleg von gleicher systema- 
tiachen und atetigen Ineinanderverarbeitung mehrerer Schriften (vgl. 
z. B. BB. Sam., Kön. und Ghion.), als man vom Fentateuch behaup- 
ten will, zu finden sey? 

Den Beweis für diese tiefgehende lüstoriographische Differenz 
haben wir auf Yerlangen geführt in der „Zeitschrift für die gas. 
luther. Theologie und Kirche'' 1864, DI, S. 417—420 durch eine be- 
sondere Abhandlung: „Die Lehnstücke alttestamentlicher 
Geschichtschreibung und die Composition der Ge- 
ne sis'', woraus wir hier folgende, ohne Widerspruch gebliebene, 
eomparative Sfitze wiederholen: 

1. Die Greneaia und der Fentateuch überhaupt nennt nirgends 
und deutet auch nicht im Entferntesten irgend eine Urschrift oder 
Quellen an, woraus sie her- oder zusammengeflossen; wohingegen andere 
hisUnisehe Bucher des A. T. nach dem Fentateuch Entlehnungen 
oder Bezugnahmen zu weiterer Information sogar direct notiren. 
(Das einmal Num. 21, 14 genannte t71^P MDnbo nfiD wird nur au 
dem Zwecke erwähnt, um einen sachparaUelen Ausdruck desselben 
aus unserem canonischen Texte zu illustriren [^QK^ p b^], nicht die- 
sen an eonfirmiren.) 



Einheit der beiden Schöpfungsberichte. 69 

Einzelnen Spuren zum Vorschein; welche dem Gfesammt- 
eindruck des Unzureichenden von I allein auch Hand und 



2. Die vermeinten Quellenschriften der Genesis und des Penta- 
teuchs überhaupt würden daher auch an sich gar keine Beglau- 
bigung haben, während doch die ganze folgende heilige Schrift A. 
und N. T.*8 wieder auf ihm beruht, wohingegen in andern historischen 
Büchern theils anderweite direct-canonisohe Schriften (wie Jesata 
in den Königsbüchem und diese bei Jeremia und mit Sam. in der 
Chronik) angezogen werden, theils die historische Notorietät 
öffentlicher Acten ('iai "^Db^b Ö'^M'^rt *^iyi) accentuirt wird, 
theils endlich auch sogar die Verfasser der bezüglichen Qewährs- 
Bchriften mit ihrem Namen und mit ausdrücklicher Hervorhebung 
ihrer prophetischen Autori t&t , sonach als fidei cUvinae^ markirt 
werden, wie ja denn auch b'^dOfil'l ti'^fit'^dS gradezu heilige histo- 
rische Schriftsteller bezeichnen. (Besonders lehrreich sind in letzterer 
Hinsicht Stellen wie 1 Chron. 29, 29 b^l nN*)Jl b«17aiO "^^^1 b3> 

ntnrt na -^nan byi «»^aDn )t^^ -«naT, 2 Chr. 9, 29 ins "»^in b^ 
JitnJi iiy*» mtrran •»5ib'»«n sr^n» n«ia5 bs^i »■^asn-, 12, 15 
üTnn nyi K-^asn n-^y»«'» na^ia; is, 22 iiy «•^aan «nwa, 

vgl. u. a. 32, 32. 38, 19. -— Welch eine diplomatische Acrible I) 

3. Die vorgeblichen Urschriften der Genesis und des Pentat. 
überh., erst durch irgend einen Bedactor übel und böse (mit Zwang, 
z. Th. in doppeltem Bericht und nicht ohne Widersprüche) aneinander- 
gereiht, bildeten nun nicht blosse Lehnstücke, sondern ziemlich Zug 
um Zug ein fortgehendes Paviment von weissen und schwarzen 
Steinen; wohingegen andere historische Bücher nur hie und da 
einzelne Monumentalsteine ihrem Bau mit Freiheit einsetzen, nirgends 
aber- mehrere Schriften erst in Stücke zerreissen, um diese dann in 
stetiger systematisch-bunter Reihe wieder zusammenzusetzen. Sind 
also hier die Zuthaten als blosse Einsprengungen secundär, 
so wäre dort die That des lotsten Autors (Bedactors) das Acci- 
dentale. « 

4. Während die Oenesis und der Pentat. überh. aus Original- 
schriften von principieller Entgegensetzung (elohistischer 
und jehovistischer Tendenz) durch einen Dritten ohne klares Bewusst- 
seyn dieser grundsätzlichen Differenz ineinandergebaut oder auch ver- 
baut seyn soll, erhalten die übrigen historischen Bücher auch in 
ihren vereinzelten AUegationen nirgends einen derartigen prin- 
cipiell contrastirenden Character. 

Kann demnach von einer „Ineinanderverarbeitung mehrerer 
Schriften^^ hier kaum die Bede seyn, so noch viel weniger von einer 
„gleichen als man vom Pentateuch behaupten will." Die Verschieden- 
heit der beiderseitigen literar. Composition wäre vielmehr eine spe- 
cifische. 



70 Einheit der beiden Schöpfangsberichte. 

FuBB geben. Zwar sind diese Specialmomente, wie über- 
haupt in jeder Schrift die Blicke auf das Künftige weniger 
bemerklich sind und seyn müssen als die Rückblicke, minder 
zahlreich als die Rücksichtnahmen von 11 auf I; allein sie 
fehlen doch auch dort nicht. Dahin ist, wie sich 11 (S. 65 u. a.) 
auch durch Defecte als zu I gehörig erwies, negativ zu 
rechnen, dass I mehrere sehr nahe liegende Fragen uner- 
ledigt lässt und damit offenbar für II aufspart, wie die nach 
dem doppelten Woher der Doppel-Natur (S. 26 f.), dem 
ersten Wo und dem Wozu des Menschen, also grade des 
Höhepunctes und Zieles der Schöpfung, nachdem vorher von 
den anorganischen und organischen Substraten mit so be- 
friedigender Ausführlichkeit berichtet worden. Positiv aber 
zeugt von dieser Harmonia praestabilita der beiden Berichte 
schon in I das so vielmal wiederholte und ohne die Folie 
von n salzlose „es war gut" (1, 4. 10. 12. 18. 21. 25) und 
zuletzt summirend „es sah Gott Alles was er gemacht 
4md siehe es war sehr gut" (1, 31). Seinen prägnanten 
Sinn erhält dies (womit hinwiederum auch das niü »b 2, 18 
im Wechselverhältniss steht, S. 38) erst in der mit C. 3 un- 
unterbrochen verketteten 11. Erzählung, wo das Böse ein- 
tritt in die vollendete Schöpfung, aber nicht aus Gott, 
dem „Alles sehr gut" vollendenden Schöpfer. Wird man nun 
einräumen müssen, dass durch jene Folie in C. 2 — 3 das 
siebenmalige „gut" und „Alles sehr gut" in I einen ungleich 
tieferen Sinn empfängt, als I für sich allein ihm geben kann, 
so wird, da ein Nachfolger dem Concept des Vorgängers 
wohl kaum jemals erst den rechten Geist gab, die ursprüng- 
liche ZusammQpgehörigkeit von I und 11 auch aus diesem 
Grunde nicht geleugnet werden können. 

Also durchaus Wechselwirkung und solidarische Gegen- 
seitigkeit der beiden Schöpfungsberichte, die es sonach nur 
uneigentlich im Plural sind. Kein Dualismus, keine Doublette, 
keiner ohne den andern; I ohne II ein hohler Leib und ge- 
lähmt, n ohne I formlos und nur Eingeweide: beide viel- 
mehr in und mit einander verwachsen. Beide ein stereosco- 
pisches Erzeugniss, wo beide Augen durch zwei Medien zwei 
Bilder in Eins verschmolzen wahrnehmen, das eben durch 
jene Duplicität den Eindruck des Flachen verliert und die 



Einheit der beiden Schöpfungsberichte. 71 

Realität plastisch vorführt.^ So das Anschauen der beiden 
Schöpfungsberichte: beide mit und in einander eine tiefe Har- 
monie, ohne einander flach und einseitig, neben einander 
grelle Dissonanzen; die auch aus II für sich allein heraus- 
klingen, wenn es nicht durch I temperirt würde; nur I mit 
II ein tiefsinniges Kunstwerk ; eins ohne das andere entweder 
Riiine (11) oder ohneRelief (I) ; — beide mit einander stehend und 
fallend. Beide zusammen ein Spiegelbild von 2,7 selbst, wo der 
Leib aus Erde ^^gestaltet'^ (I) und danach ihm „Lebensodem 
eingehaucht" wird (II), womit beides vereint zu „einem leben- 
digen Wesen'^ ersteht. Oder wie II das Erwachsen des 
Weibes aus einer Bippe des Mannes erzählt, so verhält es 
sich, ein mehr weibliches Moment, gleichsam auch selbst zu 
dem männlichen in I, „Gebein von seinen Gebeinen imd 
Fleisch von seinem Fleisch", worüber dann aber auch, und 
mit wörtlicher Berufung auf 2, 24., mitgesprochen ist Matth. 
19, 6: „So sind sie nicht mehr Zwei, sondern Ein Fleisch: 
Was nun Gott zusammengefugt hat, das soll ein Mensch 
nicht scheiden!" Wer dennoch scheidet, tödtet. Wie mag 
man aber Lebendiges suchen bei den Todten? — 

Ist so denn nun keiner dieser beiden Berichte ganz und 
gesund ohne den andern, sind sie beide es nur mit und in 
einander; durchzieht sie Ein Nerven- uad Blutleben, wie 
auch den Körper des ganzen Buches: dann ist auch keiner 
von einer andern Hand, geschweige denn beides, was so 
grundsätzlich und durchaus für einander und für das Ganze 
geschrieben ist, von einer dritten oder vierten weiter zube- 
reitet worden zu einem so volltönenden, unnachahmlichen 
Originale,** — 



* yjMixta duorum Corpora junguntur faciesque inducitur iUis üna, 
vdut 8i quts conducta cortice ramos Crescendo jungi paritergue adole- 
scere cemai}'^ Ov. Met. 4, 373 sqq. 

** Auch schon K. F. Binck, üb. d. Einheit der mos. Schöpfungsberichte 
(s.ob. S. 12 u. a.) — zwar methodisch, scharfsinnig und für seine Zeit (wo 
Vaters Commentar als ein „so leicht nicht zu tibertreffender" galt, 8. 10) 
bereits mannigfach zutreffend (s. ob.), aber theiis nicht tief genug ins 
Einzelne , am wenigsten sprachlich eingehend , theiis zu künstlich 
und kleinlich und dadurch verfänglich (ob. S. 41) — sagt S. 40 f. : 
),Denkt man sich — N. 1 ganz weg, so dass die bibl. Geschichte 
mit dem anfinge, was wir jetzt 2, 4 oder auch nur die 2. Hälfte des 



72 Einheit der beiden Schopfungsberiehte. 

Ja auch noch über dieses so vielfach ineinander ver- 
wobene Eine Haut- und Muskelleben hinaus und bis in ihr 
arithmetisches Bein- und Rippenwerk hinein lässt die organische 
Zusammengehörigkeit beider Berichte sich verfolgen , ohne 
dass übrigens ihr im Bisherigen vollzogner Erweis noch einen 
besondem Nachdruck hierauf zu legen nöthig hätte. Schon 
auf der gipfelnden Wasserscheide 2, 4 sahen wir beide Ab- 
dachungen förmlich und genau aneinanderstossend in dem 
doppelten ^n, dort mit bMlinü abschliessend, hier mit tin-^n 
niW anhebend. Nehmen wir diesen Vers so als beiden Theilen 
wahr- und wesenhaft gemeinsam (S. 59)^ dann behält der 
IL Bericht fiir sich allein 21 Verse, wovon 3 auf Gottes Er- 
schaffung des Menschen {opfM ad extra) mit Einleitung 
dazu (V. 5 — 7), 7 auf den Paradiesgarten fiir denselben 
(8 — 14), und wiederum 3 auf die göttliche Bestimmung des 
Menschen in dem Garten (15 — 17), abermals 3 auf den gött- 
lichen Gedanken der Weibesschöpfung (18 — ^20) und 5 * auf 



4., V. nennen : würde dann nicht jeder unbefangene Forscher urthei- 
len, dieser Bericht sey schon für die Entstehung des Weltalls so 
durchaus unbefriedigend, dass entweder eben derselbe verstümmelt, 
oder dass ein früherer ausgefallen seyn müsse; oder dass sich der 
Verf. willkürlich auf die Schöpfungsgeschichte des Paradieses' und 
des Menschenpaares beschränkt habe? Der letztere Fall werde aber 
durch den Text selbst ausgeschlossen, weil N. II im Eingange sich 
auf die Entstehung des Weltalls berufe, ohne dieselbe im Folg. zu 
schildern, wodurch denn eine frühere, gleichviel ob vorhandene oder 
verlorene Beschreibung der Uranogonie und Geogonie anerkannt 
werde. Da aber in N. I an und für sich die Bedingung einer weitereu 
Ausführung liegt, und da N. II nicht bloss eine solche Ausführung 
enthält sondern auch eben solche früheren Nachrichten ausdrück- 
lich voraussetzt: so ist kein Grund vorhanden, jene Beziehung beider 
Erzählungen auf einander zu verwerfen, oder sie anders zu nennen 
als eine gegenseitige.'^ Und Derselbe endet S. 70 mit dem „Schlüsse: 
Wenn beide Erzählungen unter gewissen Umständen durch Inhalt und 
Form ein Ganzes bilden ; wenn dieses dessenungeachtet in 2 Abschnitte 
gesondert ist; wenn beide Abschnitte durch einzelne Verschiedenhei- 
ten und Aehnlichkeiten auf eine vielfach ineinander greifende, vom 
Verfasser eigenhändig beurkundete Weise zusammenhängen: so be- 
währt sich die Einheit jener Erzählungen , an sich und in Hinsicht 
des Verfassers, als wesentliche und unzertrennliche Einheit." 

^ Die Hälfte von 10, der Vollkommenheit, ebenso wie sich diese 
relative Unvollkommenheit auch späterbin darin erzeigt, dass dieGe- 



Einheit der beiden Scböpfimgtberiohte. 73 

diese selbst (21—25) kommen, — alles symbolisch bedeut* 
same Zahlen: 3, 7, 3: 3» 5; überhaupt 3 mal 7. — Sehen 
wir ebendarauf auch Bericht I an, wo schon die einzelnen 
Tagewerke die natürlichen Einschnitte bilden» so enthält der 
1. Tag (nach der Stofferschaffung — Licht) 5 (2 + 3) Verse 
(V. 1 — 5); der 2. Tag (Himmelswölbung) 3 Verse (6 — 8); 
der 3. Tag (Land und Meer, Ergrünen des Landes) 5 (2 + 3) 
Verse (9 — 13) ; der 4. Tag (Himmelslichtkörper) 6 (2 X 3) 
Verse (14 — 19); der 5. Tag (Wasser- und Luftthiere, rein 
cosmisch) 4 (2 + 2) Verse (20— 23) ; der 6. Tag (Thiere und 
Menschen) zweimal so viel, 2X4, näher aber 2 + 2 + 3 
oder auch 2 + 5; beides + 1 als Schlussvers des Hexaömeron 
(V. 24—31); worauf der 7. oder göttliche Feiertag bei Voll- 
endung der Welt wiederum 3 Verse (C. 2, 1 — 3), — also 
abermals die bedeutungsvollen Zahlen: 5, 3; 5; 6, 4, 8: 3; 
die 6 Werkeltage zusammen gleich der Oesammtiiffer von 
n (3X7) + 10; und mit dem Sabbathtage noch + 8. 
Beide Capp. in Summa 56 (5 X 10 + 2 X 3 oder 8 X 7) W. 
Man kann noch hinzufugen; dass auch die Wortziffem von 
dem Anfange und dem innerlich erwiesenen Ende des L 
Berichts d. h. von 1, 1 und 2, 4 a : 7 und 5 sind. Von 
höherer Wichtigkeit sind die so characteristischen Gottes- 
namen, von denen d'^nb« in I 35 (5 X 7) mal; dagegen msr^ 
ö-^nb« in II mit dem continenten 3. Cap. 20 (2 X 10) mal 
steht; letzteres aber in dem Schlangenzwiegespräch (C. 3, 
1—4) 4 mal von dem blossen ö'^nb« cosmisch durchbrochen * 



burt eines Knaben auf 7 Tage, die eines Mädchens aber auf 2 mal 
7 Tage verunreinigte (Lev. 12, 1 ff.). 

* Ueber die innere Symbolik der Zahlen selbst s. Bibelstudien 
n, S. 90 ff. Vgl. Kliefoth, dieselbe mehr auf historisch -empirischem 
Wege verfolgend,. Theol. Zeitschr. 1862 Hft. 1 f., S. 24 ff. spec. 
von Schöpfungsgeschichte I : die 7 überhaupt als successiv vollendetes 
Gotteswerk an der Welt ; die 7 Tage als 3 + 3 + 1 ; der vierte ver- 
mittelnd und verknüpfend, s. ob. S. 4; dann ebendas. S. 599 ff.: 
das neunmalige „Gott sprach" mit dem factischen 1, 1 zehn Ab- 
schnitte bildend^ durch diese 10 schöpferischen Worte aber (Himmel 
und Erde; Licht und Finsterniss; Himmelswölbung; Land und Meer; 
Bekleidung der Erde; Träger des Lichtes; Thierwelt in Wasser und 
Luft; Thierwelt des Landes; der Mensch; Haushaltung Gottes auf 
der Erde) systemaiisches Werden des Kosmos in seiner Totalität und 



74 Einheit der beiden Schöpfungsberichte. 

So weist auch dieses alles^ was in so langer Kette gleich- 
artiger ErscI^inungen nicht zufidlig seyn kann, auf eine 
Alles in Einem Geiste gleichmässig durch waltende feinsinnige 
architectonische Hand. 



Wir können unsere Aufgabe wohl als vollendet ansehen. 
Das erste imd höchste Bollwerk wider die Einheit der Ge- 
nesis und des Pentateuchs ist überschritten. Die Sphinx ist 
nicht unsterblich. 



in seinen Einzelheiten; diese 10 Worte selbst sich vertheilend auf 7 
Tage: sonach dort die Zahl des Baumes und der Expansion, des in 
sich Gretheilten, aber in der Vollständigkeit seiner Theile Vollstän- 
digen imd Ganzen, des Kosmos und Systems; hier die Zahl der Zeit 
und Successivität. Femer Ed. Böhmbr, d. 1 B. d. Thora 1862 
Sl 16 ff. : in I 8 Werke der Schöpfung und diese wieder als 2 mal 4 
(ygl. ob. S. 6); Ton dem sehnmaligen iT^fi^'^l 3 für den Menschen ; das 
p "^ST^I und das :nt3 '^:d «^•'T je siebenmal; der 7. Tag selbst, als 
Kuhetag, ohne Befehl zum Geschehen, aber mit dem drittmaligen 
„Segen"; der Name Q'^flb« dreissigmal [3 x 10], bei den 8 Werken, 
dann noch zweimal vor Schluss des 6. Tages, also nun 4x8, endlich 
noch dreimal am 7. Tage, mithin überhaupt 35 mal d.i. 2x7-f-3x7; 
diese 35 aber gleich allen jenen Stichworten zusammen als 8 x 7 
[„so geschah es", das Placet, und die Tage selbst] -}- 3 [Segen] -)- 10 
^«fi^-^l und 1 *n2S<h [V. 22]. „Also alles in allem 70, zehnmal die Sie- 
benzahl, welche die Grundgliederung des Ganzen bildet, das derSab- 
bath abschliesst" — Dieses alles nur über I; die Correspondenz 
dazu in II 8. Yorh. S.72-73.) 



rd 



IL 
DIESSEIT DES PARADIESES. 



1. DIE ANORGANISCHEN ERZEUGNISSE AM ERSTEN 
PARADIESFLÜSSE. 

Adam und sein Weib sind dem göttlichen Strafgericht zu- 
folge und damit ihre, statt der im verbotenen Genüsse vom 
Baume des Wissens angestrebten Gottgleichheit, nun in Thier- 
felle gehüllte Armesündergestalt (S. 38) durch den Genuss 
vom Baume des Lebens nicht auch verewigt würde, aus dem 
Paradiese verwiesen, mit welchem die Erde nur noch durch 
die von dorther kommenden vier Ströme (S. 33) in einiger 
Verbindung blieb. Ja der erste von ihnen verbindet auch 
sogar schon mit der fernen Zukunft des Paradieses auf 
der neuen Erde. 

Es muss in der That auffallen, dass von den nament- 
lich genannten vier Strömen (Gen. 2, 10 — 14), deren erster, 
zweiter und dritter auch ihrem Laufe nach kurz geschildert 
werden, wogegen der vierte (Phrath, Euphrat) allbekannt war, 
des ersten (Phischon) auch nach dem Ertrage in seinem 
weiteren Laufe sehr umständlich Erwähnung geschieht, eines 
Ertrags nicht etwa an köstlichen Baumfrüchten und ähn- 
lichem, was ja mit dem Paradies selbst auch gar nicht in 
Vergleich kommen konnte, sondern an anorganischen 
Erzeugnissen des von ihm umspülten Landes (Chavilah). 
Davon heisst es nicht nur V. 11: „woselbst das Gold" 
(schlechthin, und dieses gleichsam zu Hause ist), sondern 
V. 12 auch noch weiter : „und das Gold selbigen Lan- 
des ist gut; daselbst ist das B'dolaoh und der 
Stein Schoham." Durch diese ganz exceptionelle statistische 
A^ngabe wird nicht bloss die prägnante Erzählung von dem 
Paradiesleben noch weiter unterbrochen, sondern auch das 



76 ^ie anorganischen Erzeugnisse am ersten Paradiesfiasse. 

Gefühl für Symmetrie in der Beschreibung dieser Aus- 
flüsse des Paradieses selbst noch in besondere Spannung 
versetzt, was nur durclP eine entsprechende Bedeutung dieser 
Kunde für die Heilsgeschichte motivirt seyn kann. 

Um so befremdlicher ist es, dass die reichhaltige Exe- 
gese zwar viel über die Natur dieser drei Producte am er- 
sten dw vier Paradiesausflüsse verhandelt hat, aber an der 
Ursache dieser höciist auffälligen Excursion und 
Protuberanz, die doch wohl etwas mehr als blosse Curiosi- 
tät und einseitige geographische Erläuterung seyn muss, zu- 
meist schweigend vorübergegangen ist.* 

Die drei Producte selbst, welche am fernem Verlaufe 
des ersten Paradiesstromes erscheinen, sind also 

erstens: „das beste Gold," smn mit dem Art und 
noch mit mra {aurum Optimum Ynlg.^ t6 xQy(^iov LXX mit 



* Allegorisch wurden die 4 Ströme auf die 4 Cardinaltogen- 
den gedeutet (s. Isidor u. Gregor b. Walafr. Strab. Grlossa ord.), 
dabei )W^^ als (von mÖ u. 113^3) „mutatio orü^^ auf* die prudentia 
mit dem Gold einer lauteren Lebensordnung, dem leuchtenden Car- 
funkel ungetrübter Redlichkeit und dem Edelstein-Grün ewigen Le- 
bens (s. u. S. 79). Sind diese 4 Ströme Andern die 4 Evangelisten (Ana- 
BTAB. SiNAiTA, Hexaemcr. b. Com. a Lap., Gerhard Comm. p. 52), 
so die Gnadenmittel für die Poesie eines K. Gerok , Palmbl. 7. A. 
S. 399 ff., wo „Pison — führet Gold und Perlen tief am Grund — es ist 
das Wort der Wahrheit" (daneben Gihon, „der Mohrenland umwand, 
— der Gnadenstrom der Taufe," „Hidekel roth — das Blut des Herrn 
im heiFgen Nachtmahlsweine,** und Phrath „der Strom des heirgen 
Geistes**). Fasste hinwiederum die eben in Rede stehenden 3 Pro- 
ducte des Ersten Flusses z. B. Calov (Comm. 1671 p. 280 sq.) eben- 
falls geistlich von ,,aurum pretwsissimum ßdei (1 Petr. 1, 7), gem- 
mae fulgentissimae coeUstis gloriae (Apoc. 21) etlncurgarüa nohüissima 
et efficacisaima — salutis Christi Jesu in evangelio (M.a,tth. 13, 45 sq.);" so 
dagegen naturphilosophisch L. Schmed, Erkl. S. 101, wonach 
darin, zu Constatirung der Ruhe der Erde durch die Vollendung [?] 
des Flusslebens, 1. „die starre blosse Ruhe, der Stein**; 2. „die er- 
starrte Bewegung, das Metall**; 3. der „üebergang von der todten 
Natur zur lebenden** in dem Bernstein oder der (veget. oder animal.) 
Perle. — Diese, bei der Allegorie überhaupt so naheliegende, allsei- 
tige Willkür hebt sich, wie bereits durch ihre innere Differenz, so 
namentlich auch durch die Loslösung vom Paradiesausflusse als sol- 
chem selbst auf. 



Die anorgaouchan ünengnitte am ersten Paradiesfliuse. 77 

sublimiFender Deminutivfonny also ^^Feingold/' und dem Prä- 
dicat xaXov, LuTH. „köetlich'O; 

zweitens: „das B'dolach, rrbn^n^ dessen Erklärung als 
Edelstein (LXX av&Qa^y Carfunkel s. ob., oder Rubin, lapis 
lazuli; Diamant, Jaspis, Beryll cet., oder Crystall wieLXXNum. 
11, 7) schon durch die unterscheidende Characterisirung des 
nächstfolgenden Productes als „ Stein ^' (pK) ausgeschlossen 
bleibt* Auch scheint die Wurzel des nb^ia vielmehr auf ein 
Tropfen hinzuweisen (Fürst HWB. I, 167 von „bnall un- 
gebräuchl. träufeln,^^ einfacher wohl von „blä I trennen,^' näm- 
Kch als „abtropfen,"** die Form selbst infinitivartig „mit 
dem Rest einer alten Ableitungssylbe" (vgl. Geben. Thes. I, 
181; LG. S. 863 «.). Dieses edle „Tropfen" nun findet man 
entweder I. an einem Baume,*** nämlich als wachsähnliches, 
durchsichtiges, bitterschmeckendes aber wohlriechendes, darun» 
auch zu Bäucherung verwendetes Harz oder Gummi {ßSiXht 
und mit der nobilitirenden Deminutivform ßSkXhov^ lat. bdd- 
Uunif^***)y wieAq., Symm., Theodot, Vulg., Joseph., 
LüTH. Enarr., Vatabl., Cobn. a Lap., Ad. Osiand., Gerh., 
Salmas., Cler., Celsius, E. F. C. Rosenmülleb, Schuh., 
WiNER, Baumg., Delitzsch, Knobel. Da jedoch Num. 



* Z. Th. derselbe G-rund wie die selbstgeständig ganz fehlende 
Etjmologie sprechen auss. and. gegen den auch nur vereinzelt geblie- 
benen Vorschlag Köstbbb (Erl. d. h. Sehr. a. d. Class. S. 164 ff. nach 
Vater, vgl. vor. S.), unter ftb'li den „Bernstein^^ zu verstehen. 

♦• BooHABT, Hieroz. (1675) 11,5, 5 (p. 279) vom „Sondern" im Sinne 
des Sonderlichen {nan margarita guaiems sed egregia et eximia — vgl. 
arab. pharid — wie auch hebr. *l^ß, s. V. 10, synon. mit bia), 
als tingularis margarita und ünio^ wovon jedoch PI in. H. N. 9, 
56: Dos omnisincandore^magnitudine^ orbßj laevorCy pondere, 
hcud promtia rebtts, in tantum ut nuUi duo reperianltur indiscreHy unds 
nomen ünionum ramanae seil, imposuere deUciae* 

*** Nicht aber selbst als Baum, wohl gar Ebenholzbaum, s. b. 
Ad. Osiand. 1. 1. p. 92 sq., J. Marck Hist. par. 102. 

**♦* Hiervon PI in. H. N. 12, 19: Vicina Bactrianay in qua hdel- 
Itum est nomnatissimum, Arbor nigra est^ magnitudine oleae^ foUo rO' 
horisj fiructu capr\fici naturaque. Ghimmi alU brochon appeUant^ aUi 
malachamf alü maldacon [Dioscor. 1, 80 /AadeXxov, ßdolx^v], nigrum 
vero et in offas convohUum hadrobolon. Esse auttm debet translucidum^ 
iimile cerae, odoratum et quum fricatwr pingut^ gttstu amarum citra 
acorem. 



78 I^i® anorganiBchen Eneagnisse am ersten Paradiesflnsse. 

11^ 7 das runde und durchsichtige weisse Manna dem Aus- 
sehen nach damit verglichen wird, nb'iarT V^^ '^^^^9 das Bdel- 
lium aber grade nicht weiss, überdem auch nicht etwas so 
Kostbares ist; um zwischen Gold und Edelstein aufgeführt 
zu werden (Qesen. Thes. I, 180 sq.), so versteht man das 
„Tropfen'' besser EL. von einem ebenbürtigeren Erzeugniss, 
und zwar eben im Wasser selbst, nämlich von der Perle, 
worüber Bochabt, Hieroz. 11, 5, 5 ein ganzes Capitel hin- 
durch handelt und da namentlich in Betreff der angeführten 
specüischen Vergleichung des Manna hiermit (p. 678) das 
Weiss und das Runde betont, vergl. Talmud (Jom. 8,75a): 
manna rotandum tit cortandrum et album rr^bä^TaiD i. e. mar- 
garita. So, von Perlen, denn auch Saad., Aben-Esra, 
KiMCHi (b. Boch. 678 sqq., J. Marck. 103 sq.), Benjamin 
(Itinerar. b. Gerh. 49) u. BIalonymos, Pagnin., Mercee. 
A. (Boch. 677. 679), Gbot., Calov s. ob., von Neueren na- 
menti. die Lexicographen Gesentos und Füest. — Zu dem 
Edelgolde und der Perle kommt dann als noch ein Er- 
zeugniss des Landes am ersten Paradiesausflusse 

drittens: „der Schoham- Stein," ötiiört pK, eben 
hier ausdrücklich als „Stein" und Hieb 28, 16* als on« 
»np*» (Edelstein, zwischen Ophir-Gold und Sapphir) bezeichnet, 
daher auch im hohenpriesterlichen Brustschilde unter den gold- 
gefassten 4x3 Edelsteinen mit den eingeschnittenen Namen 
der 12 Stämme, in der vierten Riege der mittlere (Exod. 28, 
20 f. 39, 13 f.), wie auch wieder auf jedem Schulterblatt des 
hohenpriesterl. Ephods als goldgefasste Agraffe mit den je 6 
eingegrabenen Namen der 12 Stämme, Exod. 28, 9 — 12. 39, 6. 
üeber diesen also auch in den alttestamentl. Heils- und Gna- 
denordnungen hochausgezeichneten Edelstein vgl. J. Bbaün, 
Vestit. sacerd. hebr. (Amst. 1680) II, c. 18. Man versteht dar- 
unter (ausser Smaragd, Crystall u. a.) a) vorzugsweise den 
Beryll (LXX Exod. 28, 20., wofür an uns. St. 6 U&og 6 ngd- 
atvog, weil lauchgrün, mit Vergleichung von t\W Lauch (s.unt 
Not), denn ,,probatis3imi sunt ex zia qui virtditatem puri ma- 

* Vergl. Del. Comm. z. d. St S. 338 mit Erwähnung mehrfach 
versuchter aber zugl. abgelehnter arab. Ableitungen. Befriedigender 
vergleicht Geben. T^. II, 1370 ÜW „Knoblauch" Num. 11, 5; s. ob. 
LXX (o ?Jd'os 6 TiQnoivoe). 



Die auorganisoheu Erieugnisse am eraten ParadicsfluBse. 79 

ria wiwtanäir,^ Plin. H. N. 37, 20; ebenso ancL alte Versa. 
(Sjr.; Targg., Saad.), s. Braun p. 728 u. d. Lexicogr. (vgl. 
ob. S.76 IsiDOB „vn-or pra8Ü'% neuerlich FÜRST, Keil, Pres- 
SEL (in Her z. RE. Suppl. 11,363), vgl. unt. Apoc. 21, 20 xQvm- 
nQaaoQ] oder b) denOnyx, d. i. eig. Fingernagel, weil ebenso 
ge&rbt und geÄdert, vgl. Plin. 37, 24., wie Symm., Theo- 
dot, Vulg., LuTH., Gerh., Gessn.; oder auch c) dessen 
Species den Sardonyx, gleich als aus Onyx und aagSiav 
d. i. Cameol gemischt (gemma prtncq>3, Juvenal 13, 139), 
wie Aquila und Josephus.. 

Also feinstes Gold, Perlen und kostbarstes Edelgettein* 
(vgl. Ezech« 28, 13; unt Apoc. 21, 19) sind die Erzeugnisse 
jenes vom ersten Paradiesstrome umflossenen Wunderlandes 
Chavilah. — Was aber soll diese gaiz singulare und den Er- 
zählungsrhythmus aufiUllig unterbrechende Angabe? 

Sie enthält eine Prophetie. Wie der also illu- 
strirte Erste Ausfluss des Paradieses gleichsam noch selbst 
ein Echo von dessen Herrlichkeit ist, so birgt er eben darin 
auch hinwiederum eine Weissagung auf das einstige Pa- 
radies. . 

Noch vor der Erzählung von dem Falle der ersterschaffe- 
nen Menschen und ihrer Austreibung aus dem Paradies im 
3. Capitel wird hier schon in dem zweitersten Capitel der 
heil Schrift dem aufmerksamen Leser ein Wink gegeben, 
den er freilich erst an ihrem Wiederausgange und zwar eben 
auch in ihrem zweitletzten Capitel ganz verstehen lernt, 
ähnlich als der in die Tiefe versunkene Alpheus fern davon 
wieder in der Quelle Arethusa an das Tageslicht kommt. 
Nur dass Apocal. C. 21 das neue Jerusalem aus dem 
Himmel von Gott herniederkommt auf die erneute Erde 
(V.2. 10), und zwar 1) „mit der Herrlichkeit Gottes (^ovcra 
Ttiv So^ccv Tov &eov): ihre Leuchte ähnlich kostbarstem 
Edelgestein, wie crystallhellem Jaspisstein '^ (V. 11); — 
2) ihre „grosse und hoheMauor^^ von Jaspis (V. 12. 18); 
— 3) die heilige Stadt selbst „reines Feingold ixQvalov, 
wie ob. Gen. 2, 11 f LXX, xaifaQov), ähnlich reinem Glase" 



* LuTH. Enarr. (I, 126): Quod de hdeUio et onychino lapide 
dkit^ accipio »peciem pro genere. 



gO 1)10 anorganischen Erzeugnisse am ersten Paradiesflusse. 

(V. 18); — 4) die 12 Grundsteine ihrer Mauer, mit den 
Namen der 12 Apostel (V.14, vgl. ob.Exod. 28,9— 12. 39,6), 
„geschmückt mit aDerlei Edelgestein'^ (navtl Xl&tp rifiifp 
wie ob. Ezech. 28, 13 Si*ip'' pK bD), nämlich Jaspis, Sapphir, 
Chalcedon; Smaragd, Sardonyx, Sardion (S. 79); Chrysolith, 
Beryll, Topas; Chrysopras (worin jenes 6 U&oq 6 ngdawog 
der LXX £ur dmorr p» ebenfalls wiederklingt), Hyacinth, 
Amethyst (V. 19 f.) : — also wiederum 12 Edelsteine so wie 
an dem gleichsam auch hierauf weissagenden hohenpriester- 
lichen Brustschilde mit den eingegrabenen Namen der 12 
Stämme Exod. 28, 17—21. 39, 10—14;* — 5) die 12 Por^ 
tale, je 3 nach einer Himmelsgegend, sonach ebenfalls 
4x3, und darauf 12 Engel und die 12 Namen der Stämme 
Israels (V. 12 f.), sindfl2 Berlen QiaQyaQirai) , und zwar 
ausdrücklich jedes Einzelne aus Einer Perle (avä elg htaaroq 
T(ov nvXcivcDV rpf i^ ivog /laQ/agirov, also 12 „ Uniones^^, V. 21 ; 
endlich — 6) die breite Strasse ("^nlarsta) der Stadt wie- 
derum „reines Peingold" (xQvalov xa&agov), ähnlich „durch- 
scheinendem Glase'' (V. 21). 

Demzufolge besteht einst die heilige St^dt, das Neue 
Jerusalem auf der neuen Erde, überhaupt aus den 3 Stof- 
fen: Gold, Perlen und Edelgestein — eine noch vervoll- 
ständigte Erfüllung der Prophetie Jes. 54, 11 £, wo nur Edel- 
steine (wogeg. Tob. 13. ausser diesen auch noch ;^pv(r/ov 
xa&agovjf — jene 3 Stoflfe genau dieselbeu als sie Genes. 2 
von dem Lande Chavilah prädicirt werden, das der erste 
Paradiesstrom umfliesse, — beiläufig wohl auch eine uner- 
wartete Bestätigung der alten wie neuesten lexicograph. An- 
nahme der Bedeutung von nb^n als Perlen tropfen. — ** 



* Zumal die mittelalterliche Naturphilosophie legte bekanntlich den 
Edelsteinen sogar gewisse, oft ganz entgegengesetzte, magisch-physio- 
logische Kräfte bei : s. bes. Albebt. Maqn. de virtutibus lapidum, wo 
z. B. Folgendes: Beryllus vmcü Utes, hostes ßigat, reddü inimicum 
mitemj in moribus efficacem potestatem, etiam dat bomim irUeUedum 
m sdbüibus; — Onyx excitat trialitias, Umores^ phanUmas terribiles 
et Utes; — Chrysolithus pJiantaamata expeUtt, aapientiam confert, 
valet contra timorem cet, 

** Ebenso aber auch die Gegenstadt, die grosse Babel (Apoc. 
18, 10. 16), d, i. das Weib in rothen Gewändern, auf dem rothen Thiere 



Die anorganiscben Eneugniste am ersten Paradiesflusse. gl 

Nun ist aber auch sonst das neue Jerusalem identisch 
mit dem Paradiese: es fliesst darin ,;der crystallklare Le- 
benswassers trom, der ausgeht von dem Throne Gottes und 
des Lammes/' Apoc. 22, 1 f. (vgl. ob. Gen. 2, 10 'iai «»-^ ^rrs, S. 33), 
wovon es 21, 6 hiess: „Ich will dem, der da dürstet, geben 
aas der Quelle des Wassers des Lebens umsonst ;'' und daran 
wieder wächst zu beiden Seiten Lebensbaum {^vkov ^taijg, 
vgl. ob. Gen. 2, 9. 3, 22 d'^'^nü yy, S. 33), mit allmonatlichen 
Früchten, wovon auch schon 2, 7: „Wer überwindet, dem 
will ich geben zu essen von dem Baume des Lebens, der 
da ist im Paradiese Gottes,'' und mit „Blättern zu Ge- 
nesung der Heiden" (22, 2). 

So ist denn der einst im Paradiese der Genesis ge- 
pflanzte und dem gefallenen Menschen sammt dem Paradiese 
wieder verschlossene Baum des Lebens (Gen. 2, 9. 3, 22 f.) 
auch wieder, und zwar vervielfiütigt, in dem neuen Jerusa- 
lem an dem Wasser des Lebens ebensowie in dem zukünf- 
tigen Paradiese Gottes, demnach mathematisch die heilige 
Stadt der Zukunft und das Paradies Eins. Da mischt sich 
denn herrlich der Garten mit Architectur * und mit Wasser- 
strömung, was uns ja auch schon diesseit ein Ideal ist. 
Wohl liegen fiir uns noch tiefe Morgennebel auf jener ewi- 
gen seligen Zukunft, zumal auch auf ihrem so verbürgten Zu- 
sammenhange mit der Urgeschichte ; hell aber blitzen d^traus 
heiüber goldene Zinnen und leuchtende Wipfel und ein wal- 
lender crystallener Strom. (1 Cor. 13, 9 — 12.) 

Davon singt ja in wunderbar schöner ureigener Ton- 



mit 7 Häuptern und 10 Hörnern, als „vergoldet mit Feingold 
ix^alov) und mitEdelgestein undPerlen {fta^ya^lxai) Apoc. 17,4. 18, 
16: wie denn eben das Heilige von dem Antichristischen nachgeäfft 
nnd carikirt wird, 8. Matth. 24, 24. (Marc. 13, 22.) 2 Thess. 2, 9 ff. 
Apoc. 13, 13 ff. 

* Diese besonders auch als ein „Gkzelt Gk>tte8 bei den Men- 
Bchen,'^ Apoc. 21, 3., sowie er bei denselben einst auch im Paradies- 
garten „wandelte" (Gen. 3, 8) und vorbildlich in dem alten Jerusa- 
lem „wohnte" (Ps. 135, 21) im Tempel, wie zuvor in der Stiftshütte, 
als dem mtT' ptt5» (Num. 16, 9), thronend auf Cherubim (z.B. 1 Sam. 
4, 4), und da in seiner „Herrlichkeit" ganz Israel erscheinend (Num. 
14, 10). — Vergl. Kürtz, B. u. A. ö. A. S. 4ä7. 47B f. 

HOELEHANN, Nene Bibelftndieiu 6. 



g2 ^^6 auorganiBchen ErieagniBae am ersten ParadiesflaBse. 

weise die deutsche evangelische Christenheit ihrem Dichter 
aus dem Beformationsjahrhundert * inbrünstig nach: 

Jerusalem, du hochgebaute Stadt, 

Wollt' Gott ich war' in dir! 
Mein sehnlich Herz so gross Verlangen hat 

Und ist nicht mehr bei mir. 
Weit über Berg' und Thale, 

Weit über blache Feld 
Schwingt es sich über alle, 

Und eilt aus dieser Welt. — 

Wenn dann zuletzt ich angelanget bin 

Im schönen Paradeis: 
Von höchster Freud' erfüllet wird der Sinn, 

Der Mund von Lob und Preis. 
Das Hallelujah reine 

Spielt man in Heiligkeit, 
Das Hosianna feine 

Ohn' End' in Ewigkeit. — 

So ist denn nun das Paradies der Endzeit ^ ebenso wie 
in Realität; auch schon in der Urzeit durch eine erleuchtete 
Historiographie prophetisch verbunden mit dem Paradiese des 
Anfangs; dessen erste Ausströmung; theils nachklingend theils 
weissagend, gleichsam Bestandtheile dem künftigen als heilige 
BaustolBfe zuführte; so dass auch hierin sich die Genesis 
mit der Apocalypsis und der Anfang mit dem Ende ver- 
schlingen. 

Doch es sollten die bisherigen Bemerkungen; jenem Pa- 
radiesausflusse nachgehend; zunächst nur überleiten zu dem; 
was auf den Bericht vom Schöpfungsparadiese geschicht- 
lich unmittelbar folgt. — 

Der Mensch und das Paradies waren einander homogen 
(S. 28). Der Fall des ersteren zog seinen Verfall und Zer- 
fall mit dem letzteren nach sich (38). • Mit Verweisung des aus 
dem göttlichen Gnadenstande gefallenen menschlichen Ur- 
paares aus dem Gottesgarten in das ;;Elend'' (das Elend der 
Welt) schliessen die mit der Menschenschöpfungsgeschichte 
continenten Paradiesereignisse. 



* JoH. Matth. Metfabt, b. Unverfälscht Liederaegon Nr. 872, Y. 1. 7. 



83 



2. BEB £BST«EBOB£]fE UND SEINE PHTSIO. 
«NOMIE, 

0BNBSI8 IV, 1—7. 

Die Weiterfiihrung 'der menschlichen Urgeschichte be- 
zeugt alsbald von neuem den unverrückten Plan; mit festem 
Blick die Heilsgeschichte zu verfolgen. (S. 56. 58.) „Denn 
was immer zuvorgeschrieben; ist uns zur Lehre geschrieben^ 
auf dass wir durch die Beständigkeit und die Tröstung der 
Schrift die Hoflfnung behalten" (Rom. 15, 4). Dieses stetige 
klare Ziel ist uns auch an sich zugleich ein deutender Weg- 
weiser im Einzelnen und Nächsten. Aus jenem Qrunde fin- 
den wir zunächst nichts von der Reise und Ansiedelung der 
Exulanten. Doch können wir das Wesentliche auch hiervon 
schon aus den ergangenen göttlichen Strafsentenzen erschlies- 
sen, auf die wir daher vorerst noch einen kurzen Blick zu- 
rückwerfen. Diesen Gerichten Gottes zufolge soll 

A. Adam ;,den um seinetwillen mit einem Fluche be- 
legten Erdboden sein Lebelang in Mühsal gemessen" (^lä^ii^ia 
rt3bD«n 3, 17) und das solchem Boden, der nunmehr von 
selbst ihm nur ,,Dorn und Distel treiben werde/' abgerungene 
„Brodt" im „Schweiss seines Angesichts essen'' (3, 18 f.*), 
das Ende von dem allen aber in der persönlichen „Rück- 
kehr" zu diesem verkümmerten Erdboden, seinem Ursprünge, 
und zu dem leiblich verwandten Staube erwarten (V. 19). 
Dies dem Erstlinge und specifisch einheitlichen Vertreter des 
ganzen Geschlechts als ein herber Trost durch die Aussicht 
auf Erlösung in Wiederauflösung, — zugleich sein Vermächt- 
niss an alle seine Kinder. Dagegen hatte 

B. das aus Adam geschaflFene Weib ein Urtheil (8,16) 
empfangen, welches bei allem Leid noch Aussicht auf eine Z u - 
kunft enthielt: „Viel, viel will ich machen 1) deine 
Mühsal" (inatt^ ganz so wie bei Adam» generell und kraft 



* Auch hier mtdü ^W wie oben 2, 5 im Gegensats der Baum- 
früchte und des Gartens (S. 20), aber positiv wegen des folgenden 
t3nb von ansubauenden Getreidestauden, wofür 1, 29 voUständiger 
y'nt y^nt 'M» (Samenkörner tragendes Kraut). 

6* 



• 



g4 Der Erstgeborene und seine Physiognomie. 

der Endung „Schmerzenthum," * daher auch den durch die 
andere Form ^3U^ und fortsetzendes i eingef&hrten speciellen 
Beschwerden vor- und übergeordnet), „und — 2) deine 
Schwangerschaft" (^i^im) als solche mit allen ihren 
Lasten und Belästigungen ** (jene „Vervielfilltigung'* auch 
viell. mit Einschluss aller künftigen Mütter); — 3) „mit 
Schmerz (aifcJ^) wirst du gebären Kinder/' und die 
Geburtswehen sind als die alleräussersten Schmerzen sogar 
sprüchwörtlich, Jes. 13, 8. 21, 3. Jer. 4, 31. 6, 24. Job. 16, 21 ; 
„und — trotzdem ist — 4) nach deinem Manne dein 
Gelüst'^ (^npittSn '^iö'^n bNi), *** „und — 5) Er wird herr- 
schen über dich," — seine willenlos anhängliche Diene- 
rin, nachdem ihr zuvor der Mann fälschlich gehorcht hatte 
(V. 17), vgl. S. 47. 94. **** 

Aber in diese — eben durch die Geburten, die Kin- 
der — eröflSaete Zukunft, wie dunkel sie auch immer ist, 



* V. Ew. ALB. §. 163 d. Auch Knobel :* „die Beschwerden des 
weiblichen Berufes im Allgemeinen," vgl. Exod. 18, 10. Ps. 18, 1. 

** Petaillirt b. Luther, Enarr. 1, 254 sq.: Vocat aiUem cimcepHonem 
totum iUud tempus, quo foettis conceptus gesttOwr in vtero , quod gravi- 
Jms et varns morhis excipüur. Statim suboriuntur acem'mi dolores ca- 
pitis^ vertigo , nausea et faatidium ndrdbile cibi et potus^ crebrae et dif- 
fidles vomitiones, dolor dentium, et ventriculi vitium — quum tales 
cibos appetunt, a guibtis incolumia natura aOhorret. Vgl. Gbhh. 115. — 
Ueber das physiologisch Unerklärliche dieser peinlichen krank- 
haften Zustände der Schwangerschaft und der so schmerzhaften Ge- 
burtswehen, dieser doch so natürlichen und nothwendigen 
Functionen des menschlichen Geschlechts, s. D. med. Hasse, Jubel-* 
Dissertation : „die Schwangerschaft und die Geburt des Weibes," Biele- 
feld 1863. 

*** Eigentlich: „dein Nachlaufen" (v. pItt) laufen, rennen; Symm. 
bQfti(\ wogegen die andere, ohnehin das folg. Gl. anticipirende und 
pleonastisch machende Erklärung : „nach deinem Manne wird sich richten 
dein Wille" {svh viri potestate eris, Vulg.), oder auch als „recwr*«*, 
receptua aut perfugium^^, N. Fullbb, miscc. ss. in Critt ss. VII, 157 sq.) 
durch den Parallelausdruck 4, 7 (s. u.) unmöglich wird. 

****„/to muUer, quae ßnes etioa proterve exceeseraty in ordinem suum 
cogitur. ' Jam priua quidem aubjecta maritö mo fuerat, sed erat Übe- 
raUs et minime dura eubfectio; nunc vero in servitutem conjicitur.*^ Calv. 
(s. b. Ad. sian d. 126). — Ein Verhältniss, welches notorisch ebenfalls 
erst durch die Erscheinung „des Weibessamens" im Schlangenser- 
treter (s. u.) wieder temperirt ist 



Der Enl^borene und seine Physiognomie. §5 

fitUt ein Lichtstrahl durch den unmittelbaren Anschluss 
solcher Schwangerschaft und Qeburt an die — überhaupt rück- 
wärts schreitende — richterliche Sentenz über 

C. die Urheberin der Sünde (V. 13 f.), die dämonische, 
diabolische Schlange:* „Verflucht bist Du (^TiH 
pnn«, so wie 4, 11 der Brudermörder Cain, d. i. verflucht 
und ausgestossen**) von allen Thioreu; zahmen 



* Dass diese Schlange von einem l)Ö8en Geiate, wie sie im 
N. T. in Menschen undThiere fahren, besessen (oder, wie Schultz 
Schöpfangsg. S.461 catachrestiBch sagt, ,,ii^sp]rirt*^) war und dieser, eben 
wie auch im N. T. aus den Besessenen , hier aus der Schlange redete, 
lässt der anscheinend nur äusserlich referirende (vgl. J. Mabck. bist, 
parad. p. 581. 767. 772) und ebendamit etwas verschleiernde Text, noch 
abgesehen von authentischen Schrifterklärungen wie Apoc. 12, 7 ff., 
20, 2 f. (vergl. Job. 8, 44. Rom. 16, 20 cet. s. u.), auch selbst durch- 
blicken: denn 1) die Schlange redet — ein Wunder, und zwar redet 
sie wider Gott — also ein nicht von Gott und dem heil. Geiste, 
wie in den „mit andern Zungen redenden*^ Aposteln (Act. 2, 4), gewirk- 
tes, somit schlechthin ein satanisches Wunder; — 2) jedes Wort 
ißt abgefeimt (raffinirt); — 3) sie weiss um Gottes Wort (wie 
der diabolische Versucher Matth. 4, 1 ff.) ; -— 4) unergründlich tief ist 
ihre Gottes- und Menschenfeindschaft. Dazu kommt nun 
auch noch 5) dass die göttliche Strafsentenz hoch und weit über 
das blosse Thier und dessen Individualität hinausgeht, s. unt. 
Ueberdem ist zu bemerken, dass auch die Einführungsworte 3, 1 „die 
Schlange war abgefeimter als alle Thiere des Feldes, die gemacht 
Jehovah-Gott** weder an sich aussagen, dass auch die Schlange selbst 
von Jehovah - Gott (so) gemacht worden, noch aussagen können, dass 
„eine natürliche Schlange listiger sej als alle Thiere des Feldes, sinte- 
mal sie gewiss nicht einen Fuchs und andere Thiere an List über- 
trifft;*' (MoLDiNHAW.). Sonst B. zur Lösung dieser ganzen Frage und 
tnr Geschichte derselben u. a. Chfh. Hblvicub, Protevangel. paradis. 
in Critt. ss. VI, 66 sq. (bes. Rabb.); J. Marok. bist, parad. p. 559 sqq 
765 sqq.; Hsnostsmbero, Christol. d. A. T. 2. A. I, 5 ff. (monographisch 
auch: Paschius, de serpente seductore 1683; T. A.Rivinus, seipens iste 
antiqaus sednctor cet. 1686^ S. Gobbbl, de serp. primo bomin. se- 
ductore 1789, u. a.) — Ueb. verwandte Traditionen und zumal die 
Zendschriften , welche im Nachklange der ächten Urgeschichte, die 
Schöpfung Ormuzds durch Ahrimans Verführung der beiden erst- 
erschaffenen Menscben in Schlangengestalt verderben lassen, s. b. 
Dkl. Gen. 168 ff. 625, u. Jul. Brach, „Ausland'' 1861 N. 41 S. 968. 

** Also prägnant: verflucht -^ eben hier durch Gott, und da- 
mit losgelöst und geflohen— von allen Thieren cet. Sonach )T^ weder 



g6 ^^ Entgeborene mid leine Phjsiognomie. 

und wilden (m«n tr^n bacn rrortan Vm, s. ob. S.20). Auf 
deinem Bauche wirst du wallen ("prt "^sm b3^, wo *jim 
von n-'Ä „hervorflieBsen", also ein wellenförmiger Qang, gegen- 
über dem Gehen auf Füssen; wie Ley. 11; 42); und (auch 
selbst mit dem Kopfe an der Erde, wie Ps. 72, 9. Jes. 49; 
23. Mich. 7, 17; vgl. Thren. 3, 29. Bibelstud. I, 119) Staub 
schlucken dein Lebelang!^' Dies (V. 14) gilt dem 
Schlangen t h i e r 6; der Satans h ü 1 1 C; weil eben augenscheinlich 
nur dem Verhältniss eines Thieres zur Thierwelt (nÄnaü bD» 
miöSi rr^n bMi; vergl. V. 1) und seiner ferneren (thierisch 
sichtbaren) Lebensweise: mitverantwortlich war aber auch 
dieses animalische Organ diabolischer Verföhrung ebenso 
wie 2. B. Lev. 20, 15 das Thier, mit welchem Schande ge- 
trieben worden (vgl. Gebh. 104 sqq.).* 

Anders gestaltet sich das Verhältniss mit Eintritt^ des 
folg. 15. Verses; worin nicht mehr von dem der Schlange zu 
den Thiereu; sondern nun zu Menschen; zunächst ;;dem 
Weibe und ihrem Samen'^ die Rede ist, und dieses im zweiten 
Hemistich zur Action eines individuellen Zweikampfs sich 
steigert 

Dieser V. lautet: ;;Und Feindschaft will ich setzen 
zwischen Dir und dem Weibe, und zwischen Dei- 
nem Samen und Ihrem Samen! Er wird treffen** 



comparativ, da ja die übrigen Thiere gar nicht mitschuldig sind, 
noch auch als inter (Vulg., Gier.) oder abj so wie Eicbhobn (Urge- 
schichte herausg. v. Gabler 11,2, 277 f.) die Yerflnchung der Schlange 
„you der ganzen Schöpfung^* erfolgen lässt, in welchem Falle die 
Cains 4, 11 folgerecht vom Erdboden ausgehen mfisste. 

* Soll übrigens auch diese Strafe „lebenslang" (y^'^n '»»'» te) 
währen, so heisst dies: so lange du, ebenfalls der Erstling von dieser 
Thiergattung , nicht bloss als Individuum (dessen Rückverwandlung 
ohnehin nicht anzunehmen war), sondern (ideal) auch in deiner Entfal- 
tung, deiner Brut und deren Fortsetzung, leben wirst, sonach eine 
ganz neue und wirkliche d. i. habituelle Natur, die es so lange 
bleibt, als Natur Natur und Schlange Schlange ist — Ebenso ist 
daher auch die gleiche „lebenslängliche^' Daner der über Adam ver- 
jiSngten Strafsentenz V. 17 (S. 83) zugleich generisch zu verstehen. 

** Diese Bedeutung von t]W wird allen Stellen, auch dem 
folg. Yersgliede und Ps. 139, 11 gerecht, ebenso wie griech.. nlrioaew, 
lat. /erir«! franz. /ra2:;per , deutsch viell. auch hauen, nur jedesmal 



Der Entgeborene und seine Physiognomie. 87 

Dich am Kopfe und Du (verendend*) treffen Ihn 
an der Ferse/' 

Scheint die erste Vershälfte von der positiven („gesetzten*') 
^^Feindschaft zwischen der Schlange und dem Weibe'' zu- 
nächst das antipathische Verhältniss zwischen Schlange und 
Thieren aus dem vor. V. nun eben auch in die Menschen- 
welt , nämlich auf das von der Schlange berückte Weib 
und ihre Descendenz fortzuführen^ so ist das doch augenfällig 
nicht mehr einfach auch in der zweiten Vershälfte der Fall. 
Denn dass in diesen letzten WW. nnfiti tö»^ ^Dttö'^ Kirr 
spy i^civdn nicht nur mehr als der allgemeine E^riegsstand 
zwischen allen Animalien und der ohne Fttsse kriechenden 
Schlange (V. 14)^ sondern auch etwas noch Specielleresals 
der zwischen dem Menschen- und dem Schlangengeschlecht 
(V. 15 a) ausgesagt werde, bezeugen folgende, in ihrem Zu- 
sammenhange zur Evidenz und Unerschütterlichkeit erwach- 
sende Instanzen: 
I. Im Originalausdrucke selbst 
1) das hoch-emphatische, zumal durch das Verbum finit. 
statt des sonst dabei gewöhnlichen Particips, ebenso wie auch 
bei dem nriM der Gegenpart, herausgehobene und gleichsam 
herzoglich vorantretende fit in {llle), welches, obwohl es or- 
ganisch auf den Weibessamen (W'nT) zurückgeht und dieser 
vorher Evas ganze Nachkommenschaft generell zu meinen 
schien,** doch eben wegen solcher Emphase nun auf einen ganz 



nach der Sachlage modificirt. LXX (Fb. 189,11 »axanataXv u.Vulg. 
conctdcare; Hiob 9, 17 kxr^ißtiv, vgl. Rom. 16,20 (iwTQitffst, Vulg. 
eonterere) — an uns. St vn^Biv (a. TBt^tXr, reptiv)^ so wie Onkel. 
^t33, Ynlg. (in a conteret) in b insidiaberü , auflauern. 

* Also nicht, mit Umkehr der Ordnung des Textes, die 
Schlange suerst den wider sie zum Zertreten erhobenen Fuss ste- 
chend: T. HoFM., Schriffcbew. II, 2,489; £d. Bohl, 12 mess. Pss. n. e. 
christolog. Einl. 1862 S.XI f. 68 „mit gelähmter Ferse." Vergl. Clau- 
dius NeapoL (b. Grot.) oi Sfats nartid' ivxBs Snxrovaiv, 

** S. 2. B. Hbhgbtbnbbvo, Christel. I, 21 f. „der Weibessame das 
mensehlicbe Gksohlecht" mit Calv., Hbrdbr, A. ; Kurtz, Gesch. d. A. 
B. 2.A. I, 63; — Tgl. jedoch Dess. Bibel u. Astron. 5. A. 129 (186 f.): 
„Von jener Verheissung an, die dem Weibessamen den endlichen und 
vollstfindigen Sieg über den Schlangensamen verheisst, eröffnet nun 
die h. Geschichte eine ununterbrochene Kette von Zeugungen, an 



88 I^er Erstgeborene und «eine Physiognomie. 

bestimmten und Bingulären Weibessameu; ''^ d. h. auf eine aus 
den allmälig immer enger> gezogenen Kreisen dieser Nach- 
kommenschaft ( — Abrahams^ Isaacs, Jacobs, Judahs^ — Da- 
vids, — einer Jungfrau, Jes. 7, 14 vgl. Matth. 1, 23., sonach 
auch im vollen Sinne als „Weibes- Same") schUesslich her- 
vortretende letzte, individuelle Spitze,** also auf einen, 
wenn auch jetzt noch unbekannten, aber gewissen und ein- 
zigen Sohn des Weibes, zugleich aber auch (eben um das Wort 
ganz zu erfüllen) ausschliesslich eines „Weibes" hinweist — 
als auf Ihn, welcher den aus jener allgemeinen „Feindschaft" 
entbrennenden Kampf auf Tod und Leben eben mit dieser 
Schlange in Wahrheit aus- und durchfuhren wird und dessen 
That an dieser Schlange dann auch ebenso, als jetzt die 
Schlangenthat (die Verfuhrung) an dem Weibe, zugleich auf 
das ganze Geschlecht der vom Weibe Geborenen nachwir- 
ken wird. — Diese eminente Bedeutsamkeit haben jenem «in 
schon LXX abgefühlt, wenn sie dafür nach vorausgehendem 
öjtiQfia dennoch AircoQy wie auch Vulg. nach semea ur- 
sprünglich Ipae (erst später 4wa***), gaben. — Ebendahin 
verweist 



welchen die Verheissung haftet — sie schliesst sich ab in der Geburt 
des zweiten Adams/* des zweiten Anfängers der Menschheit , „zum 
Heerführer und Generalissimus in dem Kampfe des Weibessamens ge- 
gen den Schlangensamen bestimmt, durch dessen Gotteskraft der 
Kampf zum Siege geführt wird." Wobei indess alle und" jede erlö- 
sende Mitwirkung der vielmehr selbst erlösungsbedürftigen Väter, als 
blosser Hülsen des allein heiligen und siegreichen Kernes, hinweg- 
zudenken ist. 

* Von einem Individuum braucht eben auch Eva selbst 
— zugleich ein Beweis, wie sie fort und fort an jenes göttliche Ora- 
kel (s. unt), doch je länger je mehr auch zugleich an die Macht des 
gnädigen Orakelspenders denkt — eben 5^^T 4, 25 d'^tlbK 'h nUJ "^D 
*inK 5>nt. (Vgl. S. 91.) Desgleichen auch der Apostel Gal. 3, 16 «Je 
tip ivos — Tq? aniQfi.aTi aov, oe ior* X^iatos. 

** S. darüber Matth. 1, 1 flP. BißXos yaräasfae 'Inoov X^itnov, viov 
Ja%n8, viov lAßQaäfi' jißqaau iyiwtias — und so fort bis *V. 16 — 
i^ f;s iyevvi^tf'r} *Inaovs 6 Xeyofievoß X^iarogt und wiederum rüokschrei- 
tend Luc. 3, 23—38. Vgl. u. a. Luth. Enarr. I, 246 sq. Hjblvic. 1. L 
71 u. Geier s. u. S. 91. 

*** Zunächst wohl um Schlange und Weib einander direct entgegen- 
zusetzen y wogegen aber zwar nicht das in der Gen. (s. V. 20) noch 



Der £r8%eboreiie und leine Physiognomie« 89 

2) die Inconcinnität zwischen diesem Kiri; wenn es 
einfach nur im Allgemeinen auf n^^^t indirect zurückwiese, 
und dem directen Suf&xum der 2. Person ^tw^ (^er wird 
Dich tre£fen/^ statt dass es vielmehr heissen müsste: ihr 
Same — deinen Samen). Denn während zuvor so correct 
gesagt war: Feindschaft will ich setzen zwischen Dir und 
dem Weibe (beides individuell) und zwischen deinem 
Samen und ihrem Samen^ würde jetzt dieses zweimal 
symmetrische Verhältniss plötzlich gebrochen. Dagegen bleibt 
es in Kraft; wenn es heisst: Dir (also Einem alsdann immer 
noch concret und persönlich Existirenden) wird Er («in, 
also ebenfalls Eine concreto Persönlichkeit) den Kopf zer- 
malmen , und (abermals folgerecht) Du selbst wirst Ihn 
(deinen Zermalmer, nicht Sie, das Weib) in die Ferse hauen * 
Dazu' weisen auch noch die bedeutsam genannten concreten 
entgegengesetzten Theile Kopf und Ferse gleicherweise 
vom Generellen ab und auf Individuen hin.** 

In der That, j,verba mira emphaai concinnata 1 " (LuTHER, 
Enarr. I, 244.) — „Konnte einfacher, präciser, geistreicher, 
tiefsinniger, erhabener, göttlicher im Beginne der Menschen- 
geschichte voraus angekündigt werden, was in ihrem Verlaufe 
und auf ihrem Höhenpuncte geschehen ist?'' (G. K. Mayer, 
d. Patriarch. Verheissungen cet. 1859 S. 22.) 

Nach diesem gleichmässigen Drange und Zwange der 
Grammatik, Logik und Rhetorik hat man denn auch 



beide Geschlecliter umfassende Kitl, wohl aber das Masc wie des 
Prädicates *^S11Ö^ so auch des Pron. in 13S1^n ist. 

* Vergl. ßÖHL a. 0. S. X : „Die Vorstellung eines Kampfes zwi- 
schen zwei Einzelnen, also eines Zweikampfes, verdrängt die collect. 
Fassung des Samens vollständig [?8.u.]: ein CoUectivum von Nach- 
kommen kann nicht der einzelnen Schlange den Kopf zertreten. Dies 
wäre ein arger Verstoss wider die in der ganzen Rede so sauber 
eingehaltene Bildersprache." (Vergl. auch S. XXIX.) 

** Ist übr. im Kopfe der Schlange zwar ihr Gift aber auch ihr 
Leben, so verursacht dagegen der Stich in die Ferse des Schlangen- 
zertreters nur dessen augenblicklichen Hinfall; vergl. Mart. Geisr, 
Protevangel. (Opuscc. 1691 p. 281 sqq. 303 sq.) : unde etiam fiet ut heros 
hie pronu8 in terram prvddcUj verum vitaUs ipd via non erü ademta : 
sälvo enim reUcto capite /adle resumet vires remrgetgue patdo pott 
ceu Victor ac triumphatar gUmomaimua, 



90 I^ Erstgeborene und aeme Phynognoinie. 

Ton Alters her in diesem Sprache Gottes über die Schlange 
im Paradiese das ^^Erst-Evangeliom'^ (Protavangelinm) sehr 
wohl erkannt,* womit auch allein der eigentliche Urheber, 
Inhaber und Vater der Sünde (Joh. 8, 44) bis ins innerste 
Lebensmark getroffen wird.** 

Bestätigend kommt dann zu dieser Auslegung des gött- 
lichen Wortes 

n. die historische Erfüllung durch den Einen Je- 
sum Christum^ wesenhaft ein Weibes- und kein Mannes- Same 
(pte 8i ^k&B to nXijgctifjia rov xQovov, i^aniaruXev 6 &e6g rov 
vlov avTov ytvofisvov ix yi;i^atxog,Gal.4,4***); diese 
Erfüllung factisch geworden durch seinen Sieg im vorüber- 
gehenden Tod e, errungen über den Erzfeind, der ebendarum 
auch imN.B. heisst o Sgdxtav 6 fdi/ag^ 6 ocpig 6 aQxctlog, 
6 xccXov/uvog SucßoXog xal 6 aaravag, 6 nXavw rtiv olxov- 
fävtjv olriv (Apoc. 12, 9 vgl. Rom. 16, 20). 

So ist die Entscheidung über die zweite Hälfte des 
15. V. ebenso sprachlich - rhetorisch durch die energische Cor- 
respondenz zwischen Niti und üdn, als zwei sich indivi- 
duell gegenüberstehenden Gegnern, d. i. Christus und Satan, 
wie durch die nur ganz gleich deutende Geschichte selbst, sicher 



♦ Und zwar catholischer- wie namentlich auch lutherischerseits: 
vergl. bes. Chph. Helvicus, Protevangel. paradis. in Critt. bp. VI, 
66—82 ; — Ad. Osiandbr, Comns in Pent I, 120 sqq. ; — M. Geier 
1. 1.; — Abb. Calov. Comm. p. 409 sqq.; — J. Gerhard, Comm. 
p.l07 sqq.; — C. L. G. Kbiz, Protevang. parad. 1732 u. A.; — neuer- 
lich bes. Phiuppi, d. Protevangel., in Kirchl. Zeitscbr. Jahrg. 2, H. 5 
(schon W^T unmittelbar persönlich); Kliefoth ebend. 1859 H. 9 f., 
wie auch die Commentt. y. Delitzsch 182 ff., Keil 63 f. u. A. 

♦• Vergl. LüTH. EnaiT. I, 240 sq.: Non conjungit Judicium eos 
(Saianam et hominem) in poeaa^ sicut jure potuissetj sed longissime se- 
parat, — In eo autem sol coneolaüonis y antea quasi tenebris quihusdam 
caliginoearum mUnum involutus^ eupra nubes aUoUUur et jucundiesimo 
lumine territa corda adspicit^ guod Adam et Heva non solum non au- 
tUunt eHn maledidy sicut serpentiy sed guod audiunt se constitui tan- 
guam in ade contra damnaium hostem^ idque spe auxilii, guod eis latu- 
rus sit ßUus Deiy semen muUeris. 

•*♦ Vergl ob. Matth. 1, 16 — ^{ $c iyswii^ "Inodfs 6 Xeyiusroe 
X^i0r6s. — 9)£tMi ab Adamo sine matre^ Maria maier Christi sünß 



Dar Enrt^borene und tebe Physiognomie. 91 

groben. Damit ist aber nicht anch die Frage schon berei- 
nigty ob dasselbe und nur dasselbe auch von dem vorheri- 
gen 9*iT des Weibes (V. 16a) gelte, oder ob darunter alle 
„vom Weibe Gteborene'^ zu verstehen seyen. '^ Offenbar ist 
das Orakel pyramidal; von der breitest^ Basis (noch ab- 
gesehen von der gesammten Animalienwelt in V. 14) auf- 
steigend zu der eminent - isolirtesten Spitze. Wie diese in 
jenem significanten Min ausschliesslich auftritt , so ist das- 
selbe doch in der vorherigen zu ihr anstrebenden Pyramide^ 
ihr integrirend; mitgegeben. Fiele nun aber dieses Min schlecht- 
hin mit dem vorherigen n^^iY zusammen, so wäre zwar von 
dem Verhftltniss der Schlange zur Thierwelt (in Y. 14), und 
ausserdem nur noch von dem zu dem Weibe und dem 
Erlöser, nicht aber auch von dem zu der übrigen Menschen- 
welt die Rede. Und doch herrscht jene Antipathie » ganz 
ebenso wie bei den Thieren, auch zwischen den Menschen 
und der natürlichen Schlange; ja bei den Menschen ist es 
noch mehr als blosse natürl^cheAntipathie, es ist eine auf jener 
grade ftir die Menschheit hochbedeutsamen Qeschichte der 
Urzeit beruhende, aber fär sie aus dem blossen Thiere, wel- 
ches dort eben auch gar nicht das eigentliche Agens war, noch 
nicht erklärte auf ewig „gesetzte Feindschaft.^' Nun ist ja 
aber in der von Gott angeredeten Schlange der sie einneh- 
mende^ böse Geist momentan noch mit dem Thiere verbunden. 
Die Aiirede an dieselbe ist daher eine dreifache und mit 
ihr ganz parallel die Aussage über ihre Gegnerschaft. Sie 



* Für das individuelle Verständniss des Weibes - Samens 
fuhrt n. 8. Mabt. Geibb 1. 1. p. 323 sqq. folgende Gründe an , welche 
indesB offenbar mehr der ganzen Stelle gelten und dieselbe nicht 
auch zugleich nach ihren bemerkten Abstufungen auffassen: I. Es 
sey möglich, vgl. ^^1 Gen. 4, 25 [ob. S. 88.] ; 15,3. 21,13. 22,18. (6al. 
3, 16); 2 Sam. 7, 12 cet; und II. es sej noth wendig a) nachdem 
Zwecke, um zu trösten, was nur in Christo geschehen konnte ; b) nach 
der Wirkung (Sünde, Tod und Hölle überwunden), c) nach dem Gegen- 
satze zwischen der individuellen Schlange und dem Weibessamen [ob. 
S.89]; d) nachEvas eignem Verständniss [s. unt zu 4,1]; e) nach den 
Parallelen des A. u. N. T., wo dieser Same immer enger auf den Sohn 
Abrahams u. s. w. [s. ob. S. 88] beschränkt werde Gen. 22, 18. 26, 4. 
49, 10. 1 Chron. 17 (18), 11. Jes. 7, 14. Hebr. 2, 16. Act. 3, 25. Gal. 3, 16. 
4, 4; /) nach dem Zeugniss der Alten (Veras. Iun. cet). 



92 ^c' Erstgeborene nnd seine Physiognomie. 

hob an mit dem Thiere. als solchem ; Y. 14; wo nur von 
dessen Verhältniss zu den übrigen Thieren und seinem eignen 
Thierleben die Rede war (S. 86. 91) ; sie schliesst V. 15 b mit 
dem diabolischen Insassen als solchem, welcher individuell 
mit dem individu^len »iti in einem persönlichen Duellum 
auf Tod und Leben ringen wird. Zwischen diesen beiden 
Phasen, dort der blossen Schlange, hier des blossen Dämon, 
vermittelt nun V. 15 a die Feindschaft, sowohl die zwischen der 
Schlange imd dem Weibe, als namentlich auch die zwischen 
ihrem Samen und dem Weibessamen. Hier spielt auf beiden 
Seiten beides ineinander, dort das Schlangenthier und seine Brut 
mit dem dämonischen Insassen und seiner Brut,* hier das 
Weib und ihre Nachkommenschaft mit dem Weibessamen 
xar i^oxv^ (S. 90), welcher letztere allein, sonach eben über- 
natürlich — göttlich erzeugt, dem siegreichen Kampfe mit 
dem Urfeinde der Menschheit wie Gottes Selbst- gewachsen 
ist. Dieses vermittelnde Ineinander klärt sich aber mit V. 15 b 
durch das bannerschwingende persönliche KiJi, gegenüber dem 
auch immer noch persönlich existirenden nn«, zu der über 
breite Massen klar hochaufragenden Höhe der göttlichen Sen- 
tenz wie ihres Verständnisses. Die im höchsten Grade „sau- 
bere" Darstellung ist zugleich ein graphisches Meisterstück: 
aus ^en mitberührten tieferen und allgemeinsten Regionen lässt 
sie mit fast kargen, aber dem Nachdenken über sie und zu- 
mal über ihre historische Erfüllung sattsam verständlichen 
raschen Strichen die ewig contrastirenden Individuen selbst 
hervortreten auf die Walstatt, da es wieder Leben und Tod, 
ewiges Leben oder ewigen Tod gilt, wie einst im Paradiese, 
wo die Schlange obsiegte und Siegerin geblieben wäre ohne 



* Hierzu vergl. oipan, yevpi^fiara ixi^vtov (auf der Flucht Tor 
Bericht und Zorn) Matth. 23, 33. 3, 7 und daneben 1 Job. 3, 8—10(12) 
tBHvn Tov diaßoXov. hinwiederum Joh. 8, 44 vaeJe ix tov narQos tov Sta- 
ßolov iaxi m, t. X„ der „ein Menschenmörder von Anfang** und Lügner. 
— Mit dieser Deutung des Schlangensamens nach der einen (geisti- 
gen) Seite von Schlangenkindern im Plural kommt der, von uns in 
genere nicht geistlich verstandene, Weibessame, sofern er zugleich in- 
dividuell erfasst ist, auch darum nicht in formelle Incongruenz, 
weil eben in dem Kampfe selbst der Letztere an die Stelle des Wei- 
bes getreten ist, während die (innere) Schlange selbst der fort und 
fort lebende Widerpart geblieben ist. 



Der Erstgeborene und seine Physiognomie. 93 

den hier geweissagten schlangenzerdrückenden ^^Heracles'^, *^ 
Gottes und der Jungfrau Sohn^ unsem ewigen Erlöser^ hoch- 
gelobet in Ewigkeif. — 

Welchen Eindruck jener aus Gottes strafendem Munde 
in die Zukunft fallende helle Lichtstrahl inmitten der jetzi- 
gen Nacht zunächst auf Adam machte^ ergiebt sich daraus, 
dass unmittelbar nach Vollendung der göttlichen Strafsen- 
tenzen, noch zwischen diesen und den weiteren göttlichen 
Vorkehrungen zur Ausweisung aus dem Paradiese, al^o an 
scheinbar ganz ungelegenem Orte, 3, 20 sogar consecutiv 
bemerkt wird: ,,und da nannte der Mensch den 
Namen seines Weibes n^n („Lebengeberin"), weil Sie 
geworden ist Mutter aller Lebendigen" ("^n b^ D« 
d. h. aller Menschen, Ps. 143, 2). ** 

* Auch von diesen inhaltschweren Urereignissen der Mensch- 
heit (vgl. ob. S.64. 85, unt. Art. III.) hallen, obschon verworrene, Nach- 
klänge aus der Heidenwelt herüber, zumal in dem nicht sowohl weis- 
sagenden als unsere Geschichte und Weissagung nach seiner Weise 
auslegenden Mythus von „Heracles*^ und den Hesperidengärten, 
worüber u. a. Sal. Deylino, Obss. ss. ed. 2. I, 5 p. 25 sq. („aurum ex 
isto fabularum sterquüinio eruena vd veritatis obacuratae scirMltdaa 
aliquaa in tantia tenebris saltim commotistrans^^J. Bekannt ist diese 
Sage von den Gärten der Hesperiden mit goldenen Aepfeln (wodurch 
der Name „Hesperiden*' fast an ^^D Y'^ erinnern kann), einem diese 
Früchte bewachenden Drachen (Laden) und der Intervention des Hera- 
cles (Call im ach. Hymn. in Cer. 10; Apollo n. Bhod. Argon. 4, 
1396). Minder bekannt, aber um so bedeutsamer ist eine schon von 
Ez. Spaniieim (zud.St. des Callim.) und eben auch bei Dkylino (1. 1. p. 1) 
abgebildete und beschriebene Pariser Münze des röm* Kaisers An- 
tonin. Pius mit folgender Darstellung: in der Mitte ein Apfelbaum, 
den Stamm von einer Schlange umwunden , die ihren Kopf dem mit 
Keule und Löwenhaut signalisirten Hercules entgegenhält, welcher 
dagegen den rechten Arm nach dem Baume ausstreckt, während auf 
der andern Seite des Baumes 3 hesperidiscl^e Jungfrauen z. Th. 
fortfliehen. Wir erkennen in diesen vereinten Momenten der Ge- 
staltung nicht den entstellten Sündenfail selbst (wo Hercules Adam 
seyn müsste), sondern dessen nächste Folge, nämlich eine ethnisirte 
Darstellung des Protevangelium von der die Vertreibung aus dem 
Paradiese herbeiführenden Schlange und ihrem grossen Gegner, dem 
holden- und sieghaften Weibessamen. (Ebendahin weist auch die 
Legende HPAKAHC CQTHR) 

** Vergl. B6hl a. 0. XV, obwohl am Schlüsse zu ausschliestlich 
geistlich : „Nicht eine triviale naturhistorische Erkenntniss soll dieser 



94 ^^ Erstgeborene und seine Physiognomie. 

Diese arme Menschenmutter Eva selbst aber hat jenes 
änigmatische Gotteswort von einer Erlösung aus dem Weibes- 
samen heraus (vgl. S.88) und darauf von ilfr er Schwangerschaft 
und Geburt gewiss nicht weniger in ihrem Herzen behalten und 
bewegt als die nachherige wirkliche Mutter des Schlangen- 
zertreters das Engelwort von ihrer heiligen Schwangerschaft 
und Geburt (Luc. 1, 31 ISov, avXXt^fi kv yaargl xal ri^tf 
vlov, xal xaUaeig t6 ovofia avrov 'hicovvj was sogar auch 
in deij Worten parallel ist mit Jes. 7, 14 nnb-^n nnrt rtttb^rt rtiti 
bNi3W TOö n« riK^pi ia). Eben dieses ist es aber auch^ was 
zu unserem Ausgangspuncte^ dem Eingange des 4. Cap., zu- 
rückfuhrt. 

Wir sagten oben (S. 83), der Anfang dieses Cap. bezeuge 
den unverrückten Plan unseres Buches, mit festem Blick 
und Zurückstellung alles Andern die Heilsgeschichte zu 
verfolgen, und das sey auch von exegetischer Wichtigkeit. 
Gen. 4, 1 geht eben ohne Weiteres zurück auf jenen Höhe- 
punct der Geschichte in der Urzeit, den Sündenfall und, zur 
Milderung und einstigen Tilgung seiner Folgen, das Prot- 
evangelium von dem schlangenzertretenden Weibessamen 
(3, 15), eben zu diesem Behuf aber zunächst auf die un- 
mittelbar und wie organisch angeschlossene Sentenz über das 
Weib vom Schwang er wer den undKindergebärenund 
nichtsdestoweniger fortwährenden Mannesgelüst (V. 16, 
was sich alles um die rexvoyovlcc 1 Tim. 2, 15 bewegt). * 
Genau so beginnt nämlich jetzt, also augenscheinlich dort 
anknüpfend, die erste nachparadiesische Erzählung 4, 1: 
„Und der Mensch (wieder mit dem 'Artikel, eben als der 
allumfassende Stammvater) erkannte Eva (mn, Lebendig- 
macherin, S.93)', sein Weib, und sie ward schwanger 
und gebar ^' — "ibm ^Sinn, eine Umständlichkeit, wie sie bei 



Ausruf mittheilen, nein vielmehr die Wahrheit kündet unser Erst- 
vater aus, dass infolge des Yorhandenseyns jenes Weibessamens Eva 
nicht mehr eine Todte, sondern eine Beleberin, ja eine Matter alles 
dessen, was durch das Evangelium zum Leben kommt^ geworden ist" 
* Ebenso verkettet sich hiermit dann auch wieder dasUrtheil 
über den Mann durch den Schluss ^1 bttSW'» ÄTTn ^DpItJn ^10"«« b«T 
(V.16) mit dem unmittelbaren Anschlüsse (V. 17) n5>»« "^S ^ÖN Dn«bl 
'W T[n«Ä bipb. (S. 84.) 



Der Ersl^geboraae and seine Physiognomie. 95 

Abel im f. Y. nichts und nur noch vonCains Fortpflanzung V. 17 
so wiederkehrt^ um 80 deutlicher aber entsprechend denselben 
Wörtern in dem Gottesurtheil über das Weib 3; 16 ']9*-in und 
*>nbn. Eben wegen dieser Besiehung ist die Teleologie und na- 
mentlich der nächste Zug der Erzählung nicht sowohl weit- 
historisch,* als eben vielmehr heilshistorisch: f^protnü- 
simü de aemine mulieris cmdi faerunt pratophsti^* (Calov, 
p. 503, wie schon Targ. s. u. b. Helvic. p. 57). 

Und so gebar Eva den überhaupt Erstgeborenen auf 
Erden — Cain (T^p) — und die Mutter, nachdem früher 
Gott und Adam Namen gegeben (S. 43. 49), motivirte diese 
Namengebung durch das verwandte Verbum ti3p (bez. "j^p, 
vgl irp 5, lOflF.) also: lö"^» '^rr^sp, „ich habe erworben 
(gleichs. als Preis für jene meine „Mühsale und Wehen'^) 
einen Mann,^^ — msr^ n« d. h. nicht a) mit, durch (Sui 
LXX, per Vulg.) oder von Jehovah, weil da, auch un- 
mittelbar vor- und nachher not. acc, nie als Präpos. (cum) 
mit rnrt"« verbunden erscheint, wie allerdings d'^?lb«n n« oder 
DA mtri (Jehovah mit, vgl. BöHL a. 0. XIV) vorkommt, und 
ebensowenig n« für n«tt stehen kann;** sondern, wie nun 
allein zulässig: b) „nämlich Jehovah, '^ in determiniren- 
der Epexegese des vorangehenden tt)*^M. Schon glaubt näm- 
lich Eva den ihr aus ihrer Geburt verheissenen mächtigen 
Schlangenzermalmer in dieser auf Erden noch unerhörten 
• Kindeserscheinung zur Welt gebracht zu haben : auch ist es 
ein männliches Kind, ein künftiger „Mann" (vgl, tt)''» 1 Sam. 
26, 15), wie denn auch von Gott in ^w^ Äin ausdrücklich 
bezeugt war y^masculufn aemen mtdierü hostem hunc proßiga- 
turum ease^^ (LüTH. Enarr. I, 244). Doch um der von ihr 
jetzt tiefer erkannten Schlange auch wirklich gewachsen zu 
seyn, um ihr den Kopf zu zertreten, das wusste sie wohl. 



* MuacüL. b. Marl 42: „iSt<? arditur Mose« hittoriam multipli- 
eationia gener ie humani,'* — also mit Bezug auf die Öcame- 
nische Schöpfungsgeschichte 1, 28 ; vergl. Rankb 1, 168 f. gegen Vatu, 
•welcher gar keinen Bezag auf das vorhergeh. Stück anerkennt 

** In dem Citat für diese angebl. Vertauschung b. Clebic, näml. 
Gen. 49, 25 [^n« riKl] wirkt das yo aus Glied a b«» auf b nach. — 
Seltsam der Herausgeber von Grot. annott, G« J. L. Yooil (coli. 5, 3) 

rnsT» n« id. ac taw« mwnal • 



96 ^^ Erstgeborene und seiae PhyBiognomie. 

wäre auch die grösste menschliche Kraft unzulänglich^ würde 
Gott selbst miterfordert; also Mann und Oott oder eine In- 
. camation Gottes selbst ^ den sie jetzt auch nicht mehr im 
Schlangentone von 3, 1—5 d''Sib« (S. 62), sondern eben im 
heilsgeschichtlichen Sinne mtr» nennt, wonach wir in der 
Verbindung msr» n« «)•»« kurz und bündig allerdings einen 
Gott-Menschen benannt sehen. 

Diese nächstliegende, durch den Zusammenhang einzig 
begünstigte und der nie faden, sondern immer tiefgehenden 
Erzählung allein würdige (heilsgeschichtliche) Erklärung wird 
durch das n« vor tnrr^, welches vor «5"^« nicht stand, nicht 
nur nicht gehindert, sondern vielmehr verstärkt und bestä- 
tigt, da 1) (negativ) ohne dieses n« das früherhin von Luther 
(Enarr. I, 307 sq.) getheilte Missverständniss als y^virum Do- 
mini'* (mtr» ttJ*^« wie sonst ü'^nb^rj «5*^^, oder als den von 
Jeh. verheissenen Mann) allzunahe läge, und 2) (positiv) die 
hebr. Sprache grade die Eigenheit hat, einen, zumal durch 
ein nomen propr., näher bestimmenden zweiten Accusativ 
eben durch dieses epexegetisch - determinirende n« anzu- 
schliessen (vergl. v. Ewald ALB. §. 277 d2; Nägelsbach 
Gr. §. 68).* So z. B. 6, 10 t3Tö nis^ D-^Sü ii^biö ni nbi-^i 
riD'^ riNi dn ntt; 26, 34 n-imiT^ n« m^jn np-'i (wie 1 Kön. 
16,31); Jer. 17, 13 mJr^ dk ta-^-^n ^ip?a irity u. a. ** 

Die so berechtigte Auffassung der Würdigung ihrer Erst- 
geburt von Seiten Evas finden wir daher schon bei Syr. 
u. Targ. (N5Nb?:b i^nnab), später u. a. b. Keüchlin, Lüth. 
(„ich habe den Mann, den Herrn," vgl. u.), Chyträüs in Gen. 



* Gegen den Einwand v. Hofm.'s (Schriftb. 1, 184), dass „also nicht 
sowohl der Geborene für Jehovah, als Jehovah für einen Menschen 
erklärt wäre;" wobei auch die Voraussetzung, TÖ'^Ä bedeute Mensch 
{dv^Qfonov LXX, honunem Vulg., auch E. Böhmsr 1 B. d. Thora 
S. 126): es ist aber ein Mann im Gegensatz der Sprecherin, die selbst 
Sl©« nur als Pendant von «''Ä (2, 23 f.) ^^heisst. Ausserdem ist die 
determinirende Epexegese (SllST^ nÄ) nicht reine Identification, son- 
dern nur eine Näherbestimmung: der „Mann" ist Mann, derselbe aber 
auch und wesentlich „Jehovah". (Vgl. 32, 25. 29.) 

** Ezech.4, 1. Jes. 7, 6. 17; mit n« auch schon der bestimmte erste 
Acc. im f. V. Gen. 4, 2; 17, 8. 22, 2. 48, 1. 1 Sam. 16, 18 u. a. S. 
überb. Hblvio. 1. 1. p. 58 sqq., Mabck. Hist parad. 846 sqq. 



Der Entgeborene oad seine Physiognomie« 97 

1657 p. 148, Fao. (Critt bb. VH, 640), Ad. Osund. 136 »q., 
Pelaäg. 99, Clabiüs (b. C. a Lap. I, 91), Calov. 507 eq., 
Gebh. 128 Bq. (vgl. u.)i M. Qeibr (b. ob.); Coccsj., Mabck. 
846 sqq., AA.; Phiuppi a.O., Bohl XIV; eine klar überzeu- 
gende Rechtfertigung dieser Erklärung aber bee. schon b. 
Chph. HfiLVicus: desükrium mairü Evae, Oen. 4, 1 (Critt 
SS. VI, 53— 64).* 

AllerdingB hat sich Eva in dieser sogar dem Namen 
ihres Erstgeborenen aufgeprägten Annahme, dass in ihm auch 
schon der verheissene Erlöser erschienen sey, furchtbar ge- 
täuscht Sie war voll Glaubens, aber selbst ohne den Geist 
der Weissagung, und liess ausser Acht, dass sie Kinder (Q'^3ä 
im Plural) gebären, der xar l^oxn^ verheissene Sohn aber 
auch ein (ihr allerdings noch unverständlicher) „Weibessame'' 
Tcar i^o^ipf sefn werde. Dennoch betrifft die Irrung nur den 
concreten Fall, nicht auch die göttlich verbürgte Wahrheit 
überhaupt; sowie ja bald auch schon wieder Lamech in seinem 
Sohne Noah (nd) den „erlösenden Tröster'^ erwartete (5, 29 

sogar mit wörtlicher Beziehung auf die Strafsentenzen C. 3 
bes. V. 17). jfQiiamdiu et gtuUemu Eva insütä verbo evan- 
gdüf quod Messiäa aü futuvua aemen mulierü et Jehova, tam- 
diu et eaienua non errat; eed quamprimum et gwUenua indul- 
get auü loyiCficlgt huno primogenitum auum fore Meaaiam^ 
eaienua aherrat.^^** Dieser concreto Irrthum war aber um so 
schauerlicher, als dieser Erstgeborene der Menschheit in allen 
Stücken das gerade Gegentheil und Widerspiel war des „Erst- 



* Vergl. Chph. Althofsu, Disp. 1640 (s.u.); J. Dkutbchhamm (de 
poBBessione viri Jehovae) 1654; Z. Uenssl 1676; J. H. Htnerub 
1723 al. 

*• GksHABD 184. So auch schon Luthbr, Enarr. 1,245. 309: Neacit 
ariUntlum temporiSy quo semen ülud benedictum ex Spirüu S.c<mcq>tum 
per virgmem in mundum wueendum aüj ncut etiam artunUum hunc 
temporü Patriarchae nescierutUf quanquam pramissio sttbinde clarior 
per revelaHoMm Spiritus S. facta sit. Sic hodie acimus noa futurum 
extremum Judicium j sed diem et haram nescimiM. Vergl. Althofer, 
Disp. 1. p. 3: Evam non errasse in ipso articulo fidei^ sed circa articu- 
Um et in guibusdam circumstantüSf quia nondum ei erat revelatum guod 
ex virgine nasciturus esset Messias ; atgue ita in Eva non tarn fuit error 
quam ignorantia, 

HOSLEMABV. Veae Bibelttttdien. 7 



98 Der Erstgeborene und eeine Physiognomie. 

geborenen vor alier Creatur" (Col. 1, 15), „der empfangen ist 
von dem heiligen Geiste, geboren von der Jungfrau Maria, 
gelitten unter Pontio Pilato, gekreuziget, gestorben,^' — „auf 
dass er die Sünden wegnähme und ist keine Sünde in ihm^' 
(1 Job. 3, 5) : wogegen jener Erstgeborene der menschlichen 
Creatur, erzeugt vom gefallenen Adam, geboren von der ür- 
sünderin* Eva, ein Brudermörder geworden ist, — schon zu- 
vor mit Tücke in der Miene (s. u.), und dagegen der Sohn 
Gottes und Heiland der Welt auch in den Tagen seines 
Fleisches voller Herrlichkeit, Gnade und Wahrheit (Job, 1, 14), 
dessen Antlitz im Gebet sich verklärte und „leuchtete wie 
die Sonne" (Luc. 9, 29. Matth. 17, 2). 

Dennoch ist und bleibt auf den in Eva, gleich dem 
Mannesberufe in Adam (S. 83. 86), zugleich generisch gezeich- 
neten und gesegneten Mutterberuf — auch nach der eigent- 
lichen und unmittelbaren ^eoroxog (Luc. 1, 42. 11, 27 f.) — 
kraft jenes Gottes wertes Heil (GcorrjQia) gelegt, wovon auch 
der Apostel, nach ausdrücklicher Erwähnung der successi- 
ven Erschaffung beider uraltem und dass nicht Adam, son- 
dern das Weib erstverfuhrt und in Uebertretung verfallen sey, 
(1 Tim. 2, 14 f ) weiter fortführend bemerkt : aw&iperai ök 
8iä T^g texvoyovlag, kav fieivcoaiv kv niöxu xal aydny xal 
äyt^aafi^ — offenbar eben dieses alles im Gegensatz des Ent- 
fallens im Paradiese aus „Glauben, Liebe und Heiligung",* so 
dass denn fort und fort das „Heil" für das Weib zugleich bedingt 
ist durch „Beharren" vor allem im „Glauben" -=- an den erschie- 
nenen rechten Weibessamen, sowie auch Eva selbst noch in 
ihrem graunhaften Irrthum über die Person des ihr aus 



* Dass jenes jueivcjaw , im Plural die gefallene Eine Urmutter 
in die Eva-Töchter alle und zwar eben wieder als individuelle Mütter 
auflösend (S. 84), nicht ein in rexvoyovla verborgenes rixva zum Subject 
Labe, ergeben folgende Momente: 1) die Härte dieses Supplementes; 
2) der Zusatz fierä aa)<p(}oavvi]g, eine allerf überschwebende spec. weib- 
liche Tugend; 3) das Unzureichende der blossen rexvoyovla zur 
oMvrj^ia des Weibes ; 4) die Undenkbarkeit einer Solidarität der Müt- 
ter für die Beständigkeit aller ihrer Kinder, sowie eben auch 5) über- 
haupt die offenliegende Analogie mit jenen Vorgängen der Urzeit, 
wohin u. a. auch der, allerdings zugleich das Fortgehende dieses üm- 
standes markirende, Artikel Ttjs Texvoyovtas weist. 



0er Entgeborene und seine PhTBiognomie. 99 

ihren Nachkommen erst noch verheiBsenen Siegers über Tod 
und Teufel dennoch ihren lebendigen Qlauben an denselben 
bekannte. 

Eva ;^ gebar wie der'' (V. 2), — doch jetzt einen basn 
(Hauch, Nichts), was zwar nicht authentisch erklärt wird, 
darum aber nur um so gewisser in Correlation (vgl. i^^nfit n») 
d. h. in negirendem Gegensatze zu dem vorausgegangenen 
vielverheissenden und selbstgewissen l'^p (Erwerb, Gewinn) 
und zu dem msr^' — «*»», dem starken, ja vermeintlich gott- 
menschlichen Erstgeborenen, steht und dann entweder eben- 
falls persönlich von einem zarten und schwächlichen, sicher- 
lich minder fleischlichen Kinde, oder auch sachlich von der 
Vernichtung jener aniUnglichen Hoffnung (Kuktz), nicht aber 
erst ex eventu von dem kurzen Leben dieses Zweitgeborenen 
(Gbamberg, Gen. p. 18, Knob.) oder ganz abstract und all- 
gemein zu verstehen ist, weil Eva inzwischen erfahren, „dass 
in der Welt Alles nichtig und eiteF (RiOH. 340). Aus jenem 
physiologischen Grunde ward Abel auch ein Schafhirt, Cain 
dagegen ein Ackersmann (n»lK 1^ S. 21, somit in Fort- 
setzung des von Gott dem Vater angewiesenen ausserpara- 
diesischen Lebensberufes 3, 17 ff., S. 83). 

Jetzt, V. 3, naht, eben auch im Verfolg der Heilsgeschichte, 
ein Ereigniss, welches zeigt, wie fürchterlich weit in rapide- 
ster Bewegung durch schauerliche Fortent\f icklung der Sünde 
(vom Uebertreten der ersten Gesetztafel, des 1. Gebots, zu 
dem auch der zweiten, des 5. Gebots) die neuerschaffene 
Welt abgekommen war von jenem ursprünglich -göttlichen: 
„siehe Alles war sehr gut" (1,31), und wie in dessen Folge 
Gottes Fluch nicht mehr nur über den satanischen Verfuhrer 
und, um des gefallenen Menschen willen, über den von ihm zu 
bauenden Erdboden (3, 14. 17), sondern nun auch über einen 
Menschen, und zwar eben jenen ersten Pseudo - Messias 
selbst kam. Denn dieser, weit entfernt, nach der Hoflhung 
des Weibes der schlangenzermalmende Weibessame zu seyn, 
war vielmehr Schlangensame (S. 92) und übte die „gottgesetzte 
Feindschaft zwischen dem Schlangen- und dem Weibes- 
samen'^ sofort an dem allerersten Typus des Weibessamens 
(Abel, 8. u.) bis zum Todtschlage aus: Kai^v kx tov novri- 
fov 1]v xal &f(pa^6 tov aSiXipov avxovy lJoh.3,12. Und so ist 

7* 



100 Der Entgeborene und seine PhyBiognomie. 

auch der ihn dafiir treffende Fluch Gottea (V. 11) doch eigent- 
lich nur eine Erbschaft jenes Fluches über die Schlange 
(3; 14) d. i. den Teufel (S. 85), der ja eben ,, ein Mischen- 
mörder war von Anfang" (Joh. 8, 44). 

Es bringen nämlich später einmal beide Brüder Opfer, 
wohl nach empfangener Ernte, also Dankopfer ; diese aber 
dann gewiss auch theils mit dem Gefühl des in Sündhaftigkeit 
Unverdienten, theils ihrer ferneren Hülfsbedürfdgkeit (vgl. 
EURTZ; Gesch. d. A. B. I, 71); sie bringen dieselben dem 
Gott der Gnade und des Heils, „Jehovah," dessen Name hier 
ebendarum herrscht, bis V. 25 der schöpferische D'»Jib» eine 
Neugeburt schuf (vgl. S. 63. 88). Jeder opfert von seinen 
Erträgnissen, Cain jedoch überhaupt nur „von de r'F r u c h t 
des Erdbodens,"* Abel dagegen „von den Erstlingen 
seiner Heerde und (zwar, eig. noch dazu, Del.200, Br. 
a. d. Hebr. 532 „obendrein," steigernd- specificirendes *i, wie 
Ps. 18, 1 bi«tt5 1^12-] v^^iK bD tpiz, S. 84) vonihrenFettth ei- 
len",** mithin von dem Allerbesten das Beste, wogegen 
Cain eben nur das „Erste Beste" (Del. Gen. 200). 

„Und da schaute Jehovah hin nach Abel und 
nach seinem Opfer, — (V-5) und nach Cain und 
nach seinem Opfer nicht schaute er." Dem opfern- 
den Abel zuerst und dann auch seinem Opfer wandte sich 
ein heller Blick vom Himmel her zu, wohl aber nicht na- 



* In dieser mit dem Fluche belegten Erzeugungsstätte (3, 17) 
lag offenbar das Gottmissfällige nicht (s. b. i t. Mart. p. 19 a, wo 
auch die rabb. Legende, Caius Opfer habe in Leinsamen, also etwas 
Ungeniessbarem, bestanden). Ebenso unbegründet ist auch der an- 
dere Vorwurf Philo 8 (sacrific. Abel, et Caini), ausser dem «tto rtSv 
9ca(f7tc5v akX ovx and tcSv TfQWTotv tta^Tttav fSQsi tf/r ana^x4^ (s* U.)? 
weil C. das Opfer ^e»' ifni^ag (D'^»'^ yp», V. 3) akk' aw« ev»vs dar- 
gebracht habe, was doch auf Heider Opfer, auch das gottwohlgefallige 
Abels geht, mithin indifferent war, übr. von Ph. missverstanden ist. 

** Nicht „die fettesten Erstlingsthiere ** (Keil 71, nach Mol- 
DBNH. , Iloen Urk. 24, — gegen das Suff. 1^) ; noch weniger „2aiaam 
et lae pingutasimum'^ (Gbot. vergl. Joseph aa. 1, 3 yaZ« %nl ra 
ytpanoTOita reSp ßooKriftAttav)^ was übn, nicht tlbll, wäre und wogeg. 
schon Dbtlino, de sacrif. Habel. atq. Caini, Obss. ss. ed. 2. U, 54-— 72 
p. 69 sq. 



Der Entgeborene und seine Physiognomie. 101 

toralistisch ein entzündender StraU|*^ wogegen Bchon dies 
wäre, dass Bolches Hinschauen zuerst Abel selbst tri£ft| — 
dem Cain und seinem Opfer dagegen gar kein Blick (der 
Sache nach allerdings ein „arer*art ", Cler.). Die Person, das 
Herz und die Gesinnung war das Entscheidende und darum 
das Erste, ♦* bei Abel positiv bezeugt in Darbringung des 
Besten was er hatte, imd dahin auch ausdrücklich näher ge- 
deutet im N. T. Hebr. 11,4: niat%v nlelova &valav ^'jißdL 
noQaKäiv n^ogrjfVByxB t^&b^, Si f/g kfutQTVQYi&ti tlvm SUatog^ 
futQTvgovvTog im roJg Saigoig avrov tov &B0Vf vergl. Matth. 
23,35. 1 Joh. 3, 12 : weshalb auch das Blut des forthin als virgo, 
sacerdos et martyr (s. b. C. a Lap. I, 92) typisch gefeier- 
ten Abel ein schwächeres Abbild, aber, als doch um Rache 
schreiend (V. 10, vgl. ob. Matth. 23, 35), auch zugleich ein Ge- 
genbild ist von dem unseres ewigen Hohenpriesters, Versöhners 
und Heilandes Jesu Christi ( — atfiari Qovtuf/iov XQBiTtov 
laiMJVTi naqa xov "JßiXy Hebr. 12, 24). 

Bei dem dort gegebenen, hier fehlenden Zeichen Gottes 
über die beiderseitigen Opfer — Vit ibc'^i n«» ypb ^n*»!, „da 
ward dem Cain sehr heiss und fiel sein Ange- 
sicht'' (V. 5), — ersteres, dasErglühen oder Entbrennen (nnn), 
wie immer Symptom des Zornes, letzteres, das Fallen des 
Angesichts (q->2d bD3), nicht Symptom der Beschämung (Grot., 
Cler. vgl. Neh. 6, 16., wo -ö"»3ß fehlt), auch nicht der Entmu- 
thigung und Trauer (Vatabl. b. Marl. 45, vgl. Pelarq. 103, 
denn es ist kein Sinken des Hauptes [Knob., Del., AA., S. 107], 
oder Niederschlagen des Gesichts [Moldenh.], od. Blicks, Steu- 
DfiL,Theol.d.A.T.91iRiGH. 342), noch auch das Symptom eines 
bösen Gewissens (Deylino, denn es handelt sich um Künftiges), 



* So, nach Theodot iienvQtoBv (vgl. Ilgkn a. 0. 24), KW. 

(HlBROM., PbOCOP., CyBILL., ChBTS., ThBOFHTL., ObC, CirPBIAll. b. C. 

a Lap. I, 92), Babb. n. Büxtcbf (b. Osiand. 141. 144) u. AA., vergl. 
V. Hone., Baumo., Dbl., £. Böbmbr (128 „e. feuriger Blick'^). 

** AnnotaHone dignissimum - bemerkt Ft. Mabt. 1. 1. (19 a) — prius 
personam respicij deinde opera [ra fyya 1 Joh. 3, 12] : non enim guis- 
piam propter opera Deo placetj sed ülius opera sunt Deo grata, quta is 
pnus divina benevolerUia et electione est donaius, Dageg. überschreitet 
den Text Gypbian. (b. Pelarg. 103>: Deus non munera sed corda eorum 
intu^tury tU iUe placeret in munere, gui placebat in eorde. 



102 ^^ Erstgeborene and seine Phytio^omie. 

wie denn auch dieses alles schon nicht recht zu der „Hitze** den 
Zornes passt. Vielmehr ist das tn^t ht^, eig. ^^Verfallen der Züge'' 
(moralisch); stets Verfinsterung derMiene^ wie, ausser 
dem folg. Gegensatze riNiD und Jer. 3, 12 üsa "»DB b-'öK «b, be- 
sonders deutlich darthut Hieb 29, 24 'jib'^D'» «b •'5D *mK „das 
Licht meines Angesichts machen sie nicht sinken/' also 
finster; indem hier der Zusatz iiK (Licht) die Bedeutung des 
generellen D'*^^ (bc^) ebenso aufhellt als das parallele „an- 
lachen" in Glied a. * So muss der Gegensatz (ohne «b) ein 
düstres und finstres d. i. unfreundliches; mürrisches und 
tückisches Gesicht zeichnen; wie es an dei: zusammengezo- 
genen Stirn und den gesunkenen Brauen vorzugsweise sicht- 
bar ist.** Treffend erscheint das b. LuTH. (Enarr. I; 332) 
als Contrast von iCor. 13;5 17 ayaTiri — ovx ccaxVM'OveTy 
„non contraJiü frontem, non torve insptcä, non mmaiwr <yre, sed 
est liberali facie^ benignü oculüj blanda cet}* Also „Cain ward 
sehr zornig und sah finster drein." Beides verhält sich zu 
einander nicht bloss Mrie Inneres und AeussereS; da ja auch 
das ;;Entbrennen" in das Aeussere herüberspielt; vielmehr 
überbietet das zweite noch das erstere und reicht in die Zu- 
kunft hinüber („ein tief am Herzen nagender, verbissener 
Groll und Bosheit," Tiele Gen. 123). 

Auf die Frage Gottes V. 6 (nicht AdamS; Lüth.) nach 
dem Warum (ti^ab) seines „Zornes," musste Cain sich 
sagen; dass Abel keine Schuld daran trug, und bei dem 
zweiten Warum (rrttbi) seiner „finstern »Miene" sich 
sagen, dass er mit ebenso finstern Gedanken umgehe. 
Daher wird ihm eben dieS; was schreckliche Folgen haben 
konnte, mit dem an sein eignes Bewusstseynappellirenden Wor- 
ten vorgehalten V. 7 'iäi n-iü-^n Nb Dä*i n«ia rj-^ü-^n D« Nibn. *** 



* Vergl. auch 0*^30 emphatisch (wie unser „ein Gesicht ma- 
chen") ebend. 9, 27 na-^bSKT "'SSD n^lTU^K („ich will lassen mein Ge- 
sicht und heiter sehen"), 1 Sam. 1, 18 Hanna ass m^ nb m «b rr^^Dt 

** Daher an uns. St .(s. ob.) Knob. „Geberde finstern Unmuths," Dkl. 
„geheimen Brütens, grämlichen Trübsinns ; " vgl. auch schon Pt. Mart. 
^yuon ampliua libera fronte et laeto incedere adapectu}^ 

*** 'W dN Nnb?1 „ist's nicht so, wenn —", dessen Sinnesab- 
biegung in ecce^ cufe und o st (als Wunschpartikel), wogegen auch schon 



Der Erstgeborene and seine Physiognomie. 103 

Object BU diesem zweimaligen a^ü'^n ist wohl sonst 1) :sb 
(Rieht 19/22 vgl. Kai V. 6; Pred. 11,9; Kai 7, 3. Ruth 3, 7) 
im Sinne von wohlgemuth werden (v. Bohl.): doch 
würde dann nur Glied a einen passenden Sinn ergeben, 
nickt aber auch b, da mit dem Gegentheil des ^;WohIgemu- 
then" noch nicht ,)die Sünde an der Thür liegt;" überdem 
fehlt dem ^t2^ bei jenem Sinne das ausdrückliche ab nie- 
mals. Wollte man nun etwa 2) das vorherige d*^2D als Object 
des ä'^c^'^ti und dieses ,;gut machen" als das Angesicht ;;hei- 
ter machen ^^ nehmen im Gegensatze von ü'^tp'i ü'^^t 40, 7 
(V. 6 ö'»ßyT), vgl. Pred. 7, 3. Neh. 2, 2 : so würde man in Gl. a 
entweder idem per {dem gesagt finden, oder dem rm^ eine 
unzulässige Bedeutung (s. u.) geben müssen. Eine fernere, 
häufige Objectsstellung zu a-'ü-'n ist 3) ^ *n n (auf gutem Wege 
seyn, gut wandeln) z. B. Jer. 2, 33 und ausserdem auch 
noch D-^bbyTa (gute Werke thun, gut handeln) 7, 3. 5. 18, 11. 
26, 13; doch fehlt das eben. * Dagegen findet sich ü-'ta'^Ji auch 
wirklich ganz so wie hier, nämlich ohne Objectsangabe, 
mithin absolut (Jes.l, 17. Jer. 4, 22. 13,23 gegenüber y^rt), 
wo es nun zu übersetzen ist: gut machen, „gut thun", wel- 
ches aber auch bei uns tiefsinnig in einen Zustand d. h. aus 
Thun in Seyn zurückgreift, so dass n'^to'^Si in That ausgehen- 
des gutmeinen und wohlwollen bedeutet, vergl. Mich. 
2, 7 ^bin liO-^n d5> i^'^ü-''^ '»^ai «ibti. Und eben dieses passt 
zu dem Gegensatze in Gl. b ausschliesslich; dass näml. im 
Gegenfalle die (That-) „Sünde an der Thür liege." Daher 
vortreflflich Luther (üebersetz.) S'^ü'^n als fromm seyn.** 



das correlate folg. Kb dNI, mit Recht verworfen worden von F. F. 
Fleck inWiners Excget. Stud. 1, (175 flF.) 176 f. — lieber den ganzen 
Satz 8. monographisch Deylino, Obss. es. III, 2. p. 11—24 mit dem 
Vorwort: Haec verha crucem figunt interpretibtts , quod vel ex interpre- 
tationum varietate maximaque eorum disaensione vnJtelUgi potest. 

* Das im folg. Verb. DNlö, welches dann mit zum Vordersatze 
gehören würde, gesuchte Object zu Ü'^ÜTI; welch letzteres so zu einem 
liülfsverb. (o^d'iu^) herabgedrückt würde, ist nachher bei rifi^lZ) selbst 
(S. 106) als sinnstörend näher zu erwähnen. 

** Ders. Enarr. I, 337 : „W berie ageres vel Hbon uaeeaes , h. e. «» 
orederea^^ (dies letztere gewiss im Zusammenhange mit der angef. St. 
Hebr. 11,4 nioxa^ nXeiova d'voiav "Aßsk na^ä Kaiv n^oiijvayHa t^ 



J04 Der Erstgeborene und seine Physiognomie. 

AuBBerdem würde viell. auch schon das beidmalige Futur, als 
solches; neben dem hypoth. dm selbst^ zu übersetzen gestatten: 
;,wenn du. vorhast (im Begriff stehst) Gutes zu thun — oder 
nicht zu thun/' womit wir denn eben auch vor der That^ 
aber noch innerhalb der Gesinnung stünden. 

Das positive erste Glied hiervon (ä'^ü'^n qm) hat zum 
Prädicat nM)D, eig. Inf. nominasc. oder Subst. verbale von 
KV3: ;,das oder da ist Erhebung/' Absolut genommen 
wird darin gefunden 1) persönlich: Ansehen (Ps. 62, d), 
näml. wie das Abels (Calv. b. Marl 45), oder (wohl nach 
49, 3) das des Erstgeborenen (Pag. 641 ; Cler. frairi cum 
primogenäi jure pradatum tri), wogegen schon Deyl. p- 13; — 
2) sachlich: Ertrag, Erstattung, näml. der dargebrach- 
ten Opfergaben, wie alte V e r s s. ( V u 1 g. recipies) b. O s i a n d 
(142), u. Rabb. b. Luth. (Enarr. I, 336): doch fehlen die 
Belege für &<«)d als im guten Sinne davontragen; — 3) pas- 
siv: recipt in gratiam Gebh. (136; — surgere s. u. Schum.), 
was gleich problematisch. — Andererseits sucht man 4) eine 
nähere Determinirung dieses nfetis theils im Sprach- 
gebrauch, theils^ im Context. 

Und zwar zunächst aus der sonstigen Verbindung von 
»^^ mit 11^, 9iSD (Exod.34,7), als Schuld heben, und dann auch 
ohne dieses ausdrückl. Object (Gen. 18, 24. 26), gewinnen für 
n«tO dieBed.: Vergebung Targ. (s. u. b. Deyl.), Ejmghi 
u. a. Babb. b. Marl. 45; Hiebok. u. A. b. Osiand. u. 
Schum.; Luther (Enarr. I, 337 sq. „sola fides justificat^^) 



d'e^, wie auch Gerh., Calov., Deyl., Ad. Osiand. 142, vgl. Job. 6, 29 
Tovro ioTi xb iqyov tav d'eov Xva TuaTevoTjre — 1 Thesfl. 1, 3 xo ^^yov 
T^s. niaretüs) ; ebenso J. P. Lakgb, Gen. 107 : „wenn du gutthust, taugst, 
fromm bist," ; annähernd auch Steudel, Theol. d. A. T. 91 (j,Taät Gutem 
umgehen"), Del. (sich wohlverhalten — „von der Richtung des Innern 
auf das Gute"), Elmob. („Gutes denken u. betreiben, also [V] ein gutes Be- 
wusstsejn baBen"), Keil (73 ,,Gesinnung"j, Ed. Böhm. (129 „•— das Nicht- 
rechtverhalten ist die Empfänglichkeit für die Sünde"); gradezu als 
„ i n tr. bonae indoUa esse, lene sentM*' Schümann. Danach aber wird diese 
Erkl. von dem Vorwurfe Flecks (a. 0. S. 176) nicht getroffen : „wer nicht 
recht handelt, der sündigt ja bereits — demnach würde der Sinn sejn : 
wenn du sündigst, so bist da ein Sünder l Könne es eine ärgere Tau- 
tologie im 2. Hemistich geben?" ä**l3'^n ist eben noch nicht That, 
wohl aber Anlage, Ansatz und Weg dahin. 



Der Erstgeborene und seine Physiognomie. ]05 

s. Yorfa.). Allein nicht nur dass sich grade das hier folgende 
rtttan memals mit taw in diesem Sinne verbunden findet; or 
passte auch gar nicht für uns. St.; da von einer Sünde Cains 
noch nichts gesagt ist, vielmehr bei dem „Frommseyn^' (a^ü^n) 
von „Vergebung" überh. nicht wohl die Rede seyn könnte, und 
auch der Qegensatz nicht lauten würde : ,;die Sünde lagert an 
der Thür," sondern : sie wird nicht vergeben (wie T a r g. b|D e y I. 
1. L n cid diem judicii peccatum tuum aervatum est\ während in 
jenem ;;Lagem" grade auch wieder ein Sühnemittel; nämlich das 
Lagern eines Sündopfers (n«ön) erkennen Lightfoot u, 
Lecene (b. Deyl. 12), und zwar so: ainon bene fecerü^ sacri- 
ficium pro peccato (expiatorium) cvhai ad ostium ( — tabema- 
cuUy Lev. 1; 3. 4, 4) K e, poteat eaae remüaioy was ja aber^ von 
dem exegetisch Gekünstelten und dem unliturgischen ^^Lagern" 
iy^'^) des darzubringenden Opfertlüeres noch abgesehen, 
den Nerv der ganzen Zuspräche und des Zusammenhanges 
lähmte. Ebenso unzulässig als das so gewonnene unzeitige 
Versöhnungsmittel ist auch die in nMon gesuchte Strafe: 
C. A Lap. (s. u. S. 109), CliER. (poena tmminet peccaä'), vgl. 
Vatabl. b. Marl. 46;" wogegen die zweite Vershälfte, s. u. 

Die Deutung des nfitiD aus dem Cent ext selbst erfährt 
ebenfklls starke Variationen, je nach verschiedener Maass- 
gabe desselben. Man lässt sie nämlich bestimmen a) durch das 
folgende y^'^ (Gl. b), wonach es „Erhebung" aus einer 
Lagerung und zwar Cains wäre, des Sinnes y^aurgea a peccctti 
f artlma*^ (ßCBJJM,)] wo nicht, so liegst du an der Thür der Sünde 
(als ihr Sclav: ScHUM.77sq., J.LElFELDb. Deyl. 14; s. auch 
Schott f,ante forespeccati cubas^^ u. Maurer). Wie sich indess 
gegen diese Auffassung nicht nur das Heraufholen der maass- 
gebenden Metapher aus dem erst i^achfolgenden Gliede, son- 
dern namentlich auch von sprachlicher Seite th. der Artikel 
in nnsb (sonach kein stat. constr.), th. das Partie. )^ah, wel- 
ches so ein rtn« miterforderte oder (wie, nach Scheid., 
Schuh, p. 78) in den Inf. ybn, immerhin freilich mit auf- 
fälliger Wortstellung, verwandelt werden soll, absolut sträu- 
ben: so lässt sich die Näherbestimmung des nfitt9 nach allen 
Seiten hin viel besser auffinden eben b) in dem Vorher- 
gehenden, zumal in dem ersten Gliede a selbst, wozu 
an sich sogar eine dreifache Möglichkeit ist. Dann näm* 



106 Der Entgeborene und seine Physiognomie. 

lieh könnte r\tm entweder a) die göttliche Annahme der 
Opfergabe, der freilich ausserhalb der göttlichen Bede nur 
in der Erzählung selbst erwähnten nnan seyn (Theodot. 
SexTov, 8. Calv. b. Marl. u. AA. b. Schum., vergL unt 
LUTH. ;,angenehm'')y wozu aber das Liegen der Sünde an 
der Thür, wie schon vorhin; keinen entsprechenden Gegen- 
satz l]|j^det; oder es könnte dkv) auch ß) die durch ä'^cs'^n 
(als Hülfsverb. S. 103) characterisirte, also rechte mensch- 
liche Darbringung des Opfers bezeichnen, wie nach LXX* 
LiGHTFOOT und bes. J. Margk (s. b. Deyl. 1. 1. p. 14), 
L. DE DiEü, Ilgen Urk. 24, Zünz, Arnheim, Ad. Kamp- 
HAüSEN (TheoL Stud. u. Cr. 1861 I, 119), v. Bunsen. Gegen 
diese so erneuerte Auffassung hat sich mit Recht v. Ewald 
Jahrb. XI, 198 erklärt, obwohl die auch schon bei Rosen- 
müller vorkommende Behauptung, »XOi bedeute nicht dar- 
bringen, durch Ezech. 20, 31 (DD-^nsnö n«tt5a)' und näher 
eben durch nn573 ätöS selbst Ps. 96, 8 (1 Chr. 16, 29) gebro- 
chen wird. Was aber wäre in diesem Falle der Sinn der 
göttlichen Zuspräche? „Du magst richtig oder unrichtig 
opfern, die Sünde liegt auf der Lauer I '^ Hiergegen erheben 
sich folgende Momente : 1) die Rede würde formal ihre sym- 
metrische Parallel - Gliederung verlieren, und real das zuvor 
als so bedeutsam dargestellte Opfer Cains wie Abels (da 
kein Gegensatz der opfernden Personen ausgesprochen wird) 
indifferent machen, während doch Jehovah Selbst vielmehr 
„hinsah nach Abel und nach seinem Opfer, nach Cain aber 
und nach seinem Opfer nicht hinsah," vergl. auch ob. Hebr. 
11, 4 Sl TiQ (uißeX) kfictQTVQTq&ri elvav dlxaiog fiagtVQOVVTog 
iTii TOiq SdQOig avrov rov &€ov. Auch gehen die in Rede 
stehenden Worte gar nicht zurück auf das schon in jenem 
göttlichen Nichthinsehen gerichtete Opfer Cains> sondern auf 
die Folgen davon, auf die jetzt unmittelbar vorausgegange- 



* Ovx^ iav 6q9'{Ss n^ogeve'yxrje , o^^tos 3i fiti SiiXrjs. fi/ML^rg; 
^ovxaoov ; ebenso Chrys. (b. Fag. 1. 1.641 sq.) u. AüousTiN.(b. Luth.): 
81 recte offeras et non recte dividas^ peccasti: quiesce; vgl. auch unt. 
Cleric. Hierüber urtheilt schon Pt. Mart. : Lapsum videre est wm dif- 
ficile recte intuenti: DATO ceperunt pro offerre^ tiriD pro dividere [rifJö], 
et riMtsn (peccatumj fecerunt secundam personam verhi; y2*^ ParUdp. 
per Imperativum sunt interpretati. 



Der Erstgeborene und teine Physiognomie. 107 

neu Fragen V. 6: ^^warum bist du entbrannt? und warum 
ist gefallen dein Angesicht ?^^ Dazu würde 2) Oain so nicht auf 
den besseren Weg gewiesen^ vielmehr gleich von vornherein — 
mag er thun was er will — wie in Verzweiflung gestürzt. 
Endlich ist dagegen 3) auch die authentische Erklärung der 
h. Schrift^ wie eine solche ^ selbst mit Anklängen an unser 
ä'^ö'^rt und a-»t3''n «b (vergl. u. Sir. 27, 10) , zumal in 1 Joh. 
3, 12 hervortritt: oiß xa&wg Kaiv kx xov novtjQov tjv xal 
ia(fcc^e Tov aSel(p6v avtov' xal x^Q^v rlvog Hoipa^ev avtov] oti 
xä'igya avTov novtiQäiqVj xadi rov aSekffov avtov Slxaia, 
So bleibt denn^ und zwar eben im Zusammenhange mit 
dem Vorigen; nur noch Eine Beziehung dieses schwierigen 
n«tt5 übrig, nämlich die ;') auf 0*^30 in dem unmittelbar vor- 
ausgegangenen yit nbB3 rtwbi. Nicht aber so, dass hier die 
sonstige Redeweise D'^2D n^s (19, 21. 32, 21)^ für ngoarnnw 
htfißdvuv^ jemandes Person ansehen oder auf jem. Rück- 
sicht nehmen (vgl. ob. a: Luth. „so bist du angenehm'^ in 
Betracht käme, da t]*^3E) eben in unserem Zusammenhange 
(']''5B ibB3) nicht Person, sondern Physiognomie bedeutet. 
Eben der entscheidende Zusammenhang verweist uns viel- 
mehr auf Gegenseitigkeit der Verba bfiS und n«3 (fallen und 
erheben). Bezeichnete nun ö-^ae bca Verfallen und Verfinste- 
rung der Züge (8. 102), so ist der gerade Gegensatz davon in 
ö'^DD M)D3 (nahe- aber nicht gleichkommend dem «SK'n KU)3 
Rieht. 8, 28. Ps. 83, 3. Hiob 10, 15 * 8. 101) ohne Zweifel s. v. a. 
offen und heiter aufblicken. Diesen hier also kraft 
des Zusammenhangs gegebenen 8inn hat derselbe Ausdruck 
aber auch sonst, an sich und daher auch ohne diesen evi- 
denten Gegensatz, namentlich Hiob 22, 26 „du wirst über 
den Allmächtigen dich ergötzen (aiynn) und (parall.) er- 
heben zu Gott dein Angesicht (^"^ss SnbN b« Ntt5n, worauf 
V. 27 Gebet zu Ihm und Erhörung), ebenso wie 11, 15 nach 
dem Vordersatze V. 13: „wenn du aufrichten wirst dein 
Herz und ausbreiten zu Ihm deine Hände — , ja dnnn M^n 
017373 *y:tif wirst du erheben dein Antlitz fleckenlos," d. i. hell 
und strahlend. Vgl. auch ob. 8.102 ebend. 29, 24 ^2E) m« 



* Vergl. unser „aufrichtig", lat. „cr«?«i«" (z. B. Cic. de or. 
I, 40 — „erec^MTO et cdmm, alacri et promto ore ac vuUu^^ — ). 



108 '^^^ Erstgeborene und seine Physiognomie. 

"jib^^B-^ Kb, nach dtr^b« pntDN. Auf demselben Sprachgebrauche 
ruht wohl sickerlich auch der 3. aaronitische Segenstheil 
Num. 6, 26 *^'^b^ v^ü mtr^ NtO"^ d. h. nun (zugleich parallel dem 
betr. Gliede des 2. Theiles, ^nb« r^s jii?T^ ^N'^) Jehovah blicke 
hell und heiter nach dir hin. dir zu! Eben diese Auflas- 
sung theilen für unsere St. u. a. wesentlich Aben-Esra 
(b. F a g. 1. 1. 640 sq., vgl. Ad. O si a n d. 142. 145), Calov(518 sq.), 
Grot. (als bonae consientiae Signum, s. ob. S. 101), Detling (1. 1. 
13. 15 sq.), MoLDENH. (d. Angesicht getrost in die Höhe richten), 
Dathe, fiosENM., Schott {wltum attoäis), Fleck (a. 0. 175), 
TiELE, Tuch, Steudel (a. O. 91), Baümg., Del. (frei u. offen, 
heiter u. getrost d. Antlitz erheben), Keil, J. P. Lange, Ed. 
Böhmer ; * auch hat dieselbe schöne Parallelen theils an Sir. 
13, 25 f. — ix'^og xagdlag kv aya&oig nQOöfanov Hccqov, 
theils an Xenoph. Mem. 3, 10 knl fikv yaQ roig aya&olg 
q}ai8QOi9 knl Si roTg xaxoig oxv&qmtioi yiyvovTtu, was 
hinwiederum mit uns. St. auch sachlich anklingt an Matth. 
6, 16 orav vtjCTevfjre, fir^ yivea&e wansQ oi vnoxQvral axv- 
&Q(jDnov^ aq)avi^ovai yaQ ra TiQOGwna avxüv x. r. l. 

Demnach ist der Sinn von Gen. 4, 7 überhaupt dieser : 
„Ist's nicht so, wenn du Gutes vorhast, ist hel- 
ler Aufblick, und wenn du nichts Gutes vorhast, 
— lagert Sünde an der Thür." Allerdings würde der 
strictere Gegensatz hier seyn : „da ist finstre Miene." Doch 
wie diese ja schon real in Cains Gesicht eingegraben war, 
so wird statt dessen, dieses Signal oder „im Schilde fuhren" 
noch übergreifend, sogleich der eigentliche In- und Hin- 
terhalt dieser heimtückischen Züge genannt — das Brüten 
über einer Sünde.** Diese, die Thatsünde, die Ausgeburt 
des ü'^ü^-n «b, „ist gelagert" — y^l. Da das Partie, im 



* Das ungünstige Urtheil Luthers über diese Auslegung (Enarr. 
I, 342) : ,yhujti8 generü inepiiaa eUam nostri recenUores interpretes pas- 
dm annotant, qvtbtis tarnen gratia debetur pro fideU labore , quod gram- 
matice textum reddunt , etui theologia optis est , quae sola res recte ju- 
dicat et docet,^^ enthält wohl eine wahre Bemerkung, doch eben hier 
nicht am rechten Orte. 

** Vergl. Pt. Mart. : „Äcw quam difficüe est crimen non prodere 
vtdtu / " — qimsi ostium [?] sit vuUus et fades ipsa, in qua peccabum^ quod 
in animo versatur, relucet. 



Der Erstgeborene und seine Physiognomie. 109 

Masc. steht (wie auch im folg. inpitdn und ^ti), so ist das 
Hingelagerte als ein sta*rke8 und energisclus (männliches) 
reissendes Thier vorgestellt, speciell entweder als ein H u n d (C. 
A Lap. yypoena peccati [ob. S. 105] qucui canü out Oerbems cubana 
fcreapeccaiiobstdetfDzYh, y^tUpecccUum — tanquam caniafuri- 
bundua et ferox — exapedelf^ oder, wie zumeist, als ein Löwe 
(v. Ewald ALB. §. 318a und schon Sir 27, 10 Xi(av ß^- 
Qctv ivsSgevBiy ovraog afiagrlcu igya^ofiivovs a&xcr, dies letztere 
wohl mit Bez. auf ä'^n'^n tdbj S. 107 ; vgl. auch 1 Petr. 5, 8 f. : 
6 ävxlSixo^ vfiwv St^äßoloQ wg ki(av WQVOfnvoq ntQi^nax^l ^17- 
TÜv rlva xaranlffj ^ avr/cm^r« ategeol ry nlarti)'^ oder, 
wie am nächstliegenden, als Schlange oder Drache, wozu 
auch das Verb, ya"! passt nach Ezech. 29, 3 'iai ya^n bii^n d-^ann. 
So, mit Deyl. 1. 1. u. Del. 202, Ed. Böhmer 129. * Dadurch 
ist die Sünde, und zwar hier mit Nachdruck^ als männlich, 
wie Jac. 1,15 (vgl. 14) als weiblich, jedenfalls personificirt, 
weil „an der Thür gelagert" und nach dem Folg. „gelüstend f 
eben in der Schlange (lönin masc.) war aber der persön- 
liche Urheber der Sünde im Paradiese verlarvt gewesen. ** 
Fassen wir nun das im mascul. yai liegende Object der 
Vorstellung von der personiticirten Sünde eben als einer 
Schlange und den dann naheliegenden historischen Qrund 
davon richtig: so würde von hier aus auch ein Streiflicht 
auf die Paradiesgeschichte selbst zurückfallen. „Die Schlange 
war abgefeimter als alle Thiere des Feldes" (3, 1) — nicht 
des Gartens (vgl. ob. S. 20): also ist sie durch irgend eine 
Pforte (nnc) hineingeschlüpft und hat zuvor an dieser, ruhig 
aufpassend, gelegen(^:3i), wie sie es nun hier unsichtbar ge- 
gen Cain thut, den sie ebenfalls zur Flucht aus seinem jetzigen 



* Das Bild dos Löwen und der Schlange verschmol- 
I e D , diese näml. als mit Löwenzähnen, b. S i r. 21, 2 m ayid nQoadnov 
Ofeafe yevye ano afiagtiag, inv ya^ Tt^ogeXd'Tjg, 8rj}^sTni aa' ddovreg Xdov- 
füg oi oBopXBg avt^g, &vai(fOvvres tpvxag av9'Q(6na*v. ^ 

** Mit BioflSBB, zumal wegen der mascul. Bezeichnungen, unter TMSCm 
gradezu Satan selbst, u. zwar bei ^2!^ als ,, Auflaiitrer'* (343 ff.) zu verstehen, 
hindert doch andererseits eben die Femininalform nfi^tsn selbst, wenn 
auch nicht grade der unmittelbare Gegensatz in TM^, wobei Kich. 
wiederum ^^eine Person im Hintergrunde** und zwar Jebovah Selbst 
als „Erheber*< (?) und auch „vor der ThUr** (346) denkt 



110 Der Erstgeborene und seine Physiognomie. 

schon so depotenzirteii; aber immer noch relativen Paradiese, 
nämlich aus dem Schoosse der Familie und ^^hinweg aus der 
Gegenwart Jehovahs — in das Land Nod*' (d. i Ruhelosigkeit, 
Exil V. 16), brachte. 

Stetig war auch jetzt die Sünde gelagert (Partie.) nr.öb 
d. h. an der Thür, aber auch zugleich nach ihr hin (b) die 
funkelnden Augen gerichtet. Die Thür ist das einzige Hin- 
demiss, aber auch der einzige Weg fiir sie.* Man kann daher 
widerstandlos auch nicht hinaus, ohne ihr Opfer zu werden.** 
Dort liegt sie fort und fort, bereit jeden Augenblick auf- und an- 
zuspringen. Das so unmittelbar Drohende wird übr. auch sonst 
als „an'' und „vor der Thür'' bezeichnet, kyyvgiönv knl &VQaig 
Matth. 24, 33 ; ISov 6 xgit^g ngo rcSv d-VQÜv %atrixtv Jac. 5, 9. 
Apoc. 3, 20; vgl. auch (pvlaxeg ttqo rijg &vQaq irriQovv ttjv 
(pvkaxi^v Act. 12, 6 — wie auch „Hannibal ante portasl^^ 

yyNon possum non satis mirat-i — beginnt Luther (Enarr.) 
die Erklärujig dieses unseres Hauptverses — , qiiod Moses 
tarUas res in tarn pauca verba potuü redigere,^^ Die so in- 
haltschwere Gottesrede schliesst hierauf (V. 7 b) zuerst a) mit 
(zweimaliger) direct persönlicher Beziehung, zugleich auch 
theilweiser Umsetzung des Bildlichen in Eigentliches, also 
authentischer Interpretation, und sodann b) mit Nennung der 
allein rettenden Pflicht Cains in dieser Lage, als dem Kerne 
und Zwecke dieser hochnöthigen Warnung: nämlich 

a) „Und nach Dir ist ihr Gelüst" (inpitjn '^■>b«'i) ; *** 



* nriB ThüröfFnung hier wohl zugleich nbl, den Thürverschlag 
mit umschliessend ; vgl. uns. Krone des H. L. 94 f. 

** „Halt die Thür zu und lass sie nicht ein", Ed. Böhmbb 129; 
zugleich aber auch umgekehrt, dass sie ihn nicht hinauBlasse, Fleck 

a. 0. 175. 178. In anderem Sinne dachte wohl an die Innenseite der 
Thür LuTH., wenn er sich die Bestie als gesänftigt stillliegend und 
schmeichelnd, wie es die geniessende Sünde in actu sey, vorstellte, vgl. 
V. 7b. 

*** IMea und das Folg. so wie ob. 3, 16; daher auch bei ^Tp1lD^ 
(S. 84) kein zweites, euphemistisches Bild von „pecctUum meretricis 
instar^^ mit 1^ blD73n als „rem cum eo habere^^ ^Schum.), wogeg. schon 
die Masculina derSuflP. 8. Person; diese andererseits willkürlich auf 
Abel bezogen, nach Ba hb., GBSTs.(b. P.Mart), vonCuauc. : quietce 
(ob. S. 106), ei cursus ejus (AbeUs) erüadte; vgl. Faq. 1. 1. 641 sq., Mabck. 

b. Dey 1. 14 sq., s.ob.S. 104. £igenthümlich auch bei der 2. Person ']'^bM; 



Der Erstgeborene und seine Physiognomie. Hl 

b) „und Du sollst Herr über sie seyn" (nn«T 
in b«)3n) 1 * 

Und die Sünde lag an der Thür I (V. 8.) Die hoch- 
ernste Warnung ging verloren. Die Schlange siegte aber- 
mals; und nun grade über den verhofften Schlangenbezwinger. 
Der noch graunhaftere Sündenfall diesseit des Paradieses 
erfolgte in einem Brudermord, durch den Erstgeborenen auf 
Erden! Die physiognomische Prognose hat eine schauer- 
liche Erfüllung gefund,en. 



als synonym dem folg. Gl., entw. suh te, Vulg. (Luth.), oder penes te, 
Targ. b. Gesu. 137 (in manum ttiam trculüli poteatatem concuphccn- 
Hae tuae). 

* Dominerü ei, ne effidaria üUiis vUe mancipiuml Pt. Mart. — 
„Einmal drinnen, beherrscht Sie Dieb, Du aber sollst vielmcbr Ihrer 
Herr werden!" Ed. Böhmbr 129. — Darauf beruht wohl auch for- 
mell und materiell Joh. 8, 34 f. or« nde S nouov trjv auaQ^iav Sov- 
los iaxi Tfjs afiaift lag* 6 8i 8ovXos ov fttvet kv t^ otxiq eU tov 
aiava. 



m. 

DIE 

VORSÜNDFLÜTHLICHEN HÜNEN. . 

GENESIS VI, 1 FF. 

Die Sündfluth, ein Ereigniss ohne Gleichen und fast wie 
ein Rückfall in die Wasserwüste des ersten und zweiten 
Schöpfungstages (Gen. 1, 2. 7. 2, 5 {,] ob. S. 2 f. vergL 20 flF.), 
welches auch in allen Völkersagen der alten und neuen Welt 
wiederklingt, * und nur im dereinstigen ViTeltuntergange durch 



* Auch mit gleichen characteristischen Details (einem Schiffe, 
darauf geretteten Menschen, ausfliegenden Vögeln, einem Landungs- 
berge, wohl auch nachherigem Opfer, und selbst dem Regenbogen), 
nur meist anders localisirt (während die hebr. Schrift grade von dem 
näheren Libanon absieht) und abenteuerlich ausgestaltet Vgl. u. a. 
Kaiser, Commentar. in priora Genes, capp. quatenua umverstie populo- 
rum mythohgiae claves exhibent, 1829. p. 174 sqq. — Im altclassischen 
Mythus bevölkern Deucalion und Pyrrha die ausgestorbene Welt 
durch Rückwärts werfen von Steinen, und zwar mit verhülltem 
Haupt und gelöstem Grewande: Descendunt vdantque caput tu- 
nicasque recingunt, Et juasoa lapides aua poat vestigia mütunt, 
Ov. Metam. I, (381 sqq.) 398 sqq. — Wenn sich nun in jenen Sagen 
fast überall die Spuren der uns in der heil. Schrift rein erhal- 
tenen Erzählung aus der Zeit vor der Völkerzerstreuung , freilich wie 
disjecti membra poetae, verfolgen lassen (vergl. S. 63 f. 93), woher 
wohl dieser singulare Zug, von dem Al. v. Humboldt auch in Süd- 
america eine Parallele fand (bei den Tamanaken, nach deren Er- 
zählung sich ein Menschenpaar aus den grossen Wassern rettete 
und Männer und Frauen dadurch wieder hervorbrachte , dass Beide 
die Steinfrüchte der Mauritiapalme hinter sich warfen, vgl. „Aus- 
land" 1865 Nr. 21 S. 486 f.)? Wir meinen, auch diese eigenthüm- 
lichc Wendung entsprang der nächstangeschlos8ei;ien biblischen Er- 
zählung vom Rückwärtsgehen Sems 'und Japheths mit auch 
rückwärts gehaltenem Gewände, um des Vaters Blosse zuzu- 
decken, Gen. 9, 23 DiT^iö d^Dttj ^5^ iw-^to*»! nV>»tt)in n« rf^i diö np*»! 



Die Yonündfluthlichen Hünen. 113 

Feuer sein furchtbares Seiten- und Gegenstück haben wird, 
ist wegen ihrer Vertilgung des ganzen Menschengeschlechtes 
bis auf eine Familie, den Stamm der nachherigen und jetzi- 
gen Menschheit, so ganz ausserordentlich und schauerlich, 
dass man nur eine gleich ausserordentliche und ungeheuer- 
liche Ursache dieses göttlichen Verhängnisses annehmen kann. 
Welche? — sie deutet die biblische Einleitung des Berichts 
von dieser Säuberung der Erde (Genes. 6 fF.) in einigen 
zwar etwas verschleiernden, doch immerhin leserlichen Zü- 
gen an. 

„Und es geschah, als'*' anfing die Menschheit 
zahlreich zu werden über die Erdbodenfläche 
hin und geboren wurden ihnen Töchter, da sahen 
dieQottessöhne dieMenschentöchter, dass schön** 
sie waren, und nahmen sich Weiber aus allen 
(diejenigen **♦), welche sie erkoren." 

Die „Vermehrung der Menschheit über die Erdboden- 



* *^1D ''»T^l, LXX xal iyivBto r/vixa , Vulg. quumque coepissent 
(Gbbh., Cler.) ; es geschah als oder da (wie n. a. Hiobl,5): Luth., 
Henqstbkb. (Authent I, 328), Dkl. (vgl. 26, 8. 27, 1), Richkrs, Ed. 
BÖHMBR (1. B. d. Thora 141) , £b. Schraoer (Stud. z. Grit. u. Erkl. d. 
bibl. Urgesch.). 

** n^C3 eig. gut aussehend, wie z. B. 24, 16 mit MK'ITS (Sulpic. 
SxY. f^speciosae^^ s. u.): doch lag dies h. bereits im Verb. tlMI, zamal mit 
Accus, und noch folg. *^!3, was schon 1, 4., aber an sich noch nicht 
y^adspectus qui cum voluptate et delectatione multa conjunctus est^^ 
[3 ?1»^] Pelaro. in Gen., nach Luth., (coli. Matth. 5, 28., wo aber 
6 ßXinoiv ywaiHn npds ro imd'vfifjaat aviifv). 

*** Nicht ein potenzirtes Wählen („unter denen, die ihnen ge- 
fielen, nahmen sie, welche sie wollten", E. Böhm.) : nicht bd, sondern 
inp'^1 wird durch ^U5Ä determinirt; das ^MS ist vielmehr ganz un- 
beschränkt, die Willkür ungezügelt {^jbelluinus appetitua iUecebrü for- 
mae sie raptus ut merae Ubidims causa ducerent ea«" Pelaro. 1. 1.). 
Das bD (173) bloss als eine Umschreibung von „nur immer" (E. Schbad. 
„sie nahmen sich Weiber, welche immer sie sich wählten", ex opti- 
mis quilmsque, v. Ew., Del. A. s. u. S. 124; L. Schmid „wie, von wem 
und wie viele sie nur immer wollten") — ist wenigstens durch das Citat 
7, 22 nicht belegt, wo bM — bD, und noch weniger durch das zweite 
39, 5 ib 10*^ ^ÜÄ bD b5^, dessen Formation vielmehr für unsere obige 
Fassung Zeugniss giebt, welche nicht nothwendig fordert ^bD72 

HOELEMANN. Nene BlbeUtndleo. 8 



X14 ^ie Yorsündfittthlichen Hünen. 

fläche hin'^ (man^n "^^t b» ölKSi yi) entspricht augenschein 
lieh der 1, 28 den NeuerschaflFenen ertheilten Verheissung 
ynN?i n« iNbTai in*n i^s, die nach der auf ein Minimum redu- 
cirenden Sündflutli 9, 7 wieder erneuert wird, woneben jetzt 
das gewähltere nwnÄn "^30 theils die Universalität (jenes iNb53i 
1, 18 mitumfassend), theils den. nährenden Boden (nTs^Kn) 
hervorhebt. Der Zusatz „und geboren wurden ihnen Töch- 
ter" will nicht sowohl ein Vorherrschen weiblicher Gebur- 
ten'^ bezeichnen, als vielmehr das Nachfolgende einleiten, 
dass eben diese „Töchter" die Augen der „Gottessöhne" auf 
sich zogen. 

Es ist unser Zweck nicht, hier auf die zumal in neue- 
ster Zeit so vielbewegte Frage, wer diese ö'^Sib^rr '^DS ge- 
wesen, ausführlicher als nöthig zurückzukommen.** 

Wo man dem Wortlaut und Zusammenhang ohne mehr 
oder weniger rationalisirende Voreingenommenheit Gehör giebt, 
ist über die Ansicht, dass unter den „Gottessöhnen" Engel 
gemeint seyen, niemals Zweifel gewesen. Sie beruht auf lin- 
guistisch-genereller wie contextuell-localer, auf logischer wie 
bibliologischer Begründung zugleich. Sie wird a) generell 
getragen von der sonst ausschliesslichen Bedeutung 
des ö-^nb^rt -^sa als „Engel" (Hieb 1, 6. 2, 1. 38, 7 vgl. Dan. 
3,25 VJib« 1:3; in den jehov. Pss. 29, If. 89, 6—8 fi-^b« -^iia 
7 b parall. pniOü, vgl. V. 6 D'^ttJnp bnp parall. ta"^»«)), und zwar 
dies nun eben auch an unserer Stelle (vgl. unt. S. 121) darum, 
weil jener gerade neben mir« nur um so markantere Name 



* Oder gar Ausschliesslichkeit derselben (Philo, Gig. init. &V' 
yarcQag — yewfjtiai Xsyovrat, viov Be ovdels avTcSv, inei yaQ 6 8ixa&os 
aQ^evoyevel Nms x. r. ^); noch weniger ein Herabsinken der Kraft 
(b. Ad. Osiand., Comm. p. 175a), zumalim Nächstfolg, vielmehr eine 
verderbliche Wucherung auftritt. 

** Irrelevant ist für dieselbe jedenfalls der, ebenso wie in d'lfc^tl niS, 
zum ganzen Begriffe gehörige Artikel. Möge durch D'^tlb^n '^^'3. eine 
menschliche oder übermenschliche Wesenscategorie gemeint sejn, in 
dem einen wie in dem andern Falle ist nur generisch geredet, also 
nicht ausdrücklich jedes Individuum miteingeschlossen. Sonst müss- 
ten ja auch bei der ersteren Annahme z. B. alle Sethiten (s. u.), 
also einschliesslich Noahs selbst, alle „MenschentÖchter*^ schön 
gefunden haben u. s. w. 



Die vonündfluthlichen Hünen. 115 

nicht, wie ö^S^bü, das Amt, sondern das Wesen, die höhere 
Natur der Engel überhaupt „als den Abglanz der gött- 
lichen Majestät und Herrlichkeit" (KüBTZ, B. u. A. 5. A. 
S. 132) bezeichnet (s. unt. Petr. 2, 4 und Jud. 6 ayyeXoi), 
Bedeutsam ist daftir auch ein Wort des Herrn selbst, das, 
eben mit Bezug auf diesseitige Qeschlechtlichkeit gespro- 
chen, oft gegen diese Bedeutung angeführt wird, Luc. 
20, 35 f, ladyYtXoi yccQ elai>' xai viol ücv rov &eov, 
rijg avaatäcews viol ovte^^ wo das vioi rov &6ov, neben 
ladyyilov, eben auch nur unserem D^'nbwn ''2a entspricht* 
Zu jenem unwidersprechlichen sprachlich onGrunde kommt 
nun aber auch noch — b) local der Gegensatz von ''sn 
D'^nV^n und ö'TÄrt msa, von „Gottessöhnen" und „Menschentöch- 
tern", wovon die ersteren doch gewiss ebensowenig Menschen- 
söhne als letztere Gottestöchter seyn können. Nicht minder 
überzeugend ist — c) der logisch-pragmatische Zu- 
sammenhang dieser einführenden Notiz, welche das 
Folgende motiviren soll, nämlich zunächst das Auftreten 
einer ungeschlachten riesigen Generation, die eben 
solch wilden Ehen übermenschlicher mit menschlichen We- 
sen entsprang (Unnatur aus Unnatur, Monstra aus monströ- 
ser Verbindung) und" von welcher V. 4 u. 5 (s.u.), dass sie da- 
mals „auf der Erde" ("f^^«^, nicht einmal wieder ti^an« 
wie V. 1) gewesen, nur mit dem scharfen Relief eines bered- 
ten Gegensatzes vom Himmel sinnig gesagt werden konnte, 
— und weiter auch das ausserordentliche göttliche Cor- 
rectiv motiviren soll, das ja in nichts Geringerem bestand als 
in einer Vertilgung des gesammten Menschengeschlechts und 



* Cbph. Aug. Bods, de bonis angeliaDeifiUis (Heimst. 1764 s. u. S. 124) 
fügt „re&rfwe** noch hinzu Hebr. 12, 9 rqJ naxQl rdav nvsv/iaratv , und 
macht überhaupt als Gründe jener Bezeichnung der Engel als Gottes- 
söhne geltend: 1) ihren Ursprung (der Genit. als cauaae efJu!ienUs)\ 
2) ihre Aehnlichkeit mit Gott {boni angdi — imaginem Dei patria mi 
referunt — quoad varia attrümta ad easentiam eorum pertitientia et 
cum Deo ipso cofmnunia^ ut ecienäiie et sapientiae (2 Sam. 14, 20. 1 Cor. 
13, 1), potenüae (Ps. 108, 20. Gen. 19, 13 sq. Matth. 28, 2) et acmctitaUa 
(Matth. 28, 3. Act. 1, 10. Apoc. 3, 5; Hieb 5, 1 u. a.); ferner 3) Gottes 
Yatersorge für sie und seine Gemeinschaft mit ihnen, sowie 4) ihre in 
Anbetung und Gehorsam beruhende kindliche Thätigkeit 

8* 



11g Die vorsündflathlichen Hünen. 

alles oberirdischen Bestandes (n7ai»?i '»3D ba? *i«« dip-'rs Vd 
Ty 4. 23) zu einer Ttzbtda rasa. 

Bestätigend tritt hierzu — ^ die authentische weitere 
Schrift aussage im Neuen Test, nämlich (ausser 2 Petr. 
2, 4 äyyeloi^ äfiaQtijaavTeg) Br. Judae V. 6 f. : ayyHovg 
Tovg fit] TfjQ^aavTog rrjfif iavräiv ag^V^f alXa anoXi^novraq 
ro Wiov oItcyityiqvov — „Engel, die nicht bewahrt ihre 
eigene Herrscherhoheit ^ sondern verlassen haben die eigen- 
thümliche Heimath ^ hat der Herr zu Gericht eines grossen 
Tuges mit ewigen Fesseln unter Finsterniss verwahrt"* — 
c5g JSoSofia xal FofiOQQa xai al tieqI avrag noXsig rov ofiovov 
TQonov TovTOvq ixnoQvevaaaai xal aneX&ovaai oniata aaQxog 
irigag nQoxuvrai Setyfia nvQog alaviov Sixtjv VTtixovaat. 
Hier also wird jener Frevel vor der Fluth in auffallende 
Parallele gesetzt mit dem der in Feuer untergegangenen 
Städte Sodom und Gomorrha und ihrer Umgebung (^isisn bD, 
19, 25), „als welche auf die mit diesen — d. i. den En- 
geln** — gleiche Weise ausgebuhlt haben (ix- 



* Es könnte scheinen, iCls ob zwischen SeofioXe aCBioa und ek 
xgiaiv fiisydXris Vf^^'^cis eine Diflferenz statt fände, — „ewige Fes- 
seln** und doch nur ein Verwahren für einen bestimmten Termin! 
— so dass man geneigt seyn möchte, ersteres zu übersetzen „für ewige 
Fesseln" und dies mit vnd t^o^pov zu verbinden. Allein wie dagegen 
schon das eis der, allerdings auch zugleich die Zeitdauer umschlies- 
senden, Bestimmung spricht, woneben ein Dativ von zweiter Bestim- 
mung unstatthaft scheint, auch die Verbindung des „verwahren mit 
Fesseln" die ungleich natürlichere ist: so löst sich ja der obige 
Schein von Zwiespalt leicht darin, dass die Fesseln, womit die sün- 
digen Engel jetzt verwahrt sind, auch über den Tag des Gerichts 
hinaus und in Ewigkeit währen, wie denn auch V. 13 den ihnen ent- 
sprechenden „Irrstemen" derselbe t,6f09 rov axotovs stg %dr ateiva 
aufbewahrt ist. Auch kann man die deutliche Correlation zwbchen 
den fjiii TTj^aavres und dem auch hiernach absoluten -tati/^i?««!' (wo- 
für auch LuTH. beidemal „behalten") nicht übersehen. Ebenso zu- 
dem auch noch die Parallelst 2 Petr. 2, 4 aeigais iofov ra^a^moas 
nagäSwxev sie KQioiv ttjqovfUvovs. is. u. 

** TovToig kann weder auf das um vier grosse Verse zurück- 
liegende tivie av&gofnoi (V. 4., Philippi, Glaubensl. III) noch mit einer 
constr. ad sens, statt ravtate (t. noXeaiv) auf die Bewohner von Sod. u. 
Gom. zurückdeuten, da deren speci fisch es Verbrechen sonst gar 
nicht benannt, dagegen dem ihrer ohnehin genugsam characterisirten 



Die vorsündfluthlichen Hünen. 117 

no^Bvaaffaif ein, wie auch das folgende aneX&ouTai., auf- 

Ausschreitung des Naturgleises hinweisendes Wort, vergl. 

ixßaivü), ixßdXha^ ixTtinra) u. a.) und weggegangen sind 

hinter anderes Fleisch." Ebensowenig als jenes kxnoQvevuv Mit 

auch diese letztere euphemistische Ausdrucksweise (a7t$X- 

&Biv onla fo aaqxoq irigag) mit einfacher tioqvbIcc, ja auch 

nicht einmal mit dem bei uns spccifisch so benannten „so- 

domitischen" Naturgreuel zusammen. Vielmehr sind sie (aus 

ihrer Sphäre) „hinweg-" und „hinter anders geartetes Fleisch 

gegangen", ccTteX&ovaai onlaat aagxog iriQag, was stär« 

ker ist ah äkkr^ fffXQ^f 1 Cor. 15, 39: ov naaa «rapj 17 avxri 

Gag^^ aXXa äXXtj fxiv av&Qwmav ^ alltj 8i (fag^ xrr^vciv — 

xal acifiara inovgävuc, xai adfiara kniyua. Während Mann 

und Weib sogar oäg^fila (Gen. 2, 24. Matth. 19,5 ob. S. 46£), 

Mensch und Thier aber nach jener epistol. St. akX'tj cdg^ 

sind, ißt aag^ iriga ein speci fisch „anderes Fleisch." 

Was aber wissen wir von den Sodomiten in dieser Hinsicht 

Urkundliches ? Ausser ihrer allgemeinen grossen Sündhaftig- 



. ♦ 



„Umgebung" eine um so unverbältnisBrnaBsigere Umständlichkeit ge- 
widmet wäre. Vielmehr ist das auf die Strafe hinweisende <os mit 
dem auf das Vergehen hinzeigenden r6v Bfioiov x^6n9v schlecht- 
hin correlat, sonach, wie die Strafe der Engel und der Sodomiten, 
ebenso auch Beider Verschuldung (und nicht bloss die der „Umgebung" 
Sodoms und Gomorrhas mit Sodom und Gomorrha selbst) gleich, da 
ausserdem Nebensächliches und Unbedeutenderes zwecklos pathetisch 
betont, die viel grössere und erst die Gleichheit der Strafe motivirende 
Gleichung des Verbrechens aber unterdrückt wäre. Dies gilt auch ge- 
gen den jüngsten Versuch J. P. Lahob's (Gen. 135), unter rovroie die 
Engel und die Israeliten (V. 5 xovs ftij inorevoarrae) , und dann 
Beide wieder sammt den Sodomiten unter- den verblassten Begriff des 
,,Autinomi8mus^* zu befassen, da doch das Vergehen der Israeliten 
ausdrücklich vielmehr „Unglaube** war, das der Engel aber, indem 
sie „ihren Standort verliessen'S so nicht einmal mitgetheilt würde. 
Wie letzteres nun aber eben und erst durch den folgenden Zusammen- 
Kchluss- mit Sodom und Gomorrha klar berichtet wird, und diese bei- 
den Theile auch die gleichartige Strafe (Feuer) trifft; so fallen an- 
dererseits „die Israeliten** als /t^ niajevoapres hier nicht einmal unter 
die Categorie irgend einer Gesetzesübertretung, wonach denn für 
Tovtois wieder und immer wieder ausschliesslich nur die Engel übrig 
bleiben. Man kann nun einmal der Wahrheit nicht entrinnen; ihr 
entfliehend muss man im Kreise wieder zu ihr zurückkehren. 



1X8 Die Yorsündflathlichen Hünen. 

keit (Gen. 13, 13. 18, 20 ff.*) speciell und zwar eben aus 
dem Capitel von ihrer Bestrafung ausdrücklich nur dies, 
dass die Oesammtheit des Volkes den in Lots Hause einge- 
kehrten beiden Engeln Gewalt anthun wollte (19, 4 f.). Dieses 
ist ihr hxnoQVBVuv und aniQx^o&ai, bniata aaQXog iri^ag. 
Das gleiche Attentat, als es hier von Menschen gegen Engel 
versucht ward, haben Cap. 6 Engel gegen Menschentöchter 
verübt** Und so sind denn nun auch diese Gottessöhne und 
jene Sodomiten erst wahrhaft congruent (cog — rov oftoiov 
TQonov TovTOig), wie im Verbrechen gegen Gottes heilige 
Ordnungen ebenso auch in Gottes Bestrafung. Die verbre- 
cherischen Engel, deren Verbrechen hiernach doch gewiss 
ein historisch-notorisches seyn musste, während ein anderes 
homogenes als das Gen. 6 berichtete aus der alttestament- 
lichen Geschichte nicht bekannt ist, sind zum grossen Feuer- 
gerichtstage „mit ewigen Ketten unter Dunkel verwahrt," 
wie andererseits Sodom und Gomorrha und ihre Umgebung 
in schauerlicher Verödung „offen als Exempel daliegen ' und 
ihre ehemaligen Bewohner „ewigen Feuers Gericht erdulden'', 
wohingegen die menschlichen Mitschuldigen an jenem ersten 
Verbrechen der Engel sammt ihren Bastardsprösslingen in 
d^r Wasserfluth ihr irdisches Ende fanden, ihre Geister 
aber ebenfalls „in Gewahrsam'' der Tiefe des Endgerichts 



* Namentlich allgemeiner Wollust, Gren. 19, 5 ff., wobei V. 9 
C2lb tD'^fi^^ l^n&^n durch den hier sonst müssigen Beisatz ^"^K auf 
d9.B,äQasvBS iv äpaeai xriv aQxij/uoavvijv xara^ya^ousvoi (Rom. 1,27) hin- 
deutet. 

** Einer Untersuchung, ob Engel, welche nach Inhalt des vor 
jener Erzählung von Sodom unmittelbar vorhergehenden Cap. (18, 4 ff.) 
sogar sich hinstrecken und essen, überhaupt Fleisch annehmen kön- 
nen, und welcher Art diese oap^ iriga gewesen, bedarf es hiernach 
wenigstens für die nicht, welche solche Wandlungen und jenes histo- 
rische Attentat nicht um- und wegdeuten mögen. Wir haben es nicht 
mit Nach Weisung physischer Möglichkeit oder Unmöglichkeit in einem 
so ganz und gar transcendenten Gebiete zu thun, sondern nur mit 
wissenschaftlich - ehrlicher Exegese der uns darüber gegebenen Offen- 
barungen. Im Uebrigen mag aa^^ im eigentlichen Sinne 
zunächst allerdings nur von dem näheren einen (menschlichen) 
Theile, von dem andern nur mehr in einem weiteren zeugmatischen 
Sinne gelten. 



Die voraündfluthlichen Hünen. Hg 

harren (1 Petr. 3, 19 f.). DasB nichts Geringeres als dieses die 
wirkliche Conformität zwischen jenen Engeln und Sodom Bej, 
zeigt dann auch der folgende V. 8 Judae mit einem neuen 
ofwlcDg, y^auf gleiche (oder ähnliche) Weise dennoch (d. h. 
trotz dieser Warnung zunächst Sodoms) auch diese (unsere 
Zeitgenossen), in Träumen sich wiegend {kvvjtvia^ofievoi), einer- 
seits Fleisch beflecken, andererseits Herrlichkeit abthun und 
Majestäten lästern :^^ wonach denn, da Ofioliag sich doch zu- 
nächst eben auf den Vorgang der Sodomiten bezieht, auch die 
That dieser Sodomiten nicht bloss subjectiv-persönliche Ver- 
unreinigung (adgxa fiialvov6i/v) ^ sondern zugleich objective 
Entwürdigung hoher „Herrlichkeit" {xvQiorrig) gewesen ist, 
die mehr als geschlechtlicher Umgang von Mensch und Mensch 
war, da sie erhabenere, übermenschliche d. i. eben engelische 
Hoheiten oder „Majestäten" {So^a^) betraf. 

Wie zu noch weiterer Bestätigung findet sich bekannt- 
lich die fast gleiche Gedankenfolge auch 2 Petr. 2, 4 ff. : Be- 
strafung der „sündigen Engel" im Tartarus (V. 4) und in 
nächster Verbindung damit die der gottlosen „alten Welt" 
in der Sündfluth (V. 5, also jene mit dieser wie synchroni- 
stisch), ebensowie dann auch die Sodoms und Gomorrhas 
durch einäschernden Umsturz zu einem „Beispiele" (V. 6), 
und schliesslich (V. 10 f.) das Strafgericht namentlich über 
diejenigen, welche Fleisch nachwandeln in Befleckungslust 
und Herrlichkeit missachten, und Hoheiten zu lästern nicht 
erzittern (jidhata 8h rovg oniact) aagxog h knt&vfii<f fii^a- 
afiov noQevojuivovg xal xvQi'OTtjTog xaraipgovovvTag, — So^ag 
oh tgifiovat ßkaotpr/^ovweg x. r. A., vgl. auch V. 14 6(f9aX- 
fiovg ^x^vreg fiearoifg fiOL^akiSog xai axatanavarovg afiag- 
rlccg X. T. A.). So lassen die in der historischen Grundstelle 
Genes. 6 wie die in den dorthin zurückblickenden und sie 
erläuternden weiteren biblischen Stellen* enthaltenen äus- 
seren imd inneren Instanzen in Wahrheit keine andere 
Möglichkeit zu, als jenen erst die Sündfluth herbeiführen- 



* Wird dagegen bemerkt, „wovon Moses spricht, davon schwei- 
gen jene Apostel und umgekehrt" (Zeitschr. f. d. g. luth. Theol. 1861. 
2,295), so ist das hyperbolisch und keine Entgegnung, sondern höch- 
stens nur eine Andeutung der Art und Weise biblischer Continuität. 



120 ^^^ voraündflttthlichen Hünen. 

den und weiterhin nur den mit Feuer ausgetilgten sodomi- 
tischen Greueln analogen ungeheuerlichen Geschlechtsumgang 
auf Engel und Menschenfrauen zu deuten. Dessen Leugnung 
mit Versuchen anderweiter Erklärungen hat, bewusst oder 
unbewusst, keine andere Ursache^ als die Monstrosität dieser 
Thatsachc; die so excessiv und unglaublich erscheint. Am 
wenigsten sollte man aber das Zusammentreffen mit heid- 
nischer Mythologie wider sie geltend machen, welche z. B. 
auch eine Metamorphose von Giganten-Blut „m fadem homi- 
num^^ (O V. Metam. 1, 160) und dann als Folge neuer Insolenz 
die Sündfluth kennt. * Ist das denn mit andern Offenbarungs- 
thatsachen der h. Geschichte nicht oft ganz ebenso der Fall ? 
(S.ob. S.63f. 93.112.) Diese Mythologie muss vielmehr auch 
noch in ihrer Enartung Zeugniss für einen ursprünglichen 
Wahrheitsstock ablegen.** Für jene Auslegung steht denn 
auch, nächst dem Neuen Testamente selbst (s. ob.), 
die älteste Exegese und Kirche ein: LXX (C. Alex. 
ayyskoi^ rov &eov; Aq. viol rm ß-eäv), Joseph. (AA. 1, 4 
nollol äyysXoi' &eov ywai^l avfifuyivxB^ ißgusrag kykv- 
vriaav TiäiSctg x, r. L), Philo (Gig. ovg äklov qn^XoaoffOf^ 
äaifiovag, ayyilovg Mcoafjg äoad-iv bvofia^uv)j B. He noch 
(C. 6 u. a. vgl. b. DiLLMAiw, ;üebers. XXXIV. 3. 205 und die 
daselbst cit. Stt, wonach 200 Engel unter Semjaza ['>KTn73to 
neben bK'^m b. Jonath.***] verbunden waren); Test. 



* Ebensowie andererseits auch bei dem modernen Dichter („Faust" 
2. Theil, Ausg. v. 1850 S. 448; in sodomitischer Weise Mephi- 
8to\)heIcB die h. Engel „gerne sehen mag'^ als „doch gar zu appe- 
titlich." — Noch weiteres unten. 

** Vgl. schon Philo, de gigantüma: Xam^nsta na^a tots noifjjais 
fiBfjLvd'BVfMva neQi %dfv yiyavxwv oiera* pofiod'ezrjv atvixTead'ai, nXel- 
oxov oaov l^wdTiyxoTo lov fiv&onXaareiv ical reis x^s aXrjd'siae ix^eoiv 
avrre tTiißaivetv a^tovvTa. — Um so verwerflicher ist eine unbiblische 
Condescendenz der Exegese zu immerhin anstreifenden heidnischen 
Vorstellungen, wie dass hier unter iD'^nbÄrr ''31, Halbgötter, gotterz^ugte 
Menschen, (Heroen) gemeint seyen, wie (nach Hebdeb, hebr. Poes. 1, 8) 
Vater, Schott ,,homines a Deo caeterisve naturia in codo versamti- 
bu8 (Elohim) ariginem ducenteSy^^ A. b. Schum. 122; s. nachh. üb. 
O'^böD. 

*** Anderwärts auch Abram und Ahael, s. u. b. Ranob. p. 28. 
Noch andere Namen b. Dillm. S. 3 u. a. 



Die ▼orsündüathlichen Hünen. 121 

Xn 5atr. (Rüben); B. d. Jubil.; Rabb. (s. b. Heidegg. 
histor. Patriarch. I, 186), auch Frankel; die KW. Justin, 
Iren., Athenao., Clem. Al., Method.; Tertüll. (hab. 
mal. c. 2; vel. virg. c. 7 mit Anziehung von 1 Cor. 11, 
10 (HfüX^i ri yifvii k^ovclav %e^v knl t^g xecpaXr^ Sia 
Tovg ayyüovg), Ambros., Cyprian., Lactant.,* Sülpic. 
Sbv. ** (vergl. Heidegg. 1. 1., Bonfr. Commentar. 144, 
WeRNSDORP, de cammercto angdor, cum ßliabua hominum ab 
Judaeis et Pairüma platoniz. credito, 1742) ; ferner DrüSIüS, 
und von neueren Theologen Twesten, C. I. Nitzsch, 
Drechsler (Einh. d. Gen. 91), Krabbe, Baümgarten (Pent. 
I, 100 mit Hindeutung auf das Analogen der Empfilngniss 
Jesu vom heil. Geist, wogegen Richers), Kurtz (s. ob.), 
V. HoFM. (Schriftb. I, 424 ff), Delitzsch, Richers, Engel- 
HARDT, Nägelsbach, wie andererseits auch Qesen., Wi- 
ner, Maur., Tuch, Br. Bauer, v. Ewald (Jahrb. IV, 43 u.a.), 
HupFBLD, Dillmann, Knobel, Ed. Böhmer (s. u.), Eb. Schra- 
DUß ***, Q.^ — und von den Auslegern der betreffenden neu- 



* Div. inst 2, 14 : die Engel , von Gott zu Schutz und Pflege des 
menschlichen Geschlechts (ad tutelam cuUumqite generia hum.J ge- 
sandt, seyen vom Satan zu dieser Yerunreinigung verleitet und, darum 
nicht wieder in den Himmel aufgenommen, dessen Gesellen und Diener 
(sateüites ac mvmtri) geworden. 

** Hist sacr. 1, 2 : QtJia tempestate guum jam humanum genus 
ahundaret, angeU^ giubus coelum sedea erat^ apecioaarum. forma virgi- 
num capU illicüaa cupidUatea appetierunt ac naturae sitae originiegue 
degeneresj relictia auperwribus ^ quorum incolae erant, matrimoniis se 
mortalihtia mtsctterunt, Hi paulatim mores noxios conserenles humanam 
corrupere progeniem, ex quorum coüu GHgantes ediH esse dicuntur^ 
quum diversae inter se naturae permixtio monstra gigneret, 

*** A. 0. 69 : „Folgt aus dem Wortlaute des hebr. Textes mit zwingen- 
der Noth wendigkeit, dass unter den V. 2 erwähnten D'^?lbK?l "^ua 
Wesen zu verstehen sind, die nicht zu den Menschen gehört haben, 
so werden wir von selber dazu geführt, die Söhne Gottes von Wesen 
höherer Art, von den Engeln zu deuten." — • Gewiss aber nicht 
von Dämonen, schon früher gefallenen Engeln d. i. Teufeln (s. b. 
Corn. a Lap. I, 106; Schum. 120 vgl. u. Rioh.), die, anderer Beden- 
ken zu geschweigen, sicherlich nicht mit dem nur guten Engeln zu- 
kommenden Namen D'^JlbKfl ''Sa eingeführt seyn würden, welche 
auch Hieb 1,6.- 2,1 ausdrücklich von "[taiön unterschieden werden, 
vgl. ob. S. 114 f. u. das. Luc. 20, 36 (ioäyyeXo* und viol rov ^eov). 



122 1^10 vorsiiiidflatfalichen Hünen. 

test. Stt. SCHNECKENBUBGEB; DE WeTTB, HüTHER, DiETLBIN, 

Stier, G. L. Hahn, v. Zezschwitz (Petr. de Chr. ad inf. 

desc), WiESiNGEB. 

Neben dieser Wolke von Zeugen, und zumal dem j^oom- 
munia veterum cansenstis" (wie sogar der hier gegnerische 
JoH. Gebhabd Comm. 175 anerkennt) hat es jedoch, um 
jenen Bericht aus der Urwelt dem Gesichtskreise späterer 
Erfahrung näher zu rücken, weder in früherer und noch we- 
niger in neuerer Zeit an Versuchen anderweiter Deutungen 
gefehlt, welche indess zu ihrem Zwecke die Ausdrücke des 
A. und N. Bundes nothwendig umbrechen müssen, für jene 
classische Urdeutung aber, ohne sie widerlegen zu können, 
nur reichliche Invectiven haben, wie ßkaaqnjfxov ßfjfia xal 
nokk'^g yifiov rijg avoiag (Chrys.), aTondtarov (Cyrill. 
Al.), ein Erzeugniss von hfiß^ovri^Toi^ xal äyav fjli&loig 
(Theodoret. quaest. in Gen. s. u.). Als „Häresie" bekämpfte 
dieselbe Philastrtos , wie Rabb. Simeon Ben-Jochai 
sie anathematisirte, die weiterhin namentlich auch von Sei- 
ten der Reformatoren den stärksten Widerspruch fand 
(ma absurdüate refeUitar ^ sagt Calv. , axi mirum est doctos 
vtros tarn ci'dssü et prodigiosis ddirüs fuiase olim fascinatos; 
vgl. auch M. Geier, Opuscc. p. 296). Die rationalisirenden 
Umdeutungen dieser Gegner selbst, jeden übermenschlichen 
Factor dabei ausschliessend, nehmen die „Gottessöhne" wie 
die „Menschentöchter" lediglich als Angehörige unterschied- 
licher menschlicher Sphären, und zwar gesellschaft- 
licher oder genealogisch-moralischer Art. In ersterer 
Hinsicht verstand man näml. unter den „Gottessöhnen" aristo- 
cratische Herren (Gentlemen) und unter den „Menschen- 
töchtern "Proletariermädchen (Mägde), — also gleichsam 
Adel und Volk, obwohl es schon sachlich und noch vielmehr 
theologisch schwer zu begreifen ist, wie deren ^irgends ver- 
botene Ehen, ja auch selbst deren wilde Ehen eine solche 
göttliche Ahndung der Vertilgung des ganzen Menschen- 
geschlechtes zur Folge gehabt haben sollten. Mag übrigens 
ü'^nbfi^ einmal von Gottes Statthaltern auf Erden, nämlich 
von Obrigkeiten als solchen vorkommen , Ps. 82, 6 ^t\^i2^ "»iN 
DDbD iT^by ^sm ünN D-^nb« (uneig.Exod.21,6. 22, 7 f.); so heisst 
doch ganz natürlich nirgends auch deren persönliche Descendenz 



Die Tonfindflttthlichen Hünen. 123 

D^b«rt "»sa.* Und wenn andererseits auch ein paarmal Qn« 
im Sinne von ordinären Menschen, gewöhnlichen Leuten; ;;dem 
gemeinen Manne'^ (Volk) vorkommt; im Gegensatze von tD*«M 
(Ps. 49, 3. Job. 2, 9**), von Fürsten (D-'nü Ps. 82, 7 vgl. Hiob 
31,33), undb«^tD''(Jer.32,20. Jes.43,4. Hos. 6, 7. Ps. 124,2); 
so geschieht diese Auseinanderhaltung der Gesammtheit von 
einem numerisch verschwindenden Bruchtheile doch nur in 
Poesie,***!^ und wäre an unserer St. ein Gegensatz auch zu 
fi^nbM als menschlicher Obrigkeit schon dadurch ausgeschlos- 
sen, dass unmittelbar vorher (^nb Dn^n bnn) alle Menschen 
ohne Unterschied unter DnMii befasst waren und dieser Be- 
griff nun nicht alsbald und ohne weiteres so sehr verengt 
werden kann. Diese, ohnehin jetzt ziemlich verschollene, 
Auslegung findet sich bei Onkel. (M^^nna^ '^srs), Symm. (viol 
TÜv öwaativovTav), S a m., A r a b b., Simeon Ben-Jochai 
(ob. S. 122), Raschi, wie überhaupt als exeget. Tradition jü- 
discher Schulen in Palästina und Babylon, ferner bei Paonin., 
Molina, Mercer., Varen., Schiller (WW. 1836. X, 460 ff.), 
Ritter (Henke's Mus. II, 3: freie adelige Männer im Go- 
gens. V. Mägden), Buttmann. 

Ein moralisches oder doch moralisch-genealogi- 
8 ch e s Theilungsprincip zwischen Gottessöhnen und Menschen- 
töchtern nehmen dagegen die an, welche unter ersteren Gläubige 
und Fromme, **** unter letzteren Weltkinder (Seb. Sciimid, 



* Will Fürst HWB. 1,197 "^3^ nur im Sinne von Zu- oder An- 
gehörigkeit („Genossen der Vornehmen d.h. die Vornehmen") fas- 
sen, so ist dagegen das vorherg. analoge und eigentliche Ü1K!l msä. 
** Nämlich Ps. 49, 3 10''^ "^53 da dn« "^53 Ü^ (Luth. „beide ge- 
mein Mann und Herren*') ir:nN1 ^"^lüS^ ^n*^ ; — Jos. 2, 9 d^N ntt5"^T 
IS'^fi^ bd^'^1 (Luth. „da bückt sich der Pöbel, da demüthigen sich die 
Junker"; anders Ders. in der hebr. gleichlautenden St. 5, 15). 

*** Wie ähnlich Rieht. 20, 1 ff. der Gesammtheit (bK^llü"^ "^^^ bs) 
der eine — jetzt gleichsam gebannte und auf Zeit ausgestossen» 
(21,3. 6. 17) — Stamm Benjamin gegenübersteht. 

**** KiMCHi d^n-^Onn, B. Critt. SB. VII, 646. An die ßprachlich rich- 
tige Erkl. anstreifend Clem. B. Becogn, I, 29 hömines justi qui an- 
gelorum vixerant vitam, Vergl. auch das christl. Adamsbuch (v. Ew. 
Jahrb. V, b. E. Scubadeb, Stud. S. 63) als von jungfräulichen 
Adamskindern. Vgl. u. S. 125 Schuh. 



124 I^ie Torsfindfluthlichen Hünen. 

Haitsma [Cur.], J. D. Mich.; Moldenh., HengstenberG; 
Authent. I, 331 8. u.), näher dort Sethiten (Hcnochiten), 
hier Cainitinnen verstehen, wie JuL. African. (oi ccTto 
Tov 2ri&. VTto Tov Ttvevfiarog oi viol &bov nQogayoQBVovrai), 
Orig. (c. Gels. 1. 5), Ephräm, Theodorbt (Quaest. 47 in 
Gen.), Chrys., Cyrill. Al. (adv. anthropom. c. 17), Pro- 
cop., Syncell., Süid.; Hieron., August. (C. D. 15, 23); 
Luther, Melanchth., Brent., Calv, (noch andd. Reff. b. 
Marlor. 58 b), Chyträus,* Vatabl., Piscat., C. a Lap., 
J. Gerhard, Calov (s. u.), Ad. Osiand. (172), Cleb.; 
C. T. Bange (praes. A. Sennert. de gigantibus, 1660 
p.29), J. C. Dieterici (antiqq. bibl. 1697 p. 100), Is, Pey- 
rer. (syst, theol. 4, 7 s. u.), Deyling (Obss. ss. ed. 2. 1, 126), 
G. Ch. Dachsel (BibL hebr. acc: Aomines Ecdesiae aggregati 
et in ea nati, in specie poaterüaa Enocki), Chph. Aug. 
BoDE,** Dathe,*** Dettinger (Ttib. Zeitschr. 1835, 1 ff.),. 
Hengstenberg (EKZ. 1858,29. 35 — 37 u. o.), Tiele, 
L. ScHMiD, Hävernick, O. V. Gerlach, Schröder, Ebrard, 



* Memhra verae Ecclesicte seu fiUi sanctorum patrum , qui habe- 
hant iniUa fidei et erant haeredes promümoma , excussa fide qaaaUbet 
sine uUo dücrimine naicks ex posterüate impiorum CcunUarum in matri' 
monium duxerunt et vagis ctc incestia libidinibus se contaminarunt cum 
matribtts, fiUaima^ sororilmsy mcbscvUs [!] et omnibue gucts degerant. 
(In Genes. Enarrat. 1557 p. 200.) 

** De bonis angelis Bei filüs (1764), p.VIII: „Gen. 6, 2. 4 Sethi- 
tae contradistincti Cainitis^ iiqtte minus probij filü Dei dicuntur,^^ trotz 
des Titels und der ob. S. 115 mitgetheilten Beweisführung für die Engel. 
*** Mit Vermengung der doch auch hier ausdrücklich gesonderten 
göttl. Namen d"^nb« (V. 2. 4) und rtirr^ (V. 3. 5 ff.), nach Clbuic, 
(Vgl. auch b. Gerh. Comm. 176): „Qui de nomine Dei vocabantur,^^ 
coli. 4, 26 „tunc coeperunt komines [?] de nomine Jovae vocari^^ [!]. 
„JFVZ» Dei vocabantur, qui Deum Adami coUbant; Adamus faü filius [?] 
Dei (Luc. 3, 38), et omnes qui hunc [V] Deum ptro/Uebantur, annumera- 
bantur his [?] fiUis Dci.^^ — Um aber dennoch d'^tlb« auch für ein sitt- 
lich - menschliches Verhältniss anwendbar zu machen, behauptet J. P. 
Lanoe (Gen. 132. 137), „dass die Sethiten die universelle Bezie- 
hung zu Gott vertraten — universeller als das spätere theocratische 
Verhältniss:" als ob die ohnehin selbst hier V. 2—3 hervortretende 
innere Unterscheidung der göttlichen Namen nicht schon Gen. C. 1—2 
darchwaltete (S. 60f.) und nicht ausdrücklich eben schon unter Seth 
die Anrufung des Namens IMÜT^ begonnen hätte (4, 26). 



Die vonündflathlichen Hünen. 125 

SöRENSEK (Gen. 61 f.), Keil, J. P. Li^OE (Gen. LXX f. 
131 ff., B. vor. S.); V. BuNSEN, Philippi (Glaubensl. III), Strö- 
BEL (b. u.), Kahnis (Dogm. 1, 246. 448), Bohl (12 mesB. Psb. 
S. XIX) Tl. A. * 

Für dieBe Auffassung werden folgende Gründe aufge- 
stellt**: 1) Das Fehlen jeder Analogie im A. T. für 
jene andere „mythologische Vorstellung" von den h. Engeln 
(zumal vgl. Matth. 22,30): allein die Sache konnte histo- 
risch eben nur einmal, nur hier, und kann nach Festnahme 
der Frevler (ob. S. 116 ff.) nicht weiter vorkommen; das 
„Nicht-Freien der Engel« im N. T. (Matth. 22, 30) ist aber eben 
ihr normaler Zustand, und eben darum ein Abfall da- 
von so verbrecherisch; — 2) der Zusammenhang zeichne 
die Genesis des menschlichen Verderbens, dessen 
Steigerung hier den höchsten Grad erreiche: wohl, und 
dieses geschieht eben sogar durch eine transcendente 
und fortwuchernde Ausschweifung; — 3) die Strafan- 
drohung V. 3 an die'Menschen sey unvereinbar mit der 
Existenz des Hauptverbrechens ausserhalb der rein mensch- 
lichen Sphäre : allein die Schuld liegt an beiden Seiten; auch 
wird dort nicht sowohl eine „Strafe" (welche die doch jeden- 
falls unbetheiligten „Gottes-Töchter" [Sethitinnen] unverdient 



* Wie durchaas willkürlich diese Annahme sey, ergiebt sich auch 
aus dem grade gegentheiligen Resultat ihres Standpunctes, wonach 
umgekehrt Cainiten d'^nb^rt "^5^ seyn sollen, sey es nun wegen ihrer 
Erfindungsgaben und Kunstfertigkeiten, G-en. C. 4 (Ilobn in P a ul. Memor. 
VII, 131 ff.), oder weil sie jenen Namen sich angemaasst hätten 
(b. Tjblb 160 f ). Schuh, (vgl. ob. S. 124 Dath., unt. S. 128 Is. Pbyhbb.) 
versteht darunter Adamitenals nach „Gottes Bilde" geschaffen, da- 
her ansehnlicher Erscheinung (die auch Fag. Critt. es. yil,647 
durch Q'^^bfitn *^^!3 bezeichnet meint), tüchtig und langen Leb ens, 
aber verweichlicht und abgefallen (s. u. zu b'^bfid). Ist es nun nicht 
sonderbar, dass man hiemach unter ti'^ilbMM *f3^ Adams -Söhne, 
dagegen grade inti^Mtl niSl nicht Adams-Töchter erkennen soll? 
** S. bes. Hbnqbtbmb. Auth. I, 828 ff., Eü^il Ztschr. f. d. g. luth. 
Theol. 185Ö. 2, 220—266 (Gomment. I, 85 ff.) vgl. Stböbbl ebd. 1861. 
2, 289—297. Dagegen Enoblhardt ebd. 1856. 3, 401—412; Kurtz, 
d. Ehen der Söhne Gottes (1857), und: die Söhne Gottes und die 
sündigenden Engel (1858) ; die Commentare v. Baumoabtem u. Dbmtzscr *, 
vgl. Ed. Böhiobb 141 f. 



126 ^i® Yorsündfluthlichen Hünen. 

mitireffen würde), sondern vielmehr nur ein nothwendiges 
(wenn auch immerhin durch Sünde veranlasstes) negatives 
Verhängniss über die in ihrer Verderbniss riesig fort- 
schreitende Menschheit und die hiervon zu purificirende Erde 
angedroht, die Sentenz über die jenseitigen Verführer 
aber, da sie nicht mit zur Geschichte der Menschheit und 
Erde gehörte, jetzt noch verschwiegen (vgl. Baumg. u. Del. 
z. d. St), übrigens im N. T. auch offen ausgesprochen; — 
4) ritia^ npb (V. 2) komme fast ausschliesslich von dauernden 
Ehen vor: allein diese, wenn auch wilder Art (fortgehende 
Concubinate)', sind hiermit nicht ausgeschlossen, besonders 
da jenes anoXmeiv t6 iSt^ov olxtjtijQWV Jud. 6 (im Ge- 
gensatze bloss temporären Erscheinens von Gottesboten auf 
Erden) ein nunmehriges Wohnen und Hausen, (oixeiv) in 
einem andern, entgegengesetzten Gebiete, nämlich auf der Erde 
(S. 115), voraussetzen lässt, worauf auch V. 4 nfi^^-i als fortge- 
hende Handlung hinweist;* — 5) es sey eben das zur schärf- 
sten Warnung vor israelitischen Verheirathungen mit 
Canaaniterinnen erzählt, die bei der ersteren Auslegung 
ganz verloren gehe: allein diese präsumtive Application ist 
um so willkürlicher, als sie nicht nur hier an Ort und Stelle 
mit keinem Worte angedeutet ist, sondern auch späterhin, 
wo es eben dazu wirkKch kommen will, jede Zurückverwei- 
sung auf dieses hellleuchtende Warnungsexempel, mithin grade 
das stärkste Motiv fehlen würde (z. B. Exod. 34, 15 f. Deut. 



* Im Sinne nur einmaligen Umgangs würde tniD^^ )npb aller- 
dings nicht erschöpft seyn, während andererseits der Begriff gewaltsamen 
Weiber r a üb e s zu stark dafür ist (Lüth. Enarr. II, 154 y^rapuertmt quas 
voluerunt ac potuerurU", wie auch Pelaro. u. Dbus. b. C alo v 641 sq. npb 
als rapere ; vergl. Del. 233, „welche und wie viel sie immer wollten 
[ob. S. 113], rissen sie durch übermächtige Gewalt und Verführungslist 
an sich^^). Bei dem allen aber steht das H^i^ tlpb hier auch nicht 
so abgeschlossen wie sonst, vielmehr mit dem ihm wesentlichen 
Zusätze l^tl^ ^)öfc« bD73 (S.113), und ist demnach allerdings ein will- 
kürliches und damit auch ungeordnetes Herausnehmen, wonach 
die der ersteren Phrase sonst eignende Bedeutung der Ehe (die auch 
schon Tebtull. vd virg, c. 7 streng festhält, indem er b'^Ud^ auf vir- 
ginea beschränkt, eben weil die Engel nicht aduUeri, sondern mariti 
genannt würden) in dem Maasse doch auch selbst philologisch wieder 
etwas zurücktreten muss. 



Die vorBündflttthUchen Hünen 127 

7, 3 f. vgl. Num. 25, 1 ff. Rieht. 3, 6. 1 Kön. 11,1 ff.), übrigens aber 
auch die zwischeneingetreteneVerheissung, dass die SUndfluth 
nie wiederkehren solle (9,11), jenes Motiv ohnehin wieder para- 
lysirt haben würde. Was endlich — 6) die Hauptsache, die 
sprachliche Möglichkeit einer derartigen Auffassung von 
ü'>nb«n '^33 (als Fromme) anlangt, so ist auch nicht einer 
der dafür angeführten Belege zutreffend, sofern diese Stellen 
theils poetisch sind, theils den Israel offenbarten und 
dann allemal nur auf Israel (ethisch) bezüglichen Namen 
mrr^ (nicht aber d'^nb«) zum Substrat haben. Die hier über- 
haupt etwa zu berücksichtigenden Stellen sind nämlich 
Exod. 4, 22 b « *! tt) -^ "^iDa -»ia m rr^ 'i»» rrz (vgl. Jer. 31, 7. 9. 

2Sam. 7,4. 14); , 

Deut. 14, 1 DD-^nb« mtr^b Dr» d*^5a (vgl. V. 2 tti*ip w 

trin-'b rrn«); 
Deut. 32, 3 i3'»r!b«b bna im '«•np« mir' Oü, worauf V. 6 f. 
n«T ibi2^r\ m n •> b rt : bnbriDi «py -ni dwi» T^an «b ib nnu5 ; 
Jes. 1,2 -^ribna d-^a^ ^a^ mn'»; 
Jes. 30, 1 n.irr' d«3 d-^^^no d-^sai •^in; V. 9 j^in •'i» w 

mrr^ n^in yi»tD lä« «b d-^sa d-'XDnd d-«Da; 
Hos. 2, 1 driN -^»y «b dnb iiz^^ ^«« — ('iai bfi<^ «-^ ^co» rriiii) 

■^n b« -^in dnb n»«"'; 
Ps. 73, 15 (von Israel, nach V. 1 d'^rtb« b^^iö-^b :nü ^K) 

Ps. 80, 16 (gerichtet nach V. 2 an bN*!«*^ W^) p by 
^b rtniSÄN; 

(Ps. 82, 6 .ddbd ^rby "»^ai dn« d-'nb« -^n^Ja« '>5ä von „Rich- 
tem^' als Gottes Vicaren, s. ob; S. 122 ;) 

Spr. 14,26 srjontt n^^jr^ T^anbi ty nüM mrr' nfi^^-^a. 
In allen diesen, zudem meist poetischen, Stellen ist fast aus- 
schliesslich der Name mrt% welcher (s. ob. S. 60 f , Bibelst. 1, 57 ff.) 
ein so ganz anderes Verhältniss darstellt als an unserer St. 
D-^tibN (über dessen Art. ob. S. 114), und ist überall dazu correlat 
b«^!»-».* Auch gesteht Luther, als Vertreter dieser Erkl., aus- 
drücklich II, 128: yyeatenimphraaia Novi Teatavnmti^^y vgl. hier 

* Oder es sind (Ps. 82, 6) die wirklichen Stellvertreter Gottes 
auf Erden, was ja andererseits eben auch die Engel als Utxovqytua 
nvBVfiaxa (Hebr. 1, 14) Gottes sind, sowie hinwiederum auch der Pro- 
phet und Priester mrr^ ^Kb» heisst, Hagg. 1, 13. Mal. 2, 7. 



128 ^i® Yorsündflathlichen Hünen. 

z.B.Ti3cva xmdviol&eoVf hc&eovyewti&ijvcueetj wobei die Ent- 
gegenhaltong des in jedem Sinne ganz singulären xivi^yaQ ünk 
noT€ t£v ityykXiav viog fwv ü avy kyw ai^fiSQOV yeyivvi]xd 
et X. r. L Hebr. 1; 5., wie dies auch gewiss ausschliesslich auf Ps. 
2, 7 (2 Sam. 7, 14) zurückgeht, an jenem notorischen D'^nV^Ji '^^^ 
b.Hiob cet (S. 114) sich brechen muss. Demnach kann au uns. 
St, aus jener Urzeit, D"^rtbKn •'in, welches, einfach gesagt, 
immer und überall nur Engel bedeutet und grade .in dieser 
Partie mit übrigens herrschendem m^ gewiss eine gimz 
isolirte Phrasis bilden soll^ nimmermehr von einem morali- 
schen Verhältniss gesagt seyn, um so weniger als ihm das 
nur physische d'iKn msn als unverrückbarer Gnomon zur 
Seite steht. 

Wird noch über dies alles hin und wieder — 7) auch 
der unmittelbare Anschluss an die Generations- 
reihe der Sethiten C. 5 (g^. Dietlein 151) betont^ so 
beweist dies darum, weil jetzt der ganz allgemeine und nie 
anders bräuchliche Name ülfi^n (und zwar mit consec. 'lai •^M'^i) 
eintritt, nichts als höchstens dass ^^die Menschheit'^ inzwischen 
grade mehr und mehr einheitlich und in dem Maasse auch 
bereits moralisch ununterschieden geworden war. 

So viel zur Beseitigung der Offensive von Seiten der 
Erklärung der „Gk)ttessöhne'' als Menschen. Ausserdem 
würde dieselbe noch auf folgende polemische Fragen Rede 
zu stehen haben: A) Wie eine solche Verbindung von 
Sethiten mit Cainitinnen theils eine leiblich so monströse 
Nachkommenschaft,^ theils eine so unerhörte Cata* 
Strophe totaler Vertilgung (einschliessl. der weiblichen 
Sethitinnen wie der männlichen Cainiten**) zur unumgäng- 



* Eine merkwürdige Vermengung der Geschichte wie auch von Ethi- 
schem mit Physischem, doch im Zusammenhange mit seiner Annahme 
▼on „Praadamiten^S bei Is.Psnusii, syst. theoL lY, 7 (s. Bahob 1. 1. p. 29 sq.) : 
„Qttitiii pegetes H foriesJudaei (!) a recewti formatianey quaDeus optime 
habüos eampeffenUf ingresn esseni ad ßüag homumm (geidUiumJj rcOiane 
iüa, qua Fories creaniur forUbus et äiüimtm humano eommixtum he- 
roas generaij cre a vere ^Ui Deißliabus homhnan comnUxti Grigantes^^ cet, 
(TgL ob. S. 125), — was offenbar keine Stütze der moraL Erklärung ist. 

** Was man wohl beachten möge, wenn man gegen die Erklärung 
TOD den Engelehen die ohnehin am Folg. sich erledigende Bemerkung 



Die vonündfittthlichen Hünen. 129 

liehen Folge gehabt haben müBse;*^ da sogar nach dem 
N. T. (1 Cor. 7, 12 ff.) der gläubig gewordene Theil einer 
Ehe von dem ungläubigen sich nicht scheiden soll?** — 
und B) wie es mit dem Sprachgefühl vereinbar sey, 
nachdem V. 1 im Vordersatze DnNri; und sogar mit '^it b9 
nunMn in Verbindung gesetzt^ nach vollster Universalität 
vonderMenschheit gebraucht worden, *** im Nachsatze 
nicht nur das doch grade gegenüberstehende D-'ribKn "^iä eben- 
falls wieder von (gewissen) Menschen; sondern auch zugleich 
das doch ebenso universell gesagte Dn^n nidtn nur von ge* 



richten will, ob denn in jene monströse Vermischung alle Menschen, 
ausser Noah und den Seinigen, verwickelt gewesen, da sich dieselbe 
sofort wider die eigene Deutung von nur menschlichen Mesalliancen 
zurückwendet. (S 114.) 

* CALov.(p. 642) findet das Verbrecherische des hier erzählten Um- 
gangs der Gottessöhne mit den Menschentöchtern als der Gotteskinder 
mit Weltkindern (s. ob.) in folgenden Umständen: 1) ^,quod uxores 
duxerint invitia parentibus^^ (was Gbrh. 177 aus n^tlS, ob. S. 113, 
folgert); 2) j^eolam pulchritudinem sine pietatis respectu aJt" 
tenderirU (auch Oxcolamp. b. Marl. 58 sq. ^,quod mera libido regna- 
verü' — violentiM Ubidinu impettts^^^ und Pt. Mabtyr, sogar gegen den 
orig. Wortlaut, „nullo delectu aut ratiom aut jvstitia (tdducti sed 
tantummodo libidhie, adspectui oculorum inservienJtea et camaU cupi- 
ditati^^^ was auch nach Luth. die Hauptschuld, und doch noch im- 
merfort ein alltägliches Vorkommniss); 3) jjCwn Cainitut apoatatis 
aßmtatem contraxerint^^ (nur eine nothwendige Folge von 2); 4) „m 
gradibua prohibitia matrimoivia iruerirU^^ (s. ob. S. 124 Chytr., was 
aber doch mindestens bei Verheirathung mit den grade so weit ent- 
fernt verwandten Cainitinnen zu erweisen wäre) ; 5) y^exemph Lamechi 
plures aimul uxores duoaerint}^ Man sieht, mit welcher Willkür 
Anklagepuncte aufgesucht werden müssen, um schliesslich doch kein 
sändfluthwürdiges Verbrechen aufzubringen. 

** J. P. Lange lässt sich (S. 133) sogar verleiten hinzuzufügen: 
„wenn das Princip gesichert war, dass der gläubige Theil den un- 
gläubigen heiligen konnte (1 Cor. 7), erschienen solche Ehen mit- 
unter sogar im günstigsten Lichte.^^ 

*** Der Versuch, auch schon dieses erste dINn in engerem Sinne 
zu nehmen (s. b. Clbr. u. Gerh. 174), verdient gewiss nicht weiter 
verfolgt zu werden; ist aber daran nicht auch die, nur dazu noch 
inconsequente , gleich willkürliche Verengung desselben Begriffs im 
Nächgtfolg. schon mitgerichtet? 

HOELEMANÜT, Neue Bibelitudien. 9 



X30 I^^e Yorsündfluthlicben Hünen. 

wissen Menschentöchtern nehmen zu sollen;* zumal nach- 
dem jenes erste generelle DnNJi V. 1 sammt diesen DiKii m^a 
V. 2 durch den Schluss von V. 1 ünb inb"i m^m in unzer- 
reissbar unmittelbarste Verbindung mit jener Universalität 
(ünh) gesetzt worden ist, und überdem auch sogleich im 
nächtfolgenden 3. V. wiederum öiNrr, nach ungetheilter An- 
nahme der Exegese, von der menschlichen Gesammtheit 
steht? — 

Man thut fiirwahr der Schrift keine Ehre damit an, dass 
man, um Aussagen von ihr unserem Gedanken- und Erfah- 
rungskreise näher zu bringen, ihren Ausdruck künstlich 
wendet und verstellt. Ist das nicht *eben das Wesen des 
Rationalismus ? ** Wer es glaubt, dass „dazu ist erschienen 
der Sohn Gottes, dass er zerstöre die Werke des Teufels" 
und also überhaupt die Sünde breche (1 Joh. 3, 8) , dieser 
gesteht ja damit schon zu, dass der Teufel auch selbst 
alle Sünde, mithin auch die gegen das sechste Gebot, musste 
begehen können. Und wer es ohne Docetismus fassen kann, 
dass die Engel bei Abraham assen und tranken (Milch tran- 
ken und Mehlgebäck und Fleisch vom Kinde assen Gen. 18, 
6 — 8), und dass dieselben Engel unmittelbar nachher Ge- 
genstand wollüstiger Attentate von Menschen waren (Gen. 
18-19: S. 118. 120),*** der sollte in dem Bericht desselben 



* J. P. Lange will zwar (S. 137) „die Töchter der Menschen 
im physischen Sinne durchweg^' verstehen, aber nun mit dem gleich 
willkürlichen neuen „Gegensatze des natürlichen Menschen zu den 
Söhnen Gottes im ethischen Sinne.^^ 

** Und selbst (Jieser weiss jetzt ehrlicher zu verfahren. Ed. 
Böhmer, nach welchem „der Bedactor allerdings von fleischlicher Vermi- 
schung von Engeln mit menschlichen Weibern redet^S trennt dieses 
„sein exegetisches Ergebniss'^ ausdrücklich von seinem „dog- 
matischen^' Privaturtheil, wonach der Bed. „ethnischer Mythologie folge, 
nicht israelitischer Glaubenslehre" (S. 144), von welcher letzteren hier 
indess ebensowenig die Rede ist als von ersterer, dem späteren Echo 
dieser a priori weder zu constituirenden noch zu negirenden Ge- 
schichte (s. ob. S. 120 u. unt). 

*** Nicht zu gedenken „ihrer Behausung" (Judä 6) und des 
„geistlichen Leibes" der auferstandenen Menschen (1 Cor. 15,44)^ 
die eben dann den Engeln gleich seyn werden (Luc. 20,35 f. S. 115); 
vergl. KuBTz, Bib. u. Astron. 5. A. S. 135. — Eine temporäre wiükür- 



Die vorBÜndfluthliohen Hünen. 131 

Buchs von thatsächlicherWolluBt; wenn auch nicht schon vorher, 
so doch eben dadurch gefallener Engel nichts an sich schlecht- 
hin Ungereimtes und Unmögliches finden ; um dann vor der 
pragmatischen Folge dieser Ungeheuerlichkeit; dem göttlichen 
Rathschluss einer allvertilgenden Fluth; die in ihrer Einzig- 
keit und Unbegreifiichkeit doch gewiss eine gleich unerhörte 
und in ihrer Fortentwicklung auf anderen Wegen unaus- 
tilgbar gewordene allgemeine Depravation und auch selbst 
physische Degeneration voraussetzen lässt, nur um so rathloser 
za stehen; oder über diese dann ethisch unlösbare Frage 
ganz still hinwegzugleiten. Es liegt eben ein ungeheuer 
schweres Mysterium über jener Periode der grauen Urzeit. — 
V. 3. Bei diesem greuelhaften Zustande auf Erden, wo 
sich Engel mit Weibern zu gott- und naturwidrigem Ver- 
kehr einigten, „da sprach Jehovah*: Nicht soll Ge- 
richt halten MeinGeist im Menschen in Ewigkeit!^' 
Dieser „Geist Jehovahs" ist nicht der von „Jehovah- 
Elohim^^ dem Menschen eingehauchte (2,7) „geschöpf- 
liche menschliche Geist", sey es nun „wegen seines gött- 
lichen Ursprungs und gottverwandten Wesens, oder auch nur 
als göttliche Gabe" (D£L. 236, nach Grot. „spirüus a me 
datus homini^^, Ilgen Urkk. 30 „mein Lebenshauch", Baumg., 
Keil „der dem Menschen verliehene göttliche Lebensgeist, 
das Princip des physischen und ethischen, natürlichen und 
geistlichen Lebens", E. Schrad.), — wofür es ja keiner Sünd- 
fluth, sondern nur einer „Zurückziehung" bedurft hätte ** 
(s. dageg. auchLuTH. Enarr. 11, 130 sq.). Wie vielmehr schon die- 
ser ausdrücklich als „Geist Je h o v a h s" (welcher so weder Gen. 
1 noch 2 vorkommt) bezeichnete Geist hier nicht ohne etwas Wei- 



liche Verdichtung der Engelkörper nimmt neuerlich Delitzsch an 
(vergl. Frc. Geobq. Vembt. b. M. Gbisb., Opusec. p. 296). 

* Nach Pete. Mabt. zu Noah. Obwohl V. 13 direct angegeben 
wird, was Gott „zu Noah^^ gesprochen, so ist doch wenigstens die in 
uns. y. zuletzt ausgesprochene Gnadenfrist gewiss auch nicht ohne 
prophetische Ankündigung geblieben, s. unt. S. 142 f. 

** Vgl.be8.ffiob84,14f. ^löä bs yia*^ itfitK'^ vV>» iriTaiDST imn 
^W^ ^ty by DIKI ^n*^, wo im erhaltenden tlTn mit correspondi- 
rendem 'l'Oä b^ deutlicher Rückbezug auf Gen. 1, 2 und in tlTa^Dd 
mit correspondirendem Q^M wiederum auf Gen. 2, 7. 



132 ^^6 Yorsündfluthlichen Hünen. 

teres der dem Menschen eingehauchte, also nunmehr aus ser- 
göttliche Geist seyn könnte, so hindert diese Annahme grade- 
zu nicht nur weiterhin das contrastirende *i^^, sondern auch 
schon das jetzt unmittelbar davorstehende Verbimi ^IT^, dessen 
abgestumpfte und verallgemeinerte Erklärung als „walten^^ 
lexicalisch ungerechtfertigt (die zuletzt von E. BÖHMER da- 
für angef. Stt. Gen. 49, 16, Sach. 3, 7 sind schon durch die 
Constr. mit Accus, anders geartet) und eben nur aus einer 
Combination mit jener falschen Auffassung des ;,göttlichen Gei- 
stes im Menschen" entsprungen, wenn auch z. Z. fast allge- 
mein angenommen ist* Warum hält man sich nicht viel- 



* 1lT^ als ä) herrschen (vgl. ')1^N Herr) Schüm., Maur., Knob., 
und dann überh. walten Geben. (LG. 409 Not), y. Bohlen, Dbi..(236), 
E. Böhmbr{14:5), E. Schbader (Nebenform pN): also etwa wie Col. 3, 15 
^ etQ'vri TOM XQiojnv ß Qaßevit (a iv rale «agdime v/idiv. Vielleicht 
im Hinblick auf dbs^b, um so mehr aber ohne Rücksicht auf C. 3, 
findet E. Böhm, hierin das heidnische ff^oveonv t6 ^bIov, sofern ,jetzt 
auf andere Weise (als im Paradiese durch den Genuss vom Lebens- 
baum) die Unsterblichkeit im Menschengeschlecht Platz greifen 
zu wollen schien", — etwa durch das nächstfolgende Fleisch- 
werden? Hat denn dieses Anwartschaft auf die Unsterblichkeit? 
Noch mehr in der Luft schwebend ist — h) die entgegengesetzte Bed. 
herunterkommen, sich erniedrigen und gehorchen (subfict, 
humiUari), wie J. D. Mich., Vateb, Schott, b. Gssek. (Thes.), v. Ew. (Com- 
pos. d. Gen. 203 f, Jahrb. VII, 22 f.), Tiklb, Baumö. — „nach dem 
Arab. nur angenommen, im Hebr. aber unerhört und keinem der alten 
Uebersetzer beigekommen" (Del.). Dagegen erscheint grade bei die* 
sen a. Ueberss., wenn auch ebenfalls wohl „nur gerathen," — c) ver- 
bleiben: LXX xarafiehf}, V ul g. jp«rmane^, Onkel., Syr., Sam., 
Arr., Pers., femer Clbe. u. Böttch. (Infer. p. 34 *|1*1 s. v. a. T)^ Ps. 
84, 12. Dan. 4, 9. 18 u. a., vergl. p u. ^S, D'^itt u. ^In). Doch will 
man auch schon den a. Ueberss. selbst die Lesung ^11*^ (Cleb., 
HouBia.,lLo. a. 0. 30 u. Paul.Memm.Vn, 132), oder auch dlT^ (qtUescere, 
L. Capell. b. Ges. und Seh um.), oder llb"^ Leo Cabtr. b. Gerh. 
p.l78, Calov.644 u. Dath., vgLMich. SuppL, Ges. Thes.) unterlegen. 
Wirklich abenteuerlich ist endlich — d) ein Verb, denom. Niph. von 
p3 Scheide (des Schwerdts 1 Ghr. 21,27) als: in einer Scheide stek- 
ken, KmcHi b. Luth. Enarr.II, 131 sq., Abbn-Esr., Paonin., Cajetan. 
(b. Calov. 644), arab. Vers. b. Pocock. (Cler,), Gbot. : j^spmtus a 
me datiuf himmi non manebit in homine diu inclusus vekU in vagina^ 
guippe nuUi bono usui, non magia quam ensia tectus (p3 Dan, 7, 15 cor- 
pus?), nempe quodspirüum intra se contineat^^, wozu b. Buxt. Lez.Chald. 
p. 1307 d. talmud. St.: „n« revertatur anima in vaginam suam^^ (coli. 



Die vorsündfluthlicben Hünen. 133 

mehr ganz einfach an die übliche Bedeutung von *pn (dessen 
ursprüngliches 1 noch in f 11» eidstirt) als richten; wieSymm. 
{xQtvBi)^ Jon.; Targ. Hieros. u. Venet. (s. b. Böttch. Inf. 
p. 34)? Davon ist auch selbst nicht wieder auf rechten 
und streiten (Niph.) abzugehen, wie Oecolamp. (b. Marl. 
50) : y\rixatU8 eratjam aliquot aaeculia cum mundo, qui tarnen 
subinde detertar fiebat — ac st diceret: nunquam fofie unquam 
litigandt finem, niai anaam aemd insolüa vindicta praeci" 
dat'/' ebensowenig auf Streit des göttlichen Geistes mit dem 
Körper (t]na, KiMcm b. Fag. Crr. ss. VII, 647 sq.). Näher 
dem einfachen richten schon Calov. (644): „quod sptrttua 
Domini non amplvua contendere debeat cum hominäus, aut ju- 
dicare eosdem et W^y;|f6*v, conmncere verbo'^, wie auch (mit 
Chttr., Ad. Osiand. 173a, Dath. „rerfargfwere", Moldenh., 
RosENM.) Gerhard 184 vergl. Joh. 16, 8 Spiritus 8. iUy^u 
tov xocfiov^ (wofür auch Luth. ebenso wie hier „strafen"), 



PI in. H.N. 7, 53 ^ydonec cremato eo inimici remeanti animae velutvaginam 
ademmnt^^). Allein wie die so angenommene Bedeutung ohne wirkl. 
classischen Beleg, und dazu uns. St. ohne die entfernteste Andeutung 
einer solchen Metapher ist, so würde noch überdcm die Form nicht 
"|ilj, sondern y\*^1 lauten, s. N. Füllbb, miscc. ss. V, 5: Var. intp. vb. 
ri"» Gen. 6, 3 in Crr. ss. VII, 257 sq. 

* Doch schlägt ders. Gebh., welcher in diesen ersten 4 VV. 
überh. die Verderbniss des Status oeeonormcus (V. If.), ecclesiastieus 
(V. 3) und poUticus (V. 4) , in V. 5 aber dessen Summirung erkennen 
will, p.l78 auch noch eine andere Erkl. vor, wobei ^tll^ ITT^ ein sub- 
jectives disceptare, etwa nach Art des neutest. BianQivao&ai, ent> 
hielte : „Tion atnpUus ne dilaiurum meritum su/ppUcium ivistar eorum^ qui 
apud 86 incerti de die in diem differünt aUquid agere^^ (vgl. R.Solomo 
b. Pull. 1. 1. p. 258). — Der Versetzung der Negation von ']'\1^ 
mAchen sich überdem schuldig die Erkl. a) Hibrox. Qu. hebr. b. Pt. 
Mart. f. 26 u. Crr. ss. VII, 648: ^,non eos ad aetemos servabo cruda- 
^, 8ed hie Ulis restituam quod merentur;^^ oder (wie b. Marlon 59): 
))non condemnabo hominem in sempitemum, quia fragiUs est ilUus con- 
<^u> , sed pumam iUum in hoc vita , ne pereat in sempiternum^^ (also 
K^ zu dbyb); oder ä)(Cajbt. b. Osiand. 175): bisher habe Gott geist- 
Uch gerichtet, da aber der Mensch ganz materielles Fleisch sey, wolle er 
ihn nunmehr auch mit fleischlicher Ahndung, dem Tode, heimsuchen 
(bier also «b zu "»ml). Zwar will E. Schbad. (S. 76 f.) we^n wechseln- 
der Stellung des «b u. a. einerseits Jer. 3, 12 Dbl5^b ^1t3« «b und 
andererseits Ps. 108, 9 'niö-» dbiyb »bl (S'^l'» n^A Nb) vergleichen, 
wobei indess doch Sinnesmodificatiou stattfindet. Endlich c) «b 



134 Die vorBündfluthliehen Hünen. 

und neuerlich J. R. Linder (Zeitschr. f. d. g. luth. Theol 1862, 
rV, 610) im Sinne des joh. xqIvuv tov xoafiov (Job. 3, 17 u. a.). 

So ist denn i^^n Gericht halten. Das im Men- 
schen (Dn«a) bisher immer noch geübte (innere) Ge- 
richt des Geistes Jehovahs ("^mn)* mag, kann und soll 
{'\^^^) den immer mehr und ganz und gar in Fleisch auf- 
gehenden Menschen nicht mehr erfassen, wie es nach Gottes 
gnädigem und heiligem Willen hatte fort und fort (dbyb) 
geschehen sollen. ** 

Indem wir so "^mi in seinem vollen Contraste zu dem 
folg. "n » n Niü würdigen, kommen wir zu dem zwischeninne- 
stehenden vielgedeuteten ü|pa, dessen bisherige Auflfassun- 
gen sich auf zwei Grundstöcke reduciren, nämlich I) als 
zusammengesetzte €onjunction und ü) als Infinitiv 
mit Präposition und Suffixum. 

I) DA«ä als Conjunction (schon alte Verss. u. jüdd. 
Interprr.) zusammengesetzt aus n, ^iDK (beides sonst beisam- 
men als'niöN^, wie 39, 9. 23) und noch öa „in- dem auch." 



wohl auch zugleich für «bil : „würde mein Geist nicht ewig die Men- 
schen richten müssen ?^^ J. R. Linder, Zeitschr. f» d. g. luth. Th. 
1862, IV. 

* So wenig einerseits d^fc^ia, eben weil der Geist Jehovahs 
darin richtet, die äussere Menschheit {irUer hominea) und viel- 
mehr nur iv T^ avd'^canq^ wie Job. 2, 25 seyn kann, ebensowenig 
kann andererseits auch das einfache '^ni'l der nach aussen gesetzte 
Geist Gottes seyn als „ministerium verhi meiy per quod Spiritus S, 
judicat, accusat et damnat peccata hominum eosque ad poenäentiam vo- 
cat : " ChytrXüs in Gen. Enarr. p. 201, Gerhard 178, vgl. ob. Cal., Osiand. 
Noch weiter geht Richers, indem er (S. 392 ff.) '^Till sogar von „den 
unter den Menschen wohnenden guten Engeln'^ (? vgl. ob. S. 121), 
wenn auch einschliesslich des Geistes Jehovahs, erklärt, dies aber weder 
exegetisch, bes. gegenüber den D'^tlbKil "^^^ , noch überhaupt biblisch 
rechtfertigen kann. 

** Vergl. J. P. Lange Gen. 137 : „ — richten eine Ewigkeit lang. 
In dem sündigen Menschen, der noch rettungsfahig ist, übt der Geist 
Gottes sein Gericht aus. Wenn aber der Mensch sich verstockt, so 
entzieht ihm Gott seinen richtenden Geist und damit verfallt er dem 
Gericht de^ Verderbens." — Nur dass hierbei weder die damalige 
totale Fleisch werdung (s. sogleich) , noch die entsprechende totale 
Vernichtung der Menschheit zu ihrem historisch - exegetischen Rechte 
kommt. 



Die vorsUndflatlilichen Hünen. 135 

Da in '^bwa (= -^b ^««a) und ••)ab«a. (= "^»b •n»«a) Jon. 1, 2. V 
analoge Decomposita mit den idenÜBchen beiden ersten Coef- 
ficienten {^m^ = niDMa) existiren, so würde man gegen die 
Zusammensetzung an sich nichts einwenden können, wie auch 
nicht gegen die Punctation des \D mit Pathach statt Segol 
in Anbetracht des alten '^niypiD (= '^r\)2p ^nüM) Rieht 5, 7 vgl. 
6, 17 nr«ti und H. L. 1, 7 rtTab«.* Wohl aber erregt schon 

a) das Kamez in ü>, welches sonst nie anders als üi er- 
scheint und durch den Acc. Tiphcha kaum ein hinlängliches Mo- 
tiv für Kamez haben würde, Bedenken (weshalb auch eine oder 
zwei alte Hdschrr. b. Del. u. Böttch. Infer.34D|uSa, u.so auch 
Hupf., Djbl.; E.Böhm. 146 D^ui^); — noch weit mehr aber 

b) die Einzigkeit dieser Zusammensetzung nicht 
nur im Pentateuch, sondern auch im ganzen Alten Test, 
und vor allem c) die Unangemessenheit der Bedeu- 
tung hiervon: „indem^' oder „dieweil auch er (Mirt, 
der Mensch) Fleisch ist'' {,jpropterea quod ipse qtiogue coro 
estf^^ Calv. b. Marl. 50). Was sollte denn die in „auch'' 
emphatisch ausgedrückte (freilich von LXX Sia ro ävai 
avTOvg accQicagf Vulg. „quia caro est; Luth. „denn sie sind 
Fleisch," Kimchi ^«»a b. Fag. Crr. ss. VII, 647, u. AA., 
8. u., factisch übergangene) Setzung von noch etwas An- 
derem ausser dem durch die Stellung dieses &^ unmittel- 
bar vor «m und wiederum des «in vor ^löa gar seltsam poin- 
tirten Menschen, ohne eine vorangehende oder nachfolgende 
Andeutung, meinen können? „Wie alle übrigen Bewohner 
der Erde, ein Sinnenwesen" (Knob.), war er ja stets: s. f. S. 
Die von E. Böhm. (146) „im Gegensatz" von »iSi vorge- 
schlagenen „überirdischen Väter" (D-^nbÄn ^^^), von denen 
er selbst zugiebt, dass „zwar diese kein Fleisch, aber ihre 
Kinder, die Riesen, mütterlicherseits doch Fleisch 
seyen," entsprechen ebensowenig. Mit gleichem und mehrerem 
Rechte würde man das „quoque^^ auf "^mi beziehen können: 



* Obwohl auch in dieser Hinsicht Sohbad. auf die durchgängig 
poetische Färbung der bez. Stellen aufmerksam macht, woneben 
sogar eben noch in Rieht. 5, 27 das volle ItDKl (wo) stehe, welch 
letzteres als „dieweil, indem*^ Gen. 39, 9. 20 unverkürzt vorkomme. 
S. nachh. unter b. 



136 I>ie vonändflathlichen Hünen. 

auch er^ mein im Mensahen (zamal in dem so monströs er- 
zeugten) richtender Qeis^ ist Fleisch. (Vergl. unt. S. 138 
E. SCHRAD.) 

Ebenso misslich ist die ungewöhnliche Beziehung 
des DA nicht auf das nächstfolgende (Kiri); sondern entweder 
auf das zweitfolgende Wort 'nu5:i (vgl Schott yiqyippe 
qwi etiam came constant;^ Lit. CentralbL 1862 Nr. 27, 546 
;,der Mensch ist nicht nur Geist, sondern auch Fleisch, 
also eine Verbindung heterogener Dinge/^ — als ob dies 
nicht das ihm C. 2 Anerschaffene/ vergL Schrad. 86, also 
grade das Normale wäre, wogegen hier vielmehr eine prin- 
cipielle und die ganze menschliche Wesenheit nicht mehr bloss 
in Frage stellende , sondern gradezu aufhebende Abnor- 
mität eingetreten seyn muss), — oder eine Beziehung des 
&A auf den ganzen Satz (s. b. E. Böhm.: ^^weil ja, da 
doch'^, ineiniQ, hnHÖi^nsQ^ nämlich das angeschlossne taa ^^en- 
clitisch'^ welches aber dann eben wohl auch abgeschliffener 
seyn würde^^was hier grade der erstereTheil desDecomp.ist*), 
wie auch Del. (237): „weil er ja Fleisch, widergöttlich ge- 
wordene Materialität ist," ^— woneben immer auch die klare 
Angabe, wie das so gekommen, und er anders ge- 
worden als er vorher und ursprünglich gewesen, vernusst 
wird. 

Neben dieser Erklärung her geht in der Geschichte 
der Exegese unserer Stelle — II) ta^^ä als ein mit Prä- (ä) 
und Suffixum (D-v) versehener Infinitiv. Dessen Wurzel 
wäre aatb = Siätö wanken, irren, fehlen, welche Formen beide 
verbunden erscheinen Hieb 12, 16 iiÄTöTai ^y^ ib. Von aa« 
wäre airi Inf. Kai, gebildet wie n'i (v. ^nn zu Boden strecken) 
Jes. 45, 1; "jj-d (v. ^DtD sich ducken) Jer. 5, 26; vgl. Dnab v. 
^^a Pred.3,18 u.a., s. Geben. LG. S. 365; und der Sinn davon 



* Der Rec. im Lit. CentralbL a. 0. vergleicht dafür Spr. 20, 11., 
wo üa mit Bezug auf das vorherige D!T^5W QA V. 10; 19, 2 05 
„80 auch*^ , und Gen. 32, 19. , wo fi^ltl DA einfach nur nai avtos, 
et ipse, „ ebenfalls.^^ Böttch. Inf. 34, fiir ÜSi auch ommno^ aller- 
dings} ja, (DAV)^ quandoquidem, alldieweil) zur Wahl stellend, ver- 
gleicht dazu Gen. 42, 22. 44, 10. , wo jedoch in beiden Fällen nur 
„auoh*< der entsprechende Erfolg zu der vorherigen Rede hinzu- 
kommt. 



Die vonündflnthlichen Hünen. 187 ! 

I 

wäre: in ihrem Verfehlen.* So, nach Gubset., Dath. 
ipropier errorea 9U08\ QfiS. 0;Weil sie sich vergangen"), Schüm., 
V. Ew. (Compos. 204 „durch ihren Irrthum"), Riciikrs, 
Keil („in ihrer Verirrung") , E. Böhm., J. P. Lange („unter j 

ihrem Irregehen").** Allein wie man auch das gäiö:: im- | 

mar beziehe, entweder (wie so eben) zum Folgenden: um ' 

ihres Vergehens willen sind auch sie Fleisch, wobei der ge- i 

nannte grosse Accent Gewalt litte; oder auch zum Vor- 
hergehenden, wo es kraftlos erscheint; oder auch mehr , 
asyndetisch (yjquia ddinquunt, quippe caro est üie komOy 
i. e. quia camü qua conatant libidine in errorea abduci ae pa- 
tmntur^*^ Maür.), — in jedem Falle läuft diese Auffassimg 
nicht nur wider die Stellung des miü vor 'iv^n (statt niDü 
Äirr, s. b. SOHRAD. S. 84 vergl. Ps. 78, 39 n»n ^«n ••d), son- 
dern zumal auch wider den Zusammenhang, welcher 
nimmermehr ein blosses Verfehlen aus Irrthum oder Ver- 
sehen, was njitt) stets ist (daher es auch nicht auf den 
ohnehin jetzt kaum an der rechten Stelle herbeigezogenen 
ersten Sündesfall gehen kann, v. Hofm., Schriftbew. I, 505), 
sondern im Gegentheil eine ganz entsetzliche Ver- 
stockung fordert, da es gilt, den göttlichen Rathschluss 
einer vertilgenden Weltüberfluthung zu motiviren. 

Die Sache wird nicht besser, wenn wir das Suffix, d-;- hier- 
bei nicht auf das generische Dn^ti, was doch zunächst liegt, 
sondepn auf 0'^nb«rt '^:n beziehen wollten, wie früher v. Hofm. 
(zurücknehmend Schriftbew. a. 0.), Richers (394), Nägels- 
bach und Th. Schott (Ztschr. f. d. g. luth. Th. 1861 II, 232), 
da nicht nur deren Erwähnung in der göttlichen Rede 
noch gar nicht vorgekommen ist, sondern auch der Frevel 
der Engel mit dem Worte ms^ als eine blosse Verirrung noch ' 

vielmehr allzu lax bezeichnet wäre und der Schluss von 



* Entspräche DjiV92 als Partikel etwa dem if ^ Rom. 5, 12., so 
als Infinitiv mehr dem ganzen **s ndpias av^^canove (6 d'dvatoe) SifjX- 
dev itp* c^ Tidvree rj /la ^ror. 

** In Aufl. 1 u. 2 (S. 229) auch noch Dbl.: bei ihrer (der jetzt 
lebendeji Menschen) Verrirrung ist er (der Mensch) Fleisch, d. h. bei 
jener — Ausschweifung — geht der Mensch, das geist-leibliche We- 
sen, (wider seine ursprüngliche Beschaffenheit) ganz im Fleische auf>* 



138 ^i« ronündflathlichen Hünen. 

hier auf totale Fleischlichkeit des Menschen (l«)3 Min) gar 
nicht einmal angebahnt würde. 

Nur eine besondere Nuance dieser Ableitung des üm^ von 
aaib (Siäü) enthält der zuerst von J. F. Bernd (exerc. 1732) 
geschehene und von Rosenm. adoptirte Vorschlag, den In- 
finitiv als den des Piel zu fassen: dum errare eos facü 
caroj wobei aber diese besondere Verbalform ohne jeden 
Beleg und das emphatische Kin ganz müssig seyn würde. 

Jüngst nun hat die Stelle III) durch Veränderung 
derLesart des Wortes Da»a aufzuhellen versucht Eb. Schra- 

T - : 

DER (Stud. S. 89 ff.); indem er darin einen „uralten Schreib- 
fehler" statt des ursprünglichen D tö B 3 sieht, wovon «b in dto 
und dann in aiö, sowie 3 in a verwandelt worden sey, und 
so den Sinn erhält: „ihre .Seele ist Fleisch." Nun ist zwar 
richtig, dass V. 3b die Begründung des in a allgemein aus- 
gesprochenen ürtheils Gottes enthalten werde, diese Begrün- 
dung aber nicht vollkommen darin liegen könne, dass der 
Mensch jetzt auch Fleisch sey, da er ja „ein reines Geistes- 
wesen nie gewesen", diese Begründung vielmehr darin liegen 
möge , dass er jetzt „ganz Fleisch geworden". . Unrichtig 
ist nur und damit eben die versuchte Wortconjectur umstür- 
zend, dass sich das auf die tDt)3 (nicht auf ni'i S. 132. 140) be- 
ziehen und dieses eben daraus sich ergeben soll, weil sie „in 
Folge der unnatürlichen Vermischung von Irdischem und 
Ueberirdischem selbst Fleisch geworden sey," da ja dies 
an und flir sich vielmehr auf eine unnatürliche Vergei- 
a^tung föhren würde. Aber auch noch ausser diesem logi- 
schen Mangel tritt der vermutheten Variante einestheils ihre 
starke Differenz mit den graphischen Grundelementen des 
fraglichen Wortes und anderntheils dies entgegen, dass mit 
ihr das sogar voranstehende Pron. Kin zum einfachen „ist" 
herabgedrückt wird. 

Bei solcher Unstatthaftigkeit aller zeitherigen Auffas- 
sungen und Wendungen des so vielberufenen daTOia wird es 
vergönnt seyn, eine andere Vermuthung zu wagen, die mit 
einem Schlage allen Schwierigkeiten entheben und ganz ein- 
zig in den Zusammenhang prassen, und wohl auch schon 
allein diese eingehende Erörterung eines so schwierigen Ab- 
schnittes motiviren würde, — nämlich, unter Beibehaltung aller 



Die voraündütttbiichen Hünen. 139 

traditioneUen Consonanten und Vocale^ die einfache Ver- 
setzung des in denMes. nicht sichtbaren diacrit. Punctes 
über v), so dass wir statt taitia lesen dA^^. Das Wort 
mfe, «ato (syr. l>^, chald. «ao, njo, 3>ap, «aty ) ist das s p e - 
cifische für Hochaufwachsen; Hochaufschiessen; 
wie vom Papyrusschilf, welches 6 bis 8 Ellen erreicht, 
Hieb 8, 11 ü^'n "^ba in« «^ito** (parall. 'nt^>'^), und von Cedern 
auf dem Libanon Ps. 92, 13 n a to •» iisabä i^M» * Mit der Form 
Drä (als Inf. mit Suff.) wird es sich dann nur ganz gleich ver- 
halten wie mit der vorhin (unter IT S. 136) erwiesenen dliö (als 
Inf. mit Suff, von ^m), zumal von :i:ite auch wirklich noch ein 
directer Abkömmling existirt im Pilp. ateato (eine Pflanzung 
grosswachsen lassen) Jes. 17, 11. Dann ist der Sinn unserer 
St.: ,^icht soll Gericht halten Mein Geist im Menschen flir 
und für :. in ihrem (das Suff. Plur. t— weist nun , wie natür- 
lich, auf die Individualerscheinuugen) — gleichs. ins Kraut 
schiessenden und baumlangen <- Hochaufv^aohsen (das Verb, 
stand ja eben specif. von Vegetations- und Baumriesen) ist er 
(nun erst wieder das ganze Geschlecht, Min, Eine Masse) Fleisch.'' 
So entspricht das d^toä ganz und gar dem yevofiBvoi BVfxsyi&ei^f 
was Baruch 3, 26 eben von jenen Riesen gebraucht wird.** Je 
grösser und ungeschlachter sie aber am Leibe werden, desto 
mehr geht ihr ganzes Wesen in Fleisch über und auf. Was 
vermag und soll darin noch Jehovahs Geist? /iioTL t6 
(fQovrifia TTJg aagxog Hx^Qcc üg i9e6v (Rom. 8, 7). Auch tritt 
es im Folg. eben und mit Nachdruck hervor, dass die von sol- 
cher Verfleischung und Verthierung der Menschheit 
und damit verbundener Entgeistung der Welt herbeige- 
zogene Sündfluth ergangen ist über „alles Fleisch", s. V. 12 

* J. R. LiNDBB a. O. vergleicht (zu DA«a) nattj, AÄ«, NÄW, 
(ob vielleicht ib statt V9?) mit der imHebr. wohl unnachweislichen Be- 
deutung „mehren, viel werden^', versteht es also numerisch: „müsste 
mein Geist die Menschen in ihrer Vermehrung nicht ewig richten?" 
Würde aber diese „Vermehrung" nicht dem ausdrücklichen gött- 
lichen Willen (1, 28 Y^l^H n« iKbTST na-n 1*nD) grade entsprechen? 
Fügt er aber übersetzend noch hinzu: „sintemal sie Fleisch sind", 
80 hat er (von der Accent. ganz abgesehen) &A1D^ zweimal und jedes- 
mal verschieden übersetzt. 

** Nach d. äthiop. B. Henoch C. 7 (Dillm. S. 3. 96) waren sie 
3000 (300) Ellen lang. 



140 Die vorsündfluthlichen Hünen. 

V, 17 cet, welches übr. dabei gelegentlich auch bloss von 
den Thieren vorkommt V. 19. 7, 15. * 

Man wird nicht in Abrede stellen, dass diese Lesung 
DAto^; mit welcher auch zugleich die masor. Accentuation 
gewahrt bleibt, einen treffenden Sinn giebt, da in dem Maasse 
als der Leib in das Riesenhafte zum Ungethüm aufwächst 
(wie bei Goliath gegenüber David) Geist und Gemüth, da- 
mit aber grade auch der mahnende göttliche Geist im Men- 
schen, zumal im Gewissen, verkommt und erlischt. Die 
Normalgestalt des Menschen beruht ja überhaupt auf einem 
eigenthtimlichen Centralverhältniss zu dem Grössten und dem 
Kleinsten in der Welt, was auch so wesentlich mit zu dem Micro- 
cosmus im Menschen gehört. (S. ob. S. 112.) Das auch intel- 
lectuell-sittlich Abnorme ausserordentlicher Leibesgrösse offen- 
bart sich übrigens fort u. fort auch in Ausdrücken, wie„Räckel" 
(eben von Kecken **), „dummer Mite hei" (letzteres so viel als 
gross, lang***), — die gradezu Schimpfwörter geworden 
sind, wie umgekehrt „Schlagetodt" ohne weiteres auch einen 
riesigen Menschen bezeichnet. Dagegen umschliesst ebenso er- 
fahrungsmässig eine zarte Constitution oft eine erhöhte Gei- 
stigkeit. **** — Zugleich bildet diese Wahrheit die Brücke 



* Vergl. "ITön im Gegensatz zu HTn auch Je8.31,3 "IttSta Drr^DIO 
mi NbT und (von Menschen) Ps. 78, 39 «bT ^blil m-| rr^rr llöl «^ID 
SITÖ"^; vgl. 1 Cor. 2, 13 f. nvsvfiaTixoU Ttvev/tattxa avyx^ivovtes' xfwx^- 
xog di äv^^afitoß ov de'xerai to tov Ttvtvfiajog xov &eov ; wie ersteres 
sonst im Gregensatz zu Gott Jer. 17, 5. Ps. 56, 5. (Pred. 5, 5.) Matth. 16, 17- 

** Gbapf, Althochd. Sprachschatz II, 363 ff. : „ÄK?A;aw, rechjan (hier- 
aus unser recken, rekken), cf. goth. rakjan, ext ender e*''' — {^^reichjan 
reichen, sich erstrecken" 396): also ganz so wie Tixäpee von Tixaiva», 
8. u. S. 150. — Die gleiche Anschauung von Dumm- imd Bosheit auch 
in den ausserbiblischen Biesen-Sagen. 

*** Ghaff, a. 0. U, 622-629: ,,Mihil — gr. fisyaX^ , lat. magnus, 
sanscr. makat, gross" — 7,Gd. rrdhile proceroe (statureiey^ — nuckeir 
licht Tnagrdficentia — mihili Grösse" „ — mikilet, mihhUet emineV^ 

**** Ein gewichtiges Memento wider die erfahrungsmässig eben 
auch die G^istigkeit (selbst der Miene) verwischende und so leicht zur 
Uebfa'hcbung verführende Turnerei, diesen antik-moderneu Cultus „des 
Fleisches", als obligatorischer Lehrzweig in Christlichen Schulen eine 
Signatur der Zeit. Das j u venarsche „ Orandnm est utsH mens saiia in cor- 



Die Tonündflttthliohen Httnen. 141 

zwischen den sonst auseinanderklaffenden VV. 2 und 4, hin- 
über zu der historischen Nachricht von den Kecken und Rie- 
sen und der endlichen vertilgenden Sündfluth. 

Zuvor aber ist V. 3b noch von einer Frist die Rede: 
ins« D^1>ö5>i rj»)3 ')'^iy^ vm „und es sollen seyn (so nach 
)^T) seine Tage 120 Jahr/' Die Frage ist hier: ob dies 
die fernere individuelle Lebenslänge, oder eine der 
Menschheit noch gewährte Gnadenfrist bedeute. ISrste- 
res (persönliche Lebensdauer); — wie Philo u. Joseph. 
(AÄ. 1, 4); Lact. (2, 13 doch nach der Fluth); Rüpkbt. b. C. 
aLap.; Ilo.; Bchum. (wenigstens fiir die Sünder), v. Ew.; 
TüCH, Baumq., Hävern.; Böttch. (p. 50), Saalschütz, Hüpf., 
Knob., Sörens., E. Böhm. (147 f. als damaliges Säculum und 
zwar nur fUr die erst den Engeln noch zu gebäi*enden Riesen, 
nicht aber ftbr die übrigen Menschen, obwohl i^»*^ nur auf 
Dn^rr zurückgehen kann) und £. Schrader annehmen,* 
— steht nicht nur mit der Folgegeschichte, worin 120 Jahre 
nicht das menschliche Normalalter bilden, in schreiender Dis- 
sonanz; es wäre auch ohne pragmatischen Zusammenhang 
mit den vorausgehenden Worten, dass Jehovahs Geist nicht 
für ewig in dem verfleischten Menschen Qericht halten möge. 
Denn wäre auch forthin zwar das ohnedies sterbliche Leben 



pore sano^^ (Sat. 10, 366) spricht selbBtredend nicht eine wechsekeitige 
Bedingung, sondern einen zweifachen Wunsch und zu Gebet aus. 
Ein christliches Princip s. auch 2 Cor. 4, 16. — 

* Dabei auch im Einzelnen viel Mangel an Logik, welchen die 
Exegese unverschuldet dem Text aufbürdet. So Ilqen, Urkk. 30 „es 
ist sein Leib zerstörbar [^^3 ^'1>^]> ich setze seines Lebens Frist 
auf 120 Jahr^', v. Ew., Comp. 204 : ,,da sie durch ihren Irrthum ver- 
gänglich sind hU)^], so [?] sollen ihre Tage nur 120 J. sejn*'; 
Knob. : der Mensch gehöre als ^\D1 „zur Classe der schwachen, hin- 
täliigen und kurzlebigen Geschöpfe; darum [!] solle seine Lebens- 
dauer fortan [?] nur auf 120 J. steigen": was ja doch alles auf Tau- 
tologie und Girkel {idem per idem) hinauskommt und hier um so weniger 
Stich hält, da die Vermischung mit den Gottessöhnen viel eher eine höhere 
Lebenskraft dem Menschengeschlecht einzuimpfen schien. Allein die 
ad^S (^12)3) worum es sich hierbei handelt) ist eben nicht „fleischlich** 
aufzufassen. Vielmehr das göttliche nvßvfAn (**ni^) kann schier nichts 
mehr darin corrigiren und schaffen, muss diese wandelnden Fleisch- 
massen aufgeben und durch eine allgemeine restaurirende Catastrophe 
untergehen lassen. 



142 ^^ Toisündflathlichen Hünen. 

(3; 22) der Einzelnen auf 120 Jahre beschränkt^ die dermalige 
Fortentwickelung der Menschheit aber nicht abgeschnitten wor- 
den ^ so wäre grade das db^b gebrochen und überhaupt die 
ganze Notiz hier unmittelbar vor dem Bericht von der Sund- 
fluth (welche E. Böhm. 147 nur aus Missverständniss des 
folgenden p i^nM DJii ausser Causalzusammenhang hiermit 
glauben kann) bedeutungslos. Hierzu kommt aber auch noch 
grammatisch^ dass der Singular des Suffix, in vn^ unmittel- 
bar wieder auf das nächstvorige Niri; dieses aber auf das 
collective d'ifitn zurückgeht , sogar nachdem dasselbe da; 
wo es sich eben um Individualerscheinungen handelte ^ mit 
DJittJd in seine Individuen zerlegt worden war, so dass der 
offenbar absichtliche und umsichtige Wechsel zwischen Indivi- 
dual- und Gattungsleben, durch gewählte Individual- und Gat- 
tungsformen markirt, hier plötzlich abgebrochen und verwischt 
wäre. Sonach ergiebt sich in den 120 Jahren vielmehr eine Gna- 
denfrist göttlichen Zuwartens fürdieMenschheit, — jene Zeit, 
OTB a;r6|€5ä/€To t] Tov &BOV (laxQoß^Vfiia ev tifiigaig Nm 
1 Petr. 3; 20., — wobei aber auch nicht, nach Cleb., das ganze Ge- 
schlecht wie ein Individuum angesehen wird, da ö^Ktn, worauf 
das Suffix, in T^tt-» zurückgeht, selbst principiell ein CoUectivum 
ist. Und ebenso collectiv nun (als generische Lebensfrist) : 
Targ., Hieron., Chrys., August, (b. C. a L ap.), Kimchi, Luth. 
(„Frist," Enarr. H, 142), Calv., Oecol., Chytr., Pelarg., 
Pt. Martyr (vergl. die Bussfrist der Niniviten b. Jona), 
Vatabl. (AA. b. Marl. 61), C. a Lap., Ad. Osiand. (173b. 
175 b), Grot., Cler., Mold., Dath. (temimus), Hengstenb., 
Ranke (ünterss. 1, 174), Schröd., Tiele, L. Schmid, O. v. Ger- 
lach, V. HoPM. (Schriftb. 1,425.504*), Kürtz, Del., Keil, 
J. P. Lange. Uebrigens ist die so gestellte Frist allerdings 
zugleich im Verhältniss zu dem Lebensmaass jener Zeiten 
bemessen, wozu sich das unsrige nur etwa als Vio ver- 
hält; sie würde demnach fiir uns etwa 12 Jahre betragen 
haben. Da sie aber nur durch ihre wirkliche Ankündigung 



* „Uebr. bezieht sich nicht bloss der zweite, sondern auch der 
erste Theü des Ausspruchs [th:^)> On»a "^mn )1^^ «b] auf diese 
Fristsetzung; der erste sagt verneinend und ohne nähere Bestimmung, 
was der zweite bejahend und mit Benennung des Zeitmaasses.^^ 



Die Tonündflutblichen Httnen. 148 

ihren vollen (pädagogischen) Sinn erhalten konnte (was in 
dem Ausdruck unserer St. noch nicht liegt ^ s. ob. S. 131); 
so verstehen wir sehr wohl das TCQOcptitivuv von Uenoch 
bei Jud. V. 14 f. (löoif i^k&e xvffiog — notiiaair xqIoiv xatn 
navtwv X. r. X,) und 3ixaioavvi]i xtjQvxa von Noah 2 Petr. 
2,5* Auch der Herr selbst bezieht sich Matth.24;38 wohl auf 
die ö-^tti in unserem VTy> mit u>gyaQ t^öav iv raig rifikQaig 
xalq ngo tov xaraxkvafioi tQciyovres xai Tilvovreg 
(also eine Zeit besonderen Wohllebens), yafiovvreg xai ix- 
yafii^ovTig (also ganz sorglos in die Zukunft hineinlebend) — 
zwar ersteres wie mit dem Motto im eigentlichsten Sinne 
j^apr^a nous le cUltige^^ (Jes. 22, 13), doch letzteres^ im Evangel. 
vielleicht selbst nicht ohne leise Anspielung auf unsere eben- 
falls verschleierte Erzählung von den „Weiber-nehmenden" 
Gottessöhnen; damals jedenfalls ohne dieses Motto. 

V. 4 folgt nun eine scheinbar abrupte wie auch asyndetische 
Notiz: ölnn D-^tt-^a y*n«n rn D'^besr», „die Nephilim waren 
auf der Erde in denselbigen Tagen." Wie jedoch schon 
ihre Stellung zwischen der solch eine Entartung und Frist- 
setzung bedingenden Vermischung höherer Wesen mit mensch- 
lichen Frauen einer- u. der nahenden Sündfluth andererseits, so 
weist auch DSnH d*'»''^ (,^ denselbigenTage n") direct zurück 
auf jenes t^ts-^ („seine — des Menschen — Tage"), und hierin 
liegt ein noch weiterer Beweis für dessen Bedeutung als Lebens- 
dauer des Geschlechts. Also fand das hier Berichtete ent- 
weder im Verlauf jener 120 Jahre oder, da sofort ein gleich- 
artiges p '»Infi« Qä") („und auch nachher") folgt, schon bei 
dem Beginn und der Ankündigung dieser Gnadenfrist statt. '^^ 
Hiemach wird sich auch bestimmen, ob vn zu übersetzen 
ist a) wurden (entstanden, eyivovto, yByovaffLV, neq)vxaaiv\ 
wie 17, 16. Jon. 4, 10. Pred. 3, 20 (Del. 238 „traten ins Da- 
seyn", E. Böhm, „entstanden — entsprangen," Knob. „sind ge- 



* Luther (Euarr.ll, 138 sq. 141 sqq.) nennt auch Predigten von La- 
mach und Methusala. y^Frustra docemvs, frustra monemue, mundus 
non vuk emendaril'^ (Dies als Erklärung von V. 3 a.) 

** Wie Dbl. : „um die Zeit, wo die Gnadenfrist anberaumt wurde^S 
wogegen Kkob. (u. Schaad., s. f. S.) ohne Rücksicht auf diese Correlation 
zwischen &ilil h'^'K^'^ und jenem V73*t . ,^damal8 als die Gottessöhne zu 
den Menschentöchtem kamen*" 



144 I^i® Torsündflathlichen Hünen. 

worden"); oder — b) waren (^(rai^LXX, cran^ Vulg.): sey 
es nun a) gleichzeitig, wie SCHRAD. (S. 101 d. Perf. gleich- 
zeitiger Zustand — mit V. 1 — 3), oder /9) wie Keil (94) „waren 
schon vor dem Beginn der Ehen der Gottessöhne mit 
den Menschentöchtem auf Erden" (nach Baumo.*). Wenn 
nun n-^sn an sich beides, Werden und Seyn, bedeutet, so 
muss ja derContext entscheiden; dieser aber fordert vielmehr, 
Y) dalss dieNephilim, die Frucht jener Mischehen,** „in den- 
selbigen Tagen" (!jy^)T) der gestellten Zeitfrist (T^ja*«) bereits „exi- 
stirten", da ihr Daseyn, d. i. eben jenes riesenhafte Hochauf- 
wachsen Dsto V. 3, die Präclusivfrist erst hervorgerufen hatte. 
Gegen a, erheben Keil u. Schrad, auch den grammat Einwand^ 



* I, 102: „Die Nephilim waren bereits vorhanden, aber durch 
die Vermischung der Söhne Gottes und der Töchter der Menschen 
trat dieses Geschlecht besonders herror^S "" ^^ unklarer Gedanke; 
in andern Fällen eine Ausflucht bei Auffassung von &'^^b^l^ "^^^ als 
„Menschen'*, die ja vor allem an der Consequenz einer physi- 
schen Degeneration scheitern muss: darum ebenso u. a. auch Calv. 
b. Marl. 60 zu p •^^HK ÖiH : „aZ^tor gigantum origo fu.it; sed 
deinde earum sectam imitaU sunt [!] gut erant ex prorrdacuis connvbns ;" 
vgl. auch J. P. Lange 133. 238. — Ob nun auch für Schsad. (S. 106) 
bei seiner ob. Erklärung : „die Nephilim waren auf der Erde in jenen 
Tagen (wo solche Verbindungen zwischen Engeln und Menschentöch- 
tern eingegangen wurden), und auch nach der Zeit wo die Engel 
hineinzugehen pflegten zu den Töchtern der Menschen" — eben dieser 
Sinn (vgl. u. S. 153) „sich so ungezwungen und natürlich in den Zu- 
sammenhang einfügt, so vortrefflich zu dem Ganzen stimmt, 
dass er nicht wüsste, was man dagegen auch nur irgend einzuwenden 
vermöchte:" nichtsdestoweniger steht demselben, ausser den alsbald 
noch hinzutretenden sprachlichen Anständen, nichts Geringeres entge- 
gen, als dass diese ganze Notiz über die von jenen Monsterehen so- 
nach ganz unabhängigen Nepi^ilim in einer so reservirt laconi- 
schen Erzählung bloss accidental wäre, wie denn dieser Interpret 
(S. 111) ja auch selbstgeständlich eben V. 4 „ursprünglich in gar kei< 
nem innem Zusammenbange mit V. 1 — 3" und auch hiervon wieder 
y. 3 „anderswoher entlehnt" denkt. 

** Daher an sich richtig Kmob., der Zusammenhang lehre, dass 
die Nephilim durch Zeugung von Seiten der Gottessöhne und Menschen- 
töchter entstanden, wie auch D£l., dass diese Vermischung kraft 
des Zusammenhangs als ursächliche Vermittlung des 1*^n zu denken 
sey. Vgl. u. S. 146 Lüth. und Näheres S. 153-155. 



Die Tortttndflatblichen Hünen. 145 

68 müsBte in diesem Falle rsi*«i G^^i^^ bo wurden'') lauten; 
doch könnte diese Construction nur die Unzulässigkeit noch 
aagenfalliger machen. Vielmehr ging die Tendenz des Erzählers 
in dieser real zunächst das vorige "iiDn Kin d^tDä erläuternden, 
dann aber auch dieVergeblichkeit der gestellten Frist darlegen- 
den Bemerkung dahin, vor allem den noch seiner Zeit gegen^ 
wärtigeU; darum auch mit dem Artikel ausgezeichneten, aber 
doch auch schon wie sagenhaft gewordenen (vergl. V. 5 nnsi 
''))>') b'^^nArr) Begriff der riesigen Nephilim herauszustellen, 
womit er daher auch sogleich einsetzt (vgl. ob. S. 2 zu 1, 2). 
So musste diesem ersten Begriffe der des Verb, ganz natür- 
lich einen Augenblick nachstehen und der letztere konnte 
nun nicht anders als in der vorliegenden Form (vTi) eintreten. 
Die Bemerkung EInod.'s, /lass der Verfasser sich gescheut 
habe, bei diesen seltsamen Verbindungen ib"^ zu brauchen, 
erledigt sich dadurch, dass eben dieses Verb, (freilich an- 
ders als Ej^. meint) in kurzem wirklich folgt. Denn wie, noch 
ausser dem organischen Zusammenhange, auch schon das 
ün'n d'^Ta*^:^ selbst einen sichtbar verknüpfenden Nerv von dem 
vorigen T^Ta^^ VT\i zu der jetzigen Thatsache bildet, so wer- 
den wir den Zeugungsconnex im nächstfolgenden auch noch 
ganz direct ausgesprochen finden in b« D'^Jib^Si '^3n 1«^*^ "ittj« 
DSib inb-^T D*i«n nia. S. unt. S. 154. 

Aber diese Frucht jenes gott- und naturwidrigen Greuels 
geschlechtlichen Umgangs von Engeln mit Frauen — die Ncr 
philim, ü'^bösn — wer und was sind sie? Nach LXX, 
Theodot. und anderen alten Verss., wie auch Sir. 16, 7. 
Weish. 14, 6. 3 Macc. 2, 4 sind es ylyavreg, Giganten, Rie- 
sen, Hünen.* Die exeget. Tradition stimmt dem überhaupt 

* Von den „Hünen" sagt Franz Maurbr („Ausland" 1864 Nr. 46 
S. 1094 a) : ,^anne , Heune oder Hüne nannten unsere heidnischen 
deutschen Vorfahren jedes fremde Volk, das ihnen widerlich oder 
uuheimlich war und nach ihrer Ansicht tiefer stand wie die Deut- 
schen, im Gegensatz zu den Welschen, worunter sie Gallier und Rö- 
mer verstanden, die sie hassten, aber doch bewunderten und nach- 
ahmten. £s kommt nun darauf an, zu ermitteln, wer eigentlich diese 
Heunen oder Hünen waren, deren colossale Gräber unsere Vor- 
fahren beim Betreten, resp. Erobern Deutschlands schon vorfan- 
den und schonten, weil es eben Ruhestätten von Todten, obwohl für 
sie unheimliche Plätze waren." 

H0ELEMÄ5N, Neae BibeUtudien. 10 



X46 ^^^ Yorsündflttthlichen HüDen. 

bei,* was sich unwiderleglich darin bestätigt, dass auch 
die nachsündfluthlichen Riesen einfach wieder als D'^bD^n ein- 
geführt werden.** 

Aber welcher Wurzel gehört das (hier defectiv ge- 
schriebene) WortD-^bö? selbst an? Man denkt zunächst und 
zumeist an I) bö3 fallen, wo dann, als von einer Wur- 
zel intransitiver Bedeutung (wie d'^:?3 von ö^J, *t^^^; 
'T»?5t u. a., s.,v. Ew. ALB. §. 149 e), die Form b'^öj wohl s. v. a. 
lapstis, Gefallener seyn kann und mit der Bildung auf t zu- 
gleich Substantivgepräge hat, wogegen beb (als hingefallen, 
Rieht. 3, 25. Num.24,4. Esth.7,8) das rein Participiale fest- 
hält. In welchem Sinne wären nun aber die D'^be? — Ge- 



* Vgl. LuTH. Enarr. II, 154: y^Diserte dicit ex iüo concubüu fiUorum 
Dei cum ßliabtis hominum nim prognatos ßlios Dei, sed gigantesy 
(S. ob. S. 144.) — Chytr. Enarr. 203: ,,Gigantes — Iwminea cyclo- 
picif feriy immanes, profana securüate contemnentes Deum et homines^ 
Icucantes /renos omnilms cupüütatibuSy nuüa vel Dei vd hanestorum ho- 
minum vel aegui aut bom rcOione habüaj'^ Vgl. S. 147. 150 

^* Num. 13, 33 von den Israel. Kundschaftern in C an a an: ,,Und 
dort sahen wir die Nephilim (d'^b'^DStl) , Enaks-Söhne (V. 28) von den 
Nephilim (wieder def.), und wir waren inunsern Augen wie Heuschrecken 
[so klein und hager erschienen wir uns], und also waren wir [auch] in ihren 
Augen." Und eben auch wieder unter dem — bald nach der Sündfluth 
(9, 25f.)verfluchten — Stamme C a n a a n s (Hamiten) fand noch ohn- 
.längst Febd. Werrb (Expedit, z. Entdeckung der Quellen des weissen Nil. 
Berl. 1848, S. 234 f.) das Negervolk der Bundurial von solcher Grösse 
(6 — 7 Fuss rhein.), „dass die Schiffsmannschaft wie Pygmäen unter 
Riesen war," — und ebenso auch wieder bei den am Nil inmitten 
Africas wohnhaften Bari — „Türken und Christen wie Kinder unter 
diesen Titanen stehend." — Es mag dahingestellt bleiben, ob nicht 
auch die Sage von dem mächtigen und wilden Heldenstamme der 
Niflungen oder Nibelungen aus dem Heunen-Lande, deren 
Stütze im Nibelungen-Liede wiederum die nordische Niflungasaga ist, 
mit diesen Nephilim in einer Verbindung stehe. Wie das nordische 
Göttervolk* der Äsen überhaupt auf Asien zuinickweist , so bewacht 
ja auch specieli Himindal die Himmelsbrücke (Bifrost) d. i. den Re- 
genbogen, das biblische Wahrzeichen der nicht wiederkehrenden 
Sündfluth (9, 12ff.), gegen die Riesen. Vergl. übrig, schon C. T. 
Rangb (praes. A.Se|inert.) de CHganbibus, Viteb.1660 p.48: „DeNe- 
phil-Heimar Arnobihus (Crymogea) et Carnephil didt se alias 
scrtUcmdum relmqttere. Quid ctbmirdi esset, si mixtum nomen dice- 
remus , seil, der Nep hil im He (ijmat seu patria f ** 



Die Yonündfluthlichen Hünen. 147 

f a 11 e n e ? — 1) Qradezu die Bedeutung des Riesigen selbst 
gewinnt Fübst HWB. : „Hochgestreckter, Grosser, Starker, 
Riese'^^ doch dies von einem „ungebräuchlichen'' bD3 als e?/u- 
nere, vergl. b^a, bß^ und b:a3 arab.; passiv Böttch. Inf. 
p. 96. 98 als Hingestreckte (collapst\ proruti), so wie sie 
in den Hünen- Betten liegen; — 2) Aq. oi ininintovx9$ 
(C. A Lap. imient68)j also Ueber- oder Anfallende (Kkil 
nach Del. „Ueborfaller"), oder Eingefallene: dann 
jedenfalls s. v. a. mächtige Räuber (vergl. bca Hiob 1, 15), 
Symna. ßiai^i; Cler., Vatabl. (b. Marl. üO), Ad. Osianü. 
175 b, Deyl. 1,126 sq., Dath. {latrones), Ges. Tlies. (vgl. 3, 18.) ; 
und so auch LuTH. Enarr. II, 156 sq. : „a tyrannide et opprea- 
sionej quod vi graeaati aint (coli. Ps. 10, 10) — gudes poetae 
pingunt Oyclopes^^ * — vgl. d. folg. D'^iaa, obwohl sie L. als legitime 
Obrigkeiten denkt; — 3) als (local) Herabgefallene Targ. 
Jon.: Schemchazai et Uziel cectderunt e codis («"^»lö "j» yb^t^) cet. 
b. Calov. (643), Pt Mart u. Schum. (s. ob. S.112); auch 
B. Henoch(ebds.), Rabchi Num. 13,33; Hasse Entdeck, (die 
vom Himmel Gestürzten), Sörensen (53 „ähnlich den bergauf- 
stürraenden Giganten hinabgeworfen"), vgl. ob. Lactant. 
2,14: „angelt in codum ob peccata, quänts se immerseranf, 
non recepti cectderunt in ten^am/* Also hätten wir in D'^bc: 
entweder vom Himmel Herabgeschwebte um zu sündigen 
{delapsi ad lapaum), oder nach der Sünde vom Himmel Ge- 
worfene. Allein Beides ist darum falsch, weil die d'^bea nicht 
die Gottessöhne (Engel) selbst, die aucl) nachher sogleich 
wieder mit ihrem eigenthümlichen Namen erscheinen, son- 
dern' deren Bastarderzeugnisse sind, die niemals im Himmel 
gewesen. Ausserdem würde es bei Identität mit den Erste- 
ren nach dem Styl unserer Erzählung wie V. 4 b gelautet 
haben D^bwsi nian. Dies erwägend versteht 4) Delitzsch 
(234) „vom Himmel Herabgefallene, weil von himmlischen 
Wesen gezeugt", wo freilich der schon von Keil (I, 94) 
gerügte willkürliche und dann weiter verwerthete Zusatz 



* Vgl. vor. S. ChytrXub, unt. S. 150. Man denke an die Rui- 
nen der räthselhaften cyclopischen Mauern. — Cler. vergleicht dagegen 
die Centauren, die ebendeshalb von den Griechen, für D'^bD^ ^33, 
irrigerweise vloi va^ilfj^ wären genannt worden. 

10* 



148 1^1® vonundfluthlichen Hünen. 

,,yom HimmeF noch ausserdem in einem höchst tropischen 
Sinne geschichtlich erfasst werden soll. Resoltirte hieraus 
für w^hti doch wenigstens der Begriff der Hochgeborenen, 
so wird dies, obwohl vielleicht mit gleichem Rechte, gradezu 
umgekehrt und auf den Kopf gestellt durch die Erklärung, 
o) Geworfene, die ausser der Ordnung mensch- 
licher Fortpflanzung geboren worden (v. HoFM. s. b. Richers 
S. 397, vergl. etwa Jes. 26, 18 und unser „fallen'' von thie- 
rischen Geburten). — In das metaphorische Gebiet, nur ohne 
Beziehung auf Abkunft und Geburt» schlägt bei Ableitung der 
ü^bt^ von bpj 6) auch noch die Erklärung als mora- 
lisch und in dessen Folge auch physisch Gefallene 
lind Herabgekommene (W. Neümann in Reut. A. Rep. 1853 
X, 22£), oder auch Abgefallene, wie vielleicht Sir. 16, 7 
tisqI tüv uQ^aicov yeydvrwVf ot äniarriaav ry Icx^'i a^- 
ttav: s. b. Ad. Osiand. 173b (vergl. 2 Kön. 25, 11 ö'^bösti, 
bM ^b73n h^ ibB5 liöN , Jer. 37, 13 b« ber, wo jedoch, vergl. 
Unter 2., diePräpos. ein Moment hat), auch b. Deyl. Obss. I, 
126 {apostatae), RiCH. 397 (vgl. u.HI). — Endlich auch gram- 
matisch unmöglich ist 7) die Erkl. von d'^bsa als solchen, 
vor denen man hinfällt oder die zu Falle bringen: 
Abek-Esba, yyguod adeo esseni horribäes adspedu, tantumque 
ttmoreni tncuterent, ut eos spectantes prosiemerentur metu atqae 
deficeren^^ (b. P t Martyr.) u. KiMCHi (b. Range p. 7) ; vgl. 
J. C. DiETERiCl, antiqq. bibl. p. 101 „ guod immani sua proce- 
ritate et statura hominea cadere fecerint}^ 

Auf eine dem hiernach in keinerlei Wendung gnügen- 
den bpj lautlich verwandte hebr. Wurzel von ganz anderer Be- 
deutung, nämlich* H) Kbß, Sibs (biö) aussondern, und 
dann passiv &'^b&3 s. v. a. D'^^tb^; Ausgezeichnete (durch 
Grösse und Stärke), sind, nach Aelteren b. Pt. Martyr (eo 
. quodj qui sunt extra communem mensuram^ aint admirandi et 
quodammodo miracidum), TüCH, Baümg., Knob., E. Schbad. 
(Ausserordentliche, Gewaltige), und J. P. Lange eingegangen, 
denen sich jetzt auch v. Hofm. Schriftb.II, 1, 96 (vgl. t^ts. zu ut) 



* Ausser Naa „emporkommen" (v. Ew. — im Gregensatz 
des „fallen"), was auch Dach E. Schbad. „doch etwas fern liegen 
dürfte." 



Die vorsündfluthlicben Hünen 149 

doch 80 angeschlossen hat; dass er das Ausserordentliche 
(mit ansiössigem Vergleich von »bfi Jes. 9; 5) hier in „ der 
widernatürlichen EmpfUngniss'^ (vgl. ob. 5.) findet. 

£s kann Wunder nehmen; dass man auf diesem Wege 
der Wurzelvergleichung nicht zu einer andern hebr. Radix ge- 
langt ist; die wenigstens biblisch ungleich characteristischer 
seyn dürfte. Dies ist ]II) b^s* welken; abieben, (abstum- 
pfen;) ungeföhlig (gefühllos) werden (torpere), zumal an Geist 
und Herz; d. h. dumm und gottlos,** wofür Spr. 30, 32 
«tö^rnn nbas D«. Daher bas Narr und Gottloser, nbaa 

Tt-T ^TT 'tri 

Niedrigkeit, Niederträchtigkeit; Schandthat und Verbrechen 
(spec. grobe Unzucht; Gen. 34, 7. Deut 22; 21. Rieht. 19, 
23 f. 20; 6. 10. 2 Sam. 13; 12. Jer. 29, 23), — woneben 
tibn; als Gefallenes, cadaver, nriSfut, sogar noch directer 
zugleich wieder an bc3, cadere erinnert. So wären denn 
D'»bD5 (als ein noch gröberes d'^b'^aa) Verrohete, Ver- 
dummte, Gottlose, . äaißuQ (2 Petr. 2, 5 TtaraxXvaiwv 
xoafiq) custßüv kna^ag), atäa&aXoi, ßißtiXov (zugleich ein 
Lautanklang von bas).*** Vgl. ob. Sir. 16; 7 nBQl xüv oQ^ccltav 
yi^ydvTioVf ot aniarijaav ry la^vi axrtwv (wofür 3 Macc. 2; 4 
ylycevreg Qfoiiy xal ß-Qäaa mnot^ß-oreg), Weish. 14, 6 anoXXv- 
liiviav V7tBQ7]q>dv(iDv yLydvrwv , Bar. 3, 26 ff. iyewT^&fiOccv oi 
yiyavTBS ol ovofJLaöToi an ctQ^fj^f ysvofi^oi evfMyi&sig (DAU)1 
B. ob.); knustdfMVov noXifiov ov rovrovg k^Bli^ato 6 &e6g, 
ovSi oSov hniarriiArig I^wxbv avroTg^ xal dmaXowo nagä 

* Wegen Vertauscbong von 1 und t vergl. z. B. ^TÜ und ^Tfi 
spargerCj die bes. auch im Aram. wie ^pü und ^\^*^j bt*l3 und bT^Dj 
IwiD und fs^p; wegen der Passivform des Partie, bei einer Wurzel 
von intr. Bed. s. ob. zu I. Eine nicht-hebr. Bed. für ba3 ob. S. 147 b. Fürst. 

. «« Vgl. dazu U. a. V)^ zu Schanden werden mit ^^"^ (für beides 
Hiph. Q9^:i1*n) vertrocknen, und im Gegensatze bDU9 (b'^Dtdtn) so- 
lid (BÖHL 12 mess. Pss. S. 350 f.), d.i. verständig und fromm seyn. 

*** Vergl. auch nach (Laut,) Sinn und Form b'^IÄ und zumal 
b'^Dd, Narr und Gottloser, letzteres für den gewalligen und über- 
müthigen Nimrod (als Orion-Gestirn) Hiob 9, 9. (13,10) 38, 31. Am. 
5)8 (vgl. Joseph. AA. 1,5), jenen wieder so famosen Recken des Orients, 
von dem es Gen.l0,8f. heisst pÄS ^Sa nrtnb bnn ÄlSl (wie nach- 
her V. 4 DttJn -^löiN th')^T2 ^«K Ö'^'iaatl rtTsn), und dessen ge- 
nanntes Gestirn b'^DD targumisch bedeutsam eben auch mit Mb*^D3 wie- 
dergegeben wird. 



150 '^^c vorsündfluthlichen Hünen. 

TO jtt^ ^;f€M/ (pQOVfjat^Vt ccTioikovTO Sta TTjV ußovXlav 
avTciv. (Vgl. ob. S. 148 unt. 6.) 

Ein 80 ausserordentliches, hochauiragendes Ereigniss des 
grauen Alterthums konnte auch der Heidenwelt in ihren Tra- 
ditionen nicht verloren gehen, wie ja denn alle Mythologie 
nirgends leere (abstracte) Erfindung, und meist nur Wendung 
und Verdrehung von Geschichte, vor allem heiliger Geschichte 
ist, so dass die mythologischen Gestalten als Caryatiden mit 
verzerrten Zügen den Tempel Gottes mittragen müssen. Wie 
die Heroen (Halbgötter) überhaupt als Sprösslinge eines 
Gottes und eines Menschen (Plato, Cratyl.*), so erscheinen 
auch die Nephilim, diese Erzeugnisse von Himmels- und 
Erdenbewohnern, in der altclassischen Mythologie speciell 
als Titanen, TitävBg, Recken, weil von riraivta, deh- 
nen,** recken, wovon auch unser „Recke*', s. ob. S. 140. 
Von diesen Titanen sind denn auch die in den alten Ver- 
sionen für ö"^bB3 substituirten Giganten {yiyavreg S. 145) 
nicht grundsätzlich verschieden, vielmehr, wie Gerhard 
(„üb. die 12 Götter Griechenlands," Berl. Acad. d. WW. v. 
18. Jul. 1840, Philos.-hist. Gl, S. 391 f.) erweist, mit den- 
selben wenigstens in der späteren, monumentalen Ausbildung 
wesentlich identisch. „Beide sind Söhne der Gäa und an 
Beider Entstehung hat üranos Antheil (Hesiod. Theog. 
133 flF. vgl. 185). Aus erdgeborenen Riesen , den Cyclopen 
vergleichbar (Hom. Od. 7, 206 äoTUQ KvxX(07iig tb xal aygia 
(pvka rvyavTtöv, vergl. Paus. 8, 29), — sind erst in nach- 
homerischer Zeit die Giganten als Feinde und Bekämpfer der 
Götter dargestellt und solchergestalt den Titanen gleichgesetzt 
Innere Widersprüche des von Homer und Hesiod gelehrten 
Mythus, in welchem der Titanen Einsperrung im Tar- 
tarus (Hesiod. Theog. 717 ff.***) neben dem seligen Wal- 

* Ed. Tauchn. II, 257 : Ovx oto&a on ^fiidsoi oi ^^toee ; — Hav- 
rsg Biqnov yeyovaaiv iqaad'ivios § &bov ^nji^s ^ &t^TOv &säe ( — or$ 
naQa xo tov Sqmtog ovofia, o^ev yeyovaotv ol rJQcaEQ, Ofitnqbv naqijyfu- 
vov ioTiv). 

•** Davon auch Hesiod. Theog. 109 f., doch mehrtrans.: <Paaxe 
Si Ti^ivovxag axaa&aXiji uiya qe^ai "Eqyor, Passiv BÖTTCH., Inf. 
p. 100 TtravTo Rom. 11.4,445. Vgl. unt. S. 152. 

*** — Tixijvag, xal rove fiiv vno x&ovos evQVodeiije IH/iipav 
xal Bsofiola iv iv apyaleoioiv iSrjaav — Toaaov ivfqd'^ vnb yfj% oaov 



Die vorsUudfluthlichen Uüneo. 151 

ten des Kronos besteht^ mochten ihre von den Denkmälern 
deutlich bezeugte Verschmelzung mit den ' Giganten veran> 
lagst haben. Vergebens hat man auf diesen^csucht Titanen 
und Giganten nach ihrer Bildung zu unterscheiden (Raoul-Ro- 
CHETTE^ Memoire sur Atlas p. 43): schlangetifussig [Pau8.a.O., 
wohl in Erinnerung an den Schlangensamen Gen. 3 ob. S. 92] 
sind nur die Giganten; aber auch sie nur in späteren Kunst- 
gebilden (Auserles. Vasenbilder I. S. 24; 19). Der voralexan- 
drinischen Kunst sind Giganten sowohl als Titanen in mensch- 
licher Weise; den Göttern vergleichbar; geläufig; kaum dass 
eine leise Andeutung ihrer Wildheit in Formen und Beiwerk 
sich findet. Wie diese Giganten der ältesten griech. Kunst 
den Titanen ganz gleichartig erscheinen, und wie die Ge- 
sammtheit der sie bekämpfenden Götter in beiden Kämpfen 
gleichartig ist, wird alle; verhältnissmässig spätere,* Giganto- 



ov^avog io% anö yaitjg — (in d. Tartarus) Tnv nsQi. xakxßov iQxog iXi^* 
Xaxai, afiffi da fiiv vvS TQ^atoix^i xe'xvrat neQl det(fijr. — "Ev&a &ao\ 
Tixfives vnd toytp ^e^oevrt Kex^vipaTat ßovk^oi Jtog vsfsXtjYagi' 
Tao — . Toli ovx ^iTOv iox* , Ttvlag S* inid'Tixe HooeiBiSv XnXxsias^ 
jeixos n8^ixßixa$ ^ afifoxi^ot^w. Dieses von den Titanen, offenbar 
auch in mythologischer Verwechslung mit ihren Vätern, den „Gottes- 
söhnen" (wenn nicht dieser Name, b'^flbfitü "^3^; dazu selbst der An- 
lass ward, vgl. ob. S. 120 Herder u. a. und über die Ableitung von 
&'^b&3 S. 147, woraus sich dann übrigens leicht auch die eben hier in 
Rede stehende proteusartige Doppelbildung der Titanen und Gigan- 
ten erklärlich machte), von welchen „Gottes - S öhnen" 2 Petr. 2, 4 
sogar mit gleichlautenden Worten: 6 ^ebs ayyiltov afiaQxrjadvxoiv ovx 
ifaiaato, aXXä auQnXf ^Ofov xaqxaQtüoag na^iSutxev atg xgiatv xr,Q0V' 
fUvove — (s. ob. S. 116 ff.). TVe^ra^oe aber ist nach Fr. Böttcher, Aehrenlese 
zur homerisch -hesiod. Wortforschung, 1848 S. 23 „der bekannte, noch 
tief unter dem Aides^Beich gelegene unterirdische Titanen- und Göt- 
ter-Kerker, schon dieser Bestimmung nach der festverschlossne , in- 
nerste Felsengrund der Erde, dem Namen nach gleicbs. ein Starr- 
starr, eine malerische, wie in ßa^ßa^oe, ßogßo^oe xd^x^^og (für 
xa^X') gebildete und gebrauchte Reduplicätion der Sylbe r«(*", vgl. 
TaQfpos Dickicht, xd^ixog Mumie cet. Vgl. übr. auch Pin dar. Pyth. 
1,29 ff. iv aiv^ Ta(fxd(fqf xalxat, d'eciv noXifHog , Tvfdtg ixaxovxaxaQa- 
vog. Aus dem Canon selbst aber gehört mit hierher wohl audh Hiob 

26, 5 f. V^i nas biÄTö miy :otT^3Dtt5i ö-^^a nnr» ibbnn-^ ö*D*i!n 

]1^^Kb niDD; und zwar schon nach LXX: fin yiyaviee fiaioi&ii' 
oovxcit vnoxdxm^av v$axog — ; yvfii/6g qdrjg ivmmov avrov, 

* „Merkmal der Gigantomachie ist der Beistand desHeracles 



152 I^ie vorsündflathlichen Hünen. 

machie griechischer Poesie und Kunst nujr ein mit wechseln- 
den Namen erneutes späteres Widerspiel von Hesiods Titano- 
machie/^ Hiernach könnte es sich auch vielleicht nahe legen, 
selbst die beiden Namen einander zu assimilireu; also yiyag 
nicht als ;^;'6i^g * (Erdgeborner, ö^n) — eine sprachlich wie 
sachlich nicht unbedenkliche Ableitung — zu nehmen, sondern 
es analog demTirdv (von dem reduplicirenden ri^Taivo), neben 
dem einfachen tsivo), als intensiv dehnen, ob. S. 150**) 
ebenfalls aus einer zugleich entsprechend archaistischen Form 
(yt)ya(a (wovon yaati^Q) £ur ;faw oder x^ivco „gähnen" her- 
zuleiten , sey dies nun mit der Bed. des „klaffen" d? i. des 
Weiten, Grossen, Ungeheuren (eben des Reckenhaften) oder 
des dummen „gaffen" (wie K%xr}fvai(av tcoXi^ Aristoph. 
Eq. 1263 und ob. S. 149 d-^bBS), oder allenfalls auch überh. des 
Wüsten (vgl. x^^)* 

Jener erklärenden Notiz, dass „die Nephilim auf der 
Erde" (im offenbaren Gegensatz der früher vom Himmel 
herabgekommenen „Gottessöhne" S. 115, und in Folge dessen) 
„in diesen selbigen Tagen waren," wird nun noch er- 
weiternd hinzugefugt msa b^ DirtbKn -^ia iNa*» 'n«« p ^^n^ Dai 
örrb "^nb*»*! D'iNrt. Diese ebenfalls mannigfach deutbaren und ge- 
deuteten Worte bedürfen vor allem in ihrem Anfange der Consti- 
tuirung. Zuvörderst ist dAi nach dem Zusammenhange einfacher 
Zeitzusatz, also nicht intensiv (vgl. ob. S. 136; CALV.b.Marl. 
60 quin eiiam, cUque adeo; SCHOTT tnprtmis quum, Baumg., 



(Eurip. Herc. für. 179) und Dionysos, der mit der grösseren Be- 
deutung des bacchischen Wesens gleichzeitig aufgekommen sey n mag:" 
— und auch hierin ist, wie an den Heracles in den Hesperiden-Gär- 
ten (ob. S. 93), so auch in noch anderer Beziehung, da der nun ganz 
synchronistische weinbauende „Noach" [nb] in der Mythologie zum 
Jakchos (Bacchus) geworden, wieder ein Anklang an jene uralte 
Geschichte. 

* „^ yivofiat — et yij quod Doribua ya — . Ita Fabbr inThea. 
h. V., CoBviN." cet: Ramgb 1. 1. p. Isq., Pt. Mabt. p. 26 b. Ebenso- 
wen%, als vermeintlich gleicher Bedeutung, von ii%avoz Kalk, ELreide. 

** Vgl. yiyvoftai^ yiyvcioxto — arnalXaf, bTtmrevm, — »ö^ijo stär- 
keres kx^> , wie auch das obige ebenfalls wie reduplicirende ßdßrjloi) 
und vorhin S. 151 u. a. auch selbst xdqTaqos. 



Die Torsündfluthliohen Hünen. 153 

J.P. Lange ^^beBonders nachdem dass'^*)^ wie die, freilich 
ebendamit auch fallende; Annahme, dass D'^nb^n '^^^ Menschen 
sejen, es zumal erheischt Aber noch viel bedeutsamer ist, 
dass iu)M p nnK, wie auch schon der distinguirende 
Acc. R'bhia bei p zeigt, nicht ebensoviel als das kürzere 
nvM -""ifiM (nachdem dass, /MW^^ruam Vulg., Pelaro.; poatea- 
quam ScHUM.; Knob., E. Schrad. s. ob.); oder als p -»'inet 
(nachher, posiea) seyn kann, wobei der Sinn wäre: nach 
wie vor der Stindfluth waren Nephilim (vgl. ob. Num. 13, 33), 
wie diesen Sinn, mit Abbn-Esra, v. Ew., E. Böhm. (s. unt.), 
£. ScHRADiSK (ob.) wirklich annehmen, unangesehen, dass 
dies entweder eine ganz müssige Notiz wäre oder die Ver- 
geblichkeit selbst der Sündfluth von vornherein constatiren 
würde. ** Ebenso wäre es aber auch gegen die Pragmatik 
der Stelle, wenn sie besagte: die Nephilim waren in die- 
sen Tagen und auch nachdem dass kamen cet, denn 
nicht nur ist jener Engelverkehr als die einzige Ursache 
dieser Monstererzeugungen geipeint (geg. 3aumg., Keil, AA., 
ob. S. 144), es wäre die Frist von 120 Jahren auch relativ 
viel zu kurz, um so groteske Wesen dieselbe nicht auch schon 
selbstverständlich ganz durchleben zu lassen (vgl. 156). Auch 
fehlt ja noch theils die ausdrückliche Constatirung der bisher 
nur angedeuteten Meinung, dass die Entstehung der Nephi- 
lim von jenem ungeheuerlichen Umgange der Engel mit 
Menschentöchtern herrührte, theils und namentlich auch der 
eigentliche Nerv der Unwirksamkeit von der gestellten Frist 
(orrn D'^Ta'^a correlat zu r»*!, s.ob.). Wir lesen viehnehr und hal- 
ten darum auch fest das volle ^«)K p "^^n» d. i. poatea, 
quod (gtmm), nachher, weil (oder da), wie ^-lU)» 34, 27. 
30,38 vergl v. Ew. ALB. §. 353a mit Cit. uns. St,.l Kön. 
3, 19. 8, 33 ; und so auch Kurtz, Del., E. Böhm. n^K „vom 
Grunde." Hiervon ist aber unzertrennlich die correcte Auf- 
fassung des nächstfolg, i^tra^^ (dessen Euphemie mit bfi< als 

* Oder als „eben , grade/* Kubtz Gesch. d. A. B. I, 78 nach 
Dbttinobr. 

** Zwar nicht mit gleicher fehlgehenden Folgerung, aber doch 
eben auch und zwiefach sprachwidrig Richers 398: „und siehe (d^), 
selbst danach (*1ttfi< p "^^tlM, nach solchem Gericht) wohnetensie, die 
[auf dii^rde verwiesenen] Söhne Gottes, den Töchtern der Menschen bei.** 



154 ^ic Torrandflathliehen Honen. 

Beiwohnung weiter keines Wortes bedarf) nach seiner Tem- 
poralbedeutong. Denn nimmermebr wird man mit Enobel 
(Hupf.) übersetzen dürfen: „nachdem dass gekommen waren/^ 
Viehnehr hat das Imperf. seine yolle Berechtigung schon an 
dem "ivSM. Das ^^ingehen der Elngei zu den Menschentöch- 
tem^' wird nämlich durch das p "t^ntt nicht etwa begrenzt^ 
viehnebr wird letzteres durch ersteres motivirt (^t9M). ^^Die 
Nephilim waren auf der Erde in diesen selben Tagen^' (der 
eben dadurch heryorgemfenen Ankündigung und Währung 
einer Wartefrist); „und auch nachher '^ (d. h. nach dieser 
Fristsetzung;* nämlich „waren sie/' solche, auch noch andere; 
neue Nephilim, die dem Sinne nach allerdings jetzt erst 
wurden); ;;da (oder in Folge davon dass) fort und 
fort eingingen'^ cet. (;;fortfuhren zu kommen;^' Kübt2; 
oder Umgang zu pflegen), — dies also zugleich das nun 
auch direct erklärte Motiv des obigen rrt; nicht 
bloss des weiteren Entstehens von Nephilim (vergl. LXX 
xal fiev kxeivo wg äv eigenoQevtnfto^ wofür Drechsl. Einh. 92 
;;nachher; so oft," Nägelsb. d. Mensch 401), während das 
Motiv des früheren vn allein und für sich allerdings ebenfalls 
das Präterit. ifi<a würde erfordert haben. 

Demnach ist der Sinn von V. 4 b, dass jene Gnadenfrist 
wirkungslos blieb ; die scandalösenBastarderzeugungen; welche 
sie hervorriefen, dauerten fort. — 

Abermals im Zusammenhange mit dieser Erklärung (als 
Grund) steht die des nächsten ünh mb-^n. Entweder ist 
dieses 'i Consecution des Vorigen: und — ; oder es ist 
Nachsatz (Rosenm., Drechsl., KurtZ; Kkob. : s o — da — \ 
was indess schon durch das oben besprochene ^tSM p "^^nfit 
abgelehnt ist; sofern dieses nicht Vordersatzparfikel (past- 
quam) seyn kann, worüber Del. (Schrä^d. 108) noch bemerkt, 
dass in diesem Falle „statt iib-^T eher üinbm (bez., s. unt. 

J7 :it; t :- ••- ^ ' 

Knob., l^b^i)** zu erwarten wäre.'' Aber auch das iib'^i 
im ersten Falle d. h. i als einfache Gopula lässt mehr als Eine 

* Also nicht nach jener ganzen Zeit, nach der Sündfluth 
(s. ob., z. B. £d. Böhm. IÄ^'' als '„das noch fortgehende Vorkom- 
' men dieses Falles"). 

** „Das V. consec. vor einem Perf. würde hier dem Verb, nur den 
Sinn eines Fut geben können" (y. Ew. ALB. §. 344 a), Schb^d. 



Die vorsttndfluthlichen Hünen. 155 

Auslegung zu. Die filteste und auch mit Kecht allgemein 
angenommene ist; a) dass eben die Menschentöchter, zu wel- 
chen die Engel eingingen ; Subject sind (illaeque genuerunt^ 
V u 1 g., RosENM., ScHüM., TüCH; Drechsl.; KüKTZ, RiCUERS; 
HüPFELD, Del., Keil, E. Böhm. AA.), wobei das Prät. nach 
iKa-» mit V. Ew. ALB. §. 342 b gerechtfertigt, eine Angabe 
des neuen Subjeets aber (rrsn) durch den Zusammenhang, 
spec. die übliche Bedeutung von nb*^ (s. nachh.) und des genus 
Dnb, entbehrlich ist. Die Bedeutung dieser Aussage aber 
ist, dass jene Engel -Beiwohnung auch jetzt immer fort- 
dauerte und nicht unfruchtbar blieb, so dass die Frauen 
„gebaren" und zwar eben jenen Engeln (QSib), womit diesel- 
ben immer deutlicher und hier handgreiflich als die Väter 
constatirt werden (vergl. V. 1 onb -nb-» msai). Damit erhält 
zugleich jenes anfängliche i^n seine allseitige Vervollstän- 
digung und konnte wohl auch nur im Hinblick auf die jetzt 
gegebene Notiz dort so einfach stehen. 

Je mehr diese Erklärung textuell wie sprachlich befrie- 1 

digt (nb*^ ist ja eben meist „gebären'^ und dann erst das I 

Hiph. causat. erzeugen, ob. S. 16, wozu dann wieder Dnb I 

als „den Vätern^' trefflich passt), um so weniger ist das der 
Fall da, wo b) umgekehrt inb^ als „zeugen" (wie allerdings 
4, 18. 10, 8. 13. 15. 21, 7) von den Gottessöhnen als Subject 
und dagegen öitb von den Menschen töchtern gesagt seyn 
soll (quum filü Dei filias hominwm adüaaerU, üsque liberoa pro- 
cieassent, SCHOTT, vergl. LuTH.). Noch weiter ab liegt c) die 
Annahme von D'>bD3fi als Subject, worauf sich dann auch 
Dnb zurückbiegen soll („für sich"). So namentlich Enob. 
mit der Ausdeutung, die aus jenem Engelumgange mit den 
Mädchen erzeugten Riesen hätten dann auch „fiirsich^' d. h. 
selbsständig (oMb wie 21, 16. Hieb 12, 11. 1 Sam. 20, 20) „ge- 
zeugt^' und sich so weiter fortgepflanzt, wogegen ob. auch 
von gramm. Seite E. Schrad.* Wie hierbei das Da von 
seinem eigentlichen Orte (vor p '^'in») weggedrängt und „dem 
Sinne nach zu -nb"^" bezogen werden soll (vgl. ob. zu D^ttja 

* Dazu von menschlich -sittlichem Standpuncte Pt. Mabtyr: 
„;)» homines eo consilio filios procrcant, ut Deo eint addicti^ non igitur 
sibij verum Deo gtgnttnt; contra vero impü atque Ubidinosi non DeOj 
sed «»Hl ipsiß procreant}^ 



156 I^ie Yorsündfluthlichen Hünen. 

S. 136), SO würde zugleich in einer grade hier so knappen 
Sprache der ganze MittelsatZ; dies sey nach dem von Engeln 
mit Mädchen gepflogenen Umgange d. h. also nach ihrer eig- 
nen Erzeugung geschehen, nicht nur (statt nach ünb inb'^i) 
falsch eingestellt, sondern auch höchst entbehrlich, da es dann 
doch viel einfacher und verständlicher lauten würde ürh Tib*^ Din. 
Ausserdem befremdet es, zwei Classen solcher Monstra, selbst 
wenn sie innerhalb der 120 Jahre beide existirten, nämlich 
directe und indirecte, frühere und spätere (Del.) Abkömmlinge 
(Mestizen cet.) der Engel noch besonders unterschieden zu 
sehen.* Jedenfalls bleibt es viel einfacher, das nun folgende 
Diön "»ttJ^i^ übwa ^«N Dnnati tiTsti** auf die riesigen Bastarde 
überhaupt u. zwar gewiss der eben in Rede stehenden Zeit zu 
beziehen, während E. Böhm, mit AA. (ob. 153) darin grade die 
nachfluthlichenNephilim sieht. Um die Identität der synchro- 
nistischen d'^bDi und I3^i^ü zu constatiren, übersetzen schon LXX 
Beides durch ol yiyavreg, während ausserdem für letzteres viel 
eigentlicher und der altclass. Tradition conformer iigcueg (LuTH. 
„Gewaltige," vgl. D»n V. 11.13) gesagt seyn würde. Ebenso 
die Apocrr. des A. T. s. ob. (3 Macc. 2, 4) Weish. 14, 6. Sir. 
1 6, 7 Tiegi rwv ccQ/alcDV yiydvT(ov und noch deulicher 
Bar. 3, 26 kxei kyevvfj&rjaav ol yiyccvreg oi ovofiaaTol an 
^QXVSf wo sowohl übi:?!a (d. i. eben an agx^gy wofür Sir. 
a. 0. und auch 2 Petr. 2, 5 das Adj. ägxouog von der vor- 
sündfluthlichen Zeit) als auch DiDn "^TöSö^ {ol ovofiaaroi, mit 
LXX, die in der Geschichte xmd hier verificirten Sage namhaf- 
ten, berufenen Männer, viri famosi Vulg.) mit den yiyav- 
TBg d.i. eben den damaligen D'^böi direct und ohne irgend 
eine Mittelclasse verbunden wird. Obwohl über Dbis^TS — 
LXX an alüvogy von undenklicher Zeit her (wie 1 Sam. 
27, 8. Jer. 5, 15), oder auch „vor Alters — zu alter Zeit" 
(E. Böhm.) — kein Zweifel obwalten kann, so variirt den- 



* Das griech.B.Henoch(b.Syncell., s.Dillm. S. 82) kennt so- 
gar 3 absteigende Generationen: riynvTsg Na(pr}leifi, 'EktovS erstere 
aus LXX, letztere aus unserem l^b"^*!. 

** Wo *ntt)N gewiss am einfachsten alle 3 folgende WW. beherrscht 
(z. B. RicHERs, J. P. Lange), ohne Zerlegung in 2 unzureichende Sätz- 
chen mit Apposition; „die von Urzeit, die namhaften Männer," vgl. 
sogleich Bar. 3, 26 ol yi/arree oiovofiaarolan^aQx^^- ■- 



Die vorsündfluthlichen [lünen. 157 

noch auch hierin die Exegese, indem labis^ auch im späteren 
Sinne als Weit (x6(ffiog, mundus) genommen wird, und zwar 
entweder räumlich („in der Welt," LuTH.*), oder synecdo- 
chisch {coram mundo, im Gegensatz zur Wahrheit, zu dem 
die Welt strafenden heil Geiste); oder auch qualitativ (po- 
tentes mundani, Enarr. II; 161). 

Jene Gnadenfrist; anders als die kürzere in Ninive durch 
Jonas verkündigte (Jon. 3, 4 ff.); blieb also wirkungslos. Die 
Naturgreuel geschlechtlicher Verbindung von Engeln mit 
Menschen dauerten fort; und ihre Frucht; eine in riesig 
rohe 'Leiblichkeit aufschiessende unnatürliche Bevölkerung 
der ErdC; mehrte sich nur. Die nothwendige Consequenz 
auf die übrige blosse Menschheit; soweit nicht auch sie selbst 
in jene Greuel schon mitverstrickt war, musste eine Auf:: 
lösung aller Normen; aller sittlichen, gesellschaftlichen und 
heiligen Bande seyn durch so entsetzliche Vorgänge und Bei- 
spiele; wie unter dem Drucke so übermächtiger; gottloser 
und gewaltthätiger WeseU; wovon besonders auch V. 11— 13: 
„und es füllte sich die Erde mit Gewaltthat — denn es ver- 
derbte alles Fleisch seinen Wandel auf der Erdo;" -- 
also eine totale — physische und moralische Corruption. 

So kam eS; dass (V. 5) Jehovah, in jener Frist eben nur 
zuwartend (1 Petr. 3; 20) und zusehend, nichts ersah als 



* Dessen Uebers. in diesem V. überh. sehr frei ist, wie schon für 
I^N p "^^tlN dilT „denn da** (Vulg. postquam cnm), und nun am 
Schlüsse : „wurden daraus Gewaltige in der Welt und berühmte 
Leute.** 

** Evidente Zeugnisse auch für diese Bibelwahrheit, wovon schon 
AuoüSTiN b. Pt. Martjr. 26a, müssen auch in unsern Tagen aus 
den Gräbern erstehen, s. z. B. „111.* Ztg.** v. 3. Decbr. 1864 (S. 390 c): 
„Belgische Blätter schreiben über einen sehr merkwürdigen Fund, der 
zu Eysden bei Vis^ gemacht worden seyn soll. Bei Erdarbeiten ka- 
men nämlich 5 menschliche Skelete zum Vorschein, welche der ante- 
diluvianischen Zeit anzugehören scheinen. Diese vollkommen er- 
haltenen Gerippe ruhten auf dem Kies, waren also von der ganzen 
AUuvionsschicht bedeckt. Sie sollen riesenhaften Umfang be- 
sitzen und nach dem Ausspruch eines Gelehrten, der sie untersuchte, 
müssen es Ueberreste einer Gigantenrace seyn. Einige Schritte 
davon hat man dem Vernehmen nach im Verlauf der folgenden Tage 
noch nehr Skelete entdeckt.^' 



158 ^le Torsändfiathlichen Hünen. 

„dasB (''D mJT> «"T^n) gross die Bosheit derMensch- 
heit auf der Erde" ('}^'nK3 hier im Gegensatz des vom 
Himmel Herabschauenden , vergi. ob. V. 4a u. 6 a) und 
alles Gedankengebild ihres Herzens nur böse 
allezeit" — mit der oflfen daliegenden Gradation a) ex- 
tensiver Verallgemeinerung (y^Kn D'iÄrr), b) intensiver 
Progression von Thatsachen (ny'n, wie der Gegensatz zeigt,) 
zu Herzensgedanken (lib niTDnn), und zwar allen 
Vorstellungen (lar*^ bs), und diese wiederum durch und 
durch (y^ p*i) sowie fort und fort (DT^n b3, Del. „ha- 
bituell"). * Die totale Verderbniss je länger je unheilbarer. 
Heisst es nun sonst: 'Oxoaa tpagfiaxa ovx liJTca^y aiSri- 
Qog l'^tcciy oaa cIStjqoq ovx H^tai^y nvQ Irirav (Aphorismi 
Hippocratis; Amst. 1685 p. 174) d. h. quaecunqu/e me- 
dicamenta non aarvanU ferrum aanaiy quciecunque ferrum non 
sanat, ignis sanat, — so hier: (piae verbum non sanatj 
aqua sanat (vergl. IPetr. 3, 20f. — Stsaci&tiaav Si vSarog, 
xal V(iäg ainlTvnov vvv ad^u ßdnrusfia). Das versagende 
Resultat der Gnadenfrist rief in Jehovah; als dem menschen- 
freundlichen Schöpfer (C.2), den nun unumgänglich noth- 
wendigen ; wenn auch ins Innerste hinein schmerzlichen Rath- 
schluss auf (V. 6 nsb b« äÄS^n'^i), diese ganz und gar entartete 
Menschheit von der so verunreinigten Erdbodenfläche hin- 
wegzuwaschen (n7an«n •^SD.by?: '^n«^:3 ^u)« D^Nti n« rwm 
V. 7, andkü\l)(a LXX, xaraxXvafiov xotrfiq) aatßüv knd^oQ 
2 Petr. 2, 5), und zwar in folgender moralisch - physischen 
Ordnung. Vor allen eben den Menschen selbst (d^nw), 
in naturnothwendiger Folge dann (vergl. das immer weiter 
abstufende ny) aber auch „Vieh, Gewürm und Vögel des 
Himmels," dieses letzte, wie einst zuvor erschaffen (1,20 f.), 
hier zuletzt, da es sich auf Höhen und Bäumen in der 



* ^yBjxpende verha (sagt nach r i g. Pt. Mabtts f. 26 b) et magnam in 
üUs r^pertea sign^aniiam, Prmum, inquit, de tndustria peccanty non 
raphmtur impotentia cupidüaieve uüa^ aed hoc ipeum cogitanL Hie 
sunt toti: guicquid tractantj quicguid cogitant, quiegpäd molmniurj 
ülud malum duntaxat est, nihil boni cogOant. 'Additur vero: om 
nibus diebusj u e. nuUa exclusa aetate^ nuüo vnJtermisso tempore, 
etiam a prima infanHaJ'^ 



Die vorsündfluthlioben Hünen. 159 

Fluth und selbst noch ttbor ihnen am längsten halten konnte, 
wie es denn nach der Fluth auch wieder zuerst aus der 
Arche auf die gesäuberte Erde zurückkehrte (8, 7 flf.). — 

„Und Noah fand Gnade in den Augen Jeho- 
vahs" (6,8). 

Ist es über jenen Versen gewitterschwer gelagert, so 
leuchtet aus diesem letzten ein Sonnenstrahl. — 

Der Vorhang ßlllt, und auch das Nächste zieht ihn vor 
dem neuen Tableau nur zögernd wieder auf. 



IV. 
JACOBS STEßBESEÜFZER. 

GENESIS XLIX, 18. 

Eine der feierlichsten Stunden heiligen Alterthums ist die, 
wo Jacob seinen zwölf Söhnen, die um sein Sterbelager ver- 
sammelt stehn (in ihrer Mitte der fürstliche Regent Aegyp- 
tens), — sein Testament eröflfnet, einem jeden das seine. 
Die zuweilen den Sterbenden eignende Sehergabe ist in dem 
Vater, dem Patriarchen, im Träger der Verheissung zur 
höheren Klarheit gesteigert, wie einst der zweite Stamm- 
vater der Menschheit, Noah, im Moment tiefster väterlicher 
Erregung die Linien der kommenden Weltgeschichte gezo- 
gen hatte. * Hier wie dort verschmilzt der Blick in die Zu- 
kunft mit dem in die Vergangenheit. Jene ist deren Tochter, 
und die äussern Geschicke sind ebenso Folgen wie Be- 
dingungen des innern Menschen. Vor dem Erzvater liegt 
das Innerste aller seiner Söhne, zum Theil schon in cha- 
racteristischen Thatsachen ausgesprochen, aufgedeckt da, und 
eben daran knüpft sich in psychologischer Prophetie ihm die 
Correspondenz ihrer Zukunft. 

Andererseits ist die Krone des Baumes mit ihren fort- 
pflanzenden Früchten nur seine eigne Selbstentfaltung. „An 
ihren Früchten sollt ihr sie erkennen!" (Matth. 7, 16.) Alle 
Eigenschaften und Kräfte des Stammes, gute und schlimme, 
kehren in seiner Verästung wieder. Mit ihr wächst ja doch 
nur die Wurzel selbst auch in die Höhe hinauf, wie durch 
die Frucht in die Zukunft hinein. So kann auch der ster- 
bende Stammvater in dem Kreise seiner zwölf Söhne eben 
nur sich wiedersehen, Ausstrahlungen seines Wesens, die 



• S. ob. S.62; vergl. unt. Art. VIII. 



Jacobs Sterbesenfser. 161 

seinen Character und seine Geschicke in helleren und dunk- 
leren Radien wiederspiegeln. Diese Zwölf zusammen bilden 
den künftigen ^^srael'^, des Vaters lebendiges Mosaikbild 
mit allem Licht und Schatten ^ seine Verklärung .wie seine 
Nemesis. 

Einzelne Züge hiervon springen in diesen prophetischen 
Portraits sofort in das Auge. Vor allen an dem Erstgebor- 
nen, Rüben. Einst hatte Jacob seinem verschmachtenden; 
sinnlichen Bruder die unschätzbaren Vorrechte der Erstge- 
burt mit einem Linsengericht abgekauft (Qen. 25, 29 £P.); 
jetzt verliert Jacobs erstgeborner Sohn ebenfalls seine Erst- 
igeburt. Wegen eines von diesem Erstgebornen an ihm be- 
gangenen namenlosen Frevels und Greuels ; fär den er da- 
mals keine Worte fand (35; 22); muss der Vater selbst sie 
jetzt ihm entziehen. Das ist der domige Anfang des unver- 
welklichen Kranzes, den seine sterbenden Hände hier flech- 
ten, V. 3 f. : 

„Raben mein Erstgeborner Du, 

Meine Kraft und Erstling meines Vermögens, 

Ueberströmen von Hoheit, 

Und Ueberströmen Von Stärke ! 

Schäumen wie Wasser -»- 

Sollst nicht überströmen! 

Denn bestiegen hast du das Bett deines Vaters — 

Da hast du gefrevelt! 

— Mein Lager hat er bestiegen !^^ 

Jene vereinigten zwei Seiten des Erstgeburtsrechtes; das 
„Ueberströmen von Hoheit und Ueberströmen von Stärke," 
die jetzt für Rüben zu „Schaum und Wasser" geworden, 
zerfallen nun vielmehr und es kommt die erstere, die Ho- 
heit; da auch die falsch „verbrüderten" NächstgeborneU; Si- 
meon und Levi; durch eine grausame Unthat (C. 34) das 
Erbe verwirkt haben und vielmehr „zersplittert" werden 
müssen (V. 5 — 7), erst an den Viertgebornen , Judah; den 
nunmehrigen eigentlichen Träger der Verheissung und des 
Heiles, in 5 reichen Versen (8 — 12); wogegen die andere 
Hälfte der Erstgeburt, das „Ueberströmen von Stärke," in 
andern 5 überschwenglichen (mit jenen ersten 5 wieder die 
vollkommene Zehnzahl erfüllenden) Versen an Joseph fällt, 

H0ELEMAN5, Neue Bibelitudieo. 11 



162 Jacobs Sterbeseufzer. 

den bitter verfcrfgten und so wnnderherrlich geföhrten Erst- 
gebornen leiblichen Sohn von der geliebten Rahel, den „Qe- ' 
krönten, untet seinen Brüdern" (V. 22 -26). So wird diesen 
und allen Übrigen — jedem das Seine. Alles verknüpft sich 
organisch mit dem Character und Thun eines jeden, zum 
Theil sichtbar noch in dem ihres Vaters wurzelnd. 

Da fUllt nun mitten in diese mehr oder minder wortt 
kargen, aber auch laconisch-^vielsagenden Orakelsprüche des 
Vaters über die einzehien Söhne — zwischen Dan und Gad 
— ein Ausruf, welcher keinem von ihnen allen, vielmehr 
dem sterbenden Sprecher selbst persönlich gilt, V. 18 : 

„Deinem Heil entgegen harre ich, Jehovah!'^ 
Ein in jeder Art einziges, * hier überaus räthselhaftes, weil 
anscheinend jeder «Handhabe entbehrendes, darum auch sehr 
mannigfach gedeutetes Wort. ** „Est ist kein ßuhepunct, man 
erwartet hier keinen Grenzstein, er halbirt die Zahl der 
weissagenden Sprüche nicht in bedeutsame Zahlgn,^ sagt 
Del. (Gen. 596), *** und Diestel (Segen Jac. S. 17) «igt 
über „den bekannten unglücklichen [!] 18. Vers" hinzu : „dass 
dies Wort völlig abgerissen dasteht und den Zusammenhang 
ganz unterbricht, kann nur der leugnen, der in apologeti- 
scher Verblendung vor keinem exegetischen Gewaltstreich 
zurückschreckt." Darum ist es wohl der Miihe werth, den 
Wurzeln und Gründed dieses %war nicht in seinem einfachen 



* Ziemlich paraUel, nur mit andern, durch die aiphabet. Ge- 
stalt dieses Ps. bedingten, aber gleichbedeutenden Yerbis, ist Ps. 119, 166 
min'^ ^nyittJ-'b ttisuj, und V. 174 ngrr^ '^ns^iTö'^b "^nini^rt. 

** J. J. Stähblin, Animadvv. in Jacobi vaticinium Gen. c. 49 (Bas. 
1827) p. 22 kurz : ^^DifficüUmum. vers, 18. omisimtis^^ Darauf, dass 
„auch die Masora die eigenthümliche Einzelstellung dieses Ausrufs 
gefühlt habe," macht schon Ed. Böhm. 1. B. d. Th. S. 291 aufmerk- 
sam: „es ist ihr einziges monostichisches Pasukin diesem Lied e.^^ 

*** Ji P. Lanos's „Annahme, dass der Seufzer einen Einschnitt 
mache und die Gruppe Judah von der Gruppe Joseph unter- 
scheide" (Gen. 453), hat nicht nur gar keinen Grund, den nächstvor- 
hergehenden Stamm Dan (V. 16f.) einer sogenannten „Gruppe Judah" 
und den nächstfolgenden Stamm Gad (V. 19) einer sogen. „Gruppe 
Joseph" zuzutheilen ; sie macht zugleich den ganzen tiefsinnigen Vers 
zu einem nichtssagenden blossen Gedankenstriche. 



Jacobs Sterbeseufser. 163 

Sinne; aber um so mehr seiner Stelle nach überaus 
dunkeln und um« deswillen sogar fUr ein späteres (dann frei- 
lich nur noch un^klärlicheres) Einschiebsel gehaltenen * , 
Seufzerworte? von neuem nachzugenen. 

Für den ersten Anblick scheint es nicht fern zu liegen, 
darin I) einen um neue Kraft zu weiterem Segnen flehenden 
Seufzer des betagten Sprechers zu vernehmen (Oleaster 
b;^d. Osiand. I, 695: quemadmodum solent aenea ei^(xegroti 
inter verba emtUere auapiria cetr, ROSENM., HenQSTENB,, Tuch). 
Doch bemerkt schon Diestel hiergegen^ wean man auch sein 
ßedenken, warum ein solches Seufzen grade hier? dann wohl 
eher lösen könnte ; S. 18 mit Recht; dass Jacobs ;;kräftiger 
•Tadel nirgend Entkräftung zeige", und dass T\yy^^ keine 
„augenblickliche Erquickung" bezeichne, wie dann wohl auch 
zugleich ein anderes, mehr flehendes Verbum, nicht das em- 
phat. '<n''ip zu erwarten stünde 

Ueber das Momentane hinaus in die Zukunft, wenn 
nicht in die Ewigkeit* (als Zuversicht des ewigen Lebens), 
geht II) die ältere Auffassung der Worte Jacobs als seiner 
Erwartung des messiani schon Heils, „tanquain de^ide- 
rvum adventus Mesaiae^^ ^ALOV. wie Tajg: it. KW. *s. b. 
Walafr. Strab. gloss. ord. u. b. Gerh., Pelarg., C. aLap,, 
AA.) mit namentlicher Bezieteng sowohl auf das Verb, mp 
mit mn-^ Jes. 8, 17. Ps. 27, 14. 40, 2 als auch auf das gleich 
spec. Jfom. der göttlichen wiU5T Ps. 14, 7. 98,3. 119,174. 
Jes. 49, 6;. Luc. 2, 30 (das persönliche acaTi^giov aov, s. u.).** 
Jedoch ist vom. Messias bei Judah V. 10—12 direct die Rede 
gewesen und ein Seufzen um sein baldiges Kommen würde 
also vielmehr dorthin gehört haben.*** Der ausserdem oft ver- 



* Ilobn, Urkk. 319 („RandanmerkuDg oder Stossseufzer eines 
Absihreibers [!] oder Besitzers [V] dieser Urkunde^'); Gbambebq, 
MiuREB, V.Bohlen. 

** Jo. Buscpi, Jacob exspectaus Jesum ex Gen. 49, 18 (Leucor. 
1684) §. 5 sq. 

*** Wie schon Calv. (b. Marl. 352): quum Mesnae adventum nu- 
per promüteretf opportunior fuüset acUtUis mentio, — Die von C. u. Luth. 
(ebdi) EDgenommene betende Besorgniss Jacobs um das G-eschick 
der S einigen („seiner Nachkommen/^ Keil) möchte ebenfalls nur 
schwerlich als grade hier an ihrer Stelle einleuchten, s. u. III. 

II* 



164 Jacobs Sterbeseafser. 

suchte AnBchlttss dieser messian. Erwartung an den unmittel- 
bar vorher erwähnten Dan (V.16f.); weil aus ihm nam. Simsen; 
ein Typus Christi; hervorgegangen^ * stösst doch zuletzt wie- 
der auf dasselbe Hindermss grosserer Angemessenheit ihrer 
Aussprache bei dem Spruche über Judah. 

III) Mehr zeit- als heilsg6schichtlich knüpfen an den 
nächstvorangebenden Ausdruck über Dan Drechsl. und 
Del. : ** der Wunsch der Hülfe Jehovahs für seine Söhne 
habe sich ihm grade bei Dan aufgedrängt wegen dessen 
vorausgesehener steten Kämpfe mit den Philistern ; was in- 
desB Stähelin (21) grade Kstorisch bestreitet *** Wenn da- 
gegen, von dieser bedenklichen und immerhin einseitigen 
Specialbeziehung auf Dan absehend, Baumo. (Pent. I, 379 f.) 
und V. Hopmann (Schriftbew. H, 2, 348) hier nur das Be- 
kenntniss Jacobs finden, ^^dass er allen Segen ; welchen er 
den Söhnen zuspreche, von Jehovahs Hülfe erwarte/' — „von 
Ihm das Heil erhoffe, welches dein Samen Abrahams zuge- 
dacht sej; und nicht von seiner Nachkommen Kraft und 
Vermögen," — so steht nur von neuem die Frage da, 
warum dieser Gedanke, selbst wenn er so, wie der V. lautet, 
formulid; werden mochte, an diese Stelle, nicht zu Anfang 
oder zu Ende, oder nach Judah oder Joseph, sondern grade 



* S. BsHTHOLDT , Chrifltolog. Judaeor. 131 sq. : Dixit pater no- 
9ter JacoS: „tum rtdemiianem CNdeoms exspectat anima mea, guae est 
iemporaUsy neque redemtianem SanuoniSy quae est redenUio creata, sed 
redemtianem^ quam dixM Yerbo tuo vetituram esse populo tuu^^ ceL — 
also das Typische vielmehr antitypisch; AA. s: b. C. a.Lap.; vgl. auch 
uni üb. Dan S. 168 f.. 

^^ Aehnlich Luth. Eaarr. XI, 263 sqq., Calv. s. ob., Ad. Osund., 
Gsaa., MoLDBMH., Herdkb (Hehr. Poesie 1305 II, 192 f., weil Dan im 
Norden bes. UeberfSllen ausgesetit, anders unt), Gbs., Schuh., Ed. Böhm. 
(291 als eine Art Verwahrang des Hedactors bei dem Namen des göt^ßn- 
dienerischen Dan: „was helfen Dans Plänkeleien gegen den j^ind 
Israels, w^nn Israels Hoffnung nicht auf den Namen Jeh. steht ?^0* 

^^^^ Eine sogar auch formell directe AnredeanDan, die nur jenen 
3Beyoriugten,Kuben (3f. abfallend), Judah(8 f.) u. Joseph (25 f., S.161), 
auTheilwird, mittelst der Auffassung: „lu deinem Heil (mein Sohn Dan) 
erwarte ich den Hem/^ woiu auch die Not» accus, gewiss unerlassiich 
wlire, ist schon tod Mich. Bsck, Versio Lutheri in 440 dictis V. Test. 
— viudicata ^1700^ p, 2 abgelehnt 



JacobB Sterbeseufzer. • ^65 

zwischen zwei Söhne und Stämme tnmorum gentium mitten- 
ein gesetzt worden sey. 

Die richtige Erklärung der in Frage stehenden isolir- 
ten drei Worte muss anderswo liegen. Sie hat davon aus- 
zugehQ^, dasB die Sentenz, ihrem Wortlaute gemäss 0;lch 
harre'O» ^^^ Jacob selbst, nicht auf die Söhne gehe, dass .sie 
aber auch nicht ausser Zusammenhang mit dem Uebrigen sey, 
dieser Zusammenhang jedoch selbst nicht auf das Ganze 
als solches sich erstrecken könne ; weil sonst grade eben 
dieser Ort des insularisch scheinenden Qedankens unbe- 
greiflich bleibt; dass sonach vielmehr die Zugehörigkeit zur 
nächsten Umgebung den Schlüssel zur Lösung darbieten 
müsse. Das nächstvorangehende Orakel über Dan wird 
also auch den nächsten Verbindungsnerv enthalten^ wozu wir 
bereits vorhin (durch Simson und die Philister; oder Simson 
als Vor- oder Gegenbild Christi) vergebliche Versuche ange- 
stellt fanden. Jenes Orakel über Dan lautet aber V. 17 sof 

^^n '^'b9 ttn3 p •'IT^ 

„Es muss seyn Dan eine Schlange auf dem Wege, 
Eine Hornotler * auf dem Stege, 
Die da sticht die Fersen des Bosses, 
Und da fiel sein Reiter rücklings." 



* „Qtiod ad serpentes attinet, mdgatum est colorem ejus plerctaque 
terrae habere in qua occuUentur. — Ceraatia corpore emmere comicula 
saepe quadrigemina, quorum motu, reliquo corpore occtdtatOy. eolliciteni 
ad ee avea.'' Plin. H. N. 8, 35. Weiter vergl. „Ausland" 1863, Nr. 41 
S. 974 (das Leben auf den Steppen Venezuelas) : „Eine würdige Gre- 
sellschaft zu dieser Giftstaude [Quachamaca] ist der Matacaballo 
(Bosstödter), eine Schlange, die kaum grösser ist als ein grosser 
Begenwurm und deren Biss gleichwohl bei Mensch und Thier augen- 
blicklichen Tod nachzieht. Ihren spanischen Namen verdankt sie dem 
Umstände, dass sie ihre Angri£fe besonders gegen Pferde richtet 
So wie sie nur die Hufe auf der Ebene stampfen hört, richtet sie sich 
auf: denn während andere Schlangeq, von ihrem Gebiss nur zur Wehr 
oder bei Verletzungen Gebrauch machen, benutzt es diese als Waffe 
zum Angreifen, und zwar sucht sie das Pferd an den Flechsen zwi* 
sehen Huf und Knöchel zu fassen." 



16g * . Jacobs Sterbeseufzer. 

Fügen wir dazu auch sogleich 'noch die andere Seite der 
Umgebung unseres -exegetischen Problems, V. 19 über Gad: 

Gad — Gedränge bedrängt ihn, 

Und Er bedrängt die Ferse (Nachhut). 

Beide Orakel bieten nicht bloss Sinnverwandtes (hinter- 
listigen Fersenangriff), sondern namentlich auch Identität 
•des Stichwortes, "^nps^ und äp5>. 

Und eben dieses, sicher nicht ohne Emphase so bald 
wiederkehrende, Wort (äp5>) giebt uns auch den gesuchten 
Schlüssel zum Verständniss des zwischeninnestehenden Stoss> 
Seufzers. Wie denn? Dasselbe Wort ist latent auch selbst 
mit in diesem Mittelverse enthalten. Wo denn? Eben in 
dem hier so auffalligen Subject '^n'^ip, „ich harre," d. i. Ja- 
cob, also jenes äp:> in nps^*». Hat dieser doch seinen Na- 
men von npy, „Ferse", schon von Geburt an; damals zuerst 
im wörtlichen physischen Sinne, indem „seine Hand fest- 
hielt die Ferse Esaus", seines Erstgebornen Zwillingsbruders : 
:2p y^ i)aiö «^p-'i W^ npys nm« it^i (25,26). Dqch hierbei 
verblieb es^ nicht. Auch im bildlichen Sinne trägt 7acob 
diesen seinen Namen als „Fersenhalter" (um zu Falle zu brin- 
gen), wie sich denn die Metapher (supplaniare) an jenes 
eigentliche äp5^ {calx) auch schon' innerhalb der Wortsippe 
selbst anschliesst, vgl. np^ N%ch steller Ps. 49, 6; äp^ hin- 
terlistig Jer. 17, 9;.näp5> Hinterlist, Ränke, insidiae, 2 Kön. 
10, 19.* Jene Ausdeutung des Patriarchennamens erfolgt durch 
den Brjider, dessen Ferse Jacob schon bei der Geburt ge- 
packt hielt. Gen. 27, 36., als er, nach Verlust des schmählich 
verhandelten Erstgeburtsrechtes, durch Jacobs Hinterlist auch 
noch um den Schatz des väterlichen Hauptsegens gebracht 
worden war, und der Vater eben gesagt hatte: „es kam 
dein Bruder mit List (n73*n?3n) und nahm deinen Segen," — 



* Auch die nomm. propr. älp? a) 1 Chr. 3, 24 ; b) 9, 17. Esr. 
2,42. Neh. 7, 45. 8, 7. 11, 19. 12,25; c) Esr. 2, 45; sowie tiap.!f: 
1 Chr. 4, 36 stammen daher, lehnen sich wohl aber, als auch syno- 
nym, Zi^nächst au den eben davon primitiv benannten Erzvater an. 



«TacobB Sterbeseiifzer. 167 

in den Worten : «^n^^b n« \'^mt tiT •» 3 3 p.5> *^ n a p 5> -^ ittw «^p "^DJi 
Ti^ia npb rtry Sistn npV, „wohl dass sein Name Jacob heisst, 
80 hat er mich hinter gangen nun zweimal: meine Erstge- 
burt hat er genonjmen; und siehe jetzt hat.«r genommen 
meinen Segen !^' 

Indem aber jetzt der hochbetagte Jacob selbst wieder 
an seine Söhne Segnungen ausspendet, und hierbei zumal 
an das verhängnissvolle yp^ in Dans Orakel gelangt ^ da 
muss ja der Gedanke an jene seine grosse Versündigung 
mächtig in ihm aufwachen; die sich auch selbst an seinen 
Jacob -Namen fort und fort heftete. Denn jenes ■'apy im 
Spruche über Dan ist kein zufälliges Wort, sondern es kenn- 
zeichnet eben den ganzen Dan, seine Schlangenhinterlist 
(„eine Schlange auf dem Wege, eine Hornotter auf dem 
Stege", welche bloss ihre Fühlhörner über den bergen- 
den Sand des Weges* emporstreckt) — mit dem „Stich 
in die Fersen des Rosses," welches sich darob bäumt, 
80 dass „sein Reiter" (gleichs. ein Ritter Georg) „rück- 
lings stürzte" (mn« la^^n bc^i), wonach selbst auch durch 
ein nachdrücklich am Ende stehendes anderes Wort (*nn«, 
„hinterrücks," entgegen dem Fallen im ehrlichen Kampfe) 
das ap!P fühlbar noch stärker markirt werden soll. — Und 
hierbei wären dem ^'pyy xat k^oxvv nicht seine Sünden 
bei- und schwer aufs Herz gefallen?** Man darf in Wahr- 
heit sagen, wenn in andern Söhnen die Lichtseiten Jacobs 
gleichsam individualisirt waren, so ist sein schwarzer Flecken 
(sein natürlicher Mensch) eben in Dan persqnificirt, „der 
Schlange auf dem Wege, der^ Hornotter auf dem Stege, 



* "tb^P könnte an sich auch seyn a n (dem Wege, an dem Stege, 
Dkl., Ed. Böhm.), doch ist wenigsten»» die von Fürst HWB. dafür an- 
geführte Stelle Hiob 18, 10 S'^na "^by grade nicht beweisend i „ver- 
borgen in der Erde ist.sfine Schlinge und seine Falle auf der 
Bahn" (s. v. Ew.; was sollte sie auch daneben?), ja nach V. 11 kann 
er die Gefahr nicht einmal umgehen: „ringsam betäuben ihn 
Schrecken, und verscheuchen ihn auf dem Fusse" (1^ba*lb, Hab. 3, 61, 
d. i. auch von hinten). 

** Ja dass sie ihn schon lange gedrückt haben , bezeichnet die . 
Form "^rr^lp, wovon Busoh 1. 1. §. 8 : Non opinandum, Jacobum ah «r- 
spectomdo demase^ quancto desiderium in Fraeterüo doquitur; per id enim 
conUnucaio potm8 quam cesscUio infijiuatur, B. u. S. 171 . 



168 Jaool» SterbeMofMr. 

die da sticht die Fersen des Bosses» so dass fiel sein 
Reiter rückwärts/' wobei anch das plötzliche historische 
Vs'n Beminiscenzen verr&th.^ Ja klingt das doch selbst an 
die Bänke uui Listen des Erzfeindes, der alten Schlange 
im Paradiese nnverkennbar an, wdcher der Weibessame den 
Kopf zertreten, die aber ihren Besieger in die Ferse 
stechen werde (spy i^sron Mnen 3, 15., woran jetzt» ausser 
ypy selbst, phonetisch auch noch ^r>&0 erinnert, s. ob. 
S. 86 ff.). Aus Jacob — er wusste es durch ausdrückliche 
göttlidie Offenbarung (28, 13 ff» vergl. 32, 29 f. 48, 3 f.) und 
hatte es so eben im Orakel über Judah ausgesprochen — sollte 
der obsiegende Weibessame einst kommen, und doch steckte 
in ihm selber auch solcher Schlangensame, — dieser nun 
sogar personificirt in Dan, von welchem die hinterlistige 
Schlangennatur so nackt ausgesagt werden muss! ^* Fürwahr, 
man braucht nicht an Dans Bilderdienst (BichtC. 18), das 
Vorbild des antitheocratischen Zehnstänunereichs, oder an die 
Angabe des Hippolttus (b. DeL 640), dass Judas Ischa- 
rioth ein Danit gewesen sey, zu denken, um die alte „von 
Hippolytus bis zu Photius^' gehende Sage auch schon 
nach unserer Stelle, verbunden mit jener im Protevangelium, 
zu verstehen, aus dem Stamme Dan (von „einer daniti- 
schen Mutter und einem lateinischen Vater'^) werde einst 
der Antichrist kommen,*** wie denn verhängnissvoller- 



* In diesem ganzen, wie natürlich in Futoris verlaufenden, Se- 
gen Jacobs findet sich das Perfectum, nächst Y.IS, von wirklichen bistori- 
Bchen Vorgängen y. 4 (Raben), 6 f. (Simeon u. Levi) und in lebhafter con- 
secuti ver Vergegenwärtigung 9 u. 11 (Judah), 22 f. u. 26 (Joseph); das 
1 consec. Imperf. bei ebenfalls histor. Becapitulation 23 f. (Joseph), 
dagegen in lebhafter descriptiver Fortsetzung so, wie an uns. 
St., nur noch V. 15 (Issaschar), wobei histor. Anamnese ebenfalls wohl 
möglich ist. 

** Die Erinnerung Ed. Böhmers (292) an 37, 2., wonach „Dan auch 
unter denjenigen Söhnen Jacobs war, deren schlechten Ruf Joseph 
dem Vater hinterbrachte," verschlägt hier darum nicht, weil eben 
diese übrigen Brüder alle ihren Segen ohne einen solchen Stoss- 
Seufzer empfingen. 

*** „Eic Dan naacetur Antichrütus, ut commumter tradunt PcUres^^ : 
CoaM. A Lap; Del. a. 0., vgL Keil. Ad. üsiand. 694 sq. th. typisch 
tb. antitypisch (s. ob. S. 164) : „«t vero seritentiatn cum praecedd. junger^ 



Jacobs Sterbeseufser. 169 

weise schon im A. T. 1 Chron. 2> 3 — Cap. 8* und schliess- 
lich auch im N. T. unter den Versiegelten der Apocalypse 
(Cap. 7) der Stamm Dan fehlt. Also doch Dan in der 
That und überhaupt unter den 12 Söhnen Jacobs das^ was 
unter den 12 Jüngern Jesu Christi — Judas Ischarioth. 

In diesem unseligen Dan erblickt sich jetzt Jacob durch 
das Medium des unwillkürlichen :3p9 wie in einem Spiegel. 
Hatten doch auch die meisten der übrigen Söhne ihr Theil 
so erhalten^ dass sich die Weissagung über sie an ihre Na« 
m en, heftete. ** Nun ist zwar von Dan V. 16 schon ge- 
sagt V23f V*'"' P (DB,n wird seines Volkes Sache führen ***) : 
in dem finalen Schlangenwesen aber^ in dem verhängniss- 
voUen D,T>9 (mit inriM) hörte Jacob mit Entsetzen ja auch 
seine eigne Annomination. War das nicht Jacob selbst; wie 
er leibte und lebte und lautete? Bei diesem Klange und 
jenem damit grade characterisirten Wesen musste er zu- 
sanmienzuckend eben Sich wieder erkennen. 



vis, tune Mmua erit: quomam hanc tribum Dan serpentina fMdUtaprae- 
ditam fort video, sperOf Domine, ut me aalves ah ea, guemadmodum de 
Simeone et Levi dixerat: in condUum earum non Keniat anima mea.^^ 

* Zugleich „»to ut tempore reveraionis ex Babylone nihü de Dane 
exstet,^^ Pblabo. in Gen. 682. 

** Wollten wir p1«*1 (ecce ßUva) V. 8 hierzu auch noch nicht 
in Betracht ziehen, so tritt jene im A. T. häufige Paronomasie (no- 
men et omen, vgl. bes. 29, 32 ff.) schon am nächstfolgenden Brüder- 
paare DTI« "»nbl ^ny^lö V. 6 dadurch hervor, dass die falsche An- 
hänglichkeit in dem Zweiten, Levi (von Sllb adhaerere vergl 29, 34), 
markirt ist, dann aber immer diracter V. 8 in Judah (vgl. 29, 35) 
sogar zweimal , 'T^a^'N Cj^ya ^ T ■> ^^riK ^ 1 m "^ UnK Sm ST' 
(wenn auch das andremal wie ein schwächeres zweites Echo); V. 13 
in Sebulon (▼. b^t „wohneu^^ vergl. 30, 20) durch den Zusatz tpvib 
T^TÖ'^ ta'^TS'^, und selbst V.Hinlssaschar (*)D1Ö1Ö% als vom Heben 
und Tragen, NTÖ3, nämlich der Last V. 15 nS5> Dwb "«rr^l baob); 
ganz offen weiterhin eben in 173^ V^'^ p V.16; in 13^15'^ ^1^5 na 
ap5> na'' Nltin T. 19, wie zumal endlich auch V.22ff. C] DT' als zuneh- 
mend und wachsend (ri^fi p). — Aehnlich so auch früher in dem 
noachischen Testament 9, 25 ff., ST'tT' Ü'^^^ "1^5^ 1 5> 3 D (anknüpfend an 
3^3D „beugen") und no-^b Ö-^MbN nt)\ 

*** Wenn man nicht auch hier in p vielmehr ein Selbstgericht 
Israels erkennen will (^^1 als richten), zumal da folgt '^casiö IHÄD 
^Nmö"^ (als einer der Stämme Israels), wogegen dies, wenn 1^1 
8* V. a. causam agere, im Accus, zu fassen. 



170 * Jacobs St^beseufser. 

Oiftr ist diese Erinnerung bei dem yp9 an Jacons* 
Namen und Wesen ^ seinen ganzen alten Menschen, etwa 
zu gesucht? Nun, wir haben dasselbe nicht nur von seinem 
•dabei so stark betheiligten eignen Bruder bitter ausgespro- 
chen gefunden (27, 36) , wir finden es auch noch weiterhin 
mehr als einmal grade so wieder. Schon Hos. 12, 3 f.: „ein 
Hechten hat Jehovah mit Judah und hat Jacob heimzusuchen, 
nach dessen Wandel, nach seinen Werken giebt er's ihm 
heim": i'^n« ny ap:^ psi („im Mutterleibe hat er hin- 
tergangen seinen Bruder"); und nocl^ bündiger j0tT9,3 
^bJT^ b^^D^i 5^*n bsi apy« mpy rjK bD („jeder Bruder hin- 
ter — hintergeht, und jeder Freund geht mit Verleumdung 
•um"), wozu Neümann (Jer. 1,505): „rap:?'^ Sip5^ mahnt zu 
laut an die Geschichte von den Listen Jacobs gegen Esau • 
Gen. 25, 26. 27, 36. , um ein Anklingen der prophetischen 
Rede an diese nicht vorauszusetzen, — es galt ja den Ver- 
heissungssegen der Erstgeburt, das theuerste Gut, um welches 
der Bruder den Bruder brachte." Dabei erinnert dieser 
Ausleger selbst noch an Jer. 17, 9 "^73 Äin iö5Ni bM :abn*npy 
nsy^"^ („hinterlistiger ist das Herz als alles, und schlimm ist 
es, wer kennt es aus?^0? wozu er (8.692) bemerkt: „wie hart 
klingt dem Menschenohre solches Wort! Und das np5> lautet 
so eigen an np^*^ an und an die listigen Ränke des Vaters 
dieses Volkes!" 

So durchzieht List und Hinterlist Jacobs Natur und 
Namen wie von Anfang an so auch fort und fort. In ihrer 
ganzen Nacktheit sieht er und hört er sie jetzt gegenständlich 
in seinem Sohne Dan, einem Jacobus redivivus. Doch der 
Vater selbst ist im heissen Feuer der Angst, ja des Kam- 
pfes mit Gott (32, 24—33), und der Vergeltung (S. 161) 
siebenfach geläutert. Ganz ausgetilgt aber sind damit we- 
der dies sein natürliches und habituelles Wesen, noch seine 
daher entsprungenen alten Thatsünden. Ein offenes Wort 
der Reue vor Vater und Bruder, vor Gott haben wir von 
ihm bisher noch nicht vernommen. Hier, am Lebens- 
scblusse, bricht es hervor bei der allzugrellen Mahnung 
daran in Dan und seiner Schlangenlist, in sps^, diesem 
leibhaften Stück des ^apy^; es bricht hervor in dem brünsti- 
gen, Seufzer (ohne den er auch nicht würde haben weittr 



Jacobs Sterbeseufzer. 171 

segnen können): msr^ •»n'^np 'fn^^iiö'^b, „Deinem Heif" 
(oder Deiner ErlöBung) „entgegen harre ich^ Jehovah!'' 
Nach langer Zeit; seit die Erzählung in das Heidcnland 
Aegypten übersiedelte, hören wir hier aus dem ^ Mundo des 
sterbenden Vaters zum erstenmal wieder — und in die- 
sem Buche auch zum letztenmal — jenes Namen der innig- 
sten Qottvertrautheit, den Namen des Offenbarungs-^ Bundes- 
und Heilsgottes, die Namensanrufung des wahren Glaubens, 
deren Anfang unter Seth uns schon 4, 26 voriUhrte (tk 
{ntr» d«a fc^npb bmn). S. Bibelstud.1 Art. 2; ob. S. 60. Schon 
hiemach ist jener Seufzer, aus der Elendstiefe des natürlichen 
Menschen und seiner. Sündhaftigkeit heraus, ein Wort und Gebet 
des Gl a u b e n s. Diesem Heilsgott, J e h o v a h, allein eignet die 
na^iiö"» (Ps. 3,9. Jon. 2, 10) : darum heisst sie auch ^n^niö"^, Dein 
Heil/^ das von D i r und (ohne anderes, menschliches Thun, 
Werk und Verdienst) nur von Dir kommt und zu Dir 
führt (t6 amriQiov aov, Luc. 2, 30. 3, 6. Act. 28, 28). Nicht 
aber irdisches äaü und Wohlergehn ist es, dem er „ent- 
gegenharret" und, wie ns in der Form •»n'^ip sogar zunächst 
Hegt, schon lange und immer enjgegengeharret hat (s. ob. 
S. 167): der Sterbende hat für sich damit nichts mehr zu 
schaffen; sein diesseitiges Haus ist bestellt. Die H^fw^ Je- 
hovahs ist demnach nur die der unsterblichen Seele ^ die 
ihrer Versöhnung (in dem 5<'Ttt3'>) gewiss ist* 

In diesem kurzen Ausrufe des Patriarchen liegt daher 
alles das eingehüllt, was ein guter Christ, dem nicht mehr 



* Ein momentaDes Aufdämmern des Wahren, obwohl nicht den 
Kern treffend und festhaltend, bei Herdbr (Brr. d. Stud. d. Theol. 
betr. I. Br. 6.): „Ist's eine blosse Erholung, ein geschöpfter Buhe- 
Beufzer des ermatteten Vaters? Oder ist's Hinüberblick in das Land 
der Väter, mit dem Wunsche eines sanften Ueberganges? [S. ob. 
S. 163.] Oder endlich erinnert sich Jacob bei dem, was er 
eben über Dan aussprach, ähnlicher UmstN'nde, Nachstellungen und 
Errettuigen seines Lebens, und dankt Gott für geleistete Hülfe? 
Dem letzteren gäbe ich nach der Geschichte und dom Character Ja- 
cobs beinahe den Vorzug." — Wären jene „Nachstellungen", was 
aber der Zusammenhang verbietet, activ gemeint, Herders divina- 
torischer Sinn hätte, auch ohne die im Namen liegende Motivi« 
rang, schon das Kichtige getroffen, 



172 Jacobs Sterbeneufser. 

da» nb*»w «hj •'D *iy (V. 10), sondern rtb*»« «a gilt, in seinem 
letzten Sttindlein nur immer von gläubiger Beichte und 
Zuversicht aussprechen und empfinden kann. 

Wir haben nun wohl nichts weiter hinzuzufügen, als 
dass die hier vorgetragene Erklärung des änigmatischen 
Sterbeseufzers Jacobs dem Wortlaute, der einen Moment 
nicht auf die umstehenden Söhne, sondern auf ihn, den 
Wortfährenden, auf Jacob selbst zurückgeht, ebenso wie 
dem Zusammenhange organisch entspricht. Als ein 
noch weiteres Zeugniss aber, dass an dem ^p9 und dem 
hierin characterisirten und culminirenden Schlangenwesen 
bei Dan der np2^^ tiefbewegt sich Selbst wiedererkannt hat, 
wird dann auch die nächstweitere Fortsetzung der Testa- 
mentsrede, über Oad V. 19 (S. 166), gelten, der, wenn auch 
nicht mit Schlangen aggr es sion, wie Dan, so doch, selbst 
angegriffen, zuletzt mit hinterlistiger Defensive obsiegt, 
wobei die Rede in dem bedeutsamen und das in Frage ste- 
hende Bäthsel hauptsächlich erschliessenden ^p:f wieder nach- 
und ausklingt. 



V. 

DAS 

GROSSE BEKENNTNISS 

1 TIM. m, 16. 

üiin Btrahlendes DiadeA ächter geistlicher Juwelen ; in gol- 
denen Beif gefasst; ist die schwungvolle Stelle der Pastoral- 
briefe 1 Tim. 3, 16: spannend ihre Einfuhrung, gewichtig 
ihre Prägnanz, perlend der Rhythmus, kostbar der Inhalt, ge- 
heimnissvoll im Ausdruck, tiefsinnig im Zusammenhang; 
um dieser Eigenschaften willen aber auch ein vielgedeutetes 
Räthsel fiir die Auslegung. ** 

Unsre Bemühung um Erfassung des hohen EUeinodes 
wird dahin gehen, sowohl der Grossartigkeit «dieses aposto- 
lischen Monumentes im Qanzen und Einzelnen gerecht zu 
werden, als auch alle Willkür und damit jede anderweite 
Erklärung der in ihren einzebien Gliedern an sich allerdings 
vieldeutigen Stelle mit den in ihr selbst liegenden gram- 
matisch-historischen Mitteln möglichst ßjCt immer auszu- 
Bchliessen. — 

In den bisherigen Pastoralanweisungen für seinen geist- 
liehen Sohn und ephes. Vicar Timotheus hat der Apostel, 
nach einem rückschauenden polemisch- thetischen Vorwort über 
das Ziel des christlichen Lehramtes (Cap. 1), zunächst 
gehandelt vom kirchlichen Gebetsgottesdienst (Cap. 2) 
nach Inhalt (V. 1 — 7) und Gestalt sowohl von Seiten der 
Männer (V. 8) als der Frauen nach ihrer grundsätzlichen 



* ScHLBiEBMACHEB (crit. Seodschreibcn 1807) bekennt S. 200 f., 
»es möchte schwer sejn, hier Alles genau aufs Reine zu bringen.** — 
Aeltere Literat, b. Wolf Cur. u. D e y 1. Obss. I, 317 sq.; neuere b. A. 
C. Fleischmann, Ep. ad Tim. L 1791 p. 148 sq. u. a. Comm. 



174 ^^ groBil^ BefenntnisB. 

Lebensstellung (V. y— 15, ob. 8. 98), und hierauf Cap. 3 von 
den fiigenschallen kirchlfcher Beamten am Wort (Bi« 
schöfe*, Pastoren Y- 1. — T') und im äussern Dienst (Diaconen 
und Diaconissen Y. 8-^-13). Er schreibe dies, fährt er V. 14 ff. 
fort, ilamit, falls seine Hoffnung bald selbst in Ephesus einzu- 
treffen sich verarge, Timotheus „die rechte amtliche Yerfah- 
rungsweise im Hause Gottes kernte (iva eiSyg nwg Sei hv oixco 
&SOV avaüTQkp^aß'aC), §ofern dieses Haus sey eine Gemeine* 
des lebendigen Gottes" (^rtg hotlv kxxktjala &eov ^cSvrog), 
und diese Gemeine (Lüth.) oder Kirche wieder „eine Säule 
und Grundveste der Wahrheit^' (arvXog xal iSgaicjfia rr^g 
äXrid'dag)^ gleichwie auch im 2. Br. an Tim. 2, 19 dieselbe 
Kirche als ötBQUig &efjLikvog tov ö'eov (s. u.) und dann im 
folgenden Y. nach ihrem Inhalt als fuydli] olxia chapacte- 
risirt wird. 

Indem wir so arvX, x. iSg. r. cd, als Epexegese von kxxltjcia 
&€ov ^. und nicht als eine zweite Erklärung von olxog &. 
fassen, schwindet die anscheinende Incongruenz der Bilder, 
•sofern ein „Haus" und zwar das Haus Gottes nicht wohl 
zugleich selbst wieder als eine „Säule", gleichsam als Carya- 
tide oder auch nur als Thurm, unmittelbar gebraucht und 
gedacht werden möcht^. ** Die Bilder liegen an uns. St. 



* Die LA. ohne oe (T. Rec, Lachm., Tisch., gßg.Vulg., Lüth.) er* 
hebt den Ajusdruck über die persönliche ßphäre hinaus in das Allgemeine, 
worin die erstere ohnehin mitumschlossen ist. Darum/ und'weil in dieser 
überhaupt dem Oecumenischen zustrebenden St. olxoe &eov nicht ein 
locales Gotteshaus ist, kann auch die erklärend (riTie) angeschlossene 
ixxXrjain, zudem mit dem significanten Chaf acter als d'eov ^fowot. 
nicht eine particulare, wie etwa die ephesinifiche (Dobschb, Theol. 
Zachar. ed. 3. IJ^, 69 ; v. Mosheim, Erkl. 327 f.), sondern nur die catho- 
lische „Kirche des lebendigen Gottes" seyn. (Vgl. Heumann, Erkl. 233, 
R. RoTHE, Auff. d. ehr. Kirche I, 300.) 

** Wiewohl Hermae Pastor vis. 8, 2 f. sim. 9, 2 ff. (4.12. 13) 
u. ä. allerdings die Kirche als eineh fortgehenden Thurmbau aus 
weissen, geschlossenen Quadern darstellt, dessen Felsengrund und 
Pforte der Sohn Gottes, dessen Erbauer seine Boten und (in Jung- 
frauen dargestellt) der heil. Geist, dessen Steine aber seine lautem 
Bekenner sind (jn^fioofievot ya^ ifaav [oi Xid'oi] xal owefi»vovv r^ 
ct^ftoy^ fietä tc5v ixiqiov Xi&wv , xal ovrw£ txokXdSvro aXXijXoiS wate 
TJyv afffioyiiv avjwr ftij faivaod'ai. ^JS^aiveto di ^ oixoSofiTj rov nv^" 
yov log e| evos lid'ov t^xoSofiijfMvr} — vis. 3, 2). 



Das groBse Bekenntniss. 175 

wohl nicht auf- sondern nebeneinander (vgl. v. Mosh. 326), 
sind daher, wenn auch durch Ideeenverbindung verwandt, 
doch eigentlich separat; aber duK«b die zwischeninnestehende 
hixlr^aicc vermittelt. Denn allerdings ist diese Kirche oder 
Qemeine nach der einen Seite ein „Haus^', und nicht nur 
in dem Sinne wie sonst die £inem Hause angehörige Fami- 
lie auch selbst ein ^^Haus'^ genannt wird (continens pro con- 
knto)y sondern die christliche Gemeine i s t auch in Wirklich- 
keit ein HauS; da Qott in ihr wohnt, daher hier oixog &bov\ 
erhält aber die eben dieses Haus Gottes bildende ixxXriaia ■ 
selbst alsbald das erhöhte Prädicat als ä'^ov ^ßvrog (über 
dessen Motiv auch noch später); so tritt ebendamit das wohl 
mögUcherweise von dem immerhin vorbildlichen Tempelgebäude 
der heil. Stadt entnommene Bild des oJxog &€ov (Matth. 21; 
13: Hebr. 3, 6. 10, 21 vgl. ob. S. 81) in das volle rechte 
Licht; sofern das neutestamentliche Haus Gottes nicht aus 
Stein und Mörtel besteht; sondern aus ;; lebendigen Stei- 
nen, ein geistliches Haus" (1 Petr. 2, 5. Eph. 2, 20 ff.) ;^ 
und wie dieser heilige ;,Tempel Gottes" (1 Cor. 3; 16 f. und 
vaog C^VTQg &eov 2 Cor. 6, 16; Eph. 2,21); diese aus leben- 
'dig-persönlichen Gliedern bestehende Kärche ; auch auf einem 
lebendigen Grunde ruht; ;;auf dem Grunde der Apostel und 
Propheten; da Jesus Christus Selbst Eckstein ist" (Eph. 2, 20 vgl. 
Matth. 16; 18)| so wohnt denn eben in ihr auch der ;;lebendige 
Qotf^ (d-eog C^v) und sein heiliger Geist (1 Cor. 3; 16 f. vgl. Rom. 
8, 9); welcher diese seine Kirche auf jenem Grunde gesam- 
melt; zur Einheit fest verbunden und zugleich gegliedert 
hat, und so auch fort und fort sie i^mer weiter und höher 
erbaut* - 



* Der 80 mit jenem Tropus des N. T. von einem geistlichen 
Hause Gk>tte8 correlate Begriff des „Erbauens^* findet sich im A.T. 
ebenfalls noch nicht, denn der figürlich« Simi voa tns^ schliesst sich 
hier nur an das ganz entsprechende ri'^ä an und bezeichnet demnach 
ein extensives zeitliches Wachsthum, sey es der Familie, wie Gen. 
16, 2. 30, 3., sey es des Wohlstandes überhaupt, wie zumal bei Jer. z. B. 
12,16. 24,6. 42,10(parall. Sft:^ pflanzen) u. a., Ps.28,ö. Hlob22,23., mit 
f^"^^ selbst verbunden Spr.24,3; wofür LXX fast durchgängig oimo- 
SouaXv (Jer. 24, 6 dvotnoHofAslv , nämlich Verwüstetes). Aber auch im 
N. T. ist jenes geistliche oixoSofislv etwas anderes als die nach und nai^ii 



176 ^^ grosse Bekenntniss. 

So wohnt ja denn mit dem lebendigen Gott; mit dem 
heil. Geiste die ;, Wahrheit^' persönlich in diesem Gotteshause. 



bei uns bräuchlich gewordene sogen. „Erbauung," — eine Begriffs- 
wandlung, die, characteristisch mit Verwandlung der Anschauung selbst 
Hand in Hand gehend, von dogmen- u. kirchengeschichtlicher Bedeutung 
ist. Denn während unsere Zeit unter Erbauung gewöhnlich nur eine 
Rührung oder Bewegung, vielleicht auch wirkliche Forderung der in-, 
dividuellen Seele als solcher versteht und dazu ascetische „Er- 
bauungsbücher^* (mit einem oft homöopath. Minimum christlicher An- 
regung u. Nahrung) in Menge und namhafte homiletisch-literarische 
„Bausteine zum Aufbau der Gemeine" besitzt, ist das neutesta- 
mentliche oixodofteXv (pixoSofift) wesentlich ein Erbauen jenes geist- 
li^henTempels der christlichen Gemeine aus „lebendigen Stei- 
nen" (ob. 1 Petr. 2, 5) d. h. ein immer festeres und innigeres, gedeih- 
liches und wahrhaftes (in- und extensives) Einfügen und Einbauen 
aller einzelnen gläubigen Seelen in den immer wachsenden, immer 
erweiterten Bau, dessen Grund- und Eckstein Jesus Christus ist, und 
wobei die Erbauung der einzelnen Seele und dieser geistliche Tempel- 
bau in stetiger Wechselbeziehung stehen, organisch und solidarisch mit 
einander steigend oder zurückgehend. S. z. B. Act. 9, 31 ^ IxKltjoia — 
slxBV ei(ffivr]v oixodofAOVfUvrj x. r. Lj Ephes. 4, 12 f. .tt^os jov xaraf^tiofibv 
rc5v ayioov eis i^yov diaxoviag eis oixoS ogi^v rov aiofiato g tov ^ 
Xq tOTOv, und bes. 2, 19 ff. iati ovfinolUai tcSp aylav xaX oixeT oi tov 
&80V inoixoSo ^iTj&evres inl r^ ^e/ieXitj^ tdiv anoatoXmv xal nQO- 
^pr^cSv, 6fTO£ ax^oyofviaiov avrov X^iarov^fijaoVf ivt^näaa oixo3o/itj 
ovvhQ/ioXoyovfiivri av^si eis vabv ay$ov iir xv^it^, iv qf xai vfieli 
avvoixo8ofie%0&s iis xatoixtitriQiov tov d'sov iv nvsvftari. Das- 
selbe Bild consequent (wie im A. T. M^l fig. vorzugsweise bei Jer.) bes. 
in den Brr. an d. Corinth., z.B. 2 C. 10,8. 13^10. eig oiKoSofATjv xal ovx eis 
xad'aigeoiv (vgl. ob. Jer. 24, f). 42, 10) cet. wie auch bei dem „Felsen-" 
Apostel selbst 1 Petr. 2, 4 ff. jt^bg ov nifoge^x^f'^'^o'' Xi&ov ^eowa — xal 
avrol oig Xi&ot ^(ovTeg oixoBo fAeXa&B, olxogjtvavfjLaxix6ff^.x»X,\ wo- 
nach denn überall das Erbauen wie das Erbautwerden und Sicherbauen 
normal in die christliche Gemeinschaft hinein erfolgt, ein dieser 
gegenüberstehendes iawbv oixoBofjielv 1 Cor. 14, 4f. 17 vgl. 12. 26 
(u. 8, 1. 10) aber ebenso entschieden als einseitig bezeichnet wird, wenn 
auch dann immerhin selbst auth jeder einzelne Christ sogar in seinem i 
Leibe wiederum einen Tempel des ihm innewohnenden heil. Geistes I 
besitzt und heilighalten soll (1 Cor. 6, 19. Rom. 8, 11). Demnach giebt 
es keine wahrhafte „Erbauung^' des einzelnen Christen, die losgerissen 
wäre von dem solidarischen Gesammtbau des Hauses Gottes, wovon 1 
übr. auch das neben dem oixoSofiatv erscheinende und seiner Natur 
nach isolirt unmögliche dnoMoSo/neXv (au f erbauen) Act.20, 82., ob. £ph. 
2,i0. CoL2,7. Jud. 20 vgl. 19 und a vi/ocxo^p/telf/ (mit erbauen) wie Eph. 



« Das grosse Bekenntniss. 177 

Doch dieBer ewige göttliche Urquell der Wahrheit strömt 
auch aus in Thaten und Worten; der neue Tempel Gottes 
umftlngt diesen lebendigen Quell; dessen Strom aber auch 
hinausgeht (Ezech. 47, 1 — 12 vgl. Apoc. 22; 1 f.). Die selige 
Besitzerin der Wahrheit; die Kirche des lebendigen OotteS; 
hält das Licht nicht verschlossen ; sie 4ässt es strahlend über 
sich hinaus dringen; wenn sie auch fort und fort der haltende 
und tragende Leuchter der Wahrheit für alle Welt ist (vgl. 
Philipp. 2; 15 f. fjUaov yevsag (TxoXiag xai SuffTQccfifiiv7]g, kv 
als (palvaa&B dg q^faariJQig kv xofffiip koyov C^S kni^ovreg, 
u. uns. Comm. z. d. St.) ; so dass die Wahrheit niemals von 
der Kirche kann losgelöst werden. 

Und so ist die Kirche des lebendigen Qottes nach der 
anderen Seite eben auch • eine' ;;Säule und Grundveste der 
Wahrheit". — Beides aber; was so jenseit und diesseit 
der ;;Kircho"; wenn auch nicht in organisch zusammenge- 
hörigen Bildern; doch in genetischer Ordnung von ihr prä- 
dicirt wird; dort eine Behausung Gottes ; hier eine Trägerin 
der Wahrheit zu seyu; so dass in ihr der lebendige Gott 
wohnt und auf ihr die Wahrheit beruht, Beides sind gewiss 
mächtige Motive flir alle olxovofioi fivaTfjQicov &60v 
(1 Cor. 4; 1 f. Tit. 1,7), würdig und weislich darin zu 
wandeln und darüber zu halten. 

2, 22 zeugt. Und so ist dieses architectonische Bild von Haus und 
Erbauen nur ganz gleicher Bedeutung als das physiologische von 
dem Leibe (ao^^a) Christi und dessen Gliedern (Rom. 12, 4 f. 
ICor. 12, 12 ff. 27. Col. 1, 24. Eph. 1,22 f. und beides verbunden 4,12 
u. 16 eis oixoSofurjv rov atofiaxoi rov Xqiotovj^ deren keines gedeihen, 
ja auch nur leben kann ausser in der Leibesgemeinschaft. Beide 
Bilder sind daher völlig synonym, wenn auch bei dem Bau der tra- 
gende Grund- und Eckstein unten, am Leibe das hebende und bele- 
bende Haupt oben ist. Ja noch ein drittes, ganz gleichartiges, Bild 
für dieselbe geistliche Solidarität bietet die Schrift dar: es ist der 
jenem mineralischen von „lebendigen Steinen^^ auf ihrem Grund- und 
Eckstein und dem animalischen von Haupt und Gliedern Eines Lei- 
bes entsprechende vegetabilische Organismus des (nun von unten nach 
oben reichenden) Wein Stocks und seiner Reben Job. 15, 1 ff., 
deren ebenfalls keine, von jenem losgelöst, grünen, gedeihen und Frucht 
bringen kann. (Vgl. dazu u. a. auch Eph. 3, 17 f. u. Col. 2, 7 i^^i^^afiivoi 
xai Tsd'BfiBXuofievoi — xai inoiHoBofiovfievQi iv avTq> xai ßeßaiov- 
fiBvoi X. r. ;. — wie ob. Jer. 24, 6 u. 42, 10 5n5ä parallel 5>Ü5). . 

HOELEMAITN, Neue Bibelstudien. 12 



178 I)a8 grosse Bekenntniss. • 

Nach dieser Auseinandersetzung über das innere Ver- 
hältniss der hochwichtigen vorbereitenden Aussagen von der 
Kirche als ^^einem Hause Gottes^' sowohl als ^^einer Säule 
und Grundveste der Wahrheit^', handeba wir nun weiter 
ebenso wieder über das innere Verhältniss dieses letzteren 
Doppel- Prädicates der Kirche des lebendigen Gottes als arvlog 
xai iSgaicofia rijg altj&Biag, 

Weist hier ersteres — atvlog (Säule, Pfeiler) ebenso wie 
das gleichbedeutende ari^Xri auf die Wurzel ^(trrjy/tt, fksrriv 
{aräo), arvaü) zurück^ als etwas Feststehendes und darum 
auch das auf ihm Ruhende sicher Tragendes^ so ist anderer- 
seits — iSgalififia, ausgehend von iSgaiog festsitzend^ wie 
dieses hinwiederum von f^Sga Sitz {t^ofiai sitzen), und dann 
weiter von dem Verb. iSgcciow festsitzen machen, festsetzen, 
etwas Festgesetztes (ganz so wie l^SgiOfia von iSQoo} und 
tSgacfia von iSgd^cOy oder auch i^-e^wcAto^ Grundstein, z. B. 
2 Tim. 2, 19 6 aregsog &€fj.ikiogy von ri&fjinv, &ifia, setzen), 
LüTH. „Grundveste" ; also — arvlog xai iSgaitofia ein Fest ste- 
hendes und ein Festsitzendes zugleich.*. Es ist aber 
nicht ganz genau, zu sagen ^ dass bei letzterem ,,die8elbe 
Idee^' sey als bei ersterem (Huther); auch soll man nicht 
beide WW. zusammenschweissen , wie Beng.: ,yhaec dito vo- 
cdbvla ar. x. iSg, sunt instar unius voccJndi, sclidissimwm 
quiddam exprimentisj quo notetur mysterium aUissimum (unde 
arvXog, a ardfo) et fundatissimum {unde iSg., ab ^fw)." Wie 
sich hier dennoch fast unvermerkt schon ein guter Ansatz 
zur Scheidung zeigt,** so etwas anders b. v. Mosh. 333 f. 
(nach AA.: auf (Tr. ruhe nur ein Theil des Hauses, auf iSg, 
das ganze Haus). Der eigentliche Unterschied beider WW. 
ist aber schon nach der obigen Ableitung mit nicht horizon- 
taler, sondern verticaler Verschiedenheit ganz unzweifelhaft: 



* Vergl. Dan. Hbinsiüs b. Deyl., Obss. ss. ed. 2. I, 321. 
** Vergl. auch Gbot.: SiciU columna hasi^ ita opus superius 
columnae innäelatur, Veritatem hie comparcU operi supero [.*], ecclesiam 
— columnae et hasiy i, e, xaO^ ^V 8ta Svoiv columnae baaim habeiUi. 
Wiederum vorsichtiger als z. B. Palaibet Obss. philol. {^^hendiad. 
pro atvXoe iS^aiog^^) Fleiscum. ißrmiter stabiUtae columnae instar — nUäur 
et fiilcitur. Aehnlich übr. auch schon Thbod. Mofs. (ed. Fritzsche 
153) tos av iv avT^ Tfjs aXijd'etas t^v ovotaopp ixovarjs» 



Das grosse Bekenntniss. I79 

ÜQcUwfm, das Eum Fest sitzen OebrachtO; ist das auf sich 
selbst Festruhende , in sich selbst Fundirte, dagegen arvKog, 
als das nur Festgestellte oder Feststehende; bedarf 
erst selbst wieder eines Unters atz es, eines unmittelbaren 
Qrandes, einer absoluten (Grundlage, und muss seine 
Festigkeit von dieser ^ dem iSgalia/MCf entlehnen. Sonach ist 
letzteres das Tiefere , Unterste (vgl. Hesych. iS^w ßaai^^ 
und eben ßda^g brauchen LXX fUr pM, Postament; Exod. 
26; 19 u. HL. 5; 15 zum Tragen von atvloigy und fUr nio*^, 
Fundament; Exod. 29; 12 sowie Aq. iSQacfia für *|id73 Ps. 
33; 14); auf diesem iSgcUta/ia ersteht erst atvlos, und hier- 
auf wieder ruht das so von Beiden Getragene — die Wahr- 
heit; gleichsam das von dem der ihn gründenden Kirche 
organisch entsteigenden Thurme fernhin leuchtende Panier 
mit der Inschrift unseres 16. Verses: &i6g i(paveQci&r] äv 
aoQxl X. r. A. und : iv rovt(p vlxa ! Sonach ist die Wortord- 
nung bei axvXog xal iSgalwfia von oben hinab zur Tiefe 
gehend und auch dadurch, wie ihr reales Verhältniss zu 
einander es selbst ist, ganz entsprechend r^ &ifukl(p rm 
anoarohav xal nQotf^rüv^ ovtog ccxQoyoovialov avxov Xqustov 
Ifjaov (Eph. 2, 20). 

Muss schon hiernach jede weitere Frage um die Ver- 
doppelung des Ausdrucks (atvX. xal ISq,) verstummen; so 
wäre auch in noch anderer Hinsicht das alleinige iSgalw/ia, 
ohne üTvlogf hier ungenügend; um die vorschwebende Idee 
des Tragens unverkürzt darzustellen, da auch arvXog für die- 
selbe durchaus nicht müssig ist* Denn, ähnlich wie vor- 
her Beng.; aber auch ebenfalls ohne klare Bewusstheit; 
sagt Deyling, Obss. ss. I, (317 sqq.) 320 richtig: ^Ecde- 
eia proinde iSg. r. aXriß'. appeUiaJtwr^ quia verüas aubsütä in 
ea [ecdesia], ftilcäur, suaivnetury aedet; eminetj etvdut in edito 
loco conspicienda exhAetur^^ : ^ das bis sedet Gesagte fällt dem 
iSQ, vorzugsweise; doch auch dem öTvlog, das folgende 
eminet cet vorzugsweise dem arvlog zu. Sicher und hoch 
die Wahrheit zu tragen, Beides ist die Mission der Kirche 
des lebendigen Gottes.** 

* Aehnlich Grot. weiter (vgl. v. S.) : Veritaiem austemUU cUque attollit 

ecclesiaj efficit ne elabatur ex animie, efficU %JiJt longe laieque conspiciatur. 

** Unerheblich ist dagegen und unsicher, welches Motiv den 

12* 



180 Das grosse Bekenntniss. 

Zum Erweise der innem Berechtigung davon; dass die 
Christliche Kirche die Trägerin „der Wahrheit" sey, würde 
es schon genügen, auf die symbolische Definition (C. A. VII. 
p. 11) zu verweisen: Est atäem Ecclesia congregatio sanciorum^ 
in qua evangelium recte docetur et rede adminüfy'aTiiur 



Apostel grade zu diesem Bilde von Grund und Säule oder Pfeiler 
geführt haben möchte. Man sucht die Veranlassung dazu th. auf 
israelitischem, th. auch auf heidnischem Gebiete. Im Israelit. Ge- 
sichtsfelde lägen die Erinnerungen an die Wolken- und Feuer- 
säule des Wüstenzuges, £xod. 13, 21 f. (z. B. C. a Lap., Dan. 
Heins, b. Deyl. I, 321), welche aber nur die Form, nicht auch die 
grade hier maassgebende Festigkeit einer Säule hatte, am wenigsten 
ein iB^aitofia war; oder an die beiden Tempelsäulen 1'^D'^ und T^a 
(s. ob. S. 1 : z. B. S. Schmid AA. b. He um., Erkl. 230); oder auch an den 
jerusal. Tempel überhaupt, zumal als ein Vorbild der aXri^iva od. 
Wirklichkeiten in der christl. Kirche (z. B. Theophyl. b. Dorsche, 
Theol. Zach. ed. 3. H, 69; vgl. ob. Grot.); gewisser, aber selbst wieder 
mehrseitiger,' rabb. Parallelen (b. Liohtfoot, Wetst. , Schöttg., s. 
Wolf, Beug., Wegs eh., Heydenr. cet.) zu geschweigen; — in 
den heidnischen Gesichtskreis dagegen fielen die Beziehungen auf 
Götzentempel, weshalb hier der Zusatz d'eov ^avjog (Heum. 229, 
Bbng.), und zwar, da unser Brief nach Ephesus gerichtet, zunächst auf 
den dortigen Dianentempel selbst (bes. Jac. Gothofbbd. u. AA. b. 
Deyl. 319 u. Heum. 230, Beng.); oder auf eine durch ein Piede- 
stal (Sockel) gehobene Statue der Veritas (s. b. Deyl. 320), wie 
ja denn Movebs (Phönic. 292), übr. T)hne Bez. auf uns. St., das Götzen- 
bild yi^'D (Am. 5, 26) als „ein aufrecht oder fest Gestelltes, eine Säule, 
ximp — die ältesten Symbole der Gottheit," deutet. Nach andern 
Seiten hin hat man sogar an Mentliche Anschlag-Säulen mit In- 
schriften, Decreten cet. (hier dem göttl. Worte) gedacht (Franc Junius 
b. Deyl. 322, Gatak. AA. b. Heum. 230 f., Palairet, Obss. 405), oder 
dem eS^aiafia, was hierzu ebenfalls ganz unpassend, die wiederum 
zu oxvlos (da ^MX^ 2Kön. 11, 14 ein Standort, eine Bühne ist) unpas- 
sende Bedeutung eines Königs -Stuhles (Al. Mobus b. Deyl. 321) 
geben wollen, obwohl auch selbst für eine blosse Lehrkanzel in 
atvX, X. bSq. (t. aXfjd',) der Apparat iip Ausdruck unverhältnissmässig 
wäre. Da könnte gewiss viel eher an die Inschriften des eben auf die 
Kirche deutenden „festen Grundsteines Gottes" (2 Tim. 2, 19 od. Apoc. 
21, 14) gedacht werden (S. 174). Das jedoch ungleich näher, als alles 
dieses. Liegende ist für die gesuchte Ideeenassociation zu dieser archi- 
tectonischen Bildrede doch wohl oLne Zweifel eben die unmittelbar 
vorausgehende von einem „Hause Gottes", ohne dass übrigens 
deshalb beide Tropen unmittelbar und streng in einander eingreifen 
müssten. (S. 174 f.) 



Dm grosse BekenntoiM, 181 

BocramemUi^ sowie (Apol. C. A. IV. p. 148): Ei addimus notaa: 
puram dodrinam evangdn ei acicramenta. Et haec Ecdeaia 
proprie est columna veritatia: retinei enim purum evan- 
gdmm etj ut Paulus tnquüy fundamentum, h. e, veram Chrütt 
cognüionem et fidein;** wozu derselbe Melanchthon, Enarr. 
ep. I. ad Tim. 1561 (f. 44^55) 50 sq. : norma vero eat ver- 
htm Dei et syrnkda^ quae certe sunt breves articuli aumti tan- 
tum ex verbo Dei, Schön und warm auch Calv. z. u. St.: 
Quid enim magnificentiua potuü dici^ quid aetema illa veritate 
auguatiua magiaque sacrosanctum^ qua et Dei gloria et hotni- 
num ealua contineturf 8i in unum cumulum congerantur om- 
nes profanae phüoeophiae taudes, quHma a suis sectatoribus 
omatur^ quid hoc ad dignitatem coeleatia hyua sapientiae^ quae 
sola et lux et ventaa, et doctrina vitae et via, et regnum Dei 
praedicari meretur l ** Hieraus erhellt, inwiefern der Kirche, 
der alle Particularkirchen überragenden und übergreifenden 
stetigen Gemeine des Herrn auf Erden, jenes majestätische 
Prädicat, mittel- und unmittelbare Trägerin der Wahrheit 
zu seyn , wozu jeder ihrer lebendigen Steine das Seinige bei- 
trägt und mitwirkt, unverkümmert und ausschliesslich zu- 
steht. Nach ihrem Grundsatze: aga fj niari^ h^ axoijgy 17 8i 
axorj Sia Qtjfiatog &iov (Rom. 10, 17), bewahrt und ver- 
kündigt sie fori und fort die Wahrheit aller Wahrheiten, 
die allerverbürgteste wie allerhöchste Wahrheit, nämlich die 
nun ihr anvertrauten loyuc rov ^eov (Rom. 3, 2), deren 
Centrum eben die im A. B. zwar geweissagten, aber erst 
im N. B. wirklich historisch eingetretenen, nachstehend ar- 
ticulirten Heilsthatsachen bilden, welche Schleiermacher 
(S. 197) nur aus der Glaubensperipherie heraus selbst auch 
für „eine einzelne Wahrheit^^ ansehen konnte. , J)ie Biblischen 
Grundbegriffe der Wahrheit" haben wir übrigens bereits in 
Bibelstudien I, 1 — 53, und eben dabei die göttliche offen- 
barte Wahrheit als die Wahrheit schlechthin S. 23 ff. 50 ff., 
wie auch das normale Verhältniss der zur Seligkeit indiffe- 
renten und nur zeitlichen ausserbiblischen Wahrheiten zu 
jener ewigen und seligmachenden Wahrheit sattsam erörtert.* 

* Vergl. ausserdem Calv. weiter zu u. St. (ed. Thol. p. 259) u. 
Abo. Hümmiüb, Exeges. ep. P. ad. Tim. I. (1602) p. 110. 117; Dorschk 



Ig2 ^^^ grosse Bekeontniss. 

Wenn nun neben dieser apostoliechen Aussage von der 
Kirche als Trägerin und Urveste oder als Strebe- und Grund- 
pfeiler der Wahrheit auch der Gegensatz davpn geltend ge- 
macht worden ist, dass die Kirche selbst hinwiederum auch 
von der Wahrheit getragen und gestützt werde,* wie 
möchte man dieses Antidot gegen alle kirchliche Verkehrung 
und Trübung, wenn es auch ganz ausserhalb unserer Stelle 
liegt, bestreiten wollen! Beides stellt ja eben nur zwei 
Seiten eines und desselben Grundsatzes dar : „uit ertim ven- 
tos ibi est ecdesia, et übtest ecdesia ibiveritas^ (N. KnatCH- 
BULL, animadvv., Oxon. 1676' p. 151). Und selbst das möchten 
wir nicht für den Schlüssel zur vollen Aufschliessung jenes 
scheinbaren Gegensatzes halten, was Baumöarten, Aechth. d. 
Pastoralbrr. 1837 S.246 und nach ihm Wiesinger, Erkl. S. 457 
bemerken, dass unsere St. die Wahrheit nur nach ihrer Anerken- 
nung in der Welt, die andere Seite dagegen die Wahrheit an und 
in sich bezeichne. Vielmehr bedarf die Kirche als Trägerin und, 
so zu sagen, Ür-Heberin dar Wahrheit, auch für sich selbst 
unausge^tzt der sie allein frisch und rein erhaltenden gött- 
lichen Wahrheit, sonach ganz dasselbe Verhältniss wie das 
der norma normata in den kirchlichen Glaubenssymbolen zu 
der norma normans des göttlichen Wortes (Form. Conc. 
init. p. 570 sq.). Und so sind es denn »uletzt eben nur 
bildliche Ausdrücke, die man dies- und jenseit nicht pressen 
soll, um welche sich diese Besprechung bewegt; man könnte 
daher mit einem vermittelnden Tropus wohl auch sagen: 
allerdings trägt die christliche Kirche und nur sie (ein wahrer 

1. 1. 68 sqq. : EccUaia est medium Sctcrar. Literarum cognoscendarum or- 
dinarium et efßcax, coli. Tbrtull. praescr. adv. haer.: Ecclesiae com- 
misBam esse JiaeredUatem Scripturarum. (S. c. 37: ,yEgo sum haeres 
Apostolorum: sicut caverunt testamento - suo , sieut fidei commiserurUy 
siciU adjuraverunt , üa teneo. Vos certe exhtneredavenmt semper et ah- 
dicaverunt ut extraneos^ ut inimicosJ') 

*) S. b. Dorsche 1. 1. p. 68 sq. Chrys. tj dli^f^etd iari t-^s in- 
xXr^aias 9cai arvXoi xai eSgaiaffia'^ Iben. Columna et firmamentum eccle- 
siae est evangeUum et spiritus vkae. Yergl. Asa. Hünn. 1. 1. p. 110 und 
zwar schon nach Ephes. 2, 19 f.: — otxeiot tov &eo9t inoncoSoftv- 
d'ivreg ini r^ d-efieXlc^ xmv dnooToXmv xal nqofrjrcovj Bvios ax^oym- 
viaiov avTov Xqmxov ^Irjaov x, t. X, vgl. 1 Cor. 8, 10 flP. — wie ande- 
rerseits Hebr. 3, 6 ol otxos iofiBV ^fisls, iav %tjv na^^tjoiav xal rö xav- 
Xrjfia rffs iXniSoe — xardaxcofiav. 



Dm grosse Bekenntniss. 188 

ChriBtophorus) die Wahrheit in sich und über sich; aber 
Auge und Licht auf ihrem Wege durch die Welt zur Ewig- 
keit erhält Bie doch erst durch das, waB sie trägt. 

Welcherlei Wahrheit eA^pr unter ;;der Wahrheit'' gemeint 
und begriffen werde, das besagen die nun folgenden Lehr- 
artikel; wo daher diese in Glaube und Geltung sind; da ist 
die Kirche. — 

Doch es giebt hiemeben auch noch eine ganz andere 
Beziehung der in Rede stehenden Worte atvkog xal iSgaloifia 
tijg aXfj&siccg, womit eine ganze Beihe der eben besproche- 
nen Schwierigkeiten dadurch umgangen wird, dass jene 
nicht als Prädicat der vorausgehenden ixxktjala &€ov ^ävTog, 
sondern als Anfang eines neuen Satzes angesehen wer- 
den. Während nämlich ixxkfjala &Bpv ^üvtoq* nach ca- 
tholischttr wie reformatorischer Auslegung ** eben diese Säule 
und Grundveste der Wahrheit ist;***^ glaubt eine ziemliche 
Zahl anderer, namentlich auch, obwohl nicht ausschliesslich, 
reformirter Exegeten (s. u.) die Aussage mit ixxltiaia vor- 
erst abgeschlossen, und njmJStvXog xal iSfalta/ia r^ aXti- 
&$lag entweder sachlich als Characterisirung des nach- 
folgenden „Mysterium'' und der von diesem umschlossenen 
historischen Wahrheiten (ähnlich als die Einfuhrung z. B. 
1, 15. 4, 9 ftufTog 6 koyog xal ndarig änoSoxv^ ^l^fi); oder 
auch persönlich deuten zu sollen,**** 



* Isolirt ist geblieben die unnatürliche und salzlose Bez. von 
&tov t,c5vxoii statt zu ixxlfjoia, zu dem folg. oxvXos (Heuis. b. Beng., 
appar.). 

** S. ob., ausserdem b. Wolp 1. 1. p. 47 sq. {jfiaec fere nostt^cOmm 
et plerorumque qliorum est sententia^^) , Heum . 234 f. — Schleibrm. 197 
(,,die Alten alle — und gewiss ganz recht"), Maok, Matthies, Baümo., 
DB W., Hdth., Wies. 

*** Sogar mit Hinzuziehung des folg. blossen xal fiiya als „etwas 
Grosses" (s.u. S. 190), mit weiter folg. explicat. IVt», s. b. P. Zorn, 
bibl. ant.-exeg. p. 825 f. u. b. Wolf, Cur. 449. 

**** S. Ben(».', Appar. ed. 2. p. 399 sq. u. Gn., mit Melvin., J. Ca- 
MBBo, J. Fabbic, J. Capell., b. Heum. 238 f. Caoc, J. Melchior, Marck., 
Rhsnfebd, Albebti, Episcop., Limbobch, Cleb. ; — E. Schmid, J. H. Ubsin., 
G. G. Zbltm., Woll., Schötto.,Pfapf, Weism ann, Obdeb, Oporin., C. F. Böb- 
KEB, y.MosH., AA.(PoL. Leyskb), — Gbiesbach, Knapp, Fi.ei8chm. (149 sq.), 
Wegsoh., V. Ess, Heydenb., v. Flatt, Auo. Hahn , v. Oostebzee (nun in 



184 D^8 grosse Bekenntniss. 

Gegen die aus dieser Interpunction resultirende Bezie- 
hung von arvkog x. t. L auf den folgenden Inhalt des 
^^Mysterium^' (wodurch arvXog gleichsam zur sechskantigen 
„Säule" würde) — eine Stellujig, welche N. Knatchbüll 
y/metathesin auräma meia duram^^ und sogar ihr eigner Gön- 
ner V. OoSTEBZEE „sonderbar und hart" nennt — sprechen 
namentlich folgende Momente: 1) das innerlich Unvermittelte 
und Abrupte dieses Anschlusses; 2) die Coordination zweier 
ohnehin schon unter sich copulirter Substantiva {<5tvX. xcu 
iSg.) mit einem Adjectiyum (jiiya) zu vermeinten Prädicaten 
(ScHLEiEBM. 191, DE W.), daneben auch noch 3) der ein- 
seitige Zusatz eines Adverb, (o/nokoyovfiivwg) erst zu diesem 
dritten Prädicate, wodurch dennoch 4) der Abfall in der 
Climax von den grösseren und in sich gesteigerten ersten 
beiden Elegien {ötvI. x. iSg., s. ob.) nicht etwa aufj^wogen, 
sondern nur noch fühlbarer wird, sowie endlich 5) auch noch 
real die oflPenbare Heruntersetzung der doch im Sinne des 
Apostels allerhöchsten „Wahrheit" von der „Erscheinung 
Christi im Fleisch" und seiner schliesslichen „Erhebung in 
die Herrlichkeit" (V. 16) zu einem blossen „Träger^' der, 
somit unbenannt bleibenden, Wahrheit selbst, unter deren 
Categorie demnach jene grössten, weltbewegenden und die 
Seligkeit der Seelen bedingenden Heilsthatsachen nicht ein- 
mal mitfielen. 

Dieselben Gründe sprechen endlich auch gegen die p er s ön- 
liche Beziehung der WW. atvlog xal iSgaliafia tijg akr^&eiag 
auf Christum (Procop. Gaz., Epiphan. b. Wolf 447. vgl. 
Fleischm. 148 sqq. 168 sq.), Dessen Uebergang von hier aus 
in 6fioloyovtiiva)g (ikya ro ti^g evaeßeiag ßvati^Qwv, und zwar 
nicht nur wegen des überaus matt abfallenden neutralen Ab- 
stractum {iwörriQiov) y vielleicht auch noch mit einem wieder 
concret folgenden precairen og (s. u.), sondern noch viel mehr 
wegen des nun nicht mehr als Subject, sondern als drittes 
Prädicat erscheinenden r 6 fivanigvov mit dem Art., den die 

Gl. b eigentlich was in a tropisch) — wie auch schon ältere Textausga- 
ben, s. Beno. App. — Vergl. J. Ad. Osiandbb (T. E. Sigel), /Vo inter- 
punctüme guod columna et firma/mentum veritatia sü magnum pietatis 
mysterium^ 1752 — und gegenüber: D. G. Kbslbr, De eccleaia col. et 
firmam. veritoHSf 1763. 



Dm growe BekenntiÜM. 186 

voraasgehenden beiden Prädicate nicht hatten, aller Con- 
cinnität widersprä4she. 

Noch weit sonderbarer wäre aber eine andere persön- 
liche Bez.; näml. eine Ritekbeziehung des arvk: x. iSp. r. 
al^&. auf TimotheuS; wo nun die grössere Interpunction 
erst nachfolgen würde mit dem, übrigens gleich unvermittelt^ 
daher auch grade durch xal um so auffilUiger neu eintreten- 
den Satze Kai o/wl, /liya kürl t6 rijg BVüiß, fivati^Qiov x. r. L * 
Nun würde zwar die grammat. Bez. dieses Nominat. nicht 
grade einen sogen. ^^Atticismus'^ (statt des Acc.) zum dek- 
kenden Schilde; den auch Wegsch. (120) hier nur schwer 
zagesteht; erheischen; sondern jener Nom. könnte wohl di- 
rect noch von Iva BlS^g — avaatgi^ea&ai ressortiren: eben 
dann aber bildet nicht nur die örtliche Kluft dazwischen; 
sondern mehr noch das schreiende Widerspiel in den so 
zusammengebrachten Tropen des avaatgitpBa&ai mit atvXog 
xai iSgaiiOfia (eine wandelnde Säule und Grundvestel), ja 
auch schon das des elSyg mit diesen letzteren ein starkes 
rhetorisches Hinderniss, wozu ausserdem auch noch die mo- 
ralische Unmöglichkeit kommt; dass der Apostel diesen 
seinen eben hiemach (vgl. auch 1; 3 f. 18 f. 4, 7. 12. 14—16. 
5, Ift 21 f. 6; llf. 13 f. 20. 2 Tim. l;6--8. 13£ 2, l.f. 3ff. 
8. 15 f. 22 f. 3; 14. 17. 4, If. 5) noch so sehr der Unterwei- 
sung und Ermahnung bedürftigen; jugendlichen Vicar (vgl. 
4; 12. 2 Tim. 2, 22); und zwar doch immer nur hypothetisch, 
in überschwenglichen Ausdrücken ;;eine Säule und Qrund- 
veste der Wahrheit^^ genannt hätte. Denn selbst das oi So- 
xovvTsg arvXoi, elvai Gal. 2; 9.; von einem JacobuS; einem 
Kephas und einem Johannes gesagt; hat nicht nur kein 
iÖQcUw/ia, geschweige ein tfjg aXr^&dag bei sich; es ist auch 
durch das vorangehende SoxovvTcg wie in das subjective 
Gebiet entrückt; und Apoc. 3; 12 6 vixwv^ non^aa^ avtov 
axvXov kv Ttp vct^ tov &ioS fiov ist erst von der Zukunft; der 



* So Grbo. Nysb.: 6 d'tloe anoorolos xal %ov Ttf/^o&eov axvXov 
nakbv irexji^vaTOy not^oas ai^rSr, xad'cis frjat t^ iSi<f f€ifp^y orvkav 
xai id^aioffut %fji ixxXtioias (!b. b. Fleischm., Hey den r. u. Huth.), 
Tebodoret. (b. Wegsch.), G. CmLunawoBTH, J. H. Majus, C. H. Rrr- 
HXTEB, P. ZoBH (s. Doss. blU. sut-exeg. p.826), J. B. Bub (b. Wolf), 
AA.*, auch y. Bukbhn. 



186 Dai groise Bekenntnios. 

ewigen, und von einer Wirkung des Herrn, aber auch selbst 
dann vQn keinem iSQaliafia Ttjg aXtid'daq die Rede. Gar 
nicht hierher gehören spätere freigebige Benennungen christ- 
licher Lehrer als arvkoi cet b. Dorsche 11, 72 sq., DeyL 
319, Heydenr. 198 f. — Und so durfte selbst ein Gbotius 
über das nun erörterte arvkos xal HgcuaifiM r^ aXti&eiag mit 
Recht bemerken: TüuU Jd mint Eodenae] cm qud eoa tnvi- 
dent, mirum quam labcrant ut kaee verba sequenti periodo com- 
nsctant] und erwidert hierauf Beno. (appar.): 9ed viciasim 
nuHua Ecdesiae edota [was Gbot. am allerwenigsten] ipsi 
Mysterio pietatia hoc encomwm eripieiy quomin/us habeatur co- 
lumna et firmammtum veräatü, so thut man jenem „Myste- 
rium der Gottseligkeit'^, wie Beng. es freilich will, doch wahrlich 
keine Ehre damit an, dass man es zu einem blossen Stütz- 
puncte (arvkog xal SSgaliapui) der Wahrheit macht^ während 
es nach unserer und der überh. redpirten Auslegung vidmehr 
die Wahrheit selbst ist und sie umschliesst (s. ob. S. 180 f.). 

Was nämlich ^ wesentliche Wahrheiten „die Wahr- 
heit^' xar i^o^V^ oder ihr Inbegriff in sich befasse, oder 
welcher Strahlenkranz dem Stern und Kern aller Wahrheit 
entströme, sagt der Schlussvers (16) des Capitels, das eigent- 
liche Ziel dieser unswer Auslegung. — Damit rauscht der 
majestätische Cataract näher und näher. 

Das V. 16 mit dem Bisherigen verbindende Kai ist mehr 
als einfache Copula, ist explicativ oder exegetisch (vgl. ob. 
S. 100): und zwar, od. nämlich (s. Wm. Gr. 388 vgl. 
1 Job. 1, 16 u. a.; Heum. 238 et sane, 240 „und freilich,^' 
WoLP yyid es^^y auch Beng. u. Fleisghm.; nach Wies, nur 
„mit Nachdruck voran '% nach Hüth. „zugleich den folg. 
Prädicatsbegriff hervorzuheben ''). Dieses „näher bestim- 
mende'^ (Wm.) xal führt uns nämlich aus jenem Portal schon 
tiefer hinein, wenn auch zunächst immer nur noch in den 
Vorhof oder auch das Heilige, nicht aber auch schon in das 
AUerheiligste und den hohen Chor der Kirche des lebendi- 
gen Gottes, sofern sie mit der Substanz der Wahrheit aller 
Wahrheiten betraut ist, durch den immer weiter spannenden^ 
weil nun unmittelbar vorbereitenden, aber immer noch for- 
malen Zusatz, dass es hier ein ofiokoyov/jiiviag fikya fivar^' 
QioVj ja ro (ivorriQiov Tijg ntaeßslag gelte. — Beginnen 



Das grosse Bekenntniss. 187 

wir die Analyse dieser immer bedeutsameren Vorbegrifibmit 
dem örtlich nächststehenden Ofiokayovfiivwg fiiya. 

Ueber ofioloyovfiivtag j im N. T. mir hieri sind die sog. 
philol. Observations-Scribenten z. d. St. in Belegen (z. B. 
Raphel. aus Polyb. u. Arrian. p. 608 sq.; Munthb aus Diod. 
Sic. p. 408, Krebs aus Fl. Joseph, p. 354 sq. u. aa.) ziem- 
lich reichhaltig, vgl. z. B. Xenoph. Oec. 1, 11 OfwkoyovfU" 
viog ye loyog rj/iiv ;^a^(w2f, imimQ dgi^m x. r. A., Polyb. 
(b. Raph.) ävSgag pfioXayovfAivtag aQUSrovQy ganz so wie 
auch Joseph, (b. Krebs) Mioir^ffOjCtoAo^^oVjCMi/ai^ — 'EßgcUtav 
agiarog. Danach , wie auch seiner Abstammung {ofiov — 
liyuv) gemäsS; bedeutet ofwkayovfiivwg gleichlautend, 
einstimmig, einhellig (LuTH. „kündlich'^ d. i. offen- 
kundig, notorisch; „anerkannt^^ v. Oobterzee, „anerkannter- 
maasBen^' Wies.). Die Formation selbst resultirt zunächst 
aus dem Verb. 6fioloy$tVf ttbereinstimmen mit Anderer Rede 
oder Meinung (bez. auch der eignen), d. i. zustimmen oder 
eingestehen , bekennen (bekannt geben), wie Joh. 1, 20 (a/AO- 
XoytjaB xal oim tj^actro, Tit. 1, 16. 1 Joh. 2, 23. Daher 
b. EüSEB. KG. 3, 25 die Eintheilung biblischer Schriften 
in ofioXoyovfieva und avti^kiyo/iiva , jene allgemein an- 
erkannt, letztere z. Th. angezweifelt, sowie auch Polyb. 
(b. Raph. 1. 1.) TQ nag ivloig änoQovfMVov xßxt naga 
naciv oiioXoyoviiwov kyiv%ro xal av/upavig, wonach denn 
ein ofiokoyovfMvov das universell oder öcumenisch An- 
erkannte, nicht bloss Gekannte ist» zumal da eben auch 
von Euseb. die cevtikeyofieva zugleich als ofuag Si naga nkel- 
atoig Twv kxxk^auxaTixwv yiVioaxofitva (C. 31 sogar ofMog 
8i hf nküaraig kxxXriöicug naga nolXotg SiStjfWöiev/iivcC) be- 
zeichnet werden. * Und eben von jenem Partie. Präs. Pass. 
kommt ja die Adverbialform ofwXoyovfztvwg (nicht, wie sonst 
auch, qfwXpytag) unmittelbar: der hierin allenthalben lie- 
gende Consensus aber musste in specifisch-christlichen Schrif- 
ten auch zugleich von selbst einen ebenso specifischen In- 
halt und Hintergrund, eben als christliches und zwar nicht 

* Verg]. auch Aristid. er. Elens, b. Heydenr. 206: o/iokoyov- 
fisvttj a eis t6 ßiaaov novqtal nal Xoyonotol nai avyy^ayeXs ndvxes 
vfAvoioiv. Das Gleiche gilt auch von dem Sahst. ofioXoyia^ Ueber- 
einstimmung , Anerkennung, Bekenntniss, Confession u. Convention. 



188 Das grofloe BekenntniM. 

privates y sondern nur auch persönlich angeeignetes allge- 
mein-christliches Bekenntniss, erhalten, wie daher auch 
ausdrücklich ofwkoyBcv Itjaovv Xqmstov igx^H^^ *^ ifccQxi 
2 Joh. 7; ofioXoyBiv rov viov 1 Joh. 2, 23 Vgl. Joh. 12, 42; 
ofwXoyetv kv t^ aroftarv xvqiov *ItiGovv Rom. 10, 9 f., und 
mit iv des Obj. ofwloyeiv kv iftol i/nnQoad-ev rcSv dv- 
S'QfinoiV Matth. 10, 32; ebenso wie auch das Subst z. B. ij 
OfioXoyia vfiüv üq t6 Bvayyihov rov Xq, 2 Cor. 9, 13 cet., jenes 
aber zumal bei dem Zusammentreten des persönlich aneig- 
nenden Verb, mit dem objectiven Subst., wie in uns. Br. 
6, 12 wfioloytiaceg Ttjv xalryif ofioXoyiav (was ohne weitere 
Beziehung eben das christlich - dogmatische Bekenntniss * ) 
kviantov noXXäv (ioqtvqwVj vgl. f. V. kvf^ni^ov — X^iarov 
'Ifiaov rov ficcQTvg^aavrog kni Ilovtlov üikdrov rriv xakijv 
ofwloyiav (von seinem fieiche der Wahrheit, Joh. 18, 36 f.): 
in welchen beiden aufeinanderfolgenden Stellen, noch ausser 
der Wortordnung, eine doppelte Climax, bei übrigens gleicher 
Substanz des Bekenntnisses, näml. dort ein ofioXoyalv 
rr^v xakfjv ojiiokoyiav kvianiov noXXäv fiaQtVQwVj d.h., 
vor vielen liebevollen Mitbekennem als Zeugen, hier ein 
fiaQTVQ€iv kTti IIovTlov üildtov Tffv xoXfiv ofioXoyiav, 
d. h. im Angesicht fVz^ton^ tyranne. Demnach sind wir denn 
wohl auch an unserer — von der Kirche und der Wahrheit 
handelnden — grossen Stelle berechtigt, das ofioXoyov- 
jüivcog als nicht nur bekannter-, sondern auch anerkannter- 
maassen, d. i. eben nach kirchlicher Ausdrucksweise als be- 
kenntnissmässig (nach Heum. 241 gradezu als (AvarriQuyv 
ofioXoyovfievov , d. h. als ein allgemein angenommenes, von 
Allen und Jedem mitbekanntes Mysterium) zu fassen, wozu 
auch das lat. „oanfeaso^^ (Beng.), oder „eaj oanfesso*' 
(v. OOSTEBZEE secufidum td qiwd in confesso est apud omnes, 
vgl. Aeg. Hünn. 111 piorum omnium confessione et calculo) sich 
besonders eignet. Und so dürfte bereits in diesem (mit dem 
nur mehr localen xa&olixcig^ xa&oXov harmonischen) ofiolo- 
yovfiivwg eine öcumenische Ooiifessio (zunächst des 2. christ- 
lichen Glaubensartikels) und zwar, da der sonst naheliegende 



* Wie auch, obwohl ganz andern Inhalts, schon Plutarch 
(Stoic. repugn., init.) rj ic5r Soyfidrwp OfAoloyia. 



Das grosse Bekenntniss. Ig9 

„Oonsensu^* durch die neuere Geschichte; als eine nur li- 
mitirte Uebereinstimmung (mit bitter • süsser Miene ^ und 
daher; wie selbst ohne wahren Frieden, auch ohne Friedens- 
spendung); eine mehr störende als erläuternde Instanz bilden 
vrürde, gleichsam eine christologische y,Farmula Concor' 
äiaef^* (v. OoSTERZEE 42) angedeutet werden ; da sich eben 
diese formelle Vorandeutung sofort in immer näheren ; auch 
materiellen Angaben bestätigt und steigert: wie ja denn mit 
dem unmittelbar angeschlossnen ,; Mysterium '' selbst und 
dessen substantieller Entfaltung hier wirklich die erste all- 
gemein angenommene; d. i. eben öcumenische oder catho- 
lische Olaubensformel und - zwar zunächst das älteste skiz- 
zirte christologische Schibboleth oder Symbolen ** und damit 
das biblisch-authentische Apoatoltcum eingeführt wird, durch 
welches eben die „Kirche eine Säule und Qrundveste der Wahr- 
heit^^ war und ist, dessen Grundartikel sie eben hiernach auch 
nicht nur in hochfeierlichem Ausdruck, sondern selbst mit eineih 
fdr das TtUti unübertrefflich geeigneten (später namentlich 
auch von Luther im Catechismus acht volksthümlich nach- 
geahmten) Rhythmus recitirte und lehrte. (S. 204. 205 f ) 
So aW; meinen wir, kann und sollte von Sghleiebmachers 
>;Rathlosigkeit über die Verbindung unseres Verses mit dem 
vorigen" (S. 199 f.) im Ernst nicht mehr die Rede seyn; 
ja der so durchdringend klare Zusammenhang erstreckt sich 
deutlich und bestätigend auch selbst noch in das folg. Cap. 
hinüber; wonach (4, 1) dereinst änoarriaovxai riv^ tfjg 
niarmg, also ein „Abfall von dem Glauben", von dieser Öon- 
fessio fidei stattfinden wird. 

Welches Gewicht aber der Herr der Kirche selbst 
eben dem öflFentlichen Bekenntniss Seiner (ofioXoyeiv iv 
^uol ifi7tgoa&ev rvSv äv&^tiniav)^ wie andererseits auch sei- 



* Vergl. hierzu , gleichs. als Commentar , unsere F. C. selbst 
p. 671 : — ^^conira quoa in primitiva Ecclesia Symbola sunt composäa 
i. e. brevea et categoricae Con/essiones, qaae unanimem Catholicae Chri- 
stianae fidei Consensum et Confessionem Orthodoxorum et verae Eccle- 
siae convpUvtehantiir}^ 

** Daher von IIeum. (Poocile HI, 448 sqq. vergl. Erkl. 241) tref- 
fend überschrieben: ^^Christologia Pmdina^^\ und sogar nach Weg- 
scHsrnsB (122) „gleichsam das Passwort für alle christlichen Lehrer.^^ 



190 I^u groeae Beke^tniss. 

ner öffentlichen Verleugnung (apvsus&cU fu HfiTtQ. r. av&Q,) 
beilege, zeigt nicht nur die von Ihm versicherte; genau je 
entsprechende jenseitige Vergeltung (Matth. 10, 32 f. Luc. 
12 j 8 f.), sondern vor allem auch schon dieQründung seiner 
Kirche {lxxkfi(fict) auf das persönliche Bekenntniss zu Ihm 
als 6 XjQUStogy oviog rov &6ov Matth. 16, 16 ff. — ori <Ta^| 
xal alfia ovx ansxdkv^pi aovy alX 6 naxriQ fwv 6 hf roig 
ovQopotg — xal ini ravrif ry nitQtf olxoSofiriCia fiov 
Ti^v ixxXfjaiaVj xal nvXai ^ov ov xaTiaxv(^ovaiv avv^ 
— und eben darum nun auch ein oixo^ ^iov und ovvkog 
xal iSgaltofia rijg ähj&alag zugleich. 

Vergessen wir indess nicht, dass jenes bedeutsame ofio- 
koyovfuviag zunächst doch nur ein Prädicat des eigentlichen 
Glaubens- und Bekenntniss-Mysteriums und zwar selbst dieses 
Präd. nur formell einfuhrt, nämlich iiiya, welches unnöthiger- 
weise substantivisch als (uya ti (Heydenr. 200, BfiNQ. „od- 
aokUe — res magnaf^ nach 2 Cor. 11, 15 ov fiiyOf aber mit ü, 
vergl. ob. S. 183), viel einfacher und naturgemässer aber als 
adject. Epitheton genommen wird. Bei fivari^Qiov, womit auch 
Ephes. 5, 32 fiiya verbunden wird , ist es : gross und erha- 
ben, hoch und hehr, oder hochwürdig (wir sagen wohl auch 
,,tief^, wie ja beides in aüum), fnagnificutny auguatumy ,,ar- 
duum et admirabtUf^ (Fleisghm. ; V. OOSTERZ. „inhaltschwer''; 
v. MoSH. „schwer zu begreifen — höher als alle Vernunft"); 
viell. auch mit dem Begriff des gewaltigen, wie oQXog fiiyag 
(demnach auch die specifisch christliche L e h r e ein ,^emendum 
Myateriwmf^y Wenn sich aber durch eben dieses Prädicat 
das (ivatriQuyp zugleich mit dem griech. Sprachgebrauche be- 
rührt, wonach z. B. die eleusinischen (oder auch essenischen) 
Mysterien grade in fuydXa und fiiXQci zerfielen (s. b. Fleisghm. 
160), so hat das nicht etwa einen historischen Zusammen- 
hang (Wolf, FLEiscnk. 160 f 165), und auch selbst eine 
„stillschweigende Abtheilung der Geheimnisse des christlichen 
Glaubens in die grossen und in die kleinen^^ (v MoSH. 320) 
wäre an uns. St nicht nur gegen 17 dXiqß-ua (mit Art., denn 
„die Wahrheif^ ist der Complex aller Wahrheiten), sondern 
vor allem auch eben gegen das als (jikya prädicirte ro fiv- 
GTTjQunff also das christliche Gesammt-Mysterium, kv ^ 
eiair ndvreg ol &tiaavQol r^ aotpiag xal rijg yvoiastag octioxqv- 



Dm grosse BekenntQiss. 191 

(foi^ (Col. 2y 2 f.). Vielmehr ruht jenes sprachliche Zusammen- 
treffen einfach in dem gleichen Sprachgefühle und daher 
rührenden SprachgebrauchC; woneben daher auch sonst ähn- 
liches , z. B. ob. oQxoq fiiyccg oder ivroXii fMydXri Matth. 22; 
36 (Heydekb.). 

Das somit als ;,nach allgemeinem Bekenntniss hoch- 
erhaben'' angekündigte fivaf^Qiov^ selbst (Vulg. hier wie 
Eph. 1; 9. 3; 9. 5, 32. Apoc. II, 7 ,^acramefUum^) ist ein ;,Qe- 
heimniss'' insofern ; als die in ihm enthaltenen, durch über- 
menschliche Causalität bewirkten ^ wie Himmel und Erde, 
Sichtbares und Unsichtbares, Zeitliches und Ewiges verbin- 
denden Thatsachen theils an sich, theils in ihrer ewigen Be- 
deutung nur durch höhere Offenbarung bekannt seyn konn- 
ten und dem entsprechend auch nur den fiBfivYifxivotg d. h. 
der äxxkfjala im Glauben bewusst und von ihr bekannt 
waren (vergl. Eph. 3, 6 iv r^ /jLvatriQiq) rov X^iarov, o itigcug 
yiVBäig ovx kyvfaQla&t} roTg vloig rüv av&gdnuiv <ag vvv 
änsxalwp&ti rolg ayloig anoaxoXovQ xai 7tQO(f^taig iv nvtv- 
fjuxTi). Demnach ist es näher Gieheimlehre, wie es ja an 
uns. St. reale Epexegese von ^ ali^&€ia ist und im Folgenden 
die Lehrartikel summirt, daher anderwärts auch gradezu 
verbunden mit yvwQl^uv (Eph. 1, 9 ; ob. 3, 5. 9 f. 6, 19 yv. x6 
fivat. rov Bvayyülov, und inlyvwöig Col. 2, 2 f. ob., im Ge- 
gensatz von ayvoüv Rom. 11, 25), oder mit Xiyuv (1 Cor. 15, 
51 vgl. laUhf ebend. 2, 7), igüv (Apoc. 17, 7), oder auch, im 
Gegensatz des asaiytjfiivov ^ ^ovbqovv (Rom. 16, 25 f. Col. 1, 
26 f.) , vergl. nachher an uns. St. itpavBQui&ri und äq)&tj. *♦ 
Als ebendadurch auch zugleich Verwalter der göttlichen Ge- 
heimnisse, heissen die Mystagogen der christlichen Kirche, 



* lieber die Ableitung d. W. s. uns. Commentar. in ep. P. ad 
Philipp. (4, 12) p. 865. 

•• Würde schon dies alles die Erklärung von Isidok. Pblüs. b. 
Fleisch m. 164: fieya äarlv Svrms xo rrjs Mvotßaiae fivoTi^^iOv ovx c^g 
ayvoovfttpov navxanaatv, alX e^e ov^svl ifiMJOv, navros ya(f insxatva 
9eai Xoyov teal vov Ha&äortjuav, sofern sie auch noch die gläubigen 
Christen von der Erfassung dieses Mysteriums ausschliessen sollte, zu- 
rückweisen, so noch ausserdem auch der Umstand, dass es ja 
eben „die Wahrheit" enthält und darstellt, deren Trägerin die 
Kirche ist. 



192 Das grosse Bekenntniss. 

d.i. ja eben des Hauses Gottes, auch olxopofAoi ^varti- 
glwv &€0V (1 Cor. 4, 1). Wären dieselben nur auch immer 
dessen recht eingedenk; ohne die ihnen anvertrauten ^^Myste- 
rien^' selbst deren Verächtern um jeden Preis aufdringen zu 
wollen — Matth. 7, 6 : diese Mysterien würden bald hoch im 
Preise steigen. — 

Heisst aber nun hier das grosse „Geheimniss^^ zugleich 
öfioloyovfiivfas f^fycc, so lautet das nur scheinbar so paradox 
wie „ein öffentliches Geheimniss," oder wie Bbng. sagt : „tn- 
s^ine Oxymoron est — confessio et mi/stenum" : denn nicht 
nur ist ofwXoy. zunächst doch immer nur eine Näherbestim- 
mung von fiiya (S. 190), auch das Mysterium selbst, wenn- 
gleich auf den Dächern gepredigt (Matth. 10, 27), bleibt den- 
noch den Meisten aus Glaubensunföhigkeit eine unverständ- 
liche und unbekannte Grösse, die sie „mit sehenden Augen 
nicht sehen und mit hörenden Ohren nicht hören und nicht 
verstehen^^ (Matth. 13, 13), also auch in der That ein öffent- 
liches — „Geheimniss,'^ mit einer sonach nur sporadischen Ca- 
tholicität Wiewohl nun aber eben nur erst die gläubige Annahme 
und das persönliche Bekenntniss (ofiokoyetv) die wirkliche 
und selige organische An- und Zugeh8rigkeit zu dem Hause 
Gk)ttes d. h. der Kirche bedingen und gewähren, so ist die 
nachfolgende objective Gonfessio selbst dennoch ein öcnme- 
nisohes Symbolum, welches als ein solches (d. h. keine Aus- 
schliesslichkeit des Ortes und nur die der Leugnung ken- 
nend), wie durch den Inhalt d^ nachstehenden Fundamental- 
artikel selbst, so auch durch das so specifisch lautende 
Prädicat 6fAoXoyovf.iivfas fifya, demnach formell wie ma- 
teriell characterisirt ist Ebendarum sind aber auch die Ar- 
tikel des so „anerkannt grossen Mysteriums'^ selbst, welche 
nunmehr in den bis hieher dargebotenen silbernen Schaalen wie 
goldene Aepfel erscheinen werden (vgl. Hab. 2, 1—5), eben weil 
sie ein „Mysterium'' darsteUen, auch in einer entsprechenden, 
nur den „Eingeweihten," diesen aber auch ganz verständlichen 
„mysteriösen," ja „mystischen" Sprache und Aus druck s- 
wei se (gegenüber z. B. dem grixäg Uyu 4, 1) verfabst^ so dass 
sich Inhalt und Form dieses ,,Mysteriunis'^ sachgemäss decken, 
wovon Paulus auch anderswo (1 Cor. 2, 7) — laXoufup &aov 



Das grosse Bekenntniss. 193 

Wie aber ro fivaxtiQiov selbst eine vorausgehende nähere 
Bestimmung hatte in ofiokoyovfiiviog H'^y^} so hat es eine 
zweite auch noch mitten in sich selbst als ro r^g ^vcb- 
ßeiag fivatriQvov, Diese tvöißua^ bekanntlich ein den Pa- 
storalbriefen sonderlich eignes Wort; ist pietaa Vulg. (wie 
5,4 rov ISiov olxov tvc^ßüv gegen Respectspersonen in der 
Familie), Fromm jgkeit (Luth. „Gottseligkeit"); und zwar 
stets practischer Art (also schon darum keine vage ^^Reli- 
gion^' Heum., Fleisghm.), d. h. nach aussen ins Loben 
hineingehend, daher ßlov Si^yuv hv nacj) evaeßelif xal 
aifivoTtjTi (2,2) und avceßwg Cvv (2 Tim. 3, 12. Tit.2,12), 
mit Qenügsamkeit verbunden ein Erwerb (1 Tim. 6, 6) 
und sich dafiir zu ü b e n (4, 7) , hierdurch aber, sofern 
man die innere Beschaffenheit, Wahrheit und Unwahrheit 
an ihren Früchten erkennen kann und soll (Matth. 7, 
16 ff.), zugleich wieder ein Maassstab rechter Lehre (fj xar 
Bvaißsuxv Sidaaxakla 1 Tim. 6, 3) und Wahrheit {hnipftaaig 
alri&üag r^g xar evcißnav Tit. 1, 1). Dennoch ist die eng- 
verschlungene Genitivverbindung dieser nachdrücklich 
(Win. Gr. 173) vorangestellten «{/(T^/Seta mit jenem fivati^QU)v aU 
to rijg BWeßelag fivarriQLOV zunächst wohl kaum, wenn auch 
nicht ohne Wechselbeziehung damit, Bezeichnung der avai- 
ßua als characterisirendes Erzeugniss und Frucht des fivari^' 
QU)v, * sondern vielmehr das ausschliesslich und imveräusser- 
lich nur der Frömmigkeit eignende Mysterium (der Genitiv 
der Zugehörigkeit oder des Besitzes, wie z. B. oben olxog 
d-Bov, Wm. Gr. 166 £, vgl. Wies. 459 „nur der Frömmigkeit 
zugänglich"**), eben darum auch den Profanen (vgl. 3, 7), 
Ungläubigen und Gottlosen niemals erreichbar und fasslich und 
selbst Gläubiggewordenen mit einem Rück- und Abfall wie- 
der entschwindend, weshalb denn jede religiöse Irrlehre in 
beiderlei Hinsicht], im Glauben imd im Leben zugleich, 
irregehn und iireführen muss (s. 1, 3 — 10. 19. 4, 2 f. 6,5. 

* Gbot. (effectus), Wkgsch., v.Flatt, AA.; vgl. Luth. „das gott- 
selige GeheimnisB.^^ 

** Undeutlich V. OoBTERZBE t6 fivor. als „dasjenige was Gegenstand 
derevaeß.'ta ist," undHuTn. Umschreib, v. nlrj&eia als „dem der Welt ver- 
borgenen Inhalt der christlichen Gottesfurcht." — Anders allerdings das, 
auch äusserlich lockerer gehaltene, Genitivverhältniss von to /uvet^^tor— 

UOELEMAMN, Neue Bibel üludieu 13 



194 ^AB groBS^ Bekenntniss. 

2 Tim. 3, 5. Tit. 1, 15 ; 6 (ov kx rov &aov ta Qtifiara rov 
^€Ov dxovu, Joh. 8, 47 vgLl?', 17. 1 Joh. 4, 6). Zugleich lehrt 
unsere Stelle (V. 16) klar und bestimmt, dass die gesunde 
Lehre selbst (1 Tim. 1, 10. 6, 3. 2 Tim. 1, 13. 4, 3. Tit 1, 9. 
2; 1. 8) durchaus auf den objectiven evangelischen Thatsachen 
und Realitäten beruht. * 

So ist denn nun das der Kirche und den Haushaltem 
Gottes zu Hut und Heil anvertraute, einhellig als hoch- 
erhaben anerkannte Qeheimniss; dieses BoUwerk der Wahr- 
heit wider alle LügC; Leugnung und Abschwächung; in ebenso 
würdiger als spannender Form genugsam angekündigt und 
schon durch dieses weihende Portal imposant. Jetzt thun 
sich dessen Pforten auf und in zwiefacher Reihe eröffnet sich 
uns eine sechsfache Perspective. 

In erster Linie steht: Qtog {02) htpavtQw&yi kv 
aaQxi: „Gott ward geoffenbaret in Fleisch.^' 

Durch das erste Wort nimmt die ebenso dogma- 
tisch bedeutsame wie exegetisch schwierige Stelle auch 
in critischer Hinsicht einen hervorragenden Platz ein. ** 

Die Lesart ist eine dreifache: os, ^sog, 6, — bei 
welcher Ordnung . wir vorläufig nur der z. Z. in Geltung 
stehenden höheren oder abwärts neigenden Schätzung folgen. 

I) "Og: wofür angeführt zu werden pflegen die üncial- 
Codices A (Alexandr.in London^ 5. Jahrb.: doch versichert 
der Engländer Mill, Exerc. bibl. von dem Querstriche im 0; 
also einem©, bei genauerer, wiederholterUntersuchung 



rijs avouias 2 Thess. 2, 7 (das einzigemal nächst Apoc. 17, 5., wo im N. 
T. (ivoTTi(>wv im anheiligen Sinne steht, vgl. Bbnq.: habdKxwb etiam 
gentes mystenay sed impietoMs et errorii): sofern nämlich der persön- 
liche ävofieg vorläufig bloss an seinen Wirkungen zu spüren ist und 
nur erst künftig anoxaXvf&i^aeTai (V. 8), bis dahin aber die avo/iia 
nur abstract und in ein Qeheimniss eingehüllt wahrnehmbar ist, muss 
rd /uvar. irjg avo/Aiae das die Gesetzlosigkeit oder Anarchie noch 
umBchliessende Mysterium bezeichnen. 

* Cedant Jus igitur quctecunque dicuntur ab hommäms (td aueto- 
rüaiem parandam nuper inventis rdigiombua, EccledasUca pietas^vera 
demum pietas est. Büllinq. b. Marl. 

** Zur er it. Literat s. Hsum. 254 f., Pleischm. 166 sqq. (Lbo 
32 sq.), and. u. 



Das groBse Bekenntniss. 195 

jjductus quosdam et t^estttjia aatis certa^^ gefunden zu haben,* 
vgl. Wolf, Cur. mit and. Lit., Benq., App. u. a.) ; ferner C 
(Ephraem. rescr. in Paris, 5. Jh. : doch auch über dessen LA. 
jfdissenaua est inter vv, dd,/* Matthäi N. T.) ; dann noch P 
(in Cambridge, gr.-lat., 9. Jh.) und 6 (in Dresden, gr.-lat, 
wohl aus ders. Quelle und Zeit, aber beide auch mit dem Ab* 
kiirzungszeichen einer Oberlinie, j/mm lineola ea quae solent 
esse in Q2 quum notat 0€Off," Matth., welcher den letzteren 
selbst herausgegeben hat). Demnach sind die Zeugnisse der 
Uncial - Handschriften des neutestamentl. Textes bis auf den 
Cod. Sinait., welcher allerdings von erster Hand einfach 02 
zu bieten scheint, für diese Lesart durchaus nicht zweifei* 
los. Von alten Uebersetzungen enthalten das Relati- 
vum, das hier aber bez. auch die weiter folgende LA. **0 
wiedergeben könnte, vor allen die syrische Posch, (j), 
die erst aus dieser geflossene, also nicht zählende arab. Er- 
pen. und die wenigstens mit syr. Elementen versetzte arme- 
nische, sowie die viell. ebenfalls nicht mehr ganz rein 
aus dem Griech. geschöpfte äthiopische, nächstdem noch 
aus Aegypten die copt. und die fragmentarische sahidische 
(s. jed. unt S. 201), und aus dem Occident die indess (nach 
E. Qernhardts Unterss. 1864) grade in ihrem Episteltext 

* Dieses diplomatisch ganz besonders sorgfältigen und genauen 
Bibelcritikers Johm Mill interessante Worte überhaupt sind : ,,Nempe 
quum Oeog jam olim fere contrcCctim acripserint ©JS, et vero virgula per 
UUram Theta dttcta tenuissitna plerumque fueritj adeoque et aciem forte 
fugerit scribarum^ praesertim featinantium: hinc facülimo errore nor 
tum 02. Gerte quidem in Exemplari Alexandrino noatro linea iata 
tranaveraa, quam loquor^ adeo exilia ac plane evanida eaty ut primo in- 
tuitu Jiattd diddtarim ipae acriptum 02^ quod proinde et in Varias 
LectioTiea canjeceram. — Verum poatea^ perluatrato attentiua hcoy lineo- 
lae^ quae primam aciem fugeraty ductua quoadam et veatigia aatia certa 
(leprehendi.^^ — Haben nun andere und namentlich spätere Autopten 
in diesem und ähnlichen Fällen etwas anderes gesehen und gelesen, • 
Betritt deren wohl möglichem grosseren Scharf blicke doch wieder die von 
Tag zu Tag und zumal bei öfteren Untersuchungen und den vielleicht 
neuerlich gar mitangewandten chemischen Reagentien verwischende 
und verzehrende Macht der Zeit über alle Substanzen, auch über 
Tinte und Papier, wieder beeinträchtigend entgegen, so dass im All- 
gemeinen die Priorität der Ocularinspection wohl auch die Priorität 
der Zeugnisskraft für sich haben dürfte. 

13* 



196 ^^ grosse Bekenntniss. 

dem itaL zuneigende gotbische; s. u. Wie es endlich mit 
dem ZeugnisB der zunächst griech. KW. stehe ^ lehrt ^ um 
derer, welche „& lectioni favere videntur/^* zu geschweigen, 
der aus ihnen als directer Vertreter aufgeführte Cybill. Alex. 
(5. Jh.); welcher in seinen wirklich urkundlichen Schriftefi 
sich theils sehr frei bewegt, wie etwa ijur^ üSorsg — rf^g 
tvatßdag to fiiya fjLvarriQvov rovriari Xqiötov, og kq>ave- 
Qii&ri^ oder okx&Bov naxQog Aoyog^ oghfpavBQfa&ri, theils 
sogar und mehr als einmal /ivarijgiov' ß'sog (kpaveQci&fj) hat 
(Matth. N.T. ed. 2. 111,442 sq.), also vielmehr gegen als 
flir og zu gelten haben würde;** ebenso wie etwa (Justin.?) 
Ep. ad Diogn. c. 11 oi mörol — tfyviaaav ncctQog fivan^' 
Qia' ov xaQVV aTtkaxBiX^ Aoyov^ iva xoafiq) (pavy^ 6g, vjto 
Xaov arifiaa&sig, di^ änoaxoXmf xtigv^O-eig, vno k&vaSv hTti- 
6xiv&ri. (Vgl. unt.) Und wenn darüber als directer griech. 
Zei^e flir 6g auch noch Epiphan. (4. Jh., ed. Petav. I. 894 
und wörtlich wiederholt 11, 74) erscheint, so ist der Zu- 
sammenhang eher dazu angethan, auch hier an eine po- 
läographische Verwechselung des 02 und &2 denken zu 
lassen.*** Trotzdem haben sich von den neueren Editoren 
und Interpreten für die LA. 6g erklärt namentlich Gries- 
BACH (bes. Symb. crit. I, p. VIII sqq. II, 56 sqq.) , Lachm., 
Tisch, (bes. Prolegg. z. Cod. Ephr. 39 sqq.); Wegsch., de W., 
Matthibs, vergl.WiN.519, Huth., Wiesing., v. Ew., v.Hopm. 
(Schriftb. I, 163), v. Oosterzee. 



* Darunter wird z. B. sogar, und zwar voran, Barn ab. ep. 12. 
aufgeführt ^Irjaove ovx h vlos avd'^oinov aXX 6 vi 6s tov &80v, rvTti^ 
xat iv aaQxl f av eqtod' eis! — Ist das nicht vielmehr eind freie 
Bestätigung und Wiedergabe des Text. Reo. (s. u.)? 

** Der scheinbare Einwand, dass Ctb. doch wohl dq gelesen haben 
möge, weil er diese St. nicht gegen Julian oder Nestorius 
brauche, erledigt sich dadurch, dass er dies auch bei der LA. oi 
dogmatisch hätte thun können (s. u.)- 

*** Nachdem nämlich aus Act.. 5, 3 f. {xpevaag^ai as to nvsvfia to 
aytov icai voofiaao&al aa and t^s iifirjs tov x^^^^V» — ovx iy/evaat 
av^qoinotif dXkä rql d'ei^) der Schluss gezogen worden: ä^a d'eds ht 
&iov xal ^Bos TO Ttvavfia to ayiov , tp irpsvaavro oi tov Tt/nj^fiaros 
tav xof^^^ voayiadfievoi, fährt Epiph. unmittelbar weiter so fort : ^, O^ 
i^avB^to&rj iv anqxi, iSixaici&rj iv nvevfAatt' rovrov fial^ov ovx 
ilx^ Xeyetv. Oeos Bi 6 vios' i£ mv, ^aiv, 6 X^tpros xarä od^xa^ 



D88 grosse Bekeuntnigs. X97 

n) ©fioff (WS): wofür die Unc-Codd. D*^ (in Paris, 
8. f. 8., diese 3. Hand Anf. des 9. Jh.)^ K (in Moscau) u. L (in Rom, 
beide etwa aus ders. Zeit); sonst noch „alit plerique^^ (TisCH.); 
von alten Ueber SS.: die arab. der Polygl, und die sla- 
yische (9. Jh. aus d. Gr.); femer direct der Apostelschü- 
ler des 1. Jh., Igkat., ad Ephes.? kv (TaQxl y$v6fi9vog &96e 
(s. unt), sowie die KW. Didym. (4. Jh.), Chbtsostom. 
(5. Jh.: 19*60^, TOVTiariv 6 dfifAiovpyog 9 Beng. app.), Theo- 
DORET (5. Jh.: &Bog ^v xal -d'sov vlog^ xal aogarov tx^v 
tfjv (pvaiVf Sfjkos anaaw ivav&Qcom^aag iyivBto' aaqxSg 8i 
rjfiag rag 8vo tpvaug iSiScc^ev, iv aagxl yäg Tfjv&Blav 
Ikpi (fav€Qai&f}vai^ (pvaiv), „alit muUi*' (TisCH.), darunter 
Athanas. (4. Jh., de Incam. y,huic dicto lectionique &B6gfere to- 
tum mnitäurj^^ Beng. app.), Greo. Nysb. (4. Jh. yypersa&pef^ ebd.), 
EuTHAL. (5. Jh.) und Jon. Dam. (8. Jh., b. Weg seh.), Oegüh. 
(10. Jh. : kSixam-di^y amq>av&ri i?* € o ff, B e n g. app.), TheOPHTL. 
(11— 12. Jh. :ivTavi?'ayapi9'«off kfpavsQci&fj^ncSg; kv öa(fxl^ 
T^ yäg &66ti]ti> aogarog, b. v. F L). Zu diesen treten indirectdie 
noch früheren : Ignat. (1 Jh. s. ob., ad Eph. 19 -^ rgla (ivotrigta 
'— Tiakcua ßaciXela Su^üqbto &tov av&Q(anlviiig q>avBQ0VfAi'- 
i^oi;),HlPPOL.(2-'3. Jh., z.B. (iBfivriXB xal aaQxta'O'algxccTa 
rrjVifvaiv&Bog — Iva niatev^y ^iog elvai^ fragm. ed»Fa- 
bric. p. 227 sq.: ro yag fAvatiqQiov rijg &Biag aagxta- 
aB(og SUyvtoatm u. a.), Constitt. apost. (3 — 4. Jh. : ^ e 6 ff xvqis 
6 knupccvüg "^fiiv hvaaqxl), jjcJdiquef^ (TiSCH.), ja, „Orabet ' 
certe omnea in hanc lectionefn oonaentiunif^ (Calv.). Und „die 
Wenigen, bei denen ein Zweifel entstehen kann, ob sie so 
wie wir [i9'€0ff], oder ob sie anders gelesen haben, sind wie 
nichts gegen die Vielheit def er, die das Wort „Gott" [tJ-fiOff] 
annehmen. Dieser Beweis ist ungemein stark und wichtig. 
Ein jeder von diesen alten berühmten Lehrern, ein einziger 
Chbysostomus, ein Theodobetub gilt so viel als Hundert 
und mehr Abschriften des N. T. Warum ? Darum, weil ein 



a}y inl ndvToov ^eos (Rom. 9, 5). Ist dort nicht die Beweisführung für 
die Gottheit {^aoe ix S'bov) des h. Geistes erst dann stringent, wenn man 
(auch vom Sohne) liest: &ede ifav, iv aaQxl^ iBta. iv Ttvavfiaji (zumal mit 
dem Zusätze: rovrov /hbT^ov ovh i'xto Xiyeiv)*^ So aber bewegt sich 
die Anführung aus Epiph. vielmehr im Cirkel als nach ihrem Ziele. 



198 ^&s grosse BekenntnisB. 

jeder derselben viel Abschriften des N. T. in den Händen 
gehabt hat und ein unbetrüglicher Zeuge ist, wie man allent- 
halben zu seiner Zeit in der Kirche den Ort des Apostels 
gelesen hat" (v. MoSH. 338).* — Demzufolge lesen denn 
auch 0€Off, mit Text, ßec, u. a. Mill, v. Mosh., Heüm., 
Bbng. {yyd'EOQ planum est atgue nativum^^), Matthäi, E^napp, 
Heydenb., Mack, Leo (Comment.exe. 1,71 sqq.); uns. Symb. 
BB. (609. 769**) und orthod. Dogmatiker, zuletzt Philippi 
(IV, 1; 431) ; von Monographieen s. bes. noch J. S. Baümgarten, 
vindidae vocis ß-eog 1 T. 3, 16 obviaeVlb4: ; C. C.WoOG, arf 1 T. 3, 
16 coTära Wetsten, 1754; P. H. Patrick (Weeber), vindic. 
V. &€6g — 1777 ; J. G. Burckhardt, vmdic. lect, ß-Bog — 1786. 

in) "0: wofür allein der Unc.-Cod. D* (s. vor. S. ob., 
diese erste Hand des 6. Jh.^ gr. -lat; wonach grade hier eine 
Conformation des ersteren nach dem letzteren Texte sehr 
nahe liegen möchte***) und die alten lat. üeberss. Ital. 
(2 Jh.) und Vulg. (4. Jh.; beide gleichmässig : pietatis myste- 
rium quod)^ sowie die ihnen folgenden lat. Väter, wie (Am- 
BROS.) HiLAR. U.a. (b. Beng. app.); vgl. auch ob. (195) Syr. 
cet. ; später bes. Er. , Wetstein, Grot., Schülthess (exeg.- 
theol. Forsch. 11, 2) und zuletzt Kahnis, s. u. 

Die augenfällig schwächste urkundliche Bezeugung hat 
demzufolge "0, was, ausserdem dass „saepe pro syllaba og 
Itbrarü scrtpsere ö suspeaaum^^ (coli. Joa. 10, 29 : Beng. app.), 



* üeber die Bemerkung Hinchabs u. A. (auch b. Grot.), dass 
Macedonius von Constantinopel im Interesse der Nestorianer «s in 
d'eos verwandelt habe und darum vertrieben worden sey, als einen 
Anachronismus cet., vergl. ebenf. v. Mosh. 342 und die das. angef. 
Gegenschriften. 

** P. 609 : Christus verus Deus et homo in una persona est per- 
mcmetque in omnem aetemitatem. Hoc post illud TrimtaUs summum 
est Mysterium^ ut Apostohis testatur, in quo solo tota nostra con- 
solaäö^ vita et salvs posita est. P. 769: Hoc autem post articulum 
sanctcte Trinit'atis summum est Mysterium ^ quo nullum m>ajus in codo 
et in terra reperitur. TJnde Paulus ait: Manifeste magnum est pietatis 
mysteriufn, quod*Deus manifestatus est in carne cet. 

*** Auch Gbiesbaoh, N. T. II. praef. hiervon: Latina Versio^ quae an- 
tiquissimis temporibus constanter ,,quod^^ habebat, dubitare nos non sinxt^ 
im, Codice hoc, qui a vetusta Latina trtmslaiione fere nunquam discrepat^ 
ah irätio "O lecium fuisse. 



Das grosse Bekenntniss. 199 

gewiss zunächst aus jenem 02 insofern hervorgegangen ist^ 
als man dasselbe dem fivattiQiov (daher eben auch lat ^^my* 
atenum quod, wie bei den neueren cathol. Ueberss. EiSTB- 
MAKER, Allioli ^^Geheimniss der Gottseligkeit welches'^) 
conform machen zu müssen meinte. Zweifelhafter mag da- 
nach auch die überwiegende Stärke der äusseren Bezeugung 
für dieses gegenwärtig so begünstigte Og oder für jenes 
grade bei den griech. Autoritäten so vorherrschende O^og seyn, 
welches in seiner abgekürzten Gestalt dem ersteren so ganz 
nahe kommt ^ dass grade die Hauptcodices noch in neuerer 
Zeit nur unsichere Grundlagen] bildeten (S. 194 f.), geschweige 
dass zumal flüchtigere Abschriften hier einst vor einem Irr- 
thum wären gesichert gewesen^ welcher dann grade von sorg- 
faltigeren Nachfolgern nur weiter fortgepflanzt werden musste. 
Zudem kann man wohl mit V. MosH. (341) einsehen, wie 
einerseits QJS (62) hie und da zu OJS, nicht aber umge- 
kehrt dieses zu Qsog geworden , und wie dann andererseits 
das nun bezugslose 02 schon wegen des vorausgegangenen 
^vGtiqQUiv in einschrumpfte, so dass, auch nur äusserlich 
angesehen, der Stoff zu den beiden übrigen LAA. eben in 
6i6g schon mit vorzuliegen scheint.'*' 

Bei solchem nicht ofwloyovfiivwg gearteten Stande der 
äusseren Critik, nach deren Aussagen fast verschwindet 
und zur Familie 02 gehört, während letzteres selbst hin- 
wiederum nicht wenig dem Gegenlager 0ß6g zuneigt, wird 
das abschliessende Endurtheil doch wohl dem Obergericht 
der inneren Critik zustehen, deren Motto auch ist vofiov 
reXeiv ßccai>ki9i6v xara trjv ygcufyifv ( Jac. 2, 8). Was nun vor 
diesem Tribunal zunächst A) die so matt bezeugte LA. "0 
anlangt, so versteht man dasselbe entweder sachlich, oder 
persönlich: ersteres — vom Evangelium — Gbot., 
dadurch aber genöthigt die folgenden Aussagen exegetisch 
zu foltern, nämlich i(pavigct)&t] iv aaQxi durch „fwnoA*Ä — per 
hominea martales et — infirmosy Christum [!] et aposto- 
losejuaf^ (worin zugleich Vorwegnahme des späteren ixlypvjfiS'i?), 



*) Die Conjectur einer dritten LA. "On (bes. nach dem zweideutigen 
syr. 1 S. 195. 198) von Mich. Wkbeb : 1 Tim. 3, 16 neque Oeos ■— aedVn 
üg&ndum 6886 (1778), ist ohne alle und jed^ urkundliche Unterlage. 



200 ^^^ grosse Bekenntniss 

ferner iSixaai&tj kv nvBVfiari durch „per plurima miracula 
approbata est ea verüas^' (s. u.), weiter üq>&ri ayyeloig durch 
,^angeli hoc arcanum per homines mortcUes [!] didicere/' und 
schliesslich avekfjtp&rj hv So^tf durch „np, quia multo maforem at- 
tulit aanctitatem quam vMaantehac dogmata^^ zu erklären!. 
Andererseits will man dieses "0 aber auch persönlich fassen 
von Jesu Christo, und zwar entweder a) absolut 
als von einem Etwas ^ im Vordersatz eingeführt^ dessen 
Nachsatz als Prädicat mit einem zu supplirenden tovto vor 
iSi^xaltoß^f da aber nur ebenso willkürlich einsetzen würde 
als die nachher zu erörternde LA. des Masc. "Og ( Wetstein) ; 
oder b) mit relat. Rückbeziehung auf das ^^Mysterium^^ als 
ein „cAstractum pro concreto, Geheimniss für die Person des 
Geheimnisses", vergl. Rom. 16, 25. Col. 1, 26. Eph. 3, 3. 4 
(B^AHNis, Dogm. I, 454 f.). Wenn nun aber im letzteren 
Falle an keiner der dafür angeführten Stollen die Person 
Christi ein Geheimniss genannt und sogar Col. 1, 27 6g (Lachm.o) 
von Win. Gr. 150 vielmehr auf nlovrog zurückbezogen wird, 
ja eben das „Mysterium", dafern es bloss von einer lebendigen 
Person verstanden werden soll, durch sein vorausgehendes 
Epitheton ofiokay. fieya, dafern es aber auch zugleich die 
Bedeutung des „Geheimnisses" behalten soll, durch die nach- 
folgenden Prädicate, wie wcpö-fj ayyeXoig und zumal durch 
ävtXti^pß-rf hv So^ff, einen üblen Nachgeschmack bekommen 
würde; so läge dagegen in der ersteren Annahme eines 
blossen neutr. "0 für den Fleischgewordenen — anders als 
in der bei Johannes nach Analogie des evangel. Prologs 
zunächst d|is ewige Wort und das Leben , dann aber V. 3 
(wie eben auch in jenen paul, Citaten) ausdrücklich noch die 
concreto Person direct bezeichnenden St. 1 Joh. 1, 1 ff. — und 
zumal bei einem Paulus ebensoviel Gesuchtes, Mattes und 
Ungeeignetes, ja Ungeziemendes, als in den nachfolgenden 
Prädicaten dazu proportional und auch material Unpassen- 
des, worüber ausfuhrlicher schon v. MoSH. S. 338 ff. 

Dieser geisterhaft; verblastten LA. ''0 durchaus ver- 
schwistert ist die, ebenso innerlich als durch die Möglich- 
keit wie auch Thatsächlichkeit ihrer Beziehung entweder 
rückwärts oder vorwärts verwandte, — B) andere LA. *'0-5' 
mit zwar etwas günstigerer theologiseher Position, da mit 



Das grosse BekeBotnisB. 201 

ihr jenes Aschgrau des Neutrums wenigstens eine gewisse 
persönliche Färbung empfinge, während sie in anderer Hin- 
sicht an gleich harten, ja z. Th. noch schwereren Unzuträg- 
lichkeiten leidet. Und zwar geschieht 1) die Zurückbezie- 
hung dieses 'Vg zumeist a) auf ro fivari^Qiov (neuerlich Olsh.), 
welches so eben etwas verlebendigt und persönlich auf Christum 
gedeutet wird; sey es nun als „persona iUa, in qua tanquam 
in materta sua vereatur doctrind noatra, Ghnatus^^ (Fleischm. 
166. 168), oder als „der Gegenstand des Myster." (v. Flatt 
102f. 112 m. Cyrill. Al. ob. S. 196, Greg. Nyss., Storr, AA.); 
doch bleiben hiemeben alle sonstige Schwierigkeiten des 
neutr. Relat, namentlich die doch immer noch gradweise 
vorhandene Zurückhaltung in offener Bezeichnung der doch 
gerade hier so bedeutsamen, ja unumgänglichen vor irdi- 
schen Wesenheit des Fleischgewordenen, sowie auch die 
mehrfache Unzukömmlichkeit der folgenden Prädicate, worin 
ebenmässig ein stetes Schillern zwischen ^^Geheimniss'^ und 
dahinter verborgener „Person'^ statt filnde. Leidet übri- 
gens diese Bez. des "Og ad aens. auf das vorausgehende 
fivöTi^Qiov doch immerhin an einer grammat. Härte (anders 
b. Win. 128), so milderte sich dieselbe zwar etwas bei 
dem dagegen um so willkürlicheren und aus diesem Grunde 
nur noch unzulässigeren Supplemente Airtog koriv {pg)y wie 
Fragm, Sahid. N. T. ed. H. Ford (v. Flatt 111 f.), oder 
Ecce est {qui\ Matthies. — Weit planer verliefe die Zurück- 
beziehung des Relat. "Og b) auf JSrvXog^ sofern mit dem- 
selben ein neuer Satz anheben soll (S. 183 f.), wenn nur nicht 
und noch maassgebender wieder ein Neutr. iSgaltafia t. akt]&. 
und sogar noch ein zweites mit dem nun vollends störenden 
Artikel ro (r^g sva^ß.) fivan^Qiov folgte, ganz abgesehen 
davon, dass auch die Prädicate kSvxami&r], kxtjQVx&rjy hm- 
ar&i&f] und zumal dveXtjcp&t] zu arvlog grade ebenso pas- 
sen als vorher das „Wandeln" {ävaarQitpea&ai) zu der „Säule" 
(S. 185). — Die noch entferntere Bückbeziehung des "Og c) auf 
&BOV ^(SvTog, wie sie v.Oosterz. (mit Einklammerung von arvXog 
bis iivaxriQiov) annimmt, würde das anstössige ß'tog auf einem 
Umwege dennoch rehabilitiren, dabei aber nun den historischen 
Christus zum ^Bog ^aiv machen (Cramer b. FleisQ!(^'m. 
151), d. h. den dreieinigen Gott mit der zweiten Person in 



202 I^as grosse Bekenntniss. 

der Trinität identificireii; während man wohl grade in diesem 
Wechsel des Ausdrucks von ^eog tßv und nun ß-wg {kq>av, 
hv accQxi) ebensowohl einen Grund mit flir jenes Epitheton 
(J^äv) als auch zugleich ein fernerweites Zeugniss für die 
in Frage gestellte LA. ^eog ersehen dar£ — So viel über 
die Rückbeziehungen der LA. "Og. 

Blickte hingegen dieselbe 2) nach vorn, als Anfang eines 
neuen Satzes, so fallen wir damit nicht nur in die Unbegreif- 
lichkeit der zumal nach einer so feierlich spannenden Ein- 
föhrung des öcumenisch anerkannten Geheinmisses um so 
unbefriedigenderen Zurückhaltung des Apostels in klarer und 
cürecter Bezeichnung Desjenigen, welcher im Fleisch geoffen- 
bart sey, sondern auch in die exegetische üngewissheit zu- 
rück, bei welchem der nachfolgenden Satzglieder wir das 
Subject schliessen und dessen Prädicirung anheben, d. h. 
den Nachsatz eintreten sehen, ob schon mit dem zwei- 
ten, oder erst mit dem dritten, vierten, fünften, oder auch dem 
sechsten Gliede, was ja alles gleich möglich wäre, da sie alle 
ohne irgend ein Markzeichen einander formell ebenbürtig 
sind oder „sich gleich stehen" (Wm. 519), wenn man .au^ 
diesem Grunde nicht gar etwa ein Anacoluth annehmen will 
(s. u.). Gegen die hier allerdings nächstliegende Beziehung des 
"Og auf das blosse erste Glied (auch v. HOFM., Schriftbew. I, 
163) haben übrigens schon Ernesti, Storr und C. C. Titt- 
mann (s. b. V. Fl. 101, Leo 74), was nie wieder hätte in 
Vergessenheit kommen sollen, philologisch bemerkt, es müsste 
dann, statt og icpavegciß-i] kv accQxi (was so nur selbst Prä- 
dicat seyn könnte) , vielmehr heissen o fpav^oaß-ug kv aoQxL 
Die nun in neuerer Zeit ziemlich allgemein angenom- 
mene Fassung der ebenmässig modernen LA. 'Og ist über 
bekanntlich die, es sey ein lückenhafter Ausdruck (entweder, 
wie zumeist, durchaus Prädicat, oder durchaus Subject), des- 
sen hier abgekürzte syntactische Vollständigkeit, den Lesern 
anderswoher bekannt und geläufig gewesen. Diese kurzen 
rhythmischen Parallelsätze seyen nämhch ein hier nur ein- 
geschaltetes Bruchstück eines damals allgemein (und gieichs. 
of^okoygvfiivMg) bekannten Gemeindegesanges. Das ist die 
Annahme, zwar nicht, wie traditionell, von Grotiüs, dessen 
Commentar nichts davon enthält, aber von H. E. G. Paulus, 



Das grosse Bekeuntuiss. 203 

Rambach (Anthol. christl. Gesänge I, 33), IIeydenu. (207 f. als 
Strophen und Gegenstrophen, oder Responsorien) , DE W., 
Mack (dBii.6fArokoyov^ivcDg „laut des Preisgesanges"), H.BÖTT- 
GEB (Gnos. d, Past-Brr. IGD), WiN. (511)*), Huth. (s. u.), WiE- 
siNQ.,v.Ew., V.ÜOSTEKZ. Fragt man nach der Möglichkeit dieses 
letzteren Erklärungsversuches, so kann dieVeimuthung mate- 
riell nur auf den historischen Spuren urchristlicher Gemeinde- 
gesänge beruhen. Das Neue Testament selbst gedenkt nun 
zwar auch geistlicher Lieder, bemerkenswerther Weise aber 
— und dies wohl zunäcli|}t im Gegensatz der psalmodischen 
Tempelliturgio des A. T. - doch vornehmlich als innerlicher 
(und wohl auch individueller, vgl. 1 Cor. 14, 15. 2(3. Jac.5, 13), 
nämlich in den beiden Parallel brieten Ephes. 5, 19 kakovvTeg 
iavToJg xjjaXfioig xai i'fivoig xai (pöalg nvBVfiarvxaigj ^Sovteg 
xai yjaXkovreg kp rtj xcc^di(f vfiwv n^ xvglfp^ und Col. 3, IG 
ipdlfioig, vfivoigj fudccig TtVEVfiartxcug hv ry xccqiti ^Sovtsg kv 
Täig xccgSlaig Vfiwv r^ &eqi. Danach sollen diese mannig- 
fachen Lieder und liebUcheu (xesänge des Herzens gerichtet 
seyn an ^den Herrn," welcher bei Paulus stets Christus 
ist, und „an Gott." Fast ganz das Gleiche finden wir 
aber auch ausserhalb des N. Test., und zwar am frühsten in 
dem Berichte von Plinius d. j. an den Kaiser Trajan über 
die Christen, Epp. 10, 97 : afßrmabant — quod esserit aoliti atato 
die ante lucein caiwenire** carvienque ühriato quaai Deo 

* ,;Der Ap. entlehnte alle diese Glieder aus einem Hymnus — , das 
Subject, das jeder kannte, um so mehi? unterdrückend, da es ihm hier nur 
auf diePrädieate, welche das ^varij^^toiinvolvirten, ankam** (vgl. 563), — 
wobei freilich das Centram und punctum salieiis des in den folgen- 
den Sätzen nur weiter entfalteten Mysteriums, und insofern auch das 
eigentlichste „grosse Mysterium" — eben das &e6s ifavsQoid'fi iv 
aaqxl (pv fial^ov ovx k'x<o liyaiv ! ob. S. 196) — grade wegfiele ! Vgl. 
Knatchbull, animadvv. 152, welcher aber, wie auch v. Mobh., zu aus- 
schliesslich nur in Glied a das Mysterium und in den folgenden Gll. 
nur testimönia dafür anerkennt. Vgl. unt. S. 208. 

** Das stimmt ganz mit der geschichtl. Ueberlieferung, dass die 
Christen bis dahin einen öfieutllchen Morgengottesdienst mit Lesung 
der Schrift, Gebeten und Gesängen, daneben aber auch einen privaten 
Abendgottesdienst im aussdÜliesslichen Bruderkreise hielten, bei wel- 
chem die Agapen und das li. Abendmahl gefeiert wurden. Der letz- 
tere ward wohl eben infolge jenes Berichtes des Plinius von dem Kaiser 
Trajan verboten und danach die Nachtmahlsfeier mit»,dem Frühgottes- 



204 I^as grosse ßekenntniss. 

dicere secum invicem (welcher Ausdruck zugleich auf Wechsel- 
gesänge zu deuten scheint). Weiterhin beurkundet auch EüSeb., 
KG. 5, 28 fast als Commentar zu jenen paul. Stellen von so- 
wohl anfanglichen als auch bereits schriftlich fixirten Christus- 
gesängen : y^alfwi 8i oaoi xal (pSai aSeltpcSv ad itqx^ ino 
7tujT(ov yQCKpeiaai rov Aoyov rov ö'sov, rovXgiarov vfivovai, 
&eoloyovvreg.* — Was ist denn nun aber mit diesem allen 
für die zu deckende LA. "Og an unserer St. eben als das Frag- 
ment eines solchen uralten Liedes gewonnen? Würde nicht 
auch diese angerufene Instanz nach christlicher wie nach 
ausserchristlicher Aussage materiell grade vielmehr fiir 6wg 
zeugen, eben als das eigentliche Stichwort in allen diesen 
Schriften?** — Formell aber hat das Rhythmische und 
Symmetrische unserer kurzeq Satzglieder, worin auch nach 
ScHULTHESS eher lapidarische als hymnologische Schreibart, 
durchaus nichts specifisch Gesangmässiges (daher wohl auch 
nie in Noten umgesetzt), vielmehr nur etwas Recitativartiges, 
wie es eben etwa zu gemeinsamer Recitation von Glaubens- 
bekenntnissen geeignet ist (vgl. die Analogie des Apostoltcum 
und des luther. Catechismus ob. S. 189), daher denn auch 
ScHLEiERMACHEB (S. 200 mit Mack, Hüth., v. Oosterz.) „glau- 
ben möchte, es sey aus einer ofioXoyla [vgl. ob. 6fioXoyovfAiv(ag 
f^eya] oder sonst einer symbolischen Formel." Ist denn 
aber nicht grade fiir eine solche das urfeste Qeog ungleich 
geeigneter als jenes haltlose og? Doch es soll ja nur „aus'' 
einer solchen, nur „einer Bekenntnissformel entlehnt" seyn 
nach Hüther, wie ob. nach Wineb „entlehnt aus einem 
Hymnus." Wo ist denn aber auch nur die entfernteste Spur 
des Originals von diesen vermeinten Lehnsätzen? Hatte ein 
Paulus, ein Apostel diese nöthig? Ein unbekannter Ver- 
fasser wäre für einen Apostel, und zwar in den Dogmen des 

dienste verbunden. Vgl. J. L. König, die Haupt - Liturgien der alten 
Kirche, 1865. 

* Nachdem vorauserwähnt die apologet. Schriften von Justin u. AA^ 
iv oh anagi &8oXoyeitai 6 X^iaros , sowie von Iren. u. AA. fitßUa 
d* sbv xal av&Qtonov xazayyMovra ' tov Xq larov. 

** Im N. T. tqJ xvgiip parall. t^J &8(ü, bei Euseb. xov Aoyov 
Tov&eov, tov XQiotov, ^eoloyovvreg (wie ganz entsprechend Job. 1,1 
6 yloyog ^v ngog Tor d'eov , xai d'eos ^v 6 jäoyos), und sogar bei dem 
Heiden Plinius „Christo quasi Deo}^ 



Das grosse Bekeuntiuss. 205 

innerBten CentralheiligthuniB ^ eine Autorität gewesen? Au 
einen solchen hätte ein Paulus sich anlehnen müssen? Pflegt 
doch grade dieser Apostel die ihm allein objectiv gültige 
Autorität, sowohl die unmittelbare des Herrn (z. Bi 1 Cor. 
11,23. 7,10. IThess. 4, 15 s.u.) als die mittelbare des gottein- 
gegebenen Alten Bundes, wo er auf sie wirklich zurückgeht, 
auch ausdrücklich zu nennen! Ja er thut das auch selbst 
bei nur subjectiver argumerUaäo ad hominem, wie auf dem 
Areopag Act. 17, 28 wg xai rt^veg rcSv xa& Vfiäg noirtväv 
ÜQi^xaöi. X. T. A. (Aratus, Phänom. 5), oder in dem nächsten 
Pastoralbriefe Tit. 1, 12 smi tig k^ avrwv iSiog avtwv nQO- 
ffixrig X. T. A. (Epimenides, negl xQ^(^f^v, und ebendaher 
hier f,nQO(fn^Trjg^^ genannt, z. Th. auch b. C a 1 1 i m a c h., hyum. in 
Jov. 8). * Sollte nun derselbe Apostel die von ihm selbst 
als so hochwichtig angekündigten Grundwahrheiten des Heils 
nicht allein nicht aus dem eignen himmlischen Brunnen ge- 
schöpft, sondern auch ganz stillschweigend nur einem christ- 
lichen Volksliede entnommen, und dieses auch noch dazu 
coupirt und verstümmelt haben ? Dagegen sträubt sich sogar 
ein Wbgscheider (122), weil von diesen Liedern keine Spur, 
und der Apostel nicht „grade ein solches benutzt haben würde, 
um das Thema seiner Predigt desEvangel. in wenigen Worten 
daraus anzu^eben.^' Jene Beweiskette gegen ein bloss entlehntes 
Citat zusammenschliessend bemerkt endlich Fleischm. 153, 
ohne eine Widerlegung zu finden, dass auch hier ^yuniveraa 
dictio Paulinae aliaa tmtatae aü simillima}^ 

Sollte also wirklich ein, obwohl eben unnachweislicher, 
Zusammenhang zwischen den christologischen Hymnen der 
Urgemeine in unserer mystagogisch- apostolischen Stelle ob- 
walten, so könnte das Verhältniss vielmehr umgekehrt nur 
dieses seyn, dass solch ein genuin- apostolisches Symbolum 
in der Gemeine auch unisono recitirt ward, als wozu es sich. 



* Auch selbst der ebenso xax äv&QioTtov den Corinthern 1 Cor. 
15, 33 (aus Menander, Thebais, vergl. überh. Wik. Gr. 563) ange- 
führte Vers ist weder formell der apostol. Structur eingefügt und 
bildet vielmehr für sich einen besonderen Satz, noch ist er auch nur 
entfernt von solcher materiellen Wichtigkeit als unser dogmatischer 
Locus, welcher durchaus der unmittelbaren apostolischen Autorität 
und Authentie bedurfte. 



206 Das grosse Bekenntniss. 

nächst seinem höheren Ursprünge^ eben auch den genannten 
historischen Spuren zufolge nach Stoff und Rhythmus un- 
übertrefflich eignete. 

und wozu sollte der nun so hinfällig gewordene Appa- 
rat für einen nur durch Subjectivitäten gestützten Einfall, 
dass nämlich ein Paulus der entlehnende und irgend ein 
Unbekannter der schöpferische Theil gewesen, im Grunde 
dienen? Nur dazu, das nun einmal beliebte "Og auch 
grammatisch - syntactisch annehmlich und geniessbar zu ma- 
chen! Ist das wahrhaft wissenschaftlich? und nicht dennoch 
zuletzt ein Cirkel ? Oder ist es im letzten Grunde vielleicht 
gar ein dogmatisches Vorurtheil gegen das aus allen diesen 
Verwicklungen stracks hinausfuhrende Qaog? Wohl kaum, 
da eine genaue Exegese auch selbst ohne &e6g dennoch we- 
sentlich auf dasselbe Eesultat hinauskommen inüsste. „Welcher 
geoffenbaret worden im Fleisch'' — hat dieser nicht (im Gegen- 
satz von kcpavsQCü&fj) schon zuvor und unsichtbar, und zwar (im 
Gegens. von ^v aaQxl) in übermenschlicher Weise existirt?* 
Und ist das, zumal bei der sonstigen apostolischen Lehre 
von Christo, etwas anderes als seine vorzeitliche, also ewige, 
und göttliche Existenz und Natur? Führt also nicht auch 
selbst die so einseitig und morsch gestützte LA. "Og zuletzt 
dem ganzen und vollen Sinne des allseitig fundiii;en 0e6g 
in die Arme? So ist und bleibt die ewige Gottheit Jesu 
Christi , welche anderwärts in der h. Schrift sattsam bezeugt 
ist, auch an dieser St. selbst ohne 6s6g in Kraft des Con- 
textes erwiesen. — Wohl aber übt umgekehrt die LA. Geog 
an uns. St. entscheidenden Einfluss auf die Sicherstellung 
des wahren christlichen Gottesbegriffs, weshalb Me- 
LANCHTHON, Enarr. zu dies. St. (f. 53 b sq.) einen starken 
Nachdruck darauf legt, dass sowohl der „wahre Gott" . durch 
die nachfolg. bist. Ausführung bezeichnet, als das Geheim- 
niss von dfesem „im Fleisch geoffenbarten Gott" nur in der 



. * Fleischm. 170, KW. b. Heydenr. 212. Oder welcher auf- 
richtige Exeget dürfte mit Erasmus (Paraphr.) die Gegensätze so 
bilden: Qhristus, qtii antea ignotus et ahjectus, nunc adeo palam 
f actus est^ ut homo etiam juxta carnem conspecttLS et contrectatus fdt 
ab Jiommäma (wo auch der exeget. Syncrotismus anwidert) ! 



Das grosse Bekenntniss. 207 

Kirche Christi wahrhaft orkanut und so auch nur in ihr der 
wahre Gott angerufen werde {tantam in hoc congregatione, 
qtLoe nominatur Ecdesia ßü [vlvi^] Dei, de Deo vera no- 
titia et veri Dei invoccUio est, tibi agnoscitur Deua qui ae in 
came patefecit cet,, mit einer inbrünstigen Anrufung dieses 
Gottes*). 

Was so aber^ auch noch abgesehen von diesem meist 
unbeachteten theologischen Rückschlage, durch "Oq doch immer 
nur indirect, und wie mit einem fast scheuen Umgehen, von 
Christo mitausgesagt wäre (ein der überall Grund und Bo- 
den, Ruhe und Frieden gewährenden Natur eines christ- 
lichen Gemeindebekenntnisses vielmehr wider- als entspre- 
chendes Symptom), — das gewährt voll und rund — C) die 
doch im Grunde auch selbst äusserlich bestbezeugte LA. 
QE02^ die, wie hiemach materiell und critisch, gleichso 
auch grammatisch und rhetorisch ohne auch nur einen der 
mehrfachen Anstösse ist, woran die beiden anderen LAA. "0 
wie "Oq scheiterten. Denn nur mit Qeog ersteht nicht nur 
I) überhaupt die allein entsprechende biblisch-analoge 
Bezeichnung der den nachfolgenden Thatsachen und Werken 
zur Erlösung der Welt allein gewachsenen und ihnen erst 
solch unendliche Wirkung verleihenden Person, als einer in 
der Zeit die Menschheit nur annehmenden göttlichen, son- 
dern auch n) topographisch (local), im speciellen Hinblick 
auch selbst auf die formale Seite unserer Stelle, — 1) ein 
wirkliches und würdiges H a u p t für den g a n z e n so hochfeier- 
lich eingeführten Satz, welcher ausserdem ein äytiq)dkov und 
blosser Torso wäre,** ebendarum aber auch den Einfluss 
dieses seines Hauptes durch alle nachfolgende Glieder oder 
fortsetzende Rückgratswirbel, einschliesslich des kq)av£Qci^f] 
h aaQxl selbst, in ihrer historischen Aufeinanderfolge fort- 



* Dazu f. 55 b. : De his patefa>ctionihu8 Dei et testimonüs inqvit 
in Ecclesia veritcUem esse^ utfirmüdme stcUuamua, tantum in hoc coetu^ 
in quo retinetur fundamentum i. e. articuli fidei incorrupti, veram 
agnitionem et invocaMonem Dei esse, — wie auch die symbol. Bestim- 
mung in F. C. 769 ob. S. 198. 

** Vgl. Benö., Gn.: „ — etenim magnitudo Mystcrii vel ma- 
xime pendet ex magnittidine Subjecti^ Deua,'^ Vergl. folg. S. 



208 ^^9 grosse Bekenn tniss. 

und durchleitet,* und zwar so, dass nicht nur derselbe an- 
hebende „Gott'', welcher in der nachstehenden historisch- 
genetischen Entwickelun'gsreihe zuvörderst als „incarnirt^^ 
oder als Gott-Mensch bezeichnet ist, auch noch zuletzt wie- 
der in die ewige „HerrUchkeit aufgenommen" wird, sondern 
eben auch die vermittelnden und alle in die je folgenden ' 
alle eben „gliedlich" miteingreifenden Zwischenglieder nicht 
etwa zu nun vorübergegangenen Phasen geworden wären, 
sondern sie alle vielmehr zu dem „bekenntnissmässig grossen 
Mysterium" bleibend raitgehören und zu dessen ewiger Heils- 
kraft fort und fort mitwirken, — Alles, von der Wurzel bis 
zur Krone, ein ewig grünender, weltbeschattender Baum 
des Lebens. Durch Qeog entsteht 2) aber auch wieder inner- 
halb des ersten Gliedes selbst erst ein geistvoll pointirter 
Gegensatz zu hfpavBQiaß'ri kv aagxi — der seinem Wesen 
nach unsichtbare Gott (1, 17. 6, 16. Joh. 1,18. 6,46; 
Exod.33,20) eingetreten in die Sichtbarkeit (^qpai/€(>ftJ?9^), 
und zwar als Mensch (äv aaQxl). Beides so nebeneinan- 
der auch zugleich schon Zusammenfassung der öcumenischen 
Orthodoxie von Christo,** was ja in einem öcumenischen 
Glaubensbekenntniss auch so wesentlich. Den sogar wörtlichen 



* Nicht, gegen die gegebene Ordnung und Coordination, die fol- 
genden Glieder als Beweise für das erste (v. Mosh. 345 ff.; vgl. ob. 
S. 203 Knatchbüll u. 202). 

** „Magnam emphasin contiiient ista arditheta: Dens in carne. 
Quantum mm: int eres t inter Deum et hominem! Et' tarnen immensam 
Dei gloriam sie videmus in Christo conjunctam cum hac nostra camis 
putredine, ut unum effidant}'' Calvin. Eine dogmatische Folgerung 
auch schon S. 197 bei Theodoret : aaycjs Sa ^uäs zag 8vo ^vaeie iSi- 
Sa^ev y iv oaQxi yaQ Trjv &eiav k'(pr} (paveQcod"fjvai fpvoiv. Reich- 
licher wiederum Calvin ; ^^Primo disertum hie testimonium hahemus 
utriusque natura^: verum enim Deum et vei^m hominem simul pronun- 
ciat; secundo notatur inter duas naturas distinctio, quum hinc vocat 
Deum^ inde manifestationem in carne ponit; tertio uniias personae signi- 
iicoMir^ quum, wnum eundemque esse tradit, qui, quum Deus es9et, mani- 
festatus fait in carne. Ita hoc uno testim>omo vera et orthodoxa fides ad- 
versus Arium, Marcionem, Nestorium et Eutychem egregie munitur}'' 
Vgl. auch Bkng., Gn.; .^Hominem appellarat (Christum Jesum) c. 2, 5; 
nunc, quod ibi derogasse videri poterat ^ compensat, Deum appel- 
lans'' (und so eben auch erst ein Mysterium und Bekenntniss) ; s. 
vor. S. 



Das grosse Bekenntniss. 209 

Pendant hierzu entbietet Johannes im Evangel. C. 1 (nach 
&B6g rjv 6 jtoyog V. 1) V. 14 xai 6 yioyog aag^ kyivBto 
(vergl. 12; 45. 14, 8 f.) und 1 Joh. 4, 2 nav nvevfia, o ofio- 
loy^t (dadurch auch an das obige ofioXoyovfievcog erinnernd) 
'Ifjaovv Xjqi6t6v hv aagxl ih^Xv&ora^ kx &eov kativ (vgl. 
V. 3 und 2 Joh. 7 ol (iti ofwXoyovvrBg ^Irjaovv Xqu^tov ^qx^' 
fn^QV kv accQxC)]* ja auch unser ig>aveQ(6&fj ^ woran sich 
das Wesen des unsichtbaren Gottes wie das der sichtbaren 
GOQ^ herausstellt, erklingt in demselben Briefe 1 Joh. 1, 2 
(nach 6 Aoyog rrjg ^(orig) xctl rj ^mi — also das nach seinem 
Wesen ebenso unsichtbare Leben — i(paveQci^fj xal iiOQd' 
xafifv — riTiQ fjv TiQog töv narsQa xal htpavBQiü&ri rifuv (vgl. 
3; 5. 8); und dessen Echo hinwiederum von dem einst ebenso 
aus der Unsichtbarkeit Wiederkehrenden in Ool. 3, 4 otav 6 
XQUJTog q)aveQa)&yf 17 ^«17 r^fioSv, tote xal Vfing avv avrtp 
(paveQ(o&i^aB(T&e kv So^y (vgl. unt. Gl. 6). — Es bedarf hiernach 
fiir das exegetisch-theologische Gefühl keiner weiteren Aus- 
führung, wie eben erst mit der auch so gut bezeugten LA. 
Btog voUkommne Befriedigung entsteht und mit ihr die 
einschlagenden Factoren, Ein- und Ausfuhrung, Grammatik 
und Rhetorik, und eben auch die Dogmatik der „Kirche 
des lebendigen Gottes", dieser „Säule und Grundveste der 
; Wahrheit," als die da glaubt, bekennt und lehrt y,Deum 
de DeOj lumen de lumine, Deum verum de Deo vero^^ (Symb. 
Nie.) — allesammt congruent werden. 

Wir wenden uns zu den weiteren Aussagen von diesem 
öcumenischen Geheimniss des Glaubens und Heiles. Sofern 
aber dieselben eben von einem „Mysterium" handeln, wer- 
den auch sie selbst naturgemäss leicht etwas dem Character 
desselben Analoges d. h. Mysteriöses und Mystisches an- 
nehmen (s. ob. S. 192), was die evidente Ausdeutung wohl 
erschweren kann. Doch ist auch dann, was übrigens bei 
dem grundlegenden ersten Gliede infolge der sonstigen 



* Aus diesen Parallelstellen erhellt zugleich mit Sicherheit, dass 
iv aax^i auch bei uns nicht ist inter hominea noch gar ah hominibus 
(ob. Grot., £a.); doch ist es auch mit i<pav8Q(6&rj eng zusammenzufassen, 
weshalb Bbmg., Gn.: ^^haec mani/estatio dicü totam oeconomiam Christi 
ocuUa guondam mortalium conspicui, im Gegensatz des folg. ^^^x. 
iv nvBVftati^ s. d. 

HOELEMAim, Neue Bibelttudlea. 14 



210 ^^ giosse BekenntniM. 

biblischen Ausdrucksweise sieht der Fall war^ und zwar 
eben auch schon durch das erste Glied selbst mit dafür ge- 
sorgt, dass wir den Schlüssel zur Entzifferung dieses ^^grossen 
Geheimnisses^' in die Hand bekommen. Ihn reichen uns die 
beiden sicheren Endpuncte der ganzen Gruppe : dort zu An- 
fang war es die unverblümte Incamation Gottes (O'iog kpa- 
tmgiii&fj iv accQxt), am Schlüsse ist es die ebenso unzwei- 
deutige Wiederauf- oder Himmelfahrt (avüiiiq>&fj kv So^fj). 
Diese rein historischen Ein- und Ausgangspuncte nöthigen 
uns logisch; auch die Zwischenglieder entsprechend chrono- 
logisch aufgeführt, demnach Alles in geschichtlicher Succes- 
sion oder historisch - genetisch geordnet zu glauben. Und 
so erhob der scharfsinnige Bekämpfer der Aechtheit unseres 
Briefes, Schlbisrmacher, nur eine, wenn auch von der 
Exegese bisher noch nicht erfMte, gerechte Anforderung an 
unsere grosse Stelle, wenn er S. 200 aussprach: „dass eine 
Aufzählung wie diese auch historisch gestellt seyn will, maas 
jedem einleuchten^', wie denn auch eine solche wenigstens 
in thesi namentlich WiESiNGEB und „gewissermaassen^^ 
auch Huther anerkennen, dahingegen der neueste Erklärer 
V. GosTEBZEE (allerdings nach seiner Exegese dieser Sätze 
auch dazu genöthigt) sie wieder in Abrede stellt, während 
V. Baur (Pastoralbrr. 32) doch wenigstens nur „darauf 
verzichtete, einen durchaus befriedigenden logischen Zu- 
sammenhang in diese Sätze, wie sie einzeln der Beihe nach 
aufeinanderfolgen, zu bringen^^ (vgl. auch Baumg. 247). Hätten 
wir freilich jene beiden Anhaltspuncte und Handhaben nicht, 
die eben selbst auch mysteriös lautenden Mittelglieder an sich 
. Hessen der Willkür freien Spielraum und blieben wissen- 
schaftlich vag und unsicher, mit und zwischen jenen festen 
Standpuncten erhalten aber auch sie, und selbst das aller- 
mysteriöseste nächste (kSix. iv nvevfiavi^), scientifische Noth- 
wendigkeit und Evidenz, ja mathematische Gewissheit. Und 
eben dies durch jenen Canon nachzuweisen, ist der Haupt- 
zweck gegenwärtiger Ausfuhrung. 

Jedenfalls werden die zwischen Geburt und Himmel- 
fahrt inneliegenden, und eben hiernach präsumtiv gleichfalls 
chronologisch geordneten vier heilsöconomischen Thatsachen 
die übrigen Grundereignisse, sonach mit den ersteren zusam- 



Das grosse Bekenntniss. 211 

men alle Momente des Erlösungswerkea darstellen. Sehen wir 
jetzt diese weiteren Glieder näher darauf an! 

Es folgt zunächst — '£Si.xavoi&f] iv nvBVfiari: 
„ward goreohtfertigt (als gerecht erwiesen) in Geist'*. * Augen- 
scheinlich stehen das vorige aäg^ und dieses nunmehrige 
ftvBviia im Contrast zu einander, wie sonst im N. T. (Matth. 
26, 41 u. Marc. 14, 38; Rom. 1, 3 f. 1 Cor. 5, 5. 1 Petr. 
3, 18 s. u., und auch schon ^«a und mi Jes. 31, 3 vgl. ob. 
Gen. 6, 3 (S. 140). Demnach wird die gegenwärtige Ausaage 
kSixam&fi ^'^ nviVfiati überhaupt eine gegensätzliche seyn 
zu der vorigen itpavegti&ti iv accgxl] denn da auch dieses 
Verbum mit iv accQxl nur correlat war, so wird es wohl ebenso 
auch das zweite Verbum seyn mit iv Tivevfiath wonach die 
Verba den Contrast von Ol. 1 und 2 nicht aufheben, son- 
dern ihn nur etwa nuanciren und expliciren würden. Be- 
zeichnete nun Gl. 1 das Eintreten des geistig- unsichtbaren 
Gottes in die Sichtbarkeit und materielle SinnfJilligkeit der 
Welt, so kann der stricte Gegensatz davon nur ein Wieder- 
hinaasgehen aus derselben in die immaterielle Geistigkeit 
und Ueberweltlichkeit bilden und benennen. — Durch diese 
Vorbestimmungen und Herstellung eines reinlichen Gegen- 
satzes wird ganz von selbst eine schwere bunte Menge an- 
derweiter Erklärungen hinfällig, wobei sowohl die beiden 
contrastirenden Substantiva iv aaQxl und iv nvBVfAari^ als 
auch noch die ihnen je correlaten Verba abweisend mit- 
wirken. 

Ausgeschlossen werden nämlich Ä) durch den gra- 
den inneren Gegensatz der beiden Substantiva je mit er, 
wie namentlich auch dadurch, dass'die stracks divergiren- 
den Richtungen beider (nach Nadir und Zenith) hinwiederum 
nur einem und demselben S üb je et gelten, also nicht auf 
verschiedene Subjecte bezogen und nach heterogenen Verhält- 
nissen hin umgebogen werden dürfen, folgende Deutungen 
von ivnvsvfiari: 1) als inneres Lebensprincip (HüTH.), 
„höhere geistige Natur, — höhere Geisteskräfte" (Wegsch.), 
fjapirttualia virtua^^ (Leo), „Unsterbliches'' (v. Ew.) u. dgl. m., was 
schon darum unzulässig, weil die ffap^, worin „Gott offenbaret'' 



* Literat, auch hierüber b. Wolf, vgl. Heum. S. 257 ff. 

14* 



212 ^^ grosse Bekenntniss. 

wurde; eine zwar sinnfällige; aber darum noch nicht geistes- 
b a a r e Leiblichkeit, wodurch die menschliche Natur (Saübebt 
b. H eum., Huth.) allerdings wesentlich mitgemeint; aber nicht 
gedeckt ist,* bezeichnet, und überdem auch noch das Verb. 
iSi.xaua&7] in seiner wirklichen Bedeutung nicht dazu paseen 
würde (s. u. JB) ; — 2) als heiliger Geist; wodurch der volle 
directe Gegensatz von adg^ und nvevfut verschoben würde; so- 
fern es einen noch weiteren Begriff von Geist als den des heil. 
Geistes giebt und die ganz allgemein gehaltene aoQ^ auch 
dieses allgemeine nvsvfjut als ihren graden Gegensatz erfor- 
dert; wie denn auch noch ausserdem; wenn Gl. 1 besagt, 
Gott sey <Tap| geworden; Gl. 2 mit jener Annahme incorrect 
aussagen würde; er sey der heilige Geist geworden od. gewesen. 
Durch diese unklare Vermischung hat man nun aber irir 
(i&x.) iv nvsvfiari folgende Näherbestimmungen zu gewinnen 
vermeint: a) durch Heiligkeit oder Sündlosigkeit 
(Chrys. b. Heydenr. u. Huth.); als ob die blosse Annahme 
der accQ^ auch schon die Sündhaftigkeit nothwendig mit sich 
geführt hätte (Hebr. 4, 15. 7, 26 u. a.); und diese würde 
sogar das Wesentliche bei ad^^ seyu; wenn für Ttvevfia die 
Sündlosigkeit das Wesentliche seyn soll; — b) durch Er- 
füllung der Weissagungen des h. Geistes (v. Ammon b. 
Wegs eh.); wodurch jeder Gegensatz von adg^ und nvsvfia 
getilgt würde; — c) durch Vereinigung mit dem h. 
Geiste (J. C. E. Schmidt b. v. PL u. Heydenr.); wodurch, 
ausser jener willkürlichen Verengung des Gegensatzes von aag^ 
und TtVBVfia^ auch noch (wie schon in a und b) die offenbare 
Identität des iv in Gl. 1 und 2 verbogen würde (daher z. B. 
Heum.: ;;geoffenbaret im Fleische — gerechtfertigt durch den 
Geist"). Diese Vereinigung wird dann noch sehr mannigfach 
specialisirt, indem man theils an den Moment ihres Wer- 
dens; theils an ihre objectiven Wirkungen denkt; hiemach also 
zunächst d) an die Taufe mit Herabsenkung des h. Geistes: 
„qunm sedit super eum Spiritus in specie oolumbae et audäa 
est vox e codo: hie est ßius meusf^ (Knatchb. mit PricäüS 
u. Hemming b. Heum. 257, wie auch v. Baür 32); oder 



*) „iVawi sicut anima rationalis et caro unus est homo, üa 
Ditua et homo wm^ est Ckrütua,^^ (Syinb. Äthan.) 



Das grosse Bekenntniss. 213 

auch e) an das Zeugniss dos h. Goistes sowohl in den 
Herzen (Melanchth. 54 b sq.), als in Worten und Werken 
(Wjesing., überh. Offenbarung seiner 86^a und zwar in 
Worten, Werken u. Erlebnissen, cet s. u.), namentlich aber in 
Wundern (Theodoret b. Heydenr. u. Huth.), ganz 
vornehmlich in der Auferstehung (Fleischm., Baumg. 
247, Heydenb., Kling, Wiesing.), doch aber auch noch 
weiterhin in der Himmelfahrt (Heum. 245) und der 
Ausgiessung des h. Geistes (Aeg. Hunn., v. Mosh., Mich. 
b. Fl eis ehm.), sogar mit Einschluss ihrer Folge, der durch 
die Apostel u. sonst geschehenen Wunder (v. Flatt). Wie 
nun aber die Himmelfahrt oder gar das erst nach derselben 
liegende Pfingstwunder hier schon darum nicht gemeint seyn 
kann, weil die erstere in dem allerletzten und ebendamit über- 
haupt abschliessenden Glicde noch ausdrücklich folgt, so kann 
es auch die, allerdings ein Hauptmoment des grossen christo- 
logischen Mysteriums bildende, Auferstehung deshalb nicht 
seyn, weil nicht sie aus der Welt der aap| und des (pave- 
Q(üdijvaL in die des nvBVfia und der Unsichtbarkeit hinaus« 
fiihrte. — Wird nun dieses alles überhaupt eben schon 
durch die straffe Gegensätzlichkeit von nvEVjna znaaQ^ 
ausgeschlossen, so überdem — B) auch noch durch die Natur 
des Verb. kSi,xana&'f] eine für nvBVfia angenommene fernere 
Bedeutung, näml. als (metaphysisch) göttlicheNatur, die 
der „im Fleisch geoffenbarte Gott" in seinen Wundern cet. 
(s. vorh.) bekundet habe (Calv.; Glass, s. b. v. Mosh. 
347 u. Huth.). Nun könnte dabei zwar die Gegensätz- 
lichkeit von aaQ^ und nvsvfia mehr gewahrt scheinen, sofern 
ersteres die menschliche Natur, obwohl im Gegensatz des ein- 
fachen nv^ifia unzureichend (s.ob. J[), anzeigte; aber eben das 
Verb. iSixaiw&rj scUiesst jene Annahme und damit auch den 
Bo gefassten Gegensatz aus. Denn wie muss dasselbe dann 
übersetzt werden? Mit declaratum fuüse Deißium (J.Jon. 
b. M ar 1. , * vgl. ob. S. 200 Grot.), oder „erwiesen in seiner 
höheren Natur" (Wiesing., vergl. sachlich Köm. 1, 3. 4 mit 
andern Ausdrücken, und eben flir das Verb., aber ohne Be- 

* Eunderrif gui humana carne vestUuB apparmt^ aimul tarnen 
declaraium fuisse Dd ßUum — in ip80 enim spirittioMa apparuit vir^ 
^wt (ft. ob. S. 211 Leo), guae Dmm esse testaretur. 



214 I^AB grosse Bekenntniss. 

weiskraft; Matth. 11^ 19 u. Luc. 7, 35) ^ oder auch y^docu- 
mentirte sich als Geist^' (v. Baub 33), da doch 3ixaiovv 
„rechtfertigen", „als gerecht" (nicht als „den rechten^' 
V. Ew.) erweisen" oder auch „für gerecht erklären" überall 
nur von einem zuvor Verdächtigten, Angeklagten oder Ver- 
urtheilten gesagt werden kann, was bei jener Annahme fehlte. 
Wenn nun aber in dieser Reihe der zur Vollziehung 
des Heilswerkes hochwichtigen christologischen Thatsachen 
die Incarnation ausdrücklich die erste und die Himmelfahrt 
ebenso deutlich die letzte bildet, hieraus aber mit Fug und 
Recht auch überhaupt eine chronologische Reihenfolge der- 
selben zu entnehmen war (S.210); und wenn femer das eben 
jetzt in Frage stehende iöixaidß^ hv nviVfiari innerhalb jener 
beiden Endpuncte und zwar so liegt, dass es dem Ausdrucke 
nach erwiesenermaassen weder die Taufe noch die Wunder 
bezeichnen kann: welcher Punct in den übrigen hervorra- 
genden Erlösungsmomenten könnte da näher liegen, als der 
auch zugleich in den folgenden Gliedern nicht mehr vor- 
kommende und doch allerwichtigste,* nämlich der des Wie- 
derhinganges im Tode? Gehen wir nun dem Sinne unseres 
jfreilich allermysteriösesten Gliedes eben in dieser Richtung 
nach, so kommt uns der uns auch schon bei dem ersten 
Gliede als der beste Interpret erschienene Johannes aber- 
mals handreichend, ja die Erklärung ganz in seine eigene 
Hand nehmend entgegen, und zwar in Worten des aller- 
höchsten Auslegers, nämlich des „im Fleisch geoffenbarten" 
Herrn selbst, weldier Job. 16, 7 — 10 zu seinen Jüngern eben 
von seinem Hingange also redete : „Ich sage euch die Wahr- 
heit, es ist euch gut, dass ich hingehe: denn so ich nicht hin- 
gehe, so wird der Tröster nicht kommen zu euch; so ich aber 
hingehe , will ich ihn senden zu euch. Und gekommen wird 
Er überfuhren {iXiy^u, auch wenn sie hartnäckig ihr Verbrechen 
nicht gesteht,) die Welt negl äfjuxQtlag xai nsgl dixaio- 
avvrjg xal negl XQiatiag^ d. h. dass esgiebt eine Sünde, eine 
Gerechtigkeit und ein Gericht** — Tttgl Si^xaioavvrjg 

* Das erste unter den ersten Lehrstücken desselben Apostels, 
1 Cor. 15, 3 naqidcoxa yaQ vfuv iv n^cizots^ o nai na^iXaßovy Sri 
X^$0j6£ dnd&avev vnkq tc5v afta^rimv fifimv xara rae yqatpas x. r. Z. 
** Und zwar Sünde, Gerechtigkeit und Gericht hier ein 



Das grosse Bekenntniss. 215 

Si^ Ott nQog tov nariQa fiov vndyw xai ovx^ri t9 ewpeir^ 
fiL Hierin haben wir ja eine unBerem kSixan6&7] sogar auch 
wörtlich entsprechende Sixaiocvvii, und zwur die Gerechtig- 
keit der Sache Christi; und diese erwiesen eben an seinem 
Hingange zu seinem Vater in das Reich der Unsicht- 
bar k ei t Das bei uns hinzugefügte hf nvtviiati haben 
wir zwar nach dem Bisherigen (8. 112 f.) kein Recht auf den 
heil. Geist (als den Paraclet oder „Tröster" Joh. 14, 16. 17), 
welcher eben aus dem Hingango des unschuldig Gekreuzig- 
ten zu seinem himmlischen Vater die Welt ihrer Sünde und 
Schuld, wie seiner Gerechtigkeit tiberführt, zu beziehen; 
aber es ist nur um so einfacher, «wie auch der Abwesen- 
heit des Artikels und eben dem stricten Gegensatze von 
iv nvivfiati^ zu kv üagxi einzig entsprechend, Beides, zumal 
mit hf, von einer Zuständlichkeit, demnach, wie ^v 
öoQxi von materieller Sichtbarkeit, so nun kv nviVfiati von 
immaterieller Unsichtbarkeit zu verstehen. Aehnlich auch schon 
mit dem einfachen Dativ der Relation Col. 2, 6 ee xal ry aagxl 
anetfu, aXla t^ nviVfiari övv vfilv €lfiiy wie unt. 1 Petr. 
3,18 &avaTw&sig fiiv aagxi, ii(it)onoifi&Big Si nvwfiatr^ völ- 
lig adäquat aber eben mit kv, wie an letzterer St. V. 19 
h ip (jtvBVfiati), Joh. 4, 23 f. die der leibhaftig - örtlichen 
(V. 21) entgegengesetzte Anbetung Gottes kv nvsvfiatv (weil 
nvBVfia 6 &e6g V. 24), und auch selbst ohne allen Gegensatz das 
einfache iv nvevfiati yevia&ai als der Welt entrückt 
seyn, Apoc. 1, 10. 4, 2 (x. ISov — iv ttp oif()avip) ; 17, 3. Dem- 
gemäsB ist nun, wie zuvor itpavBQci&jj iv aagxi das Selbstein- 
gehen in die Weltsphäre, so das kdvxami&fi iv nvevfiavv eine 
rechtfertigende Entrückung aus dem Gesichtskreise dieser Welt. 
Wann aber ist diese erfolgt? Gewiss nicht erst in der Auferste- 
hung; und auch die absolute Entrtickung in der Himmelfahrt ist 
es nicht; da uns schon der Canon der chronologischen Ord- 
nung unserer Gliederreihe daran hindert. Nein, es ist wirklich 
die ausserdem aftch gänzlich mangelnde und doch schlecht- 
hin unentbehrliche Bezeichnung des Todes im Erlösungs- 



jedes in hpchster Potenz f Sünde, dass sie nicht glauben an 
Mich", die grössteund Grund-Sünde; Gerechtigkeit— Christi; und 
Gericht — über den Fürsten dieser Welt. 



216 ^^ grosse Bekenntniss. 

werke Jesu Christi. Und eben hierzu ist grade auch das 
beigefugte Verbum kSixatMid-t] bedeutsam^ wie es — und 
hiermit betreten wir den johanneischen Boden wieder un- 
mittelbar — einfach schon in jenem Worte des Herrn selbst 
(Joh. 16, 10) erklärt wird : die Welt wird dann überfuhrt tiiqI 
Si^xaioavvfjg, oti TtQog rov nariga fiov vndy(a xai ovxiri 
&ea)Qetri fie. Dadurch ist der Qemarterte eben ^^gerecht- 
fertiget'S ^^ss er zu seinem Vater in das Leben der un- 
sichtbaren Geistigkeit übergeht, was daher so ganz 
unserem kSMMdi&ij kv nv^Vfiarv entspricht. Jenes ovxiri 
ß-^mQÜri fjLS ist ja zur ganzen Welt gesprochen: denn die Jün- 
ger selbst haben ilin nach seiner Auferstehung, bevor er noch 
zum Vater ging (Joh. 20, 17), wiedergesehen; ihnen speciell 
galt vielmehr Joh. 16, 16 fiM^ov, xal oh ^Bcogeiri fie, xai naXvv 
fuxQov, xal otpea&i ^b (vgl. V. 20 — 22) ; aber der ungläubigen 
Welt (6 xoafiog V. 20), der adg^ schlechthin, ist er fortan 
unsichtbar geblieben, und auch dem nachher gläubigen 
Theile derselben trat er eben auch nur im Glauben nahe (vgl. 
im Folg. iTtiCTeir&T] kv x6(S(i(p, S. 226), wie denn nun uns allen jetzt 
nur das Wort gilt 6 Sk xvQiog t6 Ttvevfid iari/p (2 Cor. 3, 17), 
und ov ovx iSovreg dyaTiäte, elg ov ägrv firi ogwvreg Tuarev- 
0VT€g Sk dyalXtaa&e x. r. A. (1 Petr. 1, 8 vgl. Joh. 20, 29) ; dass 
er dann aber aus dem Zustande der Unsichtbarkeit momen- 
tan wieder in den relativer Sichtbarkeit* wirklich über- 
gegangen sey, bezeugt schon das nächste Glied ci(p&7} 
dyykXoig^ s. nachh. Und so ist das kSixaui&tj kv nvevfiari 
eben ein dem mysteriösen Character dieses ofiokoyovfjLivwg 
(Uya fivCTTiQuyv ganz entsprechender Euphemismus für den 
Hinweggang im Tode. Und dennoch kein blosser Euphe- 

* „Relativ" — nicht bloss eben hinsichtlich der Zeugen, ßon- 
dem auch der Modalität, da bis zu der noch sichtbaren Himmelfahrt 
(Act. 1, 9. 11), womit die absolute Geistigkeit (einschliesslich der an 
sich noch keinen Contrast davon bildenden menschlichen Natur) ein- 
trat, gleichsam ein Mittel- oder vielmehr Wechfelzustand herrschte 
zwischen sinnfälliger (Luc. 24, 39—43 — OTinvevfia oagna xal darin 
ovx i'xst, xtt&tog i/ie &£0}QeXre Sxovia)^ um dadurch die Realität der 
Auferstehung zu constatiren, und dann auch wieder schon gleichsam 
pneumatischer Existenz, wip V. 31 xal a'ifxoq a<pavxoQ iyiveto an avxmv 
und Joh. 20, 19. 26 k'^x^tai 6 ^Irjaovs rmv d'vqfov xBxXeiOfiivoiv xal 
ioTTj ßis to fiiaov — . 



Dm grosse BekenntniM. 217 

miBXDUB fUr das eigentliche Wort des Todes! Denn ver- 
gessen wir es nicht, das alles beherrschende Haupt unserer 
Mysteriumssätze ist und bleibt das, sonach auch durch unseren 
Satz innerlich wiederbestätigte, Qsog: ,; st erben'' konnte 
nur die cdg^, — die ;,göttliche'' Natur konnte es nicht, 
obwohl durch die communicat. tdwrn. an diesem Mittler- 
werke participiren ; 'I' daher ist es eben mehr als Euphemis- 
mus, wenn dafür gesagt ist iSixaui&tj iv nvBVfiari, worein 
aber allerdings der Tod des Leibes mit verschlungen ist. 
Mit diesem eigentlichen Worte, und dennoch ganz ähn^ 
lieh sagt denn auch der dritte Hauptapostel 1 Petr. 3, 18: 
d-avarcii&eig fih aagxif ^woTtoiti&üg Si nvBVfiari^, Denn 
auch hier bezeichnen aciQ^ und nvsvfia nicht bloss ebenfalls 
directe Gegensätze, sondern eben auch Zuständlichkeiten 
(vergl. LuTHARDT, Reuters Rep. 1855, 1: „in Bezug auf 
sarkische Seynsweise ist er getödtet, in Bezug auf pneu- 
matische ist er lebendiggemacht''), wie ja denn alsbald 
V.19folgt^i^ ^ (nvBV/Aari) xai roig iv (pvkax^ nvBVfia\si 
noQevd-elg ixi]gv^ev, welche letzteren Worte das ivtp (nvevfiari) 
und damit auch unser nur ganz paralleles (iSix,) iv nvsvfian 
von einer Zuständlichkeit zu verstehen einfach nöthigen. 
Ausserdem ist an unserer Stelle mit iv nviVfian^ der Zustand 
der Unsichtbarkeit und Uebersinnlichkeit um so gewisser 
bezeichnet, als dieses Glied zwischen zwei Zuständen sogar 
steigernd markirter Sichtbarkeit steht (dort itpaveQci&fj iv 
auQxlf hier üffd-ri ayyikoig, wo *das bedeutsam anhebende 
objective und eben „optische" ä(pd"fj sonach ein neues star; 
kes Argument für die Bedeutung physischer Unsichtbarkeit 
des iv nvev/iaTi^ bildet).** 



* F. C. 606 sq. 608: Quapropter vere Filius Da pro nohis est 
patsus^ 9ed secundum praprietatem humemae naiurae, quam in unitaiem 
divinae mae personae aeeumaU ce^. — (611.) 766: IVopterhanc hypogtaU- 
cam unionem — non nude et sola humana natura^ cujus proprium 
est pati et morij pro totius mundi peccatis est passa; sedipse Filius 
Dei vere^ secundum tarnen naturam humanam assumtam^ passus et, ut 
Symbokim nostrum ApostoUcum testatur, vere mortuus est, etsi divina 
natura neque pati neque mori potest Vergl. Luthabdt, Gom- 
pend. d. Dogm. §. 51 f. 

** Annähernd, doch noch schillemd, Bbmo., Gn. : Per mortem in 



218 Bat grosB« BekenntniM. 

So haben wir in diesem ^^bekenntnissmäBBig grossen 
Mysterium" der christlichen ,,Kirche" bis hieher die beiden 
grössten Thatsachen zu unserer ^Erlösung aufgefunden^ nämlich 



came toleratam aholemt peccahtm in se eönjectum (eine auch bei 
£iul8h. — yjuxta spiritum iantam accepit potestatem, ut ahoUtis am- 
nium peccatü — caahderü et conferaJt justitiam^^ — yorkommende, hier 
zwar nicht überhaupt fremdartige, jedoch schon durch die Passivform 
schlechthin unmögliche Auffassung des id^natoi&T} ^ welchem Beng. 
selbst noch durch die folgg. WW. in nur gezwungener Weise ge- 
recht zu werden sucht), et justitiam aeternafri, paire penittts appro- 
baute, aihi suisque asseruit, ex conspectu hominum decedens 
et statum spiritualem et gloriosum, juetUiae suae corwementem, in- 
trans per resurrectionem et asceneionem — , ein Zusatz, durch welchen 
der erst richtig genommene Anlauf wieder abgelenkt, die streng 
chronologische Ordnung durchbrochen und namentlich das letzte Glied 
unserer Kette zur reinen Doublette wird. Aehulich in sogar noch 
trefflicherem Ansatz, aber auch inconsequenter Wiederablenkung 
Fleischm. 174: — Bwaiaiats Christi ßive (Job. 16, 8 coli. 10) ^ey^te 
xov xoofiov neql Sixaioavtnjs Christi jam non amplius iv aa^xl ^eca^ov 
fUvov: revoocUio emm Christi ex hundUtate ad nvevfta confirmatfit veri- 
totem. So weit zutreffend, und dennoch nun idwattofft] iv nvevfiaxi. 
selbst erklärt: qaod per illustrem j quam post kaec adiit, conditionem 
[was doch wohl erst in Gl. 6 aveXiqtfd'Tj ii^ SoSrj] a Deo verax propositique 
Victor declarcUus est. Daher auch weiterhin p. 179 (zu to(p^ij ayyeXotg) 
das vergebliche Bemühen, die jetzt übersehene ausdrückliche Angabe 
des doch gewiss positiv zu erwähnenden verdienstlichen Todes nun 
anderswo miteingeschlossen aufzufinden: appcsret cur, guod mireris, 
mortis Christi mentio nuUa /acia sit: quia scil.ea jam latui4 in com- 
memoratione o^pems seu resurrectioms. Bei somit eröffneter Action 
der reinen Willkür ist es aber kein Wunder, andere Erklärer mit 
ganz gleichem Bechte und Unrechte den in diesem öcumeniscben Be- 
kenntnisse der Heilsthatsachen von ihnen wohl vermisston Tpd Christi 
wieder ganz anderswo mit unterzubringen, entweder erst in dem 
allerletzten Gliede, bei der Himmelfahrt, wie Heum. („man kann 
sich wundern, dass unser Apostel in dieser Beschreibung Christi nicht 
auch sein Leiden und Sterben und seine Auferstehung von den Todten 
[wovon nachher] mit aufgeführt hat: er hat beides [!] stillschweigend mit 
angezeigt: seine Himmelfahrt setzt ja die Auferstehung voraus — so setat 
auch seine Auferstehung aus dem Grabe voraus, dass er todt gewesen") ; 
oder auch bereits in den ersten Gliedern, wie Mich. (b.F leise hm.) 
durch gliederverrenkende Interpunetion : ifavs^m^rjj ir aagnl i9txaw&tj 
(im criminellen Sinne justificirt : „hat dem Leibe nach die Strafe des 
Todes gelitten"), iv nvBvuntt, mtpd'rj ayyelots x.rA,, — oder auch mit 
Bentlby durch eine gleich verunglückte, für den Tod dte Geburt 



Da0 grosse Bekenniniss. 219 

die Incarnation Gottes in itpccvBQta&tj hv cctgxi und; wenn 
man so sagen dürfte, seine Excarnation oder vielmehr den Tod 
in eSixaiM&fj h^ nvevfiari, und zwar beide ebenso unmittelbar 
neben einander , wie das spätere sogen, apostolische Qlau- 
bensbekenntniss auf das ,; empfangen vom heiligen Geiste, 
geb oren von der Jungfrau Maria ^' sofort auch folgen lässt: 
„gelitten unter Pontio Pilato, gekreuziget, gestorben/** — 
Und was ist nun im Verlauf der christologischen Heils- 
thatsachen weiter geschehen? — *'Sl(p&fi ayyiloig: „WBxi 
sichtbar oder erschien Engeln'^ Auch hier, wo auf die 
pneumatische Entrückung zunächst ein Wiedererscheinen 
folgt, ist durch den Gnomon der auch in dieser Kette des 
ältesten Symbobim apostoUcum festgehaltenen chronologischen 
Reihenfolge eine ziemliche Zahl exegetischer Versuche** 
proscribirt, wie — noch ausser den hier von Bullinq. b. 
Marl. 906, Aeq. Hunn. 114 u. v. Oosterzee angenommenen 
passiven Engelerscheinungen bei der Geburt, dem Seelen- 
kampfe in Gethsemane, der Auferstehung (s. u.) und Him- 
melfahrt, wozu noth wendig meist die unzulässige Trajection 
(b. Heinr.) ätp&ijaav ccvvfp ayyBkov gehörte, — namentl. auch 
folgende, welche an diese letztere syntactische Unmöglich- 
keit z. Th. wenigstens hart anstreifen: a) die Menschwer- 
dung (ein oflfenbarer Rückgang zu Glied 1): Chrysost. 
(orfi adgxa ntQußdX^To' ngo tovtov Sk ovy icigiav cevrov 
ovTwg^ knuSfi xai avtoiq aogaroq ij ovaia ipi)y Theodoret 
{tijfif. aogarov rijg ß-^orritog tpvaiv ovSh ixBivov icigiav^ rrapxo)- 
&ivTa Si k&maavTo)y Obcüm. u. a. gr. KW. (s. b. Wolf, 
Heydenr., Huth. u. Wies.); oder — b) der Engel- 
dienst während des Lebens des Gottmenschen im 
Fleisch (was nur ebenfalls unter die Categorie des 1. Glie- 
des fiele), wie Matth. 4, 11. Joh. 1, 52 u. a.: Bulling. 



unterdrückende, Conjectur id-avatei^i^ (statt ifavageodr/) Iv aagni, 
— wohl im Anschluss an 1 Petr. 3, 18 d'avaxad'Bh fiav aa^ni, da 
aber mit dem Gegensatze ^caonoiTjd'eis Si nvsvftari, 

* Und Sjmb. Nie. — auf ,,incarnatu8 est de Spirüu S, ex 

Maria virgine et homo /actus est^^ — sogleich das ^^crücifixus cet^^ 

** Monographisch s. C. F. Böbnbb: Ad 1 Tim. 3, 16 wfl^'ri affi- 

Xotg, 1748. Ders. auch überh, : De praedicatis Füio Dei a R datis 

adl T.S, 16. 



220 Dab grosse Bekenntniss. 

(b. Marl. 1. 1.), Kjjatchbüll (b. Wolf), Heum.; wenn nicht 
ganz vag, und ausserhalb unserer apostol. Bekenntniss- 
sätze , vom £ngeldien8t an seiner Kirche, wie Crücig. b. 
Marl. vgl. Hebr. 1, 14 da tovg fiikkovrag xkrjQovofieiv 
acDTf^giav] oder ebenso unbestimmt die Engellust an dem 
Erlösungswerke überhaupt, nach 1 Petr. 1, 12 dg ä ini^&v- 
fiovavv ayytXoi, naQaxvxjßoCi Calv., SchÖTTG. (b. Wolf), 
Marlob., Wiesing.; — c) Engelerscheinungen bei sei- 
ner Himmelfahrt (also erst zum letzten Gliede gehörig, 
wo übr. Engel nur bei seinem Entschwinden hervortreten, 
Act 1, 10 f.): Venema u. J. Brücker (Ernesti N. theol. B. 
V, 22, b. Fleischm. 177); oder erst — d) nach derselben, 
als er zu ihnen in den Himmel kam: Moldenh., Hüth. ; 
oder auch — e) bei einer apocryph» früheren Himmelfahrt 
(Job. 20, 17): V. Ewald (Jahrb. 3, 25). Wie nun dieses alles 
theils syntactisch, theils und namentlich durch die chronologische 
StaflFelreihe unserer Glieder (wonach das fragl. Ereigniss nur 
zwischen Tod und Himmelfahrt innestehen kann), theils als 
apocryph, theils auch noch dadurch ausgeschlossen bleibt, dass 
somit ausserwesentliche Momente in die knappe Bede dieses 
ganz innerhalb des Evangeliums gehaltenen Glaubens- und 
Eirchenbekenntnisses eingetragenn würden; so können in je- 
dem Betracht hier, zwischen dem Tode und. der Himmelfahrt 
Christi, bloss zwei Deutungen und Ereignisse ernstlich in 
Frage kommen, nämlich entweder die Höllenfahrt 
(s. Bibelstudien H, 89 ff.), wo er bösen Engeln erschienen 
(Semler b. Fleischm. 175 f. u. Wegscheid. 127), in 
welchem Falle aber das absolute ayyBkov einen charact 
Beisatz des Bösen haben müsste,*^ übrigens dann auch 
zugleich die Auferstehung hier ganz ausfallen würde; oder 
— was nun eben allein noch übrig bleibt — die Aufer- 
stehung, wie diese denn auch wirklich den auf den Tod 

* Vergl. S. 121. Von guten und bösen Engeln zugleich (syn- 
cretistisch) Melanchth. 55 f. u. Beng. unt ; wollte man aber unter die- 
ser kaum würdigen Deckung des Namens äyyelot Höllenfahrt und 
Auferstehung zusammen verstehen, so würde der Blick eben getheiU 
und ' in dem Maasse die Auferstehung wider Gebühr zurücktreten. 
Von einem apocryph. (himmlischen) Widerspiel der Höllenfahrt dk W. 
und einem gleich hypothetischen gnost. Durchgänge dur^ die Reiche 
der £ngel zum Fleroma v. Baus 32 ; vergl. ob. v. Ew. 



Das grosse Bekenntniss. 221 

nächstfolgenden Hauptartikel des christlichen Glaubensbekennt- 
nisses bildet. S. z. B. auch . 1 Thess. 4, 14 ü niatevofiiv 6ji 
Irjoovg ani&avi xai aviartj , x. t. l. 

Was aber hatten bei der Auferstehung ay/^Xai (y^Engel/^ 
ohne Art.) zu schaffen? Man darf auch hier, bei ayytkoi^ 
keine Ausflucht ergreifen, nicht „Boten^ nämlich des Evange- 
liums d. i. Apostel verstehen wollen; von denen äj^sloi 
80 absolut im ganzen K. T. nirgends steht (auch nicht Gal. 
4, 14 tag äyyBkov &bov i8i^aff&i fi9f (og XgiOTOV *If]aovv*): 
wie Greg.; Anselm, Hatmo, Heins., H. B. Starck., G.Olear., 
Oporin., v. Mosh. AA. (b. Wolf. u. H cum. 248. 260, wel- 
cher früher auch selbst dieser Ansicht), Fleischm. (nonpro- 
miacue guämsvü mcrUdämaj sed amicü suü et aectatortbus), 
Herp., Mich., Storr (b. Weg seh.), Heydenr., v. Flatt, 
Leo, Böttger (169).** Vielmehr sind ayydoi^ auch hier, 
wiexar ^$o;^i7V sonst, himmlische Gottesboten, Engel. Und 
wem ist denn der im Tode und Grabe den Menschen unsichtbar 
Gewordene und daraus wieder Auferstandene als solcher 
zuerst wieder „sichtbar geworden" {ätpß-Tiy eben das vou 
dem Auferstandenen — Luc. 24, 34 tjyeQ&rj 6 xvgiog pvTü>g 
xal äcp&fi JSliMovi, Act. 13,31. 1 Cor. 15, 5 ff. in Fortsetzung 
der ob. S. 214 begonnenen Dogmenreihe unseres Apostels 
xal OTV iyrjyeQtai ty rj^ig^ ry rgitfi xara rag yQctcpdg , xal 
OTi, äq>'d'ti Kr^cp^f sha to7g SciSsxa, Ünura wtpS-tj Tt^vraxo- 
aioig äSiXfpdig — inuxa ätp&t] 'laxcifitp x. t. A. — constaut 
gebrauchte und überhaupt solenne Wort, vgl. auch o^rra- 
vofievog Act 1, 3)? Erschien er da nicht eben Engeln zu- 
allererst?*** Wie ein Engel den versiegelten Stein im 



* Ebensowenig als in den auch ausdrücklich noch mit nefinaiv 
oder dnoarMtiv verbundenen Stellen (b. v. Mosh. u. Heum.) 
Luc. 7,19 u. 24 (äyyaloi 'Itodvvov)] 9, 52 oder Matth. 11, 10 u. Marc. 
1, 2 (Job. d. T.). 

** BinTL. liest sogar tinoor Slots. ,,Unus Stephani codex legit 
df&^cajtote^^ (Wolf), — womit wir in Gl. 1 zurückgingen. 

*^^ Verfehlt V. Mosh. 349: „Bei der Auferstehung erschien der im 
Fleische geoffenbarte Gott nicht den Engeln ; die Engel, die ihm dien- 
ten, erschienen ihm.^< Wenn ein Begrabener aus dem Tode auf- 
ersteht, dann „erscheint**, auch den schon Gegenwärtigen, Er; des- 
halb ja auch das correspondirende und stetige taf^rj eben von dem 
wiederauferstandenen Christus in den obigen Stellen, wie dann auch 



222 ^A> grosse Bekenntoiss. 

Erdbeben von der Grabesthür wälzte (Matth. 28; 2 ff.); so 
waren es auch zwei Engel (ganz unserem artikellosen 
ayyiXoig entsprechend), die. den das Grab besuchenden Frauen 
die erste Kunde von der Auferstehung, geben konnten 
(Luc. 24; 4 ff.) und; gleichsam als Hüter; zu Häupten und 
Füssen des geleerten Gruftlagers sassen (Joh. 20, 12). ^ Und 
so nimmt dieses oitp&fj in Gl. 3 gleichsam das in 2 wie er- 
loschene k(pavtQ(idi^ aus 1 und nur noch farbiger; aber auch 
nur für solche Auserwählte wieder auf, gleichwie der 
Sohn Gottes ; nachdem er sich durch das aveUjfp&rf kv So^y 
des letzten Gliedes auf lange abermals; und nun absolut iv 
nvevfiaTif in das Reich der Unsichtbai^keit zurückbegeben; 
dereinst ix SevriQov — ofpß-ijasrai voig avtov anexSs- 
Xoukvoiq ÜQ GiaxriQlav Hebr. 9; 28; in dieser neuen ano- 
xdkvrfji^ (1 Cor. 1, 7. 2 Thess. 1; 7. 1 Petr. 1, 7. 13. 4, 13) 
und hnKpavziM r^ nagovaiag avrov 2 Thess. 2, 8. Tit. 2; 13 
aber auch zugleich aller Welt, doch dieser erschrecklich; 
wiedererscheinen wird vom Himmel her mit grosser Herrlich- 
keit : Matth. 24, 30 rore xoxfjovrai naaai ai (pvXal rijg ytjg xal 
oifjovrai^ (dasselbe Wort als jetzt äfp&rj) tov viov rov av- 
ß-Qüinov kQxofievov km rcSv vstp^Xciv tov ovqavov fura Svvd- 
fuiog xal So^tjg TioXliig (vergl. Bibelstud. H; 169 ff.). — Und 
ebenso folgt auch wieder im Symb. apostol. auf ;;gestorben 
und begraben, (niedergefahren zur Höllen)" das : „am dritten 
Tage auferstanden von den Todten." ** — 

von dem verklärten Act. 9, 17. 26, 16. 1 Cor. 15, 8 ; und so auch von 
Moses und Elias Maltb. 17, 3 (Marc. 9, 4. Luc. 9, 31); vgl. auch ifi^avi- 
od'^vat von auferstandenen Todten Matth. 27, 53. Daher richtiger 
Wegsch. 128: „Paulus hebe überall die Auferstehung Jesu als den 
wichtigsten Beweisgrund für die Wahrheit der christl. Lehre hervor, und 
Matth. 28, 2. Joh. 20, 12 seyen grade bei der Auferstehung Jesu Engel 
gegenwärtig gewesen; also: er ist von Engeln gesehen bei seiner 
Auferstehung; diese ist selbst durch Zeugnisse« von Engeln beglaubigt'^ 
* So fiUlt denn der von H. Pla^nck (Bern. üb. d. 1. Br. an Tim. 
1808) gegen den Apostel, wenn auch vermeintlich eu dessen Gunsten, 
erhobene Argwohn der Uebereilung nur um so schwerer auf ihn selbst 
zurück , wenn er S. 182 schreibt , „dass P. im Flusse des Schreibens 
die Auferstehung zuerst übersah [1] und erst am Ende des Satzes, um 
sie nicht ganz auszulassen, nachholte*' [in ävekqfp&ri iv 86Sfj^ s. u.]. 
Aehnliche Unziemlichkeit und Uebefhebnng bei Dems. auch im Folg. 
** Gleichwie auch wiederum Symb. Nie. auf das ^^cruci/ixus 



Dm groMe BekenntaiM. 

Das nächste Moment des ;,gro88en Mysteriums^^ lautet — 
'Exvgvx^V ^1^ i&v9aiv: ,;Ward gepredigt unter Yölkern^^ 
(LuTH. ,yden Heiden^S Vulg. praedicatam est Oentibua), 
Steht denn aber dieees allerdings zur Theilnahme an der 
Erlösung ebenfalls hochwichtige Stück ^ dass der von den 
Todten wiederauferstandene Gott -Mensch auch den Heiden; 
wie eben auch in Ephesus selbst, verkündigt ward, so wie 
es in der analogen St Rom. 1, 5 freilich ebenfalls auf die 
Auferstehung folgt, — auch wirklich nach unserem chro- 
Dologischen Regulativ zwischen der Auferstehung und der 
abschliessenden Himmelfahrt? Ja wohl, obschon es bis auf 
den heutigen Tag noch * immer erst seiner Vollendung ent- 
gegen geht und sieht. Die Gründung der Heidenmis- 
sion fUUt ja wirklich laut aller vier Evangelien in die Zeit 
zwischen Ostern und Himmelfahrt,* bei Matth. 28, 19 f. in 
jenen urkundlichen Stiftungsworten: nogev&ivres 
fia&i^XBvaati ndvra ra H&vt] x, r. Ä.;** bei Marc. 16, 15 
TioQSV&ivTsg elg tov xoafiov anavxa xtigv^arB xo evayyi- 
liov näay xy xxlöu (vgl. Col. 1, 6. 23); bei Luc. 24, 47 
nach Leiden und Auferstehung xf]QVx^i}vai — ilg navxa 
xä i&vf], und damit parallel Joh. 20, 21 ff. xa&wg ani- 
axaXxi fie 6 naxi^Q, xayta niffTtta vfiäg x. x, X, Haben wir 
doch in dreien dieser evangel. Berichte auch (wie 2 Tim. 
4, 14) sogar unsere beiden authentischen Worte, so- 
wohl xtiQvaauvy als }i&vri. Wohl schon aus diesem Grunde 
und Zusammenhange sind ' die letzteren auch eben „Hei- 
den" (vergl. Epist. ad Diogn. c. 11 ob. S. 196 ciTii- 
axuXe AoyofVf Iva xoa/Kp (pavy^ og, vno Xaov äxi/ia- 

etiam pro nobü mib PontioPüato {jpaasua et aepuUus) eat*^ — das: „«< 
resui'rexit tertia die aecundutn Scriptvraa}^ 

' * Den Zusammeohang mit dem vor. Gliede constituirt Bbno., 
Gn. weiterhin richtiger als zu Anfang so: 'E^tiqvii^n — ctmcin'M sequi- 
tur. Angeld pro ximae admiasionis erant, Gentes longissime remoUte, 
Et kujus praeconü et fidei in mundo exsistenOs f und amen tajacta sunt 
ante assumtionem Christi in coelum. Besser aber als Joh 17,18 
werden unserer St die alsbaldigen evangel. Citate zu Seiten stehen, 
weil ersteres nicht bloss indirect ist, sondern auch noch Jens ei t des 
Todes und der Auferstehung. 

** Höi«sxAHN, die Stiftung der Heidenmission auf dem Berge in 
Galiläa. Missionsfestpredigt über Ev. Matth 28, 16- 20. Zwickau 1865. 



224 I^as grosse Bekenntniss . 

ü&elgy Suc anoaroXuiv ytrigv^O'^lQ y imo kdifäv hni(STBv&rj)j 
nicht Heiden und Juden (Hbydenb., V. Flatt, Leo, Hüth., 
wogegen auch noch das folgende GL, vgl. ob. 2 Tim. 4, 17 
u. a.). DasB aber grade dies eben auch ein Stück des 
„öcumenisch grossen Mysteriums" sey, den Aposteln und 
Propheten nur im Geist offenbaret, Blvav rä H&vij (fvyxXtj- 
Qovofia xal avaaa)fia xal ifvfifiitoxcc rijg kmca/ysXltxg kv XpuTTfp 
'hjaoü Sta rov ivayyeXiov, sagt unser Apostel ausdrücklich 
Eph. 3, 4 — 6 von demselben „jetzt offenbarten Mysterium" 
und Col. 1, 26 f. von dem nXovrog rijg So^ijg rov fivarri' 
qIov tövtov kv Toig K&veciv x. r. A. 

Doch was hätte die also gestiftete apostolische Predigt 
des Evangeliums unter den Völkern, diese eigentliche Ent- 
faltung des in Christo auf Erden im Keime gegründeten 
Himmelreiches, zur Erlösung der Welt geholfen, wäre nicht 
das subjective weitere Moment hinzugekommen, ihr welt- 
umfassender Erfolg in gläubiger Aufnahme? Das 
ist der fünfte Punct in dem „grossen Mysterium" von der Er- 
scheinung, dem Hingange und der Wiedererscheinung „Gottes" 
auf Erden und dann von seiner Stiftung der evangehschen 
Predigt unter den Heiden, — ylEnvariv&ri hv xocfitp: 
„ward geglaubt in der Welt".* Und eben auch dieses 
Hauptstück im Werke der Erlösung berichtet der nur ange- 
führte zweite Evangelist in den unmittelbar anschliessenden, 
— also eben auch noch zwischen Auferstehung und Himmel- 
fahrt innestehenden — Worten, Marc. 16, 16: 6 ni^arevaag 
xal ßa^Tia&sig ata&i^ffeTai,^ 6 Si anvarriaag xaraxQi^&ijaBTai, 
Demnach sind in beiden letzten Gliedern alle Stich- 
worte des virtuell die Zukunft der Kirche umfassenden 



* 'EnioTivd'ri nicht: „ist beglaubigt worden" (durch apostol. Wunder, 
V. Flatt als so ihm synonym mit i8tHni<69r} iv nv,)^ sondern eben nur das 
Passivumjenesncarevaaffinder an die eyangel. Stiftung der Heidenmis- 
sion Marc. 16, 16 unmittelbar angeschlossenen authentischen Yerheissung 
und bez. Drohung. Aus demselben Grunde augenscheinlicher Parallelie 
mit jener evangel. Grundstelle Marc. 16, 15 noQsvd^evreg etg rof* xo- 
o/uov anavxa ist dann auch unser iv noofn^ — von Itala (nicht 
Vulg.) noch limitirt durch „«n hoc mundo^^ — local gemeint, nicht 
ethisch, wie v. Oosterzbe nach 1 Joh. 2, 15. 5, 19 und daher als von 
den Juden zu verstehen auch Schötto. b. Wolf. 



Das groBBe Bekennt&iss. 225 

letzten diesseitigen Erlösermandates vor der Himmelfahrt 
enthalten. Als ein hochnöthiges; und selbst auch ein unbe-' 
greif Hohes Wunder in dem „grossen Mysterium" bildendes 
(HuNN. 115) Moment zu der auch subjectiven Verwirk- 
lichung der Erlösung in Aneignung derselben hier im Be- 
kenntnisB der Kirche nicht zu übergehen^ konnte doch eben 
diese Instanz, so wenig als die vorige ^ nicht erst hinter der 
objectiv überhaupt diesseitig abschliessenden, wenn auch im- 
mer zugleich den Ausblick in unendliche Herrlichkeit eröff- 
nenden Himmelfahrt nachgebracht werden, so wie sich denn 
beide Stücke eben auch laut der augenscheinlich selbst chro- 
nologisch maassgebenden, sonach zur Zeit der Abfassung 
unseres Briefes wenigstens in diesen Puncten schon fest aus- 
geprägten und z. Th. gewiss auch bereits urkundlich vorhan- 
denen, Evangelienerzählung am besten vor der allseitig voll- 
endenden Himmelfahrt einordneten. * Auch sind sie ja In 
That und Wahrheit hier durchaus nicht rein proleptisch ein- 
gestellt, sondern die tiefste und eigentliche Wurzel von seiner 
Verkündigung (kxQvx&v) und so auch von dem Glauben an ihn 
{imarBv&ii) ist ja wirklich noch in seinem Diesseit von dem 
Herrn und zwar eben kurz vor der Himmelfahrt gepflanzt 
worden. Auch steht in beiden Gliedern das iv („innerhalb") 
mit dem einfachen, artikellosen Subst. iv i&vea$v — kv 
xoöfKü (ungenau Luth. „geglaubet von der Welt"), wo- 
mit die von dem bistorischen Christus selbst und auf seinen 
Befehl nachher von den Aposteln bewirkten grundlegenden und 
maassgebenden AnfUnge nach beiden Hinsichten nur ganz cor- 
rect und sauber bezeichnet sind. Ferner ist das „Geglaubt- 

* So lösen sich die an diese beiden vorletzten Glieder geknüpften 
und unseres Wissens noch nirgends genügend erledigten Bedenken 
wegen vermeinter Durchbrechung der historischen Succession ; s. die- 
selben bes. b. Hbum. S. 252 f., welcher u. a. auch der alle Symmetrie 
und Syntax hintansetzenden Erklärung von Opobin. gedenkt: „durch 
die Predigt des Evangel. sey in der ganzen Welt bekannt gemacht 
worden, dass Christus in grosser Herrlichkeit gen Himmel gefahren 
sey." Mit gleicher Zurückstellung der Coordination der Glieder wie 
auch der eigentlichen Himmelfahrt Tubodobet: ovx ixriQvx^v f^ovovy a^ka 

T/i« (b. Heydenr., vgl. ob. S. 200 Grot., Motdenh., A. b. Fleischm. 
15öf.). Glied 6 von einer späteren Himmelfahrt (1 Cor. 15, 8), wie Gl. 8 
von einer früheren (S. 220), nimmt v. Ewald a. 0. 

BOELEMAim, Neu« Blbelttndien. 15 



226 ^^ grosse Bekenntnifls. 

werden in der weiten Welt'^, also namentlich in der Heiden- 
weit (223 f.), zugleich gegenüber dem sSixaiüi&ii svnvEVfiari, 
was eben nur für die ungläubigen Juden ^ die vorherigen Au- 
genzeugen seines (pavsQcod-ijvtu kv aagxiy nöthig war (s. ob. 
S.214ff. Job. 16,9ff. ntQi äfxaQriag fiiv^ ort ov ni^arBvovat^v 
Eig hfiif TiSQi Sixaioavvijg Se^ örv ngog rov narioa fiov 
vTiayoD xal ovxeri^ &B(bQSiTi fie, negl Si XQiaBiag, 6n 
6 aQxoiv rov xoßfiov rovrov xixQitai), 

Während aber so diesseit der heilige Strom des Le- 
bens Jesu Christi ausmündet in den Ocean der Missions- 
und Kirchengeschichte, •worin eben das gegenwärtige „be- 
kenntnissmässig grosse Geheiraniss'^ die Loosung der 
Gemeinschaft und des Heiles bildet, — ist Er Selbst, wenn 
auch nach seiner eignen und eben bei der Aussendung 
zu dem xtiQVxß-ijvai gegebenen tröstlichen Verheissung fort- 
dauernd zugleich hienieden bei den Seinigen alle Tage all- 
gegenwärtig „bis an der Welt Ende" (Matth. 28, 20) , den- 
noch heimgegangen, — 'AvtX'j^tpß-ri hv So^y: „ward 
aufgenommen in Herrlichkeit." Dass dieses zunächst die 
Himmelfahrt bezeichnet, ist nicht allein durch diese Stel- 
lung mit Abschluss naheliegend, sondern eben auch wieder 
durch das evangelische Stichwort avektiffd-i] unwidersprechlich. 
Denn also schreibt derselbe Evangelist Marcus, nach jenem 
16. V. 6 nuSTBvaag x, r. A., C. 16 V. 19 alsbald weiter: '0 fjUv 
ovv xvQu>g, fiera ro lakijaai avvolg, aveli]q>&ri eig rov 
oifQavoVj xal kxd&t^öev kx Se^iwv rov i^eov, und ganz ebenso 
auch Lucas 24,51 — iv r^ evloyeiv avxov avrovg Siiari] 
ccTc avTciv xal ävBCfiQBTO Big rov ovgavov (vgl. 9, 51 kv tw 
avfjLTtXriQovad'av rag rjfiBQag riig avaXrixfjBbug avrov), und 
Derselbe abennals Act. 1,2 (22) avBkricp&% u.V. 9 ff. ßlBnovrm 
avtüv k7iriQ&7i — Ovrog 6 ^Ir^aovg^ 6 ava'lii(p&Blg a(p vfiäv 
Big rov ovgavov, ovTiag k^BVöBrai, ov rgonov kß-Baaac&B ainov 
TtOQBVOjiiBVOV Big Tov ovQavoVy* — welches alles mitsammt 

* Vglavaßaivü) Job. 20, 17. 6,tö. Uehr.dsisaelhe apaXnfißdifeo^at 
von der Himmelfahrt auch schon im A. T. : 2 Kön. 2, 11 LXX aveli^f^r! 
'HXiov tp avaaeiofnp eis tov ov^avdvj vgl. Sir. 48, 9 6 ävaktjipd'els «V lai- 
Xam nv^oe iv aQfiari inTtcov nvQivmv im N. T. auch noch Act. 10, 16 
avaXriipd'ri ro anevoe eis tov ovgavov, — Verfälschte Auslegungen die- 
ses so fixirten Ausdrucks s. vor. S. Dazu auch Itala, wegen (m^'/^'O 
jjquod^'^ (S. 198), ^^abswrUum est in gloria.^'' 



, Das grosse Bekenntnis 227 

dem Big tov ovqccvov und mit all Beinern leuchtenden Hinter- 
grunde und unendlicher Perspective umfasst wird von unserem 
'AV äo^y, „in Herrlichkeit", da es nicht bloss auf die 
Art* der Auffährt geht, sondern zugleich und vornehmlich 
prägnant gesagt ist, (wie Lüth.) „aufgenommen in die Herr- 
lichkeit" und danach nun weilend „in der Herrlichkeit", ja 
diese Herrlichkeit nicht nur so geniessend, wie er sie „bei dem 
Vater hatte, ehe die Welt war" Joh. 17, 6., sondern ihrer 
nun eben auch nach seiner diesseit angenommenen mensch- 
lichen Natur mit theilhaft geworden,** fortan eine stetige 
Herrlichkeit, in welcher er daher einst auch sichtbar wiederkom- 
men wird, um seine streitende Kirche in dieselbe Herrlichkeit 
aufzunehmen, Matth. 16, 27. 19, 28. '24, 30. 25, 31. Philipp. 3, 
21. Col. 3,4 OTov 6 KgiöTog (paviQW&y, v ^(otj tjfiaiv, rore 
xai vfielg (fvv avtqi (paveQoo&i^aBaß'e iv So^y, S. 209. 222. Dann 
also -das dritt- und letztmalige, ewige (paveQ(o&fjvai Dess, 
welchen seine Kirche jetzt öcumenisch bekennt von dem an- 
hebenden Qsog iq>avBQw&i] äv aagxl an bis zu dem wieder- 
ausströmenden , und doch von Chor zu Chor endlos fortströ- 
menden ävBkrifp&i] kv 86^y, oder, wie das gleich öcumenische 
S^mb, apö«^. hinausführend esförmelt: „Aufgefahren gen Him- 
mel, sitzend zur Rechten Gottes des allmächtigen Vaters, von 
dannen er kommen wird, zu richten die Lebendigen und die 
Todten."*** — 

Gewiss aber geht der goldene Ring unseres paul. Sym- 
boiums, wie er ausging von ©eog i(pavBQci&tj iv tra^xl, und 



* Für ivdoSag (Hbtdbnb., Hüth.), ,yglorio8e^^ (Heum. AA.) „ma- 
jestätisch" (Weosch.). 

** S. Aeg. Huhn, ad h. 1. p. 115 sq.: Haec quoqite receptio in glo- 
riam non minimam partem complectüur ilUua adorandi Myateini pieMtis^ 
siquideni non »olum adaceimonem denotat in coelum^ quae caeteria quo- 
que sanctis communis essetj sed simul exaltationem in ir^finitam gloriam 
— quae contigit ei non secundurn immutdbilem Deitatem^ quam impossi 
hile erat altms evehi, — sed juxta aasumtam^ crucifixam, resusdtatam^ 
in coeloa auaceptam et glori/icatam Humanitatem, Hoc vero tale eat My- 
sterium, in quod Angeli coelorum introapicere geatiunt. 

*** Mit dem Echo des Sjmb. Nie.: ^^adscendit ad coelos, sedet 
ad dexteram Patris, et iterum venturus est in gloria, judicare vivos et 
mortuoa, cujus regni non erit finis}^ — Vergl. Benq. : ^^assumtus est sur- 
avm in gloria — • et nunc est in gloria et venit in gloriaJ'^ 

15* 



228 Das grosse Bekenntniss. 

von diesem Subject in allen Prädicaten durchdrungen war 
(S. 207 f.), in dem ävelfj(p&i] h So^y auch „Zusehens" wieder 
ein in ©cog.* * 

In dieser unserer hieimit nun selbst auch schliessenden 
Erklärung einer ganz sonderlichen Höhenstelle der heil. Schrift 
hoffen und glauben wir vor allem jener nüchternen und ein- 
fachen Forderung Schleiermachers, „dass eine Aufzählung 
wie diese auch historisch gestellt seyn wolle" (ob. S 210), an 
unserem Theile entsprochen und die chronologische Logik 
aller jener Artikel dargethan zu haben. — 

Doch verdient auch die Form des vor uns entrollten 
grossen Geheim- und Bekenntnisses vor dem Abschlüsse 
noch einen besonderen Rückblick. Diese Gestaltung ist ebenso 
fein und knapp als grossartig und königlich, ist zumal 
reich an schöner Eurhythmie und mehrseitiger, abwechseln- 
der Symmetrie. 

Ein Subject durchwaltet alle, nach einander auch 
zugleich in einander mit fortwirkende, Prädicate. Jedes ein- 
zelne Glied derselben besteht wieder aus einem voranstehen- 
den Verbum, eben als historische Momente überall im Aor. I. 
PasB., und einem dessen Sphäre umschreibenden Dativ, in 
Glied 3 einfach, in 1, 2 und 4, 5, 6 mit ev. Unter sich selbst 
entsprechen sie einander so, dass sie zusammen einen gleich- 
sam rhythmisch lautenden Vers mit feierlich schönem und 
ernstem Tonfall von zwei Strophen bilden, worin die je ersten 
beiden Zeilen (Fleisch und Geist, Völker und Welt) sich 
ebenso entsprechen, als die je dritte der anderen dritten 
(Engel und Herrlichkeit). Das so entstehende Schema : 

'0 0e6g 

i(pavBQ(o&ri iv aaQxif 

(oqydifi ttj"^Blotg, 

imaxBv&ri iv xofTfiot, 
avelT^<fdi] iv doSjj 



* Dazu noch Beng. (Qn.) : Summum eorum (praedicatorum) y^as- 
sumtus est in gloria^^ eidem Subjeeto, Deo, tribuitur Ps. 47, 6 sq- 
[flS^linln D'^ilbÄ Hh^, LXX dvißy 6 d'eos iv alalnyfifp]^ qui vel unus 
locus compeiisat ambiguitatem^ si qua h, l. superest^ üctioms Paulinae,^^ 



Das grosse Bekenntniss. 229 

erweist jene ästhetischo Correspondenz andererseits auch in- 
sofern substantiell zutreffend; als wiederum Glied 1 und 2 
wie 3*und 6 je das Sichtbar- und das Unsichtbar werden, da- 
zwischen aber 4 und 5 das unsichtbare Fortleben in der 
sichtbaren Welt bezeichnen, so dass nun überhaupt 1 und 3, 
4 und ö in das Diesseit fallen ^ 2 und 6 in das Jenseit 
fuhren. * 

Dieser Glieder waren sechs : — mit &e6g selbst aber sind 
ihrer eigentlich Sieben, eine bedeutsame , heilige Zahl, 
darstellend Gott, als die Drei, und zwar in Verkehr 
getreten mit der Welt, als der Vier (vgl. ob. S. 72 ff.), 
und darin noch ein neues Moment fUr die critische Entschei- 
dung über das Führerwort in diesem ganzen Satze von der 
Offenbarung Gottes in der Welt. 

Dass aber eben die sechs Prädicat- Glieder, deren ^rste 
beide subjective und deren vier letzte objective Categorieen 
bilden, eine wie chronologische so zugleich kreisförmig in sich 
selbst zurückkehrende Kette der Hauptmomente innerhalb der 
christologischen Heilsöconomie von dem Hereintreten Gottes in 
die sinnfällige, zeitliche Endlichkeit (&B6g icpavigfaß-ri hv tragxl) 
bis zu seinem Wiederhinaustreten in die übersinnliche, un- 
endliche Herrlichkeit (ccveh](p&fi Iv So^y) darstellen, haben 

* Anders andere Ausleger, je nach abweichender Interpretation 
einzelner Glieder, zumal des dritten, nämlich 1) allemal nur einfach 
je 2 Parallelsätzo, wie schon Ben». :' tria paria praedicatorum, qtiibus 
iota Christi oeconomia ab ejus exitu ad reditum sive assumtionem sum- 
matim comprehendäur ; näher 2) 3 Gruppen von je 2 Gliedern (Mat- 
THiES , DK Wbttk ; auch WiBBiNO. als abwechselnde Gegensätze von 
Himmel und Erde in jedem der 3 Satzpaare, oder, wie v.Hofh., Schriftb. 
I, 162, „ein sechsgliedrigcr Satz, in welchem immer 2 Glieder einen 
grossen Gegensatz wie Himmel und Erde bilden und immer das erste 
Grlied des nächsten Gegensatzes an das zweite des vorhergehenden 
sich anschliesst^*; oder gar, wie v. Baur S. 32, ebenfalls 3 gegensätz- 
liche Paare, dns eine Glied mehr gnostisch, das andere mehr anti- 
gnostisch), — wovon die Unzweckmässigkeit, schon da hiermit die eng- 
verwachsenen Gl. 4 und 5 auseinander gezogen würden, in das Auge 
springt und von Uuth. auch ausgesprochen worden ist. Daher schon 
besser Ders. 3) umgekehrt 2 Hauptgruppen von je 3 Gliedern, wovon 
die je beiden^ersten Irdisches, die dritten Himmlisches betreffen sollen. 
Aehnlich v. Ewald (ob. S. 220. 226) je 3 Grundmerkmale A) der irdi- 
schen Erscheinung Chr. und B) ihrer Wirkungen und Folgen. 



230 I^^ grosse Bekenntniss. 

wir in der voraafgehenden Lösung der uns hier selbstgestell- 
ten Aufgabe wohl überzeugend ausgeführt. 

Das Ganze nun aber — ist es nicht wie edle ölbcken- 
^ speise zu seelenerquickendem Geläute? Sind es nach Ge- 
halt und Form nicht goldene Aepfel in silbernen Schaalen? 
Fürwahr, hier ist mehr als ein menschliches Kunstgebild, 
ist heilige Crystallisation, ein unmittelbares Schöpferwerk des 
heiligen Geistes. 

Auch sind darüber wohl alle ernste und warme Theolo- 
gen aller Confessionen , wie diese ja sich auch alle an der 
exegetischen Lösung dieses „grossen Geheimnisses" durch 
ihre Mitarbeit betheiligt haben^ einverstanden, dass in den hier 
entfalteten Heilsmomenten^ wie einerseits die solchem Werke 
von solchem unendlichen Werthe allein gewachsene unend- 
liche göttliche Person (S.207), so andererseits auch alle von 
Derselben zur Erlösung der Welt vollbrachten Thatsachen, 
zumal nachdem auch die diesseitigen Höhepuncte, Tod und 
Auferstehung, nun ihren sichern und gewissen Stand- 
ort darin gefunden haben, wirklich enthalten sind, ingleichen 
dass nur in diesem „Mysterium" ewig gültiger Thatsachen, 
und nimmermehr in abstracten Wahrheiten, das Wesen der 
Offenbarung und Religion umschlossen liegt, * eben darin aber 
auch zugleich alle articuLi fideij direct und indirect, befasst 
sind, ** wie auch selbst die sich, wenn auch in wechselnden 



* Wie schon der vor 110 Jahren erschienene Commentar v. 
MosHEiMS (S. 355 f.) an das Herz legte. 

** S. ob. S. 208. Hören wir eben hierüber, wie liber die Catholi- 
eität dieses grossen apostolischen Glaubensbekenntnisses, nachdem 
wir der öcumenischen Symbole schon oben je an seiner Stelle gedacht 
haben, nur noch einen lutherischen Theologen der Reformations- und 
einen reformirten der Neuzeit: „/to Äec, sagt CBuciaBK (s. b. Marl. 
p. 906) , fere omnes fidei articuloa cömpleams est. Et haec arcana My- 
steria retinet Ecclesia contra DiahoU insidias, contra haereses^ corUra 
mundi saevüiam. Ideo ait Ecclesiam esse firmamentum veritatis 
. i. e. flrmam sedem veritatis. — Proinde discamus primum hie reqyiri 
ah Omnibus consensum cum hac vera Ecclesia, Est enim üna 
Ecclesia CathoUca consentiens de articuHs ßdei, etiamsi dissimäes sini 
traditiones. Secundo teneamus comolationem , quod haec vera Eccle- 
sia non possit opprimi negue a tyrcmwis^ negue ab haereticis, neque 
ab impiis pontificibus , quantumvis omnes proceUae undique irruant^ ut 



Das grosse Bekenntniss. 231 

Phasen, lebendig immer fortentwickelnde, hier in den Glie- 
dern 4 und 5 gepflanzto Kirchongeschichtc. So lange aber 
der Lisbensbaum der „Kirche des lebendigen Gottes^^ an die- 
sen irischen Brünnlein und Üiessenden Wassern steht, darf 
vor allen sie selbst frölilich des Heiles sich rühmen, welches 
im Anfang des Psalters (l;2f.) ausgesprochen ist über den, 
der „seine Lust hat am Gesetz des Herrn und sinnet in sei- 
nem Gesetze Tag und Nacht: der ist wie ein Baum, ge- 
pflanzt an den Wasserbächen, der seine Frucht bringet zu 
seiner Zeit und seine Blätter verwelken nicht." 

Ja, so lange die „Kirche des lebendigen Gottes" feststeht 
„auf jenem Grunde der Apostel und Propheten, da Christus 
Jesus Eckstein ist", wird sie auch nicht nur selbst „wach- 
sen zu einem heiligen Tempel in dem Herrn (£ph. 2, 20 f ), 
sondern zugleich in der That und Wirklichkeit das seyn, 
was unsere grosse Stelle von ihr aussagte und auslegte, „eine 
Säule und Grundveste der Wahrheit/' 



eam penitus dirtianty tldearU et exHhiguant, Christus enim perpetuus 
Ecclesiae redemtor e>H et coiutervator.^'' Und hiermit nur übcroinstim- 
mend v. OosTKnzKK (S.45): „Das hier niedergelegte Glaubcnsbckennt- 
nisB ist nicht das Bekenntniss einzelner Kirchrngcmcinscliaftcn , son- 
dern das der Einen, heiligen, allgemeinen, christlichen Kirche aller 
Jahrhunderte, wenn man will die älteste Formula Concordiae, das 
Panier der treuen Kirche der ungläubigen Welt gegenüber, über 
welches ^eine höhere Hand ein In hoc aigno viiwea geschrieben hat.*^ 



VI. 

DIE STELLUNG St. PAULI 

zu DER FRAGE UM DIE 

ZEIT DER WIEDERKUNFT CHßISTl. 

jLiine der frühsten christologischen Weissagungen des A. B. 
ist die (Deut. 18) von einem „Propheten wie Moses," den 
Jehovah erstehn lassen und in dessen Mund Er Seine 
Worte geben (V. 18), fiir deren Nichtachtung Er darum 
aber auch Verantwortung fordern werde (V. 19);* wo- 
hingegen „der Prophet, der sich vermessen würde zu reden 
ein Wort im Namen Jehovahs, das Er ihm nicht be- 
fohlen zu reden, — sterben soll!" (V. 20.) Zugleich wird 
dem Bedenken, „so du sagen wirst in deinem Herzen: Wie 
sollen wir erkennen das Wort, das nicht geredet hat 
Jehovah ? " — die Weisung : „Was reden wird der Prophet 
im Namen Jehovahs und wird nicht geschehn das Wort, 
und nicht eintreffen, das ist das Wort, das nicht ge- 
redet hat Jehovah: in Vermessenheit (iTiTä) hat es ge- 
redet der Prophet!" (V.21f.) 

Zufolge dieser authentischen Aussage der Prophetie über 
sich selbst, über prophetische Wahrheit und über unwahre 



* Christologisch ist diese Weissagung nach Act 3, 22 ff. 
7, 37. Job. 5, 46 vgl. 6, 14 und auch schon nach der unverkennbaren 
Correlation mit dem Schlüsse des Deut. 34, 10 ff.: „und nicht ist er- 
standen ein Prophet wieder in Israel wie Moses, den Jehovah er- 
kannt von Angesicht zu Angesicht" (vgl. Exod. 33,12ff. Num. 12, 8 im 
G-egensatz niederer Propheten V. 6 f.), ausgerüstet mit Zeichen und 
Wundern. So historisch mit Mosen abschliessend, blickt der Pen- 
tateuch zugleich auch selbst prophetisch hinaus auf den „Propheten 
wie Moses," so dass eben da, wo „das Gesetz" endet, auch schon 
der Morgenstern aufgeht vom Evangelium „der Gnade und Wahr- 
heit« (Joh. 1, 17). 



St Panl. über die Zeit der Wiederkonft Chritti. 233 

Prophetie; wird^ sowie an der endlichen Erfüllung seiner 
Weissagung der Prophet, ebenso ein Psoudoprophet an der 
nachgewiesenen Nichterfüllung erkannt. 

Dieses Grundgesetz prophetischer Critik beherrscht selbst- 
verständlich alle Zeiten des Reiches Gottes, ganz insonder- 
heit auch die des Neuen Bundes. Fände sich in diesem ein 
Wort; das innerhalb der mitgegebenen Zeitbestimmung ohne 
seine Erfüllung geblieben, der Urheber solcher Lehre wäre 
durch das ältere Wort Gottes selbst als ein Pseudoprophet 
und damit bez. auch als Pseudoapostel gerichtet. 

Mit einem solchen wider göttlichen Worte verbunden, 
wäre das Wort Gottes verunreinigt, über dessen unbefleckte 
Keuschheit mit vestalischer Treue zu wachen vor allen un- 
sere, die protestantische Aufgabe ist. Denn mit der durch- 
gängigen Wahrheit der Schrift steht und fällt unser Glaube 
an ihre Offenbarung, steht und fällt unsere Kirche. 

Um so auffallender ist es, dass auch sonst schriftmässige 
Theologen dieser Zeit,* von feindlicher Seite beschlichen, 
einen Punct unserer jungfräulichen Veste frei d. h. preis ge- 
geben haben, womit das eschatologische Wort vom „Er- 
stehen von Pseudopropheten, die mit Zeichen und Wun- 
dern, wo möglich, auch die Auserwählten irreführen werden" 
(Matth. 24, 24), vorläufig in Gestalt jener Anschuldigung der 
Prophetie als wenigstens theilweiser Pseudoprophetie in 
Erfüllung geht. 

Wir meinen hier dieLehre vondemZeitpunct derWie- 
derkunft Jesu Christi, wie man sie dem Apostel Paulus 



* Z. B. ein Olshausen und nahezu auch selbst ein 0. v. Gbrlach 
(zu 1 Cor. 15, 62., s. n.); auch Fb. Dübtebdibok (Joh. Brr. 1852 mit 
wohlwollendem Urthcil üb. 1 Joh. 2» 18 S. 287 ff., s. u., doch ,,ander8<^ üb. 
1 ThPBs. 4, 15 S. 308 uud nur mit der Milderung einer allmäligen sitt- 
lichen Verklärung der UnvoUkommenheit zur lauteren Wahrheit, 
wonach also innerhalb des Canon auch noch unverklärte, noch un> 
lautere Wahrheit?); auch Martbmben (Dogmatik, Berlin 1856 S.440 f.) und 
neuerlich J. M. Laurent (TheoLStud.u.Cr.l864 II17506). Um vieles cor- 
recter schon H. A. Sohoit, Epp. P. ad Thess. (1834) p. 31 sqq. 128 sqq., 
8. u. — Ueber frühere Erörterungen der vorliegenden Frage vergl. 
u. a. J. J. BuKOBBHouDT , dß coetu8 Ckriatianor. ThesmL ortu foatisque 
cet. L. B. 1825 p. 151 sqq. ; AA. s. u. 



234 St. Pftul. über die Zeit der Wiedericanft Christi. 

zuschreiben will^ indem man sich mit der Behauptung im- 
poniren lässt und gar kein Arg in Billigung der Ansicht 
findet^ Derselbe habe in seinen Briefen ausgesprochen, die 
weltumwandelnde Parusie werde noch bei seinen Leb- 
zeiten erfolgen. 

Man stützt diese verbreitete und krebsartig um sich 
greifende Annahme* nicht sowohl auf einige deutsame, je- 
denfalls in den nachbemerkten grösseren aufgehende^ Neben- 



* Dieses Krebsleiden will nun sebon auch sogar die üntrüg- 
lichkeit des Herrn selbst antasten, s. C. Wittichen, Jahrbb. für 
deutsche Theologie VII, 2. S.^5ff. : „Jesus hat mithin die Erwartung 
gehegt, dass ein Theil seiner. Zeitgenossen noch seine Wiederkunft 
erleben werde." Das sey eine „unzweifelhafte Thatsache" (356); 
wolle man etwa diesen „Gleichnissen, welche eine baldige Wiederkehr 
Jesu voraussetzen, die ürsprünglichkeit absprechen, so sey es um 
jedes Vertrauen in die Treue der christlichen Urtradition geschehen" 
(358, wogegen den Verf. das von ihm so genährte Misstrauen in die 
schlackenlose Wahrheit der Worte des Herrn nicht weiter zu küm- 
mern scheint). „Steht es aber fest, dass Jesus seine Parusie als 
nahe bevorstehend bezeichnet habe, ohne dass diese Aussage in Er- 
füllung gegangen ist, so werden wir uns der Aufgabe nicht entziehen 
können, den Grund dieser Erscheinung aufzusuchen und sie mit der 
neutestamentlichen Christologie auszugleichen^' (359). Und das Re- 
sultat dieser Arbeit? „Man werde, wofern man Jesu Menschheit 
zu dem ihr gebührenden Hechte [!] kommen lasse, es als eine Noth- 
wendigkeit betrachten müssen, dass er seine Parusie mit der voll- 
sten Zuversicht (Matth. 24, 35) als nahe bevorstehend dachte. Von 
dem Standpunete objectiver Reflexion aus werden wir allerdings nicht 
umhin können, diese Erwartung als einen Irrthum zu bezeichnen: 
aber was in diesem gegenwärtigen Falle auf intellectuellem Gebiete 
als ein Mangel erscheint, das ist, auf das ethische Gebiet übertragen, 
eine Tugend!" [Also: Jesus und Irrthum, Irrthum und Ta- 
gend in innerem Verbände!] Ja es liege in jenem Irrthum „nicht 
nur ein bedeutendes paränetisches Moment, indem er den Beleh- 
rungen Jesu einen feierlichen und ernsten Nachdruck giebt [!], die 
Grösse der den Jüngern gestellten Aufgabe hervortreten lässt, ihren 
sittlichen Willen reinigt und kräftigt [also Trauben von Domen, 
Feigen von Disteln?] und die Zuversicht in ihren Erfolg steigert; 
sondern er eröfliiet auch den Jüngern eine grossartige Per- 
spective und giebt dem ganzen Lehrsystem einen idealen 
Schwung" (362). — Hat es wohl jemals eine gleissneri schere Apologie 
der Unwahrheit gegeben, als in diesem Stück „neuerer Theologie" 
und Moral? — 



St. Paul, ttber die Zeit der Wiederkunft Christi. 286 

stellen, * als vielmehr auf zwei ungleich directere, auch nach 
Inhalt und Fassung einander sehr ähnliche Hauptstellen des 
Apostels. — Zuerst auf 

1 Thessal. 4, 16 ff. 
TovTo yag vfulv liyofJiBV iv X6y(p xvgiov^ oti tjfieig oi 
^(üvTEg oi nBQikBinofiBVOv elg rfjv naQOvaiav tov xvglov oh 
fu) (f&aatüfjLev rovg xoi^fAti&ivTag* oti> avrog 6 xvQiog ^v xb- 
hvafiati, Iv (fcovy a^xayyilov xal iv adlmyyi^ ß-Bov xctra- 
ß}]aBTctL an ovQavoify xal oi vbxqoI h XQiat(p avaan^cfowai. 
7iQU)TüV, UnBi^Ta rjjiiBig oi ^lOi^TBg oi nBQi?^Bi7t6^BPoi äfia avv 
avToig ccQnay^^Go^B&a kv VBCfikaig Big ccndvTJ^aLV xov xvglov 
dg cciga, xal ovru) ndvxoxB avv xvqIco iaofiB&a, 

„Denn das sagen wir Euch in einem Herrn-Wort, dass wir, 
die da leben, die da werden übriggelassen auf die Zukunft des 
Herrn, nimmer vorauskommen werden den Entschlafenen : denn 
er selbst der Herr wird mit Heerruf, mit Erzengelstimme und 



* Wie 1) Philipp. 4, 5 f. „eure Lindigkeit müsse kund wer- 
den allen Menschen: der Herr ist nahe, sorget nichts I^^ wo der 
Zusammenhang vor und nach die stete ideale Nähe (wie Matth. 28, 
20., nicht die, gewiss auch anders ausgedrückte, Parusie) des Herrn 
und zwar um so mehr fordert, da eben jenes 6 Mv^tog iyyvs nur Wie- 
dergabe des in gleichem Sinne wiederholten illST^ STlp (LXX dyyv^ 
b xvQioi) ist, Ps. 34, 19. 119, 151. 145, 18. Mit sprachlicher und lo- 
gischer Willkür wird auf die letzte Zeit, die Parusie, ferner bezogen 
2) 1 C o r. 7, 26 ff. theils der hierzu viel zu unbestimmte Ausdruck 8m 
rfjv ivaoTtoaav avdyxrjv („die instehende Drangsal'*), theils das erläu- 
ternde 6 icai^ds awearaXftävoe (V. 29) , näml. dieses traditionell falsch 
als „verkürzte Zeit*' genommen, gegen die Bedeutung von xat^6e (Zeit- 
panct) und von avotBlXawj sowie gegen den logischen Zusammenhang, 
da eine „verkürzte Zeit** kein Motiv, wäre, „damit (IW) auch, die Weiber 
bähen, seyen wie die nicht haben, und die Weinenden wie die nicht 
weinen, und die sich Freuenden wie die sich nicht freuen.** Vielmehr 
\6i ovardXkstv {c(hctgere, cogere) beengen, bedrängen, nam. moralisch 
ängstigen (LXX für 5^3^ Rieht. 8, 28., bes. infolge starker Schläge, 
wie 11, 33. IMacc. 5,3 ändzaSev avrave nXr/yTjp fieydkrjv xal awaoTsikev 
dvxovg, 2 M. 6,12), sonach uatqoi ovva(nalfAivoq eine niedergedrückte, 
geängsteto, insofern aber gegen die alltäglichen Lebensverhältnisse 
gleichgültige Zeit. Noch entfernter steht der Meinung von absoluter 
Zeitnähe der Parusie 3) Rom. 13, 11 f. das einfach comparative 
vvv äyyvre^ov Tjßitov ^ oatrjQia ^ Stb intütsvaafisvy geschweige 4) das 
correcte stete dnexSexeod'ai der Wiederkunft des Herrn ICor. 1,7 f. 
und Philipp. 3, 20. 



236 St. Paul über die Zeit der Wiederkunft Christi. 

mit Gottesposauae hemiederfohren vom Himmel, und die Tod- 
ten in Christo werden auferstehen zuerst, danach wir, die da 
leben, die da werden übriggelassen, werden zugleich mit ihnen 
entrafft werden in Wolken entgegen dem Herrn in (die) Luft, 
und werden so allezeit bei dem Herrn seyn/^ 

Die dorthin gezogene sinn- und formverwandte andere 
Stelle bei demselben Apostel befindet sich 

1 Corinth. 15, 51 f (T. Reo.) 

'ISov, fivaxriQiov vfilv kiyco' ndvreg (fikv) ov xotfir^&tiao- 
(iie&cc, Ttdvveg Sh aXlaytjaofie&a, hv ccTOfiq), kv Qtny ocp&ak- 
fiov^ Iv Tri ka^ctTTj üdXntyyt' aalniaet yccg, xal ol vexgol 
hysgß-fjaovrai^ acp&aQTOit xal rjfxeiq akXayf]a6fie&a. 

„Siehe, ein Qeheimnias sage ich Euch: Alle (zwar) werden 
wir nicht entschlafen, alle aber werden wir verwandelt wer- 
den, in einem Nu, in einem Augenblinken, bei der letzten Po- 
saune : denn es wird posaunen, und die Todten werden erweckt 
werden unverweslich, und wir werden verwandelt werden." 

Von der ersten dieser apostolisch - prophetischen Stellen 
sagt der z. Z. verbreitetste Meyer sehe Commentar, 10. Abth. 
von Prof. Dr. Lünemann (2. Aufl.* 1859 S. 122), Folgendes: 

„Aus der Fassung dieser Worte geht unzweifelhaft 
„hervor, dass Paulus sich selbst mit zu denjeni- 
„gen rechnete, welche das Eintreten der Parusie 
„noch erleben würden, wie ja dieselbe Erwartung auch 
„1 Cor. 15, 51 f. [die so eben angeführte zweite Stelle] ausge- 
„sprochen ist. ** -Diese Erwartung ist durch die 6e- 
„schichte nicht bewährt; Paulus nebst allen seinen Zeit- 
„genossen ist eine Beute des Todes geworden. Was Wunder 
„also, dass man schon von früh an in der chiistlichen Kirche 
„gegen den einfachen Wortsimi unseres Verses sich sträubte 

* Da D. LüNEMAKN in dieser seiner „verbesserten und vermehr- 
ten Auflage" seine folgenschweren Ausdrücke meist nur wiederholt 
und dennoch unsern sorgfältig eingehenden Erwiderungen nicht Stand 
gehalten und nur eine unfertige grammat. Bemerkung (s. uut.) ent- 
gegenzustellen vermocht hat, so gestattet es der Ernst der von ihm 
so hart berührten Heiligen Schrift nicht, in dieser unserer zweiten 
Ausgabe von dem Urtheil über seine Auffassung etwas zurückzu- 
nehmen. 

** Die in der 2. Aufl. hier noch zur „Vergleichung" gebotenen 
Stellen „1 Cor. 7, 26. 29—31. 1, 7. 8. Rom. 13, 11. 12. Phü. 4, 5" sind 
o eben (S. 235) daraufhin näher angesehen. 



St Panl. über die Zeit der Wiederkunft Christi. 237 

^^und an dessen Stelle die künstlichsten und verschrobensten 
;;Deutungen zu setzen sicli erlaubte ? Denn dass Paulus eines 
;,Irrthum8 fähig gewesen, galt als ein bedenkliches Zugeständ- 
„niss, galt als eine Beeinträchtigung des göttlichen Ansehens 
;,des Apostels. — Dem Richtigen zu allgemeinerer Geltung 
„zu verhelfen, war erst der neuesten Zeit vorbehalten." So, 
gewiss unumwunden, der allerdings wohl die theologische 
Grundstimmung ^^der neuesten Zeit'* darstellende Meyer- 
sche Commentar.* — Hätte man doch jene Scheu vor 
„einer Beeinträchtigung des göttlichen Ansehens des Apo- 
stels", welche einem protestantischen Schrifterklärer, dessen 
Palladium die unantastbare göttliche Wahrheit der prophe- 
tisch-apostolischen Schriften seyn und bleiben soll, nicht so 
übel ansteht, zu allen Zeiten, und eben auch in dieser 
erfindungsstolzen „neuesten Zeit", statt sie mitleidig 
zu belächeln, vielmehr sich selbst gewahrt: man würde vor 
so manchen exegetischen Fehlgriffen, und zwar eben auch 
in dem vorliegenden Falle selbst, bewahrt worden seyn. 
Das vierte Gebot hat und behält für alle Verhältnisse, die 
geistlichen zumal, seine Verheissung. 

Dass dem Apostel mit der Deutung, er habe an diesen 
Stellen die absolute Nähe der Parusie, ja den Eintritt der- 
selben noch zu seinen Lebzeiten verkündigt, eine solche Mei- 
nung und Lehre nur angedichtet werde, lässt sich mit aller 
gebührenden Schärfe** theils apagogisch, theils exegetisch und 
real zur Evidenz erweisen. 

Indem wir in dieser naturgemässen dialectischen Ord- 
nung das Allgemeinere dem Besondern vorangehen lassen 

* S. jedoch schon dagegen v. Moshbim, Erkl. d. Brr. an Tim. v. J. 
1755 S. 565 ff. Und abermals hatte Ebrard (Adversus erroneam non- 
nuüorum opinionem^ qua Qiriatus Chrütique ApostoU judaicis aomrms 
decepti existumcuse perhibentur fore ut nnwer aale Judicium ipsorum ae- 
tote supervemret ^ Erl. 1842 p. 1 sq.) zu bemerken: „Qm/ä nan morta- 
lium coffnitum habet, inter recenUores theolagos plerosgue omnes in eam 
diacessisse aentenUam, ut Apostolos -^ conaummationem aaecuU justo 
citiua exapectaviaae confiterentur^ üa vi vix aperem aUquem bene audi* 
turum eaae, ai unua omnibua caatra opponere moUretur}^ 

** Nicht „durch allerlei Kunst der Auslegung" : Ch. F. Böhmb, 
Ueb. d. apostol. Lehre von d. Wiederkunft des Messias (in Keil und 
Tzschirners Anal. I, 2. S. 184). 



238 St Paul, über die Zeit der Wiederkunft Christi. 

und damit auch zuerst falsche Constructionen abtragen, um 
für den nachherigen positiven Wiederaufbau freieren Raum 
zu gewinnen, bemerken wir A) in ersterer — apagogischer — 
Hinsicht Folgendes. 

Durch eine derartige Behauptung von der unmittelbar 
bevorstehenden Wiederkehr Jesu Christi wäre der Apostel 
zunächst mit der Lehre dieses seines Herrn Chri- 
stus selbst in grellsten Widerspruch getreten. Die- 
ser hatte in den inhaltsschweren eschatologischen Reden* 
gelehrt Matth. 24, 36: „Von jenem Tag und Stunde weiss 
Niemand, auch nicht die Engel^ des Himmels, 
ausser der Vater allein!" und Marc. 13, 32 f.: „Von 
jenem Tage oder der Stunde weiss Niemand, auch nicht die 
Engel im Himmel, auch nicht der Sohn, ausser der 
Vater! Sehet zu, wachet: denn ihr wisset nicht, wann 
die Zeit ist!"** Vielmehr grade „zu der Stunde, da 



* Vergl. Bibelstudien II, 129 ff. bes. 180 ff. 
** „So wachet, denn ihr wisset nicht, an was für einem Tage 
(nro/a rjfieQq) euer Herr kommt! Jenes aber wisset, dass, wenn da 
wusste der Hausherr , z« was für einer Nachtwache der Dieb kommt, 
hätte er gewacht und nicht einbrechen lassen in sein Haus. Darum 
auch ihr seyd bereit I (Matth. 24, 42 ff. Luc. 12, 39 f., wobei der 
Schluss von dem Wissen um die Stunde des P^inbruchs auf das Nicht- 
wissen um sie bei genereller Kunde von ihrem sichern Herankommen 
einleuchtet und die Nothwendigkeit unausgesetzter Wachsamkeit nur 
um so dringlicher macht: utilüer vero latere Deua voluit diem iUum^ 
ut semper para6um cor sit ctd exapectändum, guod esse venturum seit 
et quando venturum sit nescit, Bulling. b. Marl.^zu 1 Thess. 5, 2.) — 
„So wachet, denn ihr wisset nicht den Tag noch die Stunde!" 
(Matth. 25, 13) — „So wachet, denn ihr wisset nicht, wann der 
Herr des Hauses kommt, spät (Abend), oder zu Mittemacht, oder 
um Hahnschrei, oder früh : damit er nicht komme plötzlich und finde 
euch schlafend ! Was ich aber Euch sage. Allen sage ich: wachet!" 
(Marc. 13, 35 ff.) — Wachen also und darin selbst die klugen Jung- 
frauen noch übertreffen, die, da der Bräutigam verzog {xQovi^oyxos 
Tov wfifpiov)^ gleich den thörichten, „alle schläfrig wurden und ent- 
schliefen. Zu Mitternacht aber ward ein Geschrei: Siehe, der Bräu- 
tigam! Gehet aus, ihm entgegen!** (Matth. 25, 5 f.) — Die ethische 
Deutung dieses Wachens ist in den evangel. Gleichnissen selbst 
(Matth. 24, 37 ff. u. C. 25) negativ und positiv ebenso mitenthalten wie 
in unserem Briefe 1 Thess. 5, 4 ff., wo aus dem Bilde für die PaVusie 



st Paul über die Zeit der Wiederkunft Chriiti. 239 

ihr es nicht meinet (y da^tf ov Soxbitb), kommt des 
Menschen Sohn!'' (Matth. 24, 44. 50. Luc. 12, 40) — womit 
auch schon auf ein leicht abspannendes und einschläferndes 
;; Verziehen'' der grossen Zukunft hingedeutet ist, wie 
es im folgenden Oleichniss von den sehn Jungfrauen auch 
direct ausgesprochen wird (xQovi^ovTog 8i rov vvfuptov kvvata- 
lav Träaai xai €xd&€v8ov, Matth. 25, 5 vergl. vorh. 24; 48 
XQwiC^i' fiov 6 xvQiog kk&dv). Und nochmals unmittelbar 
vor der Himmelfahrt; auf die Frage der Jünger: ;;Herr, 
richtest du in dieser Zeit {iv r^ ;f(ioi/4p rovrijo) wieder auf 
das Reich für Israel?" hatte Er geantwortet: ;;Nioht Euch 
kommt es zu (ovx vfidiv icrr^), zu kennen Zeiten oder Zeit-' 
puncte (xQOVOvg ij xaiQOvgy y^tempcra vel momenta^^ Vulg., 
vgl. unt. 1 Thess. 5, 1 S. 241 f.), welche der Vater festgesetzt 
hat in Seiner Machtl" (Act. 1, 6 f.) 

Das waren die Aussprüche des Herrn; des Sohnes. 
Er selbst wusste Zeit und Stunde nicht; und seine Apo- 
stel und die Seinen alle sollten sie nicht wissen; eben 
damit sie wachten; wie ja die so dringende Aufforde- 
rung zu diesem Wachen in den angef. evangel. Stt. fast 
überall durch die Causalpartikel {oriy ;,denn") mit jenem 
Nichtwissen um die Zeit der Wiederkunft verknüpft und 
motivirt ist. Und der später berufene Apostel; Paulus; 
welcher doch ebenso nur ein stetiges änaxSix^^^^'' ^W 
änoxälvipLV rov xvgiov kennt (1 Cor. 1, 7. Philipp. 3, 20 cet. 
S. 235 u. unt); sollte Näheres gewusst und eS; die heilige 
Teleologie. jenes Nichtwissens vor der Zeit durchkreuzend; 
den Christen in solch engerer Umschreibung offenbart ha- 
ben, da er doch, laut und kraft jener Herrn -Worte, der 
Parusie ebensowohl zu seinen Lebzeiten als auch für 
eine spätere Frist gleichmässig gewärtig seyn musste, mit»- 
hin weder das Eine noch das Andere von seiner Lehre 
ausschliessen durfte? Ja, er sollte jene gradezu widerevan- 
gelische Lehre sogar durch den Zusatz betheuert haben: 
„Das sagen wir Euch in einem Herrn-Worte" (kv koyq) 



ale ),Dieb bei Nacht" (b. unt.) das atete Licht-, Wach-, Nüch- 
tern- (vgl. Luc. 21, 34) und Gerüstetseyn des Christen kräftig 
resultirt. — Vergl. auch „Bibelatudien" II, 181 f. 



240 St Paul, aber die Zeit der Wiederkanft ChriBti. 

xvgiov)? Auf die oben im Evangelium aufbewahrten 
Worte Jesu (wie Pelaq., Calv., Muscul.^ neuerlich Pelt, 
Baumgarten -Cbusius A. annehmen) kann dieses Herrn- 
Wort nun eben schon darum nicht gehen,^ weil es dann jenen 
ersteren Herrn- Worten, wie wir sahen, vielmehr widerspre- 
chen würde, auch die Evangelientradition laut 5, 2 sogar in 
den eigentlichen Stichworten den Thessalonichern schon „ge- 
nau bekannt war^^ (avToi ya(j axQvßdig oiSare, 6t v ijfiiQa 
xvqIov tag xkiTttt^g ev vvxri ovrtag HQ^erai, s.u.), wo- 
gegen der Apostel diese seine Lehre, die sie bisher nicht ge- 
kannt und die er ihnen darum ausführlich vorträgt (ov ^klofuv 
vfiag ayvoüv 4, 13), in der Parallelstelle 1 Cor. 15, 51 „ein 
Qeheimniss^^ nennt, das er ihnen sage {^i8ov^ fivffti^Qiov 
Vfiiv kiyoij mithin auch von gleicher Bedeutung als unser vfiiv Xi- 
yofisv h loytp xvqiov, oder wie Si anoxaXmfßtwg *h]6ov Xguttov 
Gal. 1, 12), wonach dasselbe eine über die, auch jener corinth. 
Christengemeine gewiss bekannte, allgemeine evange- 
lische hinausgehende weitere Offenbarung enthalten muss.* 
Ebensowenig aber könnte das Iv loyo) xvqiov, worauf der 
Ausdruck nun zunächst hindeutet, eine spätere ausserordent- 
liche persönliche Offenbarung Christi an diesen Apostel 
dann seyn, wenn der Sinn wirklich dessen vermeintes *eig- 
nes Erleben der Parusie umschlösse, weil so — auch noch 
ganz abgesehn von der zermalmenden historischen Nicht- 
erfüllung und auch von dem Verhältniss des verklärten 
Christus zu „dem Sohne", welcher von jener Zeit und Stunde 
selbst nicht zu wissen erklärt hatte (Marc. 13, 32), — der 
Sohn dem Apostel, und dieser wieder Andern etwas offen- 
bart hätte, was aus noch immer fortwirkenden ethi- 

* Dies ebenso gegen v. Hopm. (Scbriftb. 11, 2, 651. 656 entw. 
als ein ungeschriebener Ausspruch, oder aus andern Worten des 
Herrn, viell. auch des A. T., erschlossen, oder gar als selbstver- 
ständlich, vgl. H. Sehr. N. T. 1, 231 ff. 233) wie geg. v. Baür (Theol. 
Jahrb. 1852 S. 38 s. b. Hilgenf. Zeitschr. 1862 III, /239 f als. über 
allen Zweifel erhabene christl. Wahrh. — was mit unmittelbarer Evi- 
denz als das objectiv Wahre erkannt werden konnte). Richtig Beno., 
Gn. : „Tales formulae adhtbentur in re, quae nunc primum aperitur''; 
also „ex pecuUari (apeciali) Christi revelatiane,^^ J. A. Turretin., Comm. 
1739 p. 105 sq. — Vergl. hierüber nachh. und da (S. 255) auch den 
schon im A. T. fixirten Sprachgebrauch. 



St. Paal. über die Zeit der Wiederkunft Christi. 241 

sehen Gründen verborgen bleiben soUtBi und dessen 
Offenbarung^ ohne irgend einem erkennbaren höheren Zwecke 
zu dienen, vielmehr den sittlichen Nerv jener AuiForderung 
zum „Wachen" (entweder durch fieberhafte Spannung, s. u. 
2 Thess. 2; 2,, oder durch Lässigmachung) mindestens alte- 
rirt und weiterhin nothwendig gelähmt hätte. Denn das hoch 
und heilig versichernde kv Xoyq) xvqIov mit Lünem.* „nur 
auf das Verhältniss der Entschlafenen zu den Lebenden" 
zu beziehen und jenen einverwobenen vermeintlichen Irr- 
thum des Apostels von dieser Betheurung auszuscheiden, 
geht nicht an;** es gilt hier keinen Schmelzprocess von Gold 
und Schlacke: die eine Aussage wäre mit der andern auf 
Leben und Sterben organisch verwachsen. 

Fürwahr, den Apostel selbst träfe der Strahl des Ge- 
richts unserer Eingangsstelle (Deut 18, 20): „Der Prophet, 
der sich vermessen wird zu reden ein Wort in Meinem 
Namen (das wäre ja iv koytp xvqiov)^ das ich ihm nicht 
befohlen zu reden, — sterben soll der Prophet!" 

Und nicht nur mit dem Evangelium und den authen- 
tischen Worten des Herrn selbst träte sein Apostel durch 
Bolche Irrlehre in Widerstreit, er widerspräche eben- 
damit auch sich selbst, sogar fast in demselben Athem, 
nämlich schon in den alsbaldigen weiteren Worten desselben 
Briefes, 1 Thess. 5, If.: „Von den Zeiträumen aber 
und den Zeitpuncten,*** ihr Brüder, habt ihr 



* Vergl. auch Ebraro S. 46 und B. Weibs, TheoL Lit.-Bl. z. A. 
KZ. 1858, 45. 

** Ginge es aber auch an, seihet dann wäre die HeruDterstellang 
einer bestimmten apostolischen Aussage auf die secundäre Linie einer 
subjectiven Muthmaassung oder gar nur vorübergehenden, später über- 
wundenen Meinung immerhin eine überaus flaue Apologie des so 
ganz besonders berufenen Apostels des Herrn, und eine höchst 
üble Befestigung unseres Kirchenfundamentes, d. h. der absoluten 
Schriftuntriiglichkeit. (S. 256.) Gegen die letztere Annahme s. auch 
Jo. Fb. Flatt, Symbol, ad ükutrcmda nonnuüa ex iis N. T. locis, quae de 
na^ovoiei Christi agu/nt P. I— IV. Tub. 1800 sqq. (Opuscc. acad. coli. 
C. Fr. Süsxmn, Tub. 1826 p. 287->376) bes. p. 828 sq., gegen die 
erster e ebend. p. 888 (Not. 84). Weiteres hiervon unt. S. 258 ff. 

*•• Ila^l x&v x^ovmv «al tcjv «ai^oi»' — weiteren und engeren 
Zeiten und Fristen (de temporibus et mamentisj V u lg. wie auch Act. 1, 7 

HOELElfANN, Neue Blbelttudleo. 16 



242 Si Paul, über die 2^it der Wiederkunft Christi 

nicht nöthig, dasB Euch geschrieben werde: denn 
ihr selbst genau wisset, dass der Tag des Herrn 
wie ein Dieb bei Nacht — grade ebenso kommt." 
Hieraus ergiebt sich zweierlei: erstlich, dass der Ap. 
vorher, somit auch an uns. fragl. Hauptstelle (4 1 5), von der Zeit 
der Wiederkunft Christi noch gar nicht geredet hat, indem 
er (mit Si) jetzt 5, 1 erst darauf kommt, dass vielmehr das 
„genaue Wissen" (axQißoig ol'ÄcrT«) um das Verhältniss „der 
Zeiten* und der Fristen" einen bewussten scharfen G^ensatz 
bildet zu jenem bisherigen Nichtwissen (ayvoeiv V. 13) um 
die Art und Weise der Wiedervereinigung verstorbener 
und lebender Christen mit ihrem wiederkehrenden Herrn; 
und sodann, dass auch selbst das bei den thessalon. Christen 
schon vorhandene „genaue Wissen um die Zeiten und die Fri- 
sten" sich doch eben -nur auf die Ungenauigkeit des 
menschlichen Wissens um diese Zeit und Stunde 
bezieht, von der Niemand etwas und man nur dies weiss, 
dass sie Allen — den Sicheren (5, 3) und selbst auch den 
Vorsichtigen (V. 4) — jähling erscheint, d. i. eben „wie 
ein Dieb bei Nacht — ebenso" (ovTU)g), Und grade auch 
dies letztere wieder, das einzige Positive in jenem Wissen 



S. 239, vgl. LXX für das umgestellte n^l pt Pred. 3, 1) — mithin 
ganz 80 wie der Herr selbst vorh. wörtlich Act 1, 7 und in glei- 
chem Sinne Matth.24,d6.25,13.Marc.J3, 32von Tag und Stunde 
gesagt hatte, nur dass durch das noch Unbestimmtere der Bedeutung von 
Ol x^ovoi 9cai oi HatQoi an sich und noch dazu im Plural die „Zeit 
und Stunde^' immer eingehüllter und die Ungewissheit gleichsam maass- 
los erscheint imd auch so erscheinen soll. Daran scheitert auch die 
willkürliche Behauptung und halbe Concession unseres Bec. D. Weiss 
(a. 0.), wenn er 'dem Apostel ein Nichtwissen um den Tag, aber 
ein vermeintes (freilich getäuschtes) Wissen um die Periode, u&nl 
um den Eintritt der Parusie innerhalb eines Menschenalters bei- 
misst. Seit der ebenso falsch gedeuteten Hede Matth. 24 (Y. 34 ov 
^^ na^a'ld'fj ^ ytpaa ovriy m. t. ü., worüb. Bibelstttdien ü, 177. 180 ff.) 
war ja nun bereits ein Menschenalter dahingegangen; und warum 
sollte sich Paulus grade nur auf ein zweites Menschenalter versteift 
haben? — (Uebrigens erklärt Lüdem. jenen Plural an sich nicht un- 
richtig daher, dass Paulus „an die Mehrheit der Acte oder Momente 
denke, in welchen das eine Factum 6str Parusie sich theils vorbe- 
reiten, 2 Th. 2, 3 ff., theils vollziehen werde^^ Doch wird die Parusie 
selbst seyn wie der Blitz cet, s. nachh.)« 



st Paul, über die Zeit der Wiederkunft Christi. 243 

um die Zeit seiner Wiederkunft, hatte der Herr im Evan- 
gelium (Matth. 24; 43. Luc. 12; 39) ganz in demselben Bilde 
ausgesagt;* wonach man um so sicherer anzunehmen hat, 
dasB der Apostel die desfallsigen eigensten Worte deE( Herrn 
aus dem Evangelium eben hier vor Augen hatte ,** und 



* Dasselbe Wort desselben Herrn auch wieder aus seiner Ver- 
klärung Apoc. 16, 16: „Siebe, icb komme wie ein Dieb! Selig 
der Wachende'* cet; und 3, 3 „Gedenke wie du vernom- 
men und gebort hast, und halte (es) und tbue Busse! Wenn du 
nun nicht würdest wachen, so werde ich kommen wie ein Dieb, 
und sollst nimmer wissen, was für eine Stunde ich kommen 
werde über dich!** (Vergl. auch ob.2Pctr. 3, 10 u. S. 238.) — Syno- 
nyme Veranschaulichungen der jähling überraschenden , unentrinnbar 
beraubenden und vernichtenden und sogleich weltumfassenden Er- 
scheinung des Herrn sind Luc. 21, 34 der Fallstrick (oderdasNe tz, 
nafie) und Matth. 24, 27 (Luc. 17,24): „gleichwie der Blitz ausgeht 
von Aufgang und scheinet bis Niedergang, ebenso wird seyn die Zu- 
kunft des Menschensohnes.*' Auch hier (vgl. V . 39 b. Matth.) die nachdruck- 
same Hervorhebung des ganz Gleichartigen durch ovtws (ganz ebenso), 
wie noch markirter in uns. Br. 5, 2., ähnlich als z. B. Pred. 9, 12 ÜH'D. 
** So auch gleich wieder bei seinen nächstfolgenden Worten 
1 Thess. 5, 3: '^ora atfvld^og avxols iy>ioraTai BXed'f^oe^ ver- 
glichen mit den Worten Christi Luc. 21, 34 (jirlnoxe) aifviSioe äy>* 
vfule intor^ ^ Vf^e**^ intivti (^^ nayis). Gkht dieser evang. St. wie- 
der unmittelbar voraus die Warnung vor Völlerei und Trunkenheit, 
so entspricht auch diesem Zuge, wie jenem oftmaligen „^achet^^ 
(y^fiyo(filta)y alsbald das paul. (V. 6) „Wachen und Nüchternseyn" 
(a^a Oliv /iff xa9'ev8tafi£V, cje xal oi Xomoi, alXa yQtiyOQoiiiev xai n^fotfier), 
Ebenhierher darf man auch beziehen das Bild von den plötzlichen 
und unentrinnbaren Wehen (tadtvig) der Schwangeren (et f^«' yaor^l 
fxovoai) in den eschatologischen Worten Christi (Matth. 24, 8. 19. 
Marc. 13, 9. 17. Luc. 21, 23) und Pauli (1 Thess. 5, 8 eSana^ 4i 
(»dlv Tjj iv yamql ix^^von). Femer beachte man ebend. die Identität 
des eschatolog. fi^ d'foeZa&ß Matth. 24,6. Marc. 13, 7 und 2 Thess. 
2, 2; die antichristlichen otj/ieia xal tiQaxa yfevBevs mit M(fy€ta 
^Xdvijs eis t6 niotsvaai avxovs jtf %pevd$^ 2 Thess. 2, 9 ff. nach 
Matth, 24, 24 (Marc. 13, 22) iya^&nowxa^ yä(f y^sv^i^x^ *<'▼**— »««^ 
Stiaovoi offfieia fityala xai Tamara Saxa nXay^ aai, ai dvrarovt 
xai xov£ ixXexTOvs (dasselbe nXaväv b. Matth. auch 24, 4 u. 5. Marc. 13, 
5u. 6. Luc.21, 8); weiter die alldurchdringende Posaunenstimme 
Matth. 24, 31 wie 1 Thess. 4, 16 (1 Cor. 15, 52) und in deren Folge 
das eigenthumliche i7t$ovvdyaiv der Auserwählten Matth. 24, 31. 
Marc. 13, 27 wie ^fuS^ intavvaymyri in avrov 2 Thess. 2, 1 
(Bibelstud. H, 171 f.); vor allem aber den specifischen Ausdruck ? 

16* 



244 St Paul, über die Zeit der Wiederkunft Christi. 

damit auch die feste Lehre Desselben von der Unbestimm- 
barkeit Seines Tages. Jedenfalls ist das^ im völligen Ein- 
klänge hiermit; den Christen Thessalonichs vom Apostel 
beigelegte „genaue Wissen'' von der in jedem Sinne abso- 
luten Ungewissheit der Zeit des Kommens Christi, weshalb 
er ihnen eben keinen Unterricht darüber zu ertheilen nö- 
thig habe, schlechthin unvereinbar mit jener dem Apostel 
beigemessenen näheren Bestimmung dieses Zeitpunctes der 
Parusie, womit er, wenn nicht die x(ugoi (im engeren Sinne), 
so doch die xQ^^^ (^i^ weiteren Sinne) zu kennen vermeint 
hätte, während er sich vielmehr durch das nachherige „denn 
ihr selbst wisset'' (1 Th. 5, 1) mit den Briefempföngem 
hierin auf ganz gleiche Linie (des Wissens um die Unbe- 
stimmbarkeit) stellt. Solche Würdigung aber des Nicht- 
wissens (des ihrigen wie des seinigen) als des in diesem 
Falle allein christlich-wissenschaftlichen, und dennoch gleich- 
zeitige wenigstens annähernde Aufhebung dieses einzig cor- 
recten Nichtwissens — sind Gegensätze, die einander zer- 
stören und wenigstens bei einem Apostel und Denker 
unmöglich sind. In dem Maasse als Paulus die Zeit der 
Parusie in die nächste Zukunft, in sein eignes Erdenleben 
versetzt hätte, wäre ja eben das speci fisch Unerwartete 
derselben beschränkt, mithin ihr eigenstes und zwar sitt- 
liches Wesen verletzt worden. 

Streitet nun so die« dem Apostel beigemessene Lehre 
von der Zeit der Wiederkunft Christi mit den heiligen Ab- 
sichten und den klaren Worten seines Herrn, ja streitet er 



na^ovoia Matth 24, 3. 27. 37. 39 so wie 1 Thess. 2, 19. 3,13. 4,15. 
5,23.2 Thess. 2,1.8 — jene bekannte Bezeichnung der Wiederkunft 
des Herrn als ein plötzliches und unerwartetes — „Daseyn^^ 
(Bibelst. n, 161 f 171). Und hiermit harmonirt auch wieder das Verb. 
^xa^y bin gekommen, bin da (ein umgekehrtes iffx^od'a* d. i. im 
Kommen begri£Pen 8e3m, vgl. Joh^8, 42 ix tov d-eov iSrjl^ov xcU f/xo», 
Hebr.10,37 6 i^xof^^og f^gei x. r. il.): so MaUbJ 24, 50 u. Luc. 12, 46 
^'|«< — kv tifA8(fc^ y ov jr QOsSox^ (Gegens. xQOvi^ei il&eiv Matth. V. 48, 
Luc. y. 45, wie auch Hebr. 10, 37 6 i^iofisvoe ^fc* xai ov xe^^*^^)i 
2 Petr. 3, 10 ^get ^ ^fie'^a xvgiov tos xHntris (ygl. V. 9 ov ß^aSvvei) wie 
auch Matth. 24, 14 tot« 9t«< zd riXoe und wieder Apoc. 2, 25 äxgts ov av 
^gca , 3, 3 ^gca cae ycXinrqs xal ov firj yv^s noiav df(fav TJSa» ini od. Sonst 
s. Matth. 23, 36. Luc. 18, 35. 19, 43. Rom. 11, 26. Apoc. 18, 8. 



St. Paul, über die Zeit der Wiederkunft Christi. 245 

dann mit seinen eignen und nächsten Acusserungeni fürwahr^ 
dann sollte man sich doch hundert- und tausendmal beden- 
ken ^ einen Apostel Jesu Christi in solchem Widerspruch 
und Ungehorsam gegen das Evangelium ^ und einen Dialec- 
tiker wie Paulus so unlogisch zu finden! 

Wir müssen hinzufügen; dass eine solche Meinung, wie 
sie diesem Apostel im Gegensatz zu dem Evangelium Christi 
und zu seinen nächstliegenden eignen Aussagen aufgebürdet 
wird; auch noch überhaupt wider das ganze eschato- 
logische Lehrsystem desselben läuft; welches sich 
eben dadurch als einhellig mit den Lehren des Evangeliums 
erweist. * Beide, Evangelium und Apostel; lehren einstimmig 
gewisse erst noch eintretende allgemeine Vorzeichen der 
Parusie: und zwar zunächst auf Seiten der Welt eine all- 
gemeine gottlose Sicherheit. Denn so wie auf das 
Wort des Herrn im Evangelium von der Unbestimmbar- 
keit der Zeit seiner weltauflösenden Wiederkunft (Matth. 
24; 36) unmittelbar eine directe Gleichung der ihr voraus- 
gehenden Zeit mit den Vorausgängen der Sündfluth folgt; 
wo sie ;;a8sen; tranken; freiten ; liessen sich freien; bis auf 
den Tag da einging Noah in die Arche und kam die Sünd- 
fluth und vernichtete Alle"; und wiederum mit den Voraus- 
gängen der ZerstörungSodomS; wo sie abermals ;;assen; 
tranken; kauften; verkauften; pflanzten; bauten, an dem 
Tage aber; da ausging Lot von Sodom; es regnete Feuer 
und Schwefel von Himmel und vernichtete Alle" (Luc. 17, 
26—30; vgl. Matth. 24, 37—39): — ganz ebenso folgt 
bei unserem Apostel auf die Erinnerung an die bekannte 
UnbestinSmbarkeit des Zeitp^hictes der Wiederkunft Christi 
das Wort (1 Thess. 6; 3): ,;Wann sie sagen: Friede und 
Ruhe!** — dann plötzlich überfallt sie Vernichtung, wie 



* Es müsste in mehr als einer Hinsicht bedenklich fallen, wenn 
man eineio Apostel Paulus überhaupt ein System, d. h. bewusste Folge- 
richtigkeit seiner Lehre , absprechen wollte ; freilich könnte man ihm 
dann , als etwa aus verschiedenen Zeiten , Lagen und Stimmungen, 
ganz entgegengesetzte Aussagen, „Ja und Nein^^ zugleich beilegen, 
was indess bekanntlich eine „schlechte Theologie" und eben auch von 
Paulus selbst direct verworfen worden ist 2 Cor. 1, 18 ff. (Vgl. u. S. 253.) 
** Mit dieser Rede auch einander in immer grössere Sicherheit 



246 St Paul, über die Zeit der Wiederkanft Christi. 

der Geburtssclimerz die Schwangere; und werden nimmer 
entfliehen." 

Und das andere wesentliche Vorzeichen, auf Seiten der 
Gläubigen, sind deren sichtende und läuternde Drang- 
sale, wie sie der Herr im Evangelium, auf die Frage 
nach Zeit und Zeichen, ausdrücklich als solcher Vor- 
bedeutung z. B. Matth. 24, 8 ff. 21 ff. mannigfach, darunter 
auch die Verfuhrungsmacht thaumaturgischer Pseudo-Messiase 
V. 24, nennt (s. Bibelstudien II, 135 ff. 159 u. a., ob. S. 243) und 
dem wiederum ganz entsprechend auch unser Apostel sie 
kennt, z. B. 1 Tim. 4, 1 („der Geist sagt ausdrücklich, 
dass in letzten Zeiten" cet), 2 Tim. 3, 1 („das wisset, 
dass in den letzten Tagen bevorstehen werden schwere Zei- 
ten" cet.), und als deren Spitze er denselben Christen von 
Thessalonich das Hervortreten und die sichtende Schreckens- 
herrschaft des mit furchtbaren Wunderzeichen und Verfiih- 
rungskräften auftretenden und sich an Gottes Stelle und 
Stätte setzenden Antichrists verkündigt, dessen scheussUche 
Parusie durch die leuchtende des Herrn Jesu werde zu nichte 
werden (2 Thess. 2, 3—12). 

Führte schon dieses den Blick gewiss nicht in baldige 
Zeitnähe, wie ungemessen erweitert sich die Aussicht auf 
die Endzeit nicht erst, wenn derselbe Apostel Köm. 11, 25 f. 
es wiederum als ein „Qeheinmiss'' (jivGxriQiov) eröffnet, „dass 
Israel Verstockung geworden, bis die Fülle der Hei- 
den eingegangen seyn werde, und also werde ganz 
Israel selig werden.'^ Welch eine — selbst in ihren Vor- 
bedingungen noch heute nicht erfüllte — Frist! (Vergl. 
Jatho zu Rom. 13, 11.) 

Noch mehr! Weit entfernt, diese Parusie des Herrn für 
die unmittelbar nächste Zukunft zu verkündigen, warnt der 
Apostel im näheren Unterricht über diese Wiederkunft dieselbe 
thessalon. Gemeine in dem nur angefiihrten Cap. (2 Th. 2, 1 ff.) 
auch sogar noch direct vor der „erschütternden und 
verstörenden" Meinung und wohl gar ihm selbst etwa 



einwiegend (nicht „bei sich sprechend", Lünem.). Der Ausdruck 
el^rivv ytnl aatpnXsia selbst ist eig. „Friede und Sicherheit" und wie 
n»«TDlbtü, 8. Bibelstud. I, 6. 



St. Paul, fiber die Zeit der Wiederkunft Christi. 247 

beigemeseenen Lehre (iiß Si tifiüv V. 2); ;;al8 ob bevor- 
stehe der Tag des Herrn'' {wq ort iviarfiXiv 17 Tjfiiga xov 
xvqIov), — welches zweimalige mg die weislich zurückge- 
zogene persönliche Stellung des apostolischen Lehrers zu 
jener unter den Thessalonichem im Schwange gehenden Be- 
stimmung des Zeitpunctes der Wiederkunft Christi genügend 
beurkundet. Ist es nicht, als ob diese Warnung recht eigent- 
lich eben der neuesten^ im Grunde aber nur wiederholten 
Exegese der schon damals in gleichem Sinne missverstan- 
denen Worte des 1. Briefes gälte, und als ob man trotz alle- 
dem den Apostel mit neuen Hülfsmittehi besser verstünde, 
als er sich selbst, mag er auch im 2. Briefe gegen ein sol- 
ches Verständniss authentisch und ausdrücklich protestirt 
haben ! 

Und auch überhaupt, wo nur immer der Apostel 
dieser dem Christenthum auf Erden Stand und Boden geben- 
den Wiederkehr des Herrn vom Himmel gedenkt, sind die 
allezeit wohlbemessnen einzelnen Ausdrücke nichts 
weniger als deren Nähe andeutend. Im Gegentheil schreibt 
Derselbe an dieselbe Gemeine auch sonst z. B. I. 1, 10 
avafiivBiv rov tfiov avtov ix räv ovgccväv, wo LÜNEM. diesem 
im N.T. einmaligen ävafiivtiv „die Vorstellung der Nähe'^ 
sogar sprachwidrig beilegt, da es vielmehr er- und ab- 
warten bedeutet, wie solches Zuwarten z. B. 2 Macc. 6, 14 
{jiri noXvv xQovov taa&at x. r, A.) ov yäg — avafiivei fia- 
XQo^vfuSv 6 8ean6tfigf und Sir. 5, 7 firj avcifjievB ini- 
ötgiipat nQOQ xvQioVf xai fitj vmQßdXXov tjfieQccv ^| 
flfiigag — , um von der jedenfalls ausharrenden v^o- 
(lov^ trig hXnldog rov X^mtov (1 Th. 1, 3. II. 3, 5; vgl. Hebr. 
10, 36 f. Apoc. 1, 9. 3, 10) zu schweigen. So auch das von 
Lt}NEM. selbst für synonym erachtete, ebenfalls nur etwa 
noch die aufschauende Sehnsucht besonders mitenthaltende, 
aTtexSix^^^cti^ 1 Cor. 1,7. Phil. 3, 20 f. h^ ov xai GtariJQa 
a7tex8ex6fu&a xvqiov *Ii](fovv XQt^aroVy 6g (jLitaaxVf^ciTlcu to 
acSfia rijg ranuvdütmg rj/iäv öVfijWQcpov rtp öiifiati, tijg 
So^Tjg avTOV (Hebr. 9, 20 btpd'riöiraL xdig avrov anBxSsxo- 
(uvoig äg acortjQlav)] vergl. 1 Petr. 3, 20 ore am^eSixBro fj 
rov &eov fiaxQo&Vfiia^ und verbunden Rom. 8, 25 ei Si, 6 
ov ßkifto/MV, kkni^ofuVf Si VTiOfiovijg aTtexSixofiB&a. — 



248 St Paul, über die Zeit der Wiederkunft Christi. 

(Uebr B. tu a. auch noch 1 Cor. 4, 5. 11, 26 oadxig hav 

Endlich, wie mag sich mit der Erwartung, er werde 
die Parusie des Herrn selbst noch erleben, jene Todes- 
ahnung des Apostels reimen, wonach er wiederholt eben 
das sich in Aussicht stellt, was dann auch geschichtlich 
an ihm sich wirklich bewährt hat, nämlich den blutigen 
Märtyrertod, und zwar mit der Siegeshoflfhung auf die 
Auferstehung von den Todten! Wir erinnern nur an 
PhUipp. 1, 20 f. {fieyaXwd^aeTai Xgiatog Iv riß adfiari ,fiov 
äta Sia ^ayfjs elre Svä 'O-avarov x. r. L)y 3, lOf. (avfjL- 
fioQq>ov/i€Vog r^ ß'avdTq» avrov, eincog xavccvti^aa) eig trp^ 
k^aväaraaiv rriv kx vsxqcSv)] 2, 17 (el xal anevSo/nat inl tjJ 
&val(f xal XeiTOVQyiif rijg niarmg vfidSv , /«/(>(« x. r. X,), und 
2 Tim. 4, 6 ff.: kyd yccQ f^Si] anivdofiav xal 6 xougog r^g 
dvalvastig fwv kpiartiXE' rov dyma rov xakov iiywvKSfiav, 
Tov dQQfiov retiXexaf rtjv Ttiariv T6TtJQ7]xa' Xomov dnoxuxai 
fjLOi 6 rijg SMaivavvr^g arifpavog x. r. L (s.u.), wonach Alles 
fiir das Leben abgeschlossen ist und vor ihm weiter 
nur der Preis für „jenen Tag*' bereit liegt. Ja im sicheren 
Vorgefühle dieses baldigen Entschlafens in und zu dem Herrn 
bestellt sich auch noch thsi^tsächlich der Apostel Nach- 
folger im Amte der Predigt und Gemeineleitung: wie er 
eben in der zuletzt angeführten St. kyw yccQ i^Stj anevSofiai 
X. T. X, hierdurch sich gegenüberstellt dem zuvor mit den 
nothwendigen Amtsinstructionen ausgerüsteten jüngeren Ti- 
motheus, dem er unmittelbar vorher (V. 5) zugerufen hatte: 
„Du aber sey nüchtern allenthalben, leide, das Werk thue eines 
Evangelisten, dein Amt fülle aus (denn Ich werde 
schon als Trankopfer ausgegossen cet)."* Die auf seinen 
Hintritt blickende Vorsorge des Apostels für Sicherstellung 
des Hirtenamtes bezeugen die beiden Pastor albriefe an 



* Sofern Weiss a. 0. eine „unerfüllt gebliebene subj. Erwar- 
tung'^ des Apostels, zugleich aber auch dies anerkennt, dass er 
„unter den gegebenen Verhältnissen sich auf den Märtyrertod, d. h. 
eben auf die Nichterfüllung jener Erwartung gefasst machte und 
für diesen Fall seine Anordnungen traf:^^ so neutralisirt sich dieses 
beides wohl ziemlich bis zu dem von uns vorgetragenen, nur des 
Mannes und Apostels würdigeren Resultate. 



St. Paul, über die Zeit der Wiederkunft Christi. 249 

denselben geistlichen Sohn Timotheus (I. 1, 2) weiter unt. 
and. (wie L 1, 18) namentlich an folgenden beiden Stellen. 
1 Tim. 6, 13. 14: ^;Ich befehle dir an, im Angesicht Gottes^ 
der da lebendig erhält das All (und so vor Allen gewiss 
auch die Blutzeugen der göttlichen Wahrheit) , und Christi 
JesU; der da bezeugt hat vor Pontius Pilatus das gute Be- 
kenntniss (diese Wurzel der lebendig- und seligmachenden 
Wahrheit, s. ob. S. 188), dass wahrest du das Gebot un- 
befleckt; untadelig bis zu der Erscheinung unseres Herrn 
Jesu Christi, welche zu Seinen Fristen {xai^oig ISloii) 
wird schauen lassen der selige und einige Gewaltige, der 
König der Könige und Herr der Herrscher cet." Die 
Differenz in Beziehung der Worte „unbefleckt, untadelig^' 
{aandov, ävmlXrintov)^ entweder persönlich auf Timotheus 
(z. B. Wiesinqer) oder sachlich auf „das Gebot" (z. B. 
Wegscheider „der Stellung der WW. gemäss", Huth., 
V. Oostebzee), wird zwar dadurch erledigt; dass diese bei- 
den Adjectiva im N. T. (s. bes. Jac. 1, 27 aanvXov iavrov 
xriqüiff und das letztere eben in unserem Briefe IT. 3, 2. 5, 7) 
ausschliesslich persönlich vorkommen; dagegen bleibt auch 
dann immer noch die wesentlich nach denselben zwei Seiten 
auseinandergehende Fassung von Trjg^aai^ trjv ivroXi^, in- 
wiefern dies an sich subjectives Halten oder objectives Wah- 
ren des Gebotes bezeichnen kann (letzteren Falls 17 kvToXf] 
im Sinne rijg jtccQaSo&slarjg avroig ayiag kvroX^g 2 Petr. 2, 
21; TrjQBiv wie Marc. 7, 9 a&eTiire rr^v hroXtiV rov -d'eov, 
tva TTjv nagdSoaiv vfiwv rriQriöritt [Var. ari^atjte], wo ausser 
den Substantiven auch die Verba Contraste bilden, dort 
d&BTBiv ausser Kraft setzen, hier Tt^getv in Kraft erhalten). '^ 



* Auf eigenthümliche Weise gewinnt die objective aus der sub- 
jectiven Bedeutung für ivtoXii und für äandov^ dvenilfjnrov v« Mos- 
BBDc, Erkl. S. 564: 1) ^j^Evrolij ist — die ganze Glaubenslehre des 
Ap. — weil sie der Ap. d^m Tim. zu lehren anbefohlen und 
aufgetragen hatte^* (wozu treffend verglichen werden könnte 1 Job. 
3, 23 avTff iariv tj ivzoXij «wtov, iva moTtvotouev t^> dvofian tov viov 
a^ov ^Iriaov X^iQTOV nai ayantofiBv alX'qXove xad'tüü k'BcoüBP dvtoXrjv ^/uJp), 
„Das Gebot halten heisst, diese Glaubenslehre vor allem Verderben, 
vor allen menschl. Zusätzen rein, lauter, ungefälscht, so wie man sie 
empfangen hat, bewahren" cet. Und ebenso dann auch 2) äandov. 



250 St Paul, über die Zeit der Wiederkunft Christi. 

Und diese Frage kommt zu ihrer Entscheidung durch den 
Zusatz: „bis zu der Erscheinung unseres Herrn^ J. Chr." 
{uixQ^ ^^5 hnupavtiag tov xvgiov rjfiäv '/. Xq.), wodurch im 
ersteren Falle diese Erscheinung in die Lebzeiten des Timo- 
theus versetzt würde, im letzteren Falle aber nur das Glau- 
bensgebot bis dahin gewahrt werden soll. Würde nun aber 
ersteren Falls, wonach dem Timotheus bei dem ihm zuvor 
(1 T. 6, 12) energisch befohlenen heroischen Glaubenskampfe 
im voraus Befreiung vom Märtyrertode zugesichert würde, 
nicht nur die hochfeierliche Beschwörung bei dem lebendig 
erhaltenden Gott und dem vor Pontius Pilatus (also 
im Angesicht des Todes) zeugenden Christus Jesus ihrer 
ganz eigenthümlichen Kraft beraubt, sondern auch der sofort 
nachfolgenden, einem übermenschlichen Verfugen und Wissen 
um solche Zeiten sich ehrfurchtsvoll beugenden, Hinwei- 
sung auf die Tcaigol tSioi* vorgegriffen und thatsächlich 



aveniXrinTov („unmittelbar auf die Person des Tim. und zugleich 
mittelbar auf das Gebot gehend, das er bewahren soll^*)* »»^^i^ ^ 
Gebot oder eine Lehre so bewahrt, dass er selber unbefleckt und 
ohne Tadel bleibt, der hält von der Lehre zugleich alle Veränderun- 
gen und Verfölschungen ab , und wer eine Lehre so erhält und be- 
wahrt, dass ihr nichts von ihrer Vollkommenhdt, Deutlichkeit und 
Wahrheit entgeht, der bleibt bei dieser Bemühung selbst frei tob 
allen Flecken und Vorwürfen." — Nur dass sich das im gegenwärti- 
gen Fall auch zugleich auf die Vorsorge für die Zukunft dieser 
Lehre mit erstrecken wird. So richtig, aber mit Bez. der Adjj. auf 
ivToXij (s. ob.), Mich. b. Fleischm. 334 sq. 

* Dass diese xatgol tdioi (eigenartig, specifisch) eben nur 
Gott ganz besonders zugehörige und vorbehaltene Zeitpuncte seyeo, 
wovon es oben Act. 1, 7 hiess, dass sie „der Vater festgesetzt hat in 
Seiner Macht" (iv rfj iSiq iiovoiq)y das bezeugt, eben auch in 
den Pastoralbriefen, (nächst 1 Tim. 2, 6) Tit. 1,3., wo sich derselbe 
Ausdruck gleichfaUs von endlicher Verwirklichung und Enthüllung 
{ifaviQOfot^ wie dort Beiiet) ewiger göttlicher Rathschlüsse (waif^w 
idlotg) findet. (Vergl. auch Gal. 6, 9.) Richtig schon v. Mora. zu jenen 
xatQoU Idiots 1 Tim. 6, 15 S. 565 : „Sind diese Worte nicht ein deut- 
liches Bckenntniss des Ap. , dass er die Zeit- der Erscheinung Jesu 
Christi nicht wisse? Wer da sagt, dass Gott dieses oder jenes 
zu Seiner Zeit d. h. zu der von Ihm bestimmten Zeit offenbaren 
und thun werde, der gesteht frei und offenbar, dass ihm die Zeit un- 
bekannt sey , zu der GK>tt seine Zusage leisten und erfüllen werde. 



St. Paul, über die Zeit der Wiederkunft Christi. 251 

widersprochen: so kann dagegen im Falle des Gebotes der 
Bekenntnisswahrung bis zur Erscheinung Jesu Christi Timo- 
theus hierzu an seinem Theile allerdings mitwirken, und 
zwar nicht bloss durch sein persönliches lehrhaftes Bekennt- 
niss reiner Lehre, sondern vorsorglich auch noch flir spätere 
Zeiten durch gleichartige Weiterfortpflanzung des lauteren 
Wortes,* — was nun oben die zweite der besonders 
hierher gehörigen Stt, Cap. 2, 2 des 2. Br. an denselben 
Timotheus, ausdrücklich weiter anbefiehlt: „Was du gehört 
hast von mir durch viele Zeugen , dieses vertraue an (naqa- 
&0V, als naQa&i^xt], ein Depositum**) treuen Menschen, als 

Wie hätte P. dieses gestehen können, wenn er gleich vorher ge- 
meldet hätte, dass Christus noch vor dem Tode des Tim. zum Gerichte 
kommen würde?'* cet. 

* Scheint diese Erklärung des paul. rri^Mir ri^v ivxolrjv yon 
Wahrung der heil. Glaubenssatzüng an dieser St. (1 Tim. 6, 14) prag- 
matisch geboten, dann darf man wohl vielleicht auch die obigen 
überaus verwandten Worte des Apostels im 2. Br. 4, 7 117^ nianv 
fSTi^^Tjxa (S. 248) im gleichen Sinne objectiver Glaubens wahrung (wie 
inayanfi^eo^at ifj naQaSod'aiorj toXi ayiots nioiei Jud. 3, Vgl. 1 Tim. d, 
9. 4, 6 u. a.) verstehn, also in der That von der umfassendsten höchsten 
Höhe und dem damit erreichten eigentlichen Ziele seines nun so voll- 
brachten — nicht nur individuell-christlichen, sondern öcumenisch- 
apostolischen „Ringens u. Laufens*' (rov dy<Sva r6v xaXdv ^ytoviOfiat^ 
10V S^o/uov jßT^lexa, ttiv niaxiv tßjij^rjHa), wonach er denn 
auch so zuversichtlich der „Krone der Gerechtigkeit '^ entgegen- 
sehen kann (V. 8). Wie er aber mit dem allen, was doch gewiss 
keine Selbstspiegelung ist, nur auch durch %einen vollendeten fac- 
tischeu Vorgang den Timotheus zur Nachfolge anfeuern will, was 
auch der Zusatz ov fiovov Bk iuoi^ aXla xal näa x. r. X. bezeugt : so 
bildet hierzu übcrdem ja der. auch jenem Gebot an Tim. (I. 6, 12) 
vorausgehende directe Zuruf: dyatvi^ov ror xaXov dycSva t/7s niarsofs 
(d. i. Kampf für den Glauben, obj., da niarte subj. schon V. 11 er- 
wähnt ist, die jetzige Emphase aber gewiss etwas neues vorführt), 
ivnXaßov Tte ataviov goi^c/ die Überraschendste Parallele. Vgl. zu dieser 
St. (I. 6, 12) Leo: ^^Nunc de üa etiam admonet Timotheum virtutilms, 
qwu colere inprimis miniatrum Ecclesiae oportet y mmir, de animi 
fertfore, quo evangelium contra adversartos sü defendendum^ 
de (dacrüate, qua vera doctrina Propaganda eit^ de perseve^ 
ranUa in perferendis aerumms veritatia cauaa atiadpiendia, Haec 
omnia inaunt in iUia: Ayaivi^ov vov xaXiv dytSva t^e niaxem^}^ 

** Hieraus ergiebt sich auch wohl, dass es mit dem ebenfalls 
pastoralbrieflichen t^'V nnnnd'fixriv (was auch nach H. Böttgbr, Gnos. 



252 St. Paul über die Zeit der Wiederkunft Christi. 

die geschickt sejn werden, auch (wieder) Andere zu lehren! 
Leide mit, als ein guter Streiter Jesu Christi!" Geht aus diesen 
letzten Worten wiederum die Pflicht der Hingabe an den 
Dienst des Herrn bis in den Schlachtentod deutlich hervor, 
so wird dieselbe durch die unmittelbar vorangehende Be- 
stellung von Lehramtsnachfolgern,* also nach wohlbestell- 
tem Hause des Herrn, erst zur Sache eines ruhigen, todes- 
muthigen und lebensfreudigen Gewissens. 

Was bedürfen wir aber nach diesem allen weiter Zeug- 
niss, dass der Apostel, den wir sonst nach Gesinnung, 
Lehre und That überall im durchgängigsten principiellen 
Einklänge mit den heiligen Worten seines geliebten Herrn 
(vgl. z. B. 1 Cor. 11, 23. 16, 3) und überall auch in so ener- 
gisch durchgebildeter Consequenz des Glaubens und pe- 



d. Pastoralbrr. S. 3, für den Standpunct des Lehrers s. v. a. das son- 
stige na^adooie, der ihm anvertraute Lehrschatz) fv)daaeiv wesentl. 
dieselbe Bewandtniss habe, als mit jenem tr^oeiv %rjv niortv und ttj- 
qeXv jfjv ivToXijv, so dass die Wahrung des Glaubens, des Gebotes 
und des Amts-Depo^itums relat. Synonyma bilden ; daher auch so bald 
nach jenem rriQ^onl ae irtv ivroXriv 1 Tim. 6, 14 in V. 20 feierlich und 
so „den ganzen Brief beschliessend" (s. v. Mosh.. a. 0): ^ Ti/u6d'ee, 
T^v na^a&i^Htjv fvlaSoVj vergl. m. 2 Tim. 1, 12 rrv nnoa^^xrjv ftov 
^Idiat eis ixaivi]v r^v ^fte^av, nachdem hier der Ap. V. 8 von 
seinem Amtsleiden geredet, um danach zur Amtstreue des 
Timoth. (V. 13 f. r^v xa).^ nagad^n^riv fvla^ov)^ und hierauf zu 
der Fortpflanzung, des Amtes 2, 2 fortzugehen ( — wie denn die 
verwahrende Fortpflanzung heiliger Lehre durch Jünger auch schon 
Jes. 8, 16 geboten ist, und im N. T. zumal auch der Herr selbst die 
perennirende Continuität der Sendung ausgesprochen hatte Joh. 20, 
21 f* ica&c^g aniaxaXiti fi8 6 nazt]^^ nayto Uifinto vfiäQ x. t. A., vgl. Matth. 
28, 19 f. fia^YiTsvaaze — tr^QsTvx. r. X.) Konnte es denn auch einen für 
apostolische Pastoralbriefe wichtigeren und dringenderen Stoff 
geben, zumal als der Lehrschatz noch nicht schriftlich gesichert war ? — 

* Bichtig hier, in Meyers Commentar, Huther: „Wie Paulus 
Schüler um sich sammelte,* denen er speciell die evangelische 
Lehre überlieferte, so sollen auch diese ein Gleiches thun, 
und die von ihnen Erwählten wieder dasselbe u. s. w., da- 
mit in der Gemeine ein Stamm apostolischer Männer bliebe, die für 
die ungetrübte Fortpflanzung der reinen Lehre Sorge 
trügen." — Also in der Fortpflanzung der Lehre eine euccessio con- 
tinua. 



St. Paul tiber die Zeit der Wiederkunft Christi. 253 

dankens finden ;* — wahrlich nicht so mittenhinein solch 
eine singulare Irrlehre mit seinem angenähten göttlich- apo- 
stolischen Worte habe verweben können, die ihn für immer 
in unauflöslichen Widerspruch gesetzt «hätte mit dem, was 
ihm Heiliges vom Evangelium mitgetheilt worden war und 
was er selbst als ein besonders vertrauter Apostel des 
Herrn der Wahrheit nicht nur gelehrt sondern auch, wie 
wir zuletzt noch sahen, eben durch stetige Bestellung des 
Evangelisten-Amtes (s. oben S. 248 2 Tim. 4, 5), bis 
in die künftigen Generationen hinaus thatsächlich eingerichtet 
hat; — in Widerspruch gesetzt hätte den hocherleuchte- 
ten und vorsichtigen Bahnbrecher mit der Geschichte der 
Folgezeit, woran seine Prophezeiung gänzlich zu Schanden 
geworden wäre. Denn nicht etwa „nur Vermuthung — 
nur eine Hofinung, nur eine subjective Erwartung des 
Apostels^', wie Lünem. *♦ es versteht und nennt, wäre es hier 
gewesen. Solch eine etwaige persönliche Hoffnung und Mei- 



* Flüchten die Gegner dieser NachweisuDgeu zu der Behaup- 
timg, dasB ein Paulus, sey es auch nur auf diesem Felde, ohne Sy- 
stem und Consequenz gewesen, so machen sie durch diese verzweifelte 
Annahme (vgl. ob. S. 245) auch überhaupt jedes pauliniscLe, und 
hiermit auch jedes apostolische, und noch vielmehr jedes biblische Lehr- 
system zur wissenschaftlichen Unmöglichkeit Die G-ewähr hiergegen 
giebt der Character des Mannes, wie er offen daliegt in seinem 
Worte und Wandel, Leben und Sterben. Oder kennt man diesen aposto- 
lischen Märtyrer, den sich der Herr selbst in einem Wunder aus 
Tausenden zu seinem „auserwählten Rüstzeug^* (Act. 9, 15 f.) berufen 
hafte, etwa als ein Rohr, das der Wind hin und her wehet, und 
nicht vielmehr als den Felsen , auf dem die bald zweitausen^jährige 
Kirche aus den Heiden steht? — 

*^ Vergl. Weiss a. 0., wie auch Ebbabo 1. 1. p. 47: „^on tarnen 
est negandum^ Apoetolos, humano modo raäocincmtes [!], vion abhorruisae 
ab ea aenleiUia, ut verisimüe haherent^ non ita longum post temporis 
8patnim et Antichristum et Christum esse appariturum, Quod quum 
non pro veritate inspirata, aed pro 8ua opinione venderent^ neque 
erroria sunt arguendi [?] negue pro impiis kabendV^ • Weder sachlich 
noch sittlich besser Buboerhoudt 1. 1. p. 159: „J^ eonsUio [de eou' 
ditüme mortuorum ante adventum Christi errorem ad tranquiUandos 
andmos depeUendi] se guodammodo accommodat komm opvnioni^ 
Christum brovi rediturum, quam dein atOgit c. 5, 1—3 [?] , postea id 
prudenter et studiose aeturus ne ea ineaute abutereniiur.^* 



254 St Paul über die Zeit der Wiederkunft Christi. 

nungy die übrigens nie das Ganze der Kirche, sondern nur 
einzelne Personalbeziehungen betrafen ; bezeichnet Paulus 
jedesmal ausdrücklich als solche , etwa mit klnl^ta (Rom. 15, 
24. Philipp. 2, 23 und eben auch selbst in unserem Br. 1 Tim. 
3, 14); oder, ebenso vertrauend wie in höhere Fügung er- 
geben; mit ^Xnl^o) kv xvQifp 'b^aov (Philipp. 2, 19) , oder^ bei 
wirklicher Gewissheit , noch gesteigert mit Jiinov&a (Philipp. 
1, 6), n, iv xvQiq) (2, 24), und oJSa (l, 25) : wie er denn auch 
selbst in diesen Hoffnungen und Ueberzeugungen allen nicht 
zu Schanden geworden; sondern alles dieses auch wirklich 
erfolgt ist; was insonderheit eben durch das Daseyn der 
Pastoralbriefe mitbezeugt wird. Dieselbe Wahrnehmung gilt 
auch von einzelnen ethischen Lebensordnungen, die er, ohne 
directen Auftrag des Herrn, aufzustellen hatte, wobei er 
ebenfalls mit zartester Gewissenhaftigkeit jedesmal ausdrück- 
lich scheidet, was der Herr durch ihn verordnet und was 
er selbst allein, mehr gutachtlich, aus treuem Apostelherzen 
im heiligen Geist anräth. So über die ehelichen Verhältnisse 
1 Cor. 7; 10: ;;den Verheiratheten gebiete nicht Ich, 
sondern der Herr," wogegen V. 12 „den üebrigen aber 
sageich, nicht der Herr,'' und V. 25f. „von den Jung- 
frauen aber einen Herrn- Auftrag {knvrayriv xvgiov) habe ich 
nicht, doch ein Gutachten gebe ich (yvci^Ltiv SiSwfu) als 
begnadigt vom Herrn treu (oder glaubwürdig, ni^ctog) zu sejn : 
so meine ich denn (vofii^io ow), dies sey gut wegen der 
instehenden Drangsal cet.''(S.235), und schliesslich V. 40: „nach 
meiner Meinung, ich glaube aber auch Gottes Geist 
zu haben" (xaTa\Tfjv ifi^v yvdifitiv, Soxci dk xayca jivavfia 
^eov ix^v). * Vgl. 2 Cor. 8, 8. 10. So dass denn dw Apostel, 
wenner an eine christliche Gemeine oder (wie eben an Tim.) zu 
Gunsten der Gemeine schreibt d.h. predigt und sein ebendarum 
auch sogleich an die Spitze der Sendschreiben (TT. anparo- 
log X. T. X.) gestelltes heiliges Amt fährt, niemals eine mo- 



* Wie ja denn eben diese Empfehlung temporäreir Ehelosigkeit 
nichts Geringeres war als eine authentisch-reale und durch die dafür 
gewählte Form ari xalov ätf&^toTttp %d ovrms ix,Bw y.'26 (vgl 
xaXov avd'^mnqf ywautpe fifj antso^a^ V. 1 u. 8) auch selbst for- 
male Suspension des directen alttestamentl. Gk>ttesworte8 ov naX^v 
elyai Tov äv^qanQv fiopov^ Qen. 2, 18. — Uebr. vgl. auch S. 205. 



8t Paol. über die Zeit der Wiederkunft Christi. 255 

dem ^^Bubjective'^ Muthmaassung auBspricht^ sondern; wenn 
er einmal nicht, wie in der Regel; nur der Mund o4er Qriffel 
Christi ist; auch selbst dann im steten Hinblick auf Ihn, in 
Corollarien Seines Wortes und Geistes redet. Auch seine 
„Sttb jectivität^' ist nur eine solche; von welcher gilt : „Christo 
bin ich mitgekreuziget; lebe aber nicht mehr Ich, sondern 
es lebet in mir Christus/^ (GaL 2, 19 f.) Niemals aber sagt 
der Apostel solches, was an diese, wenn auch so geheiligte; 
Subjectivität noch erinnert; da auS; wo er als Prophet 
der Zukunft der Kirche redet; wie eben an unserer Haupt- 
stelle , in welcher er im Gegentheil feierlich erklärt, iv Xoytp 
xvqIov zu sprechen. Das ist ein schon im A. T. fixirter 
Ausdruck, wo Min*^ "im, tv Xoyq) xvgiov (LXX), eine un- 
mittelbare Botschaft Jehovahs bezeichnet; s. z. B. 1 Kön. 
13; If. 5.; wie namentl. auch noch V. 9. 17. 18 u. 32 
zeigen in solchen das Festausgeprägte sorgsam wahrenden 
Verbindungen als mJr^ "nma "'b« ^ST; woher nun ebenso 
auch bei uns liyofiev iv Xoyfo xvgiov] wie denn dort auch 
die Uebertretung dieses msr^ *ia^ als mST^ "»c r« n^in V. 21. 
26 verurtheilt und mit ZeiTeissung durch einen Löwen be- 
straft wird. Wäre nun unsere neutestamentlicho; ebenso aus- 
drücklich mit dem allerheiligsten Namen beglaubigte und 
nur ganz mit der Versicherung iydo naqiXaßov and rov xv- 
qIov (1 Cor. 11; 23) zusammenfallende Prophetie nichts 
als eine ;;Subjective Erwartung^^ gewesen; die sich demnächst 
auch geschichtlich nicht verwirklicht hätte: * sie fiele un- 
widerruflich ganz und gar unter jenen Canon von wahrer 
und von falscher Prophetie (Deut. 18), die im Namen des 
Herrn redet was er nicht befohlen und was auch nicht 
eintrifft: Paulus hätte ;;in Vermessenheit geredet^' und 
wäre durch Gottes Urtheil des Todes schuldig gewesen.** 



* Der Ausweg b. v. Hofm. Schriftb. II, 2, 651 (vgl. h. Sehr. 
N.T. I, 23S), P. habe ^»sieher gewusst, dass das Gericht über Israel 
in kurzem erfolgen werde,'' — fuhrt um keinen Schritt weiter: die 
ocumenische Parusie, wovon hier in den Briefen an die Thes- 
salon icher die Rede, ist eben nicht erfolgt. 

** Oder glaubt man den Apostel von dieser Instanz durch 
die Solidarität seines ganzen Zelt alters d. h. dadurch losspre- 
chen zu können, dass man „nicht einen einzelnen Apostel für Hoff- 



256 St. Paul, über die Zeit der Wiederkunft Christi. 

Welch ein dunkler Makel für den auserwählten Apostel des 
Herrn, aruf dessen Lehre insonderheit unsere Kirche ge- 
stellt ist! Welch ein fressendes Brandmal auf dem theuer- 
werthen Panier der Schrift, das wir so hoch halten und 
welchem die Gemeine voll gläubiger Zuversicht nachfolgen soll! 
Doch Gott sey Dank! durch diese Umstände alle, die 



nungen verantwortlich machen müsse, welche aus überge^caltigen Ur- 
sachen [?] in der ganzen apostol. Zeit lagen " (v. Ew., Jahrb. IX, 269) ? 
Allein der Apostel redet eben gar nicht von „HoflFnungen", noch weniger 
von denen „seiner Zeit", die er auch gewiss mit ihren eigenen Hoffnun- 
gen zu belehren und zu trösten (V. 13. 18) für überflüssig gehalten 
haben würde; sondern es heisst ganz anders und feierlich: ^yo{M.evivX6y(^ 
xvq£w l Jener „Vermessenheit" eines „falschen Propheten" mit ihren 
Folgen macht sich jetzt vielmehr der Ausleger des Apostels schuldig, 
welcher dieses dv koyqj Hv^iov wider besseres Wissen und Gewissen nur als 
einen Ausdruck für Zeit- und Menscheuwahn angesehen wissen will. 
Oder sollte man sich andernfalls etwa damit trösten, dass „die Glau- 
bens Wahrheit unversehrt bleibe, wenn auch ein Apostel sich 
in einer, sein persönliches Leben [? iy/t*«»s/] betreffenden, Ah- 
nung oder Hoffnung getäuscht habe" (Lit. Centralbl. 1858, 
36)? Wiederum sagen wir, Niemand, geschweige ein Apostel durfte 
dergleichen mit Xeyo/uev iv Xoyip tcv^iov einführen! Welche 
Gewähr hätten wir denn auch noch fiir die eigentliche ,, Glaubens- 
wahrheit" , wenn man eitle „Ahnungen und Hoffnungen" ohne Scha- 
den für unmittelbares „Herrn- Wort" ausgeben durfte? Auch liegt 
das Selbstgericht solcher Behauptungen bereits darin, dass sie zu 
ihrer Stütze die schon der damaligen alltäglichen Erfahrung wie dem 
Wortlaut des Eingangs unserer Pericope ns^l rcav xotftofftivatv (d. h. 
wegen der fort und fort schlafen Gehenden, s. u.) widersprechende 
Erschleichung nehmen müssen , der Apostel „ erkenne jedenfalls 
eine Ausnahme darin, dass Gläubige vor der Parusie sterben^S 
und zugleich eine Psychologie, wonach „der Gedanke jener Mög- 
lichkeit des Erlebens für seine Gemüthsstimmung die Farbe der 
Wahrscheinlichkeit und für seine Ahnung das Gepräge der 
Gewissheit hatte," die er aber dennoch — „später aufgegeben." 
Und solch ein Schwärmen und Phantasiren, und zugleich solch ein 
Spielen mit Xäyofisv iv Xoytp kvqIov wird dem „berufenen Apostel Jesu 
Christi" beigemessen? Hierauf sollte die „Kirche des lebendigen 
Gottes", die Kirche zumal des lauteren „Wortes", Stand genommen 
und einen solchen Bestand haben, dass sie die Pforten der Hölle nicht 
überwältigen mögen? (VergL ob. S. 283.) — Man beuge sich seinem 
Worte, und die Ehre des Apostels, welche zugleich die seines Herrn 
ist, wird keiner Beschönigungen bedürfen. 



St Paul, über die Zeit der Wiederkunft ChriBti. 257 

sich wie Nebel und Wolken röthend und bleichend um un- 
sere Sonne lagern möchten, brach und bricht in Frühlings- 
macht ihr yoUer Glanz Btrahlend hindurch. Alle bisher po- 
lemisch vorgeführte Instanzen, alle nähere, fernere und 
fernste Umgebungen der uns aggressiv entgegengehaltenen 
Stelle, und zwar bis an ihren evangelischen Horizont hin- 
aus, sträubten sich gegen die Auffassung als trüge sie den 
hässlichen Flecken der Lehre eines zuletzt grundstürzenden 
apostolischen Irrthums durch die Jahrhunderte. Ebenso wird 
sich aber auch bei scharfem Hinblick auf die Stelle selbst 
mit ihrer Parallele — B) ezegetisoh ergeben, dass ihr Wort- 
laut eine solche Lehre gar nicht enthalten müsse und im 
Lichte der auch hier zu genauerer Einsicht führenden Qlau- 
bensanalogie, die bei Würdigung des im gesunden Leben 
niemals wirklich isolirten Gliedes nothwendig immer zugleich 
das Gesammtwesen in Betracht zieht und von den aposto- 
lischen Glaubenspredigern gewiss vor allen gewahrt worden 
ist, auch in der That gar nicht enthalte. 

Zunächst müssen wir dann freilich einige zwar wohl^ 
gemeinte aber selbst irrthümliche Erklärungen der betr. 
Hauptstelle — d. h. insonderheit des wiederholten Ti/jiBlg ol 
JwvTC^ oi n^vXunofiBvov bIq tt^ nagovalav tov xvglov („wir 
die da leben die da Übriggelassen werden auf die Zukunft des 
Herrn") — ablehnen, mit welchen ein anderer Sinn als der 
eines solchen prophetischen Irrthums des Apostels gewonnen 
werden soU, und sie um so mehr zurückweisen, als die Be- 
hauptung des letzteren jene verunglückten apologetischen Ver- 
suche als die einzig möglichen entgegengesetzten Deutungen 
anzusehen geneigt ist und auf deren Trümmern ihre Sieges- 
fahne anpflanzen zu dürfen meint. 

Solche Auslegungen, deren wir keine zu der unsrigen 
machen können , sind alle die von Lünem. im Triumph auf- 
geführten, wie etwa die: unter „den Lebenden" seyen die 
unsterblichen Seelen (Method.), oder die Gläubigen 
(Chrys. b. Pelt Comm. 87), oder (wie Obig., ed. Lomm. 
V, 275 flF.) „die wir (d. h. Paulus mit Silvanus u. Timotheus 
1, 1) im Geiste leben", zu verstehen. Solche und ähnliche 
Deutungen* mag man wohl zu „den künstlichsten und ver- 

* S. b. Pelt p. 87 (worunter auch die hypothetische 

HOELEMANlf, Neue Bibelstüdlen. 17 . 



258 S*- ^^^' ^^^^ ^6 Zeit der Wiederkunft Christi. 

Bchrobensten" rechnen, denn sie sind in der That höcbst ge- 
zwungen und dem Context, namentlich der wiederholten Er- 
läuterung {filzig.,) Ol neQiXunofisvoi Big rijv nagovalav rov 
xvqIov^ sowie dem Gegensatze ol xoifiti&ivttg (V. 14) und oi 
vexQol kv XpiöT^f* denen zugleich eine Bevorzugung bei der 
Parusie (ngärov V. 16) zu Theil werden soll, durchaus wider- 
strebend. Kaum weniger unlauter wird aber auch die im 
Uebrigen der Wahrheit schon näher kommende Gewinnung 
eines so zu sagen pädagogischen Sinnes unserer St. erschei- 
nen, wie ihn z. B. Calvin wenigstens zulässig findet, wo- 
nach Paulus gleichsam wider sein genaueres Wissen die 
Stelle «^sichtlich in paränetisch spannender Zweideu- 
tigkeit gehalten hätte.** Wohl ist nicht zu leugnen, die 
gewählte eigenthümliche Fassung verleiht den Worten des 
Briefes zugleich eine für Leser aller Zeiten vorhandene, und 
in jedem, Momente sich^ verjüngende merkwürdige Erweck- 
lichkeit; dennoch aber dürfen wir nicht sagen, der Apostel 
habe zu Gunsten der Paränese die Substanz der Wahrheit 
zurückgestellt, abgesehn noch davon, dass Paulus nach der 
ganzen evangelischen Heilsöconomie, erwiesenermaassen, über 
ein früheres oder ein späteres Kommen des Herrn keine 



K. 6. von TuBXBiiM. p. 109 „ttot viventea^ si modo ex eorum numero 
Hmu8^^) u. b. Schott 129 sq. — mit entweder zu kurzer oder zu weiter 
Fassung, wie z. B. Paulas habe seine (in dem Plural ^fitie doch ge- 
wiss , aber auch nur mit eingeschlossene) Person entweder gar nicht 
mitgemeint (Theodobet), oder an Steüe aller sodann lebenden Christen 
genannt (Theophtl. , 0. a Lap. „quicwnque viverU swe ex nobis nve e 
posteris iwstriSj quorum peraonam hie induo ei aubeo^^ 

* Dass hierbei aueh schon der Artikel überall „die Entzehlafe- 
neu", „die Verstorbenen'' als heimgegangene Christen meine, wes- 
halb eben auch in der Parallelst: 1 Cor. 15, 52 einfach oi ven^oi iye^- 
^ijaovTat af^a^xot^ s. b. Th. Dibstblhann, Jahrbb. f. D. Theol. VI, 3 
(üb. ßanTi^eod'a* vni^ zeSv vexQCJv 1 Cor. 15, 29^ S. 638 ff. — Vgl. bes. 
1 Cor. 15, 20. 2 Cor. 1, 9. Col. 1, 18. 

** ^jQuod in prima pereona loguena se gpiasi unum [fifiaUf] fcusü 
ex eorum mimaro^ qm usque ad diem extremum wckiri auntj eo vuU 
ThesseUomcenses in exspectationem erigere adeoque pios onmea ienere 
mepenaosy ne sibi tempvs aliquod promiitawt. Nam ut demuSy ipsum ex 
pectdiari revelaiione scivisse venturum aUquwnJbo seriue Christum; hanc 
tarnen Ecclesiae communem doctrinam tradi oportuit, ut fideks ommbus 
horia parati eseent,^^ 



St Paul, über die Zeit der Wiederkonft Christi 269 

besondere Offenbarung (gleichsam noch einen zweiten und 
anderen Ad;^o^ hvqIov als den grade hier bezeugten) haben 
konnte. Ueber dies alles will aber der Apostel in diesem 
Capitelabschnitte gar nicht anregen und spannen, was erst 
im folg. Cap. hervortritt; sondern belehren und trösten {ov 
&ikofi€V Vfias ayvoiiv^ aSekq>olj tibqI xm xoi'fuafiivwVj tva 
fiil kvn^a&€f 4, 13 vgl. 18). 

Wie verschieden indess auch immer modificirt| als die 
;/ast durchgängige^' Meinung älterer wie neuerer Ausleger 
findet LüKEM. selbst diejenige, ^^dass Paulus V. 15 weder 
von sich; noch auch von seinen Zeitgenossen^ sondern von 
einer späteren Periode der Christenheit rede'' (vgl. unt. b. 
Schott p. 129) — mithin das grade Gegentheil von 
dem, was die von Lükem. selbst vertretene Exegese der 
^^neuesten Zeit" darin erkennt; indem sie den Gedanken 
an solch eine spätere Periode schlechthin ausschliesst und 
nur das Zeitalter Pauli verstanden wissen will* Der exe- 



* „Jeder nicht schon im Voraus durch dogmatische Voraus- 
setzungen Befangene müsse anerkennen, dass Paulus an uns. St. sich 
selbst sowie die Thessalonicher denjenigen beizähle, welche die Parusie 
Christi noch erleben würden." Da nun aber zu den Dissentirenden 
orthodoxe wie rationalistische Exegeten zählen (s. S. 261) , so möchte 
sich deren vermeinte dogmatische Voreingenommenheit und mit ihr 
diese ganze Verdächtigung wohl neutralisiren ; wenigstens unsere Be- 
weisführung geht, wie man sieht, psychologisch und grammatisch 
vor. Die positive Theologie kann nichts dringender wünschen , als 
dass es damit, aber auch nach allen Seiten hin, nur immer recht genau 
möge genommen werden. Ezacte Sprach-, Geschichts- und Seelenkunde 
sind die Verbündeten der Orthodoxie, dieses Gesammtergebnisses zur 
Reife gelangter allseitiger Wissenschaft, während der Gegensatz die- 
ses aequdbüe tem^peramentum^ Ungleichmässigkeit in Kräften und Wis- 
senschaften, allerdings Subjectivität und Skepsis erzeugt, die wir daher 
so oft von der Jugend gefeiert, von dem Manne wieder abgestreift 
sehen. Einen zwar noch keineswegs vollendeten, aber sichtlich im- 
mer mehr annähernden Beweis dafür bildet die dreissigjährige Ge- 
schichte des Meyer sehen Commentars selbst, wenigstens in den ihrer 
objectiven Vollendung immer weiter entgegenreifenden Arbeiten sei- 
nes Begründers, an denen man lernen kann, was exegetischer Fort- 
schritt sey, und dass sonach die Zukunft der Kirche und Theologie 
wesentlich keine andere als die der Vergangenheil, die der Väter, 
der Reformatoren und der apostolischen Erzväter seyn werde und 
könne, welche die nachfolgende dogmatische Entwicklung schon voll 

17* 



260 St. Paul, über die Zeit der Wiederkunft Christi. 

getischen Schwierigkeiten und Willktirlichkeiten jener ent- 
gegengesetzt extremen Behauptung^ welche dem ihr nun eben 
so schroff entgegenstehenden Irrthume wohl in die Hände 
arbeiten konnten;* jetzt nicht weiter zu gedenken ^ so glau- 
ben wir allerdings^ dass sie Lünem. nicht ohne einiges Recht 
;;durch dogmatische Voraussetzungen befangen^' sehen mag: 
dies aber in einem anderen Sinne als wir^ denen Lünem. selbst 
und die von ihm repräsentirte „neueste Zeiif^ durch gleich 
unberechtigte dogmatische wie organisch - exegetische Rück- 
sichtslosigkeit befangen erscheint. Wohl fehlten die ersteren 
Erklärer darin ^ dass sie dem Apostel ein höheres und wei- 
teres Wissen um die Zukunft des Herrn beilegten^ als selbst 
„der Sohn'' sich zugesprochen hatte und als es die con- 
stante Schriftlehre; auch die Pauli selbst; aus sittlichem Grunde 
den Menschen zugänglich wissen will (s. ob.) ; also dass die 
dogmatische Pietät hier im eigentlichen Sinne zur einseiti- 
gen ward. Vielmehr läuft eine solche Deutung der Stelle 
ganz ebenso wie die ihr entgegengesetzte moderne wider 
die oben nach beiden Seiten dargelegte bündige Lehre des 
Evangeliums und eben auch unsrer Epistel selbst; dass näm- 
lich die Parusie Christi specifisch plötzlich und unerwartet 
— „wie ein Dieb bei Nacht" (;;Wie der Blitz" cet.) — eintre- 
ten werde ; dass mithin die Zeit derselben nothwendig 
unbekannt bleiben müsse. Ob man diese Zeit da oder 



und ganz in sich tragen und in festen maassgebenden Linien auch 
vorangedeutet haben. Daher denn auch statt, wie meist, allmälig von 
der Peripherie her, die Aneignung der Wahrheit ungleich, sichrer 
und erspriesslicher vom Centrum aus erfolgen kann und soljte. 

* Üebrigens z. Th. mit Motiven operirend, welche den zu dieser 
Classe gehörigen beispielsweise oben angeführten Erklärungen weit 
voranstehen, wenn auch immer noch mehr sophistisch als wahrhaft 
zutreffend und überzeugend. Man höre z. B. den feinen Bengbl 
(Gnomon): j^Homines ommum aetatum conjunctim unum quiddam r«- 
praeserUant ; fidelesque jam ölim exspectardeSj hdbentesgue se locotUorum, 
qui viciuri sunt in adventu Dominik pro eorum persona lociUi sunt. 
Viventes, et gui supersunt ad advenium Domim, sunt üdem; et hi pro- 
nomine Nos denotantur. Unaguaeque generatiOy quae hoc vel tUo tem- 
pore vivity occupat illo vitae suae tempore hcum eorum, qui tempore ad- 
ventus Domini victv/ri sunt. Sic lo Nos hie p&nxtwr ut alias nomina 
Ca jus et Titius,^'^ cet. 



St Paul, über die Zeit der Wiederkunft Gbristi. 261 

dort genauer ansetzen wolle, bleibt sich im wesentlichen 
ganz gleich, gradeso wie es im Evangelium auch von dejn 
Orte dieser Wiederkunft heisst: so man sagen würde, ,;Siek 
da! oder sieh dort!^^ sollen die Jünger nicht hin- noch 
nachgehen (Luc. 17, 23., vgl. Bibelstud. ü, 169. 161). Eben 
die engere Festsetzung auch der Zeit als solche ist das 
Schriftwidrige und Falsche. 

Welches ist denn nun aber diejenige Erklärung unserer 
vielversuchten Stelle, welche ebenso dem Wortlaute als der 
nothwendigen dogmatischen d. i. glaubensanalogen Vor- 
aussetzung und hiermit allen Bedingungen einer gesunden 
Exegese gerecht wird? Im Ganzen genommen ist dieses 
allseitig angemessne Verständniss auch schon in früherer 
Zeit keineswegs ohne alle Vertretung. Selbst Grotiub , wel- 
chen LüNEM. sich näher glaubt als er wirklich steht, erklärt 
in der Hauptsache richtig so : (V. 15.) „Omntno putavit Pau- 
bis fieri poase ut ipae viveret fudicii univeraaUs tempore; — 
hoc fuit in iUo aroxcc(JTix6v. — Ergo qaod ftOurum diacrt- 
men inter hominea pioa aä, certum eatj id a Ohriato ipai pate- 
factum^ non item in ubra claaae ipae futwnia eaaet,'^ (V. 17.) 
yjNoa inguüf quia putabat fieri poaae %U inter eoa eaaet, aicut 
modo diximua}^* Und das ist im allgemeinen Umrisse die 



* Aebnlicb J. G. Süskind, de naQovaiq Christi quid atatuerit Pau- 
lu8y 1795 (Literat, p. 2 8qq.) mit bes. beachtenswerthem Nachwort 
des Präses G. C. Storb) p. 20 sqq. : ^^Innuere igitv/r videtur fieri quo- 
que passe ut ipse dtüque Christiani tum viventes e numero eorum fu- 
turi sint, qui non morituriy sed tantum mutationem subituri sinty quia 
iüos ctdhuc vivos Christi adventus sit deprekensurus (p. 21). — Ipsam 
vero exspectationem Christi mox adventuri dum silentio praeterit et ver- 
bis fifiBiQ oi icSvjeg v. 15 6^17 utOur^ rem scdtem in medio relin- 
quit^^ (p. 22). So auch L. Pelt, Comm. 1830 p. 87: ,y fieri posse ut 
cum iisy ad quos scribitj ipse moeret jvdicU extremi tempore: Ha ad vigi- 
lantiam hos excitat üsque securitatem excutere studet , horam edocens et 
tempuSy gmbus judex venturus sit, unumquemque hominem ignorare}^ 
Und ganz ebenso H. A. Sohott — welchem man wohl noch weniger 
dogmatische Voraussetzungen beimessen wird — Comm. 1834 p. 130 sq. : 
iyfacüe fieri posse ut na^ovaia Christi mox eveniat^ in vita adhuc su- 
perstite aliqua pa/rte hominum tum vivenäum cet. — haud negaturus 
quidemf int&r homines quoque non dum natos, in vitam terrestrem 
posthao prodituros, fore, qui ad nagovaiav usque Domini superstites 
maneant;*^ coli. p. 31: „nee Paulus nee aUus Apostolorum vel curio- 



262 St. Paul, über die Zeit der Wiederkunft Christi. 

allein correcte Stellung, * welche der Apostel in dieser Frage 
nach dem Gesammtinhalte des Evangeliums einnehmen konnte. 
Diesem und nur diesem Standpuncte entsprechen auch die 
von ihm wirklich gebrauchten Worte. ** 

Schon nach der ausgesprochenen Veranlassung zu die- 
ser apostolischen Belehrung (V. 13 oi) MXofMV ijfiäg äyvo%iv 
n%Ql räv xoi>fioifiiv(aVy iva firj kvTtija&i) zerfällt die Ge- 
meine des Herrn jetzt in zwei Ordnungen, in Lebende und 
den Todesschlummer Schlafende. Eine dritte giebt es nicht. 
Die Zugehörigkeit zu der einen oder zu der anderen ist in- 
dess keine erstarrte, sondern eine fliessende, indem letztere 
durch Uebergang Einzelner aus der ersteren fortgehend zu- 
nimmt, während auch diese wieder neue Glieder in sich auf- 
nimmt. Beide Ordnungen selbst aber sind als solche auf 
einige Zeit von einander getrennt. Von den verschiedenen 
Phasen beider bis zur endlichen und ewigen Wiederver- 
einigung Aller mit Allen bei Christo ist nun eben die Rede 
nach einer Offenbarung des Herrn. 

Diese Belehrung an die Gemeine der Lebenden hat zum 
Gegenstand eben nur die Beziehungen der beiden grossen 
Ordnungen zu einander, ohne gleichzeitig auch zu offenbaren 
und offenbaren zu können, wer alles im Augenblick der 
Parusie zu der einen und wer zur anderen dieser Ordnungen 
gehören werde. Der bestimmt angegebene Zweck der Mit- 
theilung kann und will daher überhaupt nur dahin gehen, 
die hofihungslose Trauer in Betreff der Entschlafenden 
zu heben (iva f^Ltj Ivnrjü&s xa&(og xal oi Xomol oi fitj %oi/- 
TBQ iXniSa, V. 13). 



sius cmnumy cUem, horam hujus eomti indagavity vel unguam certo ex- 
epectavit,' se in terra superstitem fore ad redüum usque Servatoris.^^ 
Noch specieller üb. uns. St. Ders. unt. 

* Incorrect ist freilich auch hier der willkürliche Zusatz von Grot.: 
„Ttam quod ea in re Paulus maluisset magisque opinatus est, id non 
evenit, nuUo tarnen ipsius damno^^ [?]. S. dageg. schon» ob. S. 260. Wo- 
her anders will man denn ein solches j^magis opinari^^ kennen, als 
eben aus den Schriften, in denen aber Grot. selbst dies grade 
nicht zu finden scheint ? 

** So die beständige Apostellehre, wie sie auch Petrus (1. 1,13) 
gleichso ethisch-practisch (vgl. ob. S. 238 f.) darlegt : 8id dva^mad/usvot 
vag 6ofvaq r^s Siavoias vficjVj v^tpovres reXsiofs ilniaare inl. 



st Paul, über die Zeit der Wiederkunft Christi. 263 

Wir haben uns hiernach wohl nicht erst gegen die Mög- 
lichkeit des Vorwurfs zu verwahren, als ob wir so der oben 
verworfenen Scheidung, zwischen dem eigentlichen „Herrn- 
Worte'' (iv ^yq) xvqIov) und einem zugemischten subjecti- 
ven Irrthum seines menschlichen VerkündigerS; durch jenes 
unser Verständniss , wonach sich das Herrn -Wort auf das 
gegenseitige Verhftltniss beider Christenordnungen bis zu ihrer 
Wiedervereinigung bezieht, jetzt uns selbst näherten. Wir 
lassen nach keiner Richtung hin die Annahme eines IiTthums 
zu. Die Substanz der Offenbarung ist, als vom Herrn, eine 
unverbrüchliche heilige Wahrheit. Eine positive weitere Mit- 
theilung des Apostels, subjectiver Art und so gleichsam 
zweiten Ranges (über spöcielle Zugehörigkeit an diese oder 
jene Classe zur Zeit der Parusie), können wir dabei nirgends 
entdecken. Das, was man gewöhnlich dafür ansieht, geht 
uns vielmehr schlechthin in der Form des Ausdrucks für 
die erstere substantielle Wahrheit auf. Aber eben diese Form 
entspricht dermaassen den evangelischen Aufschlüssen des- 
selben Herrn über Unmöglichkeit des Wissens um den Zeit- 
punct der Parusie, dass wir nicht den entferntesten Grund 
sehen, nicht auch zugleich die Anlage eben zu dieser ganz 
eigenihümlichen Form (ohne welche ja wohl keine positive 
Lehre mittheilbar ist) von demselben himmlischen Urheber 
dieser Offenbarung mit herzuleiten. 

Zugleich ist freilich, wie bei dem Mysterium der Inspi- 
ration überhaupt, auch der Träger der Offenbarung von ihr 
durchdrungen; die es übermittelnde Diaphanhülle des himm- 
lischen Lichtes ist auch selbst von ihm erhellt durch und 
durch. Die Uebersetzung der Himmelssprache in das Ver- 
ständniss der Pilger unter der Sonne geht eben auch durch 
solch ein menschliches Medium hindurch (denn wir „halten 
auch diesen Schatz in irdenen Gefässen" 2 Cor. 4, 5 — 7), vor' 
allem wunderbar aber dadurch, dass solche übernatürliche 
Mittheilung dabei rein bleibt und dennoch zunächst dem 

r^v tpe^Oftivrjv vfiXv zai^iv iv aTtOHakvyat ^Irjaov Xq^otov, wo das Partie. 
Präs. {dpMQOfiivriv) ebensowenig „aus dem Bewusstseyn der Gewissheit 
und Nähe des Bchliesslichen Heues fliesst*^ (Wibsimo., Comm.1856 S. 93), 
Bondem auch nur das überhaupt im Kommen Begriffene, ohne dem 
Wann so oder so vorzugreifen, sauber angiebt. 



264 St- Paul, über die Zeit der Wiederkunft Christi. 

menschliclien Dolmetsch sich assimilirt. Und so übersetzt 
auch jetzt der Apostel die nur aus ,dem Jenseit mögliche 
Offenbarung über das Jenseit in die Sprache des Diesseit 
und in seine Zunge. * 

Jene beiden grossen Ordnungen, lebender und schlum^ 
mernder Christen, sind weder für den Apostel und noch 
weniger für seine Leser eine kühle indolente Objectsfrage : 
nicht nur sind sie mit dem lebendigsten Interesse des Herzens 
wegen ihrer entschlafenen Lieben dabei, und wie bald können 
auch sie selbst zu den Schlummernden gehören: sie fiihlen 
warm sich selbst jener noch geschiedenen heiligen Gesammt- 
gemeine des Herrn zugehörig, sie sind ihr einverleibt. Kann 
das ohne das lebendige Wir gesprochen werden? Äudem 
in einer brieflichen Zuspräche, nicht einer anatomisch 
zerlegenden und zergliedernden Abhandlung!** 

Und in welche der beiden, auf einander harrenden, 
Christenordnungen sollte nun dieses athmende Wir sich stel- 
len? Unter die Lebenden oder unter die schon im Tode 
Entschlafenen? Wer könnte zweifeln! Selbst wenn der 
Ap. an ein noch kommendes ferneres Geschlecht mitdachte, 
welches zu der jetzt noch unbekannten Zeit der Parusie das 
„lebende" seyn d. h. es ganz allgemach geworden seyn könnte, 



* Es ist altorthodoxe Lehre über die h. Schrift: ^yStylo ipso seu 
ddectu et «tructura verborum pro diversis scribenUum ingeniisy mot'ibtis, 
affectibus et charactere dicendi consueto^ Variante. — Quumque auctor 
Scripturae primarius unus sit ac tota Scriptura d'eoTtvevaros , faten- 
dum est, Spiritum S. tpsum in suggerendü verborum conceptibus ac- 
commodasse se ad indolem et conditionem amanuermum}^ Baiebi Com- 
pend. Theol. pos., Prolegg. c. II. §. 7. 

*^ Selbst wenn P., gegen das Evangelium, einen prophetischen 
Blick in die zeitliche Gestaltung der grossen Zukunft gethan, und, 
abermals gegen das Evangelium, hier ihn hätte weiter offenbaren 
wollen, würde man es erträglich oder gar vollkommner finden, wenn 
er in diesem Trostbriefe theilnahmlos (ohne ly/teTs) bloss geschrie- 
ben hätte: oi ^cavrss oi nsQiX, — ov fir^ ^S'daoioi, {fpd'daovtai) rovs 
xoifA, f — Es wäre überhaupt wünschenswertb, von den Gegnern eine 
Formulirung zu vernehmen, die, zugleich apostolisch und epistolisch, 
den unsrem Ap. beigemessenen Irrthum d. h. sein Missverstanden- 
werden absolut ausschlösse. Wir fordern unsere dissentirenden ße- 
censenten ausdrücklich zu solchen Versuchen auf. Der im Nach- 
stehenden erwähnte ist erwiesenermaassen misslungen. 



St Paul, über die Zeit der Wiederkunft Christi. 266 

durfte er bei dieser schlechthin alternativen Gfegenüber- 
Stellung eines lebenden imd eines schlummernden Chri- 
stengefichlechtS; da eben jenes lebendige Wir und darin der 
Apostel sammt allen seinen Lesern vor Aller Augen zur 
Zeit das lebende Geschlecht darstellte, und diese jetzt 
Lebenden immerhin möglicherweise zugleich eben auch zur 
Zeit der ja so ganz ungewissen Parusie wirklich und abso- 
lut das noch lebende Geschlecht seyn konnten, — ohne 
Verleugnung aller Sprach- und Natur-, Liebes- und Lebens- 
gefUhle nicht anders sagen als tjfieig ol ^ävtegy „Wir die 
Lebenden." 

So bedürfen wir nicht der rhetorischen Figuren der 
xoiviOöig {fyCommuntcatio, * quae est quasi cum üa ipsü, apud 
quos dtcaa, dd&eratiof'' C i c. de or. 3, 53) oder „enallage per- 
sonae/^ welche Annahme Lünem. der ihm entgegenstehenden 
Erklänmg, indem diese ,;das Anstössige der Worte beseiti- 
gen wolle," nachsagt. Er selbst glaubt, in dem Falle, dass 
);die spätere Generation der Christenheit, welche die Parusie 
erleben werde," gemeint seyn solle, hätte statt t^fietg ol ^m- 



* Z. B. mit Ako. Hünn. , epp. ad Theßs. 1603 p. 89 sq. : „Per 
commurdcatiorda figuram^ quam Chraeci xotvonoCrjoiv appellant, ita logui- 
tur in persona prima, idque propter unüatem mysticam, quae est ommum 
Christianorum inter sese^ propter quam id, quod uni evemt memhro, 
ad reliqua eUam suo modo pertinere judicatur;^^ oder neuerlich mit 
Hetdenbeich zu der andern St. 1 Cor. 15, 52 (wo u. a. auch v. Flatt 
so): „Communicative , per xoivoaotvj hquitur de hominibus coetus sui, 
suae religionis ac familiae^ quamvis aetas eorum ah ipsius aetate remo- 
tissima esset^^ (vergl. b. Schott p. 130 sq. z. B. Job. 6, 32 ov Mcovoije 
9e8iox8P iffilv TOP äQtov in rov ov^avovj 7,19.22. lPetr.4, 3). Wird 
hiermit dem ^fiete stillschweigend die Zusammengehörigkeit durch in- 
nere Bande unterstellt, so geschieht das gegen den klaren Sinn des 
erläuternden Zusatzes wenigstens unserer St. oi ^tüvres ol neQtXeino- 
fierot X. T. A., wonach das communicative „Wir*^ hier nur einfach das 
der Gleichartigkeit in der Stellung gegenüber den Verstorbenen ist 
(s. y. 15. 16 f.). Derselbe Grund , wie auch die erklärte Absicht 
zu trösten (Y. 13. 18), spricht gegen die noch weitergehende Be- 
schränkung des 17^6(6 auf die Categorie der im Gruss 1, 1 vereinigten 
Drei (Obig. ob. S. 257) oder gar auf die Ausschliesslichkeit des Apo- 
stels (yergl. Calv. 258 u. vorhin Hunn.). Eine ähnliche fiejdßaotg eis 
äXXo yivo9 an diesem „Wir^^ möchte sich auch sogleich bei dem 
scharfsinnigen Gegner der Communicatio, bei Lünsm. selbst zeigen. 



266 St PaoL über die Zeit der Wiederkunft Christi. 

T«g X. r. X, ,;nothwendig '^fioiv ol ^wvtbq — ov (iri q>&a' 
öovrav Tovg xoi/irj&h^Tag geschrieben werden müssen/' 
Allein von dem ungleich weniger Lebendigen, fast Compen- 
dienmässigen^ ja Pedantischen dieses Schematismus abgesehn, 
ist hierauf zu erwidern — einmal dass dann etwas ganz An- i 

deres dastünde, als Paulus überhaupt sagen konnte, indem er 
durch diese augenfällige Andeutung weiterer Todesfalle in- 
nerhalb der Gemeine die Parusie in jedem Falle weiter hin- 
aus verlegt hätte, als er wissen konnte und sollte; and 
sodann dass der Apostel damit auch zugleich seine ange- 
nommene einfache Classificirung im Handumwenden aufge- 
geben und eine ganz neue begonnen hätte. Lünem.. 43elbst ; 
bemerkt ja gegen die Möglichkeit der Annahme einer „Cono- 
municatio'^ an unserer St., dass „hier fjfieig oi ^ävieg x. r. k, 
als eine besondere Classe von Christen den xovfifj&ivTsg als 
einer zweiten Classe in scharfer Abgrenzung gegenüber- \ 
gestellt wird." Hätte nun Paulus wirklich nach jenem Vor- 
schlage geschrieben rj/iäv ol ^ävtsg — ov firi (pß-aaovrcu, \ 
Tovg xoifi/rid'ivTag , so wäre an die Stelle der vorherigen all- | 
gemeinen Zerf^Uung des Gesammtbestandes der Christen- { 
heit in noch Lebende und bereits Entschlafene {xoi^fifj&ev- 
reg) plötzlich die Zerfallung des diesseitigen G^meine- 
bestandes in später noch Lebende und bis dahin weiter 
Entschlafene getreten. Aber eben dies konnte Paulus nicht 
sagen, weil er nicht wissen konnte, ob nicht das ganze 
eben lebende Geschlecht die Parusie, er selbst mit ihm, er- i 
leben werde; welche „Möglichkeit, es könne plötzlich noch 
über die gegenwärtig bestehende Thessalonichergemeine \ 
der Tag des Herrn hereinbrechen," Lünem. selbst (S. 123) | 
„auch 5, 4 ausgesprochen^' findet. Wie nun L. bei der jetzt | 
gegebenen authentischen Fassung den Apostel in der Mei- | 
nung, die Parusie zu erleben, sieht: ebenso würde man 
allerdings bei der substituirten anderweiten Fassung (zumal 
durch die dritte Person ov fi^ (p&aaovtai) den Apostel 
als sich dann unter den Entschlafenen denkend glauben 
dürfen, wobei er aber nicht minder den evangelischen Canon 
vom Wissen um die Zeit der Parusie überschritten hätte. * 



* „Si Apo8tolu8 illis forsitan na^deino/urotg 96 accenfere prot- 



St. Paal. über die Zeit der Wiederkunft Christi. 267 

Drängt man dagegen den Apostel mit dem von ihm 
geschriebenen '^futg oi ^ävv^ so hart; als es geschieht; nun 
so möge man es nur auch in voller Consequenz, nach allen 
Seiten hin thun: man möge dann nicht nur sagen^ Paulus 
habe sich als die Parusie erlebend dabei gedacht; man 
muss dann auch hinzufügen; er habe von Allen und Je- 
dem; zu denen er das Vf^aig ol ^ävteg spricht; das Gleiche 
gemeint Liegt etwa nicht in dem tifiets ol ^cSvrsg das Eine 
wie das Andere? Die Hand aufs Herz: ist man wirklich 
des Glaubens; Paulus habe gedacht; dass Keiner der Chri- 
sten; wenn auch zunächst nur derer im fernen Thessalonich; 
bis zur Wiederkunft des Herrn schlafen gehen werde?* Das 
müsste er bei allseitigem Druck auf den Wortlaut des 
TfieTg oi Cävreg gemeint haben.** In diese Nöthigung der 
Folgerichtigkeit haben sich die Gegner selbst gedrängt. Ge- 
ben sie aber das Letztere auf; so ist selbstverständlich das 
Erstere mit freigegeben. 

Man übe sodann die gleiche Consequenz auch in noch weite- 
ren Kreisen. Fresst man das Wort des Apostels in diesem Send- 
schreiben nach Thessalonich, so wird man es auch in den anderen 
Briefen thun müssen. Nun schreibt derselbe Apostel z. B. nach 



8U8 noluissetf sie acribi dchehat v. 15: oxi oi t^mvteg oi ne^iX, atg 
rrjv naQOvaiav tov x. ov firi ^d'äaovxai rjfiäs tovg xoi/irjd'^vTne cet.," 
Schott p. 131. Damit wäre der Apostel aber in der Lehre (von dem 
Wissen um die Zeit der Parusie) ebenfalls dogmatisch-ethisch incorrect 
und zugleich seiner erklärten Absicht untreu geworden, den leben- 
den Lesern über ihr künftiges Verhältniss zu ihren entschlafe- 
nen Lieben bei der Wiederkunft des Herrn Aufschluss und Trost zu 
spenden. — Uebr. vgl. unt. S. 271 Weiss. 

* Bereits Schott fragt p. 128 sq.: jyQuomodo tandem de ommbua 
una cum ipso tum viventibus Chrütiania^ in quihua havd dubie ettam 
fuerurU aetate provectiores, certo exspectare potuü fore ut ipsos adJvac in 
terra versantea deprehenderet dies Domini f^^ 

** Bemerkte hierüber Weibs a. O. : das sey ,,eben nur dasselbe 
mechanische Pressen der Worte, das von einenä Verstehen derselben 
aus ihrem lebendigen Zusammenhange und Zwecke heraus absehe:*^ 
so übersah er, dass wir grade in Anwendtlng dieses seines Grund- 
satzes die Gegner desselben und zwar eben durch die Consequenzen 
des ihrigen , ähnlich als ob. S. 238 ff. , ad absurdum zu führen, d. h. 
mit ihreYi eigenen Waffen zu schlagen hatten. S. unt. S. 270 f. 



268 St Paul, über die Zeit der Wiederkunft Christi. 

Corinth* positiv Folgendes: II.4,(llff. ^fUtgol^ävtiQTc.T.i..) 
14 6 kyBiQas TOP xvQU)V 'Itjaovv xai rifiäq ctfv'Ifiaov äyBQBt 
xal nagaarrjasi' avv vfiiVj „der erweckt hat den Herrn 
Jesum wird auch uns mit Jesu erwecken und darsteilen 
sammt euch" (vgl.I. 6,14**). Hier also ist die Annahme 
der Auf erweckung — offenbar aus dem Todesschlafe, wie ihr 
innerer Zusammenschluss mit der Auferweckung Jesu zeigt, 
— und zwar Auferweckung desselben Apostels und seiner 
Zeitgenossen, welcher zu den Thessalonichem gesprochen 
haben soll: wir werden, ohne zu entschlafen, des Herrn 
Parusie noch erleben! — Und wie stünde es um die zwi- 
schen diesen Contrasten gleichsam hin- und herschaukelude 
Stelle in unserem eignen Briefe (1 Thess. 5, 10) eirBygi]- 
yogäfuv bIts xa&tvScofiBv , „gleichviel ob wir wachen 
oder ob wir schlafen" (vgl. Rom. 14, 8. Philipp. 1,20 ff.)? 
Setzt das nicht jenes, ohnehin bereits in sich zerfallene, an- 
gebliche nähere Wissen um die Zeit der Parusie schliesslich 
in die offenbarste Indifferenz? — Und in der That, diese 
ist der rechte Grundton, um welchen die übrigen, an- 
scheinend einander entlegenen. Klänge sich harmonisch zu 
einem vollen Accorde gruppiren, oder auch das Thema, auf 
welches die variirenden Gedankenverbindungen alle zurück- 
kommen.*** Dieser Grundgedanke wird aber gewonnen, wenn 

* Um Yon der schon angef. Parallelstelle 1 Cor. 15, 51 f. jetzt abzu- 
sehen, deren eine LA. wenigstens (Lachm.) ndvreg \jiiv] xoi/urj^rjaS- 
fiB&a („alle — werden wir entschlafen") für die Gegner das grade 
Gegentheil ihrer Deutung jener Offenbarung an die Thessal. besa- 
gen würde, — und ebenso auch abgesehn von der schwerathmenden 
Stelle 2 Cor. 5, 1 ff. über die Auflösung unserer irdischen Zeltbe- 
hausung und unsere Sehnsucht überkleidet zu werden. 

^^ Nach T. Rec. %ai v/iSs. Und sicher so an die Bömer 8, 
11 o iyeiQae XfftaTOv (^It^aovv) ix vexgmv ^afonoa^aai xai rd ^vtiTa aci- 
finta vfimv. Wird man etwa hier behaupten, der Apostel habe sich 
dadurch hinwiederum den (aufzuerweckenden) christlichen Zeit- 
genossen gegenübergestellt ? Man sieht, durch das Drücken von ^fuiUy 
vftsie u. a. würde das der Exegese vor allem nöthige „Salz" (granum 
saUs) — zertreten werden. — Auf jene unabweisliche Consequenz 
macht übr. schon Joh. Bamasg. aufmerksam: ei yäf ^lop xarakafißa- 
vsrai, 'JuSg iyai(fnai; 

*** Den schon oben (S. 245 vgl. 253) mit einem Streiflicht getroff(^en 
Rückzug, welcher einer Zeit subjectiver Atomistik sehr leicht fällt and 



st Paol. über die Zeit der Wiederkunft Christi. 269 

man jene Stellen in wahrhaft freisinniger Allgemeinheit 
zasammenfasst; aus ihren vielfarbigen Strahlen entsteht im 
Brennpuncte ihrer Concentration das edle Lichtweiss der die 
ganze h. Schrift einheitlich durchziehenden Wahrheit, zu 
welchem jene Farbenstrahlen in keinem Gegensatze stehen, 
von wachem sie vielmehr nur ausgehen als seine einzelnen 
Bestandtheile, in welchem sie daher ebenso wurzeln als wie- 
der aufgehn, so wie jedes Ganze aufgeht in der Gesammt- 
heit seiner Theile. Dieses Verhältniss hat denn auch die 
Auslegung dieser h. Schriften in der Schrift wohl zu be- 
achten; und diese Forderung ist eben keine andere als die 
schon oben berührte der Glaubensanalogie. In Anwendung 
dessen auf die uns vorliegende Specialfrage wird deren Be- 
antwortung nach der überallhin consequenten Gesammtlehre 
des Apostels; die wieder nur im Einklänge mit dem Gesammt- 
evangelium steht, dahin gehen: er selbst ist überall eben 
nur ein Theil der Christenheit, welche der Herr bei seiner 
Wiederkunft zur Heimholung derselben theils entschlafen, 
theils noch lebend d. h. so antreflFen wird, wie der Apostel 
68 eben ist. Der Zeitpunct dieses weltverwandelnden Ereig- 
nisses selbst aber ist nach heiligem Rathschluss und feier- 
lichster Erklärung ein tiefverhüllter: er kann sehr nahe, er 
kann auch jenseit des Lebens dieser Generation liegen. 

Endlich möge man, statt einzelne Worte einseitig zu 
urgiren und dadurch eine Dissonanz in den himmlischen 
Accord zu bringen, vielmehr die Grammatik recht urgi- 



nnr ihren Sympathieen entspricht, dass man nämlich dem Apostel ver- 
Bchiedene , in sich selbst unvereinbare , Standpuncte bei dieser Frage 
je nach verschiedenen Zeiten und Gelegenheiten beizumessen sich 
erkühnt, hat man als einen Schritt gegnerischer Verzweiflung an- 
zusehen. Das Stärkste der Art, ein wahres Extrem von Wandlungen 
der pauL Eschatologie , bietet der Commentar von Baümgabtbn - Gau- 
SIDS 1848 S. 167, wonach sogar schon allein innerhalb der beiden 
Briefe an die Corinth. ebensowohl die Vorstellung, dass die Par- 
usie „noch in die Lebenszeit der Gegenwärtigen fallen werde** (1 Cor. 
15, 51. 2 Cor. 5, 1) , als die entgegengesetzte gefunden werden soll, 
dass Paulus „sich selbst unter den Todten mit bezeichne*' (1 Cor. 
6, 14. 2 C.4, 14). Wie leicht war es bei diesen naiv -extremen Re- 
sultaten, das allein Richtige in der einzig correcten schwebenden 
Stellung des Apostels zu dieser ganzen Frage zu erkennen! 



270 St Paal. über die Zeit der Wiederkunft Christi. 

ren. Das thut nun zwar in gewohnter Weise der Meyer sehe 
Commentar auch an unserer Stelle. Mit Abweisung der unbe- 
rechtigten Auffassung der Participia Prues. tjävxBQ und n^i^- 
Xemofievoi^ un Sinne des Futurs,* findet LiJinsM. in ihnen 
richtig eine „Bezeichnung des Zustandfes, wie er in der Ge- 
genwart vorliegt und bis zur Parusie sich forter|treckf 
Konnte es dann aber einen treffenderen, einen meisterhaf- 
teren Ausdruck fiir das geben, was Paulus nach allen be- 
stimmenden Umständen zu sagen hatte und nach unserer 
Auffassung gesagt hat ? Das heisst ja nicht, dass der iden- 
tisch fortdauernde Zustand der Allgemeinheit auch Identität 
des Zustandes der einzelnen Personen erheische. Dies würde 
ad absurdum d. h. eben dahin führen, dass Paulus mit Be- 
stimmtheit die Parusie, bevor weiter Eins von den Leben- 
den stürbe, erwartet hätte. Vielmehr redet er in die leben- 
dige Gegenwart der Allgemeinheit hinein, und sie, 
diese Präsenz, war das Maassgebende der Formulirung, in- 
dem wirklich „dieser Zustand, wie er in der Gegenwart vor- 
liegt, auch bis zur Parusie sich forterstreckt." 

Letzteres aber ist auch noch ganz ausdrücklich ge- 
sagt durch den bedeutsamen Zusatz ol TtSQvkeiTtofJievoi^ 
Big Tfjv nctQovalav rov xvqIov („die übriggelassen werden auf 
die Zuk^inft des Herrn"). Spricht hier schon das slg, ob- 
wohl zunächst Ausdruck der Bestimmung und Aufsparung 
(1 Tim. 6, 19), die ganze mögliche Länge der Zeit bis 
zu der Parusie aus, so ist das ol nsgi^lemofievoi^ eine so 
deutliche und bedeutsame Epexegese zu jenem tifiBig oi ^üv- 
T€g, welches sich mit demselben auch »V. 17 wiederholt, dass 
es unbegreij9ich scheint, wie man den Sinn des Apostels so 
hat missverstehen können, als es von modemer Exegese ge- 
schieht.** Wie unbequem muss ihr der jedesmal gewissen- 



^ Calv.: ^^Quum cUcit: Noa gut aurmia super stites, Tempuh Praesens 
locoFvihArimorehebradco usurpcti,^'^ (Auc1iPblt87.) Einleuchteuder schon 
Bbnoel : y^Temptis Praesens in utrogue Participio est Praesens pro adventu 
Domini, uti Act 10, 42" [x^atjJs lC,(6v%oiv xai vexQmv] et passim; ne- 
gue eo asseruit P. tarn propinguum esse diem Christi}^ 

*^ Sehon Joh. Dam.: vaiiia Xiymv t^ koiv^ owfj^sia rov Xoyov 
ix^ijoato T^ rjfM,el9 oi t^cüwae' ort 3e Tovro Xeye*, indyat ol naq^" 
Xemo/iBvoi. Dies in Umkehrung verwischend Bulumo. b. M a r 1. : „ Qmos 



8t. Paul, ttber die Zeit der Wiederkunft Christi. 271 

haft wiederholte epexegetieche Zusatz seynl Wäre nicht 
der von ihr angenommene Sinn in dem alleinigen ti/iÜQ 
ol ^mtis viel deutlicher? Warum nuxi; und zwar jedesmal^ 
der alsdann nur schleppende Zusatz? Er soll eben dazu 
dienen^ dass jenes tjfuilg ol f^wvreg nicht so grob wörtlich 
genommen werde ^ als lehre der Apostel damit, er und alle 
seine lebenden Zeitgenossen würden dep Tod nicht sehen; 
soll dazu dienen, dass nicht ausgeschlossen sey, e^ könnten 

adveniue Domtni reaiduos hio et vivos deprehendet ^ non antea pro- 
tUbufit ohmam ChrUto gervatari, quam cet,^* Richtig anhebend v. Hofm., 
h. Sehr. N. T. I, 283 : ^^zur Einschränkung von ol iOpris muss der 
Beisats (oi ntpd, h. t. L) dienen nnd besagen, in welchem Um fange 
und also dem Sinne nach allerdings mit welcher Bedingtheit tj^itU 
oi Z^hfTBs gemeint ist," — „so aber, dass die im Leben stehende, die 
gegenwärtige [?] Gemeine mit Hinausschreitung [V] über diese Be* 
dingung und mit Absehen [?] von den vielen oder wenigen Einzelnen, 
welche aus ihr hinwegsterben werden, als die zur Erlebung jenes grossen 
Tages bestimmte erscheint (Hebr. 4, 8/' : worin, da es keine Zurücknahme 
des eben Zugestandenen seyn kann, ebenfalls die Anerkennung einer 
bleibenden Strömung der Lebenden gegenüber der ebenso fliessenden 
Categorie der entschlafenen Gemeine, ohne dass die da- oder dorthin 
gehörigen Individuen — also auch der Apostel selbst — als solche 
speciell in Betracht kommen (s. unt.)- Dasselbe, nur etwas hand- 
greiflicher, auch bereits b. Schott p 128 sq.: „/mo notio univerea 
^/lole oi iäivr§£ hu limitibua ciroumaeribitur oi nB(fdBtn6fiavo$ 
cet.': ii noHmm {Chrüti cuüorum), nunc viventium^ gut euperstttes 
manaerint uaque ad reditum Domini,^^ — Wenn hingegen Weiss, wel- 
chem „unbegreiflich ist, wie wir auch in den einzelnen Auedrücken 
lauter Indicien gegen seine Auffassung [der apostol. Erwartung als 
eines Irrthums] finden können," sich den appositionellen Beisatz oi 
nB^tXetn, so zurecht legt, dass P. nun „die jetzt Lebenden erst aus- 
drücklich als solche bezeichne, die übriggelassen werden auf die 
Zukunft des Herrn*': so heisst das zu Gunsten einer vorgefassten 
einseitigen Ansicht die vermeinte Selbsttäuschung und Losreissung 
des Apostels von den klaren verhüllenden Worten des Herrn im 
Evangelium, und zwar dies grade unter Vorwendung „eines Herrn- 
Wortes,** — noch recht auf die Spitze treiben ! — Gegen diese ganze 
unberechtigt in Possess gekommene Anschauung erinnern wir beiläufig 
noch an eine treffende Analogie b. v. Mosh., Erkl. S. 567 : „Ein Herr 
kann einen seiner Lehnträger mit diesen Worten verpflichten : . Du 
sollst diese oder jene Gefalle abtragen so lange mein Geschlecht dauern 
wirdl Will er damit sagen, dass der Lehnträger das Ende seines 
Hauses erleben werde? Nein, er hofft, dass sein Geschlecht weit 
länger bleiben werde, als der Mann, dem er befiehlt/* ~ 



272 St. Paul, über die Zeit der Wiederkunft Christi. 

an die Stelle der augenblicklichen l^civr^g successiv auch 
andere eintreten : mit einem Worten die appositioneile Epe^e- 
gese Ol nsQiXEmofievoi^ und zumal eben als Partie. Praes.,^ 
erklärt das fjfiatg ol C^vreg. Während unsere Gegner die 
Epexegese mehr oder weniger unbewusst das Erklärte 
seyn lassen, ist es vielmehr die Art aller Epexegese, laut 
ihres Namens als ,,Nacherklärung^^, eben zu erklären, sie 
muss al^ das Deutlichere enthalten und wirkt dadurch 
auf die Sinnesbestimmung des Voraufgehenden ; ohne dass 
dieses dadurch aufgehoben würde, maassgebend zurück.** 
Wer aber wird in dieser authentisch hinzugefügten 
Erklärung (pl TisQvksiTt.) nun das finden können; der Apo- 
stel lehre in dem Voraufgehenden, er sammt den Lesern 
allen werde die Parusie des Herrn gewiss noch erleben? — 
Im Gegentheil, man darf sagen, die Rede, ausgehend vom 
lebendigen Wir (vH-sig), strebe mit den nächsten beiden Be- 
griffen (ol ^favTBQy ol TteQikecTtOf^evov) in immer weiter langenden, 
sanffcen Wellenkreisen, das anfanglich concret Einsetzende 
mehr und mehr überwindend, zu einem universalen Gedan- 
ken hin, dahin, dass Paulus und die mitlebenden Thessa- 
lonicher in dem werdenden Zustande des TtaQiXeiTtea&cu 
(„übriggelassen werden") persönlich von der Zeit wohl auch 
überholt werden könnten, wenn auch durch das anhebende 
und immer mit nachklingende tifietg ol C^vreg zugleich die 
entgegengesetzte Füglichkeit eingeschlossen wird, dass sie 
zuletzt doch auch die übriggebliebene Generation seyn 
könnten. Fürwahr, eine wundervoll gestaltete Rede, worin 
sich der Apostel einschliesst und doch, falls die „dem Vater 
allein" vorbehaltene Bestimmung es anders fugte, auch all- 
mälig wieder diEuraus zurücktretend! 



* £b heisst nicht „die übriggebi ebenen 'S wie es heissen 
mü&ste, wenn dad hier Bekämpfte der Sinn unserer Stelle wäre; viel- 
mehr sind es ganz wörtlich die nach und nach (im werdenden 
Zustande) „übriggelassen werdend en'^ was, in elastischem 
Maasse, auf eine längere Periode gleichso als auf eine kürzere passi 
** Epexegesis nomine sigmficantur oratioms partes j qmlms pro- 
prie et nominatim explicantur ea guae antea svmi obscurius 
vel generatim atgue universe cUcta cet. L. A. A. Aulin, de usa 
epexegesis in Hom. carm. Ups. 1858 p. 2. 



St. Paal. über die Zeit der Wiederkunft Christi. 273 

Eben diese für das Verständniss des Gesammtsinnes so 
bedeutsamen beiden Participp. Praes.; besonders aber das 
epexegetische letztere ol n^Qi^unofitvoi ^ empfehlen auch fUr 
V. 13, worin das Thema angekündigt ward, die Lesart 
neuerer Critik n%Ql räv xoi^fi(ofiiv(av (Lachm. nach AB 
und Sin. aa.;* statt des T. Rec. xixoifjirjfAivayp) innerlich 
«tark. Denn da Hoifiäad-ai im Praes. das Schlafengehen 
oder Entschlafen und erst im Praet. das Entschlafenseyn 
oder Schlafen bedeutet, so stellt jenes Partie. Praes. xovfio)' 
fiivwv das fortgehende Schlafengehen oder Hinwegster- 
ben** von dem und wieder jenem in der Brudergemeine, 
also eben einen noch immer fortwährenden Zustand dar, 
dessen Vergögenwärtigung und Fortdauer sodann unsere wei- 
teren Particc. Praes. des 15. V. wiederaufnehmen; wohingegen 
oi xoifi7]&ivTcg V. 14 und 15 alle, die in abgeschlossener Weise 
entschlafen sind (\rofur daher auch V. 16 ol vexQoC), umfasst. 
So haben wir den werdenden Zustand und zugleich das 
Flüssige der augenblicklichen Zustände auf beiden Sei* 
ten: hier allgemach das Schlafengehen, dort allgemach 
das Uebriggelassenwerden. Beides ein Zeugniss wider den* 
Irrthum, den man dem Apostel beimisst, näher zugesehen 
aber ebendamit nur selbst begeht. 

Nun hat freilich Lünem. zu dessen Erhärtung in der 
„verbesserten und vermehrten- Auflage" seines Commentars 
S. 124 behauptet, unsere entgegengesetzte Erklärung „schei- 
tere an dem Artikel vor ^£pt^ und yiBQvXunoiiivoif^ und 
mit diesem allereinzigen Schlage unsere ganze Argumenta- 
tion beseitigt gemeint Unserer Auffassung würden also nur 
die Participia ohne Artikel entsprechen? Nimmermehr I 
Nicht nur dass diese dann weder unsern noch überhaupt irgend 
einen entsprechenden Sinn träfen, unser Verständniss erheischt 
den Artikel sogar unbedingt. Ohne Artikel nämlich hiesse 



* Doch auch schon früher z. B. von Turretin. bevorzugt p. 106 : 
„itoi/bnofterotv in Praesentif qt^ notantur non modo w, gut antea morttä 
fuentnt, aed et gut guotidie moriehantur et morüuri era/nt: haecLecHo 
potior videtur.^^ 

** Mithin wenigstens nicht zunächst Martyrien (H. Thiersch, 
d. Kirche im apost. Zeitalt.), wogegen eben diese fliessende Allgemein- 
heit des brieflichen Ausdrucks. 

HOELEMAKN, Neue BibeUtadien. 18 



274 St. Paul, über die Zeit der Wiederkunft Christi. 

VH^S ^ävres nsQ^Xemofievoi bei Subordination des ersten Par- 
tie.: „wir lebend übriggelassen-werdend," — als ob es auch 
ein ntQvXBiniad'av der Verstorbenen gäbe; bei Coordination 
beider Participia aber entweder: wir als Lebende, Uebrig- 
gelassen-werdende, oder: wir lebend, übriggelassen- werdend, 
— beides also eine Eigenschaft oder Zuständlichkeit, welche 
die folgende Aussage motiviren oder bedeutungsvoll beglei- 
ten müsste. Ersteres könnte jedoch nicht bei ov fit/ q>&a- 
aiüfiev Tovg xoLfirj&ivrag , und letzteres zumal nicht bei äfice 
avv airoTg aQnayrjaofuO'a geschehen. Im ersten Falle ent- 
stünde sogar die entgegengesetzte und sinnlose Aussage: 
(als) „lebend, übrigbleibend auf die Zukunft des Herrn werden 
wir nimmer vorauskommen den Entschlafenen,'' — also würden 
alle nur durch den Tod hindurch zu dem Herrn kommen, 
eine durch den Beisatz TteQvXsmofuvot in sich selbst zerfal- 
lende und auch wohl nie dem Apostef zugeschobene Be- 
hauptung; im andern Falle aberböten dieselben Ausdrücke den 
hiermit direct contrastirenden Sinn : nach Auferweckung der 
Todten werden wir lebend, übrigbleibend auf die Zukunft des 
Herrn zugleich mit ihnen entrückt werden, — wonach es den 
Schein hätte, als wären die auferweckten Todten dann nicht 
auch „lebend'' und als gäbe es auch nach derParusie noch ein 
TtegvXeiTtea&ai sig t^ Ttagovffiav tov xvgiov. Statt also den 
Artikel der Particc. entbehren oder gar nicht ertragen zu 
können, fordert ihn unsere Erklärung vielmehr ganz ent- 
schieden. Zugleich steht oi ^üvreg oi mgikBi^Ttoiitvoi. x. r. A. 
in V. 15 u. 17 im scharfen Gegensatz zu rovg xoLfit]&iv- 
Tccg V. 15 und zu oi vexqoi V. 16, wodurch wir zwei in der 
Sache und nothwendig auch durch den Artikel geschiedene 
Classen erhalten, deren erstere den Art. auch schon darum 
haben müsste, weil die letztere (oi xovfiri&ivtBgj oi vexQof) ihn 
hat. Diese durchgreifende Classificirung bildet eben die Pointe 
und die leuchtende und lichtende Bedeutung unserer Stelle. 
Hat übr. Lünem. unserer so eingehenden Darlegung, ausser 
jenem nichtigen und unüberlegten, darum auch von keinem 
andern unserer Reco, aufgegriffenen Grunde, sonst gar Nichts 
entgegenzusetzen gewusst, dann hätte er billig Bedenken tra- 
gen sollen, in der neuen „verbesserten Auflage" seines Com- 
mentars von neuem den hohen Apostel eines sogar mit dem 



St. Pattl. über die Zeit der Wiederkunft Christi. 275 

Namen seines Herrn bekräftigten Irrthums zu zeihen und 
seinen christlichen Lesern ein Aergerniss zu geben. 

lieber dieses alles aber führt uns der, vor dieser un* 
umgänglichen Abweisung eines unberechtigten Einwurfs^ er- 
örterte Punct in Betreff der flüssigen Particc. Praes. und zumal 
des TtSQi räv xoifi(Of44v(üv auf einen, noch ausser der gramma- 
tischen Formation, in unserer Stelle selbst enthaltenen auch 
— C) realen Qegengrund wider das falsche Verständniss der- 
selben. Worüber sollen denn eigentlich die Leser, deren 
dogmatische Lücken 3, 10 (tä vateQfjfiara tijg marmg vfiwv) 
erwähnt worden sind, an unserer Stelle „tröstlich" unter- 
richtet werden (V. 13. 18)? üeber die Entschlafenden 
(tibqI TÖiv xoifi(afiiv(ii)v V. 13, nicht die Entschlafenen). Dieses 
in den Schlummer Uebergehen kann aber ebenso die Brüder 
des Lesers als ihn selbst treffen. Und bei näherem Zusehen 
ist die letztere Rücksicht bei dem Apostel sogar die vor- 
waltende. Sein aufrichtender Trost kleidet sich in die kräf- 
tige Versicherung : ov (iti q)&daa)fiev toifg xoi^fjitj&ivtag — die 
Lebenden werden nimmer vorauskommen den Entschlafenen, 
keinen Vorsprung vor ihnen haben. Hiernach liegt das ei- 
gentliche Interesse amObject dieser Lehre nicht sowohl auf 
Seite der Lebenden als solcher, sondern vielmehr auf Seite der 
Entschlafenen; Erstere betrifft es eben nur insofern, als sie 
auch zu Letzteren werden und gehören können. Hätten die 
Lebenden nicht fUr ihre Person Besorgniss gehegt, jener 
Trost würde anders haben formulirt werden müssen, als dass 
sie vor den Todten nichts voraus haben würden. Wie 
er aber nun lautet, gilt er ja freilich den lebenden Le- 
sern, aber doch eben nur insofern, als sie, nach bisheriger 
und täglicher Erfahrung, sich auch schon jetzt in die Classe, 
zwar nicht der xoifir^&ivTeg , aber der xoifioi/ievoc gehörig 
wissen und fühlen. (Dasselbe persönliche Interesse an der 
Sache wegen des Sterbens und der Sterblichkeit beherrscht 
auch die sogleich näher zu besprechende Parallelstelle 1 Cor. 
16, 51 vgl. V. 12 ff.) Hieraus ergiebt sich mit unausweich- 
licher Nothwendigkeit und durchgängiger Harmonie zu den 
schon dargelegten doctrinalen und philologischen Gründen 
die Gewissheit, dass Paulus unter rjfielg oi ^ävteg nicht 
konnte meinen, die Generation der Gegenwart werde der 

18* 



276 St Paul, über die Zeit der Wiederkunft Ciiri»ti. 

wiederkehrende Herr noch am L#ben finden und keines ihrer 
Glieder inzwischen versterben, da hiermit diese ganze Be- 
iehrung ihren Zweck und Boden verloren hätte. Und so 
würde mit wenigstens gleichem Rechte aus der hier gebrauch- 
ten Formulirung auch die grade entgegengesetzte Erwartung 
des Ap., nämlich die von dem gewissen Versterben aller 
seiner Zeitgenossen vor der Parusic; gefolgert werden können. 
Doch eben diese Dehnbarkeit der Auslegung nach beiden 
entgegengesetzten Seiten ist der scUagendste Beweis dafür, 
dass sich Paulus der wagerechten und allein rechten Stel- 
lung zu der Frage um die Zeit der Wiederkunft Christi 
wohlbewusst geblieben, wie er sie ja auch alsbald 5, 1 ff. 
noch ausdrücklich darlegt. 

Wir bekennen von neuem, die Ausdrucksweise des grossen 
Apostels an Kürze und schmiegsamster Angemessenheit für 
eine mit Nothwendigkeit so schwankende Gedankengestaltung, 
ebensowie an Zartheit und Innigkeit immer unübertrefflich 
gefunden, darum aber auch jeder versuchten Correctur oder 
Eindämmung der vom Herzen aus durch alle Glieder in das 
feinste Hautgeäder lebendig pulsirenden Strömung mittelst 
anderer Formen und anderer Gedanken stets nur mit Lächeln 
und Betrübniss zugesehen zu haben. — 

Was im Bisherigen wesentlich von 1 Thess. 4 gesagt ist, 
dasselbe gilt auch zugleich von der bereits hier und da mit 
herbeigezogenen Parallelstelle 1 Cor. 15. Sie erhält, wo sie 
minder klar ist, die Zurechtstellung ihrer Sinneserfassung 
von der ersteren als der schon darum maassgebenden, weil 
ihr Text in allen wesentlichen Puncten feststeht. Anders ist 
es eben mit 1 Cor. 15, 51 f., wo die LAA. nicht nur überaus 
mannigfaltig lauten (s. Reiche, Comm. crit. in N. T. 1, 297 sqq.), 
sondern auch, und zwar in beiden Wagschaalen mit starkem 
äusseren Gewicht, einander wie Position und Negation gegen- 
überstehn und aufzuheben scheinen. So eben die bereits (S. 236. 
268) vorgeführten Hauptgestaltungen, der T. Rec. : TtdvTeg fiiv 
ov xoi^fjLriß'riao^&a^ ndvteg Se akXaytjöOfiB&ä^ und Lachm. 
(mit Sin.) : Ttdvrag [fiiv] xoififi&^jaofie&a, o v nccvteg Si alka- 
yriaofii&a. Ist es bei unsicherer Sachlage der äusseren Critik 
irgendwo das Amt der inneren, die Entscheidung zu geben, 
so ist es, wie oben S. 199 ff., gewiss auch hier der Fall. 



Sil Paul, über die Zeit der Wiederkunft Christi. 277 

Der Apostel kann nach den bisherigen Ausführungen und 
in diesem Zusammenhange auch an sich nicht gesagt haben, 
weder: wir alle werden nicht d. i. Keiner von uns wird 
sterben; noch auch: Alle werden wir sterben, nicht alle 
aber verwandelt werden. Mtisste der T. Rec. beibehalten 
werden, dann möchte die gewöhnliche Bedeutung von nSg — ov 
(WiN. S. 155 f.) kaum noch ausreichen und es könnte ds^s 
hier, wie auch sogleich im Folg.; voranstehende navrtq diese 
Stellung nur durch besonders betonende Umstellung* erhal- 
ten haben, grade wie mit unserem ;;Alle werden wir nicht 
entschlafen'^ auch gemeint seyn kann und zunächst verstan- 
den, wird; dass sich der Tod nicht auf Alle erstrecken 
werde. Dafiir ist auch die Stellung des iiiv im T. Rec. nach 
navTBQ sowie die gleichbetonende Correspondenz des ebenso 
zusammengehörigen navttg Si** Kächstdem würde bei Gel- 
tung des T. Rec. dann nothwendig auch im zweiten Qliede das 
nävreg 8e aXXayrjffofie&a (,;Alle aber werden wir verwandelt 
werden") einen allgemeineren; auch auf die Todten sich er- 
streckenden Sinn erheischen, anders als im folgenden V.: „die 
Todten werden erweckt werden; und Wir werden verwan- 
delt werden '^ (x. rifulg akkayfjaofiBd'a), *** Wie nun aber 



* Vgl. Win., Gramm. S. 485 ff. ; Wilke, Neutestamentl. Rhetorik 
S. 375. 214 ; Reiche 1. 1. 309. 311. „Man irrt, sagt v. Hopk., Schriftb. II, 2, 
654, wenn man meint, die Verneinungspartikel stehe am unrechten Orte, 
sie will nur nachdrücklich betont seyn," vgl. Num. 23, 13 fitQog n av- 
rov 6\p8iy ndvrag de ov ftTJ iSfjSf für MN^IPl fi<b lbl31 ?lN^n ItlSfcp 0B^^. 
S. auch A. Neander, Ausl. d. Brr. an d. Cor. (theol. Vorless. II.) 1859 
S. 264, undC.H. A.BüRöBR, IBr.P.an d. Cor. 1859 S.229 („Alle habe 
den Nachdruck vermöge eines stillschweigenden Gegensatzes zu den 
Vielen, zu der überwiegenden Mehrzahl, welche wirklich entschläft" 
— „die Alle ausnahmslos treffende Verwandlung sey im Gegensatz 
ihrer jetzigen Beschaffenheit gedacht", s. nachh.). 

** Vergl. Klopfer , z. paul. Lehre von der Auferstehung, Jahrbb. 
f. D. Theol. VII, 1 S.32f. 

*** Ueber die Bedenken hierbei s. Win. 490, welcher aber auch 
hinzusetzt: „der Zweifel, dass Paulus etwas solches habe 
vorausverkündigen können, vermag mich nicht zu bewe- 
gen, dem dllttTT. V. 51 eine andere Bedeutung zu geben als V. 52." 
Doch ist hier das aip&aqxoi der Todten nur synonym mit dem«AAatT«a»9'a« 
der Lebenden. — Eine anderweite Auffassung desselben Textes, dahin : 
alle (Christen) werden wir nicht schlafen gehen (wie es etlichen von 



278 St Paul, über die Zeit der Wiederknnft Chritfti. 

auch Text und Erfassung dieser noch schwebenden Stelle, 
woraus bei dem jetzigen (wohl nicht ohne Einfluss jener 
schon früh mehrfach missverstandenen grossen Parallelstelle 
1 Thess. 4 so mannigfaltig formirten) critischen Thatbe- 
stände auch die Gegner unserer Ansicht von der Stellung 
des Apostels zu der Frage um die Zeit der Parusie etwas 
für sie objectiv Evidentes nicht entwickeln können, ferner- 
weit sich gestalten mögen : der inneren Critik ist dieses evi- 
dent; dass ein anders lautender Sinn ihr nimmermehr zu 
Grunde hegen könne, als welchen der Apostel dort an die 
Thessalonicher verkündigt hat Ganz insonderheit ist die 
hierher zumal bezügliche concise Entgegensetzung (1 C. 15, 
52) von Ol vexQol iyBQ&jjaovTai ätfdaQroi, xai riftBig ctlXa- 
yriGoyit&a („die Todten werden erweckt werden unverwes- 
lich, und Wir werden verwandelt werden'^ in derselben 
Weise, wie dort (1 Th. .4, 16 f.) ol vbtcqoI kv Xg. avaanj- 
aovrai ngcSrov, inura rjfisig ol ^cSvreg ol n^Qi^Bino^BVoi 
X, T. A. und wie wir uns darüber ausgesprochen haben, za 
verstehen. Ist der Gegner am letzteren Puncte zurückgewor- 
fen, am ersteren kann er sich dann nicht mehr halten. 

Hier wie ausfuhrlicher dort ist der Sinn der aposto- 
lischen Lehre, zusammengefasst, folgender: Die Gemeine 
des Herrn, jetzt geschieden und noch immerfort sich schei- 
dend in Lebende und Schlafende, wird bei der Wiederkunft 
Christi beiderseits in verklärter Gestalt wieder vereinigt zum 
ewigen Leben. Die Entschlafenen stehen auf mit unverwes- 
lichem Leibe, worauf die Nichtentschlafenen verwandelt und 
sammt jenen entrückt werden nach Oben dem Herrn ent- 
gegen. Der dies darstellende Apostel musste dabei in leben- 
diger Briefansprache sammt den Angesprochenen, als sein 
86g fiOL nov <yr«o, nothwendig einen der beiden allein mög- 
lichen Standpuncte persönlich einnehmen: naturgemäss hat 
er sich mit den Lesern als eben Lebende unter die Leben- 
den gestellt, ohne damit den Zeitpunct jener ersehnten Ca- 
tastrophe irgend näher bestimmen zu können. Durch eine 
unnatürliche, wenn auch der kommenden Geschichte ent- 

uns geschehen); alle aber (die wir in jenem Falle sind) werden ver- 
wandelt werden, — sie würde u. a. die Schwierigkeit eines weiteren und 
engeren Sinnes nur von dem aXlaxT» auf navzes verlegen. 



St. PauL über die Zeit der Wiederkunft Christi. 279 

sprechende Wahl des entgegeDgesetzten Standpunctes hätte 
er nicht nur das ihm mögliche Wissen übergriffen, er hätte 
zugleich der absolut unbekannt bleiben sollenden göttlichen 
fiestimmung dieser letzten Weltepoche vorgegriffen, ebenso 
als wenn er sich durch die wirklich eingenommene rheto- 
risch-lebensvolle und zugleich weislich zurückhaltende Stellung 
das Erleben der Parusie zugesprochen hätte. Er konnte 
sie erleben; er konnte aber auch in Erwartung derselben 
zu den Entschlafenen übergehen. Wie er sich nun eben 
ausgesprochen, hat er nicht minder natürlich - lebendig als 
apostolisch - orthodox geredet. Die wahrhaft gewählte Fas- 
sung geht mit gleicher Wahrheit und Wirkung durch alle 
kommende Geschlechter,* ebenso fern von ertödtender Lässig- 
machung wie von überreizender Anspannung. Dagegen hätte 
jede andere Formulirung/ die so oder so wirken musste, eine 
transcendente und selbsterwählte d. i. häretische Festsetzung 
enthalten, und wer eine solche willkürliche Zeitbestimmung 
der Parusie, wie sie bei chiliastischen Schwärmern durch 
die ganze Geschichte der Kirche hindurch in verschieden- 
ster Gestalt, z. Z. namentlich im Irvingismus repräsentirt, 
immer wiederkehrt, auch einem Paulas nachsagt, zeiht den ^ 
Apostel des Herrn einer ethisch-dogmatischen Häresis. Da 
nun aber Derselbe gar keine neue Lehre über die Zeit der 
letzten Weltepoche aufgebracht, sondern zu der schon damals 
vielbewegten Frage über diesen ebenso ersehnten wie gefUrch- 
teten Zeitpunct sich so vor- und umsichtig gestellt hat, wie 
der getreue Verkündiger des Evangeliums allein es durfte und 
konnte, so trifft jener paradoxe Vorwurf zurückfallend in Wahr- 
heit vielmehr die, welche ihn bewusst oder unbewusst auf 
den hohen Apostel wälzen, mit dem wir vielmehr eben be- 



* Ja Bbno. bemerkt: 8tM aetate sie loquentea SancH auxere 
subsequentium ctetatum obligaHonem exapectancU Dominum. Statt 
grober Abweichung, also vielmehr lebendigstes Eingehen in die In- 
tention des Herrn bei seinen Erklärungen über die Unbestimmbar- 
keit der jederzeit zu erwartenden Zeit seiner Wiederkehr. „Ein Christ 
muBS eben in seinem Berufe arbeiten, als wenn es noch Jahrtausende 
im gegenwärtigen Gleise wpiter ginge, und dabei doch täglich sich 
bereit halten auf den Tag des Herrn.** F. Fabui, d. Entstehung des 
Heidenthums und die Aufgabe der Mission. 1859. S. 109. 



280 St Paai über die Zeit der Wiederkunft Chrieti. 

kennen (lTh.5;9f.), dass „unser Herr Jesus Christus gestor- 
„ben ist für uns, damit; ob wir wachen ob wir schlafen^ 
„wir allzugleich mit Ihm leben!" 



Der warme Wunsch, mit dem wir die eyste Veröffent- 
lichung dieser nicht ohne Spuren göttlichen Segens geblie- 
benen apologetisch - exegetischen Studie * schlössen , kann 
sich mit ihrer Erweiterung nur erneuern, dass sie an ihrem 
Theile immer mehr und mehr zur ernsten Warnung gedei- 
hen möchte, nicht nur dem Apostel und in dieser Richtung 
allein, sondern auch überhaupt dem zarten Leben der heil. 
Schrift bei Verschmähung und Verdeckung des in unserer 
Glaubensregel strahlenden Ober- und Kuppellichtes zu nahe 
zu treten und ihre einzelnen Organe durch Scheidung vom 
Organismus in spastische Disharmonie mit diesem zu setzen^ 
was sicher die Probe einer verfehlten Erklärung ist. Nicht 
niu* giebt das den schwachen und'gläubigen Seelen ein Aerger- 



* Während d'eselbe bei ihrer nächsten Adresse (s. ob. S. 236 u. 
273) allerdings fruchtlos geblieben ist, hatten wir dagegen die Genug- 
thuung, — nachdem sie Gbrsdorps Leipz. Repert. „schlagend" 
und „überzeugend" und die Zeitschrift f. d. ges.luth. Tbeol. 
und Kirche „siegreich" gefunden, der Pilger aus Sachsen mit 
einer gelungenen Einkleidung dieser Untersuchung in volksthümliches 
Gewand „die Ehre eines hohen Apostels durch sie gerettet*^ erklärt 
und selbst das so viel anders stehende Liter. Centralbl. (vgl. ob. 
S. 256) die einschlagende Exegese „sorgfaltig" und „gut geheissen" 
und darin „eine richtige Modification der Auslegung" anerkannt wie 
auch das Theol. Lit. -Bl. zur A. KZ. „von einer gezwungenen Ex- 
egese keine Spur" entdeckt, ferner schon v. Hofmann unser Ergebniss 
schweigend im wesentlichen angenommen hatte (s. ob. S. 271), — in 
der Auslegung der Briefe an die Thessal. von Auberlen und Ki&gbs- 
BACH (Langes BW. N. T. X. 1864. S. 67 f.) von einem so besonnenen 
Exegeten als Prof. Dr. Riggenbach nicht nur das hier erhärtete Re- 
sultat, sondern auch die Beweisführung dafür fast wörtlich adoptirt 
und darin eine Bürgschaft der Hoffnung zu sehen, dass treues Mühen, 
einen der heil. Schrift immer wieder von neuem angedichteten Flecken 
für gewissenhafte Schrifterklärung fernerhin unmöglich zu machen, 
doch nicht vergebens gewesen ist, worin uns auch persönliche Zu- 
schriften mit Danksagung für daraus geschöpfte Giaubenszuversicht 
noch gestärkt haben. Preis und Ehre dafür dem heil. G^ist, welcher 
aus den Aposteln redete (Matth. 10, 20), so dass kein hingebendes 
Vertrauen ihrer Ausleger und Apologeten zu Schanden werden kann! 



St. Paul, ttber die Zeit der Wiederkunft Christi. 281 

niss (Matth. 18, 6), nicht nur unterhöhlt es unser nothwendig 
in sich festgeschlossnes und einziges evangelisches Bollwerk, 
ee .wirkt je länger je mehr auch dahin, die rechte Freiheit 
und Unbefangenheit der Exegese vielleicht auf langehin zu 
verdächtigen. Zu dieser Unbefangenheit gehört aber frei- 
lich mehr als particularistisches, ja atomistisches Absehen von 
dem weiteren Schriftgehalte, dessen gewissenhafte Berücksich- 
tigung vielmehr zu ihren forderndsten Bedingungen gehört. 
Es möchte schwer zu sagen seyn, ob solche exegetische 
Eurzsichtigkeit oder die um grammatische Puncte unbe- 
kümmerte Weitsichtigkeit von grösserem Uebel sey. Die 
heil. Schrift ist grammatisch, immer aber zugleich cano- 
nisch d. h. aus sich selbst zu erklären, und nicht das ein- 
zelne Schriftstück allein aus sich, sondern immer auch 
zugleich aus und nach dem grösseren und grössten Schrift- 
ganzen.* Diesen Universalismus ihrer Exegese fordert der 
Einblick in den Character des Organismus, wie er allem 
Wahren zugehört, und noch mehr der Glaube an ihre 
Offenbarung. 



* Daram ist auch kein wirklich abgerundeter und voller sogen. 
„Lehrbegriff^' einzelner biblischer Schriften und Schriftsteller, darum 
auch keine s. g. „Theologie** nur eines oder des andern Testamentes 
an sich ausführbar. Nur einem Semler — und überhaupt seit dem Ver- 
duften der Lehre von göttlicher Einhauchung der h. Schrift — war 
es natürlich und paselicb, ,,68 für eine unnütze Demonstration zu er- 
klären, dasB man alle Bücher der ganzen Bibel und des Neuen Test 
in ein homogenes Ganze verwandelte/* (S. Lebensbeschr. von ihm selbst 
I, 282.) Um wie viel grossartiger und offenbarungswürdiger bestimmt 
unsere Apolog. CA. 13. p 290: Exempla juxta rcguiam h. e. juxta 
Scripturas certas et ciaras, non contra regulam seit contra Scripturas 
iiOerpretari convenit. Thut es doch in ihrem Gebiet sogar die Ju- 
risprudenz, indem sie die einzelnen etwa dunkleren Gesetzstellen 
nach dem obersten Grundsatz und nach helleren Puncten der gesamm- 
ten rechtsgültigen Legislatur erklärt; ingleichen die Philologie, 
welche die Einzelerklärung ebenfalls nie ausser Zusammenhang des 
anerkannten Sinnes und Genius des Alterthums aufstellen kann ; und 
80 überhaupt jede Wissenschaft Um wie viel mehr die Exegese 
tcar ^ioxi]v^ deren Zwiespältigkeit mit sich selbst ihr ja das Herz 
bräche. 



m 

DIE 

BIBLISCHE HANDAüFLEGÜiNG. 

— ndXiv &6fi.sliov HnxnßnXXSfieroi /tsravoins nno 
vBXQutv iffycatf xal Triazewg ini d'sov . ßauTioftäv 
*St3ax^s^ in if^eoetog ts X'-^QO^^^ nvnaidoem xb 
vexuCJt^ X«» xQifinxos aimviov, Hebr. 6, 1 f . 

Mitten unter den Fundamental -Artikeln des Christen- 
thums, eingeschlossen von Bekehrung (Busse), Glaube und 
Taufe einerseits wie andererseits von Todtenauferstehung 
und ewigem Gericht, zunächst aber angeschlossen an die 
Taufe* steht hier die Hände au flegung. Sie ist dem- 
nach ein jenen anderen christlichen G'rundelementen eben- 
bürtiges,** gleich wichliges Lehrstück, welches der aposto- 
lische Verfasser, ebensowie auch die übrigen, nur eben darujn 
nicht wieder aufnehmen zu wollen erklärt, weil es zu den 
bekanntesten Elementar -Lehren zähle. 

Je mehr es dagegen uns mit noch andern Fundamental- 
sätzen der Offenbarung, wo nicht abhanden gekommen, so 
doch zurückgetreten und fremd geworden ist, um so näher 
müssen wir nach jener biblisch-authentischen Würdigung ihm 
wieder treten. 

Als ebensoviele Belege und Zeugnisse dieses wirklichen 
Bedürfnisses müssten schon die mehrfachen Besprechungen 
eben dieses Themas aus jüngster Zeit gelten. Allein eben 
diese Wiederaufnahme des hochwichtigen Gegenstandes, ob- 
wohl sogar von einander entgegengesetzten Seiten ausge- 



* Näher „Lehr - Taufen ** {ßnnnajuojv Btdnxfis) d.h. Taufen auf 
eine Lehre, wie Matth. 28, 19 f. (vgl. Win. Gt. 168. 173. 486; nachh. 
Kasten S. 86). 

** Auch selbst durch Coordination der Partikeln t« — t« — x«i. 



Die biblische Handaaflegung. 283 

gangen, scheint nur um so mehr zu erheischen, „wiederum 
Grund zu legen" {naXiv &efiihov xccraßcclXea&at) für einen 
Artikel, dessen ununterbrochene Continuität von dem 
ersten Buche des Alten Bundes bis tief in den Neuen herein 
innerlich -einheitlich festzuhalten nicht nur eine wissen- 
schaftliche Forderung, sondern ebenso auch eine wissen- 
schaftliche Förderung und der alleinige Weg seyn dürfte, 
ihm wirklich auf den Grund zu kommen. 

Zu den älteren und neueren Arbeiten * erschien näm- 
lich auf diesem Felde vor kurzem erstlich in Hilgenfelds 
„Zeitschrift f. wissenschaftl. Theologie" 1863, 1. ge- 
legentlich einer „crit. Untersuchung über die Opfergesetze Lev. 
1—7" von A. Merx eine besondere „Digression" (S. 72—78) 
über die Handauflegung, und schon sie war es, die eine 
Revision des in Bibelstud. I, 139 f. II, 187 nur berührten Ge- 
genstandes nahe legte. Ihr folgten, doch ohne directe Be- 
zugnahme, in drei von jener wie unter sich selbst specifisch 
verschiedenen namhaften Zeitschriften, mehrere Abhandlungen 
über denselben Gegenstand von practischen Theologen, näm- 
lich in der „Theolog. Zeitschr." (vonDieckhoff u.Klie- 
foth) 1864 I. S. 84—120 von Kasten „die Handauflegung 
auf biblischem Gebiete, insonderheit bei Acten der Bene- 
diction und Ordination," eine sorgfältige Erörterung mit mehr 
practischen Zielen und Begehung nur einzelner Kreise des 
in Rede stehenden Gebietes, wie schon die einseitige und 
depotenzirende Aeusserung (S. 85) zeigt: „wir finden die 
Handauflegung in der Schrift nicht als auf besonderem gött- 
lichen Mandat beruhende Institution, sondern als ehrwürdi- 
gen Brauch, als heilige Sitte." Darauf in der „Zeitschr. 

^ Monographisch Gobtze, de impositione manuum apud Ju- 
daeoa in. sacrißcm adhibita, 1713; sonst ältere Literat, b. Wolf, Cur. 
1 Tim. 5, 22 und d. von Detns. herausgeg. jüd. Heiligthümer von Lünd 
(Hamb. 1738) S. 654 ff., vgl.RHEiNWALD,kirchl. Archäol. 308f.; — neuer- 
lich 8. u. a. K. Ch. W. F. Bübr, Symbol, d. mos. Cult. II, 338 ff. ; Keil, 
Bibl. Archäol. I, 206 ff., und Comm. üb. d. BB. Mos. II, 16. 18 f. ; Kübtz, 
d. mos. Opfer 1842; d. alttestam. Opfercultus 1862 u. a. ; v. Hofuann, 
Schriftbew. II, 1, 245 ff.; Lange in Herzogs Real-Encycl. 5, 502 ff. 
(Handauflegung) und Oehlkb ebds. 10, 614 ft'. (Opfercultus des A. T. 
init weiterer Lit. S. 652); v. Zezschwitz, Catechumenat 649 ff. ; Küper, 
d. Priesterthum des A. B. 1866. S. 108 ff.; a. s. u. 



284 ^^^ biblisclie Handauflegung. 

für d. ges. luther. Theol. und Kirche" 1865 I. S.38ff. 
von E. Pabet : die Handauflegung als „Gemeindehandlung" 
(vgl. dens. Verf. ebds. II, 223 ff. „üb. d. Geisteskräfte in der 
Kirche"), und unmittelbar nachher in d. „Theolog. Stu- 
dien und Critiken" 1865 11. S. 343—369 von B. Bauer 
„die Handauflegung." 

In wie mannigfaltigen Beziehungen nun immerhin die 
Handauflegung in der h. Schrift vorkommt — von Segnen- 
den wie über Flucher, auf Opfertbiere wie von Personen- 
weihe oder zu Heilungen — ehe wir auf dieses Einzelne 
selbst eingehen, wird es in jeder Hinsicht frommen, einen 
darin überall wiederkehrenden und unverkürzten General- 
begriff synthetisch voraufzustellen, welcher nicht nur die so 
mannigfachen Acte zusammenfassen, sondern auch physio- 
logisch der Handlung selbst jedesmal innewohnen und sie 
innerlich motiviren muss. 

So lange dagegen diese nach Subject und Object ebenso 
singulären wie identischen Acte noch disparat erscheinen, so 
lange namentlich die Handauflegung des Neuen Test, nicht mit 
der des Alten Bundes ganz zusammenstimmen will : so lange 
ist nach beiden Seiten die rechte Lösung noch nicht gefunden. 
Durch scheinbare Erweiterung und Alterirung corrigirt nur 
jedes der beiden Testamente die vermeinte Grundauffassung 
des andern bis dahin, wo alles congruent und erst darin die 
Probe der Richtigkeit erscheint. 

Die meisten der aufgestellten Begriffsbestimmungen von 
der biblischen Handauflegung* sind entweder zu eng (nur 
nach einer Seite hin zureichend, namentlich mit specifischer 
Trennung des A. und N. Test.), oder sie verflüchtigen sich 
bis nahezu in das Inhaltlose und Nichtssagende, wobei 
der doch gradezu maassgebende Gestus fester Handauf- 
legung (*]»D s.u.), und zwar auf das Haupt, mehr oder 
weniger seine Bedeutung verliert oder doch wenigstens das 
eine oder das andere Theil nicht zu seinem Rechte kommt, 
hiermit aber, da Beides zusammengehört und einander be- 
dingt, wiederum Beides beeinträchtiget wird. Diese verschie- 
denen Begriffsaufstellungen selbst fallen übrigens alle unter 



* S. KüPBB a. O. S. 108-115. 



Die biblische Handaaflegung. » 285 

die dreifache Categorie der formellen; der sachlichen 
und der wesenhaften Auffassung. 

Die verdünnteste aller Generalisirungen ist jedenfalls 
1) die rein formelle von Merx, welcher in der Handauf- 
legung nichts als eine verstärkte Hin deutung oder Hin- 
weisung; bez. in der auf das' Opferthier nur eine Bezeu- 
gung sieht; dass das Thier; an welchem der Ritus vollzogen 
wird; das für die Opferung bestimmte sey (S. 77); was nicht 
nur die durch Hand, ja beide Hände ; Kopf und ^72D (auf* 
stemmen) markirte Handlung zu einer etwa vielleicht dem aus- 
gestreckten Zeigefinger entsprechende]^ Bedeutung abschwächt; 
sondern sie folgerecht u. a. (vgl. S. 286) auch auf das un- 
blutige Opfer (nniö) erstrecken müsste.* 

Kaum weniger haltlos und in den inneren Sinn des signi- 
ficanten Ritus eingehend ist die Auffassung der HA. als einer 
blossen Bestellung zu irgend einer Function ; oder näher 
als einer Weihung zu einer neuen Lebenspflicht; wie jetzt 
KURTZ; Dorp.Zeitschr. 1863, H. S. 209; und gleich allgemein; 
ja viell. noch abstracter sein Recensent (Riehm?) im Theol. 
Lit.-BL 1864, 1. S. 4; uneingedenk zumal; däss es hier eine 
innige Beziehung zwischen Leben und Leben gelte : die HA. 
sey ;;ZunächBt.ein Sich-stützen** des Handauflegenden 



* Wenn M. zu Motivirung selber Erklärung der HA. auch eine 
talmudische (also an sich ausserbiblische) Bestimmung beibringt, 
„dass Weiber, Fremdlinge, Blödsinnige, Unmündige, Sclaven, Stumme 
[ V vielmehr Taube, s. Outbam, de sacrificc. 1688 p. 154, Oehlbr a. 0. 627] 
und Blinde dieselbe nicht vollziehen durften, d. h. Leute, die keine 
Rechtspersönlichkeit hatten und die darum kein Zeugniss ablegen durf- 
ten'* : so ist hiermit nicht allein die „Uindeutung^* abermals zu einem, 
sonst nirgends (s. u.) durch HA. vollzogenen, feierlichen „Zeugniss" ge- 
worden, es spricht auch das ungleich mehr für den Sinn einer in die HA. 
gelegten Substitution der Persönlichkeit, die ja freilich mit dem 
Wegfall der „Rechtspersönlichkeit" selbst ebenfalls unmöglich wird. 
Obhlsrs Schluss aus jener talmud. Angabe geht dahin, „dass es sich hie- 
be! um einen vom Geiste durchdrungenen Act handelte." 

** Auch selbst diese anscheinende Mittelinstanz ist sprachlich 
unzulässig, s. unt. Jenes „Sich-stützen" wäre vielmehr ^^^^^ z. B. 
1^ b^ 2Kön.5,18. 7,2.17. Dagegen ist das der Handauflegung eig- 
nende y^ö vielmehr „stützen** und zwar als unterstützen, daher Niphal 
passiv oder reflexiv Ps. 71,6. Jes.48,2. Darum auch dafür das gleich 
solenne griech. inind'ivai: und wie passte jenes vermeinte Ursprung- 



286 ^ie biblische Handauflegang. 

auf den, welchem er die Hand auflegt, und sie bedeute über- 
all, dasB jener, indem er diesen zu seinem Organ macht, 
eine bestimmte Absicht verwirklichen, eine Handlung voll- 
ziehen wolle." Die Frage, welche Absicht, welche Hand- 
lung? bleibt dabei unbeantwortet, und doch ist sie es grade^ 
um was es sich handelt. 

Wenigstens realer greift man die ganze Frage damit 
an, dass man, im Gegensatz zu der vorigen Auffassung 
als einer schwebenden Bestellung zu einem Organ, 2) die Idee 
des bisherigen Eigenthums an dem Substrat der Hand- 
auflegung geltend machte welches kraft derselben aus dem Be- 
sitz entlassen und im Tode Gott hingegeben werde. So 
namentlich Bähe, H, 341.* Allein wie mag doch einerseits das 
Haupt einfach den Tod und andererseits die nicht den Gestus 
des Gebens oder auch nur des „Haltens" bildende Hand, die 
fest aufstemmend im Gegentheil ein Beschlaglegen 
ausdrücken würde, grade die Hingabe eines Eigenthums 
bezeichnen ? ** Und dazu noch zwei so disparate, ja divergi- 
rende Gedanken in Einem Act ohne wechselnde Action ver- 
bunden! Liegt übrigens die „Hingabe" nicht schon in der 
Hinfuhrung vor das Heiligthum ausgesprochen ? Und warum 
wiederholt sich die Handauflegung nicht auch am Speis- 
opfer, sondern nur an Lebendigem vor dessen Schlach- 
tung mit wesentlich dazugehtSriger Blutsprengung und Ver- 
brennung? Und warum auch unter dem Lebendigen keine 
Handauflegung bei den Erstlingen, dem Zehnten und dem 
Passahlamm (s. Maimon. b. Outram 152 sq. vergl. Oehleb 
627) ? Wollte man entgegnen, eben weil diese einfach schul- 
dige Abgaben waren, mithin auch vorher kein Eigenthum 
der Darbringenden bildeten, — warum wurden denn umge- 



liche „Sich-stützen" z. B. auf die kleinen Kinder Matth. 19, 15 cet? 
(S. unt.) 

* Vergl. S. 292 f., auch J. Saübebt, de sacrifice. veterum (1659) 
p. 459 sq. 

** Die Vergleichung der, auch anders gestalteten, rÖm. manu- 
miasio b. Bochakt, Hieroz. 1,657, beweist darum nichts, weil diese 
th. mit einer mündlichen Erklärung verbunden war („Aun^ homnem 
Uberum esse volo^^) , th. eben hiernach keine Hin-, sondern eme Los- 
gabe bedeutete. 



'j 



Die biblische Handaaflegung. 287 

kehrt den^ anstatt der ebenso Oott gehör ig enErstgebore- 
nen Israels dienenden, Leviten (Num. 8, 16—19) dennoch vom 
Volke die Hände aufgelegt; und warum legten diese nachher ihre 
Hände (gleich den Priestern, Exod.29, 1. 10. 15. 19. Lev.8,2. 
14. 18. 22) auf OpferthierO; die nicht ihr Eigenthum heissen 
(V. 2)? Weiteres S. 301 ff. — Und so deckt sich jene Defini- 
tion nicht einmal mit der Handauflegung auf die alttestament- 
lichen Opfer, obwohl man grade diese Gattung der HA. gern, 
wenn nicht ausschliesslich in Betracht zieht oder doch als 
maassgebend ansieht, da sie doch nur eine Subsumtion bildet. 
Denkt man nun aber auch nur ein wenig über das Thieropfer 
mit Handauf legung hinaus, z. B. an jene nächstliegende Weihe 
der Leviten zu ihrem liturgischen Amte eben auch mittelst 
der Handauflegung, so hat man die Probe der Unzulänglich- 
keit jener vom Eigenthum ausgehenden Begriffsbestimmung 
der HA. ohne weiteres daran, dass sie hier eben auch nur für 
ein Zeichen erklärt werden muss, die Leviten würden aus dem 
Besitze des Volkes entlassen und Jehovah zugewiesen 
und übergeben (Knobel). Von den noch viel weitergehenden 
und z. Th. auch schon dem A. T. eignenden Beziehungen der 
HA. zur Segnung, zur Lebensspendung u. s. w. (s. u.) kann 
bei jener am Eigenthum haftenden und nur dessen Hingabe 
mitumschliessenden Definition erst gar nicht die Rede seyn.* 
Ungleich berechtigter nach Innerlichkeit und Umfang 
ist zur rechten Begriffsbestimmung der biblischen Handauf- 
legung 3) die aus dem Gebiet der blossen Symbolik in das 
der Physiologie eingehende Idee lebendiger Commu- 
nication zwischen den beiderseitigen lebenden Factoren, 
dem handelnden und dem leidenden oder empfangenden, d. h. 
die Idee der Uebertragung einer Wesenheit auf ein 
anderes Wesen mittelst der auf dem Haupte fest auflie- 
genden und gleichsam imprägnirenden Hand. Doch auch 
von diesem Höhe- und Quellpuncte gehen zwei verschiedene 
Strömungen der Auffassung aus, die eine mit nur idealem, 
die andere mit auch realem Character jenes Vorganges 
und Rapportes. Die erstere bestünde in einem blossen Zu- 
denken oder einer wörtlich gleichscheinenden aber emphati- 



• Vergl. V. HoFMAMN, Schriftbew. II, 1, 246 f. 



288 ^ic biblische Handauflegung. 

scheren Imputation (Rabb., KW., überh. traditioneil, 
s. LüND, jüd. Heiligth. Hamb. 1738 S. 655 u. Bähb 11,339, 
vgl Keil BB. Mos. U, 19). Jenes „Zudenken, Zuwenden, 
Zueignen" glaubt v. Hopm., Schriftb. I, 2, 246, ausgedrückt 
in der jenem innerlichen Vorgange „entsprechenden Sen- 
kung der zugewendeten Hand auf das Haupt dessen, 
welchem etwas, es eigne nun dem Handauflegenden oder 
eigne ihm nicht [?], zugedacht und zugewendet ist"; allein 
grade der stehende Ausdruck ^730 und kni^rv&tvai (s. u.) be- 
deutet weder „Senkung" noch „Zuwendung^' * der Hand. 

Die Brücke von hier zu der vollen und objectiven 
Uebertragung schlägt bereits K£U4 (Archäol. 1858 I, 
206;** BB. Mos. 1862 H, 19): die HA. sey „das sinnbildliche 
Zeichen der Uebertragung der Stimmung und Intention, welche 
den Opfernden bei seiner Darbringung beseelt", wofür wir, 
mit Tilgung des „sinnbildlichen Zeichens", *** bestimmter 



* Wesentlich derselben Anschauung, nächst Oehlbb a. O. S. H27 
(s. n.), scheint auch B. Baüeb S. 346 mit folgender complicirten Reihe 
gesuchter, fremdartiger, und sich z. Th. widersprechender Momente bei 
der HA.: a) Aussonderung und damit unmittelbare Beziehung 
(Rapport) zu dem Ausgesonderten; h) durch Ausstreckung der 
Hand gegen ihn Inanspruchnahme desselben und einer Gewalt 
über ihn; c) durch Oeffnung und Ruhenlassen der Hand auf ihm 
Mittheilung, Zusprechung, Uebergabe; d) durch gleichzei- 
tige Abkehrung der Hand von mir Entlassung aus meiner 
unmittelbaren Gemeinschaft, aber unter Versiegelung [?] meines 
steten Anrechtes an ihn, und somit überhaupt Bestellung oder 
A u s s e n d u n g. Ist von diesem allen weder die „Aussonderung^* noch 
die „Ausstreckung, Oeffnung und^bkehrung der Hand'* (derYersiege- 
Inng nicht zu gedenken) bei der Handauflegung physisch, ge- 
schweige biblisch markirt, so bleibt allerdings schliesslich eben nichts 
weiter übrig als das Zusprechen oder auch Bestellen, — ein weiter 
Umweg der Rückkehr zu 1. ob. S. 285. Wie übrigens durch die HA. 
auch der Fluch übertragen werden soll (Baueb S. 346), konnte nur un- 
klar erläutert werden, weil es überhaupt unwahr ist (s. u.). 

** „Das äussere Zeichen, wodurch der Handelnde dem Andern 
ein geistiges Gut, eine übersinnliche Kraft oder Gabe zueignet und 
auf ihn überträgt,'** — was indess ebenfalls nur einzelnen Beziehungen 
der HA., kaum aber auch der auf das Sündopfer entsprechen dürfte. 
*** Vielfach zustimmend Oehlbb a. 0. S. 627 : dass der Opfernde 
(nachdem er durch Präsentation des Thieres seine Bereitwilligkeit, 
dasselbe Gott als Gabe darzubringen, ausgesprochen hat) durch Auf- 



Die biblische Handauflegang. 

und zugleich allgemeiner sagen möchten : die wirkliche Ueber- 
tragung von etwas Inwohnendem nach der jedeamaligenWillens- 



legang der Hände die Intention, in welcher er die Gabo darbringt, 
auf das Thier überträgt und es so zu dem seine Person in der in* 
.tendirten Richtung vertretenden Opfer weiht** [od. zimächst nur macht]. 
Verschiebend aber im Folg. (S. 632) von dem Opfer zur „Vertre- 
tung der Selbsthingabe: Gott habe der unreinen, sündigen Seele 
des Darbringers die Seele des reinen, schuldlosen Thiers substitui^t; 
*im Opferblute dargebracht, trete diese Seele zwischen den Opfern- 
den und den heiligen Gott: der Letztere bekomme nun an seinem Al- 
tare ein reines Leben zu schauen, durch welches das unreine Leben 
der ihm Nahenden zugedeckt werde,** — eine der voraufgehenden 
HA. vielmehr entgegenstehende Deutung. Dxlitzbou, Br. an d. Hebr. 
S. 737 : „mittelst der HA. eigne sich der Darbringende die Hostie an 
{vielmehr eignet er sich der Hostie an], zu dem besonderen Zwecke, 
s^ welchem ^er sie sich gereichen lassen will; er trage zugleich 
den Inhalt seines eigenen Inneren auf sie über.** Physiolo- 
gisch treffend betont v. Ew. bei der HA. eben als einem *yM (auf- 
stemmen) die „höchste Kraft und Anstrengung,** sofern der 
Darbringende , „im Begriff die heilige Handlung selbst zu beginnen, 
alle die Gefühle, die ihn nun in voller Gluth überströmen müs- 
sen, auf das Haupt des Wesens niederlegte, dessen Blut für ihn so- 
fort fallen und rein vor Gott treten sollte.** Psychologisch richtig 
einsetzend hatte auch Kubtz früher (d. mos. Opf. 1842 S. 69 ff.) das 
den Opfernden ausschliesslich erfüllende Sündenbewusstseyn bei der 
mit eigenthümiicher psychischer Erregung und sehnsüchti- 
gemVerlangen nach Befreiung von der Sünde und Schuld verbun- 
denen HA. als von dem leeren Gefäss der Thierseele in sich aufge- 
nommen und absorbirt gedacht, dies aber doch auch nur „symbolisch**, 
woneben Ders. übr. jetzt (Bec.-Unf. 1863 S. 9. 18) nicht Uebertra- 
gung der Sünden , sondern . nur der eignen Verpflichtung oder Ver- 
schuldung auf das Opferthier verstanden wissen will; vergl. Baubr 
S. 850 „dass dem Opferthiere die Schuld des sündigen Menschen auf- 
geladen werde.** Und auch der neueste Bearbeiter dieses Gegen- 
standes, KüPBB a. 0., pflichtet S. 111 ff. der Auffassung der HA. als 
einer Imputation (z. Th. nach Philipp i) so bei, dass durch sie nicht 
die Sünde selbst, sondern nur die Schuld und Strafe von dem Opfern- 
den auf das Thier abgeladen werde, was im Wesen des thierischen 
Organismus, in der fortgehenden Nothwendigkeit der Sühne und auch 
darin begründet seyn soll, dass die Hostie durch die HA. nicht un- 
rein ward, sondern sacrosanct war: allein hiergegen zeugt theils 
schon der Umstand, dass nMDH ebensowohl Sünde wie Sündopfer (Exod. 
29, 14. Lev. 4, 8. 6, 18. 23 u.) bedeutet, theils auch die von Küp. selbst 
zugestandene Thatsache, dass am grossen Versöhnungsfeste (s. unt.) 
durch den zweiten Bock „die Sünde Israel rituell abgenommen und 

HOELEMANK, Neue Bibelstudien. 19 



290 ^^® biblische Handanflegung. 

intention (nicht identisch mit der gewöhnlichen Imputation). So 
' voll und rund erkennt denn in der HA. des Opfernden EAmns 
(Dogm. I, 270) die Aussage, ,,8ein eignes Haupt gehe auf 
des Thieres Haupt über", * und Kliefoth (liturg. Abhh. I, 
420 ff.). eine „reale Mittheilung der Sünde und Schuld, 
— ein Legen seiner Persönlichkeit nach seinen verschie- 
denen Zuständen auf das Thier.''** Und so wiederholen 



aus seiner Mitte fortgetragen wurde/' und die Abladung dieser Ge-' 
sammt-Sünde auf denselben doch eben auch durch die jetzt bloss ge- 
steigerte Handauflegung geschah (S. 315 f. 309). Im Allgemeinen aber er- 
kennt Küp. (S. 110) bei der HA eine üebertragung an, sey es ein 
Auftrag (?), oder eine Gabe, oder eine Last, unterscheidet sie aber 
einestheils als Vehikel geistiger Kräfte, wie bei dem Segnen (wo 
doch mehr ertheüt wird), der Amtsweihe, der Geistesmittheilung, * 
andemtheils als ein Zeichen (!) der üebertragung einer Verpflichtung 
auf Andere, das zu leisten, was wir nicht selbst zu leiarten ver- 
mögen (worunter jetzt die eher unter Amtsweihe zu yermuthende 
„Amtsübertragung" Mosis auf Josua gezogen wird, „weil ersterer 
nicht mehr im Stande ist länger Israel zu leiten") : hier aey mehr 
Stellvertretung, dort sey dies nicht nothwendig der Fall. Der so- 
nach eclectische Verf. hat sich, indem er so nicht allein das Opfer 
von den übrigen Fällen der HA., sondern xauch diese selbst unter 
einander unlogisch trennt, nicht zur Einheitlichkeit der Aüschauung 
erhoben und ist zu dieser Zerfallung bes. dadurch genöthigt, dass 
er die HA. stets als einen Rapport der Lebens - Totalität der beider- 
seitigen Wesen (s. u. S. 292), nicht als freie Strömung nach einei- be- 
sonderen Richtung hin {intenUo ad hoc) ansieht 

* Ebenso auch schon Eusbb., Dem. Ev. 1, 10, s. b. Outbam p. 249: 
Tt^ogHOui^siv 8i TO ^caov rt^ UqsX t^s xefaX^g i^Ofievov aael vni^ rtje 
eavTOv xs^aX'^s ro ieqaXov n^og^iqovva — Si mv b Xoyos Sri 8^ dv' 
rlyfvxa rfje avrmv \pvxvg n^osi^yero rot ^ofo^vrovfteva. Vergl. ebds. 
p. 262. 159. 251" u. a. Daher auch (und weil ja die Handanflegung 
schon auch selbst eine reale Stellvertretung bewirkte) kein Stellver- 
treter wieder für die Handlung selbst, ausgenommen die Verstorbe- 
ner, zulässig, s. OuTBAM p. 153, Oehleb 627. 

** Die früher von Kubtz vertretene Rollenvertauschung 
der beiden Factoren bei der HA. hat Ders. mit Recht, weil zu kurz, 
als die von Mensch zu Mensch zur Segnung und Weihung nicht mit- 
umfassend, aufgegeben, wie sie denn andererseits auch wieder zu weit 
ist, da auch selbst nicht bei dem Opferthier und überhaupt nirgends 
ein vice versa stattfindet und der passive Theil nur aufnimmt, nichts 
zurückgiebt. Es ist nur ein Ausströmen, und der Rapport besteht in 
nur einseitiger Action und auch nur einseitiger Reception. Vgl. auch 
V. HopM. a. O. 246. 



Die biblische Handauflegung. 291 

sich an diesem zunächst sacrificiellen Ritus der Handauf- 
legung die Modificationen des sacramentalen tovro tort. — 

Wir selbst formuliren den GeneTal-Obersatz der 
Identität von jedweder biblischen Handauflegung dahin^ dass 
sie in allen Fällen eine traducirende Selbitübertragnng oder 
Selbstmittheilang ad hoc, d. h. in einer concentrirten 
und concreten Willensrichtung, ist. 

Sie erfolgt durch die Medien einerseits der Hand, an- 
dererseits des Hauptes. 

Von dem physiologischen Medium der Hand, deren 
Centrum und Culmination in der Innenfläche und zumal den 
nervösen Fingerspitzen ruht, kennen wir aUe das Gesetz be- 
wusst oder unbewusst. In Gemeinschaft mit einer Per- 
son zu treten, greifen wir mit unserer Hand nach ihr, er- 
greifen ihre Hand, legen ihr unsere Hand auf die Schulter, 
streicheln ihr Hand, Wange, Haar. So streichend und strei- 
chelnd sind wir mehr activ, der andere Theil mehr passiv; 
die Empfindung davon thut selbst dem gestreichelten Thiere 
sichtbar wohl.* 

Noch anders, wenn sich die Hand, oft nach einem in- 

»stinctiven Impulse, auf ein Haupt legt. Im Haupte, zumal 

in seiner Gipfelung (dem Wirbel, Scheitel**), culminirt der 



* ,,Da8 (magnetisirende) Streichen der Finger hat seinen guten 
Grund, der im Altertbum wohl bekannt war. M0L170K in seinem 
Werke über die Kabbala III, 224 fiihrt die Meinung derselben an, 
nach welcher sieb aus den Fingerspitzen und Zehen beständig ein 
Lichtstrom ergiesst, Arme und Fasse die auswirkenden Organe des 

'inneren Lebens sind. Dieselben sind nicht nur leiblich, äusserlich, sie 
sind auch magisch die auswirkenden Organe. „„Die Hand war von 
jeher das Organ des Segens und des Flucbes.^^** Auch der Instinct 
führt den Menschen auf diesen Werth und seinen G-ebrauch. „ „Der 
Leidende, bemerkt Passayant, berührt meist die schmerzhafte Sitelle, 
die Mutter streicht das Kind, um es zu beruhigen."" Unwillkürlich 

• legt der theilnehmende Zeuge seine Hand auf den schmerzenden Theil 
eines Patienten, namentlich in Krampfzuständen." H. K. H. Delff, 
Ideen zu e. philos. Wissenscb. des Geistes und der Natur. 1865. S. 265. 
Yergl. auch F. Baader, Vorless. üb. e. künft. Theorie des Opfers (als 
physisch-spirituöse, segnende und weihende Action des Priesters [? s. u.] 
auf das Thierblut), s. Bahr II, 288 ff. 

*♦ So gehen Gen. 49, 26 (Deut. 33, 16) die Segnungen auf Jo- 
sephs Haupt (öN^l) und Scheitel ('ip'lp); vgl.Spr.10,6 „Segnungen dem 

19* 



292 ^^0 biblische Handanfle^^g. 

ganze Mensch; und vom Haupte ^ vom Gehirn ^ laufen die 
Nerven, wie die Quellenfäden vom Grat des Gebirgs, über 
und in den ganzen iSlenschen hinab und hinein. Legen wir 
nun unsere Hand, diese exhibitive Ausmündung un- 
serer Persönlichkeit; auf ein Haupt, die receptive Ein- 
mündung in ein anderes Wesen, so entströmt uns, was 
der andere Theii in seine gesammte Wesenheit auf- und 
übeminunt. So ist die intensive Handauflegung auf ein 
Haupt der stärkste Rapport zwischen den beiden Wesen. 
Beim Reichen der Hände, beim Liegen von Hand in Hand 
ist (ähnlich wie beim Euss von Lippen auf Lippen) fühlbar 
ein gegenseitiges Geben und Empfangen, unsere Empfin- 
dung dabei auch wohl kaum je ganz indi£ferent, sondern im- 
mer irgend entweder angenehm oder imangenehm a£Bicirt, 
woher feinfühlende Organismen ofk noch ziemlich lange Nach- 
wirkungen davon zumal in der berührten Hand wahrnehmen, 
und auch die characteristische Verschiedenheit im Geben der 
Hand, ob fest und warm, oder kühl und verkürzt, sich er- 
klärt. Beim Ruhen der Hand auf einem Haupte dagegen 
ist von ihr bloss Ausströmen, auf dieses nur Einströmen, 
nur Activität und nur Passivität Was aber kann so aus- « 
und in einen Andern einströmen, was nicht aus und von 
uns selbst, aus unserem eigensten Wesen wäre? Also Selbst- 
übertragung, Selbstmittheilung!* 



Haupte eines Gerechten.^^ Weil übrigens bei der Handauflegung auf das 
Haupt dieses in der Regel zunächst physisch (S. 297), zugleich aber auch 
symbolisch niedriger ist als der Handauflegende, dessen Mitthei- 
lung also schon hiernach und in jedem Falle und Sinne von oben 
her einkommt (ro Skatxov vno tov x^eixjovoe hvloysitat, Hebr. 7, 7 b. u.), 
so ist '^'13, eig. knieen lassen (Bibelstud. 1, 130 f. 139), eben segnen, 
welches selbst von ipruce) aignare (vgl. „sich bekreuzen undsegnen^') 
abgeleitet wird. 

* Lanob a. O. S. 502 bei der bi'bl. HA. „die Hand das Organ der 
Vermittelung, insbesondere das Organ der Uebertragung im eigent- 
lichen wie im symbol. Sinne ; *' ebenso auch Kastbm S. 86 ; v. Ewald 
Transfusion durch der Hände glühende Nerven. Nach Küpbr S. 109 
„hat es die Hand, das Organ der Lebensthätigkeit bei der HA., 
nicht mit einzelnen Empfindungen der betheiligten Objecte, sondern 
mit dem Leben als Gesammtheit zu thun und bezieht sich auf das- 
selbe als Totalität" (was jedoch bei der rechten Begriffsbestimmung 



Die biblische Handauflegung. 293 

Diese Uebertragung ist aber durchaus keine bloss phy- 
sische, vielmehr die physische nur das leitende Vehikel. Sie 
wird in dem Maasse psychisch vollständiger, je energischer 
und inniger eingehend die Seelenintention dabei ist. Ob 
dieses mit Worten oder auch ohne sie geschehe; ändert nichts 
wesentliches. War doch der ganze alttestamentliche Cultus 
vieknehr sprechende Handlung als directes Wort (S. unten.) 

Jene wundersame und doch nur erfahrungsmässige Aus- 
und Einstrahlung, wobei der ausgebende Theil von seinem 
eigentlichen Personwesen ebensowenig etwas verliert als die 
Sonne durch ihr aufbrennendes Strahlen, der Magnet durch 
seine stärkende Anziehung, oder das Huhn durch das belebende 
Brüten (vergl. selbst Marc. 5, 30 unt. m. Luc. 6,19), erscheint 
in der heil. Schrift beider Testamente nach bestimmten und 
Constanten Richtungen, deren rückwärts liegendes einiges« 
Centrum immer wieder eben reale Selbstübertragung ist 
und nimmermehr ein blosses und wiUkürliches Zeichen seyn 
kann. 

Die allererste historische Erwähnung biblischer Handauf- 
legung geschieht zum Behuf 

A) der Segnungr 
in höchst markirter Weise Genes. C. 48. Joseph in Aegyp- 
ten hat dem alten schwachen und blödsichtigen Vater Jacob 
die Enkel, Josephs Söhne, Manasse und Ephraim zugeführt, 
um sie von ihm segnen zu lassen (V. 9). Nachdem sie der 
Grossvater geküsst und umarmt (V. 10), stellt ihm Joseph 
den jüngeren Ephraim zur Linken und den älteren Manasse 
zur Rechten, damit auf dem Aelteren die rechte, auf dem 
Jüngeren die linke Hand des segnenden Israel ruhe. Israel 
aber — „kreuzte* seine Hände", die rechte auf Ephraims, 

irreführen kann, 8.ob.S.290). Von Hand und Haupt B. BauxbS.345: 
die Hand, „das Organ der Lebensäusserung, stehe für das Leben selbst, 
den zu Grunde liegenden, bewegenden und bestimmenden Geist und 
Willen ;" — „ das Haupt gelt« als — derjenige Theil des Körpers, 
in welchem als dem in jeder Hinsicht hervorragendsten, bedeutungs- 
vollsten Gliede sich das Individuum nach seiner ganzen Art und - 
Eigenthümlichkeit, generell und speciell, leiblich und geistig gipfelt 
und kennzeichnet,*.^ — wobei aber grade die Receptivität für fremde 
Wesenheit, durch die Hand vermittelt, nicht hervortritt. 

* ^EvaXXdSy LXX (Y ulg. commutans). Dass dies die Bedeutung 



294 ^^ biblische Handaoflegung. 

4les jüngeren, Haupt; die linke auf das ManasseS; des Site- 
ren^ legend^ und segnete sie also (V. 13 ff.). Kann schon jene 
Aufstellung der Kinder von Seiten Josephs keinen anderen 
Grund als das Bewusstseyn haben, dem älteren Sohne komme 
die segnende Rechte des Gfrossvaters zu, so könnte aller- 
dings fürs erste noch der Qedan^e auftauchen, es beruhe 
das auf einer bloss formellen und conventioneilen Auszeich- 
nung des Erstgeborenen. Allein schon die nachfolgende, so 
ungewöhnliche und für den hochbetagten Greis unbequeme, 
Kreuzung der Segenshände fuhrt auf eine ander», auf eine 
auch substantielle Bevorzugung. Das wird aber weiterhin 
ganz evident daran, dass Joseph, dem das missfällt, die ver- 
schränkten Hände des Vaters wechseln und die Rechte dem 
älteren Manasse zuwenden will (V. 17), und den Grossvater 
• auch mit ausdrücklichen Worten auf sein vermeintes Ver- 
sehen aufmerksam macht (V. 18). Allein Israel weigerte sich 
und sprach: „Ich weiss, mein Sohn, ich weiss.^^ Auch Ma- 
nasse werde zu einem Volke und gross werden, jedennoch 
sein Bruder, der kleinere, grösser als jener seyn und sein Same 
eine Fülle der Nationen! (V. 19.) „Und stellte so Ephraim 
vor Manasse", V. 20. Die Segensworte selbst waren für 
Beide dieselben (V. 15 f. u. 20) ; die ausdrückliche reale Be- 
vorzugung V. 19. 20b lag also augenscheinlich in der rech- 
ten Hand des Segnenden. 

An dieser Segnung des Patriarchen (vergl. ob. S. 160) 
haftet unstreitig etwas Divinatorisches, * wie ja denn in den 



Ton bDt) (BÖHL, 12 mess. Pss. 351, „kreuzweise übereinander flechten") 
und nicht „wissend (Lüth.) oder weislich (wissentlich oder mit Fleiss) 
thun^^ sey, ergiebt sich schon aus dem zugehörigen Accus. V^*^ PK 
„seine Hände'*, und aus dem Zusätze: „denn ('^D) Manasse war der 
Erstgeborene*' ; wie denn im anderen Falle für den Begriff des Wis- 
sentlichen hier und V. 19 gewiss auch nicht verschiedene Verba ste- 
hen würden. 

* Obwohl kaum schon in dem Sinne wie, immerhin sinnig, Tebtou.., 
de bapt. c. 8: „Est hocguoque (die geistberufende Handauflegung in der 
Taufe, s. u.) de Veteri SacrameniOj quo nepotea siu}8 ex Joseph Ephrem 
et Manassem Jacob capüäms impositU et intermutatie mawUnta bene- 
dixerit et guidem ita tranaversim obUquatis in ae, tU Chrietum defor- 
mantea jam tunc portendererU benedictionem in Christum futuram.^^ — 
War es doch nicht einmal Judah ! (Gen. 49, 8—12.) 



Die bibliscbe Handanflegung. 295 

Aeltern nun einmal ftir alle ihre Descendenten etwas Hö- 
heres und in dem Maasse fast wie Göttliches (divinum*) 
hegt, als auch selbst im Decalog das 4. Gebot zwischen der 
ersten Gesetztafel (Gott) und dem übrigen Inhalt der zwei- 
ten (Menschen) mitteninnesteht und gleichsam vermittelt** 
Jacob sah diese Enkelkinder zum erstenmal, ja er sah 
sie kaum, denn ,; seine Augen waren schwer von Alter, 
er kozmte nicht sehen" (V. 10^, geschweige dass er da 
schon ihren das Geschick mitbedingenden Character erkannt 
hätte (hier anders als oben S. 160): aber selbst gegen 
die von Joseph getroffene Vor- und Aufstellung derselben 
kreuzt Jacob dennoch die Hände, so dass die offenbar auch 
hier dynamisch schwerer wiegende und stärkere Hechte auf 
des Jüngeren Haupt wie magnetisch herniedergezogen wird. 
Die hinzugefügten Segensworte (V. 16. 20) sind danach auch 
hier nur Concomitanz und Commentar der auch in dieser 
Gestalt ausschliesslich maassgebenden Handauflegung als des 
eigentlichen Textes.*** 

Wie übrigens gleich hier das erstemal nur Eine Hand 



* Vgl. Cic, de divinat. 1, 37 „— censebat habere äUguid in ani- 
mia praeeagiem atque divinum,^^ 

** Insofern liegt in dem Aeltern-CultuB der Chinesen ein Moment 
der Wahrheit, nur dass er vor allem den Lebenden unter der gebüh- 
renden Einschränkung (Matth. 10, 37) gelten sollte. Die Intensität der 
Gottes- und der Aelternverehrung (pietaa) ist auch wohl immer zu- 
sammen gestiegen und gesunken. 

♦♦* Kasten (S. 86) nennt dagegen als den „gewöhnlichen Vor- 
gang den: der Segnende hat zuerst seine Hände gegen Gott ausge- 
breitet [wovon aber diese erstmalige Beschreibung des Segen sgestus 
gar nichts enthält !], und gedenkt der speciellen zu besonderem Berufe 
gegebenen Yerheissung, und theilt dann die verheisselle Segensgabe 
dem mit, den er segnet, durch Auflegung der Hand auf das Haupt 
des Empfängers/* Die dreimalige Nennung des göttlichen Gnaden- 
spenders, der sich als solcher schon den Yätem Abraham und Isaac 
und ebenso auch an Jacob selbst, ihn ernährend und schirmend, be- 
währt, erfolgt in unsrem Cap. eigentl. nur bnoi Josephs Segnung (V . 15 f.)) 
wobei dagegen von einer Handauflegung nichts berichtet wird. — 
„Dass aber Gen. 48 zuerst der Handauflegung Erwähnung geschieht, 
hat — für Kasten (S. 94) — seinen Grund darin, dass die bedeutungs- 
volle Abweichung von der gewöhnlichen Weise, das Kreuzen der 
Hände, bemerklich gemacht werden sollte/* 



296 ^^® biblische Handauflegung. 

auf jedes zu segnende Haupt kommt^ so werden wir es 
auch weiterhin im A. T. dann als Regel finden, wenn nur 
Ein Haupt zu segnen ist; dass aber dies dann wohl immer 
die Rechte ist (vgl. uni, besonders auch Apoc. 1, 17); würde, 
ausser dem Obigen, schon aus deren natürlicher Handlich- 
keit folgen können. 

Die Erklärung der Handauflegung von Mebx als einer 
blossen verstärkten Hinweisung (ob. S. 285), welche er auch 
auf die jetzt in Rede stehende Stelle anwenden will, sofern Ja- 
cob damit Gott die Person bezeichnen wolle, welcher er Gnade 
wünsche, muss eben schon an dieser Stelle scheitern. Be- 
darf denn Gott überhaupt dieser individuellen leiblichen An- 
Zeichnung? Und warum dann die ausserordentliche Kreu- 
zung der Hände? Wies denn nicht jede Hand auf einen 
der zu segnenden Enkel hin? Nein, der Gesegnete Gottes 
legte die einst in ihn gelegte Fülle der unmittelbaren gött- 
lichen Verheissung, woran er V. 3 f ausdrücklich erinnert hatte, 
der grosse patriarchalische Segensträger der Erstgeburt legte 
sein Selbst jetzt in die Hände und übertrug es, wenigstens 
das auf und in ihm Ruhende, partiell und ad hoc schon jetzt 
auf diese seine Enkel, die Söhne des so hochausgezeichneten 
Erstgeborenen der geliebten Rahel (S. 162), die er kurz zuvor, 
um sie nicht nur hinsichtlich ihrer heidnischen Mutter zu 
nationalisiren und zu nostrificiren, sondern auch seinen un- 
mittelbaren Söhnen, ihren Oheimen, voll-ebenbürtig zu ma- 
chen (V. 5), auch selbst adoptirt (Dti '>b) und sogar seinen bei- 
den Erstgeborenen gleichgestellt hatte ('jäiN'nD n)ö3»i f^^ti» 
■^b T^JT^ li^Ättii). 

Vielleicht noch deutlicher wird die Selbstmittheilung in 
der Handauflegung* bei 



* Der stehende Ausdruck für dieHandaufiegung im A. T. 
ist, wie forthin, b^T^^WO (mit ttJN'l oder auch, bei Personen, ein- 
fach mit deren directer Benennung), d. h. eigentlich (b. ob. S.285) auf- 
stemmen die Hand, d. i. si« schwer und fest anschliessend (nach 
Maihon. Ti'O bls^, „mit aller Kraft^^) an- oder „auflegen", ohne grade 
sich damit aufzustützen (S.285). Vgl. dasselbe 1[ttD Am. 5, 19 mit ^"^ 
^"ipü b5>, die Hand auf oder an (wider) die Mauer (horizontal) stemmen ; 
Psv 88, 8 vom schwer aufliegenden Zorne Gottes (LXX Smairr 
^ix^rj). Ebenso stehend ist für dieses bi^ T' '^WO bei LXX wie im 



Die bibliiche Handauflegung. 297 

B) der Majestätgflbertraffttngr« 

Sie erfolgt so von Moses auf Josua Num. 27, 18 — 23: 
;;Es sprach Jehovah zuMosen: Nimm dir Josua^ den Sohn 
NonS; einen Mann in dem Q^ist ist,* und lege deine Hand 
auf ihn (•»•»bs^ y]'^ n« nMöi), und stelle ihn vor Eleasar den 
Priester und vor die ganze Qemeine und befehlige ihn vor 
ihren AugeU; und gieb von deiner Herrlichkeit auf ihn 
(rby *^mJiÄ nnnii), damit höre** die ganze Gemeine der 



Neuen Test imrt&^vai t^«» x«*^« ^«^ *^ xt^aXi^ (vgl. Marc. 8, 25 
inl r. 6f&ttXftovs) rtv0s oder, ebenfalls direct persönlich, theils ini 
rtvaj theils mit dem einfachen Dativ, wie im N. T. fast durchgängig. 
(Nur Cod. Sin. hat Matth. 19, 15 in ccvtoTs nach Ph. Buttmanm in 
Hilgenf.Zeitschr. 1864. IV. S.872, dagegen nach „Polyglotten-BibeP* 
CoUatio p. 7 in' ovrovs.) So nun ersteres Exod. 29, 10.15. 19. Lev. 3, 2. 8. 
4, 4. 15. 24. 29. 8, 14. 18. 22. 16, 21. 24, 14 ; und ohne directe Benennung 
des „Hauptes«' Num. 8, 10. 27, 18. 23. Deut. 34, 9. (2 Chr. 29, 23.) Dass bei 
Menschen die Benennung des Hauptes wegbleiben kodnte, nicht gut 
aber bei Thieren (wie 2 Chr. 29,23), folgt wohl aus der aufgenchte- 
ten menschlichen Gestalt, die sich nur bei Segnung ausdrücklich durch 
Knieen handlich erniedrigte (S. 292) , während ausserdem das Haupt 
bei Menschen auch Lev. 24, 14 vom Gotteslästerer sich genannt findet, 
indem er, gleich dem Opferthiere, die passive Mitschuld der Hände- 
auflegenden auflud, und in gleicher Beziehung Hist. Sus. V. 34 (s. nachh.). 
— Nur in der vorhin besprochenen St. von segnender HA. Gen. 
48, 14. 17 steht das Verbum r\'^^ "(LXX imßdXXsiv) und V. 18 D"^«) 
(LXX nun schon inm&ivai) und auch, wie oben bemerkt, mit \Z9K1. 
(In ganz anderer Bedeutung findet sich b^ T^ rr^lö poet. Hieb 9, 33 
.vom Obmann zweier Parteien, denen er seine entscheidende Macht- 
hand auflegt, wo daher auch LXX anders dtaHovmv avaftiaov a/ifo- 
xiQ(ov,) D(us Simplex ti&ivai r. x'^f's ini — findet sich nur in apo- 
cryph. Hist. Sus. V. 34 (inl r. itefal^v airrje) und im N. T. Marc. 10, 16 
{in avrd) vgl. Apoc. 1, 17 (t. deStäv avrav in ifti^ s. u). — Das Eindringende 
("^TSD) der Handauflegung geht späterhin z. B. auch daraus hervor, 
dass Clem. Alex, paedag. HI. (00. Paris 1641 p. 248) warnt falsches 
Hadü: zu tragen, xlvt yaQ 6 n^aaßvrapoe imxld'rjai XBiffa, tivi Se avXo- 
yi^aei; ov i^v yvvaXita rrjv xEHOOfirjfiivrjv (näml. mit fremdem Haar), 
AXXa tae äXXor^iag Tqt%aQ xal 8i avrtSv aXXrjv xe^aXijv, — 

* D. h. „die für das zu übernehmende Amt erforderliche gei- 
stige Begabung^' (Ksil, Comm. z. d. St.), also diese persönlich 
schon vorhanden und nicht erst jetzt ertheilt (vgl. KASTsif S.115); 
anders nachh. Deut 34, 9 (S.299). 

♦* Nämlich (höre) auf ihn, oder ihm gehorche, wie die folg. 
Parallelstelle Deut. 34, 9 durch den Zusatz v'bH evident macht. Msrx 



298 I>i« bibliflche HaadanflegiiBg. 

Kinder IsraeP cet. Die eigentliche Ordnung dieser ein- 
zelnen Vorgänge schildert 4ann die Ausfuhrang V. 22 : „Und 
es that Moses Tne befohlen Jehovah ihm^ und er nahm Jo- 
sua und stellte ihn Tor Eleasar den Priester und vor die 
ganze Gemeine, und er legte seine Hände auf ihn und 
befehligte ihn,"> d. h. überhaupt (s. bes. unt vom N. T.) „ver- 
ordnete ihn zu seinem Amte'' (Keil). 

Ausser der im Befehl (V. 20) hier hervorgehobenen 
Wirkung ('lai rtnnai) der Handauflegung Mosis auf Josua, dass 
nämlich von des Ersteren „Hoheit" (Herrlichkeit oder Majestät 
des Regimentes, '^'^*i^^); wie Moses sie von Gott unmittelbar 
hatte, factisch auf Josua übergehe, wonach also auch Ersterer 
sie selbst dadurch nicht verliert,* ist hinsichtlich des eigentlichen 
Gestus hier bemerkenswerth, dass im Befehl (V. 18) steht „auf- 
legen die Hand'' (Sing.), in der Ausfuhrung (V.23) dagegen die 
„Hände" (Dual). Wie also Beides möglich, so ist auch die speci- 
fische Wirkung nicht alterirt.** Mehreres hierüb. S. 315 f. u. a. 



dagegen supplirt jetzt „es" und versteht dabei gesprochene Worte 
Mosis. Ist aber solcher wenigstens bei dieser Hoheitsübertragung 
nicht gedacht, und ist es überhaupt bedenklich, dergleichen Formehi 
in dem sinnreichen und wortkargen alttestamentlichen Cultus willkür- 
lich einzutragen (S. 293, vgl. unt.), so ist in unserem Falle dagegen, 
und yielmehr für unsere einfachere Erklärung, ausser jener deut- 
licheren und ganz unzweideutigen Correspondenzstelle Deut. 34, 9., 
das motivirende, andernfalls aber sinnlose "J^Tsb („zu dem Endzwecke 
dass^'). — Will Mebx femer hier die Hand auf legung nur für eine 
o£fentliche Vorstellung und Bezeugung Josuas als Mosis Nachfolger 
ansehen , so ist das nicht nur ausserhalb des Sphäre der HA. (S. 285 
u. unt.), sondern die laut V. 22 vorausgehende öffentliche Vorstel- 
lung noch überdem für sich besonders ausgedrückt V. 19 n^^S^^Sril 
'iai -»äöb in» und V. 22 'i:»1 "^Sab •^niTa^'^l, ebensowie auch die öffent- 
liche Instruction V. 19 D5T^5'^:?b in» ürT^ISI vgl. V. 23 im^T'^l. 

* Was ja auch überhaupt von aller und jeder SelbstmittheUung 
durch die Handauflegung gilt. Mfj vo/ilarjs (sagt Philo , gig., ed. Fref. 
1691 p. 187) ovTO» T^f oLfaiqeoiv xara aTtOMOn^v xai dtd^evStP y^^'- 
O'&at, aXXä oia yivoix av. aitb nvQOSy o icav fivQiae 8q9ag i^arpfi^ ftivei 
ftrj^ottovv iXatxia&kv iv bfioi(o, (Diese Analogie der durch Anzünden 
daran nie selbst verminderten Feuerflamme ist bei der HA. um so treffen- 
der, als naehh. zumal der h. Gkist auch in der Schrift als Feuer erscheint, 
s. u.) üebr. ist das "J"» in y^MV^ wohl auch durch die V. 21 für Josua 
(priesterlich) etwas beschränkte Herrschaft mitbedingt. 

** Mbsx will auch bei der Ausführung den Singular fest- 



Die biblische Handanflegung. 299 

Sinnparallel und weiterführend ist 

C) die eeisteBmittheilQBflr 

Deut 34; 9: ;;Und Josua, der Sohn Nuns/ war voll Weis- 
heitB-Geistes, denn es legte Moses seine Hände 
(Dual) auf ihn; und es hörten auf ihn die Kinder Israel/^ Das 
„Vollseyn" («bn) ebenso wie der Zusatz n»5n zu riTn be- 
zeichnet ofiFenbar eine zu jener persönlichen Begabung (Num. 
27; 18 S. 297) durch Mosis Handauflegung noch hinzugekom- 
mene positive Geistesmittheilung;* wie z. B. auch Exod. 
28; 3 (zur geeigneten Fertigung heiliger Priestergewande, wo- 
zu natürlicher Kunstsinn nimmermehr ausreicht); und ganz 
unzweideutig Jes. 11; 2 vom Messias: ;;es ruht auf ihm der 
Geist Jehovahs^'; näher ;;Weisheits-Qeist" (SiTa^n mi) u. s. w. 
— mit anderem Worte: der heilige Geist.** Wie Moses 
selbst ihn besass und zu diesem Behuf auch besitzen musstO; 
80 theilte er ihn durch Händeauflegung an Josua sammt jener, 
in der früheren St nur besonders hervorgehobenen; Herrlich- 
keit (s. ob. B.) gleichzeitig mit.*** 

halten; nach Rasohi enthielte dieselbe ein Plus. (Näheres unten.) 
Ueber den Streit der Rabb., ob nur Eine Hand beim Segnen zu brau- 
chen, 8. b. LuHD a. 0. S. 655 und Msbz; die rabb. Behauptung, dass 
Opferthieren beide Hände aufgelegt worden (b. Oütbaii152, Obhlbr 
627), erweist sich als Regel unhaltbar, s. unt, wo bes. auch über die 
Ausnahmestelle Lev. 16, 21. 

* Worin es übrigens noch gar mannigfache Steigerungen ge- 
ben kann (£ph. 4, 7), wie denn im N. T. Act. 6 den zur Diaconie 
ausenehenen 7 Männern '„voll Geistes und Weisheit** (V. 8. 5) 
dennoch erst noch die Hände aufgelegt werden (V. 6 s. u.). Vergl. 
Kasten S. 115 : „Der Geist der in ihm (Josua) ist, entfaltet sich un- 
ter den Händen Mosis zu der besonderen Gabe der Regierung. — 
Geist der Weisheit ist nach 1 Kön. 8 Verstand Gericht zu hören, also 
die recht eigentlich königliche Tugend.** — In jener Majestäts- und 
Geistesmittheilung durch eine und dieselbe Handauflegung liegt übri- 
gens ein deutlicher Wink für den jetzt entbrannten Lehrstreit über 
diiJ auch geistliche Potenz des rechten Kirchenregiments, dessen In- 
haber ebendarum aber allerdings auch zu ordiniren seyn würden 
durch die Handauflegung. 

** Gleiches unten im N. T., wo auch Eph. 1, 17 tva 6 ^eoe xov 
xv^iov fififov *lrjaov Xffiojov, 6 nat^if jrJ6 Bo^ijs, dmr) vfiXv nvevfta 
aofias — ebensowie vd nvavfia vfjs dXr^d'eias — 6 na^dnlfi'' 
Toe Job. 14, 17. 15,26. 16,13. 

^HHfr Eine Transfusion erkennt hier in der Darstellung auch Mbrz, 



300 ^'^^ biblische Handauflegnng. 

An diese offenbar reale Selbst- und namentlich Geistds- 
mittheilung; wie sie auch zu gleichem Behuf erfolgt, schlieBst 
sich nun unmittelbar 

B) die religriöse Amtsitbertragnng 

durch Handauflegung. Demnach kann dieselbe ebensowenig 
als jeneHoheits- undGeistesmittheilung eine blosse Form (etwa 
nur s. V. a. jenes mat Num. 27, 19. 23 oder wie Merx oben 
S. 298), und also die Handauflegung selbst auch hier kein 
blosses Symbol (avfißoXov) , sondern vielmehr nur eine wirk- 
liche Mittheilung {cvfißoXri) seyn. 

Das Alte Testament hat zwei — je nach den weihend 
mittheilenden Persönlichkeiten und diesen immer ent- 
sprechender Dotation specifisch verschiedene — Grade 
dieser Categorie. 



nur sey dieselbe „eine unhistorische Uebertragung späterer Vorstel- 
lungen auf die alte Zeit." Wir fragen da billig, ob diese „späteren 
Vorstellungen" Wahrheit hatten, imd wie sie überhaupt entstehen 
konnten, wenn sie nicht mit der alten und unverändert gebliebenen 
Handauflegung schon mitgegeben waren? — Eine jedesmalige Anm- 
fung Gottes bei der HA. (vergl. S. 295, Oütbam p. 155 sqq.) und daher 
auch hier anzunehmen, ist ebenfalls gegen den einfachen Schriftaas- 
druck. Sagt daher Bauer (S. 348), es „geschehe die ganze Handlung 
auf ausdrücklichen Befehl Gottes und wohl ebendarum auch unter 
Anrufung Gottes," so ist das gewiss keine einleuchtende Folgerung; 
und schliesst er aus der Nichterwähnung der HA. bei dem Berichte 
von der Geistesmittheilung an die 70 Aeltesten (Num. 11, 16 f. 24 f. vgl 
26 ff.), „wie wenig an dem äusseren Zeichen allein gelegen" : so ist zu erwi- 
dern, dass hier Gott unmittelbar (V. 17 u. 25), nicht Moses, den Aeltesten 
▼on dem auf Mos. ruhenden Geiste, und zwar mit Prophetie, auflegte. — 
Eine selbst noch indirectere Uebertragung der Persönlichkeit d. h. per- 
sönlicher Begabung, als dort durch die Rette der Hand, geschieht 2 Kön. 
2, 14 f. durch den Mantel des Elias, mit welchem Elisa sogleich Wun- 
der thut und den Geist des Propheten mit seinen Gonsequenzen über- 
kommt (V. 15; vgl. Sir. 48, 12; — und Matth. 9, 20 ff. 14,36). - Nur 
entfernt verwandt mit jener menschlichen Handauflegung ist das „Fal- 
len" oder „Werden" (Kommen) der göttlichen Hand auf jem., wie bön 
mST^ -^5^« n*^ ^hl^ Ez. 8, 1 oder gewöhnlicher mST' 1"^ T^b^ -»rtni 
1,3. 33,22. 2 Kön. 3, 15 (vgl. Ez. 3, 14 njjtn *^b5^ niH'^ n*»). Hierbei 
liegt überall die Ueberwältigung und Uebermannung zu Grunde, aller- 
dings gleicherweise fast immer zu prophetischem Schauen und 
Sprechen, wie 2 Kön. 3, 15. Ez. 1, 3. 8, 1. 33, 22., ähnlich als ix &bov 
MUTOxog d. h. ecsttitisch inspirirt (s. b. Rosenh. zu Ez. 1, 3). 



Die bibliiohe Handauflegung. 301 

Wir beginnen mit der niederen Stufe: I. dem Leviten- 



Der Ritus der Weihe zu demselben wird beschrieben N u m. 8, 
6 ff. Nachdem sie von Mose mit Sündwasser besprengt wor- 
den, sich am ganzen Leibe geschoren und ihre Kleider ge- 
waschen und also rein geworden (i'intsn V.7); nachdem sie 
ferner einen Farren (jungen Stier); mit dem zugehörigen Speis- 
opfer von ölgenetztem Mundmehl; (als Brand-) und Moses einen 
zweiten (als Sündopfer) aufgestellt haben, soll Moses die Leviten 
vor die Staftshütte bringen und die ganze Gemeine der Kinder 
Israel ebendahin versammeln; hierauf aber die Leviten ;;Vor Je- 
hovah^^ (den Altar) bringen (V. 10):*^ ;;Und es sollen 1 e g e n d i e 
Kinder Israel ihre Hände auf die Leviteu; und soll 
weben Aaron [der Hohepriester] die Leviten eine Webe vor Jeho- 
vah von Seiten (n«a) der Kinder Israel; dass sie be- 
stimmt (od. qualificirt) seyen zu verrichten den Dienst Jehovahs.^^ 

Hiervon unzerreissbar ist das Nächstfolgende; was uns 
zugleich auch zu einer neuen; ferneren Wirkung der Handauf- 
legung; nämlich 

£) der SUndenilbertrasrunsr auf ein Opferthier 
fortleitet. V. 12 ff. heisst es nämlich nun weiter: ;;Und die 
Leviten sollen legen ihre Hände auf das Haupt der 
Farren, und mache du [Mose!] den einen zum Sund- und 
den einen zum Brandopfer für Jehovah; um zu sühnen die 
Leviten; und steUe die Leviten vor Aaron und vor seine 
Söhne (also vor den Hohep- und die Priester); und webe 
sie eine Webe vor Jehovah; imd sondere die Leviten von 
mitten der Kinder Israel; dass Mein seyen die Leviten! 
Und danach mögen eingehen die Leviten, zu dienen an der 
Stiftshütte: — denn gänzlich sind sie hingegeben (D'^:n3 
n^sn D'^^n^) Mii^on mitten der Kinder Israel : statt dessen 
was irgend einen Leib durchbricht, (statt) des Erstgeborenen 
Aller von den Kindern Israel; habe ich genommen sie Mir! 

Und hingegeben habe ich die Leviten gänzlich Aaron 

und seinen Söhnen von mitten der Kinder Israel; zu ver- 
richten den Dienst der Kinder Israel in der Stiftshütte^^ cet 
(VergL ob. S. 287 u. Baümg. Pent H, 284.) 



* Oder vielleicht V. 10 a auch nur Reaasumtion von V.9a. 



302 !>>« biblisehe Handanflegang. 

So ist uns in diesem fortlaufenden Abschnitte eine dop- 
pelte Handauflegung absteigend begegnet: zuerst die deV 
Israeliten auf die Leviten (V. 10, wo übrigens die 
Weglassung des ^^Hauptes^, ohne die Sache selbst zu ändern^ 
wie schon oben bei Josua Num. 27, 18. 23 u. Deut 34; 9., 
die den Menschen auszeichnende ist; S. 297), eine Hand- 
lung, durch welche das Volk sich selbst (ad hoc) auf die Levi- 
ten übertrug und diese nun das Volk insoweit in sich con- 
centrirten, wonach sie erst dasselbe (näher die grundsätzlich 
gottgeweihten Erstgeborenen) im Gottesdienste wirklich ver- 
treten konnten;* — alsdann hinwiederum die Handauf- 
legung dieser also qualifidrten Leviten auf das Haupt 
derFa;rren (V. 12), indem nun diese wieder eine Selbst- 
übertragung der Leviten auf sich erdulden mussten, 
nämlich, nach der concreten Intention, deren sündiges 
Wesen auf und in sich übernahmen, auf dass sie einestheils 
damit beladen und in den eben durch die Sünde verdienten 
Tod gehend die Leviten in realer Vertretung wirklich 
entsündigen (nMtan V. 12), wie sodann andemtheils diesel- 
ben im (essentiell aufsteigenden) Brandopfer (nb:s^ ebend.) 
mit dem himmlischen Herrn wieder einigen könnten.'^* S. 
nachher H. 



* Gegen den vorgeführten klaren Text ist auch hier die Erkiä- 
rang von Mbbz, die Handauflegang sey nur Bezeugung der Israeli- 
ten, „dass sie [die Leviten] die auserkorenen Tempeldiener sind." Käme 
diese „Beseagung" nicht vielmehr Mose^ und den Priestern zu V Und ent- 
spräche dem nicht auch weit besser der Ausdruck durch das Wort? 
** Vergl. Oehmb- a. 0. S. 618 f. 633; unt S. 304. — Die in der 
HA. als einer Selbstübertragung so, je nach den Umständen, auch 
mitliegende Schuldübertragung hat Philo durch Nichtbeobach- 
tung des Textes und Eintragung einer darin gar nicht miterwähnten 
Handlung (des Sichwaschen) in eine — Unsdvulderklärung 
verkehrt, de vict. (ed. 1. p. 838 sq.) : njt0yt^di»aifos i nf^oidymv rag x^*P^^ 
initpsqixto rg tov le^eiov xsfaX^ — ras ^ ijtna&sifiävag rg rov idav 
xsfaX^ Xel^ag 9aTyfia cafioTarov tlvai ovfiftefirjHß n^^BOiv dwnatxiwy 
xal ßiov firjBev inifBQOfiivov zcar eis uarijyo^iavj dXXd rotg r^g fvaatog 
yofiotg xal d'ea/ioTg avvqdorrog — wg a/ia t^ tmv x^^Q^^ im&eaai 
Svvaa^ai tiva na^grioinod/ievov ix xa&a^av rov avvatSorog rotavra 
einelv* ai x'^'^ avrai avrs StS^ov in ddixoig fflaßov, evd^ atfiarog 
dd'caov jr(fogij^avrOj ov m^gmaiv , ovx vß^iv, ov XQavfga, o^ ßia¥ ai^ 
ydaavzo, ovu dXXtp naa^ oi-dsri riüv xarr^yo^iav fj yfoyov ixovrofv vnij^e- 



Die bibliiche Haadanflegong. 30S 

Der Plural (Dual) der Hände ist hier allenthalben durch 
die Pluralität der Handauflegenden bedingt. 

Specifisch verschieden von dieser durch Handauflegung 
des eben durch solche Selbstttbertragung zu seiner Stellvertre- 
tung im göttlichen Dienst bevollmächtigenden Volkes bewirk- 
ten und schon dadurch niedrigeren Levitenweihe ist die Weihe 
zu — n. dem Priesteraaite (Ordination im höheren und eigent- 
lichen Sinne). 

Der Ritus der Weihe zu diesem,, wobei auch schon die rei- 
nigend vorbereitenden Acte gegen die zum Levitenamte überall 
potenzirt werden, die eigentliche Bevollmächtigung aber von 
Obenher; von Gott selbst kommt; ist berichtet Ex od. 29, 
1 ff., Lev. 8;lff. Der Zweck der Priester-Ordination wird 
gleich zu Anfang (Exod. 29) dahin angegeben; p^b bn» iZ)Tpb 
•^b; ,;Zu heiligen sie" (also nicht bloss ;;ZU reinigen", wie bei 
den Leviten Num. 8, 6. 7), ;,um Priesterdienst zu thun Mir." 
Die Vollziehung dieser Ordination aber geschieht in fol- 
gender Weise. Ein Farre und zwei voUkommne Widder; zu- 
gleich mit einem Speisopfer von Süssbrodt, ölgenetzten Stiss- 
kuchen und Ölgesalbten Süssfladen von Weizenmehl (dieses 
Backwerk in Einem Korbe); wurden bereit gehalten. Die 
Gemeine versammelte sich im Vorhofe und ward von Mose 
auf die göttliche Institution hingewiesen (Lev. 8; 4 f.). Nun 
sollte Moses — auch hier unmittelbar Berufener und Be- 
auftragten Jehovahs — Aaron und seine Sohne vor 
die Stiftshütte bringen und mit Wasser waschen; hierauf 
Aaron mit der heiligen Kleidung wie auch seine Söhne in- 
vestiren und überdem Ersterem (als dem werdenden Hohen- 
priester) das Haupt mit aufgegossenem Oel salben. Jetzt 
wird zuerst der Farre herangeführt, auf dessen Haupt Aa- 
ron und seine Söhne ihre Hände legen (im selbst- 
verständlichen Plural-Dual; wie auch im Folg.). Eine Weihe 
des Stieres durch Aaron und seine Söhne konnte das schon 
darum nicht seyu; weil diese eben jetzt selbst erst noch 



TTjanv, dlX^ vnoSiaHOPOi ndvxmv iyivovro xaiSv nal avftfs^6vTav, 
ait9Q T^ oofiq nai voftoiß xal nnloU xal rOfiifiOiS avB((dai TStifttfrai. 
Wie hätte ein solch normales Selbstbewusst^eyn nun erst noch über- 
haupt eines blutigen Sündopfers bedurft? — 



304 Di« biblische Handanflegmig. 

darin begriffen sind, ihre Weihe zu empfangen, die sie also 
jetzt selbst noch nicht vollständig besitzen, vielmehr eben 
auch erst mit diesem Stücke vollständig erhalten sollen. 
Darum ist es auch hier, wie überall, eine vorgängige Ueb er- 
tragung der eigenen persönlichen Wesenheit ad 
hoc auf das alsbald zu opfernde Thier, welches daher 
„der Sündopferfarre" heisst (riNönrt Kd, Lev. 8, 2. 14 vergl. 
unt. Exod. 29, 14), sofern in und mit ihm die Initianden 
absterben und den durch ihre Sünden verdienten Tod („der 
Sünde Sold^^ Rom. 6, 23) ^erleiden. Den also inficirten Stier 
soll daher Moses, Jehovahs Beauftragter, schlachten, von 
dem Blute mit seinem Finger an die Hörner des Brandopfer- 
altars thun, das ganze übrige Blut aber an dessen Qrund 
ausgiessen, sowie die namhaften inneren Theile (den Schmeer 
an den Eingeweiden, den grossen Leberlappen* und die 
Nieren mit ihrem Fett), als das Bedeutsamste, Edelste und 
Süsseste (vergl. ob. S. 100), auf den Brandopferaltar zum 
Verdampfen bringen (*T^üpii), das Fleisch dagegen sammt 
Haut imd Mist ausserhalb des Lagers verbrennen. „Ein Sünd- 
opfer ist es" (Exod. 29, 14). Das Wesentlichste bei diesem 
Acte ist zunächst das Sterben und damit identische Blutver- 
giessen, denn „die Seele des Fleisches ist im Blute, und Ich 
(Jehovah) habe es euch gegeben auf den Altar, zu süh- 
nen eure Seelen, denn das Blut es sühnet «S)^n d. h. durch 
die (ihm inwohnende, oder auch flir die) Seele,"^ Lev. 17, 11. 
Weiter aber entsprechen die genannten Linenorgane des 
Opferthieres wohl den seelischen Innenorganen des in ihm 
vertretenen Menschen, welche demnach — analog dem an 
die Spitzen des Altars gestrichenen Bluttheiles gegenüber der 
unten ausgegossenen übrigen Blutmasse — in der Vernich- 
tung zugleich gerettet, nämlich ein im Brandduft aufsteigend 
Gott geweihtes wie genehmes und mit Ihm sich vereinigen- 
des Opfer werden.** 

So ist die Sünde der zu weihenden Priester mit und in 



* LuTH. das Lebernetz; vergl. Oxhlxb S. 639. 
** Vergl S. 302. Obhubb S. 632 f. die Verbrennung als die Yoli- 
endiuig der Hingabe von Seiten des Opfernden und als die vollsogene 
Hinnahme der Gabe von Seiten Gbttes. 



Die biblische Handauflegang. 305 

dem Ersterben des sie übertragenden Sündopferfarren ge- 
sühnt. — Und was sollen die beiden Widder? Hiervon han- 
delt Exod. 29, 15ff., Ley. 8, 18 ff. Zuvörderst soll dem einen, 
zum Brandopfer bestimmt, daher Lev. 8, 18 „der Brand- 
opferwidder" (rtbyn b*»«) genannt, Aehnliches widerfahren. 
Es sollen nämlich Aaron und seine Söhne ihre Hände 
auf sein Haupt legen, dann Moses ihn schlachten, mit 
seinem Blute auf den Altar ringsum sprengen, ihn zerlegen, 
Eingeweide und Schenkel (Keulen) waschen und sie auf die 
übrigen Stücke und das Haupt legen, und das Alles, sonach 
den ganzen Widder, nach dem Altare zum Verdampfen 
bringen. „Ein Brandopfer ist es für Jehovah, ein Huld-Gte- 
ruch (♦ ntT'i tr^^), eine Opferfeuerung für Jehovah ist es" 
(Exod. 29, 18. Lev. 8, 21). Im Stiertode, als einem „Sünd- 
opfer*^, sind die Priester negativ sündlos geworden, und zu- 
gleich ist auch schon das Wesentlichste der Innenorgane in 
Brandduft aufgegangen und dies bereits in das jetzige 
Widderbrandopfer berübergreifend. In diesem aber, in dem 
Widdertode, als einem (totalen) „Brandopfer", dem sich die 
Priester ebenfalls durch Handauflegung übertragen haben, 
erheben sie sich, Gotte ein Qnadengeruch, nicht mehr bloss 
mit seelischen Innenorganen, sondern nun ganz und gar 
(„mit allen Organen der Seele und des Leibes"**) zur Ver- 
einigung mit Gott, zu seinem forthin ausschliesslichen Dienste. 
Vom andern Widder handelt sodann Exod. 29, 19 ff., 
L e V. 8, 22 ff. Dieser heisst Lev. 8, 22. 29 (Exod. 29, 22. 26 f. 31) 
„derVolImachtswidder" (D'^Nböti b"'«), was bei der Levitenweihe 
ganz fehlte. Auch diesem legen Aaron und seine Söhne 
die Hände auf sein Haupt (das drittemal), und wiederum 
schlachtet ihn Moses und thut von seinem Blute an Aarons 
und seiner Söhne rechtes Ohrläppchen (die Ohrspitze), rechten 
Daumen und rechte grosse Zehe — sonach an die Organe 
zum Vernehmen (des göttlichen Wortes) , zum (göttlich-prie- 
sterlichen) Handeln und zum Wandeln (im Heiligthum), 
sprengt das übrige Blut an den Altar ringsum, nimmt dann 
hiervon mit Salböl (sonach Heiligung im Blut und h. Geist) 



* ntr^i placatio, placameny placamentum, 
^ Kbil, BB. Mob. U, 59. 

ROELEMANN, 5eu« BibeUtudlen. 20 



306 Die biblische Handattflegung. 

und spritzt es auf Aaron und seine Söhne wie auch auf 
die beiderseitigen Gewände, wodurch die Parsonen und 
ihre Kleidung heilig werden. Daa Fett, den Fettschwanz, 
den Eingeweideschmeer, den grossen Leberlappen und die 
Nieren mit ihrem Fette sammt dem rechten Schenkel (Keule) 
soll Moses nehmen, dazu auch aus jenem Süssbackwerk- 
korbe (S. 303) einen Brodtlaib, einen Oelkuchen und einen 
Oelfladen, und dieses alles auf die geöffneten Hände (w^td) 
Aarons und seiner Söhne legen und diese Stücke (orK s. v. 
a. bsn, s. f. V., Exod. V. 24. Lev. V. 27) weben zu einer 
Webe vor Jehovah, hierauf dieselben wieder von ihren 
Händen nehmen und zum Verdampfen nach dem Altare 
bringen auf das Brandopfer: „eine Vollmacht f Amtsbevoll- 
mächtigung] ist es zu einem Huldgeruch, eine Opferfeuerung 
ist es für Jehovah" (Lev. 8, 28). Und so weiter, Exod. 29, 
26 ff., Lev. 8, 29 ff. , wovon hierher nur noch dies gehört, 
dass der Brustknorpel (ntn) des Thieres, als Webe vor 
Jehovah gewebet, Mosen zum Antheil werden, Aaron und 
seine Söhne aber das Fleisch des Widders an der Stiftshütten- 
thür kochen und sammt dem übrigen Backwerk (im d'^NbTsn bo, 
„Vollmachtskorbe"), ohne Theilnahme eines Laien (^t), essen 
und den Ueberrest von allem mit Feuer verbrennen sollen. 

Dieser letzte Fall begreift also die auf den vorgängigen 
Basen (der gesammten Entsündigung und totalen „Heiligung") 
stehende Ausrüstung zu allem priesterlichen Special- 
Thun und Geniessen.* Erfolgt aber auch das nur auf 
Grund der Händeauflegung der Consecranden auf den Wid- 
der, so geben diese auch hier erst sich selbst gänz- 
lich hin an das, wovon sie, nachdem es vor Jehovah ge- 
webet und einestheils Sein und Seiner directen Beauftragten 
Antheil geworden, anderntheils Gegengaben, nämlich die 
priesteramtlichen Specialfahigkeiten ebenso wie alle Priester- 

* So &'^&<b73 einerseits als Uebergabe des den Priestern zu- 
stehenden Rechts, die Fettstücke auf dem Altare des Herrn darzu- 
bringen, wie andererseits als Belehnung mit Gaben, die sie künftig 
für ihren Dienst empfangen sollen, Keil a. 0. S. 61. Man ver- 
gleiche noch zur Erläuterung Exod. 29, 33 DD» ttJ^pb dn'> nN Nb»b 

und Lev. 8, 33 n« «b»'' D'^Ta'« nyaü- -»rD dS'^Kbö '^12^ n^b» üv n:? 
DD^*^ (d. i. ebenfalls mit Vollmacht ausrüsten die Hand). 



Die biblische Hand auf Icgung. 307 

genüsse (Fleisch und Brodt) zurücketnpfanf^en; sie erhalten 
also; nachdem sie erst sich selbst Qott in dem Widder hin- 
gegeben ^ sich selbst vollkommner^ nämlich geschickter 
und reicher zurück. 

Die dreimalige Auflegung der Hände auf die drei ver- 
schiedenen Thiere abei* wird so jedesmal zu einem Aufgehen 
in ihnen je ad hoc, wodurch den Handauflegenden selbst 
Btaffelförmig zu Theil wird 1) negativ: Entsiindigung ; 2) po- 
sitiv: Heiligung und Qottgenehmheit der ganzen Persönlich- 
keit; 3) speciell und specifisch: priesterliche Amtsvollmacht 
mit allen activen und passiven Rechten. 

Hierbei ist hervorzuheben^ dass nur die Weihe zum nie- 
deren Tempel- und Gottesdienste , dem Levitenamte, durch 
Handauflcgung der Gemeine auf die ConsecraBden einge- 
leitet^ die zu dem Priesteramte hingegen ohne passive 
menschliche Handauflegung und bloss durch Vermittlung von 
Opfern mit dreifacher Handauflegung auf die Dreizahl der- 
selben durch die Consecranden vollzogen ward. 

Hat uns nun bisher die mittelst Handauflegung erfol- 
gende Segens- y Majestäts- und Geistesübertragung zu com- 
plicirten Acten dieser Art, in gleichsam prismatischen Er- 
scheinungen, immer aber mit gleichem Grundtypus, nämlich 
zur Handauflegung der Gemeine auf Einzelne (zum Zweck der 
Vertretung jener im Gottesdienst) und hinwiederum zur Hand- 
auflegung Einzelner auf Thiere (zum Zweck selbst-mittheilen- 
der und darin selbst-opfemder Sühne und Weihe) geführt, so 
treten nunmehr diese bisher z. Th. ineinandergreifenden Acte 
auch ganz gesondert auf, und zwar finden wir dann nament- . 
lieh sündeübertragende Selbstmittheilung auf Opferthiere theils 
a) Einzelner für sich, theils b) für die ganze Ge- 
meine. 

a) ErstereS; die Handauflegung Einzelner im ganzen 
Volke (Laien oder Priester) zurSündenübertragung für 
sich, wird entsprechend generell eingeführt zu Anfang des 
L e V. (1 , 2) mit (a'^'np'' "^3)0^« (jedermann). Den als Brandopfer 
zur Wohlgefalligkeit des Darbringers (liatnb V. 3) zu opfern- 
den fehllosen Farren fuhrt derselbe an die Thür der Stifts- 
hütte, legt seine Hand auf dessen Haupt, damit 
Wohlgefallen ihm selbst werde (^\> n»15i), ihn zu 

20* 



308 Die biblische Handauflegang. 

entsündigen (V. 4),* und schlachtet ihn auch selbst (t3n1ö^) vor 
Jehovah (V. 5), worauf nun erst die im directen Plural- Sub- 
ject und entsprechenden Plural-Prädicat eintretenden aaroni- 
tischen Priester (collectiv ausgedrückt, aber wohl individuell 
gemeint, s. u.) das Blut darbringen und auf den Altar spren- 
gen ringsum, die zerlegten Theile des enthäuteten Körpers 
aber, den Kopf und den Schmeer, auf geschichtet entzün- 
detem Holz, sowie auch die gewaschenen Eingeweide und 
Schenkel auf dem Altar in Feuer und Dampf aufgehen las- 
sen: „eine Huldgeruchs - Opferfeuerung für Jehovah." 

Im Einzelnen macht es hier beim Opferritus selbst kei- 
nen Unterschied, ob das sündige Individuum a) ein Häupt- 
ling, oder ß) ein gewöhnlicher Israelit war. Im er- 
steren Falle, wenn sich ein «"»ttJS verfehlt hatte (Lev. 4, 
22ff.)> brachte er einen fehllosen Ziegenbock, im anderen 
Falle, wenn es y'^\xr{ wo rtiN ttSSi (V.27ff.) d. h. „eine 
Seele aus dem Landes- Volke" war,** brachte dieselbe eine 
Ziege oder ein weibliches Schaf dar: nun legte die sündige 
Person dem Thiere ihre Hand auf das Haupt und 
schlachtete es an der Brandopferstätte vor Jehovah, wor- 
auf der Priester von dem Blute mit seinem Finger an 
die Hörner des Brandopferaltars that und das übrige am 
Grunde desselben ausgoss, das Edelfett aber nach dem Al- 
tare zum Verdampfen brachte (vergl. ob. S. 304). — War 
aber die Einzelperson, die sich versündigt hatte, etwa gar 



* Also nicht, wie nach einem verbreiteten Irrthum (S.291) auch 
Baues 8.349, der Priester ist es, der als solcher dem zu schlachten- 
den Opfertbiere, „die Hände aufs Haupt legt" cet., wogegen BXhb II, 
291 vgl. 341 n. Gehles a. 0. S. 627. Eine Handauflegung des Prie- 
sters statt des Darbringers findet sich nur in den bemerkten singulären 
Fällen. Dasselbe gilt auch von der nachfolgenden Sc lilacTTitung, die 
ebenfalls der Darbringende selbst vollzieht (Bähs II, 341), s. nachh. 
(S. 309). Nur bei der Priesterweihe selbst fanden wir, dass Moses die 
Opfertbiere schlachtete (S. 304 f.). Dieses alles nach innerer Consequenz. 
** Darunter gehörte auch der gemeine Priester als Individuum. 
„Der in den Sündopfem gemachte Stufenunterschied bemisst sich näm- 
lich nicht einfach nach der theocratischen Rangordnung der Opfern- 
den, sondern danach, ob vermöge der theocratischen Stellung der 
Opfernden ein grösserer oder kleinerer Kreis in Mitschuld gezogen 
worden ist." Theol. Lit.-Bl. 1864. 1. S. 10. 



Die biblisdie Handauflegong. 309 

y) der Hohe-Priester (rr^^wn pDrt Lev. 4, 3), welcher 
damit; als Repräsentant des Volkes vor Qott; zugleich das 
ganze Volk in Verschuldung gebracht hatte (D3>n riTsiöNb*), 
so brachte er einen fehllosen Farren zum Sttndopfer vor die 
Stiftshtitte, legte seine Hand auf ihn, schlachtete ihn, 
brachte von dem Blute zur Stiftshütte und besprengte mit 
dem hineingetauchten Finger siebenmal den Vorhang des Al- 
lerheiligsten, that davon auch an die Hörner des Rauchopfer- 
altars im Heiligen, goss hierauf das Blut an den Grund des 
Brandopferaltars im Vorhofe aus und zündete das abgenom- 
mene Edelfett des Innern mit den Nieren cet. (S. 304) darauf 
an u. s. f. 

Hat dagegen b) die ganze Gemeine, als solche, 
sich unwissentlich wider ein göttliches Gebot vergangen 
(Lev. 4, 13 ff.), so legen die Aeltesten der Gemeine, 
als Repräsentanten derselben, ihre Hände auf einen von 
ihnen zuvor als Sündopfer vor die Stiftshütte gebrachten Far- 
ren, den einer von ihnen schlachtet (üniönV. 15 im Singular**), 
worauf der Hohepriester mit dem Blute und dem Edelfette thut 
wie vorhin bei seiner eigenen Versündigung. 

Gleicherweise, doch nicht ohne in den Umständen lie- 



* Dass die Sünde nur von eigentlichen Amtehandlungen zu 
verstehen sej (Oehlbr a. 0. 8. 646) , sagt die Stelle selbst nicht. 
Vielmehr ist wohl jede Sünde des Hohenpriesters eine Amtssünde und 
Mitversündigung des Volkes. Eine der hohen Würde gleich erha- 
bene Idee l Daher auch ein so verschiedenes Gebahren mit der Hand- 
auflegung in diesem Falle und nachher in b. — Bei dem eigentlichen 
und directen Schuldopfer (D^K) ist die HA. mehr als zweifelhaft, 
s. Lev. 7, 1—7 und Kmob. z. d. St; dagegen Oehler a. 0. S. 645. (Vgl. 
ob. S. 289.) 

** Also eben „einer der Aeltesten'*, Keil, BB. M. H, 37: wie 
es ja auch nur dem Bisherigen analog und ein zur Bedeutung des 
Opfers wesentlich gehöriges Moment ist, dass der schuldige Theil 
selbst sein Opfer schlachtete und darauf erst die priesteiiiche Action 
eintrat (ob. S. 308). Hatten freilich, wie hier die Aeltesten, Mehrere 
die im Namen des Volks selbst- d. h. sünde-übertragenden Hände (in 
selbstverständlichem Plural) dem Thiere aufgelegt, so konnte es 
nun im Hauptwerke freilich nur Einer schlachten, woher jetzt eben 
der Singular (C^tllD), welcher auch nicht einmal impersonell (man) er- 
klärt zu werden braucht. Unnöthig ist die Aenderung des Textes 
tanU)") in den Plural lüniöl von Mbex a. 0. S. 178. 



310 I>>e biblische Handauflegung. 

gende BeBonderheiten, geschah es später, als Hiskia die lange 
unterbliebenen heiligen Bräuche wiederherstellte, 2 Chron. 29, 
20flF., dass in seiner Gegenwart die Obersten der Stadt 
(•T^yn '^*it5) vor das Heiligthum brachten 7 Farren, 7 Wid- 
der, 7 Lämmer und 7 Ziegenböcke zum Sündopfer über das 
Reich und über das Heiligthum und über Juda (V. 20 f.). Und 
zwar brachten sie, nach Opferung der Rinder, Widder und 
Lämmer (V. 22), „die Sündopferböcke herzu angesichts des 
Königs und der Gemeine und legten ihre Hände auf sie" 
(V; 23) , worauf die (hier V. 24 wie V. 22 für die Qesammt- 
heit, nicht für ein Individuum, handelnden, ja auch selbst 
mit zu sühnenden) Priester sie schlachteten (und Blut spreng- 
ten) — „um zu sühnen ganz IsraeF (V. 24). 

Nur ganz denselben Sinn der Selbstübertragung hat 
die Handauflegung endlich auch in 

F) der Dank- oder Bittiibertragnngr auf ein Opfer- 

thier. 

Das geschieht nämlich in den ö-^ttbti (Sing, db^ Am. 5, 22) 
d. i., von öbu5 integrum esse, oblationes pro tntegrüate, für 
Heils-Zustand, Heils -Opfer, LXX (Tcot'^qujc, sey es für 
schon empfangenes oder noch erwartetes, nur gewünschtes 
Heil, da ja ausserdem für das letztere, das in aller Religion 
so wichtige Bittgebet, im alttestamentlichen Cultus alle For- 
men gefehlt hätten. * Sie bestanden in Rindern, Schafen und 
Ziegen (L e v. 3, 1 ff. D-^ttbiD n:iT). Der üeberbringer soll die- 
sem Opfer an gewohnter Stätte seine Hand auf das 
Haupt legen (V. 2. 8. 13) und es schlachten, worauf prie- 
sterlicherseits das Blut an den Altar ringsum gespritzt und 
die edlen inneren Fetttheile mit den Nieren cet. (beim Schafe 
auch der Fettschwanz) nach dem Altar auf das Brandopfer 
zum Verdampfen gebracht werden, „eine Huldgeruchs-Opfer- 
feuerung für Jehovah" (V. 5 vgl. V. 9) oder „eine Opferfeuerungs- 
Speise für Jehovah'^ (V. 11). — Der Grundsinn der Handauf- 



* Oehleb a 0. S. 637 {yfih^ das vollkommene Friedenayerhält- 
niss zu Gott"). Für das blosse Dankopfer (bez. auch anticipirt) wür- 
den, als vom Piel tilptt) vergelten, wohl auch besonders entsprechende 
Piel - Bildungen erwartet, wie diese ja in 0^1? Deut. 32, 35; Dl!?0 
Hos. 9, 7. Mich. 7, 3. Jes. 34, 8 und rt!pVti Ps. 91, 8 vorkommen. 



Die biblisohe Handauflßgung. 811 

legung ist aber auch hier, dass man in dem Opfertbiere 
gleichsam selbst aufgeht^ oder dass der Darbringende die 
ihn im Moment ganz und gar erfüllende Intention auf einen 
alsbald vor Gott kommenden Vicar überträgt, wobei zugleich 
„in der Blutsprengung das Moment der Sühne als der Voraus- 
setzung aller Gnadengemeinschaft mit Gott aufgenommen 
ist'^ (Oehler S. 639), Eben wegen jener Grundidee der 
HA. kann dieselbe überhaupt bei allen Privatschlachtopfern 
vierfüssiger Thiere, nicht aber bei Erstlingen, Zehnten und 
dem Passahlamm vorkommen (s. ob. S. 286), welche einfach 
schuldige Abgabe ohne alle Stellvertretung sind, weshalb 
man sich auf sie natürlich nicht selbst-übertragen konnte. 

Doch wir müssen noch einmal zu der Sündenüber- 
tragung auf Opferthiere (E) zurückkehren und zwar zu 
dem Schlüsse des Abschnitts, wo dies für die ganze Ge- 
meine geschah (S. 309f.). Folgte dort der selbst-substitui- 
renden Handauflegung allemal das Schlachten, wie eben 
auch in F, so tritt in dem jetzt noch zu erwähnenden Falle 
nach der Handauflegung etwas ganz Anderes ein. Diese an- 
dere, heterogene Seite allgemeinster Sühnungsmodalität ist 
die Entsendung des Sündenbocks in dieWüste, Lev. 
16, 21 f. 

Es geschah am grossen Versöhnungstage, an welchem 
der Hohepriester nur das eine mal im Jahre und ganz allein 
das AUerheiligste betrat und die im Laufe des ganzen Jahres 
ungesühnt gebliebenen Sünden des Hohenpriesters und seines 
Hauses wie die des gesammten Volkes gesühnt wurden * 

Der Verlauf ist nach Lev. 16, 5 ff. wesentlich dieser. Es 
wurden dargebracht von Seiten der Gemeine zweiZiegen- 
böcke zum Sund- und ein Widder zum Brandopfer (V.5), für 
den Hohenpriester selbst aber und sein Haus zum Sündopfer ein 
Farre (V. 6. 11 ff.), von dessen Blute mit dem Finger einmal auf 
den in Räucherduft zu verhüllenden Gnadenstuhl vorn und dann 



* Auch hierbei wird jedesmal ein der Schrift selbst fremdes — viel- 
mehr ausnahmsweise nur V. 21 berichtetes — wörtliches Sündenbe- 
kenntnlss angenommen im Targ. Nb''?a m^n^KS 103*^1 („er soll süh- 
nen durch Aussprechen der Worte") V. 6. 11. 16 (J. Lkvy, Chald. WB. 
üb. d. Targumim, S. 74). Yergl. dageg. ob. S. 298 u. a. wie auch unt. 
S. 819 u. a. 



312 ^^® biblische Handanflegung. 

siebenmal vor demselben zu sprengen (V. 14). lieber die beiden 
Böcke wurden^ nachdem sie vor Jehovah an die StiftohüttentbOr 
gestellt worden (V.7), zwei Loose geworfen, das eine m fr^b G,för 
Jehovah"), das andere br NT!? b („für Asasel"),* V. 8. Der, auf 



* Ueber btNtS^ s. Bochabt, Hieroz. Frcf. 1675. 2,54 „cfe hirco 
Azazel'', T. I. p. 650—662; Spenckr, de legg. Hebr, rit III, 8 „de hirco 
emisaario^^j ed. Hag. 1686. p. 450—504; Detlino, obss. bs. I, 18 „<ie 
hirco emiss, Christi figtira^^ ; J. J. Sghbödbr, „cie AzazeUs hirco ejusq.ritib. 
ac myster.^^ 1725; C. Gr. Cluge, 1728; P. Schafpshaüsen, 1736; Lund, 
jüd. Heiligth. Hamb. 1738. S. 1167 ff., Literat. 1171; Hermannbbn, 
yyobss. de nom, Assazd^^ 1833; Vaihingbr in Herzogs K.-E. I, 634 ff. — 
bTKT^' ist wegen der auch formellen Gregeniiberstellung zu tlirT*^b 
(und weil nur zwischen Person und Person Loosen stattfinde, Spbnc. 
454) offenbar Bezeichnung einer Jehovah gegenüberstehenden, 
ebenso concreten Macht und Persönlichkeit, welcher das zweite Loos 
den zweiten Bock zuweist, also ein selbstbewiisster , böser Geist 
oder vielmehr , eben nach jener directen Gegenüberstellung zu ÜltT^, 
der böse Geist (Satan), welcher sammt seinen Dämonen auch 
sonst die Wüste bewohnt, s. Je8.13,21 ÖÖ llp'T» Ü'^'T'S^ttSI (vergl. Ge- 
ben. Comm. I, 2, 465 f.); 34, 14 «Ip'^ iW'n b^ l'^yiön, worüber im folg. 
Art. (vgl. S. 317) ; und im N. T. Matth. 4, 1 o "Irjaoig dvr,xä'tj eis trjv kgrifiov 
— nei^aad'^rat vno tov Staßolovj Marc. 1, 12 f. Luc. 4, If.; Matth. 
12,43 orav t6 axd&a^rov nvevfia iield'rj dno rov dvd'Qcinov^ Sie^x^''^^ ^^ 
ÄvvSqmv TOTtaifj t,Vtovv ävanavaiv xni ovx evQiaxetj Luc. 11,24; vergl. 
Apoc. 18, 2 und Bar. 4, 35. Tob. 8, 3 (woher auch die Neigung der 
Dämonischen zu Grüften und Bergen, Marc. 5, 2.5. Matth. 8, 28; Luc. 8, 
27. 29); vgl. auch noch B. Henoch C. 10 (der böse Geist Azazel, an 
Händen und Füssen gebunden, in eine dazu geöffnete Kluft der Wüste 
Dudael [Kessel Gottes] gelegt und mit Steinen und Finsterniss bedeckt, 
was nach Dillh. S. 100 mit Bez. auf Lev. 16, 10. 22). So verstehen 
denn bwty I) entw. überh. von einem Dämon (B. Henoch, s. vorh., 
8, 1 vgl. 6, 7) oder noch zutreffender (vgl. Vaih. 635 f.) von „der Teufel 
Oberstem'' (Matth. 9, 34. 12,24): Obig., Epiph. ; Aben-Esba (cabbal.) 
u. a. Rabb. (vgl. Boch. I, 652) mit der jüd.-christl. u. muhamm. Tra- 
dition; auch Gnostiker (b. Epiph. Haer. 34); ferner Spemcbb 
458 sqq., Rosbnm. z. Lev. 16, 8 vgl. A. u. N. Morgenl. II, 192, deW., 
Geben. Thes., Hengstenb. BB. Mos 166ff., Baumqart. Pent. II, 184 f., 
V. Ew., Keil (Arch. I, 404. 407 f.), Vaih. 636, Hävernick, Theol. d. A. 
T. 2 A. 8. 119 f. 'Tl. d. Herausg. H. Schultz, B. Bauer s. u. — Die Be- 
deutung von bli^iy ist in diesemFalle: 1) derGeschiedene, von 
bty sich fortmachen, vergl. blSSN scheiden, und zwar in der hochstei- 
gernden Form Pealal und mit Erweichung des Schlussconsonanten 
der ersten Sylbe in einen Vocal, wie lüinatH (s. v. Ew. ALB. §. 157 c; 
Ges. LG. S. 497 als buitsp): und zwar dies entweder moralisch, als 



Die bibtisch« Handauflegung. 313 

welchen das erst er e Loos fiel, ward als Sündopfer fUr des 
Volkes Sünden dargebracht und geschlachtet und von sol- 



ider Fernstehende, Abtrünnige, Verabscheuungswürdigo, Gott-sey-bei- 
uns*^ (Hgmostenb.) Baumq. , Vaxr.), oder vielleicht auch local als der 
Verbannte, Eineiedler, Wüstengebieter (s. HXvkrm. 119), wohingegen 
das abstr. Neutrum als „das Unreine, Unheilige, die Sünde** durch 
seinen Gegensatz und den Zusammenhang unmöglich wird (b. Ges. 
Thes. II, 1018) ; -— denselben concreten bösen Geist finden Andere in 
den Ableitungen 2) von b^N T^, fartia dbiena «. fagiena (Spbmo. 
454 sq. ; vgl. Movbrs, Phon. I, 870 f., naturbistorisch, doch zugleich mit 
Vergl. eines aram. t^TS^, forHa^ für Mars, s. u.), wo aber viell. der „ab- 
gewichene Engel** (wie bMf^p nach Cocgbj. eig. b^^ ^D) noch ent- 
sprechender seyn würde, und 8) von bM tT3^ d. i. entw. Gottes-Kraft 
'(möglicherweise ein £ngelname aus der Zeit vor dem Abfalle, wie 
bw-^iaa, bÄDI, bKS'^^a), oder „Gottes-Trotz" (Fürst) und Gott-befein- 
dend (b. G e s., Thes.), während im Contrast hierzu St. Ls Motnh (b. 
Deyl. p.78) in 'y den, doch gewiss SllST^b nicht gegenüberstehenden, 
allmächtigen Gott selbst zu finden glaubte. — Eine bes. den alten 
Ueberss. geläufige Auffassung von bTMT3^ ist II) die als Bezeichnung 
des Bockes selbst, sey es als Nom. pr. (PmLo), oder als N. app., 
und zwar dieses entw. von einem ebenso formell wie sachlich unzu- 
länglichen arab. J^fi „Lastthier** (Mkbx), oder von bt^^ T^; rgdyoe 
anttpx^ß^'*'^^ (Aq., Symm.), „hircus emisaartua^^ (Vulg.), „lediger 
Bock** (LüTH.) m. Talm., Thbodorbt A.b. Bahr 11,666, auch v. Hofm. 
Schriftb. I, 481 f. („der Hinwegkommende, Femling**), und ebenso hier- 
neben LXX Lev. 16, 26 ditoraX/u^roe bU afaaiv, (gleichwie auch sonst 
atpBxa, ävsxa ins Freie gelassene Weihopferthiere , s. Wits. Aegypt. 
ed. 2. p. 120 sq., Deyl. p.83): da doch weder T9 Bock, sondern Ziege 
ist, noch dies durch das hinzugefügte Masc bTN gebessert wird. Hiermit 
keineswegs synonym ist eine dritte Uebers. der LXX in V. 10 dno- 
nofinaiog od. eis Ttjv anonofinriv , worunter vielmehr ein hnotgSnaios 
oder aA«ft7TJ7^io6 {kvoio?, fvS»oe, deua averruncua) und dann bei Ver- 
werthung des b ein solchem vermeintlich unglückabwendenden Götzen 
(s. ob. I.) zugedachter Sendling verstanden zu seyn scheint. Ueber 
solche Versöhnungen negativer Mächte, bes. auch beim Typhon in A e- 
gypten, Plutarch. Is. c. 78. Macrob. Saturn. 8, 7 vgl. Wrr8.85sq. 
119, BocH. I, 651 sq., Deyl. 81 sqq., Hbkgstemb. 178 f., Movers 867 f. 
(s. ob. I.), HXvERN. 120, DissTEL (üb. Set-Typhon, Asasel u. Satan, in . 
Zeitschr. f. d. bist. Theol. 1866. II), und bei den Indern Graul, 
Reise III, 296 ff., Keil, Arch. I, 408; hat man doch auch einen ara- 
bischen oder gar erst babylonischen Ursprung des bT2<T5^ vermuthet, 
s. R. DozY u. G. RÖSCH in Jahrbb. f. D. Theol. XI, 2 (1866) S. 846. 
— Wie nun aber auch hier die positive Originalität gewiss bei den gött- 
lichen Institutionen anzunehmen (vergl. S. 817 f.), so ist daraus auch 



314 Die biblische Handantiegung. 

nem Blute ebenfalls im AUerheiligsten auf und vor den Gna- 
denstuhl gesprengt zur Sühne des Heiligsten, wie ebenso 



Dach anderen, occidental. Seiten des HeidenthumB, obschon dann alle- 
zeit verderbt, transpirirt, z. B. in den Luperealien, bei denen nam. 
Ziegen und Böcke unter merkwürdigen und vielgedeuteten Cerimo- 
nien geopfert wurden, wovon Hsffter, Rel. d. Griech. u. Rom. S. 542 f. : 
„Es wurden 2 Jünglinge aus edlen Familien herzugefuhrt; diesen wurde 
das blutige Opfermesser an die Stirn gestrichen, worauf sogleich An- 
dere ihnen das Blut mit in Milch getauchter Wolle abwischten 
[vgl. folg. S. traditionell-hebr. Riten u. Jes. 1, 18], nach welcher Procedar 
die Jünglinge laut auflachen mussten. — Jene Jünglinge, nach dem 
Beinamen des Faunus selbst Luperci (gr. Xvxoogyot, Xvxoapyets , Wolfs- 
abwehrer) genannt, entkleideten sich, machten sich von den Fellen 
der geopferten Böcke und Ziegen einen Schurz um die Lenden, 
desgleichen Riemen, nahmen diese in die Hand und liefen damit von 
der heil. Opferstätte, die am palatin. Hügel sich befand und Lupercal 
genannt wurde, durch die Stadt. Verheirathete Frauen stellten sich 
ihnen in den Weg und liessen sich mit den bockledernen Riemen 
schlagen, um von sich die Schmach der Kinderlosigkeit abzuwenden 
und leichte Geburten zu haben. Es ward dies zugleich als eine Süh- 
nung, als eine Reinigung vom Bösen angesehen; deshalb hiess 
der Tag des Festes auch FebrtLattis, Tag der Reinigung, näml. von 
bösen Einflüssen, Zaubereien, — das Fell aber Felfruumy und seihst 
der Monat, in welchem das Fest gefeiert wurde, bekam den Namen 
Februcurius. Es rührt diese Cerimonie gewiss aus der frühestex| Zeit 
her, weil sie so rph ist. Aehnliches ist auch in Hellas üblich ge- 
wesen.^^ Auch sonst dem Faun ein Bock geopfert b. Horat. Od.1; 4, 
11 sq. 3; 18,5: s.d. folg. Art. — Eine weitere Erklärung des bTmr 
ist dann III) die als eines Orts, entw. Nom. pr. einer nicht näher 
constatirten Statte am Sinai, von welcher der Bock angeblich hinun- 
tergestürzt wiu*de, KiucHi, Abbn-Esk. A. b. Saubert, sacrif . 56H sq., 
LüND 1168, Dktl. 79, oder Nom. app. als „Grottes- Klippels "^oni arab. 
astaz oder dem hebr. T9 hart od. rauh, und bM Grott, Jonath., Arr., 
8.b. Boch. 653, Spenc. 451, Vaih. 634. — Ausser diesen bisherigen 
concreten Auffassungen giebt es endlich IV) auch noch eine ab s t r a c te, 
wonach bTMT:s{ von obiger Ableitung s. v. a. das arab. azaxU mit 
Plur. fract xo^Q^ouol^ dpaxofgfjoßte , separaüones , reeestua et »ecesws 
(Boch. I, 653Bqq., vgl. H. Schultz zu Häv. Theol. d. A. T. 119), hier- 
mit aber btKTS''? entweder (gleichsam auf Nimmerwiedersehn) „zu 
gänzlicher Hinwegschaffung<< (Bisa II, 668, Steüdel, Theol. d. A T. 
231, A. 8. b. V. Hofm. Schriftb. I, 431); oder ^^aeeeasünu^' (Rsland, 
antt SS. p. 434), „für die Einöde" (bestimmt, Boch. 655), wogegen aber 
schon der dann tautologische Zusatz Sl^31)ai1 Lev. 16, 10 wie die so 
eintretende form. Incongruenz der strictenGegensätie •llil'^b und bTMT9b 



Die biblische Htadauflegung. 315 

auch zu der des Heiligen (V.löf.); sodann aber auch drauBsen 
davon; und zwar hier zugleich mit Blut desFarren^ an die Hör- 
ner des Brandopfer altars gestrichen und siebenmal ringsum 
darauf gesprengt (V. 18 ff.);* aber ohne dass bei diesem Siind- 
opfer des Volks ebenso wie bei dem des Hohenpriesters eine 
Handauflegung erwähnt würde, die nach Keil (Arch. I, 410 
vgl. KÜPEß 111) selbstverständlich wärC; aber vielmehr wohl 
theils durch die alsbald nachfolgende ausdrückliche und be- 
sonders solenne (real und auch verbal gleichsam duplicirte) 
Handauflegung auf den Wüsten-Sündenbock compensirt und 
überflüssig ward; theils auch vielleicht um deswillen bis jetzt 
zu unterbleiben hatte ; weil die Sühnung bis daher zugleich 
den nicht ebenso übertragbaren Heiligthümern selbst galt. 
Denn eben nach also voUbrachter Sühnung; nicht nur des 
Hohenpriesters mit den Seinigen und des gcsammten Volkes 
(V.17); sondern auch des HeiligthuraS; der Stiftshütte und des 
Brandopferaltars (V. 20), ward der zweite Bock (j,^iw»V') 
lebendig vor Jehovah dargestellt, n-^by *nDDb V. 10 d. h. 
hier wohl ;;ZU entsündigen über ihm" oder ;;auf ihn" 
(v'b» wie nachher V. 21). Zu diesem Behuf ;;legte Aaron 
(als Repräsentant der Gemeine Jehovahs) seine beiden 
Hände** auf das Haupt des lebendigen Bocks und be- 



ist. — Traditionelle, doch auss erbiblische Bräuche bei der Entsen- 
dung dfeses Bockes, z. B. ein rothes zungenförmiges Tuch zwischen 
die Hörner gebunden, welches dann in der Wüste auf einen Dornen- 
zweig abgelegt worden, sowie Verspeiung und Misshandlung des 
Thiers durch das Volk und seine endliche Hinabstürzung von einem 
Felsen , Erquickungstationen seines Führers u. a. s. Boch. I, 656 sqq., 
Spsrc.470, Luiid1168. 1172 f., Dbitl. 88 sqq., B1hrU,671 wie nam. auch 
schon £p. Babmab. c. 7: *EntHatd^aT6g, ^r/atv, 6 ih' n^oaax'ta nmg 
ö xvnog tov *lijoov tpavBQOvxai, Kai ifintvaatt ^roVrcs, icai xamaxfV' 
n^oaxß , Mal ne(fid'aiTa ro ^^lov t6 x6xhivop na^l tiiv nefaX^v avjov, 
Hai avrws atg k'Qtifiop ßlt^&ijxat k. t. il., s. nachher. 
« Näheres b. Exil, BB. Mos. H, 106. 

** Hiernun ausdrücklich 1^"^ '^ntö riK (K'ri r^^ wohl aber viel- 
mehr eig. „seine Hand-Zweiheit*<). Den Fall, wo ein Einzelner (freilich 
aber ein Moses einem Josua) die Hände auflegte, sahen wir bisher 
nur Num. 27, 23 und Deut. 34, 9 (S. 297 f. 299), dies aber durch den wirk- 
lichen Dual (l^*!*^) , ohne das characteristische Zahlwort, wie nun hier 
offenbar zu emphatischer Bezeichnung eines Au sn ahm sf alles, 
ausgedrückt Dageg. LXX einfach roc x'^^o«« nicht einmal im Dual. Will- 



316 l^ie biblische Handauflegimg. 

kannte sich schuldig über ihm oder auf ihn (vb^ Tnivim, 
vgl. vorh. V. 10 T»b^ ^dd) aller Vergehungen der Kinder Is- 
rael und aller ihrer Verfehlungen nach allen ihren Sünden 
und gab (Vulg. imprecans) sie auf das Haupt des 
ßocks; und* verschickte (ihn) in der Hand eines bereiten (*»r)^ 
von r)y tempusj also tempeatiimsy opportunus) Mannes nach der 
Wüste hin" (mnTan V. 21), der nach seiner Rückkehr seine 
Kleider waschen und sich baden musste (V. 26). ,,Und es 
trug(Mi03) der Bock auf sich alle ihre Vergehungen 
nach einem abgeschiedenen Lande (n'iT:i.'piK bK, LXX eig 
yrjv äßccT&v, j^n peaaimam pariem deserti^^ Speng. L 1. H, 465, 
woher also auch keine Rückkehr), und er (Aaron) verschickte 
den Bock in die Wüste hinein" (V. 22, oder auch: er, der 
Führer, entliess ihn in der Wüste). 

Der Sinn der Schilderung ist klar und klärt zugleich 
frühere Stellen mit auf. Mit der vollen Händeauflegung auf 
das Haupt des Bocks ist hier eine allgemeine ausdrückliche 
Beichte aller Sünden der ganzen Gemeine durch den hände- 
auflegenden Hohenpriester verbunden und zugleich ein ebenso 
ausdrückliches Auflegen dieser Sünden auf dasHaupt 
des Bocks — also ganz der bis hierher überall behauptete 
Grundcharacter der Handauflegung als Selbstübertragung mit 
der Intention ad hoc, nur dass der Hohepriester nicht allein 
seine Person, sondern eben die ganze Gottesgemeine mit 
übertrug.* 

Dieser Bock war „bt^T^V, „dem Asasel", ward also gleich- 
sam „zum Teufel geschickt". Was dort in der Wüste, dem 
Bereich des Bösen, mit ihm geschah, kmmnerte nicht weiter. 
Ein Umkommen des Bocks in der unfruchtbaren Wüste,** 

kfirlich findet ▼. Hofm., Schriftb. II, 1, 2^, in uns. St. (Lev. 16, 21) „eine 
wesentlich andere Geberde des über dem Thiere Betenden.'' 
Doch war der Grebets-Ritns ein anderer, s. Bibelstad. 1, 137 f. Vielmehr 
liegt in den beiden Händen wohl eine grossere Fülle der Selbst- 
mittheUnng (vgl. ob. S. 298), weshalb wir im N. T. den Plural sogar 
fast als die Regel finden werden, wie im A. T. als solche den Singular. 
* Yergl. Dbyi*. I, 80: Haee surrogatio hirei in locum populi et 
facta peccatorum imputatio atque hatio pro üUs^ vice populi, cuünm- 
hrahai saiis/actionem Messiae. S. nachh. S. 318. 

** Er habe dort umkommend „das erleiden müssen, was der Sün- 
der, auf dem die Sonde bleibe, erleiden mnss'', Kwl, Areh. I, 410. 



Die biblische Handauflegang. 317 

das man ttbrigens viel näher und kürzer hätte erreichen kön- 
nen , ist nicht einmal absolut nothwendig; wie auch die rab- 
binische Satzung, er sej von einem Wüstenfelsen (s. ob. 
S. 314 f.) herabgestürzt und zerschmettert worden; eine blosse 
Vermuthung. Qradezu verwerflich aber ist die Deutung als 
eine ;;dem AsaseF in dem Bocke zur Begütigung darge- 
brachte Opfergabe.* 

Jene Deportation ist der Sache nach wohl auch einer Hin- 
schlachtung äquivalent: die uferlose, schauerliche, dämonische 
Wüste — eine Art Hölle — verschlingt und begräbt das ge- 
bannte Thier und die von ihm getragenen Sünden, wie diese 
sonst „in Meeres^Tiefen^' geworfen werden sollen (Mich. 
7; 19)! Hauptsächlich aber trägt der sündenbeladene Bock 
die Sünden hin und heim zu dem Urheber und Vater der 
Sünde (vergl. Job. 8, 44). 

Ist der erste dieser beiden Versöhnungsfest-Böcke, welcher 
eben „m?T^b" ist und Gotte geopfert wird, gleichsam der Trä- 
ger von Busse und Glaube, so bildet der andere, „bwr^b", 
zur Ergänzung, eine Verkörperung der Abrenuntiation 
(ein reales Absagen dem Teufel mit all seinem Wesen und 
Werk).** 

Noch weniger eine Weissagung vom Exil, b. deMuis, Varia sacra, 
in Critt. ss. Prcf. VII, 470 sq. 

« (Ob. S. 313.) So z. B. R. Etjsber b. S p e n c. 458 sq., wogeg. Dbtl. 
78 u. A. Vor allem steht dem Lev. 17, 5 das ausdrückliche Verbot ent- 
gegen, auch nur im offenen Felde (?1*ltt3fl "^30 b^) überhaupt zu 
opfern, was den D''^"^3?tö (LüTH.„Peldteufel", eig. Zottige oder Böcke, 
8. d. folg. Art.) geschehe, denen sie so „nachhurten" (V. 7). Gegen 
ägyptischen (Bock-) Cultus, s. f. Art., vgl. noch Jos. 24, 14. Ezech.20, 7. 
23, 3. 19. 21. 27 und Ksil zu Lev. 17 (II, 112). So war vielmehr grade 
der ihm mit der positiv schon gesühnten Sünde lebendig zugesandte 
'Bock ein sprechendes Correlat zu dem unter Bocksgestalt vorgestell- 
ten bösen Geiste selbst. 

** Vergl. Kbil, Comm. a. 0. S. 108 f. : der erste Bock zur Ver- 
söhnung und Wiederherstellung der Lebensgemeinschaft in Bezug auf 
Gott', der andere zur gänzlichen Lossagung von dem durch die Sünde 
entstandenen Verhältnisse zu dem bösen leiste , diesem zum Zeugniss, 
dass er den Gottversöhnten nichts anhaben könne, der Gemeine Gottes 
aber, dass die mit Sünde Beladenen im Reiche Gottes nicht bleiben 
können, sondern, wenn unerlöst, der Behausung der bösen Geister 
verfallen werden. Bauer S. 351 : Gott erhält (durch den ersten Bock) 
was Gottes ist (die dadurch entsündigte Gemeine) , der Teufel aber 



318 ^^6 biblische Handanflegnng. 

Beide Versöhnungsgestaltungen d. h. beide Böcke bilden 
aber erst zusammen ein Ganzes, eine nur in dieser polarischen 
Zweiheit darstellbare vollkommene Einheit; und stehen insofern^ 
wenn auch viel grösseren MaassstabeS; weil für die Gemeine^ 
in Analogie mit der Entsündigung für den getilgten Aus- 
satz an Mensch und Haus (Lev, 14, 4 — 7. 49—53), welche' 
ebenfalls durch zwei Vögel erfolgte, deren einer in ein irdenes 
Ge&ss auf lebendiges Wasser geschlachtet und der andere, in 
das so mit Wasser vermischte Blut jenes eingetaucht, draussen 
vor der Stadt ins offene Feld freigelassen wurde. Ebenso bil- 
den auch jene beiden Böcke nur vereint die Versöhnung, positiv 
und negativ, daher sie auch zusammen n&^tan Lev. 16, 5 
genannt werden und die Handauflegung auch nur einmal, 
und zwar auf den letzten Bock, erfolgt (S. 315 f.).* — Da- 
gegen ist die hier noch geschiedene Versöhnung in ihrem 
Ectypus, in dem Sündopfer Jesu Christi, wieder zur realen 
Einheit geworden. Auch er ist für uns geschlachtet, aber 
„ausserhalb des Thors, ausserhalb des Lagers" (Hebr. 13, 
12 f.), und hat da „unsere Sünden selbst hinaufgetragen an sei- 
nem Leibe auf das Holz, aufdass wir', den Sünden abgestor- 
ben, der Gerechtigkeit leben" (1. Petr. 2, 24**). Denn ebenso 
ist auch Er nicht nur getödtet, sondern auch wieder frei- 
gelassen aus den Banden des Todes in ewiges Leben, vergl. 
Justin. M. und Cyrill. Al. b. Spenc. p. 482, wie auch ob. 
S. 315 Barnab., im Uebr. aber Deyling 1. 1. de hirco emiasario 
Christi figura, bes. p. 86 sqq. — 

(durch den andern Bock) was des Teufels ist. -^ Eine blosse, un- 
zureichende, Benuntiation (Meldung an den Asasel), statt der 
Abrenuntiation, legt dem Wüstenbocke bei Kubtz, zuletzt in Bibel 
u. Astron. 5. A. 1865 S. 187 : ihm ,,wurden die schon (am ersten Bocke) 
gesühnten Sünden aufs Haupt gelegt und dieser dann lebendig in die 
Wüste zum Asasel geschickt, damit er erfahre was geschehen sey, 
und es wisse, dass er über Israel kraft der versöhnenden Gnade Gottes 
keine Macht mehr habe.*' — Es würde das im Typus auf Christum 
dessen Höllenfahrt entsprechen, s. Bibelstud. II. Art. 3. 

* Vergl. Spbnc. 478 sq., obwohl mit einigen überflüssigen Accom- 
modationsideeen: der eine Bock als ikaaxwovt der andere als antqo- 
Ttaiov oder anonouTtnXov (s. ob. S. 313), „M< 8CÜ. IsraeHtae expiationem 
sua lege praescriptam numeris omnibus ahsolutam crederentf'*' cet, 

** Wäre es nicht möglich, dass der Apostel, ausser an Jes. 53, 
hier zugleich an Gen. 22, 9 ff. gedacht hätte? — 



Die biblische Handauflegang. 319 

Wenn übrigens die sündenttbertragende Händeauflegung^ 
zu welcher wir jetzt ausschliesslich zurückkehren, nach dem 
biblischen Grundtexte hier beim grossen Versöhnungsfeste das 
einzigemal von einem auch wörtlichen Sündenbekenntnisse 
(nnnn) begleitet war (S. 316), das bei anderen Opfern nirgends 
erwähnt wird, so ist diese allgemeine Beichte für das gesammte 
Volk am einmaligen grossen Versöhnungsfesttage zwar durch- 
aus nicht etwa eben nur in dem Factum der Händeauflegung 
selbst stumm ausgesprochen worden,* vielmehr die auch münd- 
liche Verdolmetschung derselben ebenso eine ganz besondere 
Ausnahme wie dieThatsache der Händeauflegung selbst mittelst 
11"^ "^niD (S. 315); im Uebrigen aber allerdings auch in allen 
Fällen von Sündopfern mit Handauflegung der Bekenntniss- 
gedanke oder eben die specielle Intention anzunehmen, 
wie sie je nach dem Zwecke des Opfers und der Handauf- 
legung überhaupt immer vorhanden ist** Besteht ja doch 
eben der alttestamentliche Cultus grundsätzlich und daher 
auch fast ausschliesslich in Bild- und Thatsachensprache 
(8. ob. S. 293. 298. 314 u. a.; vom N. T. unt). -- 

Eine die bisher gewonnene stetige Begriffsbestimmung 

* So Spekc. 478: j^tactteprecatus est ut mcdum omne populi cer- 
vicilua tmpendena ab iis in hirci caput averteretur.*^ Dagegen ist die 
in Misch na (Joma, s. b. Oütbam 159 sq.) aufgeführte Formel dieser 
General- Beichte natürlich apoeryph. 

** Ueber vermeinte stete Begleitworte der HA. s. Outbam p. 153. 
155 sqq., auch mit angeblichen Formeln 155. 158 sqq.; vergl. Bochart 
I, 657; BiHR II, 341; Oehlbr a. 0. 627 f. 648. Allein der heil. Text 
selbst gedenkt einer solchen Thatsache, ausser unserem eben darum 
evidenten Ausnahmsfalle , niemals ; auch würden die ohnehin so 
sprechenden Opfer und Riten mit Worten einen Pleonasmus bilden, 
wie selbst Outr. p. 100 andeutet: Quilma ex rebus inteUigitur eodem 
apeckuse aacrificia quo preces ore enunciatae gratiarumque actionea per- 
Hnent, Illud tarnen interfuiaae^ quod ejuadem utigue voluntatia alia in 
precüma enunciatiaj alia autem in aacrificiia aigna- externa adhiberentur. 
In iUia acü, expUcata verba^ in hia aacri quidam ritua, quibua tarnen 
eodem deaideria, quae verbia explicatia, aubjecia erant. (S. auch ob. 
S. 295. 298. u. a.) — Von einer Vergleichung heidnischer Verwün- 
schungen (wie ägyptischer auf das Haupt des Opferthieres , Spemc. 
p. 479, OüTR. p. 161. 260, Wits. Aegypt. ed. 2. p. 35 sq. 121 sq., 
Dbtl. 1. 1. p. 81 sqq.) oder sonstiger Opferformeln (Outr. p. 157. 
161) kann hier schon darum nicht die Rede seyn, weil dort die spe- 
cifisch-hebrftlsche Handauflegung fehlte. 



320 I)ie biblische Handanflegmig. 

der biblischen^ näher alttestamentlichen Handauflegang durch- 
brechende und verwirrende Categorie scheint zu bilden die 
Stelle Lev. 24; 14., in welcher denn namentlich auch Merx 
die Hauptinstanz für seine Erklärung der Handauflegung ge- 
funden hat : es sey eben ,,nichts als ein verstärktes und vor 
Missverständniss gesichertes Hindeuten/' 

Jenes Gottes -Wort selbst lautet also: ,,Führe hinaus 
den Flucher (Lästerer) nach dem Draussen des Lagers^ 
und es sollen legen alle Hörer (Ohrenzeugen der Läste- 
rung) ihre Hände auf sein Haupt, und ihn steinigen 
die ganze Gemeine !'' 

Wenn v. Hofm., Schriftb. I, 2, 247, diese Handauflegung 
deutet als ,,Zuwendung dessen , was der Lästerer gesündigt 
hat, auf sein eignes Haupt, dass es in der Strafe, welche 
dann an ihm vollzogen wird, über ihn komme"*; so wäre 
1) diese Handauflegung vor der viel deutlicheren Steinigung 
selbst doch gewiss ein sehr matter Pleonasmus von Action**, 
dabei 2) auch die Beschränkung auf die Hörer des Fluchs 
auffällig, deren Stelle vielmehr, wie sonst, die Gemeine- 
repräsentanten einnehmen sollten, noch abgesehen davon, 3) 
dass wir es dann hier doch mit einer Bedeutung und Wen- 
dung der HA. zu thun hätten, die sich in das sonstige lo- 
gische Netz nicht wohl einfügen lassen will. 

Einen freilich ebenfalls misslungenen Versuch zu letzte- 
rem macht Bahr H, 342 : die HA. „deute das Verhältniss [?] 
an, in welchem die Hörer zum Lästerer standen, theils das 
Hingeben oder Weihen [!] zum Tode." — Hierauf beruht wohl 
auch die verzweifelte Behauptung Bauers (S. 346. 349 vgl. 



* Vergl. KüPEB S. 111. 114: „es sey hier zwar die eigne Gottes- 
lästerung, die von den Zeugen auf das Haupt des Sünders geladen 
werde, aber die Beziehung auf die Todesschuld w;erde dabei aus- 
drücklich ausgesprochen [?J — so erscheine die Strafe, die auf ihn 
fällt, als der Schlag, mit welchem die Sünde [?] den Sünder straft 
und welchen die Zeugen ihm zu tragen geben , ihm auf den Kopf 
legen." — 

** Selbstverständlich ist die Hand aü flegung hier auch nicht 
etwa identisch mit der Hand auf heb ung der Zeugen wider einen 
Götzendiener, nämlich zu dessen Steinigung, Deut. 17, 7., wo auch 
schon der Ausdruck '')X) 1^ il'^Hn &^^!^tl 'l'^ ein völlig anderer ist. 



Die bibÜBohe Handauflegung. 321 

351 u. ob. S. 288), dasa durch die HA. auch ,;Um gekehrt ein 
Un Segen, Fluch — dem Andern aufs Haupt gelegt werde.^' 

Der Sache näher war schon die Bemerkung Keils (Comm. 
II, 146) : durch die HA. „sollen die Hörer oder Ohrenzeugen 
die vernommene Lästerung von sich weisen und dem 
Lästerer auf sein Haupt zurückgeben, dass er sie büsse.^^ 
Noch entsprechender, ^eil auch der constanten Bedeutung 
des Gesammtritus und zugleich der singulären Form con- 
gruenter, dürfte gewiss aber dieses seyn, dass die — wenn 
auch nur passive — Versündigung, in welche das An- 
hören einer Gotteslästerung obschon unwillkürlich mitgebracht 
hatte, durch die Händeauflegung der gesammten Hörer (b^ 
&'^3^)3iz)ti) auf das Haupt des alleinigen Selbstschuldigen und 
auctcir delicti gelegt und gleichsam mitabgelagert werden soll, 
wonach die Bedeutung der HA. auch in diesem Falle wieder 
zasammenfiLllt mit der auf das Sündopferthier, nur dass dieses 
ohne eigne Versündigung ausschliesslich zum Träger 
fremder Sünde ward eben auch durch die Handauflegung.* 
Eine Bestätigung wird dieser Auffassung einer sonst alle feste 
Begriffsbestimmung der HA. entweder durchkreuzenden oder 
aufs Aeusserste verflüchtigenden Stelle auch noch dadurch 
zu Theil, dass hier, gradeso wie sonst von den Opferthieren, 
steht TOK1 b:^ DM"''T» n« nü72D, während eigentlich bei Menschen, 
ausser wo sie gesegnet werden, ^Mn wegfällt. (S. 297.) 

Will Merx gegen die sonach durch gängige Deutung der 

* An die somit abzulehnende Auffassung der HA. für Bezeich- 
nung der Hinrichtung als der mit Recht auf das H^upt des Schul- 
digen fallenden Strafe (s. vor. S.) anschliessend, bemerkt v. Zszschwitz, 
Catechnmenat S. 650 f., hierüber noch, dass die Gemeine, indem sie 
bei Unterlassung der Strafe als Mitschuldige dastehen würde , „so alle 
Schuld, die ideelle Mitschuld miteingeschlossen, auf sein Haupt 
lege." Hiergegen dürfte zweierlei sprechen, einmal dass diese Mit- 
schuld der Gemeine doch eine nur eventuelle und mit der so zur 
Hinrichtung schon getroffenen Einleitung gar nicht existirende wäre, 
und sodann dass die Gemeine nur durch ihre ordnungsmässigen Vor- 
steher repräsentirt werden kann. Uebrigens beruhigt sich v. Z. mit 
Recht nicht bei der Annahme einer blossen formalen „Erklärung^S 
sondern substituirt auch hier der HA. etwas Reelles, nämlich eine 
„Ausstattung" für einen Zweck , die allerdings zu Segnungen und reli- 
giösen Weihen, weniger schon zu Opfern, schwerlich aber zu den 
Yorausgängen einer Hinrichtung treffend erscheint. 

HOELEMANN, Neue Bibeletndlea. 21 



322 ^1® biblische Handauflegiuig. 

HA. von Selbst- und näher Sündeübertragang weiter auch 
speciell noch Deut 21, 4 aufiiihren, wonach f&r einen ohne 
Ermittelung des Thäters im Felde Erschlagenen durch Töd- 
tung einer Kalbe, ohne Erwähnung vorheriger Handauflegung 
auf dieselbe, gebüsst werden soll, so hebt sich dieser Einwand 
ganz einfach damit, dass die HA. eben auch in diesem Falle 
eine Versündigung oder doch eine Mitschuld an dem Verbre- 
chen ausgedrückt haben würde, wovon aber nach V. 6 f. gar 
nicht die Rede seyn kann und darf. 

Unter dieselbe Categorie, wie vorhin Lev. 24, 14 von 
HA. der Ohrenzeugen auf einen zu steinigenden Lästerer, 
fällt endlich auch die apöcryph. Steile Hist. Sus. V.34, in- 
dem die beiden Aeltesten ihre Hände auf das Haupt Susan- 
nens legten (H&tjxav rag x^^^S — der Plural als von Zweien — 
knl rrip xttfaX^v avrrjg), wovon der Sinn auch hier nicht blosse 
Bezeugung (Merx) seyn kann, sondern, wie selbst auch der 
Zusatz des „Hauptes^' bestätigt (s. vor. S.), nur dies aus- 
drücken soll, dass die wenn auch nur passive Mitversün- 
digung, wie vorhin durch unwillkürliches Anhören, so hier 
durch unwillkürliches Mitansehen des Verbrechens (vgl V. 
38 Idovteg rt^v avofiiav), der angeblichen Urheberin der 
Greuelthat und dadurch activen Sünderin mit heimgegeben 
werden sollte. — 

Hiermit treten wir aus der Pforte, die vom Alten Testa- 
mente überfuhrt zu dem Heuen Bunde. 

Hier kann, nachdem das grosse, fiir ewige Zeiten gül- 
tige Opfer gebracht worden (Hebr. C. 9—10. vgl. S. 318 u. 
unt), von Handauflegung auf Farren und Böcke als Sünd- 
opfer nicht mehr die Rede seyn, um so mehr aber von der 
Handauflegung zur Segnung und Einweihung. Wie 
dieselbe in diesen Beziehungen aber auch schon im A. B. 
vorkam, so wird und kann ihr Untersinn auch im N. B. 
kein anderer seyn als der alttestamentliche, d. i. der Selbst- 
übertragung ad hoc oder „in der intendirten Richtung'^ 
Sie erfolgt demnach auch hier wieder in 

A) der Segrnungr. 

Jenes alleinige und ewig kräftige Opfer för die Sünden 
der ganzen Welt (1 Joh. 2, 2 avrog ikaa/iog tan negi tmv 
ccfia^Tiaiv iifidv — xal ti^qi okov tov x6a(iov\ Jesus Christus, 



Die biblische Handauflegang. 323 

ist auch der Inhaber und Urquell alles Segens. Von 
ihm lesen wir daher Matth. 19; 13 ff. : ;;da wurden zugetragen 
ihm Kindlein, damit er die Hände auflegte ihnen (iva 
Tag x^iQag* knidy ahtoig) und betete, — und nachdem er 
ihnen die Hände aufgelegt {ini&Ag avroig rcig x^^Q^s), 
ging er von dannen/' Das ;,Qebet'' ist hier zwar nach der 
Absicht der die Kinder Herzubringenden mit der Hand- 
auflegung verbunden; wogegen bei der Willfahrung der 
Bitte wenigstens der Text einfach nur den Act der Händeauf- 
legulig berichtet.** Beides trifft ja offenbar darin zusammen, 
dass die biblische Handauflegung (vgl. S. 290 f. 293. 298. 319) 
niemals einen nur physischen und materiellen; sondern alle- 
mal einen wenigstens in stillem Gebet oder mindestens energi^ 
scher Intention enthaltenen geistigen Gehalt hat; wie denn 
auch schon Jacob (Gen. C. 48) Ephraim und Manasse unter 
Händeauflegung auch zugleich mit Worten segnete (V. 15 f. 
20), nur dass die rechte Hand den Segensstrom reicher auf 
den Jüngeren überleitete (V. 18—20: S. 293 f.). — Zur Be- 
stätigung jener Auffassung von Matth. dient auch die Paral- 
lelstelle Marc. 10; 13., wo zuerst statt der Bitte um Hände- 
auflegung steht: ;;8ie trugen ihm zu Eindleiu; damit er an- 
rühret e sie (tvcc axin^rav airrcSv, wie Luc. 18, 15); und darauf 
V. 16: ;;und nachdem er sie auf den Arm genommen, legend 
die Hände aufsic; gesegnete er sie" (ri^&Big tag x^^Q^S ^^ 
ccvrd^ xat^vXoyu — ein stärkeres; sonst gar nicht neutestament- 
liches Wort, nach der LA. von B CL K cet. — avvä), wo gewiss 
eben auch die Händeauftegung selbst das allein Sprechende 



* Das N. T. nach seiner grösseren FüUe bietet allerdings meist 
den Plural der Händeauflegung auch nar Eines. (Vergl. ob S. 296. 
315 f., unt. S. 337.) An vorliegender Stelle können inzwischen „die 
Hände^^ entweder zu beschleunigender Segnung je Zweier auf Einmal 
(s. ob. S. 293 ff. Gen. C. 48) oder auch generell gesagt seyn, wofür beson- 
ders die alsbald zu erwägende Parallelstelle Marc. 10, 16(8. f. S.) spricht; 
es werden aber unzweifelhaft weiterhin „die Hände^* auch bei der pas- 
siven Segnung des Einzelnen wiederkehren. 

*• Wären dazu Worte von dem Herrn gesprochen worden, sie 
wären uns gewiss von dem Evangelisten mit aufbewahrt. Welche 
Worte aber sollte Er segnend auch sprechen, Gottes Sohn und alles 
Segens Herr? Ueber das meist Wortlose der in sich so significanten 
HA. auch schon im A. T. s. ob. S. 293. 295. 29S. 314. 319. 
I 21* 



324 ^1® biblische Handauflegung. 

ist* Jene Verbindung des ivayxaXl^ead'm (auf den Arm neh- 
men) mit Händeauflegung aber zeigt wohl selbstverständlich, 
dass der Plural rag j^clpag wenigstens zuweilen auch generell 
gesagt und von der Einen Hand gemeint ist; wie nachher Act. 
19; 6 nach besser bezeugter LA. von Paulus allein auch oiine 
Art x^^^S generell steht. Wenn übrigens der Herr noch mit 
aufgehobenen Händen alle die Seinen segnend gen Him- 
mel auffuhr (kTiägag rag /«i(>ag avtov svloyfjirev avtovg, 
Luc. 24; 50); so ist auch das eine, schon nach der ganzen 
Situation; welche die individuelle von selbst ausschliesst; all- 
gemeinste; ja zuletzt die ganze Welt umspannende Handauf- 
legung; welche aber eben in dieser Gestalt keine kni&taig 
Xeiguip (xBiQo&sala) seyn konnte. Mag man nun diesen Gestus 
der „Handaufhebung" allenfalls auch als Gebet (Fürbitte, vergl 
Bibelstud. I, 138 f ) deuten; gewiss ist diese einzigartige Ge- 
staltung der Segnung nicht erst ein Typus der so viel älteren 
Handauflegung. 

Ausser dem Segensgestus finden wir im N. T. die alt- 
testamenüiche Handauflegung ferner auch wieder bei 

B) religiösen Weihen, 
die ebensowenig als im A. B. blosse Formen; sondern eben- 
falls stets eine Selbstübertragung; beziehentlich Mit- 
theilung des heil. Geistes sind (s. oben vom A. T. B und C 
S.297f. 299). So bei der 

1) allgemeinen Aufnahme in die christliche 
Gemeinschaft, 

Act. 8; 17 f. und 19, 6., wo beidemal schon auf Jesura Christum , 

* Dagegen (d. h. gegen den synopt. Parallelismus) Kasten a. O. ' 
S. 103: „Er segnete die Kindlein unter Auflegung der Hände auf I 
sie; ja Händeauflegung und Segensmittheilung fallen so eng zusam- 
men, dass Matth. nur Ersteres nennt [s. ob.]. Was für einen Segen 
die Kindlein dadurch erlangen, ist klar aus Marc. 10, 14 Td}»^ jotov- 
Twv ioxiv fj ßaoUeia %ov ä'aov,^'' — was indess nur ein Princip, keine 
individuelle Segnung ist. Wir erkennen in der auch wortlosen Seg- 
nung der Kind lein durch die Handauflegung des Herrn vielmehr eine 
persönlich-sacramentale Mittheilung des personificirten Wortes. 
(S. 332.) Kasten will aber auch überhaupt die HA. nicht allein nur in ihrer 
Kückbeziehung auf eine specielle göttliche Verheissung wirksam, son- 
dern auch bloss „weil und insofern sie von dem Worte begleitet wird'* 
für „ein wirkliches Gnadenmittel" achten. K. S. 97; vgl. ob. S. 295; 
]3au£b a. O. S. 360. 368. 



Die biblische Handauflegung. 325 

getauften Christen der heilige Geist erst durch später oder auch 
alsbald nachfolgende apostolische Händea\iflegung zu Theil 
ward, nach den Ausdrücken in^r l&taav rag x^^Q^^ ^^ 
avTovg, xai iläfißavov nvBV/Jia ayiov — orv Svä 
rfjg k7ti&iasa)g tüv ;f6t(>cSi/ rüv dnoatokwv SlSo- 
rat xo TtvBVfia ro äyiov (8, 17 f. vgl. 19), — gleichsam 
ein Princip und Dogma, sowie ein treffendes Motto für die 
in Rede stehende Untersuchung,* — und ferner kni&ivrog 
avTolg Tov UavXov /6£pag tjI&b ro nvevfia to 
äytov in avTOvg^ iXdkovv t« yktoaaaig xal 7tQ0Bq>f}tBV0V 
(19,6), — wie ähnlich oben Deut, 34, 9 (S. 299) Josua durch Mosis 
Händeauflegung voll (heiligen) Geistes geworden. Doch wei- 
sen eben die hier angeführten neutestamentlichen Stellen deut- 
lich zugleich auf die Erweckung energischer Charismen als 
Gabe des also mitgetheilten heiligen Geistes (Act. 2, 4), wie 
ja denn auch die Wasser- von der Geistes- und Feuertaufe 
ausdrücklich geschieden wird (Luc. 3, 16. Act. 1, 5. 11, 15—17) 
und diese Gaben des heiligen Geistes sogar der eigentlichen 
Taufe noch voraufgehen können (Act. 10, 4 — 48 vgl. 9,17).** 
Und eben darum standen auch in jener Eingangsstelle Hebr. 
6, 2 in unmittelbarer Folge ßannafiüv SiSax^g int,- 

Noch specifisch gesteigert tritt dasselbe hervor bei der 

* Vergl. Tebtull., de bapt. 8: ,,Dehtnc manus impomtur, per bene- 
dicHonem advocans et invitans Spiritum Sanctum. 8ane humano ingenio 
Ucebit Spiritum in aquam arcessere et concorporationem eorum accom 
modatis desuper manibus alio Spiriiu tantae claritaUa animare: Deo 
autem in suo organo non Ucebit per manuß eanctas svhUmüatem modu- 
km spiritalemf^^ 

** S. b, Kasteh a. 0. S. 104—113. — Aus jener so wirkungsvollen 
apostolischen Handauflegung folgte vom 2.-3. Jahrhundert (Cy- 
prian) ab die den Getauften vom Bischof zur Besiegelung ertheilte 
Handauflegung, der Grund der ebenso noch fortdauernden bischöf- 
lichen Firmung in der catholischen Kirche. (S. Riieinwald, kirchl. 
Archäologie S. 308 ff. mit Literatur.) Und auch Bauku (S. 367. 369) 
sagt: „Den Kern des Actes selbst — haben wir in der Confir- 
mation/* wobei die vollziehende Handauf legung nicht ungebührlich 
unterschätzt werden solle. „Fast scheint es, als ob die evangelische 
Kirche auch hier in der Scheu vor der alles Maass überschreitenden 
Auffassung von Selten der römischen Kirche lieber einen Schritt hinter 
die zarte Linie der Wahrheit zurüekgethan/* 



326 ^ie biblische Haadauflegimg. 

2) speoifiBch-ohristliohenAmtsweihe von Christen. 

Hier können wir eine — den alttestamentlicben Leviten- 
und Priestereinweihungen (s. ob. S. 301. 303. 305 ff.) 
ganz analoge — A) niedere und J5) höhere — christliche 
Amtsweihe unterscheiden. 

Ä) Den Leviten/ welche durch Handauflegung 
der Gemeinevertreter, anstatt der ganzen Gemeine 
und speciell der Erstgeborenen in derselben ^ Gott geweiht 
wurden (S. 301); entsprechen im N. B. die Diaconen; welche 
gleicherweise zur äusserlichen Tischversorgung nament- 
lich der Wittwen Act. 6, 1 ff. ernannt wurden. Von ihnen 
heisst es V. 5 f. dass die Gemeine sie wählte und den 
Aposteln vorstellte {ijQBaav o Xoyoq kviiniov navTog 
tov nXrjd-ovs xal i^eli^avro — ovg Hatijaav krti- 
ni^ov Tciv änoaroXtav), Diesem letzteren; was auch schon 
vor der nächstangeschlossenen Handauflegung; ist im A. T. 
(ausser Darstellung der darzubringenden Opfer vor Jehovah, 
bevor ihnen die Hände aufgelegt wurden) augenfällig ana- 
log die Darstellung der Leviten vor den Priestern, Aaron 
und seinen Söhnen, Num. 8, 13; sowie auch die Vorstellung 
Josuas vor dem Hohenpriester Eleasar und der ganzen Ge- 
meine, worauf die Handauflegung mit Befehligung (d. i. zu- 
sammengenommen Oi'dination); Num. 27; 18 ff. 22. Dann 
heisst es Act. 6, 6 unmittelbar weiter so: xai TTQogev^afievoi 
kni&rjxctv avtoig rag ;f eZpag. Es fragt sich ; was hier Sub- 
ject ist, das vorherige (die Gemeine), oder die Apostel (Baum- 
GARTEN, AG. 2. Aufl. I; 118 f., Bauer S. 353 *). Würde 
aber im letzteren Falle ; also bei einem. Wechsel des Sub- 
jectes; dies wohl durch irgend eine Nuance, etwa durch 
xal ovTov, oder ovroi^ Si u. dgl., angedeutet seyn, so weist 



* Auch Beng., G-nom.: ,,Apo8toU; cdmd suhjectum verbi pricfis 
{stxxtMrunt)^ aliud posterwrü : c, 8,17** (wo aber, nach der Einschaltnng 
in y. 16, grade das vorige Subject aus V. 15 grammatisch tmd 
real Wiedereintritt). Der einzige, augenscheinlich verfehlte , Versuch 
einer grammatischen Begründung b. Kühnöl z n. St.: „xa^ vim oh 
tüiet Pronominis rdativi.^^ Die von Win. (Gr. S. 556) für einen „Wech- 
sel des Sabjectes** angeführten Stellen sind anderer Art; am näch- 
sten käme noch Luc. 15, 15., wo aber wenigstens das Object avT^f^ auf 
das vorhef gehende Subject orientirend zurückweist. 



Die biblische Hundaaflegung. 327 

auch jene alttestamentliche Analogie der Leviten mit den 
Diaconen, da ereteren eben auch die Gemeine die Hände 
auflegte, vielmehr dahin, das vorige Subject festzuhalten, 
obwohl es freilich auch Wunder nähme, die Apostel, denen 
die von der Gemeine erwählten Diaconen vorgestellt wurden, 
bei dem Gebet und der Handauflegung ganz unbethätigt zu 
sehen. Wären indess die Apostel Subject, dann hätte das 
Handauflegen wohl die Begabung mit heiligem Geiste und zwar, 
da die Empfänger denselben als Christen schon hatten, eine 
höhere (S. 299) und für das Amt gesteigerte zum Inhalt, während 
doch schon vorher V. 3 gesagt wird, man solle sich für. die- 
ses Helferamt umsehen nach 7 wohlbezeugten Männern „voll 
heiligen Geistes und Weisheit^', und namentlich V. 5 von dem 
einen derselben (Stephanus), er sej gewesen „ein Mann voll 
Glaubens und heiligen Geistes^',*^ worauf V. 8, nach der Hand- 
auflegung, noch besonders nachfolgt „voll Gnade und Kraft'', 
was indess wohl nur als Wirkung des ihm überhaupt in- 
wohnenden ,4ieiligen Geistes'' anzusehen ist. Sind es da- 
gegen die Gemeinevorsteher, welche den Diaconen die Hand 
auflegen, dann hätte dies keine andere Bedeutung, als bei 
der obigen Handauflegung der israelitischen Gemeineivorsteber 
auf die Leviten, — eine Selbstübertragung der Gemeine, deren 
Glieder eigentlich ebenfalls alle die Verbindlichkeit zu diesem 
Dienst hatten, in der niederen Amtsübertragung von unten her. 
Das „Beten" vor der Handauflegung könnte an und für sich 
ebenso auf die Gemeine überhaupt gehen« wie auch auf die Apo- 
stel besonders, welche (Petrus und Johannes) 8, 15 um Geistes- 
mittheilung flir gläubige Samariter beteten und dann V. 17 
diesen durch ihre Handauflegung die Gabe heil. Geistes ver- 
mittelten, vergl. auch 13, 3. Sprechen demnach bei 6, 6 manche 
sachliche Momente für die Apostel als Subject, so scheint da- 
gegen die grammatische Form hier mehr das vorherige Sub- 
ject (die Gemeine) zu begünstigen, wohin auch die Ansicht 
unserer Kirche (als im Gegensatze zu dem Dienst am Worte, 
8. u. S. 329) zu neigen scheint. *♦ 

* Der Fall, dasB schon ,,gei8terfüUten Männern^^ noch die Hände 
aufgelegt werden, ist hier im M. T. ebenfalls ganz analog dem alt- 
testamentliehea von Josua, s. ob. 8. 299 vgl. 825. 

^ Entspricht im* N. T. das Diaconat — d. i. bei uns, ausser den 



328 ^^ biblische Handauflegang. 

In jedem Fall aber enthält die Handauflegang auch auf die 
Diaconen eine Ordination zum religiösen; wenn auch niedere- 
ren, Dienste an der christl. Gemeine anstatt der Gemeine.* 



AlmoseDpflegern , etwa das Küsteramt — gewissermaassen dem Levi- 
tendienst des A. T., so mag auch eine Handauflegung der Gemeine- 
ältesten (eben als der Repräsentanten der christlichen G-e meine) etwas 
Analoges haben. Die eigentlich inaugurirende Einführung in das Amt 
aber wird dennoch, und zwar nach derselben Analogie (s. auch oben 
S. 301 f. 326) , anderswoher kommen müssen. 

* Ohnerachtet dieses namentlich auch nach Analogie der Leviten- 
besonderung. (S. 301 f.) unleugbaren Sinnes der Handauflegung auf die 
Diaconen, ist es doch überhaupt unzulässig, den G es ammt begriff 
der Handanflegung grundsätzlich als collectiven Gemeineaas- 
druck zu fassen, wie E. Pabbt, Zeitschr. f. d. g. luth. Theol. 1865. 
I, 38 ff. (Haudaufiegung als Gemcindehandlung) und II, 223 ff. (üb. d. 
Geisteskräfte in der Kirche) mit Aeusserungen , in denen schon die 
Unterstellung von „Handreichung" (etwa nach Analogie von ^n»- 
xoqriyla b. Luther Philipp. 1, 19. Eph. 4, 16 u. a., oder gar des doch 
hocharistocratischen deStäg 8t86vat xoivcjviag Gal. 2, 9?) für „Hand- 
auflegung" bedenklich machen würde, wie folgende I, 39 f.: „Die 
Handauflegung erscheint überall als Aeusserung des Geisteslebens in 
der Gemeine" — „Handreichung des Geistes in der Gemeine 
zur Herstellung der Lebenseinheit oder zum Mitgenuss an der 
eigenthümlichen Lebenskraft der Gemeine," — wo theils zur Auf- 
nahme und Amtsführung „vom Gesammtgeist durch die Hand- 
reichung [!] das Zeugniss der Anerkennung [s. vorh. Gal. 2, 9?], 
der Zusammengehörigkeit und Bevollmächtigung ertheilt , theils wirk- 
liche Gabe mitgetheilt wird, entweder gradezu der heilige Greis! 
in seiner Gesammtheit Act. 8, 17. 9, 17. 19, 6., oder ein besonderes 
xagiofia zur Führung des Amtes vgl. 1 Cor. 12, 4 ff., so dass die Hand 
auf die nämliche Person auch öfters aufgelegt werden kann , wie bei 
Paulus Act. 9, 17: 13, 3" (worüber nachher). „Beim Handauflegen 
tritt das Zusammenwirken und Innewirken des Herrn in der 
Gemeine besonders hervor.'' — „Die Gemeine legt in die Hand 
des Segnenden und durch diese Hand in den Gesegneten sich selbst, 
reicht ihm die Hand [!] als ihrem zugehörigen Gliede, und will sowohl 
ihr eignes Leben ihm zuströmen (vgl. das Handauflegen auf das 
Opferthier im A. T. [s. ob.]) , als auch vertrauensvoll sich bekennen 
zu der selbstständigen Wirksamkeit dieses Gliedes als des ihrigen" 
(wovon noch Mehreres nachher S. 333 f.). — Endlich dies alles 
nur wiederholt und zusammengefasst II, 255: „die Gemeine als 
Ganzes betheiligt bei Wahlhandlungen und Handauflegung, wodurch 
sie zu den Gewählten und Gesegneten sich selbst bekennt sowohl 
durch Zuströmen ihres Geisteslebens als auch durch Aner- 
kennung der Wirksamkeit des selbstständig gestellten Gliedes als 



Die bibUsohe Haadaiiflegting'. 

Auf einer höheren Stufe steht 

B) die Abordnung zum MisBionBdienBt am Worte 
ebenfalls durch Handauflegung, Act. 13 ,' 2. In der 
Ghristengemeine zu Antiochia waren Propheten und Leh- 
rer (V. 1). Während diese dem Herrn dieneten * und fasteten, 
sprach der heilige Geist: ,ySondert denn mir aus**^ Bar- 
nabas und Saulus fUr das Werk, dazu ich mir sie berufen 
habe. Da fasteten sie und beteten (s. ob.) und legten die 
Hände aufsie und entliessen sie. Diese nun so ausge- 
sandt von dem heiligen Geiste kamen hinab nach 
Seleucia'^ cet 

Wird hier zwar nicht direct gesagt, dass mittelst der 
Handauflegung christlicher Propheten und Lehrer die beiden 
Missionare den heiligen Geist, den sie jedenfalls schon hatten, 
zu gesteigertem Dienst auch in noch höherem Maasse 
empfangen hätten in der besonderen Willensrichtung (tntentio 
ad hoc) der Händeauflegenden (hier aber nicht der Gemeine, 
auch nicht ihrer Organe, der Presbyter, sondern besonders Be- 

ihrer eignen Wirksamkeit;^* und S. 257 wiederum depotenzirend: 
„Die beim Tauf- und Confirmationsact sowie nach geschehenen Wah- 
len bei der Einsetzung ins Amt (Ordination, Investitur) gebräuchliche 
HA. soll noch immer den Sinn haben und hat ihn auch noch, dass 
durch die Hand des beauftragten Gliedes die Gemeine dem neuen 
Gliede ihre Hand reicht [I] zur Gemeinschaft des Geistes für die 
neue Stellung und Thätigkeit/* — Man sieht, wenn irgendwo gehört hier 
zum bene docere das bens disHnguere, Uebr. vergl. unt. bes. S. 333 f. 

* ABvtovgyoijvrtav nvvcSv kann nicht auf die ganze Gemeine, 
sondern nur auf die Vorhergenannten gehen (Olshausem z. d. St., 
WzBsiNO. z. 1 Tim. 4, 14), wie, ausser dem Innern und äussern Prag- 
matismus zwischen V. 1 und 2, auch schon allein das katjov^yeip selbst 
zeigt, welches classisch wie biblisch nie ein Dienen der Gemeine, sondern 
an der Gemeine und zwar hier ein priesterliches Thun ist (BBNO.Gn. „m»- 
nistrantibus per exercitium verbi et precum^ etjefunta^ welch letzte- 
res hier noch besonders durch nal vrioxevovxtov ausgedrückt ist). Theilt 
Baumoartbn (AG. I, 314) diese Ansicht, so hat er gleichwohl den 
grammatisch noch viel weniger abstehenden 3. V. mit der Handauf- 
legung , unter eigenthümlichen Consequenzen , S. 318 f. auf die Ge- 
meine bezogen. Die Gründe unserer abweichenden Auffassung sind 
aber nur dieselben (grammatischen), als für die der innerlich anders- 
gearteten St. 6, 6 (ob. S. 326 f..). 

** Dieses ofoploara Bfj fioi erinnert unwillkürlich an Num.8, 14 

ö'^ibrt "»b rm b«'niö'^ -^sa »^in» ö'»')b?T n« nb'iam (vergl. 16, 9). 



SSO 1^0 biblisehe Handftttllegaiig. 

gnadigter innerhalb der Gemeine): so ist das in derThat 
dennoch den sonstigen Fällen analog und mit den ausdrück- 
lichen Aussagen vom Sprechen und Aussenden des heiligen 
Geistes (V. 2 u. 4. 14, 26) am conformsten.* 

Wie nun hier ein Saulus durch Händeauflegung abgeord- 
net ward, so hat weiterhin derselbe als Paulus 

O) wiederum dem Timotheus, als seinem aüerego^ die 
Hände aufgelegt und dadurch eine besondere Gabe hei- 
ligen Geistes (xoQi^Jfiay ygl. 1 Cor. 12, 7 ff.) in ihn gelegt, 
welche Timotheus späterhin wieder zur Flamme anfachen ** 
sollte, 2 Tim. 1, 6: ava^iOTivgeiv ro x^Q^f^^ ^^^ i9'€ot7, o 
kari^v iv öol Sia rijg kntd-iaBwg xmv x^^Q^v fiov. Wenn 
dagegen, offenbar von demselben Charisma, 1 Tim. 4, 14 ge- 
sagt ist: fiti ofiiXu rov hv üol x<xQi(rfiaTog ^ o iSodi} öoi Sia 
nQtHpfiVBlag (Uta ini&iaeiag xüv x^^Q^'^ '^ov ngeaftyre- 
qIov^bo wird, — auch wenn man die Verbindung Bengels von 
Tov ngBcßvT^lov nicht mit hti&iamg räv x^Q^Vf sondern mit 
nQOtprjtBiag, oder die Seldens mit xciQl<fficcTogj als vom Pres- 
byterat des Tim. (s. ViTmNGA, synag. vet. p. 596, vgl. untCALV.), 
wo in beiden Fällen die HA. ausschliesslich die des Apo- 
stels bliebe, nicht einfach, natürlich und contextgemäss findet, 
— doch immer eine blosse Mitbethätigung oder Assistenz des 
Presbyteriums bei der paulin ischen Handauflegung auf Ti- 
motheus ausgedrückt,*** woneben das 8i^ nQotpritdtxg leb- 

* Nennt Kasteit (S. 118) diese Handauflegang und ebenfalls namens 
derQemeine „eine Bestellung zu einer bestimmten AmtsTerrichtung, 
nicbt zu einem munua, sondern zu einer Function", so knüpfte sich 
doch wohl auch hier an die Handauflegang der „Propheten und 
Lehrer'*, als apostolischer Männer, die geistliche Ansrüstung za einer 
doch gewiss ganz eminenten „Function", nämlich zu der ersten Mis- 
sionsreise in die weite Welt von der Metropole Antiochia aus, wie sich 
denn hierauf bei der sich wiederholenden Missionsreise doch die Hand- 
auflegung nicht wiederholt (15, 22 ff.)- 

** Sonach der heil. Geist auch hier als ein Feuer, wie schon 
bei der Pfingstausgiessung desselben Act. 2, 3 i&^d'ijaav — avvoU yli^a- 
atn tiaal nv^oe, wie ferner S^eiy riß nvevfiaxi 18, 25. Böm. 12, 11 and 
negativ th nvevua firi eßdwwa 1 Thess. 5, 19. Vergl. auch die Feuer- 
taufe (Luc. 3, 16 n. ob. S. 298). 

*** jjlfno huc magia incUnat conjeetura^ unum tantum fudaae qui (loco 
et nomine amnium) manua imponerei^^ Caly. z. 2 Tim. 1, 6 (wobei die 
sonst [s. Wolf, Cur.) äosserst achwach bezeugte Yariante im Cod. Sin. 



Die biblische Handauflegong* 381 

haft daran erinnert, dass es vorhin (S. 329) Act 18, 1 — 8 
antiochenische Propheten waren, durch welche der heil. 
Geist befahl, Barnabas und Saulua asu Seinem Dienst der 
Welt -Mission auszusondern. 

Wenn also hier dem Timotheus durch apostolische Hand- 
auflegung ein Charisma verliehen ward, so ist das, wie im- 
mer, ein Ausfluss des heiligen Qeistes, durch Paulus, welcher 
ihn hatte und dazu geben musste, hindurchgehend (vergl. 
auch ob. S. 297. 299 namentl. Num. 27, 18. 20. Deut 34, 9). Der 
Beweis dafUr liegt an ersterer Stelle 2 Tim. 1, 7 in dem sofor- 
tigen communicativen Zusätze: ov yag USaoxev rifilv 6 
^eog nvevfia Suklag^ akkä SwdfAmg xcci aydnr^ xai atüipQO- 
vi45fiov , und darin dass Paulus den l'imotheus hierauf wieder 
sogleich ermahnt, sich des Zeugnisses Christi und seiner 
nicht zu schämen, sondern mitzuleiden für das Evangelium, 
da sie ja nun eben von Einem Geiste in sich trugen. Also 
nicht etwa die erste Berufung des Timotheus zum Christen- 
thum (wo dann ja die Taufe nicht gefehlt haben und auch nicht 
dasPresbyterium besonders mithandelnd gewesen seyn würde), 
sondern die Uebertragung eines Amtes ist durch die Hand- 
anflegung hier angezeigt (und zwar eines Gtemeineamtes, 
weshalb eben eine Assistenz des Presbyteriums dabei), diese 
Amtsübertragung aber auch keine bloss symbolische, wogegen 
toxcigiapia ro iv aol zeugt, sondern eine Amtsübertragung 
durch eine sie ebenso bedingende als überragende Amtsaus- 
stattung, zunächst aber gewiss durch innere LehramtsbefS,- 
higung, donum didacticum mit der es begleitenden Parrhesie, 
worauf ja in erster Linie das avcicDTtVQBiv ebenso wie das 
folg. ov yaQ töufXBV.'^fjuv 6 &66g nvBVfia Suklag x. r.A. auch 
allein gehen kann. Steht dabei an dieser ersteren Stelle (2 Tim. 
1, 6) did T^g iTti&iffecog tcSv ;f6tßc3v fiov (was ganz so lautet 
wie Act 8, 18 St^ä rijg hni&iaBiag rcSv /apcSv rcSv ccno- 
otoXcDV Slborm t6 nvevfia ro äyiov), so ist dies durch das 
iSo&rj aov Sid nQOfprixuag fiixä ini&iöBfog rdv x^^^"^ ^^^ 



%ov TtQBoßvxiifov statt T. nQBoßvTBffiov 1 T. 4, 14 beachtenswerth seyn 
würde). ^^TameUi omnihua expißnns diversum eensum non male guadrare 
faieoTt ut (ro nqBoßvti^tav) dt nomen officü^^ Ders. z. 1 Tim 4, 14 
(vgl. ob. Seld.). — Ebensowenig kann man mit Thiod. Mops, t^ »f 0« 
oßvxi^tov als t6v tdhf änoorolav üvXXoyov erklären. 



332 I^e biblische Handauflegong. 

anderen Stelle (1 Tim. 4, 14) nicht abgeschwächt; indem das 
furd nur auch noch die Gleichzeitigkeit der Handauf- 
legung und der durch sie bewirkten Geistesbegabung aus- 
spricht.* 

Sonach besteht die rechte Amtsweihe in der charismati- 
schen Amtsausstattung. Kraft derselben aber durfte nun der 
also begnadete Timotheus 

D) auch wieder Andere zum Presbyteramte be 
vollmächtigen d. h. eben befähigen durch seine Handauf- 
legung, weshalb 1 Tim. C. 5, nachdem zuvor V. 17 ffi von 
Presbytern, V. 19 AT. speciell auch von sich verfehlenden, die 
Rede gewesen, V.22 warnend: x^^<^ taxi^tg fttiSsvl kni^vi&u!** 

Dass nun aber in solcher Mittheilung übernatürlicher Be- 
gabung durch das natürliche Medium der Handauflegung, 
indem sie auf Gottes Wort beruht und selbst eine stetig fort- 
gepflanzte ausserordentliche Gottes-Gabe und Quelle von Cha- 
rismen ist, etwas Sacramentliches liege (vgl. ob. S. 291. 324), 
das bezeugt in der heil. Schrift am directesten jener unmittel- 
bare Anschluss der Handauflegung an die Taufe Hebr. 6, 2., 
und erkennen eben hiernach auch die Symbole der evan- 
gelisch-lutherischen Kirche ausdrücklich an, Apol. CA. 
(p. 201 sq.): „Äe Ordo de Miniaterio Verbi inteäigatur^ non 
gravatim vocaverimus Ordinem Sacramenhtm, — Si Ordo hoc 
modo inteUigatury neque impoaitionem manuum v acare 

* S. aach Bauer a. 0. S. 364: „Während das fttra zunächst 
mir eine Gleichzeitigkeit, eine mehr äasserliche Begleitscliaft ausdrückt, 
ist in dem späteren 8id [2 Tim. 1,6 — zugleich mit dem Artikel] 
die eigentliche Vermittlung durch die HA. viel schärfer hervorgehohen^^ 
** Aus dem unmittelbaren Zusätze uride xowmvet afta^rlate al- 
XoTQiate CasavTov ayvov t^gst) schliesst Bauer S. 365: „So würde hier- 
nach durch jenen Act [der Handauflegung] gleichsam auch die Brücke 
geschlagen, auf welcher der noch eingebrochene Sündengeist des un- 
würdig Geweihten, von diesem aus vordringend, sich und seinen Einfluss 
auf den Weihende n' geltend machte." Das wäre also ausnahmsweise 
auch ein Rückschlag auf den Handauflegenden selbst von dem 
Unterstellten aus, und zwar eben auch ein xoivtovelv, wovon wenig- 
stens bei der indifferenten Sündlosigkeit des Opferthiers nicht 
die Rede seyn konnte, dann aber doch auch in dieser Umkehrung 
ein Beweis von der entstehenden tiefen organischen communio (not- 
vmvia) mittelst der Handauflegung, nur dass begreiflich in der Regel 
der active Theil auch der ezhibitive bleibt. Doch s. dagegen ob. S. 290. 



Die biblische Handauflegung. 333 

Sacramentum ;^rat^6niur;'' und wiederholt Art! Sraale. 
(p. 353): yfOlim eltgebat populus Pastorea et Epücopoa; de^ 
inde ctccedebat Epiacopua^ aeu qua ecdeaiae^ aeu vicinua, qui 
confirmahat electum impoaäione manuum, neo aliud fuü Oi*- 
dincUio niai talia comprobatio,^^* Ist hier zwar die Händeauf- 
legung nur schwächer markirt, so ist es doch ein bei der geist- 
lichen Bestallung direct miterscheinendes Moment, dass nicht 
ein Repräsentant der Wähler oder des Volks; sondern ein 
Bischof dem Erwählten die Hände auflegte und ihn dadurch 
bestätigte.** Und so ist es auch selbst hierin anerkannt; dass 
die wahrC; d. i. selbst sacramentalc; geistliche Amtsausrüstung 
nicht von unten^ sondern von Oben kommt, dies ja auch schon 
nach dem Grundsatze nvsvfjtatMöJtg nvwfiaxixä avyxQivoviig 
(1 Cor. 2y 13). Mag ersteres bei dem Gemeinedienste (s. ob. 
S. 326. 328 von Diaconen als Correlat der Leviten) vorkom- 
men, nie kann es beim Dienst am göttlichen Worte, bei dem 
Geistlichen; geschehen.*** 



* Vergl. Mart. Cbemnic, Loci tlieol. ed. Leyser (Frcf. 1599) 
P. III. p. 333—336. Die Apostel hätten für den Ritus des Anhaucheifs 
(Job. 20, 22), wozu sie kein Mandat gehabt, den von den Patriareben 
überkommenen der Handaufleg^ng in freiem Gebrauch aufgenommen, 
damit anzuzaigen 1) die Bestimmung für den ausschliesslichen Dienst 
Gottes , 2) die Autorität , und 3) die Fürbitte dadurch significanter zu 
machen. 

** Citate von Socbates und Sozomkn. b. Chemnic. 1. 1. p. 334. 
Ein bes. Beleg von Ertheilung des Episcopates durch Handauflegung 
dreier Bischöfe (xeintmd'ßaiq intoxonrjv dovvat) b. Eusbb. KG. 6, 43. 
^*** Dies tritt allerdings einer fast endemischen Auffassung ent- 
gegen, dass nämlich die Kraft der kirchlichen Handauflegung ein 
Ausfluss des Gemeinegeistes sey. Wie aber überhaupt jede laocra- 
tische Auffassung des pastoralen und Gemeine-Verhältnisses schlecht- 
hin gegen das Wort Gottes ist, welches eben nur Hirten {Fastares) 
gegenüber den, selbstverständlich nicht leitenden, Heerden kennt, so 
gilt das namentlich auch von der Begabung zur Leitung durch die 
Handauflegung. Aus den gelehrten Vertretern jenes wQitgreifenden 
Iri-thums fuhren wir, nächst S. 328 f., nochmals einen der letzte n Wort- 
führer, L. Pabkt, an, welcher a. 0. 1. 8. 40 nach zulässigen Einleitungs- 
sätzen mehr und mehr und schliesslich offen in jene Irrlehre einmündet: 
„Gott giebt absichtlich die Gabe mittelst der Hand der auflegenden 
Menschen, und zwar durch die schon vorhandenen Gemeineglieder, 
auf dass der Leib organisch aus sich selbst heraus sich erbaue in 



S34 1^0 biblische Handanflegong. 

Bis hierher haben wir im N. T. bei der Handauf legung 
dem A. T. Gleiches gefunden ^ bei der Segnung sowohl als 
bei religiösen Weihen, was ja auch im Grunde nur ver- 
schiedene Seiten einer und derselben Handlung sind, wiefern 
jeder Segen (zumal auch schon der alttestamentliche Jacobs) 
eine Weihe enthält und jede Weihe hinwiederum auch, sogar 
nach volksthümlicher Bezeichnung, eine Einsegnung ist^ 

Handreichung [s. S. 328 f.] der eignen Glieder (Eph. 4, 16 to ofofia noielxai, 
med., TTiv avSfjatv rov am/MToe [wobei aber näv rö ac5fta dieeigentl. geist- 
lichen Factoren sicher und vor allen einschliesst, am allerwenigsten 
aber das voranstehende iS ov als die principielle Hinweisung auf das 
allein lebeneinströmende „Haupt*^ der Kirche übersehen werden mag]], 
und dasB die neue Gkistesgabe im Zusammenhange bleibe mit dem 
bisherigen Grundstocke, und besonders deutlich ist AG. 8, 14., wo 
nicht Philippus genügt, sondern wo die Stammglieder, die Apostel [!] 
die Hände auflegen mussten zur Geistesmittbeilung. Daher sollen die 
Personen, welche die Hand auflegen, natürlich selbst voll Geistes seyn 
und erfahrene, erstarkte Geistesmänner; darum es zunächst Sache der 
Apostel war oder [?] des Aeltesteu-Collegiums, 1 Tim. 4, 14 [wo es 
jedoch nicht dieses allein war, s. ob. S. 330 f.]. Doch konnten es auch 
jüngere Leute thun, wie Timotheus 1 Tim. 5, 22 [nämlich als dazu 
bevollmächtigter apostolischer Vicar, S. 330. 332] oder Gemeine- 
glieder überhaupt, Act. 9, 17. 13, 3. In diesen Auflegen- 
den ist die Gemeine repräsentirt." Der für diesen modernen 
Satz aus der Apostelgeschichte beigebrachte Beweis ist eben hinfällig: 
denn a) Act. 9, 17 legt Ananias allein, kein Repräsentant der Gemeine, 
vielmehr von dem Herrn Jesus direct gesandt (6 nvQioe anäataXxs /ie)j 
und z:war nicht weihend, sondern heilend (Jinußg avnßli'y/rjs x. t. ü., 
8. unt), dem noch ungetauften Saulus die' Hände auf; und den hier- 
auf Getauften will die Jerusalem. Gemeine nicht einmal anerkennen V. 26; 
— 6) Act. 19, 6 Ist der so wirksam handaufiegende Paulus, gegenüber 
bisherigen Johannis- Jüngern, ebenfalls kein Repräsentant der Gemeine, 
sondern eben Apostel des Herrn; — c) Act. 6, 2 gilt es allein die 
Diaconenbestellung, wo die Handauflegung der Gemeine als solcher 
eben an ihrer Stelle ist (s. ob. S. 326—328); — endlich d) Act. 13, 3 ist 
die Gemeine gar nicht Subject (S. 329).' 

* Auch sogar die alttestamentl. Weihe der Opferthiere, obwohl 
sie eigentlich heiligend nur reagirte , gehört mit unter den Begriff des 
Heiligens, vgl. Joh.l7, 19 vnio avttav iyto aytd^fo ifinvtov, Xva xnl nitrol 
oaaiv ifjyiaofiitoi iv nXjjff^eiti, wie denn SMch socer cet. und unser seg- 
nen (S. 292) nach oben und nach unten gerichtet seyn kann. — Die Hand- 
auflegung bei der Einsegnung zur Ehe schon b. Cleu. Al., Paedag. UI. 
p. 248 (ob. S. 297) : t/v« ya^ 6 nf^BoßvteQOz innC^rjat x^^Q*^* '»''»'» ^* 
Bvloyrioei ; — EbcLSO aber auch zur Stärkung bei sinnlichen Ver- 



Dia bibliMhe HandanfUgong. 386 

Wenn dagegen die selbst-ttbertragende (stellvertretende) 
und danach Belbst-entBÜndigende Handaufiegung auf 
Opferthiere, wie sie im A. B. statt hatte, im N. B. auf- 
hört; so tritt hier nun dafür eine dem A. T. noch unbekannte* 
neue Anwendung der Handauflegung; wenn auch deren 
Grundbedeutung stets und überall die gleiche bleibt , ein, 
nämlich als 



Buchungen, Der 8., Strom. III. p. 427: inr divnovotav f^Vf ^'^nnTM* 

Hai voi]Tfjv itnl aia^rixfjv. Dagegen ist nach der bisherigen Entwicklung 
durchaus unbiblisch die Handauflegung bei der Absolution. - 
Unbegründet ist im neutestamentlicbeu Ausdruck wie auch in der 
Sprache überhaupt die Unterscheidung yon xtiffojovln als gegen das 
Haupt hin und x^^Q^^'^^*^ cti^ auf das Haupt (s. b. Lanob a. 0. u. 
Rastbh S. 87), da x'^e^'^^relv , wie überall, und zwar eig. „Zeichen 
der Beistimmung<< (Bibelstud. I, 138), so speciell auch im N. T. höch- 
stens ein symbolisches Hand -aus- und -emporstrecken für den da- 
durch Erwählten (ohne spec. physische Hinwendung nach ihm, vgl. 
Maia^'T^fiißtf Act. t, 26) bezeichnet^ und daher auch selbst ohne die- 
sen Gestus überh. s. y. a. persönlich wählen (deHgnare)^ wie d^nn 
eben nach diesem Ausdrucke {^etgor.) 2 Cor. 8, 19 Gemeinden einen 
Deputirten , Actt 14, 23 aber Apostel für die Gemeinden Presbyter 
wählen, lieber die kirchenrechtliche Bedeutung Ton x««^0to«///v, wo- 
von die Handauflegung nur ein Theil, s.ViraiMOA, synag. vet p. 820 sq.; 
d. Grundsatz n^toftvte^oe x^^Ü^^'^'h ^ x'*^^''^*''^ b. H. Böttobb, 
Gnos. d. Pastoralbrr. S. 44. 

♦ Hiob 6, 18 (von Gott) n5"^Din IT^I ynw» könnte in die- 
sem Sinne schon um des Parallelgliedes willen V^IM'^I :3*^M3*^ KI^T 
nicht genommen werden. Doch glaubt Lakob (Herz. RE. 5, 503) auch 
im A. T. eine „prophetisch-dynamische oder heilende Handauflegung^^ 
zu finden, näinl. 2 Kön. 4, 34. Da ist nun zwar eine Lebensmittheilung, 
aber nicht Handauflegung (auf das Haupt), sondern „Mund auf Mund, 
Augen auf Augen, und Hände (0*^03; also nicht einmal D^l^ wie sonst bei 
der Händeautlegung) auf Hände." Etwas dem ähnliches ist im N. T. das 
Erfassen der Hand Matth. 8, 15 anxeo&ai ir,Q x^*9^s^ Marc. 1,31 Kgatelv 
Tf^ff x*9 letzteres mit 2^ruf auch Marc. 5, 41. Luc. 8, 54 (Matth. 9, 25), 
womit wir es aber hier in keiner Weise zu thun haben, denn hier ist 
es einfache Auflegung der eignen Hand auf ein fremdes Haupt (nicht 
das eigne Haupt, wie von Thamar 2 Sam. 18, 19). Jenem zwar ver- 
wandt, und dennoch auch anders, ist das auferweckende Legen der 
Rechten auf einen todt-ähnlichen Menschen Apoc. 1, 17 i'^^Kc xi)v Sa- 
itav avtov in ifii, wie das denn auch im Ausdrucke selbst nur ganz 
angemessen nuancirt ist nach S. 297 (vgl. 296). 



336 ^^^ biblische Handanflegung. 

CD Läbensspendnng oder Heilung. 

So bittet Matth. 9; 18 Jairus Jesam: or» ^ &vydTriQ 
fiov ägri krikevTtiijeVy aU,ä ik&dov kTti&eg ri?v X^^Q^ ^^^ 
in avti^Vf xal ^riattai. (Marc. 5; 23 tva kX&wv kniß-yg rag 
X^iQccg ccvT^y tva ata&y xai ^i^Gtfj wobei der doppelte Wechsel 
des ini^Ti^&ivai r. x* ^^i '^^va mit dem Dativ; und des Singulars 
Trjfif x^^Q^y ^* J- wohl die Rechte, s. ob. S. 296,* mit dem 
Plural rag x^^Q^ bemerkenswerth , mit diesem übrigens im 
Nächstfolg. Marc. 6, 2 SwdfUi^ Toutvrai, Sid vwv x^i^^v avtov 
yivovrai correlat ist). Unterwegs dahin wird auch ein blut- 
flüssiges Weib durch gläubige Berührung seines Kleid- 
saumes geheilt (Marc. 5, 28 — vgl. ob. S. 300 — wie auch 
sonst 6, 56. Matth. 14, 36. Luc. 6, 19 ort Svvafivg nag ainov 
^|iJ(>;f€ro, xal laro ndvrag), wobei der Herr selbst in sich 
aus seiner Kraft auf sie übergehen fiihlte (Marc. 5, 30 kTii- 
yvovg kv iavr^ Tijy k^ avtov Svvafii^v k^aX&omaVf Luc. 8, 
46 fj^aro fwv rig^ ly(o yaQ Hyvfov ävvafii^v k^elf]?xVß'Viav an 
hfiov). Freilich aber ist das eine positive, keine negative 
Empfindung. Wenn aber hierauf Jesus die Tochter des 
Jairus durch Erfassen ihrer Hand und Zuruf (s. vor. S.) 
auferweckt, so ist das ja nicht identisch mi^ Auflegung 
seiner Hand,, ob auch diese bei Erfassung ihrer Hand sich 
bethätigen musste, sondern eine der von Jairus begehrten 
nur verwandte Wunderheilung, wogegen das Erfassen bei 
der Hand auf die vorgängige mündliche Heilung eines be- 
sessenen Taubstummen Marc. 9, 27 erst folgte. Gleicher- 
weise sollte der Herr Marc. 7, 32 einen (ebenfalls dämonischen 
Matth 9, 32. Luc. 11, 14) Taubstummen .durch Handauf- 
legung heilen (iva iTci^&y airtp rf^v /cZpa); doch heilte er 
ihn in Wirklichkeit damit, dass er „seine Finger in seine 
Ohren legte und spuckend seine Zunge berührte", mit 
Aufblick zum Himmel seufzte und kqxpa&d rief (V. 33 ff.). 

* Denn dass der Singular etwa darum gesetzt sey, weil der 
Herr dann das Mädchen bei „der Hand", also wohl mit Einer Hand, 
ergreift (Matth. V. 25) , ebensowie derselbe Singular Marc. 7, 32 etwa 
darum, weil bei der Ausführung V. 33 die F in g er in „die Ohren" gelegt 
worden, ist darum unstatthaft,^ weil nicht nur Ersuchen und Ausfüh- 
rung beidemal verschiedene Dinge sind (s. nachh.), sondern im letz- 
teren Falle die Finger eben in „die Ohren", also doch die Finger 
beider Hände, gelegt werden. 



Die biblische Handauflegang. 337 

Dagegen heilte Jesus allerdings auch durch eigent- 
liche Handauflegung „verschiedenartige Krankheiten" 
(darunter auch Besessenheit Marc. 1^ 32) ^ Luc. 4, 40 ivl 
ixdarq) avrüv rag X^^Q^^ kni&eig i&egdnsvaev avtovg, 
wo der Plural der Hände allenfalls auch; doch eben nicht 
nothwendig; durch die Pluralität der Kranken veranlasst 
seyn könnte (ob. S. 323); wie auch Marc. 6, 5 zu Nazareth 
oUyoig ag^ciaroig ijii&eig rag x^^Q^S i&6Q(X7teva6V] ausdrück- 
lich aber mit Pluralität der Hände das achtzehnjährige pneu- 
matisch- arthritisc he Leiden einer Frau nach erwecken- 
dem Zuruf Luc. 13, 13 xcd kjii&Tjxev avry rag x^^Qccg^ 
xal nagaxQtjfia avoQ&ci&ij; und ebenso auch einen Blin- 
den (den er gebeten worden anzurühren, äTtraa&ai Marc. 
8,22), nach Einspucken in die Augen, ini&elg rag ;^«7- 
Qae ccvTfp (V. 23), und da dieses noch nicht ganz klares 
Sehen bewirkte, durch nochmaliges Auflegen der Hände 
speciell auf die Augen {ndXiv kjii&tjxe tag x^^Q^ ^^^ '^ovg 
6(p&akfiovg avrov V. 25), wonach ofienbar die erste Hand- 
auflegung, wie in der Regel, auf den Kopf überhaupt, die 
andere näher auf die Augengegend des Kopfes erfolgte, der 
Plural rag ;^€ipas aber, zumal das zweite Mal, wohl auch schon 
durch die beiden Augentheile gerechtfertigt und gefordert 
wäre. Ein vollständiges Seitenslück dieses letztern war vor. S. 
Marc. 7, 33 bei dem Taubstummen das heilende Legen der 
Finger in seine Ohren. 

Auf die Wuuderheilungen Jesu durch Handauflegung 
überhaupt oder doch wesentlich geht endlich (schon wegen 
des Plurals , vergl. vor. S.) gewiss auch die Frage grossen 
Erstaunens seiner Landsleute in Nazareth über solche Weis- 
heit, und dass SwafiBig toucvtai. Sid rüv x^^Q^'^ avrov yl- 
vovrai! Marc. 6, 2 (vgl. nachli. Act. 5, 12. 14, 3. 19, 11). 

Und wie so der Herr selbst gethan, also verhiess er 
auch seinen Gläubigen ganz gleiche Wunderverrich- 
tungen Marc. 16, 17 ff. und darunter ausdrücklich V. 18 km 
aQQfiarovg /cZpag 67tL&i^aovci, xal xakwg l^^ovaiv. 

Und diese Verheissung ist für und durch die Jünger und 
Apostel erfüllt worden laut der Apostel-Geschichte. Danach 
heilte Ananias (Act. 9, 17 f. vgl. 12) die Blendung des Sau- 
lus eben durch Handauflegen (kTti&elg hd avrov rag ;f€Z(>«g, 

IIOELEMAM, Neue Bibelstudien. 22 



338 ^^® biblische Handanflegung. 

vorher V. 12 generisch kniS-ivra avtä x^^^f ^^^ avaßXkifrji)^ 
und zwar im Namen Jesu^ der ihn gesandt^ ontag avaßH- 
ipfjQ xal TikfiiT&yg nvevfiaTog ayiov (so dass also auch selbst 
mit der Heilung sich der heil. Geist in der Handauflegung, 
wie sonst, verbündete, vgl. ob. 19, 6); und dann hinwiederum 
auch Paulus selbst (28, 8) den Vater des Publius nach Gebet 
durch Handauflegung {nQog^v^apLBVog^ im&eig tag x^^ccs «^- 
T^, laaaro avvov). Und hierzu auch noch überhaupt 
(vgl. V. S.) 5, 12 Sia TÜv x^^^v töJv anoaxohav kyivBvo ctj/iua 
xal tiQara, u. 14, 3., ja dies selbst noch über die eigentliche 
Handauflegung hinausgehend, wie 19, 11 Swccfi^ig oh rag 
Tvxovoag inolu 6 &€6g Sca rwv x^Q^'V üavXov^ äüre xal inl 
rovg aa&evovvtag hititpkQBa&ai ano tov XQ^^^S avrov aov- 
SccQia ij atfii^xiv&iay xal anaXXdaaM&ai an avrwv tag voaovg, 
rd ji nvevfiata rd novrjQa kxnoQBvea&av, (Vgl. ob. S. 300.) 

So aber ist auch diese Selbstübertragung, sey sie hei- 
lend oder heiligend, überall organisch vermittelt, daher 
so wenig magisch, als das heilige Wunder oder das Sacra- 
ment selbst es ist Wie aber die Heilsgabe real auf den 
Leidenden oder Consecranden, eben so gewiss ging im A. T. 
die Sünde des Handl^uflegenden über auf das substituirte 
Opferthier. 

Alles aber, was jemand so fortgeben soll, muss er erst 
selbst haben, beziehentlich empfangen haben.* Man könnte 

* MusBte doch auch schon im A. T. der Priester, um zu priester- 
lich sühnendem Werke ausgerüstet werden zu können, selbst erdt 
göttlich entsündigt werden (s. ob. S. 303 f.). Daher unrichtig und grund- 
umkehrend y. HoFM., Schriftb. II, 1, 245 f. (vgl. v. Zezbchw., Catechum. 
S.652; Ejlsten S. 113), die Handauflegung denke oder wende etwas zu, 
„es eigne nun dem Handauflegenden vorher oder eigne ihm nicht'' 
— Während er es vorher allerdings haben muss, empfangt er aber auch 
n i e etwas dagegen z u r ü c k (S. 290. 292, vgl. 332). Denn auch nicht beim 
Sündopfer erhält er durch die HA. etwa die Unschuld zurück, da 
einThier ethische Unschuld nie besitzen kann; vielmehr wird er nur 
seiner Sündenlast, die auf dasselbe übertragen wird, los und ledig. 
Ebenso verliert aber auch der Handauflegende kraft seiner In- 
tention kein Gut, sowenig als die Quelle durch ihren Ausfluss oder 
das Feuer durch Anzünden an demselben (s. ob. S. 298 b. Philo). 
Wenn daher v. Hopm. (S.246) sagt: „Nicht den eignen Frieden giebt 
der Segnende", so giebt er übr.doch allerdings von demselben (vgl ob. 
S.297f. Num.27,20 ^niil» nnnai), nur ohne dadurch ihn selbst für 



Die biblische Handaufiegang. 3S9 

daher die biblische Handauflegung; als eine Imprägnirung; 
ebensowohl auch einen Zeugungsact im Sinne des Traducianis- 
mus nennen, wobei nur das eigene Wesen weiter fortgepflanzt 
wird. — Wie kein Volk einen König machen oder gar salben 
kann, der es vielmehr nur von Gottes Gnaden ist und eben- 
daher seine Majestät leitet; so können Bürger und Bauern 
auch Niemand zum Ritter schlagen^ und nur Doctoren wie- 
der Doctoren „creiren^'* (vgl. ob. S. 328 f.). Und so kann 
auch keine Gemeine einen Pfarrer machen ; der es viel- 
mehr erst durch geistliche Handauflegung wird; welche 
herstammt von den Aposteln; die das von Gottes Gnaden 
unmittelbar waren; wie denn namentlich auch PauluS; selbst 
ein Apostel; von keinem Apostel ordinirt; vielmehr von dem 
Herrn unmittelbar geordnet worden ist; s. Act. 26, 15 — 18. 
Gal. 1; 1. 1 Cor. 1, l. 2 Cor. 1, 1. Eph. 1, 1. Col. 1, 1. 1 Tim. 
1, 1. 2 Tim. 1, 1. Tit. 1. 1. Rom. 1; 1; vgl. ob. S. 329. - Und 
so kann auch Niemand segnen ohne Segenspotenz in sich 
zu tragen. Selbst ein Vater kann seine Kinder nur inkraft 
dessen segnen, was ihm der Vater unseres Herrn Jesu Christi 
(Eph. 1,3. 3; 14 f.); den er ;;gesalbet hat mit heiligem Geist und 
Kraft'' (Act. 10; 38; vgl. 4, 27. Jes. 61; 1); erst selbst gegeben 
hat; ja nur als solch ein Lehnsträger kann ein irdischer Vater 
den auf und in ihn gelegten Schatz übertragen (durch Hand- 
auflegung) auf sein Kind und die erst ihm selbst ertheilte 
Anweisung diesem gleichsam ausbezahlen lassen. In dem 
Besitz dieser Vatersegensvollmacht liegt eine hohe Maje- 



sich zu verlieren. Sagt Derselbe: „Nicht die eigne Gesundheit giebt 
der [durch HA.] Heilende", so giebt er abermals doch allerdings aus 
dem Schatze derselben, nur, gleichwie die Wittwe zu Sarepta von 
ihrem Mehl und Oel dem Elias (1 Kön. 17), ohne sie selbst damit 
zu verringern. — So könnte man die Handauflegung, die wir oben als 
eine Art von Imprägnirung bezeichnen, vielleicht auch als Absenkung 
oder Abzweigung von einem Grundstocke ansehen. 

* Im Hinblick z. B. auf 2 Tim. 1, 5 - 7 u. ähnl. (1 Cor. 7, U. Rom. 11, 
16 cet.) dürfen wir wohl auch als das noch allgemeinere Lebrnsgesetz 
anführen: Fortee creantur fortibus et honU: 

Est injuvenciß, est in equü patrum 
Virtu8j nee irnbeUem ferocea 
Progenerant aqmlcte cohtmbam. 

Horat,üdd.4; 4,29sqq 
22* 



340 ^ic biblische Handauflegang. 

stät (Gen.279 34f.). * — Und ebenso hat auch die heilende 
Handauflegung, wie die heiligende, zu ihrer ersten Voraus- 
setzung, dass der Handauflegende selbst heil und heilig sey, 
weshalb ja auch eben das christliche Heilungscharisma nicht 
allen Gläubigen eignen konnte (1 Cor. 12,9.28. 30). — So kann 
denn nun überhaupt Niemand, wozu es auch immer (jedes- 
mal aber cid hoc) gereichen soll, die heilige Handauflegung 
wirksam vollziehen, wenn ihm die Vollmacht dazu nicht erst 
von Oben her, in höchster Instanz aber von Gottes Gnaden 
zu Theil geworden ist. Haben doch eben sogar die Apostel, 
vom Herrn Selbst berufen, ihre Vollmachten unmittelbar er- 
halten vom heiligen Geist, ausgehend vom Vater und Sohne. 
Und auch schon im A. B. gab Jacob (Gen. 48) durch seine 
Händeauflegung eben nur den von Gott Selbst auf ihn gelegten 
Erbsegen weiter auf Kindeskinder (S. 296). Jener directen 
Aussendung der Apostel mit Anhauchen von dem Herrn Selbst, 
„gleichwie der Vater Ihn gesandt" (Joh. 20, 21 vergl. S. 333), 
und der Ausgiessung des heiligen Geistes über sie ohne 
Handauflegung entspricht dann abermals auch schon im A. 
T. die Ausrüstung Mosis, Seines Knechts, wie auch die 
der Propheten durch Jehovah Selbst.** Erst inkraft dessen 
weihte dort Moses weiter Josua zum obrigkeitlichen wie 
Aaron und seine Söhne zum priesterlichen Amte (S. 297 f. 303), 
und weihen hier die Apostel wiederum ihre Nachfolger (S. 330 ff.) 
— durch persönliche Uebertragung ihrer Vollmachten mittelst 
der selbstmittheUenden Handauflegung oder kürzer eben durch 
Selbstmittheilung. Das sind die lebendigen Bäche, woraus 
alle bisher geschöpft haben und fort und fort schöpfen ; diese 
selbst aber sind entsprungen und entrieselt dem Einigen 
Urfels und Urquell alles Segens und Gedeihens an Seele 
und Leib (1 Cor. 10,4). 

„Alle gute und alle vollkommene Qabe kommt 



* S. ob. S. 295. Hebr. 7, 7 x^^^s ^« ndor^s avnXoylai xo ^Xazjov vno 
rov xQsiTTOvoe evXoysnai. wozu Del. (vgl. ob. S. 292) richtig : „Seg- 
nen und gesegnetwerden verhalten sich wie Zueignen und Empfangen ; 
der Segnende steht deshalb im Segensacte immer über dem, worüber 
er seine segnenden Hände erhebt oder worauf er sie legt und worüber 
er ans Gottes Kraft den Segen binspricht." 

** Vergl. Kasten a. 0. S. 115. 



Die biblische Handauflegung. 341 

von Oben herab" (Jac. 1, 17). Was aber direct nur vom 
Menschen kommt, das ist der Gegensatz davon, ist das Uebel, 
mit Sünde behaftet. Rein von ihr wird er erst durch ihre Ab- 
lagerung auf ein stellvertretendes Opfer. Im Alten Bunde 
waren es Thiere, Farren und Böcke, die durch seelisch fest- 
anschliessende Handauflegung von des Sünders Sünde und 
Schuld gleichsam imprägnirt wurden. Im Neuen Bunde, 
worin ein flir alle mal das für die ganze Welt und alle Zei- 
ten ausreichende, vollgültige und vollkommene Opfer dar- 
gebracht worden ist (S. 322. 334) , geschieht das schriftmässig 
nicht mehr durch selbst-übertragende Handauflegung: denn 
„Er lud auf Sich unsere Schmerzen" (Jes. 53, 4 f.) ; „Er 
trug unsere Sünden Selbst hinauf an Seinem Leibe auf das 
Holz, auf dass wir, den Sünden abgestorben, der Gerechtig- 
keit 1 e b e n " (1 Petr. 2, 24) ; * „E r, welcher keine Sünde kannte, 
ward ftiruns zur Sünde gemacht, auf dass wir würden Ge- 
rechtigkeit Gottes in Ihm" (2 Cor. 5,21) ; „Er heiligte ftiruns 
Sich Selbst, auf dass auch wir soyen geheiligt in Wahr- 
heit" (Job. 17, 19, vgl.Hebr. 10, 10). Unsere Handauflegung auf 
dieses „Lamm Gottes, das der Welt Sünde trägt" (oder aufnimmt^ 
aiQiüv, Joh. 1, 29), ist, durch die Opfer und Handauflegung des 
A. T. vorgebildet, geschehen im Geist und Glauben (der höchsten 
„Intention") in der eben Hebr. 6, 2 unmittelbar an die Handauf- 
legung angrenzenden Taufe. Denn „so viele wir getauft wur- 
den in Christum Jesum, wurden in Seinen Tod getauft. 
So wurden wir mit Ihm begraben durch die Taufe in den 
Tod, auf dass, gleichwie auferweckt ist worden Christus 
von den Todtcn durch die Herrlichkeit des Vaters, also auch 
wir in Lebens neuheit wandeln sollen" (Rom. 6, 3 f., vgl. 
ob. S. 304. 318). 

Beides aber, das Alt- wie das Neutestamentliche , das 
Vorbildliche und das Wirkliche oder Eigentliche, Beides selbst 
organisch innerlichst verbunden, ist doch einzig und allein 
nur durch Gottes unerforschlichen Gnadenwillen also geord- 
net, — Beides zu einer wirklichen und realen Lebensgemein- 



* Daher gleichsam eine Haiidauf legung Christi auf sein eigenes 
Haupt, als das Haupt der Gemeiue, Obig. b. üutrain p. 247 sq. {pec- 
cata generis humani imposuit super caput 8uum: ipse enim est caput 
corporis m); ebendas. auch Cyriix. Al. Yergl. ob. S. 318. 822. 



342 ^^® biblische Handauflegnng. 

Bchaft des Vertretenen mit seinem stellvertretenden Sünd- 
opfer, wie denn auch in der eben angeführten Stelle (Rom. 6, 
5) sogleich folgt: ^^Denn so wir Mitver wachs ene (avfupv- 
Toi) geworden der Aehnlichkeit seines TodeS; werden wir 
es ja auch der Auferstehung seyn/^ 

Ist aber so unser Siindopfer zugleich unser Hoher- 
priester und Mittler zu Gott, ist es der Urquell alles Heils 
und aller Herrlichkeit, der wahre Spender von Segen, Leben 
und Seligkeit: so treffen ja alle Strahlen der Handauf- 
legung, passive wie active, nach höchster Instanz wieder 
zusammen in Jesu Christo, unserem Herrn und Heiland in 
Ewigkeit. 



VIII. 
SPUK UND GESPENSTER 

NACH DER SCHRIFT. 

Bei einem Blick in diese Nachtseite der Natur oder vielmehr 
in die Uebernatürlichkeit — einem Pendant zu dem Artikel 
über „die Schriftausdrücke für Mantik und Magie" (Bibelstud. 
1, 154 ff.) — lassen wir alte und neue, poetische wie prosaische 
Erzählungen von unheimlichem Hereinragen der Geister- Welt 
in die unsrige, diesem' directen Erweise einer Verbindung 
unserer stofflichen mit höheren; immateriellen Sphären ; und 
die Philosopheme darüber ebenso wie ihre Bezweiflungen 
zur Seite,* und fragen nur, was enthält die heilige Schrift 
hierüber, da wo sie, mit gewohnter Einfalt voraussetzend, 
berichtend oder auch lehrend, darauf kommt. Aeussert sich 
das Wort Gottes selbst über dieses transcendente Gebiet, 
so kann es nur von hohem Interesse seyn, ohne unser Zu- 
oder Abthun den reinen Schriftgehalt über jenes dunkle und 
düstere Reich zu ermitteln. 

Indem wir aber unsere Aufgabe ausdrücklich auf eigent- 
lichen Spuk, näher auf Gespenster beschränken, verstehen 
wir darunter unheimliche Sinneswahrnehmungen, worin über- 
sinnliche Wesen sich über die Kluft der beiden Welten her- 
überdrängen und äussern, wenn auch die Art und Weise dieser 
ausserordentlichen Kundgebungen immerhin so zwielicht- 
artig und geisterhaft ist, dass die menschliche, ja vielleicht 
auch thierische Natur nur mit Erschauern deren Ahnung 
und Witterung, Eindruck und Gewahrung erhält. 



* Perquam veUm scire, esse aliquid phasmata (phantasmata ) et 
höhere propriam figuram nufnenqtie diiguod putes, an inania et vana 
ex metu nostro imaginem accipere, — Pi'oiiidc rogo eruditionem tuam 
vntendas. Digna res est, quam diu multumque consideres. Plin., Epp. 
7, 27. 



344 Spnk und Gespenster. 

Mit dieser Beschi^änkung sind die nicht minder ausser- 
ordentlichen Erscheinungen von lichten Engeln und Seligen 
(wie bei der Verklärung, Matth. 17, 3 ; oga/ia V. 9), ecstatisch 
oder nicht (Luc. 1, 22 onxaaiav ioigazaPy 24, 23 ontaaiav ay- 
yiXwv icDQaxivai. und Act. 26, 19 ohgaviog oTtvaaia des himm- 
lischen Herrn); oder auch die von Dämonen (wie bei der 
Versuchung, Matth. 4, 1 jQF.) hier ausgeschlossen. Erstere sind 
ja auch nicht unheimlich, vielmehr unaussprechlich anhei- 
melnd (Matth. 17, 4) 5 die letzteren aber gehören als solche 
ohnehin unter eine andere Rubrik. Zugleich wird jedoch 
nicht in Abrede gestellt, dass von der einen und der andern 
dieser beiden Seiten ein Spuk, wie er im Nachstehenden 
auftritt, wenn auch nicht ausschliesslich, herrühren könne, 
nur dass hierüber in den Offenbarungsurkunden meist nichts 
weiter offenbart ist. 

Eine andre Beschränkung in unserer Aufgabe, wie in 
diesen Bibelstudien überhaupt, besteht in exclusiver Rück- 
sicht auf die canonischen Schriften, die auch auf vor- 
liegendem Gebiet, den legendenartigen Apocryphen gegen- 
über, durch keusche Zurückhaltung ihren göttlichen Adel 
bekunden. * 

Wir gehen nun unsern Weg von aussen nach innen, 
und informiren uns über die Bezeichnungen der Existenz, 
d. h. die Namen, über die Erscheinungsweisen, Zei- 
ten und Stätten, sowie über die Wirkungen dieser un- 
heimlichen Dinge. Also zunächst 

I) die Erscheinungsnamen« 

Die ihrem sub-objectiven Wesen wie dem lat. spectnim 
(unserem „Gespenst") direet entsprechende biblische Original- 
benennung überirdischer Erscheinungen ist 

A) 0ANTA2MA. — Von qjavtd^uv (fpaiveiv) sichtbar ma- 
chen, (favTcc^ead-m sich sehen lassen, erscheinen, ist 

* Wie gespenstersehend ist z. B. Weish. Sal. bei der ägypti- 
schen Fiosterniss C. 17, 3. 4. 15., wo ipSnJLjbtnTft (dasselbe Wort auch LXX 
Jer.50,39 für D'^'^SK, Wüstenthiere) u. tpaofiarn afistSi^toiq naiijtftl n^oow- 
710 ig ivefavi^cTo. — Ungerechtfertigt ist bei Luth. auch Spr. 23, 7 
„ein Gespenst", indem er statt *1?^ wohl las *1?to (Schauder, Ent- 
setzen, Vulg. in simiUtudinem arioli; LXX et tis Kajanioi tqlxa* 

•15^ to). 



Spuk und Gespenster. 346 

dieses Substantiv eben Erscheinung^ die zunächst auch 
nur dem Sinne des Gesichts wahrnehmbar ist, mithin recht 
eigentlich Scheinwesen, also ganz wie specüs (Liv. 8, 6 in 
quiete vüa speöies mit noctumi visiia abwechselnd, s. u. Suet.) 
und spectrum vom alten specere sehen, sonst tpdofia (s. ob., von 
(fdcOj (pcclvcü) und in gleicher Ableitung, wenn auch unclassi- 
scher Formation „Phantom" genannt.* — So unterscheidet 
sich denn hiervon die prophetische und ecstatische Vision auch 
im sprachlichen Ausdrucke, da fUr diese nie cpdvtaafia oder 
(fdofia, sondern ogamg (Act. 2, 17 o^daet^ oxfjovrav nAch Joel 
3, 1 f. S., vergl. Apoc. 9, 17) oder oga^a (Act. 7, 31. 10, 17. 19 
öga^a iSeiv, 9, 12. 10,3 bISsv kv oQdfiarv (pavBQcSg, 16,9 ogafia 
Svd Ttjg vvxTog wcp&r] r^ Ilavkq) t auch mit Ansprache, wie 
9, 10. 18, 9 ; 1 1, 5 elSov iv hxardau oQafia) gesagt ist ; vgl. f. S. 
Sonst braucht Luc. auch wiederholt das wenig übliche onxaala, 
wie ob. Ev. 1, 22. 24, 23 {bntaaictv ccyyikcov icogaxipai) , Act. 
26, 19 {ovQdvvog onraatd), und einmal auch Paulus 2 Cor. 
12, 1 onrccöiav xal dnoxaXvx^f^i^ xvqIov. 



* Thom. Mag. (b. Biel, Nov. Thes. III, 533): ^Pdofiaja Uye- 
yerat rä iv vntfi^ fatvo/ieva xal oua ^avta^ovat Sai/novta vvxjoaQ 
§ ^fld"' ^fiBQav iv taXi i^rjfiiaig, ano rov aegoe Xafißdvovxa ^logtpdg^ 
oiae av i^dXcDOiv, yieye övv fdafjtatftt coe y4trtxoi, xal ft^ tpavTaafAOxa, 
Mehrfach Paralleles hierzu Plutarch, Brutus C. 36: Nvi fiiv tjp 
f} ßaihvTdxfj ^ fdiß S* elxev ov ndvv XajtiTrgov ^ axrjvij' näv 8e ro ar^a- 
ronsBov ononri xarelxev, *0 Sa ovXXoyt^QfABVOs xa xal axoncSv ngos 
iavTOv MSoiav aiad'iad'ai tivos aigtovros, IdnoßXexpas Sa ngos t^v 
eigoSoVf bgcL Saiv^v xal dXXSxorov oxpiv ixtpvXov acofiarog xal ^o- 
ßeoovf otafTifj njagaatcotog airrp, (Auf das Wer -da? des Brutus) vno- 
tpfftyyBtai Srj nvT(p ro <pdafi,a' 6 oog, tS BoovTat Baifioav xaxog! 
Cxpei da fia neg^ ^iXtnitovg. Knl 6 Bgovrog ot) dmrnpaxd'eig' 6\pouai^ 
tlTTsv. Dann C. 48 : ''Ev ixaivr} 8e rfj wxrl ndXiv (paalv aig 6\p tv iX&aXv 
t6 ^da/ua r(p Bgovrc^ nnl xt,v avxriv iTtiSatSdftsvnv otptv ov8ev ainalv, 
dXX* oY^csaf^at. Denkwürdig auch Cic, adDiv. 15, 16: Fit enim nescio 
qui ut quasi coram adesae videare, quum scribo altquid ad Te^ 
negue id xnr aidcäXofvfavraoing, ut dicunt Tui amici novi^ qui 
putant ctiam Stnvorjttxng favjaaiag spectna Catianis excitari, Nam rw 
Te fitgiaty CaUus Inauher^ Epicureua^ qui nuper est mortuua^ quae iUe 
Gargettiiia , etiam ante Democritus , ti'dioXa , hie apectra nominat. Hia 
autern apectria etiamai oculi poaaint feriri^ quod vel ipaa accurrunt, oni- 
mus qui poaait ego non videoi Dieses eiBa}Xov von einer Todtenerschei- 
nnng z. H. Herodot 5,92 wie Hom. Od. 11, 602 u. a. Vgl. v. S. eW«A.a«, 



346 Spvk und Gespenster. 

Auf das für Spuk im N. T. specifische tpavtaapta 
stOBsen wir in der Bedeutung einer ganz eigenthümlichen 
Scbeingestalt Matth. 14, 26. , indem sich dieselbe sofort als 
etwas ganz Andres erweist; doch trifft die anfangliche An- 
nahme eines y^Gespenstes^' von Seiten der Jünger grundsätz- 
lich keine Correctur des Herrn selbst Es ist dort, wo Er 
im Morgengrauen über den See wandelnd den heimschiffen- 
den Jüngern nachkommt: ol 8i (la&riral ISovreg avtov km 
r^ ß-aXdaatig nsQinaTovvra iragcixO^av, kiyovreg' oti^ 
q>avTa^fiä iariv (Marc. 6, 49 tiSo^ccp fpdvnxa/ia üvai). — 
Wie verschieden hiervon lautet es bei aller Aehnlichkeit, 
zur Bestätigung des Obigen, von einer Engelserscheinung Act 
12,9: ovx ySu ort aktj&ig kffn ro yivofievov diä rov ayyi- 
Xov, iSoxu 5i oQafia ßkinuv (s. vor. S.). 

Jenem (pccvraofia kommt am nächsten das alttestamentliche 
B) rTb"»b iT^tn (Hacht- Gesicht). — Dieses li-^jn ist 
überhaupt Gegenstand eines ungewöhnlichen, aber wirklichen 
Schauens und wird namentlich sowohl von prophetischen Ge- 
sichten (LXX oQccaig 2 Sam. 7, 17. Joel3, 1 neben Weissagun- 
gen und Träumen) als von Nachtgesichten, d. h. dem Traum 
parallelen, aber nicht mit ihm identischen Bildern und Er- 
scheinungen gesagt, wie schon Hieb 7, 14 (msT^THTa, LXX oga- 
fiaüVy parallel mit niTabnin, sonach das, was nachh. 33, 15 „Nacht- 
gesichts -Traum'' d. i entweder ecstatisch gesteigerter Traum, 
wofür das nächstfolgende d*ü5« it^ ^^^"^ ^ '^ V- ^^ spricht, oder 
Traum von Spukgestalten, * wohingegen eine bloss epexege- 
tische Coordination von b dem stärkeren a in 7, 14 unebenbürtig 
wäre**). Noch deutlicher dieses irtn (pTn) eben in der aus- 

* In ersterer Bez. yergl. HerodotS, 54 eiT%^ Jr oy^«v Tit^a 
iBmv ivvnvlov ivariXXexo Tavra, bXxb nai ivd'vfiiov ot iyivtxo dfim^- 
aavTt t6 l^oTj — in zweiter Bez. Hom. II. 2, 56 ff. Kkvrsy ^ilor 
d'aios fioi tvvnviov rjl&et^ oveiQOg u^fiß^oairjv Sia rvxra , /laXioxa Si 
Niaxoqi Blqf ElSoe t« /le'ye&os tä fvijv t ayx^xa it^xBi. JSxfj S* aQ 
vni^ H$^aXfig^ nni fnB n^bi gJiv9'ov Stmtv* Evdetgx. x.l,; auch Val. 
Flacc, Argon. 4, 22 sqq. 

** Ebenso tfUgenscheinlich mehr als ein blosser Traum ist das 
verwandte üb'^btl nÄ*l7a Gen. 46, 2; zu Israel auf dem Wege nach 
Aeg7pten, an der Landesgrenze (Beerseba), sprach Gott „in Gesich- 
ten der Nacht^S denn er rief ihn „Jacob, Jacob!" und dieser sprach: 
„da bin ich!" -• worauf nun die weitere Offenbarung. S. auch f. S. 



Spuk and Gespenster. 847 

drücklichen Zusammensetzung mitnb'»b,wie Jes.29,7 y^m Dibns 
rt^b (LXXdig iwTtvia^ofMvog xa& vnvovg vvxt6s\ ob.Hiob33, 
15 rrb^b )vin Dibna (Symm. kp hvTtvlq) ogäfiarl (lov vvxrog^ LXX 
hfvnviov ^ kv fiBkittj vvxregi^vy) und 20, 8 („wie ein Traum 
verfliegt er — und verflattert wie ein Nachtgesicht", irtriD 
nb"»b, LXX äoTteg tpaaiin vvxtbqivov), wo es auch v. Ewald 
(2. A. S. 206) als „Gespenst" fasst Die Hauptstelle aber 
ist Hiob 4, 13: 

rö-^Tö:« by rr^n^n beia 
„In Gedanken von Nachtgesichten, 
Wenn gefallen tiefer Schlaf auf Menschen," 

WO Snb'^b msrm» nicht Gedanken vor den Nachtgesichten 
(gegen i^), aber auch nicht aus oder nach (durch) Nacht- 
gess. sind (beim Wiedererwachen*), sondern von (de) oder 
über Nachtgess., sofern in tiefer Stille und Finsterniss, 
wenn alles schläft, den einsam Wachenden Gedanken an Ge- 
spenster überkommen. Und zwar dieses zur psycholo- 
gischen Vorbereitung auf die nachfolgende wirkliche Er- 
scheinung, welcher auch noch tiefes Erschauern und Erzittern 
bis ins innerste Mark als Vorauswirkung vorangeht. 

Die dem blossen Erscheinen nächstverwandte Bezeich- 
nung ist 

C) m 'n — nNEYMA (ein Geist), eigentlich etwas Luft- 
artiges, wie Gas und Wind, das zwar noch viel stärkere 
Realität haben kann als das Materielle und Sinnliche, aber 
in der Regel von den Sinnen nicht direct wahrgenommen 
wird (vgl. Bibelstud. I, 46 f. 48 f), sowie die Engel nvsvfiara 
sind (Hebr. 1, 14 vergl. Ps. 104, 4), und in höchster Potenz 
nviVfia 6 ß-iog (Joh. 4, 24). Wie aber dennoch diese^Engel- 
Geister auch erscheinen können (vgl. z. B. Rieht 13,3— 21. 
Sach. 6, 5 G'^7:ün mm*n, und ob. S. 118. 130), so ist es zwar 
immerhin etwas ganz Ausserordentliches, aber auch Analo- 
ges, dass, als der Gekreuzigte und Auferstandene, bei ver- 



* Aq. iv naqaXXaynli an 6 opa ßiar ^aud5v rvxroV, Symm. iv imnlrj- 
$£« ano honuaxoiv rvxreptvcSv, Ebenso, als „von Nachtgesichten ange- 
regt, veranlasst," Winbr (Exeg. Stud. I, 45), oder „wie nächtliche 
Traumbilder sie zur Folge haben", Del. (Comm. S. 61); allgemeiner 
V. Ew. 2. A. S. 90: „wann Träumereien erregen Ni^chtgesichte." 



348 Spuk und Gespenster. 

ßchlossenen Thtiren (Joh. 20, 19), und so eben Gegenstand 
ihres Gesprächs, plötzlich unter den Jüngern stand (avTog 
Hart] iv fiiaq) airoSv) und sprach : „Friede mit euch ! " — sie 
entsetzt kSoxovv nvevficc x^bcoqsIv (Luc. 24, 36 f.), wo- 
für wir in den nächsten Worten des Herrn gleichsam einen 
Commentar erhalten, indem er seine Hände und Füsse an- 
zusehen und ihn zu befühlen (\fjT]Xa(pT^aaTe fie) gebietet, 
ort TivevfAa aaQxa xal batha ovx ?;f€t (xa&(og kfie 
&e(OQB2T6 }ixovtay V. 39). * 

Wenn es aber hier, ebenso wie vorhin beim Wandeln 
auf dem See, nur eine schreckhafte Vermuthung der Jün- 
ger war, dass sie einen Geist sähen (S. 346), so berichtet 
dagegen von einer wirklichen selbsterlebten Geistererscheinung 
Eliphas in Hiob C. 4 V. 15 aus jener schauerlich stillen Zeit 
um Mitternacht: 

Und ein Qeist vor mein Antlitz schlüpft, 
zwar von undeutlicher Gestalt (naiwn), aber „grade vor mei- 
nen Augen" (-'5'^r 'i:»ib), und mit lautloser Stimme flüsternd, — 

^ Eine zwar Bachgemässe , doch fühlbar wie auch geständlich 
jipocryphische Auffassung und Ausführung dieser Stelle in Ionat. Epist. 
ad Snoyrn. C, 3: ^Eym yaQ xal uerä r-^v avdoraaiv iv aa ^y. i Avxov otSa, 
xal majevo} övta. Kai ore TtQos xove Tie^i ITergov TJX&ev, Sftj uvrois* Xd- 
ßere (V), xpriXaiprianTi fie xal tSere, ort ovx eifil Batfiov^ov ao cifiax o v * 
xal evdve avrov TJxpavto^ xal iniarevaav^ xgaTtid'ivxes t^ aa^xl avrov xai 
T(p TtvEVfiart. — {Maxa de r^v avaaraaiv owitpnysv avxois xal avvintsv 
[Act. 10,41] ms aa^xtxos, xaintQ nvevfiaxixcjs rjvotfievae xc^ nargi,) Die 
apocrjphe Quelle hiervon, woraus zugleich jene namentliche Hervorhe- 
bung des Petrus erhellt, nennt Orig., princ. prooem. C. 8 : ex iUo UbeUo qui 
Petri Doctrina (Ktjovyfia nerpov) appeüaturj vln Salvator videtur ad 
discipulos (Ucere : ^,Non sum tncorporale daemoniumj'^ Dem sogen. 
Hebräer-Evangelium weist diese augenfällige Exegese des evangel. 
Urtextes zu Hibron., vir. ill. C. 16, eben von jener Epist. Ignat. ad 
Smyrn. : in qua et de Evangelio^ guod nuper a me translaUim est^ su- 
per persona Christi ponit testirnonium^ dicens : ,,Ego vero et post resur- 
rectionem in carne Emn vidi^ et credo quia sit. Et quando venit ad Pc- 
trum et adeos qui cum Pei/ro erant, dixit eis: ecce [?] palpate me et videte, 
quia non sum daemonium incorporale; et statim tetigerunt eum^ et 
crediderunt. Desgl. in Jes. c. 18 : Quufn enim apostoU Eum putärent 
spiritum vel, juxta eva^igelium, quod Hebraeorum lectitant Naza- 
raeiy incorporale daemonium, dixit eis cet, Vergl. Hiloskfbld, 
Ztschr. f. w. Th. 1863. IV, 372. 



Spuk und Gespenster. 349 

über welche Erscheinungsweise nachher noch besonders.*" Hier 
sey nur noch bemerkt^ dass dasselbe luftige Substautivum 
mi (wobei man immerhin zugleich an jene leirovQyixa nvet/- 
(Aaxa Hebr. 1, 14 zu denken durch V. 18 T^nay und T'SNb^i 
veranlasst wird) mit demselben luftigen Verbum qbn auch 
Hab. 1, 11., hier von einem vorüberstreichenden Hauch und 
Wehen, wiederkehrt, s. unt. S. 359. 

Das entschieden Uebernatürliche einer solchen Er- 
scheinung bezeichnet 

D) D'^inb«. — Dies in der Nachtscene zu Endor, 1 Sara. 
28, 13. Der König Saul, in Furcht vor einem Zusammentrefien 
mit den Philistern und von Jehovah ohne Antwort gelassen 
(V. 5 f.), suchte, obschon er selbst die Wahr- und Weissager 
(Bibelstud. I, 159 flf.) officiell des Landes verwiesen hatte 
(V.3.9), incognito bei Nacht mit zwei Begleitern Rath bei einer 
Wahrsagerin zu Endor, der er Amnestie verhiess (V. 10), mit 
deiil Ersuchen, den verstorbenen Propheten Samuel zu citiren 
(V. 3. 8. 11 f.). Dieser erscheint ihr (V. 12) und sie bezeich- 
net das mit den Worten V. 13 : 

etwas Qöttliches*^ sehe ich aufsteigen aus der Erde, 
und beschreibt dann V. 14 seine Gestalt, als die eines alten Man- 



* Das grausig Geisterhafte derartiger Erscheinungen auch mei- 
sterhaft geschildert Ton Shakespeare, Macbeth (uach W.Jordan, 
im Anschluss an Schiller) 111,4 (Banquos Geist erblickend): 

— „Hinweg! 
Aus meinem Angesicht! Verbirg dich in die Erde! 
Dein Blut ist kalt, und dein Gebein ist marklos; 
P2rloschen ist die Sehkraft dieser Augen, 
Mit denen du mich anstarrst! 

Fort, grauser Schatten ! fort, leibloses Blendwerk ! '^ 
Vergl. ebenda B. I, 3 (indem die Hexen verschwinden): 
Macbeth. — „Ich fordre Antwort! 

B an quo. Die Erde bildet Blasen gleich dem Wasser, 

Und solche sind's. Wo schwanden sie nur hin? 
Macbeth. In die Luft. Was Körper schien, zerschmolz wie Hauch 
Im Winde —." 

** Ueber die Bedeutung des schauerlich Transcendenten in D'^ilbfi^ 
s. ob. S. 60 u. Keil z. d. St. (BB. Sam. S.192): „Ö^'lnbN bedeute hier 



350 Spuk und Gespenster. 

nes; und seine Kleidung, woran Saul, ehrfurchtsvoll zur Erde 
niedersinkend, Samuel erkannte. Samuel redet auch, und zwar 
zuerst fragend: „Warumhast du mich aufgeregt (■•snTÄ'nn Tmb, 
vgl. Jes. 14, 9), indem du mich heraufkommen liessest?'' 
Worauf Saul ihm seine grosse Angst und Rathlosigkeit be- 
kennt (V. 15). Samuel sagt ihm aber nichts Andres, als 
was er schon bei Lebzeiten zu ihm gesprochen (V. 16, wie 
15, 28) und verkündet ihm seinen nahen Fall (V. 17 — 19). 
Aus den Worten V. 21 biKtD Vä niöNrt «am (nicht t5:;m 
oder dergl.) scheint hervorzugehen, dass das Weib, indem 
sie „einging zu Saul", zuvor in einem andern Gemache war, 
so dass Saul von Samuel nur die Stimme hörte, seine Er- 
scheinung selbst aber sich nur hatte müssen beschreiben las- 



weder Götter noch Gott, noch weniger Engel, oder Gespenst, oder gar 
eine obrigkeitliche Person, sondern ein überirdisches, himmlisches oder 
geisterhaftes Wesen." Vgl. indess die Ableitung von mbfi« u. Plur. 
O-^rrbN von rrb« furchten (z. B. Gen. 31, 42. 53. synon. ^HD, P8.76, 12 
Nm73il), B. Del. Gen. 30. Das viell einigermaassen entsprechende ^o»- 
fjLOviov für eine unheimliche Erscheinung findet sich unt. and. auch 
in einer für unser deutsches Vaterland bes. merkwürdigen und auch an 
Obiges einigermaassen anklingenden altclass. Stelle, wodurch das aller- 
dings räthselhafte Unterbleiben des Ueberganges der Römer und na- 
mentlich des Drusus über die Elbe erklärt wird, näml. b. Dio 
Cass. B. 55 Änf. (Drusus unternahm es über die Elbe zu setzen, 
konnte es aber nicht, sondern ging, nach Errichtung Yon Siegeszei- 
chen, zurück.) n^vvrj yaff T*ff fisi^cou ij xatä av&Qwnov tpvatVj änavxij' 
aaaa avttp j ^^' n^^oi Srjxa ineiyrjj J^ovos axoqeors ; Ou ndrta ooi 
tavx» idtiv näTt^oftat, *u4kl* anid'i * xai ydg aoi xai xdSv S^yorv %aX 
xov ßiov xelevxrj na^BOXiv ^Btj,^^ Oav/iaardv f/Lsv oiv x6 xivd fotvrjv 
naQn xov Saifioviov xoiavxrjv x(p yBvial^ai^ oh fiavxoi xai dmoxslv 
ixoi» llaffaxQrifia yä(f anißn ^ anovdg xa vnoax^sy/avxot avrov xni iv 
x^ c$(^ vooqf xtv^y ngiv rj äTii xov 'Pr,vov iXd'siv, xsXtvxi/jaavxoQ. (Das- 
selbe, nur kürzer, auch b. Sueton., Claud. 1: Hostem etiam frequen- 
ter caesum ac penitiu in infimas aolüudinea actum non prms destUü in- 
sequi [Drusus]^ quam apecies barbarae muUeris humana amplior 
wctorem tendere ultra eermone Latino prohibuisset*) — Uebrigens 
yergl. auch noch Aeschyl. Pers. 628 ff. (Chor): 

*AlXd x^oviot 8ai/ioveg ayvol^ 

rVj xe xai *EgttT}t ßaotlsv x ivägatp, 

ni/ixpax* ive^d'a y/vj^aj/ äe ^dog* 

st ydq XI naxcov dxog olBe n)Mor^ 

fiopos av d'pTjxcSv niqai eiTtoi. 



Spuk und Gespenster. 35I 

Ben. Von einem Betrüge der Frau ist in der ganzen Erzäh- 
lung nicht die geringste Andeutung.* 

Bis hierher hatten wir generelle Namen fUr Spukerschei- 
Qungen; hierzu kommen nun aber auch noch specielle und 
individuelle. Dahin gehört 

E) *T^yte. — Die ö"'*i'^y« kommen vor Lev. 17,7 (LXX 
fidtaiay Aq. u. Symm, tQixmvti^t Vulg. dctemonea), wo nach V. 5 
denselben keine Schlachtopfer im freienFelde dargebracht 
werden sollen,** wie es denn von Lüth. (auch 2 Chr. 1 1, 15 
mit Idolen und Priestern und Jes. 34, 14) durch „Feldteu- 
fel", Jes. 13, 21 durch „Feldgeister" (Qesen. u. Drechsl. 
„Waldteufel", LXX u. Vulg. daemonia und bez. piloat) über- 
setzt wird; vgl. ob. S. 317. 



♦ Nähere ünterss. inCrittSS., Frcf. T. VI: 1) Mich. Rothabd, 
Samuel Redivivus (p, 310 sqq.) ; 2) Lbo Allat. , de Engastrimytho 
(p. 831 sqq., 340 sqq), add. 3) Origenis (p. 407 sqq.) et 4) Eusta- 
thii (p. 419—458) Commentt., wonach sich die Meinungen (vgl. v. 8. 
Kbil) wesentlich so gestalten: ä) der wirkliche Q-eist Samuels, 
wie nach dem bibl. Wortlaute bes. Orioenbs, vergl. Sir. 46 , 20 von 
Samuel xal fierä to vnveSoai nxnov n^oafi^revas nnl vnedei^e ßaotXaX 
tifv Te?.evjijv avrov xal avvxpcaaev ix yrjs rr,v tpav^v avxov x. t. l„ 
Justin. M. (342) cet. ; vergl. Augustim. (V) ad Simpl. Quaest. : ,,9ion est 
absurdum crederej ex aliqua dispenaatione divinae voluntaMa permüaum 
fuisaej ut non invitua nee dominante aut suhjugante magica potentia, 
sed volena atque ohtemperans occultae dtspensationi Dei, guae Pythonü* 
sam ülam et Saulem latebat, conaentiret apintua Prophetae aancti ae 
oatendi adapecUbua regia [?], divina eum aententia percuaaunts cet.^^; 
ober b) ein übernatürliches, dämonisches blosses Qebild(346sqq.), 
wie bes. Eustath. , Basil., Greg. Naz. u. Ntss., Hierom., Gyrill. Alex., 
JoH. Gebsom ; vergl. wiederum Augüstin. 1. 1. : j^quanquam in hoc facto 
poteat eeae aliua facilior inteUectua et expeditior exitua^ ut non vere api- 
ritum SamueUa excitatum a requie aua credamuSy aed aUquod phan* 
taama et imaginariam üluaionetn Diaboli macMnationibua factam — nee 
fnirum est quod Scriptmra dicit Samuelem viaum , etiamai forte imago 
SamueHa viaa apparu£t machinamento ejua, qui tranafigurat ae vüut in 
angdum lucia cet.^^ — Leo Allat. selbst schliesst (p 406) die lange 
Erörterung so ab: y^Concludimua ergo, EuataManam aenJtentiam ^ qua 
phaama daemonia aub ßgura et iTnagine SamueUa apparuiaae Saulo 
^ue conaulenH de rerum eositu reapondiaae aaaeritur^ eaae veram, magia 
probahilemf Fatribua Eccleaiae communem et S, Scripturae conaonam,^^ 
üeb. d. Neueren Keil a. 0. S. 191 ff. 194-197. 

** Also schon nach dieser ganz eigenthümlichen Qualität des 



352 Spuk und Geapenster. 

Der Ableitung nach kann 'T'yfe seyn a) von lyto Haar: 
behaart; rauch ^ zottig; struppig, gesträubt (s. ob. in den 
Ueberss.. tqv^^iwv, Theodot. Jes. 34, 14 og&OTQixf^^v, pilosus), 
subst. Bock (wie hircus urspr. dasselbe, vgl. hirtus, hirsutus)]* 
oder allenfalls b) von ^yto horrere (was indess auch auf je- 
nes l^to zurückkommt; vergl. Deut. 32, 17 mit D'^I^O, ver- 
wandt mit m«, nitD Gewalt thun, s. u., wofiir Luth. eben- 
falls „Feldteufel"), also hof-rendum^ horribile, 

Ihre Erwähnung 2 Chron. 11, 15 neben gemachten 
„Kälbern", wie die Beschreibung Jes. 13, 21 (s. dazu Gesen. 
Comm. I, 2, 465 f.), dass die D'^T^i^iö in Einöden und Ruinen, 
neben andern Wüstenbewohnern, umherspringen (TipT^) 
und 34, 14 einander zurufen (Nip'' ins^^ h'S T^s^tt), LXX, 
Vulg., wenn hier nicht N'np'' für rr^p"^ „begegnen" steht, 
LüTH., Fürst), weist auf eine noch mehr scurrile und kobold- 
artige, als horrible Gestalt und damit mehr auf die Be- 
nennung vom Bocke.** Dann aber finden wir (abgesehen 
von der Prophetie Dan. 8, 5 fil 8 ff. 21 ff), nächst der alten, 
besonders auch germanischen Vor- und Darstellung des Teufels 
(mit Schwanz, Hörnern und Bocksfussen, vgl. ob. S. 317), ein 
Echo davon nach Form und Klang im heidnischen Pan, Faun 
und Satyr, die ja auch bocksbeinig und geschwänzt, auch 
mit Ziegenohren und kleinen Hörnern, sowie als Feld- und 
Waldgötter, also besonders in Einöden, schreckhaft erschei- 
nen.*** Die Lautverwandtschaft zwischen ^''5>fe und (Sa- 



Cultus hier gewiss nicht blosse „thierische Bilder der Gottheit, wie 
sie der Aegypter hatte" (v. Hofm., Schriftb. I, 433). 

* „iSec graece r^ayov dici volunt anb irjs ToajcvrrjToe^ a pilorum 
asperitctte. Et in Festo hircipüi sunt densorum pilorum homines^^ 
BocHART, Hieroz. II, 828. 

** Eigentliche Böcke (v. Hom. a. 0.) sind keine specif. Ruinen- 
und Wüstenthiere (ob. 316 f.) ; auch möchte ihnen schwerlich ein K'lp 
als „rufen" zukommen. 

*** In Betreff des vornehmlich in der stillen Mittagsstunde ob- 
mächtigen Pan ist bemerkenswerth die zwar verfehlte, aber durch- 
gängige Auffassung der griech. Ueberss. von Ps. 91, 6 n^"^ SÜp)2 
D^'inSt (Glied a „vor der Pestilenz, die im Finstern schleichet, b vor 
der Seuche, die im Mittag verderbet") als ano ovfinTtofiatoe xai 
Saiftov iov fißOTjfiß^ivov (LXX) oder nno Brjyfiov Saiftovi^ov- 



Spuk und Gespenster. 353 

rvQog mit satyrua^ welches im Ghtiechischen selbst keine 
irgend befriedigende Wurzel hat, liegt offen da^ zumal wenn 
man hinsichtlich das 9 dessen Verwandtschaft mit ü) (vgl. 
at^ = arty und lüto = "jtpy) und sodann die nordische Ver- 
härtung des «5 wie der Zischlaute überhaupt in T (ii^ö in 
nn, ^12 in ^t3, 'nita in ^tai) bedenkt, wie sich ja denn auch 
im Dorischen selbst noch das actrvQog wieder in tlrvgog 
verhärtet. 

Eigenthümlich ist es aber den ti'^^'^^i^U)^ dass sie^ wie 
kein anderer Spuk^ einen heidnischen Cultus hatten, was 
obige Stellen beweisen. Es sind also zugleich Götzen, nicht 



ros fiaarjfißqiaz {K<i..) oder aTro ovyxvgiifAaroe dai/novoodöve fieorjfi» 
ß(fia9(BYyu.)t wobei das ^W mit IXi theils verwechselt, theils wenigstens 
verbunden erscheint. (Uebr. vergl. Gbsen., Jes. Comm. I, 2, 916 u. ob. 
S. 345.) — Was sonst die wesentliche Identität der mythischen Ge- 
stalten Fan und Faun, mit denen wieder eben Satyrn und Sylvanen 
verwandt sind, betrifft, so leitet Bochart, Hieroz. (Frcf. 1675) II, 826 
erstere beide sogar von einer und derselben hebr. Wurzel ab, näml. 
1*10 horrere (Ps. 88, 16 ^^aüomtuß fiaereo^^ Doch erscheint Pan als 
der Souverän unter diesen G-ottheiten der Weiden und Wälder, des 
Wilden und des Wildes. Seine graphischen Epitheta sind alytTtodijej 
TQayonovSf SiüB^cas (Incomis), avxftfjete (s. bes. Hymn. Hom. 18. eie 
IIava)j voller noch semicaper (Ov. Met. 14, 515) und, für d. röm. 
SylvanuSf Aiylnav, NachHerodot 2, 46 yqdfovai la Sr/ xal yXvfovoi 
Ol ^aty^dfoi Hai ol ayaXf*nT07rotol tov Ilavhs tmyaXfia %atdnsQ '^Xlijvee 
alyongoacanov xai T^ayooxelia — xakäsTat 8 te r^dyos xal 6 Tläv aU 
yvnxiatl Mdp8rjg (üb. den Pan-Cultus inMendes s. Boch. 1.1.1, 641 sq., 
Spencer 1. 1.)* So heisst nun aber auch der Faun bicomü und se* 
micaper (Ov. Fast. 5, 99. 101), wie ihm b. Hör. Odd. 1; 4, 11 f. 3; 
18, 5 (S. 314) auch der Bock geopfert wird ; ebenso zeichnet aber auch 
^^aurea Capripedum Satyrorum acutaa^^ D e r s. 2 ; 19, 3 sq. Werden 
alle diese Gestaltungen ausdrücklich auch neben einander aufgeführt, 
als ^^Fauniy Et Satyri frcdrea^^ und ^^Suwt mihi aemidei — Faunique 
Satyrique et monticolae Sylvcmi^^ oder „Quid non et Satyrij saltatibus 
apia Juventus (yvie j^aaltantea Satyri^^ Virg. Ecl. 5, 73., vgl. ob. S. 352 
Jes. 13, 21), Fecere et pinu praecincti c&muaPcmea Syhanuaque auia aemper 
juvevdlior annia^^ (0 v. Met. 6, 392 sq., 1, 192 sq., 14, 637 sqq.): so ist auf diese 
dichterische Classificirung, wenigstens fiir unsern Zweck, kein starker 
Accent zu legen; übr. vergl. ebenso noch Lucret. 4, 484 sqq.: Haec 
loca capripedea Satyroa Nymphasque tenere Finitimi ßngunt et Faunoa 
esae loquuntur, Qu<yi*um noctivago atrepitu ludoque jocanti Affirmant 
vulgo tacituma aüenUa rumpü — Der Bock-Cultus ausserdem bes. auch 
bei den Arab. und Chald. : Maimon., mor. neb. 3, 46 ; vergl. ob. S. 813. 

H0ELEMA5N, Nene Bibelitudien. 23 



354 Spuk und Gespenster. 

aber, wie diese sonst auch, Personificationen, sondern wirk- 
liche und active Wüstenwesen, und ebenso objectiv wie 
die daneben genannten Trümmer- und Steppenthiere (Eule^ 
Schakal, Strauss).* Auch wurden sie in der Mehrzahl 
(Jes. 34, 14 mit -iTt^^i S. 352) erwähnt. Anders ist es mit den 
folgenden Spukgestalten. 

F) n'^b'^b — ein „Nachtgespenst" (v. Ew.; ^yspectn 
genus esse veteres summa consensu^ docen^\ BoCHABT, Hieroz. 
IT, 831 ; LuTH. „Kobold", Jarch. rt^ü, weibl. Dämon) — der 
Form nach ein Fem. von •^b'^b, was von b'^b (Nacht) und 
wohl nicht Onomatop. von „heulen" (bb*^). An der ob. S. 352 
angef. St. J e s. 34, 14 (vgl. Ges. Comm. I, 2, 916 ff.) erscheint 
Lilith unmittelbar nach den d'^'T^5>iü, in den Worten ?i5>''A'n7i Dia 
m.573 nb nötitTai rr^b'^b („daselbst macht Rast** Lilith und fin- 
det für sich eine Ruhestatt"). Das ' OvoxivrovQOi der LXX er- 
klärt Theodoret so: xcclet ' OvoxevravQOvg , ag ol TtaXaioi 
fisv'EfiTiomag, ol Si vvv'OvoaxeXlSag izQogayoQBvovaiv ; nach 
Hesych. ist es dai^iovoav xv y4vog xd&vXov xal axoruvov rjf 
hTiixpavdcfy wofür Symm. u. Vulg. das ziemlich gleichbe- 
deutende Lamia.*^* Bei den Rabbinen erscheint n'^b^'b als 



* S, ob. über Pan, Faun, Satyr cet. (S. 353). j^Aegipanes^ Sa- 
tyrij Fauräy Süeniy Sylvanus, Pan^ aliaque deorum rusdcorum turha 
memhria hircinis deformes ae semper visendos praebuisse perhibentur,^'^ 
Spekg. 1. 1.; auch heissen diese Götzen nach Kimchi D'^I^IZ) darum 
Dn d'^3'^WN)ab Ü'^T^S'lön m73^5 Ü -^ N n 3 DÜIÖ "^öb, s. b. Boch., Hieroz. 
II, 829. T^dyov ti tpaofia [aaivqov xpaofia) auch b. Philostr., vit. 
Apollon. 6, 13; daher eben auch Boch. 1. 1. üb. Jes. 13, 21.? 34, 14 
^jSpectra potius intelligo et, ttt habetur in Jamblicho , r^dytov yda/iatn 
quam veros hircos. Ausserdem vgl. auch ob. S. 312 f. 

** Ist die Bed. von ^^^ eig. „regen", sich regen, so könnte das 
Hiph. seyn beunruhigen, scheuchen; dagegen wäre aber die formell 
genaue Parallelst. Deut. 28, 65 ^b:»n tph m5^ tT^iT^ Nbl S^-^Ä^n ^\ 
80 dass nun als Grundbedeutung vielmehr das eig. durch heftige 
Einschüchterung bewirkte oder eingezogene Still- und Euhigseyn zu 
gelten hat, wovon das Hiph. caus. Jer. 31, 2. 50, 34. — Vergl. dazu 
Matth. 12, 43 u. Luc. 11, 24 (Xrixovv dvdnavaiv^ xal fi^ evQiaxov), 

*** Jene Empusen („Infüsse", und zwar mit Eselbeinen, daher 
eben 'Oroxävtav^oi genannt) waren in die altclass. Mythologie über- 
gegangene blutdürstige Nachtgespenster der Hecate (vergl. A r i s t o p h. 
Eccl. 1057 f. "Efinovad .ns !£| aZ/iaxos yXvHTa^rav tjftyiBafiävr;^ üb. ihre 
wechselnde Gestalt Kan. 288 ff.) , und ebenso auch die besonders 



Spuk und Gespenster. 866 

ein schönes gelocktes Weib, oder auch knabenartig und 
mit Flügeln ; feindselig ebenfalls besonders den Kindern, s. 
BocH. 1 1. Die Fabel von einem Weibe Adams dieses Namens 
8. ebendas. u. b. BuxTORF; Lex. Chald.^ talm.; rabb. p. 1141; 
nachdem er selbst n'^Vb als „strt'x, avü nocturna quenda 
et horrenda^^* erklärt hat, was übrigens bei den zugl. 
angeführten Classikern; neben dem Varapyr- und Harpyienar- 
tigen,** mit atriga (Hexe) nahe zusammentrifft,*** s. 
Bogl. 6. — Zur Literatur auch Selden, de Dis Syr, 
ei Lips. 1672 p. 250. 

Ein anderes weibliches Gespenst ist 

6) npibs^ — dessen Wurzel onomatopoetisch, vergl. 
ppb „lecken'' (od. auch f. S. das arab., als hangen, anhan- 
gen), und die Form von einer Masculinarbildung pib^; also 
mit der Bedeutung Saugerin. 

Sie kommt vor S p r. 30, 15., und noch dazu mit Töch- 
teru; als Unersättliche: „Alukah hat zwei Töchter, Hab, 



Rindern nachstellenden Lamien (s. Hör., A. P. 340 neupranaoA La- 
miae vivum puerutn extrahat alvo). 

• Wie neuerlich auch v. Hopm, Schriftb. I, 433 „ein Nachtvogel, 
welcher in der Einöde ungestört den ihm verhassten Tag verbringt." 
** Ovid., Fast. 6, 131 sqq.: Sunt avidae volucres — Grrande Ca- 
put , stantes ocidiy rostra apta rainnae^ Canitieg pennia, unguihua ha- 
mu8 inest. Nocte volcint puerosque petunt niUricis egerUeSj Et 
vitiant cunia corpora rapta suis. Carpere dicuniur lactentia viscera 
rostrüf Et plenum poto sanguine guttur hahenJt, Est iUü atrigi- 
hu8 nomen, aed nominia hujua Cauaa quod horrenda atridere nocte 
aolent. — Von den Harpyien (die nach Hom., Od. 1, 241. 20, 77 f. 
Menschen für die Erinnyen entführen) V i r g. , Aen. 3 , 214 sq. : 
Triatiua haud illia monatrum^ nee aaevior ulla Peatia et ira Deüm atygüa 
aeae extulit undia: Virginei volucrum vultua^ foediaaima ventria 
Proluviea, uncaeque manua et pallida aemper Ora fame. Vergl. u. a. 
ndch Valer. Flacc, Argon. 4, 426 sq. 450 sqq. — Der Prosaiker 
PI in. (H. N.) bemerkt ebenfalls: Eaae in maledictia jam antiquia atrigem 
convenit; aed quae ait avium conatare non arbitror, 

*** Petron., Sat 13: Subito atrigae atridere co^erunt^ ptUarea 
canem leporem peraegui — audimua gemitum aed^ plane non mentiar^ 
ipaaa non vidimua; baro autem noater introveraua ae projecit in lectum 
et corpua totum Uvidum habebat quasi flageUia caeaua , quia aciL illum 
tetigerca mala manua cet, — Rogo voa, oportet credatia^ aurU muH er es 
plusaciae, aunt nocturnae^ et quod auraum eat deoraum faciumt. 

23* 



856 Spuk und Gespenster. 

Hab (gieb herl her!): diese Drei werden nimmer satt/' 
Und diese drei wieder parallel V. 16 der Hölle, Vi««,* wel- 
ches hier wohl vem Verb. bKi2)*al8 stetes, unersättliches „Ver- 
langen" abgeleitet ist, vgl. Hab. 2, 5 »ini niööi bi««)5 a'^n^nü ^tt« 
yniZ)"^ »bi tiVSD u. Jes. 5, 14. Jenes characteristische „Saugen" 
aber geht auf Blut, und zwar auf Menschenblut, weshalb LXX 
(Vulg.), KiMCHi, LuTH. das Wort nach dem arab. (pendere\ 
doch gegen den Text durch „Blutegel" wiedergeben, dessen 
„Töchter" Mebgeb. auf die gespaltene Zunge deutet, was 
aber Boch. physicalisch widerlegt. Also vielmehr ein Vam- 
pyr-Gespenst (Ghule, das aber auch fiir ir^^b, ob. S. 354f., 
vorkommt, s. Ges., Jes. Comm. I, 2, 917 ffi). — ** 



* Schon diese Coordination hindert sowohl die rabb. Erkl. von 
1lp*h^ als Scheol, wie die von Bochast (Hieroz. II, 796 sqq.) 
aus dem) arab. (pendere) als fatum, Tod, dessen zwei Töchter 
ma»n bl«tt) Spr. 27, 20 seyn sollen. 

** Ein im heil. Schriffc-Original nicht bestätigtes, u. a. auch von Plin. 
H. N. 10, 70 8. u. bezweifeltes, Geschöpf der Phantasie sind die Si- 
renen, wohl auch mit ^"^IZ) in Verbindung gebracht (vergl. Zeph. 2, 14 
■jlbni l^llö*^ ^1p)> näher von asi^d Fessel als durch ihren Gesang 
fesselnd, von denen oft Bilder auf griech. Gräbern und deren Name 
sich eben für wüstenbewohnende Thiere mit Klagelauten, ^c5a d'^tj- 
rtiTMtij (ausser d. Syr. Jes. 13, 22. Jer. 50, 39 für D"^"*« „Wimmerer" 
d. i. Schakale, vergl. Bochart., Hieroz. II, 830) nam. in den griech. 
Ueberss. bes. der LXX als 2e^fjv8s findet Hieb 30, 29. Jes. 34, 13. 
43,20 (Aq. Mich. 1, 8 u. Vulg. Jes. 13, 22) für d-^^n „Heuler", Scha- 
kale , und als d'vyari^sg ^aiQijvafv Jer. 50, 39. Mich. 1, 8 für !155>'^ m3a 
„Klagetöchter'' d. i. Strausse (nicht Eulen, striges, wie, mit Tbbmell., Nie. 
FuLLEB, Miscc. SS. in Critt. SS. VII, 291 sqq.), wofür auch einfach ^£i^v 
res Jes. 13, 21. Ebend. 34 13 geben LXX und Vulg. die Wüstenthiere 
Ü'^*^'^ gradezu durch Sai/iovia^ daemoma, wieder. — „In sacro certe 
argumento conauUissimum est abstinere prorsus his fiv&io8eai; proxi- 
mum vi üa saltem sobrie täaris nee nüi quum res nuixime postvlaV*^ 
Bochart 1. 1. u. Pt. Zoen, Opuscc. ss. H, 187. — In dieselbe rein 
mythologische, mithin unbiblische Sphäre gehört auch noch der Vo- 
gel Phönix, den man in Hiobs elegischer Schilderung seines ehe- 
maligen Glückes und Wohlergehens hat finden wollen B. Hiob 29, 18., 
wo sich an die reichsten realen und idealen Genüsse, zumal auch des 
Patronates , selbst noch die der Hoffnung auf eine gleiche Zukunft 
anschlössen. „Da sprach ich: bei meinem Neste werde ich 
verhauchen", Ü'^tt'^ rtaiÄ b 1 n 5 1 d. h. „und wie Sand viel ma- 
chen Tage." (V. 19 „Meine Wurzel offen nach Wasser hin, 



Spuk und Gespenster. . 357 

Wieder in das Allgemeine und unfassbar Uebersinnliche 
zurück führt endlich die Bezeichnung einee Spuks als etwas 
Namenloses, nämlich als ein 



und Thau wird nächtigen in meinem Gezweige^', — also 
erfrischt nach unten und oben, wie auch bei Tag und Nacht). Der Sinn 
des ersteren (18.) V. scheint einfach genug. Gl.a: „bei meinem Neste 
werde ich verhauohen/^ meintHiob : das ganze häusliche, heimliche und 
Familien -Glück, und in diesem engeren Kreise vornehmlich auch der 
im Vorherg. noch nicht erwähnte Genuss der Kinder, werde bis zu 
seinem sanften Ende währen ; und dass in diesem "^^p (was von be- 
sonders geborgener Behausung auch Hab. 2,9 vgl. Num.24,21. Jer.49, 
16. Obadj. 4, und in unserem „warmen Neste" ein Seitenstück hat) 
wirklich von dem traulichen Daheim die Rede sey, ergiebt sich aus 
dem y. 20 angeschlossenen Gegensatze: „meine Ehre immergrün bei 
mir", womit nun eben das Innen nach Aussen übergeht. Doch fügt 
zuvor y. 18 b noch hinzu, jenes lebenslängliche^ stille häusliche 
Glück werde auch wirklich noch sehr lange dauern, indem es heisst: 
„ich werde viel machen Tage" Vllndd.i. „wie Triebsand." Das ist ja 
das bekannte geläufige — vom Meeres sande entnommene — Bild für eine 
unzählbare Menge, wie Gen. 22, 17. 82, 18. Jos. 11, 4. Rieht. 7, 12.1 Sam. 18, 5. 
2 Sam. 17, 11. 1 Kön. 4, 20. 5, 9. Ps. 78, 27. Jes. 10, 22. Jer. 15, 8. 83, 22. 
Hos. 2, 1 ; und ebenso auch, ohne Erwähnung des Meeres, einfach bltlS 
z. B. Jes. 48, 19. Hab. 1, 9 wie Ps. 139, 18 TlST^ bin». Aus diesem 
für die „Menge der Tage" an uns. St. vollständig gnügenden und 
passenden bind ; welches sogar noch viel idealer von Geistes reichthum 
1 Kön. 6, 9 vorkommt, haben nun jüdische und christliche Ausleger, 
durch yerwandlung des bin in b*)n den schönen adlerartigen yogel 
Phönix der Fabel hervorgerufen, dessen Name nach G. Sbtffabth 
(Leipz. Repert. X, 1; 1, 23) altcoptisch koU lautete, während v.Ew. dabei 
lieber an bin „wechseln, wenden" denken möchte, yon jenem Phö- 
nix nun berichten die Alten, obwohl selbst mehr skeptisch als histo- 
risch, dass er sich je nach einem halben Jahrtausend aus aromati- 
schen Stoffen ein Nest schichte, auf demselben sterbe, und dann in 
seiner auskriechenden Brut zuerst wurmartig wiedererstehe und von 
dieser später nach dem Sonnentempel in Heliopolis transportirt und 
da verbrannt werde: s. Herodot 2, 73; Tac. Ann. 6, 28 (haec m- 
certa et fdbulosia aucta; caeterum adspioi dUguando in Aegypto eam 
vohicrem non ambigitur)\ Plin. N. H. 10, 2 {kaud ecio an fctbiUose)^ 
Ov. Met. 15, 392 sqq. und, nächst anderer Literatur b. v. Ew. 2. A. 
S. 271, auch Tebtull., res. carn. c. 13 mit Anziehung von Ps. 92, 13 
^fiorebit velut phoemx^\ was aber (b. LXX m foivti dpd'ijoei) schon 
nach Ausweis des Originals nlD*^ "iTSn:? p*^*!^ ein im Nachstehenden 
sich lösendes Missverständniss ist, wie denn auch schon yulg. dort 
ijuttus ut palma florehit}^ Die Unzulässigkeit des Phönix-yogels lässt 



358 Spuk und Gespenster. 

H) E8, Ding, Etwai. — So Hiob 4, 12: 

ni:»'' im '>b«T 
nn5)2 yr« •^st» npm 

Und 8U mir Etwas sich stiehlt. 

Und es vernahm mein Ohr ein Ijispeln von ihm. 

Das »im würde auch hier als „ein Wort^' (v. Ew., Del., wie 
Stmm. iXaXi^&r} Xa&gaitag (ag iv xkony) verstanden werden 
können, wenn nicht „v o n'' demselben (irriTa nicht partitiv, da 
ja nm in Glied a ganz da ist, Symm. nag avrov) ein 
Gelispel vernommen worden wäre. Sonach muss im ein 



■ich aber auch für das in Rede stehende bin bei Hiob evident er- 
weisen. Denn nicht nur ist das Wort (b^tl) und die Sache im Hebr. 
ganx unerhört, es würde bei jener Annahme auch l)das traulich-warme 
„Nestes überdem in der Phönix-Sage zuletzt erbaut, seine innige Be- 
deutung verlieren ; 2) ein voxbqov n^öre^ov entstehen, näml. das lange 
Leben erst in Gl. b auf das Sterben in a folgen, wogegen ohne das 
Phönix-Bild in a das vor einem sanften Hinsterben nicht endende 
Glück und in b dessen noch sehr lange Dauer; wobei jedoch wieder 
3) die halbtausendjährige Lebensdauer eines Phönix für Hiob 
eine ganz unverhältnissmässige Hyperbel von Lebenshoffnung gewesen 
seyn würde. Vor allem aber 4)passt die schon gedachte unmittel- 
bar weij;ere Fortführung des auch ferner verhofften Glückes mit 
„Wurzel und Gezweig" durch „Wasser und Thau" schlechterdings 
nicht zu einem Vogel. Da muss eine ganz andere Vorstellung zu 
Grunde liegen, die ihrem Sinne nach von den LXX, trotz ihres 
foiviiy ganz wohl gefühlt worden ist, indem sie, wie ob. Ps. 92, 13 
f>oiv*S für ^TSriy unsem V. frei so übersetzen: v v^^txla fiov yij^daeij 
Sajte^ arelsxos tpoivixog nolvv xQovov ßicaaof. Dass sie nämlich auch 
hier (wie Vulg. sicut palma muUipUcabo dies) bei foivii an die 
Palme gedacht und damit den V. dem folg. assimilirt haben, beweist 
schon der Zusatz ordlaxoßj Stamm. Was. sie dabei aber dem bin 
selbst unterstellt haben mögen, dürfte streitig scheinen, y. Ew. hält 
das tog oTtXexoe für eine spätere Veränderung und für eine Verwechse- 
lung des "»ip mit Tl^j> (Rohr); wir vermuthen, dass LXX an b*^« 
dachten , was für Palme z. B. £xod. 15, 27 f. (wo für das offenbar 
synonyme t3'^1)3n LXX wiederum orakexv (poivixatv). Und so klingt 
es für den angeblichen Phönix im B. Hiob fast wie eine Ironie, 
wenn Plin. H. N. 13, 9 eben von einer Palmenart grade umgekehrt 
sagt: mirumque de ea accepimus^ cum phoenice ave, quae putatur 
ex hujus palmae argumerUo nomen accepisse^ üerum mori ac 
renaeci ex ee ipaa.^^ Möchte denn so der fabelhafte Phönix des Hiob, 
den auch Del. hat wieder aufleben lassen, für die heil. Schrift auf 
immer begraben seyn in dem realen „Sande'M 



Spuk und Gespenster. 359 

(geheinmissvoUes) Etwas* ßoyn, ganz wie das parall. *i»« 
22, 28 '^b üp^'] ^ö« ntan, „beschliessest du Etwas, so muss 
dir's erstehn." 

Ebendahin könnte man alsbald auch ziehen Hiob 4, 16 

Es steht! 
Doch kann auch das Subj. des vor. V. m^ , Geist , hier noch 
fortwirken (v. Ew. : „er steht still''). ** — 
Wir gehen nun fort zu 

II) den Erscheinungsweisen 

oder den Aeusserungen dieser' unheimlichen Dinge. 

Dass sie theils ungerufen (Hiob 4), theils gerufen 
od. beschworen kommen (1 Sam. 28), sahen wir bereits (S. 348 f.). 
Wahrgenommen aber, und zwar persönlich (-^^T« . . '^bN, Hiob 
4, 12 jflF.), werden diese übersinnlichen Erscheinungen an Fol- 
gendem, wo freilich die sinnlichen Ausdrücke mit dem ab- 
zubildenden Uebersinnlichen ringen und sich bis an die 
äussersten Grenzen des überhaupt für Auge und Ohr Dar- 
stellbaren verfeinern und sublimiren müssen. 

Es ist 1) objectiv, in den Gesten der Erscheinung, 

a) ein Sich-heranstehlen (nsa-j ob. Hiob 4, 12 d. i. 
leise und unvermerkt); 

ß) ein Her- oder hingleiten (oder gaukeln: rfbrr ob. 
Hiob 4, 15***), vergl. S. 349 Hab. 1, 11 ^n^^i mTcjbn, 
wie denn auch bei Hiob das folg. ^73^^ und das Ansprechen 
schon genetisch ein Herangleiten fordert (Del. ein Wehen 
streicht über mein Antlitz hin, vgl. Jes. 21, 1 ; s. ob. S. 348 
f., übr. b5> vom Liegenden, S. 346 Hom.). Das Gleiten aber, 
oder eig. Schlüpfen, ist dem r]bn auch schon onomatopoetisch 
entsprechend.**** Und dann 

* Aebnlich als chose Sache von causa Ursache, Rechtssache, 
altd. (Thing) Ding, daher ^^^ auch mit "nW verbunden Gen. 20, 10. 
Rieht. 19, 24. 1 Sam. 20, 2 vergl. Gen. 18, 14. Lev. 5, 2. (Deut. 
22, 14.) Pred. 7, 8 cet. 

** Gänzlicher Missverstand (wie auch schon vorhin V. 12) bei 
LXX als 1. Person: avearrjv (««• ovx ineyviov^ s. f. S.). 

*** Aq. ^x^^o, LXX ijiijl9ev\ Vulg. quum apirüits — transiret, 
**** Vergl. ob. (8. 345) Plut. Brut. C. 36 ^do^Bv ata^iod'ai xivos 
Uiopxoe — u. C. 48 ovSiv etneXv^ aXX oXxso^aiy wie ob. Hiob 4^ 15 



360 Spuk und Gespenster. 

y) ein Stillstehn (ntt^^, ob. Hiob 4^ 16);* — 

2) Bubjectiv, fiir die Wahrnehmung (Auge und Ohr) 
des Beobachters ; 

S) eine unerkennbare Erscheinung, Hiob i, 16 

Und nicht erkenn' ich sein Aussehn, 
Ein Gebild da vor meinen Augen! — ** 
Mit dieser unübertrefflichen Darstellung des Vorhande- 
nen und dennoch [Jnfassbaren in der Wahrnehmung für das 



Aq. <^x^o. Das unstätte Gaukebi vergegenwärtigt wieder Shakespsabe, 

Hamlet I, 1 (nach E. Ortlepp): 
Mar cell US. „0 still, halt ein! Sieh wie*s da wiederkommt ~ 
Bernardo. Ganz die Gestalt wie der verstorVne König! 

Ho ratio. Steh! fiede! Ich beschwör' dich: rede! — 
Marcellus. Fort ist's und will nicht Bede stehn. 
Bernardo. Wie nun, Horatio? Ihr seyd bleich und zittert! 

Ist das nicht etwas mehr als Phantasie? 

Was haltet Ihr davon ? 
Horatio. Bei'm ew'gen Gott, ich würd' es nimmer glauben, 

Hätf ich's mit eignen Augen nicht geschaut! 

Doch still! Schaut hin, wie es da wiederkommt! 
. Ich kreuz' es, mag's mich tödten! Steh', Phantom! 
Sofern du einen Laut und Sprache hast. 

So sprich zu mir 

steh mir Rede! 
Marcellus, halt es auf! 
Marcellus. Soll ich nach ihm mit der Hell'barte schlagen? 
Horatio. Thu's, wenn's nicht stehen will! 
Bernardo. 's ist hier! 

Horatio. 's ist hier! 

Marcellus. 's ist fort!" — 

(Also wie ob. die Erscheinung bei Brutus — ovBkv stneXv, dXX oXxeo&ai.) 
* Vergl. wieder Plut a.St. (S.345) attoTt^ na^saroSros avTtp. 
PI in., Epp. 7, 27: IrdUo, quäle ubique^ silentium noctis; deinde coneuä 
ferrum, vincula maveri — tum crebrescere fragor, adventare etiam^ ac 
jam ut in limine , jam ut intra Umen audiri: respicit (Athenodorus)^ 
videt, agnoscitgue narratam silfi effigiem: atahat innuebatque digito 
simiUs vocanti cet. 

** Entstellend LXX (s. vor. u. f. S.) ovx insyvcor^ elSov xal ovx ijv 
fiOQf^ nqb Ofd-alficSv /uov , aAA' t} avqav oeai ytovrjv ^9covov. Symm. 
{^artj Tis) ov oi;X' iyvoiQiaa to eldas. 



Spuk und Gespenster. 361 

Auge (so ndi)an auch von der Gestalt Gottes Num. 12, 8 
ta-^n» mn-^ n:»n) harmonirt im folg. Gliede das Gleiche flir 
das Ohr, nämlich 
e) ein un hörbar es (stilles, verhauchendes) Gelispel 

stille 

Und Stimme hör* ich. 

Hier ist rtwm nicht objectives Schweigen der Nacht, worin 
sich die ,;Stimme^^ vernehmlich mache, sondern ein stilles 
(sinnlich zartes, wie immaterielles) Lispeln der Gestalt, halb 
„Schweigen'^, halb „Stimme^', etwas eigentlich Unwahrnehm- 
bares, ein nur kaum hauchendes Wispern und Flüstern,* 
und so acustisch ganz in Harmonie mit dem vorigen op- 
tischen Gliede, wo, wie rtiwn dem jetzigen bip und ■<5"«5> ^aib 
dem jetzigen y?3ü», so auch vorher infi<1» ^«»idn «bn dem 
jetzigen Tmxn entspricht, so dass, wie jenes ein undeutliches 
Sehen, so dieses ein undeutliches Vernehmen ausdrückt, — 
dort Geistererscheinung, hier Geisterlaut. Bietet doch auch 
sogar die Prosastelle 1 Kön. 19, 12 npn JTö'ai bip, „sanften 
Säuse]laut^^ Substantiell wird dasselbe bei Hieb V. 12 mit 
YV^ (Symm. yjc&VQiafiog) bezeichnet, d. h. Gezischel (wo- 
von sonst nur die Form ti^J2^ Exod. 32, 25 als schleichende 
böse Nachrede, wie üai Gen. 37, 2 von Mn schleichen). 

Dieser Geistererscheinung, welche schattenhaft auf Augen- 
blicke über die Grenzen sinnlicher Wahrnehmung herüber- 
dringt, ganz entgegengesetzt ist das habituelle Thun und 
Treiben der Feldgeister (D-^^-^ytt) ob. S. 352 ff.), welche 

7J) (entgegengesetzt dem ob. ß \x, y) umherspringen 
oder „tanzen'' (n^T Jes. 13, 21 S. 352 f.), und 

'&) (entgegengesetzt dem ob. c) einander zurufen (Jes. 
34, 14 S. 352). 



* ,^Süentium et vocem audivi h, e. — vocem exiguam^ debilem ei 
guiddam süenter inauaurrantem in aurea^^ Vitrinq., Obss. ss. IIb. 6 c. 40 
p. 363 coli. sqq. (vergl. Yirg., Aen. 6, 493 sq. von Schattens jpar« 
tollere vocem Exiguam^ vnceptua clamor frustratur hiantes^ für jQi^ovoat 
b. Rom., Od. 24, 5flF.); LXX (v.S.) aXX' ^ av^nv xai fwv^v f.xovov; 
Syuh. ^^Buiae y>a>v^g ^xovov; Yulg. vocem quasi aurae lenia audivi. 
V. Ew. „leisen Laut.^^ 



S62 Spuk und Gespenster. 

III) Die Erscheinungrszttit 

war in allen obigen Fällen die Nacht (woher die Verbin- 
dung von nb'^bmsrtn, S. 346 f.), tiefe Nacht, Mitternacht 
(„Geisterstunde''), 

ö'^iDSN by SittTnn bsrn 
Wenn gefallen tiefer Schlaf auf Menschen» 

Hieb 4, 12 (S. 347) und 33, 15 : hier (wonach es ein Gottes- 
wort ist, V. 14. 16 vergl. S. 361) noch mit dem parallelen 
Zusätze 

' Bei SoUammem auf Ijager. 
Und so auch jene Geisterbeschwörung in Endor 1 Sam. 28, 
8. 25; so auch die Zeit, wo die Jünger einen Geist zu sehen 
vermeinten (S. 346); und dahin gehört wohl auch jener 
weibliche Vampyr npiby (S. 355 f.), sowie selbstredend die 
n^b^b (S. 354). 

Anders ist es vielleicht nur bei den Feldgeistern (ö'»'T»yTö), 
da wenigstens im nachklingenden Mythus Pan mit den Salyrn 
grade im Mittagsschweigen sein Wesen hat. (S. 352 f. 345.) 

Weniger identisch, als diese Zeit, sind 

lY) Die Erscheinungrsstätten. 

Dort in Endor war es ein Entsteigen aus der Erde 
herauf (1 Sam. 28, 13 f. y*iNn yn ö-^bs^); bei Hiob kommt's 
im einsamen Schlafgemach (vergl. oben niDtö» "^by 33, 15); 
die solchem Spuk aber recht eigenen Stätten sind Ein- 
öden und Kuinen: s.ob. Jes. 13, 21 f. 34, 13. 14 f. in dornen- 
und nesselbewachsenen Palästen, unter Eulen und Steppen- 
thieren, wie Straussen, Schakalen cet., wo eben auch die selbst 
wüsten Feldgeister (D'^^-'S^iö) und Lilith (S. 354). 

Dieser Aufenthaltsort aber entspricht den bösen Gei- 
stern als solchen, da sie überhaupt in der Wüste hausen, 
wie Asasel selbst, welchem der Sündenbock dahin zugeschickt 
ward (Lev. 16, 10. 21 f.), und sonst (Bar. 4, 35. Tob. 8, 3) 
Matth. 4, 1. 12, 43. Apoc. 18, 2 cet, s. oben S. 312. 

EndUch 

T) die Wirknngren 
solcher übernatürlichen Erscheinungen auf die Menschen 
werden in der h. Schrift ganz so, wie auch anderwärts, ge- 
schildert. Es ist 



Spuk und Gespenster. 3g3 

1) Furcht und Zittern, was auch schon ihre An- 
näherung erzeugt: so bes. Hiob 4, 14 

Beben kam mich an und Zittern, 
Und 80 viel meiner Oebeine macht' es beben.* 
Und auch überhaupt sind es die stärksten Verba des Ent- 
setzens, welche hiervon gebraucht werden, wie auch 7, 14 
••in^^nn mirrn» ** und im N. T. ira^äxä-^^aav (Matth. 14, 26. 
Marc. 6, 50) und nroij&ivTsg xal iiKpoßoi yivofievot^ iSoxow 
TtviVfict &€Ct)Q€tv (Luc. 24, 37 vgl. V. 38 ri nragayfiivoi^ iati, 
xcci Start Sia\oyiafiol ävaßalvovai/p kv taig xagSiaig v/jiaiv]). 

2) Haarsträuben: Hiob 4, 15 

^lüa m^'ü ^»on 

£s starrt das Haar meines Leibes.*** 

3) Aufschreien: 1 Sam. 28, 12 bNT»ö n« ntDNti «im 
bii^i bipn p3^Tm, sowie Marc. 6, 49 HSo^av (pdvraafia elvai 
xal avixga^av, und parall. Matth. 14, 26 Uyovreg ort cpdv- 
taafid karcy xal ano rov cfoßov ixqa^av (vgl. f. V. d-agaeire, 
iyd Bifir fitj (poßeia&e). 

4) Hinfallen: 1 Sam. 28, 14 nnniD'^i Si^lN d'>D« np-^i 
von Saul nach vernommenem Gesicht, und noch mehr V. 20 
nach angehörter Botschaft nitlN inwip Nb)a ht^i biNttJ ItiW'T 
'i:»i 1«?3 Ni-^T (vgl. V. 23 u. Bibelstud. I, 106. 126). 

* Wofür wir: am ganzen Leibe zittern. LXX fgixn l*ot avvrivrrjat 
Kai TQOfiOfj Mai /AeydXwQ ftov ia oarä duoeioev, 

** Dagegen ist die Wiedergabe von mtlbi (Schrecken) Hiob 18, 11 
t^Mlb^ liiri^l durch „Gespenster" b. Röster willkürlich und auch 
schon gegen den Zusammenhang. — Wohl aber enthält einen dem 
Bisherigen nach mehreren Seiten parallelen Bericht über die Erschei- 
nung vor der Schlacht bei Philippi Plutarch, Brut. C. 36 u. 38 
(8. ob. S. 345). 

*** Vulg. inhomterunt piH carma meae j LXX llf(fiidv fiov % fixes 
xni adQxsg. — Vergl. b. Vitringa 1. 1. p. 365 Virg. Aen. 2, 771 sq.: 
Infelix eimulacrum atgue ipdus umbra Creitsae Visa mihi ante 
oculoa et nota major imago: Obstupui dteteruntque comae et vox 
faucibua Jiaesit (vgl. 4, 279 sqq. adspectu ohmutuit amens Arrectaeque 
horrore comae cet.), nach Hom. II. 24, 358 ff. — Saidie S' aivm, 
Oifd'aX 8i t gixes Sarav ivl yvnfintoiai fisXtoaw^ Stfj di rafafv K.r. l* 



\ 



364 Spuk und Gespenster. 

Fragt man. nun aber zurUckBchauend, was diese bibli- 
schen Erscheinungen an sich sind, so ist es ausser Zweifel, 
dass sie, — ausser wo es in den evangelischen Stellen aus- 
drücklich dafür erklärt wird G^seyd getrost, Ich bin's" Matth. 
U, 27 m. ParaU. S. 363; und Luc. 24; 39 ;;Sehet meine Hände 
und meine FüssO; denn Ich Selbst bin's ! Befühlet mich und 
sehet; denn ein G«ist hat nicht Fleisch und Gebeiu; wie ihr 
Mich haben sehet^ cet. S. 348); — keine Sinnestäuschungen 
(Phantasieen); sondern grause Wirklichkeit sind; aber ver- 
schiedenen Beichen angehören; nämlich 

theils ein Verstorbener in seiner vormaligen Gestalt 
und Kleidung (1 Sam. 28; 14), jetzt wider seinen Wunsch 
heraufbeschworen und auch da nochmals nur seinen göttlichen 
Prophetenberuf ausübend (V. 16 — 19; vergL auch Bibelstud. 
1,157.163); 

theils böse Geister in der Wüste (Bockgestalten und 
Lihth, Jes. 13, 21. 34, 14); 

theils endlich auch gute Geister, wie jene Erschei- 
nung im B. Hieb (4, 16), deren Wort von der Ungerechtig- 
keit und Unreinheit der hinfälligen Menschen vor Gott ja 
ausdrücklich erläutert wird durch die (am Fall Satans er- 
kannte) UnZuverlässigkeit und Fehlerhaftigkeit selbst seiner 
Engel (V. 17flf. 15, 14flf.). 



IX. 



DAS WORT GOTTES 

ÜBER DIE 

REICHEN DIESER WELT. 

QUELLENMlSSIGE DABST£LLUN(i^ DER BIBLISCHEN LEflBE 
TOM BESITZ IBDISCHEB «ÜTEB. 

Ijb muBB unsere Aufmerksamkeit in hohem Grade err^en 
und zu ernstem Nachdenken fUhren, dass neben den grossen 
Fortschritten zu Erleichterung des Lebens durch vielseitige 
Auffindung bisher verborgener Stoffe und Kräfte; besonders 
auch durch Beschleunigung des Verkehrs, dennoch für die 
Mehrzahl das Leben von Tag zu Tag erschwert wird. Die 
Verarmung nimmt zu, der feste , glückliche Mittelstand 
schwindet auch unter uns, indem er allmälig zu der Abhängig- 
keit und UnvermÖgenheit hinabsinkt, und nur Einzelnen es 
gelingt, sich, zuweilen wie im Fluge, zu erheben. 

Das vielgepriesene Heilmittel gegen diesen drohenden 
Zerfall unserer gesellsohaftlichen Zustände, die Vergesell- 
schaftung („Association'', des Vermögens und der Arbeit^), 
hält das Uebel nicht auf, vernichtet vielmehr noch den Rest 
der Selbstständigkeit ihrer Glieder, indem sie die Verftlgung 
über die vereinigten Mittel und Kraft», unter dem Namen 

* , Jhr Mittel ist die Vereinigung vieler kleiner Kräfte zu einer 
grossen , und sie giebt dadurch dem. geringsten Atome die Vortheile 
emes Grossbetriebes, Befriedigung des Geistes und des Fleisches.** 
So mit einen Sohulzb - Dilitzsob ein V.A. Huber (Pastoral- Conferenz 
in Bonn 1864: s. Ey. Kirchenzeit. 1861 Nr. 61. Sp. 782). - Sonst 
gehen auf diese nur augenblicklieh beschwichtigte, in der That aber 
stetig immer dringendere Frage, ausser Chilxbbs, Mbbz u. A., in 
neuester Zeit speciell ein bes. Cabcb, s. unt, t. ELbttblbb, und Pfau 
(die sociale Frage in ihrem Verhältnisse zum Christenthum. Halle 
1866). 



366 Das Wort Gottes über die Reichen. 

und Scheine frei erwählter Vertretung Aller, Einigen oder 
Einem aus der Gesellschaft überlässt und, inmitten der an- 
scheinend freiesten Länder, eine neue Feudalherrschaft, aber 
ohne alle Bürgschaften für die Lebensfristung ihrer Unter- 
thanen, erzeugt Wie überhaupt die Sucht nach Freiheit 
in Knechtschaft endet, wie zumal in einer Zeit der Wahl- 
herrschaft jeder, um seine Stimme nicht selbst zu vernichten, 
sich irgend einem zufalligen Wahlkörper und dessen Füh- 
rern absolut unterordnen muss (eine Ejaechtung des Willens 
nicht nur, sondern meist auch des Qewissens), so hat auch das 
immer allgemeinere gierige Streben nach Besitz und Reichthum 
den entgegengesetzten Erfolg allgemeiner Verarmung. 

Das ist ein Fluch, welcher unausbleiblich auf der Ab- 
weichung von dem allein glücklich machenden Willen Gottes 
ruht Vielleicht in keinem andern Lebensgebiete herrscht 
aber eine so gründliche Unkenntniss des göttlichen 
Willens und Wortes, als in BetreflF des Keichthums. 
Aus dieser Unwissenheit entspringt nothwendig der allge- 
meine Abfall von diesem Worte Gottes, und aus dem Ab- 
fall solcher Ver- und 2ferfall. 

Hören wir darum doch einmal vollständig und in 
geordneter Folge die hellen, ursprünglichen Gottes- 
stimmen über den irdischen Reichthum , welchem nur zu oft 
auch ernstere Seelen nachtrachten. Es gilt hier mehr als 
eine sogenannte Lebensfrage: die Lebensfrage ist es, die 
Frage dieses und des ewigen Lebens. — 

Die schon im Alten Bunde vorgezeichneten festen Be- 
stimmungen über den Reichthum sind in der Offenbarung 
des Neuen Testamentes nicht etwa ausser Kraft gesetzt, sie 
sind hier vielmehr nur noch erweitert und vertieft. 

Es ist überall ein fortgehendes Gericht des Herrn 
über den selbstsüchtigen Besitz des Reichthums, und auch 
schon über das Streben danach. — 

Hierüber giebt uns die Schrift des Alten Bundes schon 
so deutliche und volFständige Kunde, dass wir dieselbe in ihrer 
Einfachheit nur reden lassen dürfen, um in unsern geläufigen 
Weltansichten und Zeitmeinungen bis auf den Grund er- 
schüttert zu werden. 

Dieses Wort Gottes verbietet ausdrücklich, reich wer- 



Das Wort Gottes über die Reichen. 367 

den zu wollen: ^^Mühe dich nicht ab, reich mi werden!,, 
Spr 23, 4. — Ja auch selbst der König „soll Silber und 
Ocld nicht sehr viel sich mackenl^^ 5 Mos. 17, 17. 

Denn nicht nur, dass dieses Streben nach Reichthum 
die Ruhe raubt und Leib und Leben verzehrt 
(vgl. unt. Sir. 31 [34], If.); nicht nur, dass es den Verlust 
des uns verliehenen Glückes zur Folge hat und schlimm 
endet (Spr. 28, 22): vornehmlich verführt es auch zur 
Sünde. „Wer eilet reich zu werdenß^ wird nicht unschuldig 
bleibend' Spr. 28, 20. 22. 

Welches alles im Neuen Testam. noch umfassender und 
gründlicher also ausgeführt wird : „Die da wollen reich wer- 
den, fallen in Versuchung und Strick und viele thörichte und 
schädliche Lüste, als die da versenken die Menschen in Verderben 
und Verdaminniss : denn eine Wurzel aller Uebd ist der Oeizj 
welches hat etliche gelüstet und sind abgeirrt vom Glauben^ 
und haben sich selbst zerstochen mit vielen Schmarzen}^ 1 Tim. 
6, 9. 10. 

Wegen dieser zerstörenden Wirkungen auch schon des 
Begehrens nach Reichthum soll sich dasselbe auch nicht 
einmal nur in Gebet darum äussern; denn „Oott sprach zu 
Salomo: darum weil du das im Sinne hast und hast nicht um 
Reichthum^ Schätze und Herrlichkeit gebeten — , und hast gebeten 
für dich um Weisheit und Erkenntniss — : so ist die Weisheit 
und die Erkenntniss gegeben dir; und Reichthum und Schätze 
und Herrlichkeit wUl ich geben dir: was nicht geworden also 
den Königen^ die vor dir gewesen^ und nach dir nicht werden 
8oU alsol'' 2 Chron. 1, 11 f. (1 Kön. 3, 11 ff.) 

Vielmehr bittet der Fromme und Weise um Fernhal- 
tung des Reichthums: „Armtith und Reichthum nicht gieb mir! 
Lass mich geniessen das Brodt meines TheHs!^* Spr. Sal. SO, 8. 

Und ein warnender Finger erhebt sich darin, dass so 
oft grade die Gottlosen „gross und reich, fett und glatt 
werden,'' Jer. 5, 27 f. (Ps. 73, 12.) 

Noch einleuchtender wird jenes göttliche Verbot des 
Trachtens nach Reichthum, wenn man den wirklichen 
Besitz desselben sowohl seinem Wesen als seiner Wirkung 
nach genauer betrachtet. Denn was sagt die Schrift über 
das Wesen des Reichthums an irdischem Gut? 



368 I><ui Wort Gottes Ober die Reichen. 

Im besten Falle ist er doch nur zeitlich: ^yLasa dir 
ntckt bange toerden^ ob einer reich wirdy ob gross wird die 
HerrUehkeä seines Hauses: denn gar nichts wird er in seinem 
Sterben münehmen, nicht wird Am na/Jifahren seine Herrlich' 
keäl'' Ps. 49, 17 f. (Pred. 5, 13 ff.) 

Dabei auch noch sehr betrüglich: ffWer sich ver- 
lässt auf seinen Reichthunty der wird fallen j und toie ein 
Blatt werden Gerechte grüneny^^ Spr. 11, 28. 

Jedenfalls aber isf er mit ganz besonderen Qualen 
verbunden: jyEs ist ein schmerzliches Uebel, das ich sah unter 
der Sonne, Reichtkum gehütet von seinem Herrn zu seiner 
Qual,'' Pred. 5, 12.* 

Die Schädigung, welche der irdische Reichthum seinem 
eignen Besitzer zufugt, erfolgt namentlich dadurch, dass 
er, gleich dem Reichwerdenwollen, die Seele verderbt, 
und zu Sünden wider den Nächsten und wider Gott 
verleitet. Und y^was wird es nützen einem Menschen, wenn er 
die Welt ganz gewönne, nähme aber Schaden an seiner Seele f 
Oder was wird ein Mensch geben als Lösegeld seiner Seele?'' 
Matth. 16, 26. (Marc. 8, 36. Luc. 9, 25.) 

Schwer wird nämlich die Seele des Reichen bedroht 
und geschädigt zunächst durch Dünkel: „Weise in seinen 
Augen ist ein reicher Mann," Spr. 28, 11. 

Sodann durch Jähzorn: jyFlehendiches redet ein Armer, 
und ein Reicher antwortet Heftiges^' Spr. 18, 23. (Vergl Sir. 
28, 12 [10]: „Nach dem Stoffe des Feuers, also wird es 
entbrennen ; nach der Macht des Menschen wird sein Aufbrausen 
seyn, und nach dem Reichthum wird er erhöhen seinen Zorn.'') 



* Eine der zu weit gehenden Bemerkungen Hehqstembxrgb im 
„Pred. Sal.<< (vergl. Bibelstadien U, 26 ff.) ist auch diese (EinLS. 17): 
„Der Mensch lebt nicht davon, dass er viele Güter hat, das ist das 
Thema, welches der Verf. in C. 4, 4—6 behandelt — der Reichthum 
setzt dem Neide aus und verwickelt in Unruhe — , in C.4, 7— 12.,* in 
C. 5, 9—19 und im ganzen 6. Cap. Wir haben hier die eigent- 
lich classischen Stellen der heil. Schrift zur Würdi- 
gung des Beichthums. Nirgends (?) wird so tief ein- 
dringend, so in das Detail eingehend, mit solcher ätzenden Schärfe 
die Nichtigkeit des Reichthums nachgewiesen." — Gregenwärtige Aus- 
führung wird das Einseitige in diesem Urtheile, namentlich auch gegen 
das N. T. , thatsächlich widerlegen. 



Das Wort Gottes über die Reichen. 369 

und weiter durch tyrannische Ungerechtigkeit: 
ffEin Reicher herrscht über Arme,^^ Spr. 22, 7; — ,yReiche 
sind voller OewcUtthat^*' Mich. 6, 12; — „Ti/rannen erhalten 
Beichthum,'' Spr. 11, 16. — (Vergl. Sir. 13, 4 [3]: „Ein 
Reicher that Unrecht und er zürnte dazu; ein Armer hat 
Unrecht erlitten und er wird dazu flehen." — V. 23 [19]: 
„Eine. Jagd von Löwen sind Wildesel in der Wüste : also 
Fressen von Reichen sind Arme.") — Vergl. auch 2 Sam. 
12, 1 ff.: „Zwei Männer waren in Einer Stadt, einer reich 
und einer arm" u. s. w. — Und so auch selbst noch inner- 
halb der Christenheit: „Unterdrücken nicht die Reichen euch, 
und ziehen nicht sie euch vor Oericht?^^ Jac. 2, 6. 

Und wie diese Vergehungen an sich und an Andern in 
ihrer Wurzel zugleich und vor Allem Sünden gegen den heiligen 
Gott und iHerrn sind, so gegen Denselben noch ganz inson- 
derheit auch die vom Reichthum genährte Grundsünde, d. i. die 

Selbstgerechtigkeit, die da spricht wie Ephraim: 
„7cÄ bin Ja reich y ich habe erwerben Vermögen mir: in allen 
meinen Errungenschaften wird man nicht finden an mir eine 
Miasethat, die da Sünde/^ Hos. 12, 9 (vergl. Offenb. 3, 17); 
sowie die ihr verschwisterte 

Selbstgenügsamkeit, wobei nicht „der Name Je- 
hyüahs^^y sondern „das Chat eines Reichen seine feste Stadt ist 
und wie eine hohe Mauer in seinen Oedanken,^^ Spr. 18, 11 
vergl. V. 10 u. C. 10, 15; — jene frevelhafte Sicherheit, die, 
weil sie sich selbst vor Nichts fürchtet, „sich verlassend 
auf ihr Oui und ob ihres grossen Reichihums sich ruhmend^^ 
(Ps. 49, 7), um so mehr gefürchtet wird: „Siehe, das ist 
der Mann, der nicht setzet Oott zu seinem Hort, und ver^ 
iässt sich auf seinen grossen Reichthum, stark ist durch sei- 
nen Frevel/^ Ps. 52, 9; — und ihre beiderseitige Spitze, die 

Qottes-Leugnung: s. ob. Spr. 30, 8f. „Armu^ihund 
Reichthum nicht gieb mir — dass ich nicht (zu) satt werde 
und verleugne, und spreche: wer ist JehovoJit^^ 

So dass denn der Reichthum zu einer Klippe wird, 
woran beide Gesetztafeln Gottes für ihn zerbrechen nach 
ihren heiligen Geboten, wenn auch nicht nach ihren schweren 
Drohungen. 

In Folge von diesem Allen gilt aber zuletzt — was wie 

ROELEMANN, Neue Bibelstudien. 24 



370 !>&> Wort Gottes über die Beichen. 

ein unauslöschliches Brandmaal von Gott auf der Stirn des 
Reichthums glüht — in der heil. Schrift; zumal auch Alten 
Testamentes, die Bezeichnung „Reich" ohne Weiteres fiir 
„Böse und Gottlos." — Statt aller anderen lehrt das 
schon die grosse prophetische Stelle Jes. 53, 9., wo „Gottlos" 
und „Reich" auf gleicher Stufe stehen ; * gleichwie dann auch 
im Gleichniss des K Test, der „reiche Mann", an dessen 
Thor der arme Lazarus lag, in die „Hölle" und „Qualen" 
kommt; ohne dass von seinem Leben etwas Schlimmeres 
berichtet worden ist, als dass er jyreich wavj und sich klei- 
dete in Barpur und Byasua, und lebte alle Tage in Freuden 
herrlich/' Luc. 16, 19 ff. — ** 



* S. Bibelstudien II, 17 f. ( — „ sowie entgegengesetzt ''iy , 135^ 
gedrückt, arm, demüthig, fromm ist"). Vergl. unt. S. 383. 

** Das Seelenverderbliche des Reichthums als Reichthum muss 
der Schrift mit um so grösserer Schärfe nachgesprochen werden, je 
mehr in alter und neuer Zeit dieses fiir alle Zeiten so wichtige Urtheil 
abzuschwächen und wieder einzuschläfern versucht worden ist. Schon 
Clemens von Alexandrien, einer der ersten christlichen Religionsphi- 
losophen (2. — 3. Jahrh.), sagt in seiner berühmten, eben dieser Frage 
speciell gewidmeten, jedoch nur einige Hauptstellen des Neuen Te- 
staments (namentl. Matth. 19, 18 flF. und Luc. 16) berücksichtigenden, 
Schrift Tis 6 ato^ofievoe nXovaioe („ Welcher Reiche selig werde'^; Ausg. 
von *€. Seoaar 1816) unter vielem Trefflichen, s. u., doch subjectiv: 
Man dürfe das Wort vom schwierigen Eingehen der Reichen in das 
Himmelreich nicht „linkisch, grob und fleischlich^' verstehen (p. 45 sq.), 
denn nicht auf den äusseren Reichthum und Besitz an sich (ot* tovs 
nXovaiove ovSiva TQonov 6 JScoTr,Q xaT avtov ye rov nlovtov xal t^v 
nsQtßolrjv Ttfs xTi]aea>g dnoxixleixev ^ p. 69), sondern auf die Gesin- 
nung {ini Tijf xijs rpvxiji d^arrj x. t. X. p. 46) komme es an. Wie schief 
das aber sey, zeigt schon die sogleich zur Erläuterung beigefügte 
Analogie der Schönheit, wobei einer dennoch keuscher sejn könne, 
als ein Hässlicher. Denn wie Schönheit kein ebenso nur accidentelles, 
kein ebenso nach Willkür abzulegendes Gut ist, als der Reichthum, so 
ruft auch die Schrift über die Schönheit nirgends ein „Wehe" aus, 
wie über die Reichen (s. u.). — Aus unserer Zeit bietet ein Seitenstück 
hierzu der ebenso in vielen Beziehungen ausgezeichnete, aber gleich- 
falls auch nur mehr cliristlich - philosophische Vortrag „über die Stel- 
lung des Christen zum zeitlichen Gut" von C.-R. Carus bei den „Ver- 
handlungen des 10. D. Ev. Kirchentages zu Hamburg 1858" (amtL 
Abdruck S. 54—73), S. 65: „Die Schrift enthält Mark und Bein erschüt- 
ternde Weherufe gegen die Reichen. Wer sind diese? Diejenigen, 
welche viel besitzen? Mit nichten, sondern die, welche nichts weiter 



Das Wort Gottes über die Reichen. 371 

Und so gedenke doch ein jeder^ wenn noch immer und alle 
Tage die feinen Zugnetze zum Reichwerdenwollen neu aus- 
geworfen werden, oder wen die Gold- und Silberketten des 
Reichthums vielleicht schon umschlingen^ mit Ernst und Er- 
schrecken daran; wie das uralte und stetige Gericht des 
Herrn also ergeht über das Streben nach Reichthum und 
über seinen Besitz! — 

Oder urtheilt etwa das Neue Testament anderweit nach- 
sichtiger über den Reichthum? Mit nichtenl Wie unser 
Herr Jesus Christus überhaupt nicht gekommen ist ^^auf- 

besitzen, als ihren Reichthum.'* Auch dies schlägt der Schrift, in 
welcher man ,,zwi8chen den Zeilen lesen'', vor allem aber doch wohl 
die Zeilen selbst lesen soll, ins Angesicht. Nach dieser Auffassung 
müsste jenes schauerliche Wehe auch über jedes andere irdische Ver- 
hältniss, wenn es nur bei demselben verbliebe, namentlich auch über 
den Gegensatz des Reichthums, die Armuth, ausgerufen seyn, wäh- 
rend diese als solche vielmehr „selig'* gepriesen wird. Beides ist 
nicht zufälh'g so. Zu dem positiven Wehe liegt schon in dem spe- 
cifischen Wesen des Reichthums selbst der Grund, was die heil. 
Schrift ja schon genugsam andeutet und wir nach ihr nur entwickeln. 
>- Dies auch gegen Hbngstbnbbbo, £v. KZtg. 1864 N. 3 Sp. 30 f., 
vergl. 1865 N. 51 Sp. 601 f. , welcher an ersterer Stelle gewiss nicht 
ohne künstliche Erklärung bemerkt: „der reiche Mann in der Parabel 
ist zugleich ein böser Mann, der auf Moses und die Propheten nicht 
hört", was wenigstens aus Luc. 16,29—31 nicht streng folgt, während 
ihm Abraham selbst V. 25 nichts anderes vorhält, als : „Kind ! gedenke, 
dass du hinweghast {aniXaßeg, wie nachher Luc. 6, 24) dein Gutes in 
deinem Leben, und Lazarus desgleichen das Böse l nun aber wird er hier 
getröstet, . du aber wirst gepeiniget ! " S. u. Vergl. auch H. Bullimoeb, 
„Von dem zytlichen Gut." G^Wie das recht und mit Gott überkom- 
men, besessen und gebrucht solle werden", 2 Predigten; deutsch durch 
Joh. Ha 11 er, „damit wir lernen also göttlich und christlich mit dem 
zytlichen Gut umgehn, dass wir das ewige nicht verlieren.") Zürich 
1554, S. 15 : „Reichthum zwar sind für sich selbst nicht bös, sondern 
Gaben Gottes: der Missbrauch macht sie aber bös." — Richtiger hat 
bei gedachtem Kirchentage schon Sup. Wächtlbr (a. 0. S. 71) bemerkt: 
„In dem irdischen Gute selbst ist eine unheimliche Macht" (s.u. 8.383 
zu Luc. 16, 9 6 fiafioDvas rfjg a8ixiag und 6 aSixog fiaf4,Y,ll)j und G.-S. 
W. Hoff mann (S. 72): „man möge den Reichthum überhaupt nicht 
als einen Segen ansehen, vielmehr nur die heil. Schrift mit besonderer 
Rücksicht auf die Stellung des Christen zum zeitlichen Gut durch- 
lesen: darin fänden sich beachteuswerthe Fingerzeige genug." Und 
eben hiervon glauben wir in vorliegender Arbeit die Quintessenz aus 
den Quellen darzubieten. 

24» 



372 Da« Wort Qottes über die Reichen. 

zulösen das Gesetz oder die Propheten, sondern zu erfüllen", 
und gesagt hat „wahrlich, bis dass vergehe der Himmel und 
die Erde, wird ein Jota oder ein Tutel nimmer vergehen 
von dem Gesetz, bis dass es alles geschehen" (Matth. 5, 17 f.): 
also gilt das ganz sonderlich auch von den heiligen Sprü- 
chen der Alten Schrift über den Reichthum dieser Welt. Ja 
nur noch stärker schallt im Neuen B. das Wehe über die Rei- 
chen. yffeauB sprach zu seinen Jüngern: Wahrlich ich sage euch^ 
dass schwerlich ein Reicher eingehen wird in das 
Him melreich! Wiederum aber sage ich euch : es ist le ich ter, 
dass ein Kameel durch ein Nadelöhr eingehe, denn dass ein 
Reicher eingehe in da>s Himmelreich^^ Matth. 19, 23 f. (Marc. 
10, 23 ff. Luc. 18, 24 f. — also noch eine Steigerung des 
unmöglich Scheinenden). j^Wehe euch, den Reichen, 
denn ihr habt euem Trost hinweg l Wehe euch, die ihr 
voll seyd, denn ihr werdet hungern!^' Luc. 6, 24 f. 

Und was so der Herr Selbst über die Reichen ausruft, 
das hallt bei seinem Apostel also wieder: „WoMan nun, Hir 
Reichen! weinet und heulet über eure Trübsale, die da über- 
kommen werden 1 Euer Reichthum ist verfault, und eure Kleider 
sind mottenfrässig geworden; euer Oold und Silber ist ver- 
rostet und ihr Rost wird zu einem Zeugniss euch seyn, und 
wird fressen euer Fleisch wie Feuer 1 Schätze habt ihr ge- 
sammelt in (den) letzten Tagen!" Jac. 5, 1 — 3. — Und „verlä- 
stern nicht sie (die Reichen) den guten Namen (Jesu 
Christi), der genannt ist über euchf^^ Ebendas. 2, 7. 

Als ganz besondere Ursachen dieser ftirchtbaren 
Worte über die Reichen nennt uns das Neue Testament, 
ausser jenen schon vom Alten Bunde bemerkten verderb- 
lichen Wirkungen des Reichthiims, namentlich und 

erstlich, dass der Reichthum ein heimlicher Götze 
und Götzendienst ist, so dass man ihn selbst, nicht 
aber Gott, „über alle Dinge ftirchtet, liebt und ihm allein 
vertraut." 

Eben als der Herr das bedeutsame Wort gesprochen 
hatte : „ Wie schwer werden die Geld -Besitzenden in das Reich 
Gottes eingehen 1 " und die Jünger sich entsetzten über seine 
Rede, antwortete Jesus wiederum und sprach zu ihnen : „Kin- 
der! wie schwer ist es, dass die, so ihr Vertrauen auf Odd 



Das Wort Gottes über die Reifhcn. 373 

setzen, in das Reich OoUea eingehen 1^^ Marc. 10, 23. 24. — 
„Denn wo euer Schatz ist, da wird auch euer Herz aeynl^*^ 
Luc. 12, 34. (Matth. 6, 21.) 

Weshalb auch Paulus seinem Stellvertreter Timotheus 
noch ganz besonders das aufgiebt: ,fDen Reichen in dieser 
Welt gebiete, dass sie nicht stolz seyen, auch nicht hoffen auf 
Reichtkums'Ungewissheitf sondern auf Gottl*^ ITim. 6, 17. 

Noch deutlicher und schärfer wird der Cultus des ßeich- 
thums als Gegensatz des wahren Gottes -Dienstes wiederum 
von dem Herrn Selbst bezeichne); in der sodann näher zu 
entwickelnden Stelle: y^Ihr könnet nicht Oott dienen und 
dem Mamonl'' Luc. 16, 13. (Matth. 6, 24; vgl. S. 383.) 

„So tödtet nun — die Habsucht, als] die da ist Abgöt- 
terei! Col. 3,5. — „Denn das sollt ihr wissen, dass gar kein 
Hur er oder Unreiner oder Habsüchtiger^ wdcher ist ein 
Götzendiener^ Erbe hat in dem Reiche Christi und Got- 
tes I^^ Eph. 5, 5. — Vergl. Bibelstudien I, 45. 

Fürs zweite verwirkt der eigensüchtige Besitz von 
Reichthum das ewige Leben darum, weil er, wie dort den 
Glauben, so auch die Liebe — die Nächsten- und in ihr 
die Gottes-Liebe — verleugnet. 

„Dem, der dich bittet, giebl'^ (Matth. 5, 42) — so 
ertönt dir deines Herrn Wort zu unerschöpflicher, dadurch 
aber den irdischen Reichthum nothwendig immer mehr er- 
schöpfender Erfüllung. 

Und der Jünger, der Ihm an der Brust gelegen hatte, 
spricht: „Wer da hat Vermögen der Welt, und siehet seinen 
Bruder darben und scfdiesst sein Herz ab von ihm, wie bleibet 
die Liebe Gottes in ihm?^' 1 Joh. 3, 17. 

So lange es also noch „Bittende", noch „darbende Brü- 
der" giebt, ist der Besitz von Reichthum bei einem christ- 
lichen „Bruder" schlechthin unmöglich. — 

Zum dritten hat der Reichthum die fürchterliche Kraft, 
das doch allein seligmachende Wort Gottes zu ersticken. 

So heisst es ja wörtlich im Gleichniss von viererlei 
Acker : „Der aber unter die Domen gesäet ist, der ist es, wel- 
cher das Wort höret, und die Sorge dieser Welt und der Be- 
trug des Reichthums erstickt das Wort, und wird 
unfruchtbar.'' Matth. 13, 22. (Marc. 4, 18 f. Luc. 8, 14,) 



374 I>M Wort Gottes über die Seieben. 

Darum kann ja auch nur den formen das Evangdtum ge- 
prediget werdefnf^ (Mattb. 11,5. Luc. 7, 22 nach Jes. 61, 1), d.h. die 
f r o h e Botschaft, wogegen der Eeiche schon von allem die Hülle 
und Fülle hat (s. nachh. Luc. 6, 24 f.) ; wo aber diese, wo Sättigung 
und Sattheit ist, da giebt es keine Sehnsucht und Empfäng- 
lichkeit, also auch keine „frohe Botschaft^' mehr, welche viel- 
mehr darbende Seelen und schmachtende Herzen voraussetzt. 
Daher yyselig die Armen am Oeiaty denn ihrer ist das Him- 
melreich ; edig die Leidtragenden^ denn s ie aollen getröstet uoerden 
den ; — sdig die Hungernden und Dürstenden nach der Oerechtig- 
keäj denn sie sollen gesättiget iperden!^' MsA,iix. 5,3.4. 6, L\ic.6,20i. 

Endlich aber macht der Reichthum der Freuden des 
ewigen Lebens auch noch darum verlustig, weil er vier- 
tens eine strafbare Vorwegnahme der uns von der 
göttlichen Gnade und Liebe zugedachten Herrlichkeit ist 

Denn also lautet der ausdrückliche Grund jenes Wehe 
über die Reichen: „Wehe euchy den Reichen, denn ihr habt 
euren Trost hinweg! Wehe euch, die ihr voll seyd^ denn ihr 
werdet hungern l Wehe euch, die ihr lachet jetzt, denn ihr 
toerdet trauern und toeinenl^' Luc. 6, 24 f. 

Und zu dem reichen Manne in der Flammenpein sprach 
Abraham, in- dessen Schoosse der arme Lazarus ausruhte: 
y,Kind! gedenke, dass du hinweghast dein Outes in deinem 
Leben, und Lazarus desgleichen das Böse! nun aber wird er 
hier getröstet, du ober wirst gepeiniget !^^ Luc. 16, 24. 

So viel Gottesworte ttber den Belehthuni ergehen, 
so Tiel Blitz- und Donnerschläge über Ihn. — 

Ist denn aber nicht auch Reichthum eine Gabe Got- 
tes? Stand nicht geschrieben, dass Gott dem Salomo, weil 
er nicht um Reichthum, sondern um Weisheit und Erkenntniss 
bat, ausser diesem Erbetenen als eine Gnadenzugabe auch noch 
„Reichthum und Schätze und Herrlichkeit" schenken wollte, 
wie es den Königen weder vor ihm geworden, noch nach ihm 
werden würde? (S. 367 2 Chr. 1, 11 f. 1 Kön. 3, 11 ff.) 
Gewiss. Allein schon hierbei ist es von Bedeutung, dass der 
König Salomo um jenen inneren Schatz nicht zunächst 
für sich selbst, sondern zur Regierung seines Volkes bat 
(2 Chron. 1, 10 f. 1 Kön. 3, 9. 11), und in diesem Sinne 
müssen wir daher auch die äussere Zugabe des Reichthums 



Das Wort Gottes über die Reichen. 375 

Air den König verstehen; also um auch damit zum Wohle 
des Volkes zu wirken, zumal da bei jeder der beiderseiti- 
gen Gaben 1 Kön.3, 12 f. gleichniässig wiederholt ist : „Stehe, ich 
habe gethan nach deinem Worte : siehe, ich habe gegeben dir ein 
weises und verständiges Herz ^ dass deinesgleichen nicht 
gewesen ist vor dir, und nach dir nicht aufkommen wird 
deinesgleichen; und auch was du nicht gebeten, habe ich ge- 
geben dir, auch Reichthum, auch Herrlichkeit , dass nicht 
%st deinesgleichen einer unter den Königen dein Lebelang/^ 
Sicherlich ist daher auch Reichthum unter Umstän- 
den eine Qnadengabe von Gott.* Reichthum ist ja auch 
sonst ausdrücklich verheissen als eine Frucht 

1) der „Weisheit, deren Anfang ist die Furcht Je- 
hovahs" (Spr. 9, 10**). Denn also heisst es von dieser 
Weisheit: „Langes Leben ist zu ihrer rechteti Hand, zu 
ihrer Linken ist Reichthum und Herrlichlceit ,^* Spr. 3, 16. 
(8, 18.) — „Eine Krone von Weisen ist ihr Reichthumi*^ Spr. 
14,24. — Und, mit dieser Weisheit unzertrennlich verbunden, 

2) der Frömmigkeit: „FiMe und Reichthum ist in 
des Oottesfürchtigen Hause^^ Ps. 112, (1.) 3. — „Ausgang von 
Demüthigung ist Furcht Jehovahs, Reichthum und Herrlich- 
keit undLeben,^^ Spr. 22, 4. — Ausserdem ist Reichthum auch 
noch verheissen 

3) dem Wissen: „durch Wissen werden Kammern voU 
allerlei Reichthum, köstlich und lieblich,^* Spr. 24, 4; — 

* Schön bemerkt Cabub a. 0. S. 64 f. : „Indem der Christ in der 
Gemeinschaft am Herrn und den Gaben des heil. Geistes sein wahres 
bleibendes Eigenthum erkennt, ist dagegen das irdische Gut ihm das 
Fremde, das seinem eigentlichen Wesen nicht Zugehörige [vergl. unt. 
S. 383 Luc. 16, 12 xb dkkorfftov und to vfiijsQovy „das Fremde^* und 
„das £urige'*]. Wir sollen es haben als hätten wir nicht, besitzen als 
besässen wir nicht. Jedoch als Ausfluss der göttlichen Gnade, als 
Mittel, wodurch diese uns das irdische Leben fristet und schmückt, und 
darum als Pfand und Symbol des himmlischen Erbes der verklärten 
Welt und Leiblichkeit, die dereinst uns umgeben soll, erweckt uns 
das zeitliche Gut zu beständigem Dank-opfern, das sich in der Haus- 
haltertreue bethätigt'^ 

** Vergl. Sir. 1, 16 f.; 20 f.: „Fülle von Weisheit ist Furcht 
des Herrn und macht dieselben trunken von ihren Früchten. Ihr 
ganzes Haus wird sie anfüllen mit Begehretem und alle Gemächer mit 
ihren Erzeugnissen", u. s. w. (Weish. 7, 11. 8, 5. 18). 



376 ^A8 Wort Gottes über die Reichen. 

4) dem Fleisse, Spr. 10,4.12,27 (vgl.Weish. 8, 18), und — 

5) der Sparsamkeit, Spr. 13, 11; — über Alles aber 
folgt Reichthum 

6) Gottes Alles befruchtendem Segen: „der 8egen Je- 
havahs — er machet reich,'' Spr. 10, 22 (vgl. Pred. 5, 18. 6, 2; 
Sir. 11, 14—23). 

Wohl. Aber nicht jeglicher Reichthum, auch selbst nicht 
der durch Gottes Segen verliehene, gereicht immer zum 
Segen. Wie hätte sonst vorhin dessen Nichtigkeit, Betrag 
und Qual so nackt hingestellt, wie vor dem Trachten danach 
so nachdrücklich gewarnt, wie überhaupt so SchreckUches 
über den Reichthum ausgesagt werden können? 

Welches ist denn nun das grosse Geheimniss, das 
auch den rechtlich erworbenen, auch den von Gott verliehe- 
nen Reichthum umgiebt? 

Als eine prangende Blüthe des Lebens erscheint der 
Reichthum, doch ist zugleich ein tödtliches Gift darin ver- 
borgen. Wie können wir nach Bienenart seines Honigs ge- 
messen und seinem Gifte entfliehen? Wie ist es zu vermei- 
den^ dass man durch grosses zeitliches Gut um das selige 
ewige Gut komme? ~ 

Jenes Geheimniss enthüllt uns zum Theil schon der 
reiche königliche Sänger des Alten Bundes in dem kurzen 
Worte: „Wenn Vermögen wächst, so achtei^s nicht 1 (oder mit 
Luther: „so hänget das Herz nicht daran!'') Psalm 62, 11., 
und im Neuen Bunde der hohe Apostel, wie er selbst „tousste 
beides satt zu werden und zu hungern, Ueberfluss zu hohen und 
Mangel zu leiden" (Philipp. 4, 12), in gleichem Begehren an die 
Christenheit: „dass die da häufen seyen als nicht Behaltende, 
und die da nutzen die Welt als nicht Benutzendcj denn es ver- 
geht die Gestalt dieser Welt," 1 Cor. 7, 30 f. Also nicht die 
zeitlichen Schätze dürfen unser Schatz seyn, denn eben „wo 
ist dein Schatz, da wird seyn auch dein Herz" (Matth. 6, 21). 
Hältst du das Herz frei vom Reichthum, dann ist fiir dich 
seine Gefahr vorüber.* Wie aber geschieht das? — 

Insonderheit werden auch die von der Schrift Neuen 
Testamentes (S. 372 ff.) uns in vierfacher Gestalt gewiese- 



* Viel hiermit Stirn mendes bei Clemens Alex, in d. angef. Schrift. 



Das Wort Gottes ttber die Reichen. $77 

neu finstern Gefahren deB Reichthums (heimlicher Götzen- 
dienst^ Verleugnung der Liebe > Erstickung des Wortes ; und 
Vorwegnahme der ewigen Herrlichkeit) — vor den Sonnen- 
strahlen der unsern Lebensweg erhellenden göttlichen Leuchte 
weichen müssen. 

Am umfassendsten ist dieses himmlische Licht uns auf- 
gegangen in dem ureigenen Gleichniss unseres Herrn Jesu 
von dem — mit Unrecht (S. 383) gemeiniglich „ungerecht" 
genannten — Haushalter, welches im Evang. Luc. Cap. 16 
in wortgetreuer Uebersetzung also lautet: V. 1. „^ sagte 
aber auch zu seinen Jüngern : Ein Mensch tvar reich, der hatte 
einen HatishaUer, und dieser ward berüchtigt ihm, als ver^ 
schleudernd seine Güter, 2. Und er rief ihn und sprach eu 
ihm: Wie hdre ich das von dirt Lege ab die Bechmmg von 
deinem Haushalte, denn nicht wirst du können hinfort noch 
Haushalter seynl 3. Es sprach aber bei sich selbst der 
Haushalter: Was soll ich thun, da mein Herr abnimmt den 
Haushalt von mir? Graben kann ich nicht; eu betteln schäme 
ich mich! 4. Ich weiss was ich thun wiU, damit, wenn ich ent- 
setzt toorden von dem HavLshaUe, sie aufnehmen mich in ihre 
Häuser. 5. Und er rief zu sich Jeden einzelnen der Schuldner 
seines Herrn, und sagte zu dem Ersten : Wie viel schuldest du 
meinem Herrn f 6. Der aber sprach: Hundert Tonnen Od! 

Und er sprach zu ihm: Nimm hin deinen Brief und setze 
dich und schnell schreibe Fünf zig ! 7. Damach $su einem Än- 
dern sprach er: Du aber, wie viel schuldest duf Der aber 
sprach: Hundert Malter Weizen! Und er sagt zu ihm: Nimm 
hin deinen Brief und schreibe Achtzig! 8. Und es lobte der 
Herr den Haushalter der Ungerechtigkeit, dass er klug ge- 
ihan; denn die Kinder dieser Welt (oder Zeä*) sind klüger als 
die Kinder des Lichts gegen ihr eignes Geschlecht. 9. Auch 
Ich sage euch: Machet euch Freunde** von dem Mamon der 

Ungerechtigkeit, damit, wenn es aufhört,*** sie aufnehmen 
euch in die ewigen Hütten!'^ 



* *0 atmv 0VT06, wonach die „ewigen Hütten" (atdvtot oHtjvai) 
y. 9 ein neues Gegenlicht erhalten würden. 

** Nach der anderen Lesart (Tisoh.) iavroTg noniaara yiXovg noch 
nachdrücklicher: „Euch Belbst machet Freunde ! " 

*«* 'EHkeintj (Tisch.) oder inUnfi (Laobm.). Nach der LA. des T. See* 



378 I>M Wort Gottes über die Reichen. 

Zur Erläuterung dieser Gleichnissrede ist im Einzelnen 
hier nichts weiter zu bemerken^ weil die bildliche Erzählung 
den uns vorliegenden besonderen Gegenstand nur in der von 
ihr selbst klar herausgestellten Anwendung berührt , in 
dieser aber nicht alle einzelne Züge des Gleichnisses aus- 
gedeutet werden, sondern nur der im 9. Verse ausgespro- 
chene Grundgedanke. Dennoch entsprechen sich im 
irdischen Gleichniss und in dessen Anwendung näher na- 
mentlich auch noch folgende Puncte. 

Dass zunächst dem reichen Besitzer, welcher seine Gü- 
ter einem Haushalter zu verwalten überliess, in der Anwen- 
dung der himmlische Herr der Welt, ,ydem das 
Säber und dem das Gold ist^^ (Hagg. 2, 9), entspricht, das 
geht unzweifelhaft schon daraus hervor, dass V. 8 der Er- 
stere redend eingeführt ward, und V. 9 ausdrücklich folgt: 
„auch Ich sage euch'^; so dass sich diese beiden reichen 
„Herren^' und zwar auch im gleichen Inhalt ihrer Rede wie 
Bild und Abbild gegenüberstehen. 

Fürs zweite entsprechen die, welche sich nach dem Wil- 
len unseres Herrn „Freunde machen sollen von dem Mamon 
der Ungerechtigkeit*', oflFenbar dem plötzlich von seiner Ver- 
waltung abzuberufenden Haushalter, welcher das Gleiche ge- 
than hatte: demzufolge die Besitzenden dieser Zeit und 
Welt nicht die Herren ihres Reichthums, sondern eben- 
falls nur Haushalter darüber sind, welche ebenso plötz- 
lich davon abberufen werden können. 

Hinter diesen zunächst handelnden Personen stehen et- 
was weiter aber auch noch andere zurück, nämlich die, bei 
welchen die beiderseitigen Güterverwalter nach ihrer Entlas- 
sung „Aufnahme" zu finden wünschen („damit sie aufneh- 
men" V. 4 wie V. 9). Nach der Schilderung des Gleich- 
nisses sind diese Letzteren in der Erzählung offenbar 
Arme, denn sie haben grosse Schulden an Oel und Wei- 
zen (gleichsam an Butter und Brodt, vergl. IKön. 17, 12 u.a.), 
wenn auch immer noch „Haus er" („Hütten" V. 9) zur Aufnahme 



ixXinrjre: „wenn es mit euch aus ist." Vergl. S. 387" Luc. 12, 33 {d'tjoav- 
Qov) ardxletnTor, einen unversiegbaren Schatz) u. 22, 32 ipa ftfj ixl[e]inri 
17 niang oov, „dass nicht aufhöre dein Glaube". 



Das Wort Gottea über die Beleben. 379 

eines Freundes. Demzufolge werden nun gewiss auch die mit 
dem Mamon zu gewinnenden ,;Freunde'' in der An wen - 
d.ung zwar Arme seyn/ die jedoch zugleich in ;,ewigen 
Hütten^' daheim sind und ebenfalls noch Andere darin auf- 
nehmen können.'*' Ohne Zweifel sind das die Seligen; 
wie in der h. Schrift meist ;;Arm", gegenüber dem „Reichen", 
als demüthig in Gottesfurcht erscheint (s. oben S. 370), ja 
wie der Herr, welcher aus Gnaden yform ward, auf daaa Ihr 
durch Seine Armuth reich ivürdet^^ (2 Cor. 8, 9), noch immer- 
fort grade in den Darbenden und Leidenden sich uns dar- 
stellt (Matth. 25, 35 fr. 40. 42 ff. 45 f.), diese zeitliche Ar- 
muth aber dermaleinst auch um so mehr soll erquickt werden 
(Luc. 16, 25; vergl. Psalm 18, 28. Jes. 66, 2). „Hat nicht GoU 
erwählt die Armen der Welt zu Reichen im Glauben und zu Erben 
des Reichs^ vyelchea er verheissen hat denen, die ihn lieb haben f " 
Jac.2,9; was nur ganz im Einklänge mit der Verheissung des 
Herrn selbst: „Er hob auf seine Augen zu sei'nen Jüngern und 
sprach: Selig ihr Armen, denn Euer ist das Reich OottesI 
Selig die ihr hungert Jetzt, denn ihr werdet gesättiget werden l 
Selig die ihr weinet fetzt, denn ihr werdet lachen /" Luc. 6, 20 f. 

Kann es aber befremden, dass diese Einwohner „der 
ewigen Hütten" auch die Befugniss haben werden, ihre 
Freunde in dieselben aufzunehmen? Schon nachdem 
der Herr jenen gewichtigen Ausspruch gethan, „e« sey leichter, 
dass ein Kameel durch ein Nadelöhr eingehe, denn dass ein 
Reicher eingehe in das Himmelreich^^, heisst es weiterhin: 
„Da antwortete Petrus und sprach zu Ihm: Siehe, Wir haben 
verlassen Alles und sind gefolget Dvrl Was nun wird Uns 
werdenl — Jesus aber sprach zu ihnen: Wahrlich^ ich sage 
euch, dass Ihr, die ihr gefolgt Mir seyd, in der Wieder-, 
geburt, wenn sich gesetzt des Menschen Sohn auf dem Thron 
seiner Herrlichkeit, setzen auch Ihr euch, werdet auf zwölf 
Throne, richtend die zwölf Stämme Israels!^^ Matth. 
19, 24. 27 f. 

Und abermals, bei dem Wettstreit der Jünger, wer der 
Grössere unter ihnen sey, sprach der Herr, dass, anders als 



* Nacb einer LA. beisst es sogar: „m ihre ewigen Hütten"; 
i»6 ras aiofyiovi CMtjväs avtiSv, Docb Btammt dieselbe wohl eben aus V. 



380 ^^^ Wort Gottes über die Reichen. 

nach der Welt Weise^ und nach Seinem Beispiel^ der je Ge- 
ringere unter ihnen der Grössere sey: „ihnen aber, die be- 
harrlich verblieben bei Ihm in seinen Anfechtungen y vermache 
auch Er, vne Ihm sein Vater vermacht habe das Reiche dass 
sie essen und trinken sollen an Seinem Tische in Seinem Reiche^ 
und sie werden sitzen auf Throneny richtend die zwölf 
Stämme Israels}^ Luc. 22, 24 ff. 28—30. 

Dasselbe verkündet allgemeiner von allen Jüngern und 
von ihrem Gericht über die ganze Welt Sein Apostel: 
„ Wenn wir mit starben ^ werden wir auch mit leben j^ 2 Tim. 2, 
11 vergl. Rom. 5, 17; und: ^^Wisset ihr nicht, dass die Hei- 
ligen die Welt richten werden? — Wisset ihr nicht, dass 
Engel wir richten loerdenf^^ 1 Cor. 6, 2 f.* Dann wie- 
derum, bei dem heiligen Seher, der Herr Selbst: y^Wer über- 
windet und hält bis zu Ende meine Werke, geben werde ich 
ihm Macht über die Völker — wie auch Ich empfangen 
habe von meinem Vater !^^ Offenb. 2,26f. — „Wer überwindet, 
geben werde ich ihm zu sitzen mit Mir auf Meinem Throne, 
wie auch Ich überumnden habe und bin gesessen mit Meinem Va- 
ter auf Seinem Throne!'^ 3, 21. — Ferner vonihm : „Du hast ge- 
macht sie unserm Ootte zu Königen und Priestern, und sie herr- 
schen auf der Erdel*^ 5, 10 (vergl. 1, 6). — Und weiter eben- 
daselbst: „Und ich sah Throne, und sie setzten sich darauf, 
und Gericht ward gegeben ihnen, und die Seelen derer, 



* Das Gesammtzeugniss der hier aufgeführten gleichlautenden 
Offenbarungsstellen, wie die Ausdrucks weise selbst und auch der Zu- 
sammenhang der einzelnen in sich selbst, machen es unmöglich, den 
Sinn von 1 Cor. 6, 2 mit Matth. 12, 41. 42 (von den im Gericht auf- 
tretenden Ninivitcn u. s. w.) zusammenzustellen und demnach dahin abzu- 
' schwächen, „dass die Heiligen im Gericht nu^ gleichsam als Zeu- 
gen und Ankläger wider die Welt dastehen, indem sie durch ihr 
Leben im Glauben den factischen Beweis liefern, dass es mög- 
lich ist, zu glauben und mit Christo zu leben. Es sey in ihre Acti- 
vität verlegt, was sich Gott allein vorbehält, was aber noth wendig 
eintreten muss, wenn man ihr richtiges Verhalten mit dem falschen 
Verhalten Anderer vergleicht." J. G. A. Rinsch, „zur Lehreinheit des 
N. T." in der Ztschr. f. d. g. luth. Theol. 1864 II, 259. 

** Vergl. auch schon W eis h. Sah 3, 8 (von den im Leiden ver- 
klärten Gerechten) : „sie werden richten Nationen und herrschen über 
Völker, und König wird über sie seyn der Herr in die Ewigkeiten." 



Das Wort Gottes ttber die Heichen. 881 

die enthauptet toorden um des Zeugniaaea Jesu und um des 
Wortes Oottea willen, und die nur immer nicht angebetet das 
Thier noch sein Bild, und nicht genommen das Maalzeiohen auf 
ihre Stirn und auf ihre Hand: und sie lebten und herrsch" 
ten mit G hris to Tausend Jahr/^ 20,4 (u.6). — „Und Nacht 
wird nicht mehr seyn dort und nicht werden sie bedürfen Lieh- 
tes einer Leuchte und Sonnenlichtes : denn Gott der Herr wird 
leuchten über sie, und sie werden herrschen in alle 
Ewigkeiten/^ 22, 5 (vergl. 17, 14. Dan. 7, 27: „Herrschaft 
und Gewalt und Macht des Reichs unter dem ganzen Him- 
mel wird gegeben dem Volke der Heäigen des Höchsten^^). — 
Welch eine Weihe, Würde und Majestät umgiebt demnach 
die Armen und Dulder, die es wahrhaft in Ihm sind, 
welcher Sich Selbst für sie mit dem Worte gleichsam verbürgt 
hat : „Der leihet Jehovah, wer sich erbarmet des Ärmen^^ (Spr. 
19, 17), welcher darum es nur als „gerecht" ansieht, „nicht 
zu vergessen der auf Seinen Namen den Heiligen erzeigten 
That und Liebe" (Hebr. 6, 10), ja das an Speise und 
T(rank, Herberge und Kleidung, Besuch und Pflege 
ihnen, als „Seinen geringsten Brüdern", Ge- 
schenkte oder ihnen Versagte als Sich geschenkt oder 
Sich versagt ansehen will (Matth. 25, 31 — 46), welcher da- 
her auch unter denen, die ihre Freundein die ewigen Hütten 
aufnehmen können, vor Allen Selbst mit zu verstehen 
ist; wie sich denn unter der Gestalt von Hülfsbedürftigen 
auch wirklich Engel befunden haben (Hebr. 13, 2), mit 
denen der Herr eben zum Gericht wiederkehren wird (Matth. 
6, 27. 25, 31). 

Und ebenso sind denn nun auch und ganz insonderheit 
dieArmenGottes, derenGebet und Segen schon hienie- 
den kräftig und köstlich ist, dermaleinst ßichter und 
Herrscher! Sie, die Quartiermacher im Jenseit, 
können aufnehmen in die ewigen Hütten, oder da- 
von ausschliessenl — * 



* Daher auch Clbmsmb a. 0. p. 82 avanavaal riva tc5v ixovrmv 
atcaviov otcijvi^p nagn t^ nargi — , „zu erquicken einen von denen, 
die da haben eine ewige Hütte bei dem Vater^' ; vgl. p, 81 Matth. 10,40 f.: 
„TTer aufnimmt Euch^ nimmt Mich auf^ und wer Mich aufnimmt, nimmt 



382 I^&s Wort €k>tte8 über die Reichen. 

Und dass eben von ihnen, den gottseligen Armen, es 
gilt, dass man sie sich zu Freunden machen solle, dieses 
sagt auch noch ein ganz besonderer Ausdruck in unserem 
Gleichnisse, nämlich (Luc. 16, 8) dass ^jdie Kinder dieser Welt 
(Zeit) kliiger sind als die Kinder des Lichts gegen ihr eig- 
nes Oeschlecht^^.* 

Demzufolge sollen „die Kinder des Lichts" — d. h. die 
wesentlichen Angehörigen des ewigen Lichtreichs, 
in welchem Jesus Christus die Lebenssonne ist, (vgl. 
Joh. 1, 9. 12, 35. 36. 46 u. a.; 1 Thess. 5, 5. Matth. 5, 14 ff. 
Eph. 5, 8 f.) — „gegen ihr eignes Geschlecht" — d. h. gegen 
ihre 3rüder und Schwestern „im Licht" oder in 
Christo — ebenso handeln, wie dort der Haushalter, „das 
Kind dieser Welt", gegen „die Kinder dieser Weltf^ han- 
delte, um, nach seiner Enthebung vom Haushalteramte, bei 
ihnen ein bleibendes Unterkommen zu finden. — — 

Das Mittel hierzu, das eben auch zu Gewinnung des 
ewigen Gutes dienliche irdische Gut, hat in unserem 
Gleichnisse eine ganz eigenthümliche, jedoch höchst bezeich- 
nende Benennung, welche uns nur ganz in die vorhin ge- 



Den aufy der Mich gesandt hat; wer aufnimmt einen Propheten auf den 
Namen eines Propheten^ loird Lohn eines Propheten empfangen^ und wer 
aufnimmt einen Gerechten auf den Namen eines Gerechten, wird Lohn eines 
Gerechten empfangen, und foer nur immer tränkte einen dieser Geringsten mit 
einem einzigen Becher frischen Wassers auf den Namen eines Jüngers^ wahr- 
lich ich sage euchj er wird nimmer verlustig gehen seines Lohnest* „Daher 
Bolle man nach Bedürftigen Yon solch ewiger Bedeutung rastlos die Welt 
durchsuchen (p. 85) und so sich anwerben ein waffenloses, unkriegerisches, 
unblutiges, zornloses, unbeflecktes Heer von gottseligen Greisen, gott- 
liebenden Waisen, mit Sanftmath bewaffneten Wittwen, mit Liebe 
gezierten Männern u. s. w. (p. 89 f., mit patrist. Parall. p. 299 ff.); bei 
der Auswahl hierzu aber auch nicht selbst beurtheilen wollen, wer 
da würdig und unwürdig sey, denn im Zweifelsfalle sey es besser, 
auch den Unwürdigen wohlzuthun um der Würdigen willen als, 
sich hütend vor minder Guten, auch die Wackeren zu verfehlen 
(p. 86 vgl. d. Parall. 287 f.)." — Das gilt denn aber eben nur von 
Zweifelsfallen. Wo hingegen der Empfanger voraussichtlich die 
Gabe vergeuden würde, da würde sie der Geber ja selbst vergeu- 
den, also ebenfalls kein treuer und kluger „Haushalter" seyn über 
die ihm zur Verwaltung anvertrauten Güter Gottes. 

♦ Eig Tjjv yeveäv i^v iauimv, Vergl. f. S. auch „das Eurige" %o 
^fiixtqov) y. 12. 



Das Wort Gottes Über die Beichea 888 

fundene biblischo Anschauung von dem irdischen Reichthume; 
als sonst etwas Unrechtem, zurückversetzt. Derselbe heisst 
hier nämlich „Mamon der Ungerechtigkeit^* (V. 9), wie 
vorher sein Verwalter „Hauahalter der Ungerechtigkeit'* 
(V. 8), und nachher V. 11 „der ungerechte Mamon**.* — 
Und ebenso bedeutsam schliesst auch der ganze Vortrag mit 
der Lehre: y^Kein Hauakvieckt kann Zweien Herren (die nicht 
innerlich Eins sind) dienen,^^ — Liebe zu dem Einen ist Hass 
des Andern; Anhänglichkeit an diesen ist Verachtung jenes : 
fflhr könnet nicht Gott dienen und dem Mamon I " (V. 13.) — Ma- 
naon** — zu deutsch Vertrauen, Verlass, Zuversicht 
— ist nämlich ein falscher Gott, gleichsam die Majestät des 
sichtbaren Geldes und Gutes, da doch der unsichtbare wahre 
Gott unsere rechte und alleinige Zuversicht seyn soll(Ps. 71,6. 
Jer. 17, 7 vgl. S. 373 f.). Es kann ja auch fürwahr kein deutliche* 
res Zeichen geben, dass man auf den lebendigen Gott, den 
man „nicht gesehen^' (1 Job. 4, 20), nicht gründlich, d. h. eigent- 
lich gar nicht traut und vielmehr auf den sieht- und greif- 
baren Mamon vertraut , als das Ankerwerfen in den finstern 
Tiefen der Welt statt in den lichten Höhen der Ewigkeit, 
welches ist eine schnöde und Gottes Eifer erweckende Hint- 
ansetzung des heiligen Schöpfers gegen seine todte Creatur. 
Darum heisst jener Mamon „der ungerechte*', weil nach der 
eben dargelegten Gesammtanschauung der h. Schrift im Reich- 
thum an sich etwas Ungerechtes und Böses liegt (s. ob. 

♦ Daneben heisst derselbe auch ein „Geringstes" im Gegen- 
satz des „Grossen" („Vielen") oder Wichtigen (V. 10), und „das(den 
Kindern des Lichtes) Fremde" oder Fremdartige im Gegensatz 
„des ihnen Eigenen" oder ihrem Wesen Verwandten (V. 12 s. v. S.), — 
für sie also kein Gut — wie eben V, 11 „der ungerechte M." im 
Gegensatz „des Wahren" oder des Rechten (s-ob. S.375 u. Bibelst 
1,46). Jenes auffällige und allerdings auch scharf zu betonende „Fremd- 
artige" (ro dklot^Aov) des Eeichthums und Besitzes für den Chri- 
sten berührt sich übrigens doch auch sogar mit dem Gebahren 
ächter Katurkinder. „Es war nicht", bemerkt psychologisch Otto 
LoDwio (Heiterethei S. 362), „als wenn sie diese Dinge, sondern als 
wenn diese Dinge sie besitzen sollten. Eine solche Beschränkung 
der personlichen Freiheit liegt in jedem Besitze, und es ist begreif- 
lich, dass Naturvölker das bleibende Eigenthum als eine Last an- 
sehen." 

** K2-)»[fi(]72 von 1»(t, s. Bibel Studien I, 45. 



384 I>M Wort Gottes fiber die Beichen. 

S.370); ein Qift^ welches ihm bloss durch seine unbedingte 
Unterordnung unter den wahren Gott und Seinen 
heiligen Willen entnommen werden kann und soll. 

Der Wille Gottes hinsichtlich irdischer Reichthü- 
mer aber ist nach der alles bündig zusammenfassenden Lehre 
unseres Gleichnisses dieser: 

Der Besitzer irdischer Güter ist 

zuvörderst nur ein Verwalter des ihm von Gott 
anvertrauten Gutes, und dieses ist er 

demnächst zu dem Behuf (was auch der einzige 
mögliche und wesentliche persönliche Vortheil des Reichen 
von dem Reichthüm, d. h. von seiner Verwaltung desselben 
ist); damit er den zeitlichen Besitz austausche ge- 
gen ewigesGut, oderdasser sich in Zeiten* Freunde 
unter den Armen Gottes mache, um sich dadurch bei 
ihnen eine ewige Stätte in dem Himmel zu sichern. 

Dieses Alles aber ist wieder nur im Einklänge mit 
jenen früheren Worten des Alten Bundes über den Reich- 
thum, wenn sich auch zugleich hier wieder die höhere und 
umfassendere, tiefere und innigere Anschauung offenbart, 
welche das Neue Testament in dem Maasse über das Alte 
erhebt, als die „Erfüllung^' über dem Gesetz und der Weis- 
sagung ist (Matth. 5, 17 ff.). Hier wie dort aber dieselbe 
Erde, überschaut von Himmelshöhen. 

Dass nämlich Reichthum, wodurch man die menschlichen 
Brüder an Mitteln und Macht überragt, kein eigentliches, 
sondern ein sehr uneigentliches und nur vorübergehendes 
Eigenthum seyn sollte, zeigt im Gesetz des Alten Bundes 
— nächst den verschiedenen zarten Liebes verordungen zu 
Gunsten der Armen (zumal auch der Fremdlinge, Waisen 
und Wittwen)** — ganz insonderheit die göttliche Einrieb- 



et Auch eingedenk, dass „der Freund es nicht durch Eine 
Gabe ist, sondern durch langen Verkehr*' (6 fiXog oine in uiäe 
dooeeag, dXkä awovaiag ßiax^äs — ) Clbm. a. O. p. 85 f. 

** Als 3 Mos. 25, 35 ff. : „Wenn verarmt dein Bruder und wankt seine 
Hand neben dir : so sollst du ihn unterstützen, als Gast und Beisassen, dass 
er lebe neben dir. Nicht mögest du nehmen von ihm Zins und Aufgeld, und 
sollst dich furchten vor deinem Gott, und zum Leben deinesBruders neben 
dir/' — 5 Mos. 14» 28 f. : „Je nach 3 Jahren sollst du austhuu allen Kehnteu 



Das Wort Gk>tteB aber die jEteichen. 386 

tung des je siebenten Erlassjahres (5 Mos. 16; Iff.) für 
verpfändete Sachen (V. 2. 7—11) und Personen (V. 12ff. 18), und 
ebenso das noch allgemeinere je fünfzigste Hall- oder Jubel- 
ahr (3 Mos. 26, 10ff.)y ^^da sollt ihr ein joglicber wiederkom- 
men zu seiner Habe und ein jeglicher zu deinem Qeschlecht 
wiederkommen'^ (V. 10); also wieder zu seinem Besitz (V. 13) 
und zur Freiheit seiner Person gelangen (V. 39—43. 47 ff.). 
— So das Gesetz durch Mosen gegeben. 

Jesus Christus aber ist gekommen; ;;nicht dasselbe auf- 
zulösen; sondern zu erfüll en^'. Das Räumliche und Zeit- 
liche ist übergegangen in ein Unbegrenztes; Stetiges und 
Ewiges. Und wir sind yjDtener eines Neuen Bundes y nicht 
Bnchsiabens^ sondern Geistes y denn der Buchstabe tddtet^ der 
Oeist aber macht lebendig/^ 2 Cor. 3; 6. 

Welches ist nun der Neutestamentliche Geist 
jenes Buchstabens im Alten Bunde? Sein Sinn ist 
(wofern es sich ziemt; den Geist wieder in Worte und Buch- 
staben zu fassen) dieser: 

Erstens: Ueberfluss an Besitz — und das eben ist 
Eeichthum ~ soll niemals Gegenstand des Strebens 
seyn: ^,Safnmelt nicht Schätze euch auf Erden, too Motte und 
Rost verzehrt, und wo Diebe einbrechen und stehlen !^* Matth. 6; 19. 

Sodann aber: wo Gott ihn dennoch ;;Verleiht'^, da giebt 
er ihn eben bloss zu LeheU; da verleiht er mit demselben 
ein schweres Amt, nämlich den Auftrag; ihn weislich aus- 
zutheilen oder gleichsam weiter zu verleihen.^ 



deines Einkommens in demselbigen Jahre und lassen [oder niederlegen] 
in deinen Thoren : und es kommt der Levit, weil er nicht hat Theil und 
Erbe mit dir, und der Fremdling und die Waise und die Wittwe, die 
in deinen Thoren , und esssen und sättigen sich ; auf dass dich [|egne 
Jehoyahi dein Gott, in allem Werk deiner Hand, das du thusf — 15,7 f.: 
„Wenn ist unter dir ein Armer, von einem deiner Brüder an, in einem 
deiner Thore in deinem Lande, welches Jehovah, dein Gott, giebt 
dir: sollst du nicht verhärten dein Herz und nicht verschliessen deine 
Hand von deinem Bruder dem armen; sondern weit aufthun deine 
Hand ihm und reichlich darleihen Genüge seines Mangels, was man- 
gelt ihm.»* - (28, 26 [24] f.) 24, 6. 10-15. 17—22. 27, 19 u. v. a. 

* Also nicht etwa nur seiner sich kurz zu entledigen , ihn „ins 
Meer zu versenken*» (Clbk. Al. a. 0. p. 70 ov Si xaranomaTtoy av 
naXtv rdv nXovrov). 

HOSLEMAMN, Neue Blbelitudien. 25 



386 Das Wort Qottee über die Reichen. 

Wohl sind infolge menschlicher Sünde; aber auch nach 
Oottes wunderbarem und heiligem RathC; yyReich und Amt 
unter eincmder [eigentL sich begegnend]: gemacht hat »ie aUe 
Jehovah,'' Spr. 22, 2 (29; 13);* doch heisst es unmittelbar 
nach der Voraussagung , dass ,,ntcht aufhören wird Arm aus 
der Mute des Landea^^^ — zugleich: j^Darum gebiete Ich 
dir also: toeä aufthun soUst du deine Hand deinen Brüdern^ 
deinen gedrückten und deinen armen in deinem Lande! ^^** 
5 Mos. iö, 11. 

Wenn sich nun die zu gnügeader und fröhlicher Er- 
haltung aller menschlichen Creatur auf Erden überhaupt 
vollkommen ausreichenden Güter der Erde nur ungleich ver- 
theileu; wenn sie dort versiegen; um sich hier anzustauen: 
gewiss soll damit nicht etwa jenseit Dürre und todte Wüstenei; 
diesseit aber ein verschlingender Sumpf und See entstehen; son- 
dern von hier aus soll eine stetig rinnende und ausgleichende; 
Leib und Seele tränkende Segensquelle hinüberrieseln. (S. 
unt. 2 Cor. 8, 13 S. 392 f.) 

Dadurch bewahrheitet sich erst auch die andere Hälfte 
jenes ;;Schätze auf Erden zu sammeln'^ untersagen- 
den Spruches Jesu Christi: „Sammelt aber euch Schätze 
im Himmel, wo weder Motte noch Rost verzehrt und wo Diebe 
nicht einbrechen noch stehlen 1 Denn too dein Schatz ist, da 
wird seyn auch dein Herz!*^ Matth. 6, 20 f. 

Das aber ist wieder nur übereinstimmend mit dem Sinne 



* Dem Anblick der Armuth verdanken ja die Reichen, ausser 
anderem, dass sie auch für ihre Person aus einer erträumten, falschen 
und darum Leib und Seele zerrüttenden Lebenssphäre inuner und 
immer wieder heruntergefübrt werden auf den Boden der gottgewollten 
Wirklichkeit. Und auch darum sind sie ihren lehrreichen armen Brü- 
dern verpflichtet I — . Nur ebendasselbe gilt auch von geistlicher Ar- 
muth und Geistesreichthum. (Luc. 6, 20. Matth. ö, 3.) 

** Dieser Zusatz „in deinem Lande", wie vorher „deinen Brü- 
dern," und oben Spr. 22, 2 „gemacht hat sie alle Jehovah", — ist 
nur im Einklänge mit Gal. 6, 10 „lasst uns thun das Gute gegen jeder- 
mann, am meisten aber gegen die Genossen des Glaubens," und wie- 
derum mit 1 Thess. 3, 12 „Euch aber mache der Herr reich und über- 
fliessen an der Liebe gegen einander und gegen jedermann", und mit 
2 Petr. 1, 7 „reichet dar — in der Gottseligkeit die Bruderliebe, in 
der Bruderliebe aber die (aligemeine) Liebe." 



Dm Wort Gottes Aber die Reichen. 387 

unseres Oleichnisses, dass man sich mittelst irdischen Gutes 
bei den Himmelserben gleichsam einkaufen und ansässig 
machen solle; und zugleich mit dein andern Worte des 
Herrn: yyVerkaufet eure Hohe und gebet Almosen I Machet 
euch Säckel die nicht veraüen, einen Schatz der unversiegbar 
ist im Himmelf wo ein Dieb nicht ncJit, noch eine Motte zer- 
stört 1'^ Luc. 12; 33. 

Und nur ganz dasselbe nannte Er auch dem reichen 
Jünglinge als das ihm noch fehlende Eine: ^^Wenn du willst 
vollkommen seyn, so geh hin, verkaufe deine Habe und gieb 
Armen, und du urirst haben einen Schatz im Himmd: und 
komm, folge Mirl^^ — „Als aber vernahm der Jüngling das 
Wort, ging er davon irauo'ig, denn er war im Besitz vieler 
Guter/' Matth. 19, 21 f. (Marc. 10, 21 f. Luc. 18, 22 f.)* 

Und eben hierauf erging jenes furchtbare Wort : „Leichter 
ist es^ dass ein Kamed durch ein Nadelöhr eingehe, als dass 
ein Reicher eingehe in das Himmelreich!''^ — ** 

Schön zusammengefasst ist die allein wahre und wür- 
dige Aufgabe des Reichen , nämlich mit Hülfe der zeitlichen 
Schätze sich Schätze der Ewigkeit zu erringen, in jenem 
apostolischen Ausspruche, dessen verbietenden Theil an „die 
Reichen dieser Welt" wir schon vernahmen, indem er ge- 
bietend fortfuhrt: „wohlzuthun^ reich zu werden an guten 
Werken, freigebig zu seyn^ miitheilend^*** zurücklegend ihnen 

* „0 herrlicher Handel — ruft Clemens aus (a. 0. p. 85) — , 
o göttlicher Markt! Es kauft für Geld einer Un Vergänglichkeit, und 
nachdem er gegeben das Untergehende der Welt, eine Behausung 
dafür ewig im Himmel tauscht er ein!^^ (^/? MaXfjs ifinoqias^ J d'elaq 
ayOQas* (oreTtai ;((>i;^aTai«/ r/g afd'aqoiav^ ical 8ove xa SioXXv/ieva rov 
Hvofiovj fio^'ifv TOVTOtv aiciviov iv ovQaroXi avTiXajußdvst,) 

** „Der Spruch (Matth. 6, 19 „ „ihr sollt euch nicht Schätze sammeln 
auf £rden<<*S ob. S. 385) klingt nicht sehr erbaulich für Capitalisten, und 
die Geschichte vom reichen Jünglinge lässt sich in einer Bihlia pau- 
perum leichter illustriren als in einer Bilder-Prachtbibel mit Silber- 
krampen", sagt W. H. RiEHL, „die deutsche Arbeit" (2. Abdr. 1862 
S. 195), wo übrigens dieser VI. Abschn. „die Arbeit und die Bibel" 
nicht immer biblisch correct gefasst ist, wie denn auch das ganze 
Buch neben vielem treffend Richtigen auch Schiefes enthält. 

••* Dieses „mittheilen" (hoivmvsTv) weist allemal zart und deutlich 
auf die nach Gottes Willen durchaus mitfühlende Antheilnahme 
Aller an Aller Freud and Leid als „Glieder Eines Leibes". 

25* 



388 I>M Wort Gottes über die Beiehen. ^ 

sMst einen guUen Qrund aufs Zukünftige, damit sie ergreifen 
das mrkUcke Lebenl"" 1 Tim. 6, 18 f. 

Das wirklich Seligmachende hi^ei ist nun aber frei- 
lich nicht etwa der Werkdienst an sich selbst; viehnehr die 
probehaltige thatsächliche Bethätigung des Glau- 
bens ist die Seele und Beseligung davon, der Glaube in 
seiner Unerschütterlichkeit und unbekümmerten völligen 
Hingabe an das Wort des Herrn: ,^eder unter euch, der 
nickt absagt allem was er Juxty kann nicht Mein Jünger seynl^ 
Luc. 14,33; — dieser hochherzige, freie und fröhliche Gegen- 
satz der selbstquälerischen irdischen Sorgen und Fragen 
„der Heiden^^ (Matth. 6, 31 f.) ; — das ausschliessliche „Nicht- 
sehen auf das Sichtbare^ sondern auf das Unsichtbare: denn 
das Sichtbare ist zeitlich^ das Unsichtbare aber ist ewig/' 
2 Cor. 4, 18. 

Diesen Gegensatz zwischen dem so ganz unzuverlässigen 
sichtbaren Reichthume und dem bei Gott angelegten un- 
sichtbaren Schatze schildert der Herr — nachdem er es ab- 
gelehnt, in Erbschaftssachen Schiedsrichter zu seyn^ weil 
Habsucht dem Ersuchen zu Grunde lag, und er vor dieser 
ausdrücklich gewarnt hat: „sehet zu und hütet euch vor 
aller Habsucht^ denn nickt in dem Ueberflusshaben hat einer 
sein Leben von seiner Habe^' (Luc. 12, 13 — 15), — zu veranschau- 
lichender Erläuterung dessen auch in dem Gleichnisse von 
jenem Reichen, dessen Länderei noch ausserdem so gut 
getragen hatte, dass er seine Speicher abbrechen und zur 
Aufnahme seiner gesammten Ernte und Güter grösser bauen 
und dann zu seiner Seele sagen wollte: „Sede^ du hast viele 
Oüter lagernd aufvide Jahre: ruhe aus, iss, trink, ergötze 
dichl^' — zu dem aber Gott sprach: „Narrl eben in dieser 
Nacht fordern sie ab deine Seele von dir ; was du aber bereuet 
hast, wem unrds seynV „Also wer Schätze für sich sammelt 
und nicht nach Oott hin reich ist/' Luc, 12, 16 — 21; womit 
noch im Zusammenhange das obige Wort (V. 33 S. 387): 
„Verkaufet eure Hohe und gebet Almosen l** 

So hat denn überhaupt im Worte Gottes der Reich- 
thum nur in dem einen Falle eine Yerheissung^ das» 
er sieh selbst aufgiebt; ausserdem verfolgt ihn 



Das Wort Gk>tte8 über die Reichen. 389 

dasselbe Wort Gottes nur mit Wehe and Terdam- 
mvng. — 

In welcher Maasse und Ausdehnung aber soll es ge- 
schehen , dass wir mit dem Reichthum uns Freunde unter 
den Armen Gottes machen? — Sollen wir um der Dürfti- 
gen willen uns zu Darbenden machen? — Das ist Gottes 
Wille nicht! y^Nicht damit Ändern Erleichterung, Euch aber 
Bedrängniaa, sondern aus Oleichheäl'^ 2 Cor. 8, 13 (s. unt. S. 392). 
Darum heisst es auf die Frage des Volks an Johannes den 
Täufer: „was sollen wir thun?** also: y,Wer da hat zwei 
Röcke^ theile mit dem der nicht hat, und wer da hat Spei' 
seny* soll gleicherweise thunl^* (Luc.3, llf.) Ja selbst 
in unserem Gleichnisse wird den Verschuldeten nicht Alles, 
sondern nur je und nachVerhältniss ein Theil hinge- 
geben; und auch bei der Anwendung selbst steht im 
Qrundtext ausdrücklich: „Machet euch Freunde von dem 
Mamon"** (also nicht nothwendig mit dem Ganzen). Vergl. 
auch vorhin Matth. 19, 21: „Verkaufe deine Habe und gieb 
[nicht: sie] Armen!*' und nachher Apost-Gesch. 4, 34: „so 
viel nur immer Besitzer von Gründen oder Häusern waren, 
verkauften [nicht: sie oder alles] und brachten die Erlöse 
des Verkauften" u. s.w. (s. S.398). Ja selbst noch jene Forderung 
des Herrn an den reichen Jüngling war durch die damalige 
leibliche „Nachfolge" Jesu ganz eigenthümlich bedingt, und 
insofern gleich dem andern Worte, „nachzufolgen Ihm und 
m lassen die Todten begraben ihre Todteti^^ (Matth. 8, 22).*** 

Vielmehr auch wir selbst dürfen christlich dessen gemessen, 
womit der Herr uns gesegnet hat.**** Doch Ueberfluss 
haben imd Brüder darben sehen (1 Joh. 3, 17) — das sind 



* S. b. BuLLiKGER a. 0. S. 14 f. die Bezugnahme auf das gangrens. 
Concil und Aügustin. catal. haereticor., wonach die Lehre von ab- 
soluter Verdammniss der Reichen und die Forderung absoluter 
Armuth für häretisch zu achten. Vergl. dazu bes. auch die Er- 
widerung Christi auf die Frage der erschreckten* Jünger, wer denn da 
selig werden könne (Matth. 19^ 25. 26): ,,Bei Menschen ist dieses un- 
mögUchy hei Gott aber sind aUe Dinge möglich.*^ — S. auch unten. 
** BQcofAara im Plural. 
••♦ ^Eh rov fiafiofva. 
♦♦♦♦ Vergl unt. S. 391 f. BuLUNeK». 



390 I^fts Wort Gk>tte8 über die Reichen. 

aUerdings für den Christen Bchlechthin unvereinbare Dinge. 
Im Alten Testamente waren sogar bestimmte Marken ge- 
zogen (s. ob. S. 384 f.) : und dem folgen wohl auch noch jetzt 
ernste Christen, indem sie einen festen Theil ihres Einkom- 
mens als Almosen verwenden und denselben gleich als Dienst^ 
Opfer und Zehnten Gott darbringen, eingedenk solcher 
alttestamentlicher Gesetze ^ wie 2 Mos. 23, 19 (34, 26) -, 3 Mos. 
27, 30 ff. 5 Mos. 14, 22 ff. 28 f. 26, 1 ff. 12 ff. u. a. — Im Sinne 
des Evangeliums sind jedoch solche äusserlich umschränkte 
Forderungen und Leistungen nicht; welches vielmehr geist- 
lich allgemeiner spricht^ wie z. B. schon Jes. 58, 6. 7 : y,Ist das 
nicht ein Fasten^ das ich erwähle: — Brechen dem Hungrigen 
dein Brodtt und verfolgte Oedrückte führe ins Haus; wenn du 
siehst einen nackend, so Meide ihn, und von deinem Fleisch 
entziehe dich nicht 1^^ — Oder Hebr. 13, 16: y^WoMzuthun und 
mitzuiheilen vergesset nicht, denn solche Opfer gefallen Gott uH>hl!^^ 

Das Evangelium will nicht fort und fort am Gängel- 
bande fuhren; es will selbstgeübte Sinne zu Unterschddung 
von Gut und Böse (Hebr. 5, 14), es will erziehen Alle zu 
y^nem voWcommnen Mann in das Maass der Grösse der Völlig' 
heit Christi'' (Ephes. 4, 13). 

Auch sind die Lebensgestaltungen so mannigfach, ja 
die den einzelnen Christen gegebenen Verhältnisse und Um- 
stände so eigen und einzig geartet, dass die rechte Lösung 
der in ihnen liegenden Aufgabe ein nur nach grossen allge- 
meinen Grundsätzen fortgehend zu vollbringendes freies sitt- 
liches Kunstwerk bildet, ebendarum aber auch das Evan- 
gelium, diese klare Spiegelung der Gerechtigkeit, keine solchen 
casuistisch specificirten Verpflichtungen auferlegen kann, weil 
dieselben gl eich gestaltet zur härtesten Ungleichheit 
{summum jus summa injuria) werden müssten. Vielmehr 
wägt es die zwei Scherflein der armen Wittwe und die Opfer- 
gaben vom Ueberfluss der Reichen (Marc. 12, 41 ff. Luc. 21, 1 ff.) 
mit überirdischer Wage, und wahrt uns auch so „e?«e Freiheit, 
wozu uns Christus befreiet hat'' (Gal. 5, 1). 

Um so dringender und zwingender mahnt aber das gei- 
stige Band; womit dieses himmlische Evangelium die Herzen 
umzieht; um so verantwortlicher fühlt sich das Gewissen 
des Christen. y,Alles ist euer: Ihr aber seyd Christi y Christus 



Das Wort Gottes über die Reichen. 391 

aber üt OMea*^ (1 Cor. 3; 22 f.). Die stetige und wachsende 
Gemeinschaft mit Gott durch sein heiliges Wort und durch 
das alle Gläubige in Christo einende Sacrament (1 Cor. 10; 16 f.) 
wird sie treiben und leiten, das Rechte auch hierin zu thun, 
um der Gaben des himmlischen Vaters mit den Brüdern (bei 
deren Entbehrungen unser Herz ja nimmer leicht und fröh- 
lich werden könnte) auch selbst wirklich froh zu werden. 
Darum enthalten auch wir uns dessen billig, durch Casuistik 
den Christenmenschen ^^schwero und unerträgliche Bürdeigu 
zu binden und auf die Schultern zu legen^' (Matth. 23, 4), 
oder Zartfühlende zu ängstigen. 'i' 



* Manches indees ist (nm das hochwichtige Verhältnisa doch 
wenigstens durch ein und das andere Beispiel aufzuhellen) gewiss 
als gradezu unzulässig für einen Christen zu beiseichnen. — Wir 
wollen es nicht hart tadeln ^ wenn z. B. ein Hausvater nächst der 
Erziehung auch die künftige Versorgung seiner Kinder wesentlich 
mit zu dem eigenen Wohlseyn, ja mit zu dem ,,täglichen Brodte'' 
{6 aQTOi 6 imovaiog) rechnet, das Er von dem Segen des Herrn 
gemessen zu dürfen meint; und auch hier ist das wie viel? und 
wie weit? eine Gewissenssache, wobei man sich an das Wort halten 
mag: „Wenn ihr das königliche Gebot vollbringet nach der 
Schrift: du sollst lieben deinen Nächsten als dich selbst! so tbut 
ihr wohl" ( Jac. 2, 8). — Wenn nun aber z. B. ein Rittergutsbesitzer und 
Vater vieler Kinder jedem derselben wieder ein Kittergut hinter- 
lassen zu müssen, und die christlichen Armen so lange zurückstehen 
und darben lassen zu können vermeinte, — diesem darf und soll 
man wohl sagen, dass er sich mit dem irdischen Mamon die Thür- 
hüter der ewigen Hütten nicht zu Freunden macht, und dass er 
zittern soll vor dem Augenblicke, wo sein Herr das Amt, den 
Reichthum zu verwalten, von ihm nehmen und dann Erde und Himmel 
vor ihm verschlossen seyn wird. 

lieber den elastischen Begiiff des Bedürfnisses und darum Er- 
laubten selbst bemerkt aber schon Bullinqbu: „Von dem zytlichen 
Gut'* (s. ob.) S. 59 f. : „Die Nothdurffc erfordert kumliche {passende] und 
geschickte Behausung und Herberg, auch Speis. und Nahrung so viel 
man bedarf, desgleichen ziemliche und gebührliche Kleidung , und 
dass wir ehrlich unter den Menschen und unseres Gleichen mögen 
leben. — Die Nothdurft begreift alles das, dess der Leib und das 
Leben des Menschen bedarf, auch was die Ehrsamkeit und 
eines jeden Wohlstand nach Gebühr erheischet und erfordert. Also 
— mag man auch etwas hinter sich gehalten und sparen auf das 
Zukünftige. Wer auch viel Gesindes [Familie ?] hat, der bedarf mehr 
denn der wenig hat; ein anderes gebührt auch dem, der ein Amt 



392 ^^^ Wort Gottes über die BeicheiL 

Ist doch übrigens solch christliches ^^Almosen'^ (ßlefifta- 
avvfi d. i. eig. Barmherzigkeit) aach selbst eine diesseitige 
Sparcasse und ein aufgehobener Nothpfennig für uns selbst; 
wie sich der Apostel, als er die Gemeine von Oorinth zu 
einer milden Beisteuer für „die Heiligen^' ermahnte^ zwar 
nicht im Auftrage des Herrn und nur gutachtlich, sicher 
aber im heil. Geist (S. 254) und daher für immer und 
überhaupt maassgebend also ausgesprochen hat: ^yDenntoenn 
der gtUß Wille vorlügt^ je wjLch dem er etwa hatj ist er 
angenehm [wie in den beiden Scherflein der armen Wittwe 
im Evangelium y s. ob. S. 390], nicht nach dem er nicht 
hat. Denn nicht damit Andern Erleichterung y Euch aber Be- 
drängnissy sondern aus Gleichheitl In der gegenwärti- 
gen Zeit Euer Ueberfiass in Jener Mangel hinein j damit (mch 
Jener Veberftass werde in Euem Mangd, auf dass toerde 
Gleichheit y wie geschrieben steht (2 Mos. 16, 18): Wer das 
Viele, hatte keinen Vortheü, ttnd wer das Wenige, hatte keinen 
NachtheüJ' 2 Cor. 8, 12—15. Und bald darauf das zu- 
sammenfassende, anfrischende Wort: „Wer da säet spärlich, 
spärlich wird er auch ämten, und wer da säet auf Segnun- 
gen, auf Segnungen wird er auch ämten^^ (9, 6). 

Und ist denn solch eine nur theil- und auch zugleich 
nur leihweise Entäusserung von unsern Gütern zu Gunsten 
darbender christlicher Brüder, und zwar nicht weiter als 
bis zu dem Grade, dass wir selbst mit den Unsrigen immer 
noch Nahrung und Kleidung und überhaupt je nach Stand 
und Verhältniss unser gnügendes Auskommen behalten, — 
ein so grosses Opfer? Gleichen wir so nicht vielmehr 



hat und eine gemeine [öffentliche] Person ist — Denn die Nothdurft 
des Menschen ziehen wir hie nicht so eng und genau ein, dass wir alle 
Wohllust und ziemliche Genüge als einen Muthwillen und Ueberfluss 
verdammen. Denn ich weiss, dass dem Menschen von Gott nicht 
nur der Brauch der Nothwendigkeit vergönnt und nachgelassen ist, 
d. i. der Brauch der Dinge, deren wir Menschen eben überein nicht 
ermangeln mögen, sondern auch [gejziemlicher Wohllust, die die Men- 
schen erfreut und belustiget. Darum soll ihm selbst niemand hierin ein 
Gewissen machen, wenn er etwa das zeitliche Gut auch mit Freuden 
und Lieblichkeit, doch recht und ziemlich braucht, als ob er mit 
dieser Ergötzlichkeit wider den Herrn sündige*^ (vergl. Jer. 31, 12ff.^ 
Neh. 8, 9 f. u. a,). 



Das Wort Qtoite» über die Reichen. 898 

dem Wanderer, welcher von Beiner Bürde das ablegt, was 
er nicht braucht? Ist aber das nicht vielmehr eine Erleichte- 
rung und Wohlthat, als Beschwerung und Verlust? Oder 
warum heimelt doch selbst den Bewohner hoher Paläste 
(dieser architectonischen Darstellung des Mamon) oft eine 
arme Hütte so wunderbar an? — Denn in der That, Reich- 
thum ist eine Bürde!* Die Sorge um seine Sicherung, 
um seine Vermehrung, schadet dem Menschen auch schon 
leiblich viel mehr, als er in Gefahren des Lebens ihm 
helfen kannl Und dazu nun das Seelenverderbliche 
und Geistzerrüttende, ja der göttliche Fluch, .der 
auf ihm liegt, und dessen Erbschaft noch sein Erbe mit an- 
tritt! — ** 

So ist nun zwar das christliche Verbot der Beichthums- 
anhäufung wohl eine ernsthafte Glaubensprobe, in der 
That aber, wie das Wort Gottes durch und durch, nur eine 
Gnadenerweisung, welche das klare Gesetz des 
Wohlseyn.s offenbart, das aufzufinden dem natürlichen 
Menschen sonderlich auch in dieser Beziehung wohl unmög- 
lich fallen würde. — 

Nächst dem kräftigen Entschlüsse, im Namen Jesu. 
Christi unsern Reichthum „Seinen geringsten Brüdern'^ zuzu- 
wenden, bleibt dann auch noch die Art und Weise sol- 
cher Verwendung unserer Güter oder ihres Ertrages zu 
Gunsten der Darbenden, sammt der gewissenhaften Beur- 
theilung wahrer Bedürftigkeit und Würdigkeit, selbst eine 
ernste Aufgabe und eben ein schweres anvertrautes Amt. Wie 
auch selbst im Gleichnisse das Verhältniss des Er- 
lasses bei dem einen Schuldner (mit 50 Tonnen Oel von 100) 



* Vergl. im Folg. Sirach Cap. 31. [34.] 

** Gute Gabe kommt wie ein Regen von oben herab (<Jac. 1, 17): 
das Land, worüber er strömt, ersättigt sich daran. Hält es aber 
mehr davon zurück als es braucht, lässt es den niedrigeren Gründen 
nichts davon zufliessen, so verwildert und versumpft der übersättigte 
Acker (s. ob. S. 386) ; - an der lechzenden andern Seite aber kann 
die schon dort so verderbliche Zurückhaltung der Fülle (und keineswegs 
nur bei dem unmittelbaren Kornwacher) zu einem Verbrechen werden, 
zwar nicht gegen das siebente Gebot (wie der Communismns sagt), 
um so gewisser aber gegen das fünfte Gebot, d. h. lum Morde werden. 



394 Das Wort Gottes über die Reichen. 

und bei dem andern (mit 20 Malter Weizen von 100) ein 
verschiedeneB (dort V«; ^i^r Vö) w*r: so erheben sich 
bei der gebotenen Nachfolge im Einzehien und immer wieder 
von neuem viele Fragen, wie überhaupt oder im be- 
Bondern Falle am besten der Wille Gottes an den Lei- 
denden zu erfüllen sey (ob z. B. in dauernder Pflanzung mil- 
der Stiftungen oder in vorübergehenden Aus- und Aufhülfen). 
Doch auch hierin wird Er, welcher diese welterhaltende 
Pflicht auferlegt, übrigens aber auch schon in den geheilig- 
ten Einrichtungen des Alten und des Neuen Bundes (z. B. 
Apostelg. 6, 1 fi: 1 Tim. 5, 3 flf. 1 Cor. 16, 1 fi: 2 Cor. 8, 1 ff.) 
lebendige Vorbilder gegeben und dabei weiche Gemüther 
auch vor dem Zuviel geschützt hat, wie oben und sogar bis zu 
dem festen Worte: „so jemand nicht will arbeiten, soll er 
auch nicht essen" (2 Thess. 3, 10), — Er wird es seinem 
willigen und wartenden Diener auf dessen Gebet in Um- 
ständen, Begegnungen und Eingebungen nicht an Winken 
und klaren Anzeigen, nicht an jener erleuchtenden Salbung 
und dem treffenden Tacte des gläubigen Christen (1 Joh. 2, 27. 
1 Thess. 4, 9. 2 Cor. 8, 12) fehlen lassen, wie er sein heili- 
ges Diaconen- oder Helferamt am Gottgefälligsten ausrichten 
und damit den verheissenen seligen Gnadenlohn am sicher- 
sten erlangen möge (1 Tim. 3, 13). Die grosse Aufgabe 
dabei, nämlich Alles in christlicher Einfalt zu thun, ist 
auch schon der Weg dahin: ,ygiebt jemand y so g^e er ein- 
fäUiglich!'' Rom. 12, 8 vgl. 2 Cor. 8, 2 ff. 9, 13. 

Das leichteste und lieblichste Loos, das uns fallen kann, 
ist und bleibt denn, nach allen Seiten erwogen, doch dieses : 
nicht Armuth, und auch nicht Reichthum! (Spr. 30, 8.) 
Müsste es aber eins von beiden seyn, nun so wähle nur 
tapfer und getrost die Armuth um des Herrn willen, die so 
grosse Verheissungen hat. Du würdest bald erfahren, 
was das heisse : „Einer macht sich reich und hat gar 
nichts y macht sich arm und ist vid Outf^ Spr. 13, 7. Denn 
es ist noch ein grosser Unterschied zwischen Reichthum und 
Sättigung, zwischen Armuth und Mangel. „Fürchtet Jehovahf 
ihr seine Heiligen, denn kein Mangel ist denen^ die Ihn fürch- 
ten l Junge Löwen darben und hungern; und die Jehovah sur 
chen, haben keinen Mangdan irgend einem Out^*^ Ps. 34, 10. 11< 



^ 



Das Wort Gottes über die Reichen. 396 

Welche Zusagen! Welche Ermuthigung und Stär- 
kung zu dem Entschlüsse ; dem ködernden ,;Mamon -der 
Ungerechtigkeit'^ Abschied zu geben ^ und sich allein auf 
Gott fest zu verlassen in der That, indem man nach dem 
Rath und Qebot des evangelischen Gleichnisses mittelst des 
Reichthums sich Freunde macht im Himmel und auf Erden. 

Wie zersorgen sich die Reichen dieser Welt, auf welche 
Weise sie ihr Geld und Gut am Gewinnbringendsten anle- 
gen! Und wie Unzählige von ihnen sind des gehofften Ge- 
winns und zugleich des eingelegten Grundstockes verlustig 
gegangen ! ^ Und dann nicht einmal Mitleid;i, nur Lächeln 
und Spott bei den Menschen, schweres Missfallen aber bei 
Gott, und ewige Ahndung! 

Wer seinen Reichthum dagegen bei den Armen Gottes 
anlegt und von diesen allezeit offenen Altären seine irdischen 
Güter als süsses Opfer und ewigen Schatz gen Himmel auf- 
steigen lässt,** der wird nie falsch rechnen: wahr- 
haft erleichtert geht er durch das Leben, und jenseit geniesst 
er unerschöpfliche Zinsen. Und nicht auch schon diesseit? 
Gewiss! An Leib und Leben, an Schätzung und Liebe!*** 



* „So wir das Leben schuldig sind den *Brüdem — fragt Clkm. 
(a. 0. p. 91 ff.)» — sollen wir noch das Weltliche, das armselige und 
fremdartige und verfliessende , wirthschaftlich zusammenhaltend vor 
einander verschliessen , was nach Kurzem haben wird das Feuer? ^* 
(^Vi Tri rov xoofiovy rä nrtoxa xal aXX6T^*a nal na^a^^dopTUy xad'eiio^ 
ftev ta^nev6fi6VOi^ a^XvjXfov anoHleiaofASv^ a fista fiiMQOv iSsi ro 7tv^\) 

** Vergl. PoLYGABF, Epist. ad Philipp. C. 4 von den Wittwen, 
dass sie sind „Opferaltäre Gottes" (^vai« arif^i« ^«ov), — eine offen- 
bare Fortsetzung jenes Bildes, dass „solche Opfer (des Wohlthuns 
und Mittheilens) Gott Wohlgefallen" (Hebr. 13, 16. Philipp. 4, 18). 

*•* S. oben. Wie weise redet hierüber schon ein apocryphisches 
Buch vor dem Lichte des Neuen Test., Jesus Sir ach Gap. 31 (34), 
z. B. V. 1. „Wachen nach Reichthum verzehret den Leib, und darum 
sorgen lässt nicht schlafen. ~ 5. Wer Geld lieb hat, bleibet nicht 
ohne Sünde. — 6. Viele kamen zu Unfall um des Geldes willen, und 
es entstand ihr Verderben vor ihren Augen. - 8. Wohl einem Rei- 
chen , der unsträflich erfunden ward und dem Gklde nicht nachging ! 
9. Wo ist der? so wollen wir ihn loben, denn er hat wunderbare 
Dinge gethan unter seinem Volke. 10. Wer ist bewährt hierin und 
vollendet? so soll er gerühmt seynl Wer konnte übertreten und 



396 Das Wort Gottes über die Reichen. 

Ja schon hienieden wird er schmecken Jesu eignes Wort: 
yjSelyerüt geben denn nehtnenl^' (Ap.-Gesch. 20, 35) — in der 
Gnade seines Herrn wird er stehen, und in der sichern Hoff- 
nung der Seligkeit bei Ihm Selber! — „Odet^ und gegeben 
wird euch werden! Ein Maass gut, gedrückt und gerütteU 
und ilber-ausfliesaend werden sie geben in euem Schaoes!^' 
Luc. 6, 38. 

Andererseits soll es als ein Fündlein der Weisheit un- 
serer Tage gelten, dass „Eigenthum Diebstahl'^ sey.* 
Im Munde der Gottlosen ist das, womit sie ja nicht die Verun- 
treuung eines göttlichen Fideicommisses und Lehngutes mei- 
nen, eine Teufelslehre, einer der „kräftigen Irrthümer'* der 
letzten Zeiten, ja schon angehörig der Erscheinung des 
Widerchrists, der da kommt „mÄ allerlei Betrug der 
Ungerechtigkeit für die so vet^hren werden, dafür dass sie die 
Liebe der Wahrheit nicht haben angenommen^ dass sie sdig wür- 
den: und darum sendet ihnen Gott IrrthumsmcuJu , damit sie 
glauben der Lüge, auf dass gerichtet wSrden AUe^ die nicht 
glaubten der Wahrheit, sondern Lust hatten an der Unge- 
rechtigkeä}' 2 Thess. 2, 10—12. 

Dagegen wird es im Munde der Gottseligen eine tiefe, 
eine göttliche Wahrheit seyn, dass Beichthum, den man 
nur für sich hat und mehrt, oder das anvertraute Pfund, 
das man im Schweisstuche behält (Luc. 19, 20fi^) oder 
prassend verzehrt, allerdings ein Diebstahl ist, an 
Gott und den Brüdern und an sich selbst began- 
gen, ein schnöder und schändlicher Lohns- und Treu- 
bruch gegen den Herrn, dessen Ahndung freilich aber auch 
keinem Menschen und nur Ihm Selbst zusteht, der da „her- 
abstiess Qewaltye von Thronen und erhöhte Niediige,^^ Luc. 1,52. 



übertrat nicht, und Böses thun und that es nicht? 11. Beständig 
werden seine Güter seyn und seine Almosen wird preisen 
die Gemeine.'^ -^ 

* Dagegen hatte man aber auch schon in früheren Zeiten, wie 
namentlich gegen die Gütergemeinschaft der Wiedertäufer, zu kämpfen. 
So H. BüLLiNGEB , „Von dem zytlichen Gut*i, wo z. B. S. 5 (vergl. ob. 
S. 389) Beziehung auf das 7. Gebot: „denn was könntest du einem 
stehlen, wo es alles gemein wäre?*^ oder S. 7 auf das Gebot des Al- 
mosengebens (1 Cor. 16. 2 Cor. a 1 Thess. 4, 10 E). 



# Da» Wort Gottei über dl« Beichea. 897 

Es ist aber f^chrecklich, zu fallen in Hände des lebendigen 
Gottes 1" Hebr. 10, 31. 

Darum o eilet, eure Beeitzthttmer, die zu yerfallen 
drohen, in ewige Währung, in einen Grundbesitz umzu- 
setzen, der über der Erde gewährleistet und im Reiche der 
Ewigkeit selber gelegen ist! — 

Erfüllten so die Reichen dieser Welt den WilTen Gottes, 
welcher ihnen klar vorgezeichnet ist, wie leicht würden sie 
den wachsenden giftigen Gelüsten zahlloser Armen Spitze 
und Wurzel abbrechen! Diesen wäre ja äusserlich und vie- 
len unter ihnen gewiss auch innerlich geholfen: Brodt und 
Liebe würde viele ganz ausgeleerte und verzweifelte Herzen 
wieder stärken und wärmen, — ffOüte und Treue einander 
begegnen f Oerecktigkeit und Friede sich küssen^'^ Ps. 85» 11. 

Das Reich Gottes, um dessen Kommen wir täglich im 
Vaterunser bitten, es wäre gekommen! 

Wehe aber dem, der sein Theil dazu beiträgt, das- 
selbe aufzuhalten und es nur immer ferner zu rücken ! Und 
das thun die Reichen, welche ihre Güter als ihr, und nicht 
als Gottes Eigenthum ansehen, das sie nur nach Seinem 
Willen verwalten sollen. 

Betrachten wir so einerseits das Wort Gottes vom Reich- 
thum und andererseits das augenfiiilige Thun und Treiben 
der Reichen dieser Welt, wie muss uns dann die blitzende 
Wahrheit einleuchten, es sey „leichter, dass ein Kamed durch 
ein Nadelöhr eingehe, als dass ein Reicher eingehe in das 
Himmelreich 1^* — 

Die irdischen Reiche werden aber endlich zerfallen, 
wenn die Reichen der Erde ihren Beruf nicht anders be- 
greifen und erfüllen als bisher und zumal jetzt, wo sie — dem 
über der ausgesogenen Welt erstehenden, furchtbar drohen- 
den Gebild der gewaltsamen Gütertheilung d. h. der Ver- 
wandlung persönlichen Besitzes in Gemeindebesitz und per- 
sönlicher Freiheit in Gemeindeknechtschaft (Communismus, 
Socialismus) gegenüber — zum Theil selbst schon eine 
weltliche Gütergenieinschaft unter sich errichten, 
hiermit aber nur jenes endliche Ineinanderwogen aller Habe 
vorbilden, vorbereiten und beschleunigen. 

Die hierdurch hereinbrechende Gütergemeinschaft wird 



398 ^a« Wort QottM fiber die Reichen.- 

freilich nach ihrer Entstehung nnd Geeinnnng, Art and Wirkung 
eine höllische seyn; — das graunhafte Afterbild jener 
heiligen Zeit ;;der ersten Liebe^^ (0&nh.2,4), wo „alle Gläubige 
UHunen bei einander und hatten Alle6 gememsamy und ihre Oüter 
und Habe verkauften und theüten es aue Aüen^je nach dem einer 
noth haiUf*^ (Ap.-6esch. 2,44 f.), — wo „der Memjge der Oläubig- 
gewordenen toar Ein Herz und Eine Sede, und auch nickt Einer 
van einem Stück seiner Habe sagtSy dass es sein wäre^ sondern 
es loar thnea Alles eusammen gemeinsam. * Und mit grosser Kraft 
gaben das Zeugniss die Apostel von der Auferstehung des Herrn 
Jesuy und grosse Onade war über sie edle. Denn auch kein 
Bedürftiger war unter ihnen : denn so viele nur immer Besitzet' 
von Gründen oder Häusern waren^ verkauften [s. ob. S. 389] 
und brachten die Erlöse des Verkauften und legten nieder 
zu den Füssen der Apostel: es ward aber vei-theHt einem 
jeglichen j je nach dem er noth hatte.^* (Ebend. 4, 32 — 35., 
wozu V. 36 f. ein Beleg der Bethätigung sowie C. 5, 1 ff. 
einmal versuchter, aber sofort schwer geahndeter theilweiser 
Hinterziehung, obschon nach V. 4 uneingeschränkte Frei- 
willigkeit herrschte.) 

Wohl haben die Ausbreitung der Gemeine und die ihr 
eingesäeten unächten Glieder die Fortdauer jenes paradie- 
sischen Zustandes unmöglich gemacht; für die wahren 
Jünger des Herrn aber ist diese Pflicht der gegenseiti- 
gen Mittheilung aus dem allezeit Einen Schatze und 
JSigenthum Gottes unverbrüchlich heilig geblieben. 
Wer sich ihr entzieht, entzieht sich dem Herrn, der ein- 
fachsten Schuldigkeit gegen Ihn und gegen die Brüder, der 
süssen Gemeinschaft mit und in Ihm, und der einstigen 
Herrlichkeit bei Ihm, — was nichts weniger ist als die Selig- 
keit hier und dort in Ewigkeit. — 



* BüLLisosB a. 0. S. 8 schliesst hieraus das grade Geg en- 
theil von Oommunismus : „Da sehen wir, dass die ersten Christen 
auch eigne Häuser, eigne Güter und andere eigne Habe besessen 
und gehabt haben; daneben haben sie*s aber also besessen, nicht 
als ob's ihr eigen, sondern als ob es auch Andern gemein wäre, dass 
also das Recht der Eigenschaft nichtsdestominder ihnen, den Be- 
sitzern, blieb" (vergL auch Ap -Gesch. 5, 4). 



Das Wort Gk>tte8 über die Reichen. 399 

So, und um keino Linie anderS; steht es um das Gegen- 
stück von ;; Armuth und CbriBtenthum^'; um^^Reichthumund 
Christenthum^^, dessen schneidender Sinn kein anderer 
ist; als: Gott oder Manlon! — Halbheit — in Furcht, Liebe 
und Vertrauen gegen Beide — ist unmöglich. Es gilt eben 
nur Gott oder MamonI Aufnahme in des Himmels ewige 
Hütten; oder Ausschliessung von ihnen ; — Himmel oder 
Holle! yfia wird aeyn dcca Weinen und das Knirechen der 
Zähne, wenn ihr sehen werdet Abraham und Isaac und Jacob 
und alle Propheten im Reiche Oottes, euch aber hinausgestossen t ^' 
Luc. 13, 28. 

Und als nun so der arme Lazarus in Abrahams Schoosse 
war, der reiche Mann aber „in der Hölle" und „in Qualen" 
um die geringste Kühlung vergebens flehte; da bat derselbe 
nur noch um eine ausserordentliche Sendung und Warnung 
an seine noch auf Erden lebenden fünf Brüder; damit nicht 
auch sie kämen an diesen Ort der Qual. Abraham aber 
sprach zu ihm: ,,8ie haben Mosen und die Propheten^ 
mögen sie dieselben hören 1 — Wenn sie Mosen und die Pro- 
pheten nicht hören, so werden sie auch nicht, ob einer von 
dm Todten auferstände, folgen /" (Luc. 16, 29 ff.) 

Und doch ist ;;Einer von den Todten auferstan- 
den", — welcher auch jenes alles Selbst bezeugt hat! ;,Der 
Eingeborene Sohn, der da ist in des Vaters SchoosS; Er hat 
es verkündigt" (Job. 1, 18); — in Wort und Werk; in- 
dem Er „um Euretwillen arm ward, da er reich uHxr, auf 
dass Ihr durch Seine Armuth reich toürdet,^' 2 Cor. 8, 9. 

Aber achl 'trotz aller jener Zeugen Gottes erfüllt es 
sich noch täglich vor unsern Augen: „sie werden auch nicht, 
ob einer von den Todten auferstünde, folgen 1^^ — 

,^Das Gericht ist unbarmherzig dem^ der nicht 
gethan hat Barmherzigkeit; es triumphirt aber 
Barmherzigkeit Aber Gericht^^ (Jac. 2, 13.) 



Zur Ergänzung nnd Dmckverbesserung. 

S. 14 Z. 21. Das 1 in n-)-|bin ist überh. quiesc. 1. Radical, nicht 
nur dem Hiph. eigen, vergl. n&3^ir (y. tfsf^) Glanz u. and. — 21, 13 
1. Parad. — 27*, 5 Vatabl. — 32, 1 D'lpT: — 45, 5 1^:^53 — 78, 33 
: st. (— 84***, 4 del.) — 86, 11 üeb. die „mit ihrer Wirbelsäule alle 
Verrichtungen von Armen und Beinen yollziehenden^* Schlangen als 
„eine gesunkene Ordnung der Reptilien*' und dadurch dem Men- 
schen noch femer stehend, wie auch fossil später, als die Eidechse 
(demnach so nicht erschaffen, sondern geworden) s. „Ausland" 1866, 15 
S. 344 f. — 121, 18 LA. (st. Q.) — 140*, 2 Num. 27, 16 — 143** 3 
D-^Ta-^n — 148, 15 yiydrratv — 155, 8 das G.; 31 selbstst. — 156, 21 
deutl.; * 2 'Elioi^S, — 158, 29 Geflügel — 163, 25 n^ltt)"^ — 166, 4 
n^k*» - 174, 8)* — 176, 24 Äwoar.— 195* 8 scr. fuüse . . . VarianUs-^ 196,25 
Reiche, Commentar. crit. in N. T. II, 367 sqq. — 197, 8 (4.-5. Jh. — 
198, 4 Lagt. 4, 25 mediator advenit i, e, Deus in came; 7 Scholz, 
Tittmamn-Hahn, Rinck, Bloomfield, A. b. Reiche 378 sq. — 202, 23 
In den von Reiche p. 384 dafür angef betr. St. (Marc. 4, 25. Job. 
3, 34. 1 Cor. 7, 37. Prov. 17, 9) ist /'c generell (wer) — 203, 15 f. 
yßtiXL . . ipaXjiiots — 211, 9 del. (— 216, 17 s. Act. 10, 40 ff. 13, 30 f. 

— 220, 4 1. dia — 222, 16 (2 Tb. . . 13) — 227, 1 idp-, 19 austönend . . . 
forttön. — 235*, 13 1. ovotHUiv — 246, 13 del. den — 249* 6 1. ^orit^ 

— 304, 29 Bluttheile — 308*, 3 del., - 346* A:'AfLßQ. — 359 letzt. Z. 
$i£iövTos — 356, 14 zur 



Druck von G. Kreysing in Leipzig. 



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